4077 Tage – oder so

Nach gut 4077 Tagen ohne Unterbruch – bitte behaftet mich nicht auf diese Zahl, ich bin nicht sehr gut im Rechnen – sind wir tagsüber windelfrei. Wie viele gewechselte Windeln das sind, mag ich nicht ausrechnen, zumal nachrechnen ohnehin unmöglich wäre, da ich mich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern kann, an wie vielen Tagen wir zwei, ja, sogar drei, Wickelkinder hatten. Auch den Abfallberg stelle ich mir lieber nicht vor, aber ich gehe davon aus, dass er gigantisch wäre, würde man all die vollen Windeln auf einem Haufen sehen. Vom Gestank gar nicht zu reden. Ach ja, dann wären da noch ziemlich viele Franken, die für Windeln draufgegangen sind, aber auch daran will ich lieber nicht denken.

Ich weiss von Eltern, die ein Fest gefeiert haben, als ihr letztes Kind aus den Windeln war, ich kenne zahlreiche Mütter und Väter, die mit Schaudern an die Windelzeit zurückdenken, aber bei mir ist inzwischen noch keine Freude aufgekommen über diesen Meilenstein des Familienlebens. Gut, ein Familienleben ohne Windeln habe ich noch gar nie erlebt, darum kann ich mir auch gar nicht vorstellen, dass es eines Tages ganz – Tag und Nacht – ohne gehen wird. Dazu kommt aber noch, dass ich die Sache mit den Windeln nie als besonders grosse Last empfunden habe. Klar, ich habe unzählige Male geseufzt, wenn mitten in der Nacht ein Wechsel nötig war und auch Wehklagen über die teuren Windeln sind schon über meine Lippen gekommen. Aber im Grossen und Ganzen habe ich ganz gut damit leben können, dass zum Leben mit kleinen Kindern eben auch Windeln gehören.

Und jetzt soll das, was mehr als elf Jahre lang Alltag war, auf einen Schlag vorbei sein? Unvorstellbar. Und so absurd es scheinen mag, auch ein wenig schmerzhaft. Ich bin noch nicht soweit, kein Wickelkind mehr zu haben, nicht, weil ich so gerne Windeln wechsle, sondern weil ich die Zeit trotz all ihrer Mühsal genossen habe. Ja, es waren die härtesten Jahre meines bisherigen Lebens, aber zugleich auch die Schönsten. Und obschon ich weiss, dass das Leben mit grossen Kindern auch schön ist, so hätte ich doch nichts dagegen, wenn mir jemand ein kleines, süßes Baby vor die Haustüre legte. Auch wenn das bedeuten würde, dass der Windelberg noch etwas weiter wächst.

Kindergartenkrankheit

Früher oder später erkrankt wohl jedes Kind daran. Gewöhnlich im letzten Quartal des zweiten Kindergartenjahres, wenn das Kind sich reif für die Schule fühlt. Blass und zittrig sitzt das Kind dann am Frühstückstisch und klagt über Übelkeit, Bauch- und Kopfweh. „Mama, mir tut jeder Knochen weh. Du musst die Kindergärtnerin anrufen und ihr sagen, dass ich nicht komme“, klagt das Kind. „Bist du dir auch ganz sicher, dass du krank bist? Letzte Woche bist du durchs Haus geschwirrt wie eine wütende Wespe, kaum habe ich das Telefon aufgehängt.“ „Aber Mama, ich bin wirklich krank. Fühl mal meine Stirn. Ich glaube, ich habe Fieber.“ Mama fühlt und findet: „Ja, vielleicht hast du tatsächlich Fieber. Ich melde dich ab. Aber du versprichst mir, dass du den ganzen Tag im Bett bleibst, Tee trinkst und Bilderbücher anschaust.“ „Versprochen, Mama.Ruf jetzt endlich an.“ Mama ruft die Kindergärtnerin an – „Ich weiss auch nicht, was ihm fehlt. Ja, schon wieder krank. Vielleicht muss ich wirklich mal zum Arzt gehen mit ihm. Ja, ich mache mir auch allmählich Sorgen.“ – und noch ehe sie das Telefon aus der Hand gelegt hat, hüpft das Kind vom Sofa hoch und will spielen, die Grossmama besuchen, in die Ikea fahren, einen Spielkameraden einladen, basteln… „Mein liebes Kind, wenn man krank ist, kann man all dies nicht tun“, wehrt die Mama ab. „Aber Mama“, sagt das Kind und grinst. „Ich bin doch schon wieder gesund. Ich hatte doch einfach keine Lust, in dem Kindergarten zu gehen.“

Wie gesagt, die Kindergartenkrankheit ist nichts Neues für mich. Neu aber ist, dass sie beim Zoowärter bereits wenige Monate nach dem ersten Kindergartentag auftritt. Und zwar fast jede Woche. Was ziemlich anstrengend ist, denn ich mag nicht jeden Morgen diskutieren, mag ihn auch nicht immer und immer wieder bei der Grossmama parkieren, wenn ich zur Arbeit muss. Dumm ist nur, dass ich den Zoowärter so gut verstehen kann. Wenn ich nur montags etwas zum Zeigen hätte mitbringen dürfen, ich wäre auch nicht gerne in den Kindergarten gegangen.

 

Lieber pseudo-moderner Papa

Es ist ja ganz nett, dass du dir abends nach der Arbeit Zeit nimmst, um mit Frau und Söhnchen den Wocheneinkauf zu erledigen. Es ist nahezu rührend, wie du voller Stolz den Einkaufswagen mit der Babyschale vor dir herschiebst und damit den aktiven Papa markierst. Die Mutter deines Kindes ist bestimmt ganz froh darüber, dass du bei der Wahl des richtigen Joghurts mitredest. Fast könnte man meinen, du wärst ein moderner Papa, einer, der begriffen hat, dass Kind und Haushalt nicht einfach Frauensache sind.

Nun, ich muss dir leider sagen, dass ich dir das mit dem modernen Papa nicht abnehme. Warum nicht? Etwa, weil ich per Zufall mitgekriegt habe, wie du am Telefon deinem Kumpel voller Bedauern mitgeteilt hast, dass ihr bestimmt nicht bis Mitternacht bleiben könnt, weil der Kleine ins Bett muss? Nein, daran liegt es nicht, denn ich weiss, dass man trotz Kind hin und wieder gerne bis tief in die Nacht mit Freunden quatschen möchte. Entlarvt hat dich, dass du ungeniert telefonierend an der Käsetheke lehnst, aus der ich unseren Käsevorrat angeln will. Wie? Du verstehst nicht, wie ich anhand einer solchen Bagatelle erkennen will, dass dein „Seht mal her, wie fortschrittlich ich bin“-Gehabe nur Show ist?

Nun, ich werde es dir erklären: Wenn du fünfundvierzig Minuten vor Ladenschluss eine zerzauste Hausfrau mit tiefschwarzen Augenringen und einem übermüdeten Dreijährigen im voll beladenen Einkaufswagen siehst, dann solltest du eigentlich wissen, dass die Frau nicht aus reinem Vergnügen hier ist. Hättest du eine Ahnung von Kind und Haushalt, du würdest sofort aus dem Weg gehen, wenn diese Frau sich der Käsetheke nähert, die du dir als Rückenlehne ausgesucht hast. Du würdest nicht erst dann drei Millimeter zur Seite rücken, wenn sie dir unmissverständlich klar macht, dass sie an den Gruyère hinter dir will. Du würdest dich sofort in eine unwichtige Ecke verkrümeln – irgendwo zwischen Toilettenpapier und Besen – und ihr nicht einfach zwei Schritte weiter vorne den Zugang zum Raclette-Käse versperren und danach zum Reibkäse und dann auch noch zum Bergkäse. Vor allem aber würdest du die Frau nicht entnervt anschauen, wenn sie dich immer und immer wieder aus ihrem Jagdrevier vertreibt, denn du wüsstest, dass sie bei der Arbeit ist und deshalb keine Zeit hat für solche lächerlichen Spielchen.

Aber das alles weisst du nicht, weil du eben nur ein pseudo-moderner Papa bist, der zwar so tut, als wäre er dabei, der in Wirklichkeit aber die ganze Sache mit Kind und Haushalt noch immer als Weiberkram abtut.

Ferienbilanz

Bevor es morgen wieder losgeht mit Schule, Kindergarten und Jobs, ein kurzer Rückblick, ob wir auch wirklich alles getan haben, was wir uns vorgenommen hatten.

– Mindestens fünfmal ausschlafen (Ziel deutlich übertroffen)
– Nie nach Mitternacht zu Bett gehen (Ziel deutlich verfehlt)
– Zeit nicht verplanen (Ziel erreicht)
– Alle drei Etagen sauber aufräumen (Ziel beinahe erreicht. Hätte ich „Meinem“ etwas mehr unter die Arme gegriffen, wir hätten es geschafft.)
– Saunaelemente, die seit einem Jahr auf ihren Einsatz warten a) von der Garage in die Waschküche befördern, b) zu einer Saunakabine aufbauen und c) Sauna in Betrieb nehmen (Ziel a) erreicht, aber nur, weil mir eines Tages der Kragen geplatzt ist und ich die saumäßig schweren Dinger eigenhändig vor die Haustüre geschleppt habe, damit „Meiner“ gezwungen war, sie vor dem Regen in Sicherheit zu bringen. Ziel b) ebenfalls erreicht, bis auf das klitzekleine Detail, dass die Tür noch nicht aufgeht, weil der Waschtrog im Wege steht, Ziel c) verfehlt, aber immerhin in Sichtweite.)
– Das beschauliche Familienleben geniessen (Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass Beschaulichkeit und Grossfamilie nicht so richtig zusammenpassen wollen, sind wir diesem Ziel dennoch erstaunlich nahe gekommen.)
– Das Haus nur verlassen, wenn es unbedingt sein muss (Ziel deutlich übertroffen)
– Klarheit in den grossen Fragen unseres Lebens erlangen (Ziel deutlich verfehlt. Wir haben jetzt noch ein paar Fragen mehr.)
– Möglichst wenig an SchuleKindergartenArbeits-Fragen denken (Ziel deutlich verfehlt, was aber nicht verwundert, hängen doch einige unserer grossen Fragen des Lebens genau damit zusammen.)
– „Meinem“ und den Kindern wieder näher kommen (Ziel erreicht, auch wenn die größere Nähe zu den Kindern die eine oder andere Reiberei erzeugt hat.)
– Viel schreiben (Ziel deutlich verfehlt)
– Schokolade, Weihachtsguetzli und andere süße Versuchungen so schnell als möglich aus dem Weg schaffen (Ziel erreicht, leider)
– Von einem stressfreieren Leben träumen (Ziel deutlich übertroffen)
– Daran denken, dass man mindestens bis zum 4. Januar den Leuten ein gutes neues Jahr wünschen sollte (Ziel zum ersten Mal überhaupt erreicht)

Nun ja, das eine oder andere Ziel haben wir verfehlt, aber im Grossen und Ganzen dürfen wir wohl ganz zufrieden sein mit unseren erfolgreichen Weihnachtsferien.

Prinzchen-Weisheit

Obschon er schon längst wüsste, wie es geht, macht das Prinzchen keine Anstalten, endlich von der Windel aufs WC zu wechseln. Und weil wir Eltern das Wickeln so langsam satt haben, hört unser Jüngster bei jedem Windelwechsel die Frage weshalb er denn nicht aufs WC gegangen sei. Seine Antwort bleibt stets die Gleiche: „Wenn ich muss, dann muss ich und wenn ich nicht muss, dann muss ich nicht.“ Was wohl stimmen mag, bloss, was hat diese Antwort mit unserer Frage zu tun?

Noch einmal die Windel-Diskussion. Das Prinzchen stellt fest, dass nur Babys Windeln brauchen. „Dann brauchst du ja jetzt keine Windeln mehr. Du bist nun wirklich ein grosser Junge“, sagt die Mama. „Ja, aber weisst du, Mama. Als ich in deinem Bauch war, war ich ein Baby und darum muss ich nicht aufs WC.“ Okay nicht ganz logisch, aber warum erzählt er eigentlich danach jedes Mal, dass der Zoowärter ein Töpfchen hatte, das Musik machte. Will er damit etwa sagen, dass er für einen gewissen Preis zum Grosswerden bereit wäre?

Samstagsmorgen, irgendwann zwischen acht und neun. Mama sollte ganz dringend noch einkaufen gehen, bevor sie um zehn zur Arbeit gehen muss und wie das so ist, wenn Mama nach einer schlechten Nacht ganz viel zu erledigen hat, fallen bald einmal die üblichen Sprüche: „Mist, ich komme bestimmt noch zu spät. Jetzt nicht auch das noch, sonst schaffe ich es wirklich nicht rechtzeitig. Prinzchen, kannst du mal den Papa wecken, sonst werde ich hier nie fertig.“ Anstatt den Papa wecken zu gehen, fragt das Prinzchen ganz erstaunt, wohin es denn heute gehen soll. „Du musst nirgendwo hin. Ich muss weg, aber du darfst zu Hause bleiben du Glücklicher. Doch jetzt muss ich mich wirklich beeilen…“ Das Prinzchen schaut die Mama nachdenklich an und meint: „Nur wenn man weggeht, muss man pressieren. Wenn man zu Hause bleibt, kommt man nicht zu spät.“ 

„Das wünsche ich mir, wenn ich an Weihnachten Geburtstag habe zu meinem Weihnachtsgeburtstag.“

 

 

 

Was ist hier falsch?

Nach sehr vielen Jahren war ich gestern mal wieder zu Besuch auf der Zeitungsredaktion. Redaktion, das waren damals, als ich noch dazugehörte, muffelige Büros, knarrende Holzfussböden, stinkende Aschenbecher, erste Digitalkameras (sündhaft teuer und unhandlich, aber dennoch der letzte Schrei) und – absolut fortschrittlich – eine eigene E-Mail-Adresse für jeden Mitarbeiter. Redaktion heute, das ist…nun, ihr glaubt doch wohl nicht, dass ich mich jetzt lächerlich mache, indem ich etwas zu beschreiben suche, was mir vollkommen fremd geworden ist. Newsroom nennt sich das ja heute und ich würde mich dort etwa ebenso gut zurecht finden wie in einer Auto-Werkstatt oder in einem Space Shuttle.

Wie ich mich in dieser fremden Welt so umsah, erzählten mir meine ehemaligen Berufskollegen von all den Veränderungen, die ihre Arbeit in den vergangenen Jahren erfahren hat. Im Allgemeinen könne man sagen, ihr Beruf sei deutlich hektischer geworden, fassten sie zusammen. Was sie mir beschrieben klang tatsächlich nach deutlich mehr Hektik als damals. Nichts mehr mit endlosen Fachsimpeleien über die treffendste Redewendung und den perfekten Titel, wie mir scheint. Die Musse, die wir damals für die Schreiberei für unabdingbar hielten, scheint ganz und gar verschwunden zu sein. Und doch sah ich in diesem Newsroom deutlich mehr Musse, als ich sie aus meinem Arbeits- und Familienalltag kenne. Wann denn bitte sehr, fand ich mitten am Tag die Zeit, mir ein Skirennen anzusehen? Nicht, dass ich das möchte, aber ihr wisst schon, was ich meine.

Nein, sie haben kein beschauliches Berufsleben, die Journalisten von heute. Nachdenklich stimmt mich aber das Gefühl, das mich überkam, als ich mich im Newsroom umsah: Wie durchgeknallt muss man denn sein, wenn man beim Anblick arbeitender Menschen an eine Wellness-Oase denkt?

Es lohnt sich doch

Im „Spiegel“ haben sie ja neulich geschrieben, eine Beziehung – vor allem eine Beziehung, die durch Kinder bereichert wird – könne nur überleben, wenn das Paar immer mal wieder Zeiten zu zweit erlebe. Und weil ich jedes Wort glaube, das im „Spiegel“ steht, haben „Meiner“ und ich uns heute eben zu einem Saunatag zu zweit aufgerafft.

Nein, Spass beiseite. Dass wir Tage zu zweit brauchen, wussten wir auch vor dem Artikel im „Spiegel“, einem Artikel übrigens, der vor Binsenwahrheiten nur so strotzte. Unsere Tage zu zweit waren uns auch vorher schon heilig. Nun gut, zuerst mussten ein paar sehr anstrengende Familienjahre ins Land ziehen, bevor wir erkannten, dass sich die Zeit zu zweit nich aufschieben lässt auf den ersten Schultag des letzten Kindes. Seither aber sind wir ziemlich konsequent geblieben mit dem Erkämpfen von Freizeit, auch wenn unsere Kinder nicht so recht glauben mögen, dass „Meiner“ und ich auch ohne sie Spass haben können.

Dass wir zwei heute Spaß haben könnten, hätte ich mir vor zwei Wochen auch nicht so richtig vorstellen können, auch wenn der freie Tag bereits eingeplant war. Aber so, wie „Meiner“ und ich uns gegen Ende Jahr wegen jeder Kleinigkeit in die Wolle gerieten, hegte ich ernsthafte Zweifel daran, dass wir es acht Stunden ohne Streit aushalten würden. Ein schräger Blick und schon waren wir wieder in irgend einen unsinnigen Konflikt verwickelt. Nicht, dass wir dabei laut geworden wären. Ich schmiss ihm auch keinen Blumenkohl an den Kopf, wie ich das in den Anfängen unserer Beziehung einmal hemmungslos auf offener Strasse tat. Oh nein, diesmal war es viel schlimmer: Es herrschte kalter Krieg und keiner von uns beiden wusste, ob das nächste falsche Wort dazu führen würde, dass aus dem kalten ein heisser Krieg wird. Kalter Krieg, das bedeutet zum Beispiel, dass ich fein säuberlich die Grünabfälle vom Rest trenne und „Meiner“ kippt sie in einem unbeobachteten Moment in den gewöhnlichen Abfallsack. Oder „Meiner“ hört sich Jovanotti an, um sich die Putzerei erträglich zu gestalten und ich ziehe den Stecker des CD-Players, anstatt meinen Mann höflich zu bitten, doch bitte die Musik etwas leiser zu stellen, weil sie meine Kopfschmerzen stört. Wir tun das nicht mit dem erklärten Ziel, einander zu nerven, wir finden einfach, der andere setze mal wieder ganz falsche Prioritäten und müsse in die Schranken gewiesen werden. Eine Art von Geringschätzung, wenn auch eher subtil.

Warum diese Spannungen, mag man sich fragen. Weder er noch ich hatten nämlich etwas Schwerwiegendes getan, was unserer Beziehung hätte schaden können. Weder er noch ich hatten unsere Ehe satt. Es war schlicht und einfach der FamilienArbeitsVorweihnachtsHaushaltsDezemberbluesIchbrauchedringendferien-Alltag, der uns dazu trieb, nicht mehr zu spüren, wie sehr wir einander auch im vierzehnten Ehejahr noch lieben. Es war genau diese banale Wahrheit, die in jedem Eheratgeber und natürlich auch im oben erwähnten Artikel steht: Zuviel Alltag und zu wenig Feiern bekommt keiner Ehe gut. Und darum hatte der Entscheid, die Badetasche zu packen und die Kinder den Betreuerinnen anzuvertrauen tatsächlich etwas von „sich aufraffen“ an sich. Denn wer will schon mit einer nörgelnden Ehefrau (oder mit einem genervten Ehemann) eine entspannende Zeit verbringen?

Natürlich hat sich das Aufraffen gelohnt, denn so ganz ungestört vom Alltags-Theater, wenn die nörgelnde Ehefrau und der genervte Ehemann mal endlich die Klappe halten, sieht man plötzlich wieder, wie schön es doch eigentlich ist, jemanden zu haben, der das Ganze mit einem durchsteht.

Lucy kann’s

Ein wenig neidisch bin ich ja schon. Wenn ich nach dem Mittagessen sage: „Kinder, räumt bitte den Tisch ab, putzt euch die Zähne und dann machen wir alle eine Pause“, dann tut keiner nur den kleinsten Wank. Wenn aber Lucy mit breitem Amerikanischem Akzent sagt: „Kiddies, ic mochte, dass ihr jetst gleic die Tisch abraumt, die Säne burstet und dann machen wir alle eine kleine Break“, dann ist sofort alles auf den Beinen, um zu tun, was Lucy von ihnen erwartet. Klage ich: „Kinder, seid bitte etwas leiser. Ich habe so schreckliche Kopfschmerzen“,geht das Geschrei in der gleichen Lautstärke wie zuvor weiter. Wenn aber Lucy jammert „Ic habe so eine furchterliche Headache ic kann euer Gebrull nict mehr langer ertragen“, dann herrscht plotzlic, äähm, ich meine natürlich plötzlich, absolute Stille.

Noch erstaunlicher ist, welche Wirkung Lucy auf „Meinen“ hat. Er, der weder Gerlinde, noch Rosa Müller noch Maggie leiden kann, liegt Lucy zu Füßen. Ach so, ich muss vielleicht noch erklären, wer Gerlinde, Rosa Müller und Maggie sind. Die drei schauen regelmäßig bei uns vorbei. Gerlinde, die raubeinige Arbeitsimmigrantin aus Deutschland, beschimpft unsere Kinder bei jeder Gelegenheit als „kleine Rotznasen“, motzt über die Schweizer Küche und ist bei unseren Kindern dennoch erstaunlich beliebt. Rosa Müller lebt im nahen Altersheim und verirrt sich hin und wieder an unseren Mittagstisch, wo sie sich über ihre missratenen Kinder und die knausrige Heimleitung auslässt. Nichts ist ihr gut genug und doch betteln die Kinder immer und immer wieder: „Mama, wann kommt endlich Rosa wiedermal?“. Maggie, die erst seit Kurzem mit uns verkehrt, ist ein unausstehlicher Snob. Sie prahlt mit ihren Shopping-Exzessen und mit ihren Jet-Set-Bekannten. Durch und durch unsympathisch, aber auch sie äußerst beliebt bei den Kindern, nicht aber bei „Meinem“ und mir.

Gestern dann ist vollkommen aus dem Nichts Lucy aufgetaucht, stellt alle ihre Vorgängerinnen in den Schatten und erobert das Herz meiner Familie im Sturm. Und das alles nur, weil sie einen amerikanischen Akzent hat und so unglaublich fröhlich ist, dass man sie einfach gern haben muss. Lucy muss nur den Mund aufmachen, schon werden alle ganz freundlich und kooperativ, das Zusammensein am Mittagstisch wird plötzlich zur reinsten Freude. Sie schafft mit Links, was ich so oft vergeblich versuche.

Ich bin wirklich versucht, neidisch zu werden, aber wenn ich mir es recht überlege, muss ich mich wohl eher über mich selber ärgern. Hätte ich Lucy nämlich früher erfunden, unser Familienleben wäre schon längst viel friedlicher. Auf der anderen Seite wäre es auch furchtbar langweilig, immer nur die fröhliche Lucy zu sein, denn ein wenig kratzbürstige Gerlinde und ein wenig nörgelnde Rosa Müller steckt ja auch in mir drin. Nur woher Maggie, diese Nervensäge, kommt, kann ich mir beim besten Willen nicht erklären.

Schreib mal drüber

„Meiner“ hat mir heute im Brockenhaus zwei riesige Pinnwände besorgt, damit ich mit meiner Ideensammlung loslegen kann. Das neue Jahr bringt nämlich neue Aufgaben mit sich. Eine neue Kolumne, einen oder zwei neue Blogaufträge, einen Schreibauftrag für ein Geschäft und dann noch eine Handvoll eigener Ideen, die ich endlich umsetzen möchte. Damit meine Ideen für die verschiedenen Aufgaben nicht im Putzkessel ersaufen oder von den Kindern versehentlich zu Tode getrampelt werden, soll alles fein säuberlich notiert und nach Themen getrennt aufgehängt werden. Damit ich an meinem Schreibtag frisch drauflos schreiben kann, so, wie ich es mir stets erträumt hatte.

Zu dumm nur, dass ich heute nicht nur meine Pinnwände geliefert bekam, sondern auch eine gigantische Schreibblockade, gepaart mit dem altbekannten „Ich kann doch überhaupt nicht schreiben und ich werde bestimmt alle enttäuschen“-Gejammer. Zum Glück habe ich noch meinen Blog, denn wie ich schon mehrmals erlebt habe, hilft nichts so gut gegen Schreibblockaden, wie darüber zu schreiben. Mal sehen, ob es auch dieses Mal wirkt. 

 

War das ein Jahr?

Wie es sich gehört, halte auch ich in diesen etwas ruhigeren Tagen Rückschau auf das Jahr, das schon bald nichts mehr ist ausser ein paar Erinnerungen. Und genau bei diesen Erinnerungen hapert es diesmal ganz gewaltig. Nun gut, da gibt es schon den einen oder anderen denkwürdigen Moment – Spaziergänge durch Prag mit der ganzen Horde, Rigoletto im Avenches mit Karlsson, der Einzug von Leone und Henrietta, entspannende Tage im Piemont, die Aufführung von „Leone & Belladonna“ – aber sonst ist mir nichts geblieben als das Gefühl, dass mir das Leben stets mindestens drei Schritte voraus war und ich verzweifelt versuchte, doch noch alles in Griff zu bekommen.

Dieses Gefühl zog sich wie ein roter Faden durch alles, was ich in diesem Jahr erlebte, angefangen jeweils am Morgen, wenn ich eigentlich etwas früher zur Arbeit hätte gehen wollen, es aber wieder nur gerade rechtzeitig schaffte, weil das Prinzchen die Windel voll hatte. Oder am Mittag, wenn ich mir so fest vornahm, nicht erst zu Hause anzukommen, wenn alle anderen bereits am Tisch sassen und es dann doch wieder nicht fertig brachte, weil ich noch dieses und jenes „nur schnell“ erledigen wollte.

Dieses Gefühl hatte ich aber nicht nur in den kleinen Banalitäten des Alltags, ich litt überhaupt darunter. Da wollte ich nichts lieber, als endlich einmal die blühenden Bäume geniessen und musste feststellen, dass aus den Blüten bereits Früchte geworden waren. Ich freute mich auf gemütliche, laue Sommerabende mit „Meinem“ und merkte erst als ich endlich draussen saß, dass der Sommer vorbei war. Ich schwor mir, dass „ab nächster Woche“ alles anders, alles ruhiger, alles geordneter würde und wurde dann doch wieder mitgerissen von einer Welle von Aufgaben und Verpflichtungen, die ich in diesem Ausmass nicht vorhergesehen hatte.

Jetzt, wo dieses Jahr fast zu Ende ist, erkenne ich erst, wie ausgelaugt und müde ich bin, wie weit ich mich entfernt habe von dem, was ich mir eigentlich unter Leben vorstelle. Nein, ich träume nicht vom süßen Nichtstun, das wäre mir zu öde. Aber etwas mehr Ausgewogenheit, ein gesünderer Wechsel von Aktivität und Ruhe und vor allem das Gefühl, dass ich mehr oder weniger überschauen kann, was in mir drin und um mich herum geschieht, das alles wünsche ich mir.

Oh nein, ich erwarte nicht, dass in drei Tagen, wenn das neue Jahr beginnt, alles anders sein wird, so naiv bin ich dann doch wieder nicht. Aber ich werde alles daran setzen, das Schiff wieder in ruhigere Gewässer zu steuern. Und weil ich weiss, dass mir nach diesem aussergewöhnlich anstrengenden Jahr die Kraft dazu fehlt, bete ich schon mal fleißig für günstigen Wind.