Vor die Füsse geknallt

Kinder können einen ja schon manchmal überrumpeln. Da sitzt du nichts Böses ahnend keuchend, schniefend und mit brummendem Schädel spätabends auf dem Sofa, als sie plötzlich angerannt kommen, völlig aufgedreht und überglücklich, weil sie zu später Stunde – sie haben noch Schulferien – in einem entlegenen Winkel des Estrichs gestöbert haben und dabei auf Relikte aus deiner Vergangenheit gestossen sind. Diese Relikte knallen sie jetzt kommentarlos vor dich hin, entschwinden kichernd in ihr kindliches Universum und lassen dich alleine …

…mit deinem Poesiealbum aus Kindertagen. Jawohl, so eines, in das man Bilder malte und sinnvolle Sprüche wie diesen hier schrieb: „Bist du heiter, trag es weiter. Drückt dich ein Stein, trag ihn allein. <3“ Das waren vielleicht noch Liebesbezeugungen damals!

…mit einem Kündigungsschreiben, das die Erinnerung an den Tag lebendig werden lässt, an dem du mit der neugeborenen Luise im Arm im Spital ans Telefon gerufen wurdest, wo man dir mitteilte, dass dein Job gestrichen wird.

…mit einem fünfseitigen, fiktiven, vor Bitterkeit triefenden Brief an die Schwiegermama, den du mal auf Geheiss einer Seelsorgerin verfasst hast, um wenigstens so zu tun, als könntest du der Frau, die deinen Mann geboren hat, all das, was dich verletzt hat, an den Kopf werfen.

…mit einem Foto einer Weiterbildungsgruppe, auf dem du genau zwei Personen erkennst: Dich selber und die komplett unbegabte Dozentin, die glaubte, sie könne andere Menschen darin unterrichten, wie man richtig unterrichtet.

…mit der Todesanzeige eines geliebten Menschen.

…mit dem Impfausweis, den du schon oft hättest vorweisen müssen, von dem du aber nicht mal gewusst hättest, wo du zu suchen anfangen müsstest, um ihn wieder zu finden. Der Impfausweis, der noch die Unterschrift des unfreundlichen Arztes trägt, zu dem du Gott sei Dank nur dann geschleppt wurdest, wenn wirklich keine Hausmittel mehr halfen und deine Mutter dein ewiges Gejammer allmählich satt hatte.

…mit einem zerknitterten Blatt Papier, auf dem du kurz nach der oben genannten Kündigung deine kurz- mittel- und langfristigen Ziele notiert hast. Ziele, für die du heute nur noch ein müdes Lächeln übrig hast.

…mit Karten von lieben Menschen, die dir überschwänglich für gute Taten danken, an die du nicht die leiseste Erinnerung hast.

… mit einem Kalligraphie-Bild, das schon längst seinen Rahmen verloren hat, aber immer noch in wunderbaren Worten eine Freundschaft besingt, die aufgrund der Distanz leider schon längst erloschen ist.

… mit einem Quartalsplan aus dem Kirchenvorstand, dem du vor Jahren, als du eigentlich keine Zeit für solche Dinge gehabt hättest, einmal angehört hast. Ein Papier, das in dir noch einmal die Frage aufkommen lässt, warum du dort mitgemacht hast, wo es doch so vieles gab, hinter dem du nicht stehen konntest.

… mit einer auf Aluminium aufgezogenen Fotografie aus Teenagertagen, die eines deiner Geschwister nur darum hatte vergrössern lassen, weil er oder sie wusste, dass du deswegen an die Decke gehen würdest.

…mit ein paar Liebesbriefen von „Deinem“, einer davon noch mit „Fräulein“ adressiert.

…mit einem Couvert voller Bea-Punkte, auf die du damals, als du noch viele Spielsachen kaufen musstest, ganz wild warst, die eine ehemalige Arbeitskollegin dir aber offenbar erst dann hat zukommen lassen, als du schon mehr als genug davon hattest. (Der Vorrat, den du dir damals angelegt hast, ist bis heute nicht aufgebraucht.)

Tja, und dann sitzt du also da, möchtest eigentlich nichts weiter tun, als deine Grippe zu hätscheln. Stattdessen drehst und wendest du die Erinnerungen, die sie dir vor die Füsse geknallt haben und fragst dich, ob die Zeit schon reif ist, sie zu glorifizieren, oder ob du sie noch eine Weile in den Estrich zurück verbannen sollst, wo sie unbeobachtet heranreifen können.

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Dieser Valentin…

Nein, ich mag ihn wirklich nicht, diesen Valentin. Ich finde ihn geradezu grausam. Man braucht sich nur mal anzusehen, was diejenigen, die niemanden haben, der sie beschenken möchte, an diesem Tag auf Facebook posten. Verzweifelte Ironie, hilflose Versuche, doch noch von irgendwo ein „Ich mag dich, du bist ein ganz besonderer Mensch“ zu erheischen, manchmal auch schlecht kaschierter Neid, wenn eine, die von ihrem Liebsten keinerlei Zeichen der Zuneigung erwartet hätte, doch noch überrascht worden ist und dies nun aller Welt zeigen möchte. Ein Tag, an dem sich die Einsamen noch einsamer fühlen als sonst. 

Na ja, könnte man einwenden, das ist zwar hart für jene, die alleine sind, aber für die anderen, die glücklich sind und beschenkt werden, ist es doch schön, einen sichtbaren Beweis der Liebe zu bekommen. Nichts gegen sichtbare Liebesbeweise, aber bitte nicht dann, wenn der Kalender – und der Blumenhändler – sie befiehlt, sondern dann, wenn einem das Herz übergeht vor lauter Dankbarkeit, dass man einen lieben Menschen hat, der mit einem das Leben teilt. Von mir aus darf das auch am 14. Februar sein, noch lieber aber einfach immer dann, wenn man sich seines überaus grossen Glücks bewusst wird.

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Gummitwist & Co.

Ein Bild von einem Steckspiel, Gummitwist, Fadenspiele, „Himmel und Hölle“, „Schiffe versenken“, Geduldsspiele oder sonst irgend etwas pädagogisch Wertvolles, womit wir uns als Kinder die Zeit vertrieben haben. Dazu die Aufforderung: „Drück ‚Gefällt mir‘, wenn du es noch kennst.“ Auf Facebook wimmelt es von solchen Bildern. Ganz ähnlich funktioniert es mit unseren Helden aus Kindertagen. Wir sollen mit unseren Likes aller Welt zeigen, dass wir nicht vergessen haben, wie toll sie alle waren, Michel aus Lönneberga, Pipi Langstrumpf, das Sams, TKKG und wie sie auch heissen mögen. Die Botschaft ist klar: Wir hatten damals noch eine richtige Kindheit mit allem, was dazugehört. Die heutigen Kinder hingegen werden mit dem ganzen iSchrott davon abgehalten, ein lebenswertes Leben zu leben. Erinnerungen, wie wir sie in Ehren halten, wird die Generation, die heute am Start steht, nicht mehr haben. Eine hübsche kleine Moralkeule, eingehüllt in eine dicke Watteschicht von Nostalgie.

Wer das teilt, hat das Gefühl, er wisse eben noch, wie eine Kindheit sein sollte. Beweisen tut er aber eigentlich, dass er nur noch in Erinnerungen schwelgt, den Kontakt zur real existierenden Kindern scheint er verloren zu haben. Er glaubt allen Ernstes, heute sei alles ganz anders und natürlich schlechter. Okay, ich geb’s ja zu, da sind ein paar technische Neuerungen hinzugekommen, aber wenn ich mich so umsehe in den Kinderzimmern, auf den Pausenhöfen und in den Bibliotheken, dann begegne ich all den Dingen, die uns damals schon glücklich gemacht haben. Gut, Gummitwist scheint leider tatsächlich in Vergessenheit geraten zu sein, aber die meisten Kinder in meinem Umfeld – und das sind nicht wenige – wissen sehr wohl, wie man mit kleinen Plastiksteckern ein schönes Bild steckt,  manche schaffen den Rubik’s Cube fast mit geschlossenen Augen, „Himmel und Hölle“ hüpfen sie noch mit der gleichen Leidenschaft wie eh und je und „Michel in der Suppenschüssel“ kennen sie in- und auswendig.

Vielleicht sollten Erwachsene etwas weniger oft mit verklärtem Blick auf nostalgische Bilder in ihrer Facebook-Timeline starren und sich stattdessen von einem Kind in ein Fadenspiel verwickeln lassen.

Und wenn das Fadenspiel zu Ende ist, könnten sie das Kind in die hohe Kunst des Gummitwist einführen. Ist doch wirklich eine Schande, dass das heutzutage keiner mehr spielt. 

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„Meiner“ wird das nie verstehen

Da kommst du nach einem langen Arbeitstag nach Hause und nichts ist, wie es gewesen war, als du am Morgen das Haus verlassen hattest. Das Wohnzimmer leer, der Fernseher im Flur, der Esstisch fast im Erker und dort, wo der Esstisch gewöhnlich steht, das Sofa, völlig quer in der Landschaft, umgeben von einigen Kleinmöbeln, über die du klettern müsstest, um dir eine Banane aus der Obstschale zu angeln. Dazu dieser alles durchdringende Geruch von Möbelpolitur, der deinen von den langen Stunden am Computer bereits benebelten Kopf noch ein wenig nebliger werden lässt. Und in diesem Zustand solltest du auch noch in der Lage sein, mit „Deinem“ darüber zu diskutieren, wo das Sofa hinkommen soll, nachdem der Fussboden die penetrant stinkende Politur in sich aufgesogen hat.

„Meiner“ wird nie verstehen, wie sehr mich ein solches freiwillig herbeigeführtes Chaos überfordert, denn er wird es nie erleben, dass ich mir ein derartiges Projekt aufhalse, wenn ich den ganzen Tag mit der Horde alleine bin. Mir reicht es ja vollauf, mit meinen beiden viel zu kleinen Händen den viel zu überladenen Alltag im Griff zu behalten.

Und wenn ihr das Geheimnis brav für euch behaltet, wird er auch nie erfahren, wie sehr ich ihn insgeheim für seinen Mut bewundere.

Ihr solltet ihm das wirklich nicht verraten, sonst wird er übermütig und dann sieht es nächstes Mal, wenn ich den ganzen Tag auswärts arbeite, noch viel schlimmer aus, wenn ich nach Hause komme.

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Sinnvolle Ferienbeschäftigung

Heute wieder mal so ein unsinniger Termin: Trotz Schulferien früh aus dem Bett, den Zoowärter bei Grossmama, wo er übernachtet hat, abholen, schnell schnell alles bereit machen und ab zur Abklärung. Die Schrift sei ganz fürchterlich, haben Lehrerin und Heilpädagogin gemeint. So schlimm sei die nun auch wieder nicht, wenn man bedenke, dass der Zoowärter erstens Linkshänder und zweitens Sohn einer Linkshänderin sei, die in seinem Alter nicht schöner geschrieben hätte, finden „Meiner“ und ich. Ausserdem sei die Schnüerlischrift ja ohnehin ein Auslaufmodell. Aber man möchte ja als Eltern nicht unnötig starrsinnig sein und karrt das Kind eben zur Abklärung.

Siebzig Minuten lang wird gespielt, gefragt, geschrieben, abgezeichnet, gebaut, Zeit gemessen und was sonst noch so alles dazu gehört, dann der Befund: So schlimm ist das nun auch wieder nicht mit dieser Schrift, vor allem, wenn man bedenkt, dass der Zoowärter erstens Linkshänder und zweitens Sohn einer Linkshänderin ist, die in seinem Alter auch nicht schöner geschrieben hat. Eine Therapie ist nicht nötig, Lehrerin und Heilpädagogin sollen sich ein wenig entspannen, die Schnüerlischrift ist ja ohnehin ein Auslaufmodell, also soll man den Zoowärter nicht unnötig damit belasten. Man soll die Therapieplätze für die Kinder freihalten, die sowas auch wirklich nötig haben. Wunderbare Einigkeit zwischen Mutter und Therapeutin, die beide schon oft erlebt haben, dass es am hilfreichsten ist, dem Kind einfach Zeit zu lassen. 

Nach neunzig Minuten wieder nach Hause. Ich mit einem leisen Groll, weil man dem Zoowärter mit der ewigen Kritik an seiner Schrift die Freude am Schreiben genommen hat, er mit einem leisen Groll, weil er kein Fall für die Therapeutin ist. Dabei hatte er sich doch so sehr auf die tollen Sachen gefreut, die er dort hätte machen dürfen. 

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Kommt drauf an, wen man fragt

Nehmen wir mal an, ich stünde am Esstisch, hätte die Hände im klebrigen Brotteig und bräuchte dringend Mehl. Je nachdem, welches Familienmitglied gerade in der Nähe wäre, würde meine Bitte nach Mehl auf ganz unterschiedliche Weise aufgenommen.

Karlsson

Ich: „Karlsson, reichst du mir bitte ein Schüsselchen von dem Mehl aus dem grossen Sack? Meine Hände kleben fest.“

Karlsson: „Ich muss erst noch dieses Menuett fertig spielen.“

Ich: „Ich brauche aber dringend Mehl. Kannst du nicht kurz unterbrechen?“

Karlsson: „Okaaaaaay…“ (Schlurft widerwillig in die Küche, tut, wie ich ihn gebeten habe und geht zurück aus Klavier.)

Luise

Ich: „Luise, reichst du mir bitte ein Schüsselchen von dem Mehl aus dem grossen Sack? Meine Hände kleben fest.“

Luise: „Warum immer ich?“

Ich: „Na ja, du bist gerade zufällig in der Nähe und ich brauche Mehl.“

Luise: „Warum fragst du nicht Karlsson oder den Zoowärter?“

Ich: „Weil die jetzt gerade nicht da sind und ich brauche dringend Mehl.“

Luise: „Immer muss ich! Nie fragst du die anderen! Warum muss immer ich alles machen?“

Ich: „Himmel, ich verlange ja nicht die Welt von dir. Nur ein Schälchen voll Mehl. Du isst ja auch von dem Brot.“

Luise: „Ich esse fast nie Brot.“

Sie macht sich schnaubend am Mehsack zu schaffen und reicht mir widerwillig das Mehl. Vermutlich wird es keine zwanzig Minuten dauern, bis sie sich unaufgefordert bei mir entschuldigen kommt. Und mit ziemlicher Sicherheit wird sie die Erste sein, die sich eine Scheibe Brot abschneidet, wenn es aus dem Ofen kommt.

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Ich: „FeuerwehrRitterRömerPirat, reichst du mir bitte ein Schüsselchen von dem Mehl aus dem grossen Sack? Meine Hände kleben fest.“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Kleben sie an der Decke oder an der Schüssel?“

Ich: „Am Teig.“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Warum kleben sie nicht am Mehl?“

Ich: „Weil Mehl nicht klebt.“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Aber Teig ist auch aus Mehl. Warum klebt der dann?“

Ich: „Weil im Teig Wasser ist und dadurch der Weizenkleber… Ach, komm schon, ich erkläre dir das später. Ich brauche jetzt wirklich dringend Mehl. Das Zeug wird schwer in meinen Händen.“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Warum wird es denn schwer? Mehl ist doch federleicht.“

Ich: „Ja, Mehl alleine schon, aber…“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Aber der Mehlsack ist doch schwer. Warum sagst du dann, Mehl sei federleicht?“

Ich: „Da sind ja auch 25 Kilo drin. Und du hast gesagt, Mehl sei federleicht, nicht ich. Aber reich mir jetzt bitte ein wenig von dem Mehl.“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Den ganzen Sack oder nur ein einzelnes Mehlstäubchen?“

Ich: „Ein Schüsselchen voll, aber bitte schnell! Mir fault die Hand ab?“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Warum ist deine Hand nicht schwarz, wenn sie abgefault ist?“

Ich: „M-E-H-L, aber bitte sofort.“

FeuerwehrRitterRömerPirat macht sich endlich am Mehlsack zu schaffen und denkt derweilen laut über die Frage nach, warum Mehl nicht in der Küche herumfliegt, wo es doch so leicht ist.

Zoowärter

Ich: „Zoowärter, reichst du mir bitte ein Schüsselchen von dem Mehl aus dem grossen Sack? Meine Hände kleben fest.“

Zoowärter: „Ja, Mama.“ Ich höre, wie es im Küchenbüffet rumort. Nach einer halben Ewigkeit….

Zoowärter: „Sooooo, jetzt brauche ich nur noch….“ Wieder Rumoren, diesmal im Behälter mit den Küchenutensilien, dann nach einer weiteren Ewigkeit…

Zoowärter: „Sooooo, dann wollen wir mal….“

Ich: „Zoowärter, ich brauche jetzt wirklich dringend Mehl. Geht’s?“

Zoowärter: „Ja, Mama.“

Es passiert lange nichts, nur das Rascheln des Mehlsacks ist zu hören. Dann…

Zoowärter: „Ich glaube, ich muss das anders machen….“

Ich: „Zoowärter! Ich brauche Mehl!“

Zoowärter: „Ja, Mama. Ich bin gleich soweit. Ich muss nur eine andere Schüssel finden.“

Mir schwant Böses, also begebe ich mich mit dem ganzen Teig an den Händen vom Esszimmer, wo ich knete, in die Küche, wo er hantiert. Der Fussboden ist voller Mehl, eine Schöpfkelle liegt neben dem Mehlsack, der Zoowärter hält eine riesige Schüssel mit mindestens drei Kilo Mehl in den Händen und strahlt mich an. Ich seufze.

Ich: „Eine kleinere Schüssel hätte auch gereicht, aber danke.“

Zoowärter: „Gern geschehen, Mama.“

Prinzchen

Ich: „Prinzchen, reichst du mir bitte ein Schüsselchen von dem Mehl aus dem grossen Sack? Meine Hände kleben fest.“

Prinzchen: „Ja, sofort. Und darf ich nachher gleich noch die Hefe in den Teig geben?“

Ich: „Das habe ich leider schon gemacht.“

Prinzchen (Zieht eine Schnute): „Aber das Salz darf ich schon noch zufügen?“

Ich: „Das habe ich leider auch schon gemacht. Aber das Mehl darfst du mir reichen.“

Prinzchens Gesicht wird länger. Er schaut mir dabei zu, wie ich mit dem klebrigen Teig ringe.

Ich: „Kannst du mir jetzt bitte Mehl holen?“

Prinzchen: „Von mir aus. Aber nachher backen wir noch Guetzli. Ich will nicht immer nur Mehl holen, ich will auch etwas Richtiges machen.“

„Meiner“

Ich: „‚Meiner‘, reichst du mir bitte ein Schüsselchen von dem Mehl aus dem grossen Sack? Meine Hände kleben fest.“

„Meiner“: „Einen Moment. Ich muss nur noch schnell den Abfallsack zuschnüren und die Hände waschen.“

Er erledigt, was er gesagt hat und kommt ins Esszimmer, wo ich mit dem Teig kämpfe.

„Meiner“: „Wahnsinn, das sieht genial aus. Lass mich nur schnell ein Foto machen. Das wird der Hammer.“

Bevor ich etwas sagen kann, ist er wieder weg, um die Kamera zu holen.

„Meiner“: „Stell dich mal so hin. Nein, etwas mehr Richtung Fenster. Und den Teig etwas höher. Ja, genau so…“

Ich: „Himmel, das Zeug ist schwer. Kannst du mir jetzt bitte das Mehl holen?“

„Meiner“ knipst ungerührt weiter.

„Meiner“: „Gleich. Nur noch ein paar Bilder. Etwas mehr nach links, wenn es geht. Nein, halt, nicht so weit. Noch etwas nach rechts…“

Ich: „Ich brauche Mehl! Jetzt gleich! Meine Hände fallen mir sonst ab…“

„Meiner“: „Gleich. Nur noch dieses eine Bild. Nein, lass den Teig nicht zurück in die Schüssel fallen! Du ruinierst das Bild! Wohin gehst du denn jetzt?“

Ich: „In die Küche. Ich brauche Mehl. Aber zuerst muss ich mir die Hände waschen. Sonst ist nachher alles verklebt.“

„Meiner“: „Ich hätte dir das Mehl doch gleich gebracht. Immer bist du so ungeduldig…“

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Unvernünftige Natur

Der Gartenkalender sagt ja, man solle sich im Februar allmählich Gedanken machen, was man in der herannahenden Gartensaison wo zu pflanzen gedenke und frisches Saatgut nachbestellen. Die Natur hingegen sagt dieses Jahr, sie wolle jetzt endlich loslegen, lange möge sie nicht mehr zuwarten mit dem Grünen und Blühen. Sie will die Gartenschere an den toten Zweigen spüren, ehe sich die Blüten öffnen, will von den schweren Deckästen befreit werden, weil die darunter verborgenen Blumen sonst ihre Schönheit nicht zeigen können und sie tut gar so, als wäre sie bereit, die zarten Setzlinge, die kein kaltes Lüftlein ertragen mögen, in ihrem Boden aufzunehmen.

Unvernünftige Natur! Weiss die nicht, dass es noch bis spät im Frühling Schnee geben kann? Und Frost? Und Stürme? Kann die sich nicht einfach an den Gartenkalender halten?

Dann müsste ich mich nämlich nicht wie der letzte Idiot fühlen, wenn ich bereits jetzt in der Erde buddle, als hätten wir Mitte April.

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Die hohe Kunst des Rumzickens

Von Farben habe ich ja nicht die geringste Ahnung. Okay, ich weiss, was schön ist – bunt, knallbunt und geblümt -, aber wie man es zustande bringt, dass das alles miteinander gut aussieht, soll man mich bitte bloss nicht fragen. Darum wurde ich heute leicht zickig, als „Meiner“ mich andauernd ins Wohnzimmer rief, um von mir zu erfahren, welche Farbe das Salontischchen bekommen sollte. Dunkelblau? Petrol? Hellgrün? Pink? Tannengrün? Himmel, was weiss ich denn schon? Hauptsache, das Tischchen passt zum Türkis, mit dem er gestern die Wände gestrichen hat. Und Hauptsache, es wird weder Dunkelblau noch Petrol noch Tannengrün, denn das finde ich hässlich. Also stänkere ich rum, sage ihm, er soll mich gefälligst mit der Farbwahl in Ruhe lassen und treibe ihn einerseits in den Wahnsinn, andererseits dazu, den perfekten Farbton ausfindig zu machen. Und siehe da, zwei Stunden später ist das Werk vollbracht, das Tischchen passt perfekt und er meint: „Gut, dass du so kompliziert warst. Ich glaube, sonst hätte ich die falsche Farbe genommen.“ 

Tja, ich mag wohl eine Niete in Sachen Farbkunst sein, dafür aber beherrsche ich die Kunst des Rumzickens und das scheint nicht nur schlecht zu sein. 

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Begegnung mit einem früheren Ich

Neulich beim Aufräumen traf ich zufällig eines meiner früheren Ich. Nicht eines von ganz früher, so ein unbeschwertes Ding, frei von jeglicher Verpflichtung, sondern ein abgekämpftes mit tiefschwarzen Augenringen. Natürlich kamen wir sogleich miteinander ins Gespräch:

Früheres Ich (FI): Wie siehst du denn aus?

Ich (I): Wie soll ich schon aussehen? So wie eine fünffache Mutter, die zu wenig schläft, zu wenig für ihre Figur tut und kaum einen Moment zur Ruhe kommt, halt aussieht.

FI: Du schläfst zu wenig? Das ich nicht lache! Jetzt, wo die Kinder alle gross sind, gibt es doch keine durchwachten Nächte mehr.

I: Du hast ja keine Ahnung. Luise schläft so schlecht wie eh und je…

FI (unterbricht mich): Das glaube ich dir nicht. So schlecht, wie damals, als ich mit dem Zoowärter schwanger war und auf dem Zahnfleisch ging, kann es nie und nimmer sein.

I: Noch einmal: Du hast ja keine Ahnung. Mag ja sein, dass sie nachts nicht mehr ganz so lange wach ist wie damals, aber in meinem Alter steckt man das auch nicht mehr so leicht weg, wenn das Kind regelmässig mitten in der Nacht neben dem Bett steht und über Schlaflosigkeit klagt. Du warst damals ja noch blutjung und unverbraucht.

FI: Unverbraucht? So fühlte ich mich aber ganz und gar nicht.

I: Ich hab neulich Bilder gesehen. Du sahst eindeutig besser aus als ich.

FI: Finde ich auch und ich frage mich, was du falsch machst. Ich meine, du hast ja jetzt jeden Vormittag ganz für dich alleine, kannst tun und lassen, was du willst, die Kinder sind eigenständig und du kannst mit „Deinem“ in den Ausgang, so oft du Lust hast.

I (mit einem zynischen Lachen): Ich weiss ja gar nicht, bei welchem Punkt ich anfangen soll, dich zu korrigieren…“

FI (erstaunt): Warum willst du mich korrigieren? Genau so habe ich mir die Zukunft in meinen süssesten Träumen vorgestellt. Du willst mir jetzt nicht etwa sagen, es sei anders gekommen?

I (seufzend): Tja, ich muss dir leider sagen, dass du die Zukunft etwas gar zu rosig ausgemalt hast. Das mit den freien Vormittagen zum Beispiel ist bei Weitem nicht so toll, wie du immer gedacht hast. An guten Tagen hast du die ganzen vier Stunden, um ungestört deinem Broterwerb nachzugehen, an komplizierten Tagen versuchst du, kranke Kinder, Haushalt und Job irgendwie parallel laufen zu lassen und an schlechten Tagen rennen ein kranker Lehrer, eine kaputte Waschmaschine, ein zu lange dauernder Arzttermin und eine verschobene Trompetenstunde alle deine Pläne über den Haufen…

FI: Das klingt ja ganz ähnlich wie bei mir damals…

I: So ist es auch, mit dem Unterschied, dass ich den Kindern jetzt erklären kann, weshalb ich explodiert bin. Du musstest ja jeweils damit klarkommen, dass sie dich mit traurigen Augen verständnislos ansahen, wenn du wie eine Furie durchs Haus gewetzt bist.

FI: Das war tatsächlich schlimm. Aber sag mal, mit „Deinem“ ist es jetzt bestimmt schon wieder fast wie vor meiner Zeit, als noch keine Kinder da waren.

I: Schon mal davon gehört, dass Teenager nicht um acht Uhr ins Bett gehen? Und von Hausaufgaben, die nach dem Abendessen erledigt sein wollen? Und von Prüfungsängsten, die sich immer dann bemerkbar machen, wenn die Eltern es sich mit einem Tässchen Tee gemütlich gemacht haben?

FI: Sooo schlimm wird das auch wieder nicht sein. Und ihr könnt ja jetzt auch so problemlos in den Ausgang gehen. Karlsson schmeisst den Laden doch bestimmt schon ganz alleine.

I: Karlsson macht das tatsächlich ganz gut, aber der Junge hat ja inzwischen auch seine eigenen Termine. Der ist nicht einfach auf Abruf verfügbar.

FI: Ach so, daran habe ich damals nicht gedacht. Aber im Sommer gehen sie jetzt doch bestimmt schon alle gleichzeitig ins Jungscharlager und ihr habt eine ganze Woche für euch.

I: Okay, wo soll ich anfangen? Bei Karlsson, der Luxus liebt und schlammige Zeltplätze verabscheut? Bei Luise, die sich jetzt auch schon zu erwachsen fühlt für die Jungschar? Beim Prinzchen, der erst übernächstes Jahr gross genug ist, um mit ins Lager zu fahren? Wo auch immer ich anfange, das Resultat bleibt das gleiche: Die Sache mit der freien Woche, weil alle gleichzeitig im Lager sind, war ein Luftschloss, das sich aufzulösen begann, bevor der Jüngste aus den Windeln war. Du hättest also ahnen können, dass es so kommt.

FI (betrübt): Dann ist also nichts so geworden, wie ich es mir erträumt habe…

I (tätschle ihr tröstend die Hand): Na ja, zumindest einer deiner Träume ist in Erfüllung gegangen. Ich kann jetzt wieder ganze Nächte lang dicke Schmöker lesen. Auf die eine schlaflose Nacht mehr oder weniger kommt es nach all den Jahren auch nicht mehr an.

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Wie soll man da demokratisch entscheiden?

Man empfiehlt ja uns Familien, wir sollten unsere Kinder in die Planung der gemeinsamen Ferien einbeziehen. Ein runder Tisch, an dem man beschliesst, wohin es gehen soll, wie lange man bleibt und wie man sich die freien Tage um die Ohren schlagen will. Eigentlich eine gute Idee, nur hat mir bis jetzt noch keiner sagen können, wie man mit sieben Sturköpfen einen Familienurlaub plant, wenn jeder ganz genau weiss, was er will und noch genauer, was er nicht will. 

Okay, die Frage, wohin es gehen soll, ist noch relativ einfach zu klären. Sechs von sieben wollen nach England oder Schweden, einige könnten sich auch noch mit Malta anfreunden und einer glaubt allen Ernstes noch immer daran, Mama und Papa hätten die nötigen Mittel und Nerven, um mit der ganzen Horde nach New York City zu fliegen. Da dies nicht der Fall ist und Gott sei Dank keiner das Bedürfnis bekundet, sich irgendwo an einem Strand im Süden braun rösten zu lassen, schauen wir mal, ob wir irgendwo in England oder Schweden unterkommen könnten und damit fangen die Probleme an.

Karlsson möchte ein Haus mit Antiquitäten, wenn möglich mit Klavier oder Cembalo, damit er während der Ferien nicht aufs Musizieren verzichten muss.

Luise hasst Antiquitäten, will auf gar keinen Fall auf WLAN verzichten und bevorzugt einen romantisch-verspielten, skandinavisch angehauchten Einrichtungsstil, ein Stil also, der Karlsson ganz und gar nicht zusagt. Ach ja, Meer fände Luise auch nicht schlecht. 

Dem FeuerwehrRitterRömerPiraten ist das Haus eigentlich egal. Hauptsache, er kann sich irgendwo ein neues Holzschwert oder einen Pfeilbogen kaufen. Am liebsten in Astrid Lindgrens Värld, wodurch natürlich England als Ferienziel für ihn aus dem Rennen ist.

Auch dem Zoowärter ist das Haus egal, solange es in New York City steht. Unsere Erklärungen, warum das von uns gewählte Haus ganz bestimmt nicht in New York City stehen wird, überhört er geflissentlich, denn dann liessen sich ja seine Träume nicht zu Ende träumen.

Dem Prinzen ist das Haus eigentlich auch egal. Es sollte einfach nahe genug bei Astrid Lindgrens Värld stehen, womit auch für ihn England seinen Reiz verloren hat. 

Unter dem Strich steht also England eher schlecht da, weshalb „Meiner“ und ich uns bei der Ferienhaussuche auf Schweden konzentrieren. Das heisst, ich konzentriere mich und er stellt derweilen im Kopf  ein paar Sonderangebote zusammen, die in seiner Fantasie unglaublich toll aussehen, auf der Homepage des Ferienanbieters aber leider nicht existieren. 

Irgendwann präsentiere ich voller Stolz meine Shortlist, sorgfältig auf die unterschiedlichen Wünsche aller Familienmitglieder abgestimmt und doch so, dass ich mir vorstellen könnte, an den Orten zu nächtigen, ohne andauernd asthmatisch zu keuchen. „Meiner“ schaut die Liste an und stänkert. Zu wenig nah am Wasser. Zu wenig Distanz zu den Nachbarn. Zu wenig kompatibel mit den Preisvorstellungen, an denen er in seiner Fantasie noch immer festhält, obschon ich ihm gesagt habe, dass sie in keinerlei Verbindung zur Realität stehen. 

Während „Meiner“ und ich also über die Häuser, die ich für geeignet halte, debattieren, wirft Karlsson ein, wir sollten uns doch nicht so viele Gedanken machen, das Haus mit dem schönen, schwarzen Konzertflügel sei doch perfekt, Luise stänkert, dorthin komme sie auf gar keinen Fall mit, „Meiner“ sucht nach einem Kompromissvorschlag und mich überkommen Zweifel, ob wir nicht besser etwas weniger weit nördlich gingen, in Südschweden sei es ja auch schön aber bedeutend näher. Also noch einmal eine Shortlist, noch einmal debattieren, ein paar neue Wünsche, wieder Shortlist, zusätzliche Wünsche, eine weitere Debatte…

Bis uns irgendwann der Kragen platzt und „Meiner“ und ich vollkommen undemokratisch einen Entscheid fällen, dem sich die minderjährigen Familienmitglieder einfach unterwerfen müssen. 

Natürlich vermisst Karlsson bei unserer Wahl den Konzertflügel, Luise findet die Einrichtung nicht ganz so romantisch-verspielt wie sie es gerne hätte, der FeuerwehrRitterRömerPirat und das Prinzchen fürchten, der Weg zu Astrid Lindgren sei zu weit. Einzig der Zoowärter ist rundum glücklich. Der träumt nämlich noch immer von New York City und hat noch gar nicht mitgekriegt, dass wir gebucht haben. 

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