Was soll ich bloss anziehen?

Es gibt Zeiten im Leben,  da läuft nichts, aber auch gar nichts so,  wie man es gerne hätte. Es ist, als hätte jemand ein Schalter umgekippt und plötzlich läuft alles irgendwie krumm. Nicht richtig krumm, Gott sei Dank, aber so krumm, dass du stets das Gefühl hast, gegen eine unsichtbare Wand zu stossen. Über Nacht bekommen all deine Lieblingskleider Löcher, das iPad gibt den Geist auf, der  Computer will auch nicht mehr so richtig, im Kühlschrank vergammeln Lebensmittel, die ihr Verfalldatum noch längst nicht überschritten haben, Arbeiten, die du erledigt hast, kommen wieder zu dir zurück, weil du eine winzige Kleinigkeit übersehen hast, Termine werden um genau so viele Minuten verschoben, dass sie mit dem nächsten Termin kollidieren, die Kinder stellen sich genau dann quer, wenn du es am wenigsten erwartet hättest, die Rechnungen flattern alle gleichzeitig ins Haus, dafür aber lassen Zahlungen, die eintreffen sollten, auf sich warten.

Das Leben ist wie ein schlecht sitzendes Kleid, bei jeder Bewegung spannt es irgendwo, es verrutscht und entblösst dabei Problemzonen und wenn du nicht ganz gut aufpasst, reisst eine Naht. Nun gut, immerhin hat man etwas Anzuziehen, aber so richtig wohl fühlt man sich in dem Fumel nicht. Und so schaut man voller Neid auf jene, bei denen der Anzug wie angegossen passt. Oder zu passen scheint, denn ob dem anderen der Hosenbund spannt oder die Schuhe zu eng sind, lässt sich ja nicht so leicht beurteilen.

Was also tun? Sich etwas passenderes anziehen?  Oder vielleicht doch eher schrumpfen, bis das Kleid wieder richtig sitzt? Oder einfach ausharren und sich damit abfinden, dass man eben zurzeit nichts Passendes anzuziehen hat? Oder sich eingestehen, dass man trotz allem noch weitaus besser dasteht als die meisten Menschen auf diesem Planeten, weil man immerhin nicht nackt dasteht?

 

 

Der Kaiser zur Schützenwurst

Also, den Zoowärter, den möchten sie ja im Kindergarten gerne heilpädagogisch fördern. Weil er nicht jede Anweisung sofort  befolgt und weil er sich manchmal davor fürchtet, über den Balken der Langbank zu balancieren. Zuerst war ich leicht verunsichert, als man uns das mitteilte. Vielleicht hatte ich in meiner mütterlichen Liebe übersehen, dass das Kind in seiner Entwicklung nicht so weit ist, wie es sein sollte?

Meine Sorgen legten sich schnell wieder, denn der Zoowärter ist nicht auffälliger als jedes andere Kind, das nicht nach irgend einer EU-Norm gezeugt und dressiert  worden ist. Spätestens heute verflogen meine letzten Zweifel. Da sang der Junge das Lied von den Grenadieren – ja, ich weiss, ein schreckliches Lied, aber er liebt es – von der ersten bis zur letzten Silbe auswendig und fehlerfrei. „Meiner“ und ich schauten uns nur mit hochgezogenen Augenbrauen an und meinten: „Ganz eindeutig: Förderstufe zwei.“

Dabei ist der Junge deutlich weiter, als ich es in seinem Alter war. Ich sang nämlich immer nur „Der Kaiser der Kaiser zur Schützenwurst“. Und mich wollten sie nicht mal heilpädagogisch fördern, obschon ich doch ganz offensichtlich nicht fähig war, Historisches von Kulinarischem zu unterscheiden. Was waren wir doch für arme, vernachlässigte Kinder…

 

Heilige Momente

Es sind diese unvorhersehbaren Momente, die das Familienleben so schön machen. Die ganze Horde sitzt am Tisch und isst, Luise fordert das Prinzchen auf, in die Hände zu klatschen und Momente später klatschen alle sieben wie verrückt in ihre Hände und keiner weiss warum. Irgendwann hört das Klatschen wieder auf und das Prinzchen übernimmt die Führung. Alle sollen die Arme in die Luft halten, alle tun, was der Kleine sagt. Er knurrt, die Geschwister knurren mit. Er hüpft auf und ab, die Geschwister tun es ihm nach. Er steht auf, rennt singend um den Tisch, die anderen singend hintendrein. Eine übermütige Polonaise zieht durch die Wohnung, laut und wild und doch in bester Ordnung, denn der Jüngste gibt den Ton an und alle folgen ihm. „Meiner“ und ich sitzen grinsend da und freuen uns an diesem kostbaren Moment. Und nachdem alle des Tanzens müde sind, kuscheln sich Luise und das Prinzchen zusammen aufs Sofa, ein zuckersüsses Bild von grosser Schwester und kleinem Bruder, die nicht zu wissen scheinen, was es heisst, einander auf die Nerven zu fallen.

Etwas später hat der Zoowärter die Idee, mit seinen Rittern ein Theaterstück aufzuführen. Der Aufbau der Kulisse – eine Playmobil-Ritterburg – will aber nicht so recht klappen. Der FeuerwehrRitterRömerPirat kommt ihm zu Hilfe, schafft es aber auch nicht, das Ding zum Stehen zu bringen. „Wir haben doch irgendwo noch weitere Teile von dieser Burg“, meint Karlsson. „Komm, Prinzchen, hilf mir beim Suchen.“ Und schon sind vier Jungs – der eine fast zu gross für Playmobil, zwei im besten Alter dafür und einer noch fast zu klein – in ein friedliches Spiel vertieft. Ein heiliger Moment im oftmals so spannungsgeladenen Familienleben. Die Stimmung kippt erst, als die Mama die hirnrissige Idee hat, den Cousin, der gerade im Haus ist, zum Spielen einzuladen. Plötzlich ist nur noch der Cousin interessant und der Bruder, eben noch der beste Spielkamerad, ein störendes Anhängsel.

Am Abend dann noch einmal ein heiliger Moment. Der Zoowärter und das Prinzchen haben während meiner Ferien entdeckt, wie toll sie mich finden und so wird das Gutenacht-Ritual zum Fest. Der Zoowärter singt mir voller Leidenschaft Lieder vor, das Prinzchen schlüpft beinahe zurück in meinen Bauch,  jeder möchte noch ein wenig näher bei mir sein und beide zusammen verkünden, ich sei die beste Mama der Welt. 

Man kann sie nicht erzwingen, diese Momente, man kann sie sich nur schenken lassen. 

Nahtlos

Wie immer, wenn wird aus den Ferien zurückkommen, war die Landung nicht gerade sanft. Die Mailbox, die nun eine Woche lang erstaunlich leer geblieben war, ist voll  mit Anfragen, Hinweisen und Arbeit. Der Zeitungsberg der vergangen Woche will nach Kolumnenstoff durchstöbert werden und das Becken mit den Grünabfällen quillt bereits wieder über. Dennoch scheint mir, dass wir die Reiserei inzwischen geradezu professionell meistern.

Da ist zum Beispiel die Sache mit dem Putzen vor der Abreise. In den vergangenen Jahren hatte das trotz guter Vorsätze nicht klappen wollen, aber diesmal war die Wohnung tatsächlich ziemlich sauber und aufgeräumt, bevor wir uns vor einer Woche aus dem Staub machten. Nicht perfekt, natürlich, aber immerhin so, dass die Putzfrau am Montag unverrichteter Dinge wieder abrauschte, als sie sah, wie sauber es bei  uns zu Hause war.

Die Wäsche: Vor der Abreise alles gewaschen und aufgehängt, während der ganzen Ferienwoche schön brav jeden Tag gewaschen und gestern mit vielen Koffern voller frisch gewaschener und fein säuberlich gefalteter Wäsche und nur einer einzigen Tasche voller Schmutzwäsche heimgekehrt. Wir mussten nur noch alles in den Schränken verstauen, ein kleines bisschen waschen und schon merkt keiner mehr, dass wir weg waren.

Der Wocheneinkauf: Am Donnerstag via Internet bestellt und gestern nach der Ankunft zu Hause in den Kühlschrank geräumt.

Ich bin ja ziemlich stolz darauf, dass  uns, den Chaoten, ein ziemlich nahtloser Wiedereinstieg in den Alltag gelungen ist. Wobei, vielleicht sind wir ja vor lauter Bemühungen um einen nahtlosen Wiedereinstieg gar nicht erst richtig ausgestiegen…

Feierabendglotzen

Es kommt gar nicht so sehr darauf an, was auf dem Programm steht. Ob sie nun Zeichentrickfilme schauen, eine schlaue Kindersendung oder einen alten Kinderfilm, das Resultat ist immer das gleiche, zumindest wenn der Fernsehkonsum nach dem Abendessen stattgefunden hat: Die beiden Jüngsten kommen unzählige Male aus dem Bett gekrochen, weil sie Angst haben oder weil sie unbedingt noch einmal erzählen müssen, was Laura mit dem Stern und Heidi mit Klaras Rollstuhl angestellt hat. Wenn sie dann endlich doch eingeschlafen sind, kannst  du darauf wetten, dass mindestens einer der beiden gegen drei Uhr morgens ins Elternbett gekrochen kommt. Manchmal kommen auch beide und dann muss man wieder Ängste wegbeten und sich zum hundertsten Mal anhören, wie unfair es doch ist, dass „Meiner“ und ich „Yakari“ erst ab 7 freigegeben haben.

Man könnte ja glauben, die drei  Grossen kämen besser klar mit abendlichem Fernsehkonsum und vordergründig ist das auch so. Wegen Ängsten kommt immerhin niemand von ihnen die Treppe heruntergeschlichen. Dafür aber stürmen wir Eltern alle zehn Minuten die Treppe hoch, um zu verhindern, dass Blut fliesst. Unglaublich, wie viele Aggressionen so eine halbe Stunde ganz gewöhnliches Fernsehen an die Oberfläche spült. Da kommen Schimpfwörter über die Lippen, für die sie sich gewöhnlich schon im Voraus entschuldigen, es werden Schläge ausgeteilt und anstelle des üblichen netten „Fandest du Mama heute nicht auch furchtbar unfair?“-Getuschels hört man alle paar Sekunden ein „Mama, Papa, kommt schnell, Karlsson ist soooooo gemein zu mir!“-Gebrüll. Und das alles nur wegen dieser elenden Glotze.

Wie, ihr glaubt, ich würde mal wieder massloss übertreiben? Tue ich nicht, ich beschreibe nur das übliche Szenario, wenn Vendittis in den Ferien sind und die Kinder abends ausnahmsweise KiKa schauen  lassen. Nicht, dass unser Alltag zu Hause komplett fernsehfrei wäre – schon gar nicht, wenn „Meiner“ von der Arbeit gestresst ist -, aber auf Gutenachtfernsehen verzichten wir jeweils gerne und auch sonst setzen wir lieber auf DVDs, weil die irgendwann einmal zu Ende sind, im Gegensatz zum Fernsehprogramm. Nach einigen Tagen Ferien wissen  wir  auch wieder, weshalb wir diesen Erziehungsgrundsatz noch nicht über Bord gekippt haben.

 

Gesucht: Meine Nische

Irgendwo muss es sie doch geben, diese Nische, in die ich passe. Dieser Ort, an dem ich meine Fähigkeiten einbringen kann, wo aber meine Unfähigkeiten nicht so sehr ins Gewicht fallen, dass alles, was gut läuft gleich wieder aufgehoben wird. Ein Ort, wo ich mitwirken kann, ohne mich vollends zu verausgaben. Es sollte doch nicht so schwer sein, irgendwo unterzukommen, wo ich weder unter- noch überqualifiziert, sondern genau richtig bin.

Und doch bin ich einmal mehr ratlos, ob es diesen Ort für mich gibt. Manchmal denke ich, ich hätte die Nische erspäht, aber dann finden andere, ich würde nicht passen. Dann  wieder denken wohlmeinende Menschen, mich in eine  Richtung drängen zu müssen, von der ich spüre, dass es das nicht sein kann. Ein ander Mal lasse ich mich nieder, nur um zu merken, dass ich dorthin nicht gehöre und wenn ich glaube, ich sei angekommen, verhindern die Umstände, dass  ich es mir bequem machen kann. Und schon wieder muss ich mich aufmachen, erneut auf der Suche nach meiner Nische.

In meinem Inneren weiss ich genau, wie sie aussehen müsste, meine Nische, aber ich bin nicht so sehr versessen darauf, diese eine zu finden, dass ich nicht bereit wäre, mich auch anderswo niederzulassen. Ob genau dies der Fehler ist? Müsste ich vielleicht konsequenter nur diese eine Ziel ansteuern? Oder umgekehrt: Einfach nehmen, was kommt, egal, ob es meinen Wünschen entspricht? Wobei ich genau dies schon so oft getan habe und am Ende zur bitteren Erkenntnis gelangen musste, dass ein einseitig begabter Mensch wie ich eben nicht beliebig eingesetzt werden kann, weil da schnell einmal auch Unfähigkeiten ins Spiel kommen.

Oh ja, ich weiss, das alles ist Gejammer auf hohem Niveau, denn imerhin habe ich eine wunderbare Familie und sonst noch einige unschätzbar wertvolle Dinge in  meinem Leben. Dennoch wäre ich dankbar, wenn ich endlich einmal ankommen dürfte, zumindest in dem einen oder anderen Lebensbereich, denn eigentlich ist es ja Herausforderung genug, dass das Familienleben stets in Bewegung bleibt.

Ich will das nicht können müssen

Grundsätzlich bin ich keine  Freundin von klassischen Rollenmustern. Das fing schon in der Ehevorbereitung an, wo  „Meiner“ und ich einander stets fragend anschauten, wenn mal wieder eine Liste mit „typisch er – typisch sie“ gezeigt wurde. Wäre man  nach diesen Listen gegangen, dann wäre in den meisten Fällen er „sie“ und ich „er“ gewesen.  Und so haben wir uns relativ früh dazu entschieden, einfach zu sein,  wer wir sind und uns unseren Alltag so einzurichten, dass jeder das tut, was ihm besser liegt, auch wenn es nicht den Geschlechterklischees entspricht, die man damals in der Ehevorbereitung noch predigte.

Gewöhnlich sind wir damit ganz glücklich, aber hin und wieder überkommt „Meinen“ der Drang, die Dinge auf den Kopf zu stellen, vermutlich um zu verhindern, dass  wir einrosten. Heute Morgen zum Beispiel kam  er auf den irrigen Gedanken, dass ich die  Kinder zum Skikurs fahren könnte, währenddem er sich um den Haushalt kümmert. Mir war sofort klar, dass es in diesem Fall weiser wäre, uns an die klassische  Rollenteilung zu halten und deshalb versuchte ich, meinen Mann davon zu überzeugen, wie viel besser es doch wäre, wenn ich das Frühstücksgeschirr abwaschen, die Wäsche aufhängen und den Fussboden saugen würde. Hätten wir ein Bügeleisen hier, ich hätte ihm sogar vorgeschlagen, dass ich danach noch die Unterwäsche bügle. Ihr seht also, ich war echt verzweifelt.

Aber „Meiner“ blieb hart: „Ich will nicht jeden Morgen der Idiot sein, der in diese elende Kälte hinaus muss und es sind ja nur zehn Minuten Fahrt.“ „Aber ich kenne den Weg nicht“, jammerte ich, worauf „Meiner“ nur meinte, die Kinder wüssten ja, wo es lang ginge und sich dem Abwasch zuwandte. Am liebsten hätte ich laut gebrüllt, dass ich doch eine Frau und deshalb grundsätzlich ungeeignet sei für solche Abenteuer, aber ich wusste ja, dass „Meiner“ so etwas nicht gelten liesse und so schickte ich mich eben grummelnd und schimpfend in das Unvermeidliche.

Aber natürlich stellten sich meine Bedenken als vollkommen berechtigt heraus. Ich kenne ja meine Grenzen. Auf dem Hinweg ging es ja noch, denn da konnten mich die Kinder lotsen. Aber auf dem Rückweg? Na, was wohl? Mein Orientierungssinn liess mich mal wieder im Stich und so fand ich zwar  ganz ungewollt den Weg zu dem Krankenhaus, in welchem Karlsson vor etwas mehr als drei Jahren seinen geplatzten Blinddarm losgeworden ist, ich fand den Laden, in dem ich mir damals Rosinenbrötchen gekauft hatte, weil der Spitalkoch nicht begreifen konnte, dass eine schwangere Vegetarierin mit einer Bratwurst und nichts dazu nicht satt zu bekommen ist. Ich fand auch den Weg zum Bahnhof, hinter welchem irgendwo die Strasse zu unserem Ferienhaus zu finden wäre, aber wie ich die Bahnlinie umgehen sollte, um zu dieser Strasse zu gelangen, das erschloss sich mir bei allem Schimpfen und Klagen nicht. Am Ende blieb mir nichts anderes übrig, als den ganzen Weg noch einmal zurückzufahren und irgendwann die richtige Abzweigung zu erwischen.

Als ich nach einer Stunde Irrfahrt endlich dem Ferienhaus nahe war, kam ein besorgter Anruf von „Meinem“. Wo ich denn geblieben sei? Blöde Frage von dem Mann, der seit nunmehr zwanzig Jahren mit mir unterwegs ist. Man sollte doch meinen, er hätte in dieser Zeit so einiges von meinen  Irrfahrten mitbekommen und würde  mich deshalb vor weiteren solchen Situationen bewahren. Gehört doch irgendwie zu einer Ehe, oder? Ich schliesse den armen Mann ja auch nicht mit der Steuererklärung in einem Zimmer ein und mache mich dann aus dem Staub.

 

 

Nicht Discounter-tauglich

Die Discounter und ich, wir haben das Heu nicht auf der gleichen Bühne. Okay, gegen die Preise hätte mein Budget nichts einzuwenden, wäre da nicht meine Überzeugung, dass es da mit der Gerechtigkeit nicht weit her sein kann. Auch Sortimment  und Präsentation sagen mir nicht zu und so kommt es, dass ich im gewöhnlichen Leben einen weiten Bogen um Aldi, Lidl & Co. mache. Hier in den Ferien  bleibt mir aber keine andere Wahl, denn etwas anderes als Discount habe ich noch nicht getroffen. Und so kam es, dass ich heute Morgen bei Aldi – Pardon, ich meine natürlich  Hofer – einen Besuch abstattete.

Das erste Problem hatte ich bereits vor dem Laden. Da stand der Verkäufer einer Arbeitslosenzeitung verloren in der Kälte und wurde seine Ware nicht los. Gewöhnlich ist für  mich klar, dass die Zeitung gekauft wird, aber vor  einem Discounter? Hat das nicht einen schalen Beigeschmack von Ablasshandel? Ich beschloss, die Frage erst nach dem Einkauf zu klären und kramte meine Einkaufsliste hervor.

Und dann ging der Horror los. Zuerst einmal geriet  ich einem alten Ehepaar ins Gehege. Die zwei waren offenbar deutlich geübter  als ich im Durchkämmen der unübersichtlichen Warenauslage und so griffen sie immer exakt in dem Moment dazwischen, als ich endlich die ökologisch akzeptablen Karotten oder Äpfel  erspäht hatte. Eine Weile lang lieferten  wir uns einen zermürbenden Kampf um den vordersten Platz am Regal, dann bogen sie glücklicherweise in Richtung Kühltruhe ab.

Die zwei war ich also los, aber einfacher wurde das Einkaufen nicht. Warum müssen diese Ladeneinrichter immer das Wichtige & Gesunde mit  dem Überflüssigen & Ungesunden mischen? Nun gut, ich weiss natürlich schon, weshalb die das tun, aber wie soll ich da innert nützlicher Frist einen Einkauf erledigen, wenn ich mich durch Regale voller Chips und Schokoladenriegel kämpfen muss, bevor ich endlich bei den Freilandeiern lande? Und warum schreiben die ihre Preise so hoch oben an? Denken die nicht an uns Kurzgewachsenen?

Nach unendlicher Sucherei und unter grossem Ellbogeneinsatz – täusche ich mich, oder sind Discounter-Kunden ungeduldiger? – war meine Einkaufsliste endlich abgearbeitet. Es folgte der Kampf mit dem Tempo der Kassierin. Wenn du Glück hast, steht vor dir ein Kunde, der ein Problem hat, wodurch du die Zeit gewinnst, um deine Ware aufs Band zu legen. Steht keiner mit Problem vor dir, musst du aufpassen, dass die Lebensmittel, die du kaufen willst, nicht zerdrückt werden, wenn die Kassierin sie dir aus der Hand reisst. Wie um Himmels Willen stellt die Frau es an, dir mit der einen Hand die Ware aus der Hand zu reissen, mit der anderen die Artikel über den Scanner zu ziehen und mit dem Ellbogen das Gescannte auf  die zu kurz geratene Ablagefläche zu schieben? Und  was, bitte sehr, ist mein Part in diesem irren Tanz? Mir scheint, ich bin immer im Weg, ganz egal, was ich tue.

Ziemlich verschwitzt war ich, als die Ware endlich zurück im Wagen und bezahlt war. Jetzt nur noch der verzweifelte Versuch, all das Zeug  so schnell als möglich in die Einkaufstaschen zu schmeissen, bevor mich jemand unter  Knurren und Zähnefletschen von meinem Platz  am Einpacktisch vertrieb. Endlich draussen, war für mich  klar, dass ich dem armen Kerl, der noch immer fröstelnd im Eingang stand, die Zeitung abkaufen würde. Nicht, um mich von meinem arbeitsrechtlich und ökologisch unkorrekten Einkauf reinzuwaschen, sondern damit ich  eine anständige Lektüre hätte, wenn ich  mich für den Rest des Tages bei Tee und Waffeln von diesem Horror-Einkauf erholen würde.

Well behaved

Die Voraussetzungen waren nicht gerade ideal für eine friedliche Zugfahrt zu dritt: Vierzig Minuten Verspätung und dies noch vor der Abfahrt, der spärliche Proviant bereits aufgegessen, bevor wir die Grenze nach Österreich überquert hatten, das Zugabteil überheizt, rund um uns herum kindelose Menschen, mehrheitlich Amerikaner. „Das kann ja heiter werden“, seufzte ich leise genug, damit meine beiden Jüngsten nicht mitbekommen konnten, was ich auf dieser Fahrt von ihnen erwartete.

Nun ja, es wurde dann auch mehr oder weniger heiter. Die Kleinen kletterten auf die Armlehnen, mussten immer dann aufs WC, wenn der Zug gerade in einem Bahnhof stand, schnitten Grimassen und brachten damit leider nicht  alle Sitznachbarn zum Lachen, sondern einige humorlosere Exemplare auch dazu, sich im überfüllten Zug einen neuen Sitzplatz zu suchen. Nun ja, ich selber fand, dass die beiden die Fahrt ziemlich gut meisterten,  aber ich bin abgehärtet.

Gegen  Ende der Fahrt, als meine Nerven trotz realtiver Friedlichkeit ziemlich strapaziert waren und ich mich ernsthaft um das Wohlergehen meiner Mitreisenden sorgte, wandte sich plötzlich einer der Amerikaner im vorderen Abteil an mich: „Your boys are  so well behaved. You should see my daughter’s sons when  they have  to be quiet for so long“, bemerkte er bewundernd. Zuerst war mir die Sache ziemlich peinlich, denn immerhin machte  der Mann seine  eigenen Enkel schlecht, um damit meine zappeligen Jungs aufs Podest zu heben. Dann aber dämmerte mir, dass die zwei sich tatsächlich ziemlich gut geschlagen hatten: 5 Stunden in einem überfüllten Zug, einizig mit einem 15-teiligen Puzzle, einem Lego-Katalog, zwei Armlehnen und drei Stofftieren als Spielzeug ausgestattet, 4 heisse Würstchen mit Ketchup und  zwei Flaschen „Almdudler“ als Notration und alles, was ich hin und wieder sagen musste war „Prinzchen, ich bitte dich!“ und „Ach, Zoowärter, das ist doch nicht so schlimm. Deswegen musst du doch nicht weinen.“

Ganz eindeutig eine der besseren Zugfahrten mit unseren Kindern. Das Problem lag wohl eher bei mir, denn so ganz ohne Lesestoff und iPad – die Katzen haben das Kabel durchgebissen und ein Neues habe ich noch nicht gekauft – wurde ich ganz schön ungeduldig auf dieser öden Zugfahrt. Vor allem als ich sah, dass die Amis vor mir „Trivial Pursuit“ auf dem iPad spielten und ich so gerne mitgespielt hätte…

Kuchendesaster

Wie viele Stunden meines Lebens habe ich damit vergeudet, den perfekten Geburtstagskuchen herbeizuzaubern? Ich weiss es nicht, aber es waren sehr viele und der Erfolg blieb bescheiden, obschon ich eine leidenschaftliche Kuchenbäckerin bin. Es ging schon an Karlssons erstem Geburtstag in die Hose. Nach stundenlangem Suchen in den zahlreichen Rezeptbüchern meiner Sammlung entschied ich mich für eine Puddingtorte mit Apfelmus, eine wirklich delikate Kombination. Und was tat mein kleiner Junge? Er berührte den Kuchen mit dem Zeigefinger, begann lauthals zu schreien und weigerte sich, auch nur einen einzigen Bissen von seiner allerersten Torte zu probieren. Nun ja, heute liebt er genau diesen Kuchen besonders, aber das tröstet mich nicht über meine damalige Enttäuschung hinweg.

Danach ging es im ähnlichen Stil weiter. Mal klebte der Kuchen an der Form, obschon ich diese perfekt vorbereitet hatte und so gab es anstelle eines Dinosauriers nur eine Ansammlung von Fossilien. Ein anderes Mal verfing sich die Folie, mit der ich die Form ausgekleidet hatte, in der Masse für die Eistorte und so konnte man keinen Bissen geniessen, ohne sich danach die Folienfetzen zwischen den Zähnen herausziehen zu müssen. Dann wieder war der Bienenkorb nicht als Bienenkorb erkennbar und ich musste ihn in aller Eile zum grünen Hügel mit Petterson und Findus, die ich zum Glück noch in irgend einem Küchenschrank fand, umfunktionieren.

Natürlich sind mir nicht sämtliche Geburtstagstorten missraten. So viel Pech kann gar nicht sein, immerhin backe ich doch ziemlich viele davon. Aber auch wenn mir ein Meisterwerk gelungen war, blieb mir der Erfolg verwehrt. Es genügte, dass eines der eingeladenen Kinder fragte: „Hat es in diesem Kuchen Kokosraspel drin?“ und schon ass keiner mehr einen Bissen, weil ich mir die Freiheit herausgenommen habe, dem Teig noch etwas anderes als Mehl, Eier, Butter,  Zucker  und – natürlich – Smarties beizufügen. Einmal wollte eine kleine Rotznase wissen,  ob es in dem Kuchen Zucker hätte und als ich bejahte,  glaubte er doch tatsächlich,  er könne mir weismachen,  dass er keinen Zucker mag. Ein Kind,  das keinen Zucker mag? Für wie doof hielt der mich eigentlich? Aber was soll’s,  auch von diesem Kuchen blieb sehr viel mehr als nur Krümel übrig.

Ja und heute,  als wir mit einer Kinderschar des Zoowärters Geburtstag nachfeierten,  landete ich einen Volltreffer und zwar einen,  der mich in eine tiefe Sinnkrise stürzt. Da hatte ich keine Zeit und „Meiner“ keine Lust zum Kuchenbacken und so blieb mir nichts anderes übrig,  als Schwiegermamas Weihnachts-Panettone in Scheiben zu schneiden,  so dass daraus vier Sterne wurden. Dann noch Schlagrahm,  bunte Zuckerstreusel und Puderzucker drauf und fertig waren die Schneesterne. Ziemlich billig  für mich,  die ich viel Wert auf Selbstgebackenes lege. Doch was geschah? Die Kinder futterten Kuchen bis ihnen die Schlagsahne aus den Ohren kam,  verlangten ein Stück nach dem anderen und ich heimste Lob ein,  als hätte ich gerade die Erfindung des Jahrhunderts gemacht.  

Tja, uns jetzt ist mein Selbstbewusstsein mal wieder im Keller. Alles was es in diesen Tagen dazu dazu braucht, sind ein Panettone, Schlagrahm und ein paar Streusel.