Bremsweg

Es sind die ganz banalen Alltagsdinge, die dir bewusst machen, dass das Lebenstempo langsam wieder etwas erträglicher wird. Ein paar Beispiele gefällig? 

Nun, da wäre zum Beispiel die Mailbox, die nicht mehr so voll ist, weil du endlich mal wieder die Zeit gefunden hast, all die unerwünschten Werbemails zu stoppen. Oder die Tatsache, dass du den Lohn der Putzfrau endlich wieder pünktlich bezahlen kannst, weil du wieder die Zeit findest, dich fünf Minuten hinzusetzen, um den Betrag und die Sozialabzüge auszurechnen. Ach ja, dabei ist es übrigens auch ganz nützlich, zwei volle Druckerpatronen im Drucker zu haben, damit du die Lohnabrechnung ausdrucken kannst. Und siehe da: Es hat Tinte im Drucker. Zum ersten Mal seit etwa drei Monaten wieder. Auch so ein Anzeichen, dass es wieder besser wird, sind die Rechnungen. Wenn die Mahnungen seltener werden, weil du endlich wieder so viel Ordnung halten kannst, dass nicht ständig Einzahlungsscheine verloren gehen, dann weisst du, dass du den Alltag so langsam aber sicher wieder im Griff hast. Natürlich ist es auch beruhigend, dass du den Kühlschrank wieder füllen kannst, ohne auf das ganz praktische, aber sehr abfallintensive Online-Shopping zurückgreifen zu müssen. Schliesslich ist es auch ganz nett, dass du für WC-Papier, Küchenrollen, Paketschnur und Briefmarken einfach nur in den nächsten Schrank greifen kannst und nicht mehr nahezu panisch kurz vor Ladenschluss in die Migros hetzen musst und dabei Kinderwagen überfährst , bloss weil du mal wieder keine Zeit hattest, ans Naheliegendste zu denken. Und das untrüglichste aller Zeichen, dass das Leben wieder etwas beschaulicher wird: Der Terminkalender füllt sich wieder mit Terminen, auf die du dich freust – Gäste, Ausflüge, eine Freundin zum Kaffee, Sommerferien, freie Abende. 

Nun ja, es gibt da natürlich auch noch vereinzelte Anzeichen, die darauf schliessen lassen, dass das Tempo durchaus noch mehr gedrosselt werden sollte. Vergessene Arzttermine zum Beispiel, oder die Tatsache, dass wir schon wieder keine Abfallsäcke mehr im Haus haben, oder das Problem der Wäsche, die inzwischen zwar wieder regelmässig gewaschen wird, die aber den Weg in die Schränke noch immer nicht von selbst findet. Aber davon solltest du dich nicht allzu sehr verunsichern lassen. Der Bremsweg ist nun mal länger, je schneller man unterwegs war.

 

Schlaf-Fragen

Heute Nachmittag tauchte ich mal wieder trotz Mittagsschlaf laut gähnend auf dem Fussballplatz auf, wo ich Luise abholen musste, die sich dummerweise zu diesem Fussballturnier angemeldet hat, obschon sie gar nicht gern Fussball spielt. Eine Bekannte, die mein Gähnen bemerkte,  meinte, es würde wohl einige Monate dauern, bis ich mein über Jahre angehäuftes Schlafmanko wieder abgebaut hätte. Ich gähnte ein weiteres Mal, murmelte etwas von „wird wohl etwas länger als ein paar Monate dauern“, vergass die Sache wieder und ging mit Luise nach Hause, wo ich alsbald wieder einschlief. Und dann, als ich zwei Stunden später das Prinzchen zu Bett brachte, übermannte mich der Schlaf ein weiteres Mal. 

Jetzt, wo ich wieder halbwegs wach bin, treibt mich die Sache mit dem Schlaf, die ich nachmittags so dämmerig zur Seite geschoben habe, wieder um: Kommt zwischen der Kleinkinderzeit und der Zeit der durchwachten Nächte, weil die Teenager noch nicht zu Hause sind, eine Erholungsphase, oder muss ich davon ausgehen, dass es nahtlos so weiter geht mit zu wenig Schlaf? Lässt sich verpasster Schlaf überhaupt je nachholen, oder hatte meine Schulkameradin Recht, die vor Jahren jeweils verkündete, nachschlafen sei unmöglich? Wird in meinem Leben je wieder eine Zeit kommen, in der ich nicht müde bin, oder lässt man den seligen Zustand des Ausgeschlafenseins ein für alle Mal hinter sich, sobald man kein Baby mehr ist, das immer und überall schlafen kann, egal, wie laut und stürmisch es rundherum zugeht? Werde ich am Ende meines Lebens seufzend im Lehnstuhl sitzen und sagen „Hätte ich doch bloss mehr geschlafen“? 

Noch mehr als all die Fragen, treibt mich aber diese um: Darf man samstags um Viertel nach zehn zu Bett gehen, wenn man morgens bis neun in den Federn gelegen hat und sich auf den Tag verteilt drei Nickerchen gegönnt hat, oder ist man ein unersättlicher Gierhals, wenn man einem Tag mit so viel Schlaf so früh ein Ende setzt?

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Danke, ich liebe euch auch

So sehr ich meine Familie vergöttere, an Tagen wie heute könnte ich sie alle auf den Mond schiessen. Nicht für immer natürlich. Nein, nur gerade so lange, bis sie spüren, wie öde ihr Leben ohne mich wäre. Da komme ich heute Mittag gut gelaunt von der Arbeit nach Hause und wen treffe ich an? Einen jammernden Zoowärter, der eben erst voller Stolz sein Kindergartentäschchen ausgepackt hat und sich schon wieder lautstark darüber beklagt, er würde nie etwas geschenkt bekommen. Eine genervte Luise, die keine Lust hat, Tomaten-Orangen-Suppe zu essen und die eingeschnappt ist, dass ich nicht sogleich mit ihr zum Einkaufszentrum fahre, um einen Schlafsack für die Schulreise nächste Woche zu kaufen. Das Kind schiebt doch allen Ernstes mir die Schuld am Regen in die Schuhe. Dieser böse Regen, der „Meinen“ dazu zwingt, mit dem Auto zur Arbeit zu fahren, weshalb Luise nicht ins Einkaufszentrum kutschiert werden kann.

Mit einer mies gelaunten Luise und einem klagenden Zoowärter könnte man ja zur Not noch klarkommen. Dazu kommt aber noch ein lautstarkes Prinzen- Gezeter  – worum es ging, habe ich vergessen, ich weiss nur noch, dass auch diesmal ich die Schuldige war – ein kranker FeuerwehrRitterRömerPirat, der zwar allen Grund hatte zum Jammern, dessen Gejammer aber vom Gemotze der anderen übertönt wird, so dass er schreien und toben muss, bis ich ihn endlich höre. Irgendwie bringe ich es auch noch fertig, Karlsson wütend zu machen, „Meiner“, der momentan nicht gerade fit ist, sagt kaum ein Wort und die Laune des Au Pairs ist auch eher auf der düsteren Seite.

Da sitze ich also, einsam und gut gelaunt und frage mich, ob denn in dem ganten Haufen von Menschen nicht wenigstens einer ist, der mit mir lachen mag. So ähnlich wie an jenen Festen, an denen alle anderen betrunken sind, du selber aber stocknüchtern. Einfach umgekehrt natürlich. Dieses ganze mies gelaunte Gehabe meiner Familie treibt mich dazu, sie auf den Mond schicken zu wollen, was aber bekanntlich nicht geht. Also kommt nur noch die zweitbeste Lösung in Frage: Mitschmollen. Denn alleine gut gelaunt sein macht einfach keinen Spass.

Aufwachen, Mama!

2001: Mama Venditti, vor wenigen Monaten erst Mama geworden, liest in der Tageszeitung, dass Jugendliche sich immer öfter bis zum Umfallen besaufen. „Auf jedes Extrem folgt ein Gegenextrem“, denkt sich Mama Venditti. „Bis Karlsson in dem Alter ist, wird saufen unter den Jugendlichen total out sein.“

2003: Mama Venditti liest, dass die Verbreitung jeder erdenklichen Schweinerei unter Jugendlichen dank Internet und Handy erheblich zugenommen hat. „Bis meine Kinder in dem Alter sind, wird man bestimmt für einen besseren Kinder- und Jugendschutz sorgen“, beruhigt sie sich selber. 

2005: Mama Venditti schaut sich eine Statistik an, die belegt, dass sich Mädchen immer öfter masslos betrinken, weil die süssen Mixgetränke ihren Geschmack genau treffen. „Bis Luise so gross ist, sind diese zuckersüssen Versuchungen bestimmt längst verboten“, murmelt sie vor sich hin.

2007: Mama Venditti erfährt, dass Cannabis für viele Jugendliche einfach dazugehört. „Was jetzt normal ist, wird in ein paar Jahren völlig veraltet sein“, beruhigt sie sich. 

2009: Mama Venditti liest einen Artikel, in dem steht, dass Jugendliche immer leichter an harte Drogen herankommen. „Bis meine Kinder in dem Alter sind, wird man viel härter durchgreifen“, hofft sie.

2011: Mama Venditti sitzt in einem Vortrag über Rauschtrinken und wird sich gewahr, dass a) die jüngsten Kinder, die in der Statistik erfasst sind, nicht erheblich älter sind als ihre eigenen und dass b) die Gefahren für Kinder und Jugendliche nicht ab- sondern zugenommen haben. Nicht, dass sie je allen Ernstes an ihre eigenen kläglichen Beruhigungsversuche geglaubt hätte, aber ein wenig mulmig wird ihr schon, wenn sie sich eingestehen muss, dass die Schonzeit wohl bald vorbei ist. Eines aber beruhigt sie dennoch: Die Referentin weist darauf hin, dass gute Beziehungen innerhalb der Familie Vieles verhindern helfen. Mama Venditti denkt sich, dass bei Vendittis im Alltag zwar fast alles anders läuft als im Erziehungsratgeber, dass aber kaum ein Tag vergeht, an dem nicht auf die eine oder andere Art – mal mit Loben und Unterstützen, dann wieder in einem lautstarken Streit, der in einer liebevollen Versöhnung endet –  an den Beziehungen gearbeitet wird.

Kinderwagen Nummer 8

Ganz ehrlich, das Kapitel Kinderwagen hatte ich abgeschlossen. Klar, ich zerbrach mir den Kopf darüber, wie wir das im Sommer in Prag machen würden und wäre das Prinzchen am Sonntag mit uns geströmt, als wir auszogen, die Atomenergie zu vertreiben, ich hätte mir einen Wagen aus dem Familienzentrum ausleihen müssen. Aber noch einmal einen kaufen? Nein, das wäre nicht in Frage gekommen. Jetzt sind andere Dinge dran: Die Kaffeemaschine zum Beispiel, oder mal wieder ein Coiffeurbesuch, oder ein Velo für den FeuerwehrRitterRömerPiraten. Man kann doch nicht immer alles Geld für neue Kinderwägen ausgeben. 

Dennoch wird morgen früh das Prinzchen mit Kinderwagen Nummer 8 in die Krippe fahren, anstatt auf meinen Schultern zu thronen. Meine Mutter hatte Erbarmen mit dem Prinzchen – oder vielleicht auch mit mir, weiss sie doch, wie schwer sich der Körper nach ein paar Schwangerschaften damit tut, kleine Kinder zu schleppen – und so kaufte sie heute kurz entschlossen Kinderwagen Nummer 8 für uns. Und das Schönste daran ist: Ich brauche nicht mal ein schlechtes Gewissen zu haben deswegen, denn zwei Franken sind wahrlich kein überrissener Preis für den Kinderwagen, der dereinst auch unseren Enkelkindern als Kutsche dienen wird.

Vorausgesetzt, ich überfahre das Ding nicht…

Das Prinzchen im Interview

Sag‘ mal, Prinzchen, wie findest du es eigentlich, dass deine Mama fast jeden Morgen zur Arbeit geht?

Das ist jeden Tag ein wenig anders. Am Donnerstag zum Beispiel, da finde ich das völlig okay, denn dann nimmt sie mich mit und liefert mich in der Krippe ab. 

Und an den anderen Tagen?

Na ja, das kommt darauf an, ob der Zoowärter schon wach ist, wenn ich aus dem Bett komme. Schläft er noch und die Mama geht weg, dann finde ich das ganz schrecklich. Ist er schon wach und so gut aufgelegt, dass er bereit ist, bei jedem Mist, den ich mir ausdenke, mitzumachen, bin ich ganz froh, wenn die Mama endlich geht und uns mit dem Au Pair alleine lässt. Au Pairs sind im Allgemeinen weniger streng als Mamas und deshalb kann man ihnen viel besser auf der Nase herumtanzen.

Vorhin hast du erwähnt, dass du es an manchen Tagen ganz schrecklich findest, dass die Mama geht. Was tust du denn, um sie zurückzuhalten?

Zuerst einmal stelle ich mich ihr in den Weg und jammere, dass ich auch mitgehen will. Geht sie darauf nicht ein, klammere ich mich an ihrem Bein fest. Gelingt es ihr, mich sanft von ihrem Bein zu lösen – abschütteln würde sie mich nie – renne ich ihr hinterher und heule was das Zeug hält. Meist kommt sie dann noch einmal zurück und umarmt mich, doch dann geht sie trotzdem ohne mich. Meist allerdings erst, nachdem das Au Pair ihr gesagt hat, sie solle gehen, ich würde mich dann schon wieder beruhigen. Ich glaube, wenn das Au Pair nicht wäre, hätte die Mama aus lauter Mitleid mit mir ihren Job schon längst wieder geschmissen.

Was tust du denn in der Zeit, in der die Mama nicht zu Hause ist?

Nun, das ist ganz unterschiedlich. Meistens versuche ich, die Zeit sinnvoll zu nutzen. Ich teste, wie leicht sich die Tasten aus dem Klavier reissen lassen, probiere aus, wie sich blaue Kreide auf braunem Holzboden macht oder schmeisse Blumentöpfe vom Balkon, um herauszufinden, was mit ihnen geschieht, wenn sie landen.

Ich bin mir sicher, dass deine Mama unglaublich stolz auf ihren kleinen Jungen ist, der schon so viel mit seiner Zeit anzufangen weiss.

Tja, meine Mama sieht das leider etwas anders als du. Gewöhnlich ist sie nicht gerade erfreut über meine Leistungen. Noch schlimmer ist übrigens der Papa. Der liegt mir drei Wochen nach dem Vorfall mit dem Klavier noch immer mit seinem Gejammer in den Ohren, er sei sehr traurig, dass das Instrument nicht mehr alle Tasten hat. Also ich merke ja keinen Unterschied beim Klavierspielen, für mich lässt sich genau gleich herrlich in die Tasten hauen wie vorher. 

Zurück zu deiner Mama: Ich habe gehört, du hättest dir einen neuen Trick einfallen lassen, um ihr schlechtes Gewissen, dass sie morgens jeweils zur Arbeit geht, noch etwas zu verstärken…

Davon hast du schon gehört? Die Gerüchte verbreiten sich aber schnell hierzulande. Nun, mein Trick ist eigentlich ganz simpel: Ich lege mich abends wie gewohnt schlafen und beginne irgendwann leise zu wimmern. Irgendwann steigere ich das Wimmern zu einem lauten Weinen und dann, wenn Mama und Papa angerannt kommen, heule ich unablässig „Ich will auch mit!“. Um dem Ganzen etwas mehr Dramatik zu verleihen, mache ich das alles im Halbschlaf, so dass Mama und Papa spüren, dass mein Schmerz aus tiefster Seele kommt. 

Und, wie wirkt das auf deine Mama?

Sensationell! Als ich wieder in den Schlaf zurückdriften wollte, hörte ich, wie die Mama zum Papa gesagt hat, ich würde wohl sehr leiden darunter, dass sie viermal die Woche morgens zur Arbeit geht. Was sie zwar gehört hat, aber ihrem Gewissen nicht weitergeleitet hat: Dass ich im Halbschlaf noch gemurmelt habe, ich möchte mit dem Papa mitgehen. Grundsätzlich habe  ich nämlich gar kein Problem damit, dass sie zur Arbeit geht. Hin und wieder heule ich zwar, aber ich weiss ja auch, dass sie jeweils bald wieder zurückkommt und mich dann noch mehr hätschelt als gewöhnlich. Aber ich glaube, sie hat ein Problem damit, mich zurückzulassen und darum reichen ein paar Tränen von mir aus, um sie wieder in tiefste Zweifel zu stürzen, ob sie mir das zumuten kann. 

Nachlese

Okay, ich geb’s ja zu, die Nachwehen von der gestrigen Demo sind nicht nur positiv. So musste ich zum Beispiel mit Bedauern feststellen, dass es der Sonne völlig egal ist, ob man sich dafür einsetzt, dass sie mehr Strom produzieren darf. Sie brennt einem dennoch gnadenlos auf den Kopf und so trage ich heute voller Stolz einen verbrannten Scheitel zur Schau. Ausserdem musste ich heute beim Zwischendurcheinkauf feststellen, dass sechs Kilometer Menschenstrom ganz schön in die Beine gehen, auch wenn man sie im Schneckentempo zurückgelegt hat. Und schliesslich musste ich auch noch erkennen, dass der Kampf um die Fahne noch längst nicht ausgestanden ist, auch wenn die Kinder sie jetzt nur noch in der Wohnung oder auf dem Balkon – wenn die Ratte mal zufällig nicht da ist – schwingen können. 

Dennoch würde ich sagen, dass der gestrige Tag in meinem Mikrokosmos als Erfolgserlebnis abzubuchen ist. Erstens mal, weil ich gestern, kaum zu Hause angekommen, Solarstrom für iPad und E-Bike bestellt habe. Man kann doch nicht weiter hemmungslos Atomstrom beziehen, wo man einen ganzen Tag lang dagegen geströmt ist. Ein weiterer Erfolg: Luise war nun doch ziemlich stolz, dass sie dabei war, als sie sah, dass das gestrige Grossereignis heute in allen Zeitung gross aufgemacht war. Seit der Prinzenhochzeit ist sie nämlich eine eifrige Zeitungsbetrachterin geworden – sie hofft auf weitere märchenhafte Bilder von Kate und William – und nun findet sie es plötzlich sehr beeindruckend, wenn sie sagen kann: „Da waren wir auch!“ Wo es doch sonst fast nur Prinzen und Prinzessinnen in die Zeitung schaffen. Der grösste Erfolg aber war, dass heute die Kindergärtnerin nicht angerufen hat. Nicht, dass sie uns jeden Tag anrufen würde, aber nachdem der FeuerwehrRitterRömerPirat heute voller Stolz die Anti-AKW-Fahne zum „Zeigitag“ in den Kindergarten brachte, rechnete ich mit einer Ermahnung wegen politischer Indoktrinierung kleiner Kinder. Und dass diese Ermahnung ausgeblieben ist, lässt mich hoffen, dass sich die Zeiten vielleicht doch allmählich ändern und dass Anti-Atom so langsam salonfähig wird.

Von Brausetabletten und anderen Banalitäten

Mama Venditti sitzt auf dem Sofa, starrt ins Leere und man könnte meinen, sie würde mal wieder nichts tun. Was natürlich keineswegs stimmt, denn wenn es so aussieht, als würde Mama Venditti nichts tun, dann schreibt es in ihrem Kopf. Nur noch ein paar Momente, dann wird sie sich an den Computer setzen und in die Tasten hauen, was sie sich eben gerade ausgedacht hat. Manchmal aber – in letzter Zeit ziemlich oft – kommt es vor, dass sich der Innere Kritiker zu ihr gesellt, kaum sitzt sie auf dem Sofa und starrt ins Leere. Und dann geraten die zwei sich ins Gehege, die Mama Venditti und der Innere Kritiker:

IK: Was willst du denn heute wieder schreiben?

MV: Nun, ich überlege mir gerade, ob ich vielleicht darüber schreiben soll, dass „Meiner“ und ich uns manchmal wie Brausetabletten verhalten, die….

IK, unterbricht: Wie Brausetabletten? Wie kommst du auf so eine absurde Idee?

MV: Das ist keine absurde Idee. Ich will nur erklären, dass „Meiner“ und ich jeweils keine Grenzen mehr setzen, wenn wir eine Möglichkeit sehen, uns für eine gute Sache einzusetzen. Wir lösen uns dann beinahe auf in der Sache. Genau wie Brausetabletten eben.

IK: Und das soll einer verstehen?

MV: Aber klar. Ich will doch nur darauf hinaus, dass es zwar gut und recht ist, sich für etwas einzusetzen, dass es aber für eine Familie ziemlich belastend werden kann, wenn die Eltern unfähig sind, ihren Idealismus in die Schranken zu weisen.

IK: Das interessiert doch keinen. Das sind eure ganz persönlichen Probleme und auch wenn du dir noch so sehr einredest, bei anderen wäre das ganz ähnlich und du könntest vielleicht dem einen oder anderen Leser einen Gedankenanstoss geben, am Ende werden doch alle den Kopf schütteln ob deines absurden Vergleichs. Brausetabletten, pffff….

MV, schmollt eine Weile, meint dann aber: Vielleicht hast du ja Recht. Das will wohl wirklich niemand lesen. Aber erinnerst du dich noch an meinem Text mit dem Spielplatz? Ich könnte ja darüber schreiben, dass „Meiner“ und ich es noch immer nicht geschafft haben, die Wippe zu verlassen, dass wir immer noch damit beschäftigt sind, einander gegenseitig wieder aufzupäppeln, wenn einer von uns mal wieder unsanft gelandet ist.

IK: Schon wieder „Deiner“ und du. Glaubst du denn wirklich, eure Partnerschaft sei so interessant, dass man darüber lesen möchte?

MV: Nun, vielleicht erkennt sich ja der eine oder andere wieder in dem, was ich hier schreibe.

IK: Ach ja, natürlich. Die Leute werden sich in deinem Geschreibsel wiedererkennen. Du glaubst doch nicht im Ernst, dass es noch andere gibt, die gleich ticken wie ihr zwei?

MV: Okay, dann schreibe ich eben nicht über „Meinen“ und mich, wenn du denkst, dass das die Leute so sehr langweilt. Dann nehme ich halt die Sache mit dem Vertrag, den die Kinder nicht eingehalten haben. Du weisst, dieser Fackel mit dem Versprechen, dass sie in Zukunft jeden Tag ohne Gemecker eine Viertelstunde aufräumen werden. Gestern Abend haben Karlsson und der FeuerwehrRitterRömerPirat doch tatsächlich ihre Unterschriften auf dem Dokument wieder durchgestrichen, damit sie sich nicht an den Vertrag halten müssen.

IK: Darüber kannst du natürlich schon schreiben, wenn du unbedingt deine Unfähigkeit als Mutter vor aller Welt breitschlagen möchtest. Ich finde es ja eher beschämend, dass du es nicht fertig bringst, deinen Kindern ein wenig Sinn für Ordnung beizubringen. Aber wenn es dir nichts ausmacht, Tag für Tag über die gleichen Banalitäten zu schreiben und dich dabei zum Affen zu machen, nur zu! Ich will dir nicht im Wege stehen.

MV, leicht verunsichert: Meinst du wirklich, dass ich mich zum Affen mache?

IK: Aber klar doch. Wenn du mich fragst, dann hast du alles, was in deinem Leben überhaupt erwähnenswert ist, schon längst in irgend einem mittelmässigen Text verwurstet. Demnächst wirst du wohl damit anfangen, über den Inhalt der Prinzchen-Windel zu berichten.

MV: Dann soll ich vielleicht heute gar nichts schreiben? Und morgen auch nicht? Und übermorgen auch nicht?

IK: Das wäre wohl das Beste, aber so, wie ich dich kenne, wirst du schon bald wieder an deinem Bürotisch sitzen und Banalitäten ausbrüten.

MV, zu sich selber: Vielleicht sollte ich das mit dem Schreiben vielleicht wirklich lassen. Zumindest heute. Morgen kann ich ja darüber schreiben, wie sehr mir dieser Innere Kritiker zuweilen zusetzt….

IK, zu sich selber: Natürlich, jetzt soll ich wieder dran Schuld sein, wenn sie nicht schreibt. Als ob nicht sie diejenige wäre, die mit solch hirnverbrannten Ideen kommt, dass man sie einfach kritisieren muss. Brausetabletten! Hat man schon einmal so etwas Bescheuertes gehört?

Was ist hier falsch?

In der Theorie sollte das Ultraschallgerät

a) Ratten und andere Nager vertreiben

b) Für Menschen unhörbar sein

c) Andere Tiere nicht vertreiben

In der Realität sieht die Sache etwas anders aus denn 

a) hält es das Au Pair keine Sekunde mehr auf dem Balkon aus, weil sie die für Menschen angeblich nicht hörbaren Töne sehr wohl hören kann

b) sind sämtliche Spatzen, die uns so viel Freude bereitet haben, zuerst beinahe durchgedreht und dann spurlos verschwunden und 

c) lässt sich das Rattenvieh von dem lästigen Gerät nicht im Geringsten stören, sondern treibt sich seelenruhig weiter auf unserem Balkon rum.

Da gibt es nur noch eins: Der Kammerjäger muss kommen. Und zwar sofort. Denn inzwischen ist das Rattenvieh so wohlgenährt, dass auch zehn ausgewachsene Katzen nicht mit ihm fertig werden könnten.

Berufswunsch: Kind

„Nur mal schnell zur Post und danach noch ein paar Joghurts einkaufen.“ Was so einfach tönt, wird mit dem Zoowärter und dem Prinzchen zu einem neunzigminütigen Abenteuerspaziergang mit Balancieren auf hohen Mauern, mit Schrecksekunden am Fussgängerstreifen, mit Diskussionen über die Frage, weshalb Rosen und Brombeerranken überhaupt Dornen haben und natürlich mit unzähligen „Nun kommt doch endlich! Der Papa wartet zu Hause“ und „Nein, Jungs, wir müssen hier durch und passt bitte auf, da vorne ist ein Auto.“ Stress pur also, aber wenn sich dabei der folgende Dialog über des Zoowärters berufliche Zukunft entspinnt, hat sich der Aufwand mehr als gelohnt:

Der Zoowärter findet am Wegrand einen Stecken. Anfangs ist es ein ganz gewöhnlicher Stecken, dann ein Wanderstab und schliesslich wird er zum Hirtenstab. „Den brauche ich dann später einmal, wenn ich für meine Schafe sorgen will“, erklärt mir der Zoowärter. „Dann willst du also später einmal Schafhirte werden?“, frage ich meinen Zweitjüngsten. Der Kleine bejaht, erinnert sich dann aber wieder an seinen Polizisten-Pyjama, den er heute bekommen hat- oder „übergschänkt“, wie das Prinzchen sagen würde. „Nein, ich will nicht Schafhirte werden“, sagt er nachdenklich. „Ich werde Polizist und dann kann ich den Stecken ja auch gebrauchen.“ Vor meinem inneren Auge ziehen Schreckensbilder auf  von Polizisten, die auf Demonstranten einknüppeln. Nicht, dass ich grundsätzlich etwas gegen Polizisten hätte, aber woran soll ich denn sonst denken, wenn mein Sohn mir erklärt, dass er als Polizist einmal seinen massiven Holzknüppel gebrauchen will? Während ich mir noch überlege, ob ich dem Zoowärter das mit der Karriere bei der Polizei ausreden soll, sagt er entschlossen: „Nein, ich glaube, ich will doch nicht Polizist werden. Ich will lieber für immer ein Kind bleiben.“

Hach, was bin ich stolz auf meinen Sohn! Lässt einfach so, an einem heissen Mittwochnachmittag mitten im Verkehrslärm und ohne gross zu überlegen einen Spruch raus, der das Herz einer jeden erwachsenen Romantikerin wärmt. Ein Satz für’s Bilderbuch, findet ihr nicht auch?

Und stellt euch nur vor, wie ich mich mit ihm dereinst im Altersheim werde brüsten können, wenn meine Freundinnen mit der glanzvollen Karriere ihrer Kinder prahlen. „Meine Tochter, die Bundesrätin, ist ja so unglaublich beschäftigt. Aber sie nimmt sich immer Zeit, mir eine Postkarte zu schicken, wenn sie sich mit dem Präsidenten der USA trifft“, wird die eine mit gespielter Bescheidenheit erzählen. „Tja, mein Sohn hat ja auch so schrecklich wenig Zeit für mich, seitdem er den Nobelpreis für Literatur verliehen bekommen hat. Seither hetzt er von einer Lesung zur anderen. Dafür wird er mir seinen nächsten Bestseller widmen“, wird eine andere erzählen. Ich werde schweigend daneben sitzen und gelassen zuhören, wie die Frauen sich gegenseitig zu übertrumpfen suchen. Irgendwann wird mich jemand fragen, was denn überhaupt aus meinem Zweitjüngsten geworden sei und dann werde ich voller Stolz verkünden können: „Mein Zweitjüngster, der hat schon als Vierjähriger gewusst, worauf es im Leben wirklich ankommt und deshalb hat er alles daran gesetzt, immer ein Kind zu bleiben.“

Und dann wird all den alten Damen die Spucke wegbleiben, weil mein Sohn schon so früh die Weichen für die wichtigste Karriere der Welt gestellt hat. Jetzt muss ich nur noch herausfinden, wie ich dafür sorgen kann, dass der Junge ob all der Versuchungen, viel Geld zu machen, sein Karriereziel nicht aus den Augen verliert.