Wasser predigen und Adventssäcklein füllen

Das ist wohl wiedermal typisch: Da schreibe ich mir tagsüber beim Versuch, uns Eltern in Sachen Weihnachtsgeschenke ein wenig Vernunft einzureden, beinahe die Finger wund und am Abend fülle ich Adventssäcklein nach Adventssäcklein nach Adventssäcklein nach Adventssäcklein…. bis mir vor lauter Adventssäcklein der Schädel brummt. 

Damit ich mir beim Blick in den Spiegel noch in die Augen schauen kann, sage ich mir jetzt einfach, ich müsse eben die anderen Eltern davor warnen, so zu werden wie ich.

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Das habe ich jetzt davon…

Was, um Himmels Willen hat mich diesmal wieder geritten? Ganz banale, fantasielose Adventskalender hätten sie gewollt. Lego, Playmobil und dergleichen. Ich hätte nichts weiter tun müssen, als in den Laden zu marschieren, ins Regal zu greifen und an der Kasse das Portemonnaie zu zücken.

Aber natürlich war da wieder die leise Stimme in mir, die aufbegehrte. „Du willst sie doch nicht etwa mit diesem ganzen Kram abspeisen?“, flüsterte sie mir zu. „Deine Kinder sind zauberhafte Individuen, sie haben mehr verdient als einen lieblos in einer anonymen Fabrik zusammengestellten Adventskalender.“

Also begann ich, auf die Knöpfe einzureden.“Was wollt ihr mit diesem Mist?“, fragte ich. „Wäre es nicht viel aufregender, wenn ich für jeden von euch etwas Schönes zusammenstelle? Etwas, das ihr euch wirklich wünscht und nicht etwas, was die grossen Firmen euch aufschwatzen wollen?“ 

Natürlich ist es viel aufregender. Ich darf mir jetzt tagelang den Kopf zerbrechen, wie ich einen Chemiekasten so aufteile, dass das arme Prinzchen nicht drei Tage hintereinander eine langweilige Pipette aus seinem Kalender zaubert. Oder wie ich dem Zoowärter von Anfang an verständlich mache, dass es sich bei seinem Inhalt um ein Kartenspiel handelt, damit er nicht auf die Idee kommt, das Zeug auf der schulischen Pokémon-Börse zu verhökern, ehe er das ganze Set beisammen hat. Oder wie ich den Zauberkasten des FeuerwehrRitterRömerPiraten aufteilen muss, damit unser Sohn schon am dritten Tag mit den ersten Tricks loslegen kann. Oder wie ich… Aber halt, ich darf nicht mehr verraten, denn Karlsson und Luise lesen hier gelegentlich mit. Ihr könnt euch ja denken, dass es auch bei ihren Kalendern die eine oder andere Klippe zu umschiffen gibt. 

Na ja, immerhin brauche ich mir keine Gedanken zu machen, ob der Lego-Kalender, den dieses Jahr alle Kinder haben wollen, bereits ausverkauft ist…

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Batterien aufladen

Ich: „Ich brauche ganz dringend Ferien…“

Glucke: „Ferien? Spinnst du? Du kannst doch deine Kinder jetzt nicht im Stich lassen.“

Ich: „Ich lasse sie doch nicht im Stich. Ich brauche nur mal ein paar Tage Ruhe nach diesem anstrengenden Jahr.“

Glucke: „Du liebst sie nicht mehr!“

Ich: „Natürlich liebe ich sie, aber ich bin einfach hundemüde und möchte wieder mal einen klaren Kopf bekommen.“

Glucke: „Müde, müde, müde… Immer dieses Gejammer. Du hast keinen einzigen Grund, müde zu sein.“

Ich: „Natürlich habe ich einen Grund…oder vielmehr Gründe. Schwiegermama, die mich in den ersten Monaten des Jahres voll in Anspruch genommen hat, die viele Arbeit, die ich dann nachholen musste, Frankreich…“

Glucke: „Frankreich war doch herrlich. Den ganzen Tag mit den Kindern.“

Ich: „Klar war es herrlich, aber im Gegensatz zu ‚Meinem‘ und den Kindern hatte ich keine Ferien, sondern einfach mein übliches Familien- und Berufsleben an einem anderen Ort mit unfreundlicheren Nachbarn.“

Glucke: „Aber du hattest deine Kinder um dich…“

Ich: „Ja, das hatte ich und ich habe es genossen. Zeit, um mal ein wenig nachdenken hatte ich trotzdem nicht. Und nach Frankreich kam der Garten, dann Luises Unfall und jetzt sind sie alle krank…“

Glucke: „Genau, sie sind krank und du willst sie einfach ihrem Schicksal überlassen.“

Ich: „Ich überlasse sie nicht ihrem Schicksal, ich überlasse sie ihrem Vater.“

Glucke: „Ihrem Vater, der selber ganz dringend Ferien braucht. Und der sie übers Wochenende von einem Termin zum andern karren muss. So ein Stress…“

Ich: „Der gleiche Stress wie immer und ich muss das ja auch immer wieder ohne ihn schaffen, wenn er am Unterrichten ist.“

Glucke: „Mag sein, aber du verpasst das Weihnachtstheater, in dem Karlsson und Luise mitmachen. Das muss dir doch das Herz brechen…“

Ich: „Wie viele Weihnachtstheater habe ich in meiner Mütterkarriere schon gesehen?“

Glucke: „Man kann nie genug bekommen von Weihnachtstheatern, in denen die eigenen Kinder mitspielen.“

Ich: „Meiner kann’s ja für mich filmen.“

Glucke: „Nur ein herzloses Miststück wie du kann eine Filmaufnahme als gleichwertigen Ersatz ansehen.“

Ich: „Himmel, ich bin kein herzloses Miststück, ich will nur mal wieder ein paar Tage schlafen, lesen, schreiben und in Museen herumirren.“

Glucke: „Ein herzloses, egoistisches Miststück…“

Ich: „Nein, eine verantwortungsvolle Mutter, die weiss, dass sie hin und wieder die Batterien aufladen muss, wenn…“

Glucke: „Oh ja, genau, verantwortungsvoll… Und das am vierten Advent…“

Ich: „Genau, am vierten Advent. Das mit den freien Tagen vor Weihnachten hat bei mir ja schon fast Tradition.“

Glucke: „Du hattest auch mal die Tradition mit dem Weihnachtsstollen. Davon habe ich dieses Jahr noch nichts mitbekommen…“

Ich: „Dann warst du offensichtlich nicht aufmerksam genug. Gerade vor zehn Minuten habe ich die kandierten Früchte eingelegt.“

Glucke: „Das ist aber reichlich spät…“

Ich: „Spät, aber nicht zu spät.“

Glucke: „Trotzdem: Dein Egoismus ist schon fast Programm. „

Ich: „Noch einmal, das ist kein Egoismus. Ich gönne mir die Pause ja nur, damit ich an Heilig Abend mit frisch aufgeladenen Batterien meine Kinder nach Strich und Faden verwöhnen mag.“

Glucke: „Seit wann verwöhnst du die Kinder? Das ist mein Job.“

Ich: „Du hast ja keine Ahnung, wie gut ich mit frisch aufgeladenen Batterien verwöhne…“

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Alle Käfer sind schon da

Ich muss gestehen, das mit der Weihnachtsstimmung will bei mir dieses Jahr einfach nicht so recht klappen. Ob ich inzwischen zu alt bin dafür? Zu pessimistisch? Oder schlicht zu müde nach einem Jahr voller Unvorhersehbarem? Ich weiss es nicht, aber ich versuche natürlich trotzdem, meiner Familie zuliebe in Feierlaune zu kommen, trage mich mit dem Gedanken, endlich Stollen zu backen und knipse abends die Lichterkette an. Nett, wie meine Familie nun mal ist, zeigt sie sich gerne bereit, mir ein wenig nachzuhelfen. Den Anfang machte das Prinzchen, als er letzte Woche mit fieberglänzenden Augen von der Schule nach Hause kam. Am Wochenende sorgte Karlsson mit Unwohlsein für Gemütlichkeit. So richtig adventlich aber wird es, seitdem der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat mit glühender Stirn auf dem Sofa liegen und sich dampfenden Tee reichen lassen. Jetzt endlich beginne ich zu begreifen: Die Käfer sind da, Weihnachten kann kommen. 

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Entspannungssamstag

Ein überaus lieber Mensch hat „Meinem“ und mir eines der schönsten Geschenke gemacht, das man Eltern mit vielen Kindern überhaupt machen kann: ein freier Samstagnachmittag mitten in der Vorweihnachtszeit. Während sie mit unseren Kindern Guetzli ausstach, konnten wir sechs Stunden lang tun und lassen, was auch immer wir wollten. Bloss, was will man, wenn die eigenen Wünsche immer erst an letzter Stelle kommen? Unglaublich viel und die Versuchung ist gross, so viel als möglich in diesen einen wunderbaren Tag zu füllen. Fast wären wir dieser Versuchung erlegen, hätten dies und jenes erledigt, wären da und dort hingegangen, doch nachdem wir uns im Möbelhaus in aller Ruhe die Dinge ausgesucht hatten, die unsere renovationsbedürftigen Zimmer dringend benötigen, beschlossen wir, dorthin zu gehen, wo wir viel zu selten sind.

Na ja, so selten nun auch wieder nicht, wenn ich’s recht bedenke. Aber es fühlt sich halt so anders an, wenn die Kinder nicht dabei sind. Stiller, gemütlicher, unglaublich entspannend – ein Ort, an dem man alles loslässt, was einem im Alltag zu schaffen macht, wo man einfach sich selbst sein und die Zweisamkeit geniessen kann.

Kaum zu glauben, wie friedlich unsere vier Wände sind, wenn wir sie mal ein paar Stunden nur zu zweit teilen. 

Na ja, vorausgesetzt natürlich, man hat sich vor dem freien Nachmittag  ins Zeug gelegt und mit den Kindern aufgeräumt und geputzt.

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Adventsferien

„Meiner“ hat für dieses Jahr fertig aufgeklärt, der Adventsmarkt liegt hinter uns, ein einziger kleiner Auftrag ist noch zu erledigen und dann steht für ein paar Wochen nichts als ganz normaler Alltag auf dem Programm. Fast schon Ferien also. Was mich zur Schlussfolgerung verleitet, dass sich die Adventszeit ganz entspannt angehen lässt, wenn man im November für einen richtig vollen Terminkalender sorgt. 

 

Montagsgetümmel

Eigentlich erstaunlich, wie lange man im Zeitalter des Internets Mutter sein kann, ohne zu wissen, wie das Spiel mit den fetten Rabatten auf Spielzeug in der Vor-Vorweihnachtszeit läuft. Fast fünfzehn Jahre habe ich gebraucht, um endlich auch mal mitzuspielen. Schon als Karlsson noch ein Winzling war, kaufte ich Spielsachen vorzugsweise im Internet. Verantwortungsvolle Mütter tun das nicht, ich weiss, denn beim Bestellen im Internet riecht man die Giftstoffe nicht, mit denen Spielzeughersteller ihre Produkte gerne anreichern. Aber da unsere ansonsten ziemlich fantasiebegabten Kinder um die Weihnachtszeit jeweils ganz furchtbar langweilige Wünsche vorbringen – „Ich will die Lego-Schachtel mit der Nummer 12056823656546347657556770096567“ -, brauche ich mir darüber ja wohl keine Gedanken zu machen. Ein Legostein ist ein Legostein ist ein Legostein, egal hinter welcher Artikelnummer er sich verbirgt und bis jetzt habe ich noch keinen angetroffen, der verdächtig nach Giftstoffen gerochen hat. 

Weil aber der Webshop meines Vertrauens Prinzchens Geburtstagswunsch nicht im Sortiment hat und nicht zu erwarten ist, dass ich das Zeug vor Freitag anderswo mit 30% Rabatt bekomme, stürzte ich mich für einmal ins Getümmel. Jawohl, ein Getümmel war das, an einem gewöhnlichen Montagmorgen im Herbst. Heerscharen von Müttern tummelten sich in der Spielzeugabteilung, diskutierten in den schmalen Durchgängen über die Vorzüge von Playmobil gegenüber Lego, versperrten einander gegenseitig den Weg, fuhren die Ellbogen aus und räumten die Regale leer. Grosseltern verhandelten mit Enkelkindern über die akzeptable Grösse eines Zwischendurch-Geschenkes, das die elend lange Wartezeit zwischen dem Geschenkeinkauf im Oktober und der Bescherung im Dezember überbrücken soll. Dank Telefonschaltung ins Büro war auch der eine oder andere Vater am Grosseinkauf beteiligt. 

Wie um Himmels Willen soll in diesem Gewühl eine wie ich je an Prinzchens Traumschiff herankommen? Nach einigen erfolglosen Versuchen sah ich ein, dass man den Einkaufswagen besser aus der Sache raushält und irgendwann begriff ich auch, dass man es an einem solchen Ort ohne eine Prise Frechheit zu nichts bringt. Aber auch ohne Wagen und mit Frechheit gelang es mir nicht, Prinzchens Wunschliste abzuarbeiten. Dort, wo der von ihm heiss ersehnte Adventskalender hätte stehen sollen, gähnte nämlich eine riesige Lücke im Regal, im nächsten Laden, den ich auf dem Heimweg besuchte, sah es nicht anders aus. Erst im dritten Geschäft konnte ich auch diesen letzten Punkt abhaken und mich endlich wieder in meine friedlichen vier Wände zurückziehen, wo zwar auch Chaos herrschte, wo ich aber immerhin bis zur Heimkehr meiner Horde keinen Ellbogen mehr in die Seite gerammt bekam. 

Der heutige Morgen hat mich zwei Dinge gelehrt:

  1. In Zukunft kaufe ich wieder alle Spielsachen online, auch wenn dabei der fette Rabatt flöten geht.
  2. Solange Eltern und Grosseltern im Oktober die Regale leer fegen, hören die Geschäfte ganz bestimmt nicht damit auf, im Herbst schon einen auf Weihnachten zu machen. 

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Adventskalender jetzt!!!

So verwerflich ich es auch finde, dass die Läden schon wieder voll sind mit dem ganzen Weihnachtskram, den Fehler, so zu tun, als ginge mich das alles nichts an, begehe ich nicht mehr. Zumindest nicht, solange ich noch Söhne habe, die lieber einen dieser langweiligen Fertig-Adventskalender bekommen, als einen, den Mama in liebevoller Kleinarbeit für sie bestückt. Zu oft schon haben sie wochen- und monatelang von so einem Ding geträumt und ich habe die Sache bis zum letzten Moment aufgeschoben, weil ich hoffte, ich könnte sie noch für Individualität anstelle von Massenware begeistern – und weil ich auf ein paar sensationelle Sonderangebote kurz vor dem 1. Advent spekulierte. Am Ende mussten sie sich dann tatsächlich widerwillig mit Individualität zufrieden geben, weil das Objekt der Träume bereits ausverkauft war. Richtig glücklich waren sie damit meistens nicht und die Stunden der erfolglosen Suche in überheizten Läden sind mir in schlechtester Erinnerung geblieben.

Als mir das Prinzchen heute die Ohren voll heulte, weil ich mich weigerte, ihm den langweiligsten aller langweiligen Fertig-Adventskalender zu kaufen, war ich gewarnt. „Wenn du diesmal wieder so blöd bist, die Sache aufzuschieben, bis alles ausverkauft ist, hört dieses Geheul bis zum 1. Advent nicht mehr auf“, sagte ich zu mir selber und beschloss, die Sache mit den Adventskalendern bis Ende Monat hinter mich zu bringen. Was mir ganz gelegen kommt, weil die ihre sensationellen Sonderangebote ohnehin jetzt machen und nicht Ende November. Falls mich einer bei den frühzeitigen Adventseinkäufen erwischt und blöde Witze macht, kann ich immer noch behaupten, das Prinzchen wünsche sich einen Adventskalender zum Geburtstag. Was ja irgendwie auch stimmt, wo er das Ding ja wenn möglich sofort haben will. 

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Sitzungsvorfreude

Kein entrüstetes Augenrollen und „Du bist ja soooooo unfair“-Gebrüll, kaum öffnest du deinen Mund.

Niemand neben dir, der sich mit seinem Tischnachbarn um das letzte Stück Brot zankt und am Ende im Zorn einen Löffel durch die Gegend wirft. 

Keiner, der stur vor sich hinstarrt und die Lippen zusammenkneift, wenn du ihn etwas fragst. 

Keine, die auf den Tisch klettert, um vorzuführen, wie man – was eigentlich macht? Fällt mir gerade auf, dass ich noch immer nicht herausgefunden habe, warum sie dort oben war, umringt von ihren staunenden Brüdern.

Keine Diskussionen wie die hier: „Papier ist Holz.“ „Nein, ist es nicht. Papier ist Papier.“ „Aber es ist aus Holz gemacht, also ist es Holz.“ „Nein, ist es nicht. Sieh doch, es ist weiss. Das kann kein Holz sein.“ „Es ist aber Holz weil es aus Holz gemacht ist.“ „Ist es nicht.“ „Ist es doch.“ „Ist es nicht.“ „Ist es doch und wenn du mir nicht endlich glaubst, werfe ich dir diesen Schuh an den Kopf.“

Niemand, der mit den Fingern in der brennenden Kerze herumstochert und Mitleid einfordert, wenn es den Fingern zu heiss geworden ist. 

Keiner, der dich so sehr zur Weissglut treibt, dass du dich nicht mal mehr für dein Herumbrüllen schämst. Wie, um alles in der Welt, hättest du nach dem hunderttausendsten „Nein!!!!!“ noch ruhig bleiben sollen?

Niemand der herzzerreissend schluchzt, wenn du fragst: „Hast du deine Zähne geputzt?“

Kein Gerenne um den Esstisch. Kein Gezappel. Kein Gebrüll. Kein Petzen. Kein Gejammer über verpatzte Prüfungen. 

Einfach nur zivilisierte Konversation mit Menschen, die denken, ehe sie antworten und das einen ganzen Freitag lang. 

Noch selten habe ich mich so sehr auf eine ganztägige Sitzung gefreut, wie in dieser vollkommen irren Vorweihnachtszeit, in der ich mich immer öfter frage, ob ich mich denn ins Affenhaus im Zoo verirrt habe.