Meine Zahnbürste gehört mir!

Und weil sie mir gehört, will ich nicht, dass sie im Mund eines meiner Familienmitglieder landet. Ja, ich weiss, es gibt Menschen, denen würde so etwas nichts ausmachen, aber ich bin ein Grossfamilienkind, das inzwischen selber eine Grossfamilie hat, ich habe also im Leben mehr als genug geteilt. Darum bin ich nicht bereit, meine Zahnbürste mit jemandem teilen, nicht mal mit den Menschen, die ich über alles liebe. Und ich bin nicht die einzige in unserer Familie, die das so sieht. Ja, eigentlich sehen wir das alle gleich, aber natürlich teilen wir trotzdem andauernd unsere Zahnbürsten.

Es ist nämlich so: Jedes Mal, wenn wir sieben komplett unterschiedliche Zahnbürsten kaufen und jedem Familienmitglied einschärfen, welche nun seine ist, dauert es gerade mal ein paar Tage, bis der Erste vergessen hat, mit welcher er sein Gebiss putzen muss und schon vergreift sich wieder einer am Besitz eines anderen. 

Man komme mir jetzt bitte nicht mit Ratschlägen, wie sich das verhindern liesse. Wir haben schon alles probiert. Kennzeichnung mit unterschiedlichen Gummibändern. Beschriftung mit wasserfestem Stift. Individuelle Halterungen. Getrennte Unterbringungsorte. Unterschiedliche Bürstengrössen… Hat alles nichts geholfen.

Das einzige, was das Problem – vielleicht – lösen würde, wären Zahnbürsten, die wir mit unseren Vornamen bedrucken lassen. Leider existiert so etwas in einer Welt, in der jeder erdenkliche Mist existiert, noch nicht. Selbstverständlich besteht durchaus die Möglichkeit, Zahnbürsten bedrucken zu lassen. Mit Werbung. Aber wir brauchen keine Werbung, wir brauchen eine Lösung für unser Problem. Natürlich gäbe es auch Zahnbürsten mit bereits vorgedruckten Namen, aber die kommen nicht in Frage, weil Luise und das Prinzchen die einzigen in der Familie sind, die einen massentauglichen Vornamen haben. Alle anderen müssten mit ungeputzten Zähnen rumlaufen. 

Es bleibt mir also auch weiterhin nichts anderes übrig, als meine Zahnbürste mit allen Mitteln zu verteidigen. Und alle paar Tage „Himmel, wer hat schon wieder meine Zahnbürste genommen?!“ zu schreien. Und jedes Mal, wenn Ersatz fällig ist, den Laden nach sieben komplett unterschiedlichen Modellen abzusuchen, in der Hoffnung, die Unterschiede seien endlich mal augenfällig genug, damit keiner mehr auf die Idee kommt, sich an der Bürste eines anderen zu vergreifen. 

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Rosarote Wolke

Immer und immer wieder zieht es mich ans Fenster, weil ich zwischen zwei Sätzen einen Blick auf das rosarote Blütenmeer in unserem Garten werfen muss. Sollten „Meiner“ und ich uns dem Unkraut am Boden widmen, starren wir statt dessen mit verzücktem Blick nach oben, denn vor dem strahlend blauen Himmel sieht das Rosarot noch viel schöner aus. Bald schon hantiert „Meiner“ nicht mehr mit der Gartenschaufel, sondern mit der Kamera, denn die ach so vergängliche Schönheit muss immer wieder eingefangen werden. Fussgänger bleiben stehen, manch einer verwickelt uns in ein Gespräch und sogar Luise, die mit Gartendingen so gar nichts anzufangen weiss, muss gestehen, dass die rosarote Pracht atemberaubend ist. 

Nur eine lässt sich von der Schönheit nicht beeindrucken. Ausgerechnet die ältere Frau, mit der ich so gerne über Gemüseanbau, Blumen und langjährige Ehen plaudere, wenn ich im Garten arbeite, sieht die Dinge diesmal ganz anders als ich. „Der ist ja zu nichts zu gebrauchen“, sagt sie verächtlich. „Und wenn das Zeug verblüht ist, machen die unzähligen Blütenblätter einen Haufen Arbeit.“

Natürlich hat sie vollkommen recht. So ein japanischer Kirschbaum ist wirklich nur reine Zierde und hätte in einem Garten, der sich darum bemüht, möglichst ökologisch zu sein, nichts verloren. Dass ich ab nächster Woche wieder zeternd und schimpfend die verwelkten Blättchen vom Trottoir klauben werde, kann ich jetzt schon mit ziemlicher Sicherheit voraussagen.

Aber Himmel, wie sollte ich mich von dem unnützen Kerl auch trennen können? Die unzähligen Momente des verzückten Staunens, die er mir und vielen anderen jeden April beschert, sind doch Daseinsberechtigung genug. 

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Trau nie einer Kellerassel

Eigentlich waren sie mir ja schon unheimlich, als ich noch ein kleines Kind war. Die Biester waren immer überall dort, wo man sie nicht antreffen wollte, kamen in Scharen unter Steinen hervorgekrochen und dann waren sie auch noch grau. Grau war schon damals hässlich.

Hätte ich doch bloss auf mein mir angeborenes Misstrauen vertraut. Aber nein, ich liess mir von irgend einem Gartenratgeber einreden, die Viecher seien Nützlinge, man könne sie im Garten einfach gewähren lassen. Die würden im Kompost äusserst wertvolle Arbeit verrichten.

Dass die sich gierig auf Jungpflanzen stürzen, wenn man die unbeaufsichtigt herumstehen lässt, wurde natürlich nur in einem Nebensatz erwähnt. Davon, dass sie sich mitsamt ihrem Gefolge in den Töpfen verstecken, wenn man versucht, die zarten Gewächse in Sicherheit zu bringen, stand nicht ein Wort. Tja, und dann kam es eben zu diesem unsäglichen Fressgelage im Hochbeet… Nur mit grösster Mühe gelang es „Meinem“ und mir, wenigstens einige der zarten Cosmea-Setzlinge zu retten, die ich über Wochen mit viel Liebe herangezogen habe.

Immerhin weiss ich jetzt wieder, dass beim Gärtnern das Bauchgefühl zuweilen zuverlässiger ist als der Gartenratgeber.

Ist das noch gesund?

Grundsätzlich habe ich mich damit abgefunden, dass unser Jüngster eine grosse Liebe zur Mathematik entwickelt hat. Ja, mehr als das. Ich habe sogar angefangen, mich über seine Begeisterung zu freuen, denn aus schmerzhafter Erfahrung weiss ich, wie herausfordernd die Schullaufbahn werden kann, wenn man sich mit Zahlen schlecht verträgt. 

Wenn aber der kleine Prinz beim Arbeiten mit der Mathe-App in Rage gerät, weil er als Drittklässler bei der Addition von Dezimalzahlen noch nicht so recht den Durchblick hat, sich dennoch weigert, auf ein einfacheres Level zu wechseln und abends eine Stunde lang Rotz und Wasser heult, weil er nicht mehr rechnen, sondern schlafen soll, trage ich mich doch allmählich mit dem Gedanken, den Zugang zu den Zahlen zu beschränken. 

So viel Mathematik kann doch unmöglich gesund sein…

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Darüber redet natürlich keiner

Altersunterschiede sind heutzutage ja (fast) kein Thema mehr. Natürlich tuschelt man zuweilen hinter vorgehaltener Hand, wenn sich zwei, die sich im Bezug aufs Alter so gar nicht ähnlich sind, ineinander verlieben, aber im Grossen und Ganzen gibt man sich diesbezüglich tolerant. Eigentlich finde ich es begrüssenswert, dass man zumindest so tut, als würde man sich nicht in fremde Beziehungsangelegenheiten einmischen. Dennoch täte es meiner Meinung nach gut, wenn man hin und wieder offen über Altersunterschiede in Paarbeziehungen redete – oder zumindest über den nicht vorhandenen Altersunterschied von zwei Gleichaltrigen, die zueinander finden.

Ja, ich weiss, auf den ersten Blick sieht so etwas ganz wunderbar aus. Die beiden mussten in ihrer Kindheit die gleichen Entbehrungen durchmachen, blamierten sich als Teenager mit ähnlichen Geschmacksverirrungen, hangelten sich als junge Erwachsene mithilfe der gleichen seichten Sinnsprüche durchs Leben und entwickelten so im Laufe der Jahre ähnliche Ansichten. Weil sie beide zur gleichen Zeit in der gleichen Lebensphase steckten, verliefen die grossen Diskussionen über die grossen Entscheidungen – Job, Kinder, eigenes Haus – relativ reibungslos. Alles in allem also eine ziemlich harmonische Angelegenheit.

Bis eines Tages die Lebensphase beginnt, in der den beiden jederzeit die Hexe aus dem Hinterhalt in den Rücken schiessen kann. Glaubt mir, diese Hexe nimmt keinerlei Rücksicht darauf, ob sie vorgestern bereits ihn getroffen hat. Wenn die gerade in Stimmung ist, schiesst die zwei Tage später auch auf sie, obschon er noch immer humpelt. Die Hexe schert sich einen Dreck darum, ob die beiden Kinder, Job und Haushalt haben – wenn sie zwei Gleichaltrige sieht, die zu ihrer Zielgruppe gehören, dann schiesst sie, wann immer es ihr passt. Tja, und dann können die beiden mal sehen, wie sie jetzt ihr ach so harmonisches Leben meistern wollen…

Wäre eine(r) der beiden deutlich jünger, könnte so etwas nicht passieren. Das sollte man unbedingt bedenken, ehe man sich dazu entschliesst, mit einem Gleichaltrigen durchs Leben zu gehen.

Aber so etwas sagt dir natürlich keiner. Erst recht heutzutage nicht, wo Altersunterschiede (fast) kein Thema mehr sind…

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Ostervorbereitungen

Ein Monat vor Ostern: Mama Venditti denkt, sie könnte dieses Jahr mal für etwas mehr österliche Stimmung sorgen und stellt sich vor, wie hübsch es sein könnte, wenn im Garten ein Osterbäumchen dekoriert wäre. Auch die Fenster könnte man ein wenig aufhübschen und vielleicht sonst noch ein paar Winkel im Haus. Weil es aber noch sehr lange dauert bis Ostern, kauft sie einfach mal einen Bund Tulpen für die Frühlingsstimmung im Haus. 

Drei Wochen vor Ostern: Mama Venditti denkt sich immer noch, sie könnte dieses Jahr mal für etwas mehr österliche Stimmung sorgen, hat dann aber keinen Platz mehr im Einkaufswagen und ausserdem keine Lust, noch länger im Laden zu bleiben. Also verschiebt sie die Angelegenheit auf später. Sie kauft statt dessen wieder einen Bund Tulpen. 

Zwei Wochen vor Ostern: Mama Venditti schaut sich den Osterkram in den Läden näher an, findet alles zu kitschig, zu billig, zu langweilig und beschliesst, dass sie ihr Geld für Besseres ausgeben kann. Zum Beispiel für einen Bund Tulpen.  

Eine Woche vor Ostern: Mama Venditti erinnert sich daran, dass sie in den vergangenen Jahren immer etwas spät dran war mit dem Kauf von Osterhasen und dass darum nicht mehr alles zu haben war, was sie eigentlich hätte haben wollen. Also beschliesst sie, dieses Jahr etwas früher dran zu sein als üblich. Heute aber hat sie grad gar keine Lust, also schiebt sie die Sache auf. Und die Sache mit der Osterdekoration hakt sie für dieses Jahr gänzlich ab. Dafür aber kauft sie einen Bund Tulpen. 

Fünf Tage vor Ostern: Mama Venditti begreift, dass sie sich jetzt wirklich beeilen muss mit dem ganzen Osterkram. Also kauft sie Osterhasen – nach Möglichkeit für jedes Kind ein Exemplar, das zu seiner Persönlichkeit passt -, Zuckereier und anderen Kram. Tulpen kauft sie keine, denn diejenigen, die sie vor zwei Tagen gekauft hat, sind noch nicht verblüht. 

Drei Tage vor Ostern: Mama Venditti merkt, dass sich die Kinder nicht nur auf Osterhasen, sondern auch auf ein kleines Geschenk freuen, also macht sie sich fieberhaft auf sie Suche nach etwas Kleinem, das trotzdem brauchbar und zur Persönlichkeit des Kindes passend ist. Sie kauft wieder keine Tulpen, denn diejenigen, die sie vor vier Tagen gekauft hat, haben es noch nicht geschafft, zu verblühen. 

Zwei Tage vor Ostern: Mama Venditti öffnet den Schrank, in dem die Hasen versteckt sind, eines der Viecher fällt heraus, zerbricht auf dem Fussboden und Mama Venditti hat zwei Probleme: 1. Sie muss noch einmal einkaufen gehen, um den Hasen zu ersetzen. 2. Sie muss sich bereits jetzt den Kopf darüber zerbrechen, wie man einen zerbrochenen Hasen verwertet. Gewöhnlich stellt sich diese Frage erst zwei Wochen nach Ostern. Ausserdem fällt ihr ein, dass es vielleicht trotzdem ganz nett wäre, ein paar Eier zu färben. Da sie weder Zwiebelschalen noch Eierfarbenreste noch Strümpfe aus früheren Jahren finden kann, färbt sie mit Schwarztee und erntet darob von ihrem Mann und ihrem ältesten Sohn viel Spott, weil die finden, die ehemals weissen Eier sähen jetzt einfach aus, als wären sie als braune Eier zur Welt gekommen. 

Ein Tag vor Ostern: Papa Venditti hat den zerbrochenen Osterhasen ersetzt, Mama Venditti findet plötzlich, ein Brunch zu Ostern wäre doch eigentlich ganz nett, sie müsse nur noch ein wenig backen und Karlsson findet, es müssten dringend ein paar Blumen her, es sehe ja gar nicht österlich aus im Haus. Ausserdem findet er, es müssten unbedingt ein paar Eier gefärbt werden. Es sei doch einfach schön, wenn die Familie zusammenkomme, um gemeinsam eine nette Ostertradition zu pflegen. 

Abend vor Ostern: Familie Venditti – mit Ausnahme von Luise, die über Ostern nicht da ist und dem FeuerwehrRitterRömerPiraten, der etwas Wichtiges am Handy verpassen könnte – färbt gemeinsam Ostereier. Was nach einer fröhlichen Familienaktivität klingt, sieht in Wirklichkeit so aus: Sieben von zwanzig Eiern haben einen grossen Sprung in der Schale, vier von den nicht gesprungenen Eiern erleiden beim Färben einen Sturz und haben jetzt ganz viele Sprünge in der Schale, die noch ganzen Eier sind über und über mit Farbe beschmiert, die halbe Küche ist mit Farbe beschmiert und mit Ausnahme des Prinzchens fragen sich alle, was an dieser blöden Eierfärberei überhaupt Spass machen soll. 

Etwas später am Abend vor Ostern: Die Küche ist wieder sauber, die jüngeren Kinder sind im Bett. Die Osterdekoration besteht aus zwanzig absolut nicht Instagram-tauglichen Ostereiern sowie einem Blumenstrauss ohne Tulpen, denn Tulpen bekam man hier in den vergangen Wochen wahrlich genug zu sehen. 

Ebenfalls am Abend vor Ostern: Weil Mama Venditti es mal wieder total vergeigt hat mit der Osterdekoration, hat sich der Garten dazu entschlossen, die Sache selber an die Hand zu nehmen, indem er rechtzeitig zu Ostern Narzissen, Hyazinthen, Veilchen und die eine oder andere Tulpe zum Erblühen gebracht hat. Wer braucht denn schon einen mit Osterkram behängten Baum, wenn in der Erde eine Unzahl von Blumenzwiebeln steckt? 

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Punktebetrug

Vor einigen Tagen fasste ich den Entschluss, das Punktekonto aufzulösen, welches Schwiegermama bei einem der grossen Detailhändler besass. Rückblickend mag man sich ja fragen, was mich zu diesem wahnwitzigen Vorhaben bewogen hat. So ein Kundenkonto könnte doch einfach ungenutzt vor sich hin gammeln, bis es sich in irgendwann von selbst auflöst.

Natürlich hätte es so bleiben können, wäre nicht der Detailhändler nach einigen Monaten schrecklich nervös geworden, weil auf diesem Konto keine frischen Kundendaten mehr eingingen. Also musste Werbung her. Werbung, welche die Post, die weiss, dass an Schwiegermamas Adresse niemand mehr den Briefkasten leert, pflichtbewusst – und kostenpflichtig – an uns weiterleitet. Nun bin ich grundsätzlich kein geiziger Mensch, aber Geld auszugeben, um Werbesendungen nachgeliefert zu bekommen, ist mir wirklich zu blöd. Und weil ich in den letzten Monaten schon so manche von Schwiegermamas Werbesendungen problemlos habe stornieren können, erwartete ich auch diesmal keinen namhaften Widerstand. 

Nun, ich habe mich mal wieder geirrt…

Misstrauisch hätte ich schon werden müssen, als ich auf der Website keinen einzigen brauchbaren Hinweis bezüglich der Auflösung eines Kundenkontos finden konnte. Unbekümmert, wie ich nun mal bin, beschloss ich, mein Anliegen via Kontaktformular vorzubringen. Weil ich Schwiegermamas Kundennummer nicht zur Hand hatte, schrieb ich, sie sollten doch bitte so freundlich sein, die im Kontaktformular angegebene Adresse zu löschen. Hat in den vergangenen Monaten schon mehrmals gut funktioniert, warum also nicht auch hier?

Na ja, zuerst einmal, weil die Nachricht offenbar von jemandem empfangen wurde, der nicht besonders gut lesen kann. Als Antwort kam nämlich zurück, ich solle doch bitte die Adresse angeben, ohne diese Angabe könne überhaupt nichts aufgelöst werden. Ich verkniff mir den bissigen Kommentar, die Adresse hätte ich ja bereits angegeben und tippte sie brav ein zweites Mal ein.

„Denkst du, ich muss die darauf hinweisen, dass der Name auf der Karte nicht mit dem Namen deiner Mutter übereinstimmt?“, fragte ich „Meinen“, bevor ich die Mail losschickte. Wir waren uns einig, das sei wohl nicht nötig. Reicht doch, wenn man denen sagt, das Konto werde nicht mehr genutzt. Wen interessiert denn schon, dass Schwiegermama bei der Kontoeröffnung aus unerfindlichen Gründen den Namen ihres Sohnes, der damals noch an der gleichen Adresse wie sie lebte, angab?

Ach, was bin ich doch für ein naiver Mensch… Natürlich waren die Leute vom Kundendienst genau an diesem Punkt ganz brennend interessiert. Ob ich mir denn ganz sicher sei, dass der Herr Venditti, der als Kontoinhaber angegeben sei, die Karte nicht mehr benötige, schrieb man mir. Jawohl, ich sei mir dessen ganz sicher, schrieb ich umgehend zurück. Der Herr Venditti habe inzwischen nämlich schon längst seine eigene Kundenkarte und habe nichts dagegen, wenn das Konto aufgelöst werde. Damit war die Sache für mich abgeschlossen.

Für sie aber nicht. Heute Morgen fand ich ein Formular in meiner Mailbox. Der Herr Venditti solle doch bitte mit Unterschrift bestätigen, dass das Konto aufgelöst werden darf.  Ausserdem soll er angeben, auf welches Kundenkonto er die 3959 verbliebenen Punkte – immerhin der Gegenwert für einen kleinen Sandwichtoaster – gutgeschrieben haben möchte.

„Meiner“ wird dieses Formular selbstverständlich ausfüllen, damit endlich Ruhe herrscht. Aber mir schwant Übles. „Meiners“ Vorname ist nämlich auf Schwiegermamas Karte falsch geschrieben und wenn die Schreibweise auf dem Formular nicht mit der Schreibweise in der Kundendatei übereinstimmt, wittern die Sachbearbeiter bestimmt Betrug. Wer garantiert denen denn, dass „Meiner“ und ich nicht fiese Trickbetrüger sind, die eine arme, alte Frau um 3959 Punkte – für die man auch einen kleinen Espressozubereiter bekommen könnte – prellen wollen? 

Ich fürchte, ich muss schon mal die Erbbescheinigung hervorkramen, damit „Meiner“ sich als rechtmässigen Erben des Punkteguthabens ausweisen kann. 

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Gefährliche Feierabendbeschäftigung

Es ist wieder diese gefährliche Zeit im Jahr: Im Garten zeigt sich mit Ausnahme von zahllosen Schneeglöckchen, Osterglocken und Primeln noch gar nichts und ich verfalle mal wieder dem Irrglauben, wir hätten noch kaum Pflanzen in den Beeten. Also ziehe ich hunderte von Setzlingen heran, bestelle Dahlienknollen, Bodendecker und noch mehr Saatgut, tätige Hamsterkäufe in der Gärtnerei und trage mich mit dem Gedanken, von einigen Blumen, die ich bereits gezogen habe, noch mehr anzusäen. Man kann ja nie wissen, ob das, was schon da ist, auch wirklich reicht.

Ausgerechnet in dieser sensiblen Phase kommt „Meiner“ auf die Idee, mit mir zum Feierabend eine britische Gärtnersendung zu schauen. Man kann sich ja vorstellen, wozu das führt: Ich komme auf dumme Gedanken. Gartenpfade, die mit duftendem Thymian überwachsen sind, neue Hochbeet-Ideen, perfekte Pflanzengemeinschaften, noch mehr und noch buntere Blumen, jeder Flecken Erde mit etwas Schönem bewachsen und irgendwo, in unerreichbarer Ferne, der Traum von einem winzigen Home Office im Grünen. 

Was sich davon umsetzen lässt? Vermutlich gerade mal die Sache mit der üppigeren Bepflanzung. Woher soll ich auch Zeit nehmen für grössere Projekte, wo ich schon kaum damit nachkomme, meine zahllosen Sämlinge zu pikieren?

Aber man wird im Garten ja wohl noch ein paar Luftschlösser bauen dürfen… 

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Es lebe der Schlafmangel!

Gewöhnliche Menschen gehen am Samstag vor dem Sonntag, an dem uns mitten in der Nacht eine Stunde geklaut wird, früh zu Bett, um am nächsten Tag doch noch halbwegs ausgeschlafen zu sein. Natürlich kommen sie dann sonntags trotzdem nicht vor Mittag aus dem Bett, denn diese eine Stunde weniger Schlaf ist schwer zu verkraften. So bleibt es dann ein paar Tage lang, bis der Körper sich dem Diktat der Uhr unterworfen hat.

Kleine Vendittis scheren sich einen Dreck um solche Sachen und darum kommen sie am Sonntag, nachdem man ihnen eine Stunde geklaut hat, noch früher als sonst aus ihren Betten gekrochen. Dies beschert den Eltern das Vergnügen, schon wach zu sein, wenn die innere Uhr noch steif und fest behauptet, es sei jetzt gerade mal sechs Uhr früh und folglich geradezu unanständig, die Augen zu öffnen. 

Es lebe der im Jahr 18 nach Familiengründung noch immer anhaltende Schlafmangel! 

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Nicht nur für Selfies

Selbsternannte Erziehungsexperten mahnen gerne, wir Eltern sollten unseren Teenagern einen gesunden Umgang mit dem Smartphone beibringen. Dass Luises Handy – ohne ihr Zutun – den Geist aufgegeben hat, würden sie bestimmt als ganz besonderen Glücksfall betrachten. Endlich kann sie die wunderbare Erfahrung machen, wie entspannend es ist, nicht erreichbar zu sein. Sie wird gezwungen, von Angesicht zu Angesicht mit ihren Mitmenschen zu kommunizieren, kann sich nicht andauernd auf Instagram und Snapchat rumtreiben und muss mal ein paar Wochen lang ein Leben leben, wie unsere Generation es als normal betrachtet. Ich vermute, man würde uns raten, das Gerät absichtlich nicht allzu schnell zu ersetzen, auf dass unsere Tochter lerne, dass es auch ohne geht.

Doch genau in diesem Punkt irren diejenigen, die bei der Kombination „Teenager & Handy“ immer sogleich den Mahnfinger heben. Ohne Handy geht es nämlich wirklich fast nicht mehr und zwar nicht, weil die Jugend von heute so verkommen und oberflächlich wäre. Sondern weil die Schule schon längst auf das Handy als Arbeitsgerät zählt.

Vokabeln büffeln, Klassenchat, Kommunikation mit Lehrerinnen und Lehrern, Infos zu Hausaufgaben, Organisieren von Musikstunden – wer in schulischen Dingen mithalten will, braucht ab einem gewissen Alter ein Handy. Wer länger offline ist, verpasst unter Umständen ziemlich viel wirklich Wichtiges. An manchen Orten – nicht bei uns – herrscht gar Smartphone-Pflicht ab Oberstufe. 

Zwar bin ich der Meinung, Eltern sollten selber entscheiden dürfen, wann ihr Kind reif für ein Smartphone ist. Ansonsten aber sehe ich durchaus auch Vorteile in dieser Entwicklung. Dank Handy sind die Kinder nämlich in vielen schulischen Angelegenheiten selbständiger als wir es in ihrem Alter waren. Mit zunehmender Reife dämmert ihnen gar, dass das Ding nicht nur Selfies macht. Und wenn sie damit nur lange genug Englisch-Wörtchen gebüffelt haben, sind sie sogar dankbar, wenn sie das Gerät mal wieder aus den Händen legen dürfen. 

Soll mir also keiner sagen, wir sollten Luise ein paar Wochen zappeln lassen, ehe sie einen Ersatz für ihr kaputtes Handy bekommt. Die Schule wäre darob wohl fast ebenso wenig erfreut wie unsere Tochter. Ob wir dazu denn gar nichts mehr zu sagen haben? Nun ja, allzu viel nicht. Und doch ziemlich Entscheidendes: Welches Modell sie am Ende in den Händen hält, hängt einzig und alleine von unserer Grosszügigkeit ab. 

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