Aber doch nicht tiefgekühlt!

Sollte in dieser grossen, weiten Welt der divergierenden Meinungen ein Kompost-Experte sein, der die Meinung vertritt, Kompost werde erst dann richtig gut, wenn er vor dem Einschichten in den Behälter tiefgefroren und wieder aufgetaut wird, dann ist er gebeten, seine Meinung für sich zu behalten. Ich lasse nicht zu, dass man in dieser Sache „Meinem“ das Wort redet, der meine Kompostschüssel für eines seiner Tiefkühl-Fotoexperimente an sich gerissen hat.

Da mache ich mich beim Kuchenbacken zum Gespött meiner Tochter, weil ich die Eierschalen zerkleinere, bevor sie in der Kompostschüssel landen, mit gestrengem Blick wache ich darüber, dass auch ganz bestimmt keine Fleischresten hineingeschmuggelt werden, ja, ich erwäge gar, einen familieninternen Informationsabend zu organisieren, damit auch ganz bestimmt keiner auf die Idee kommt, geplatzte Luftballons, einbeinige Playmobil-Figuren und missratene Prüfungen als Kompostiergut zu deklarieren.

Als ich aber heute – sehr – früh wiedermal Eierschalen zerkleinern wollte, war die Schüssel weg. Zuerst fürchtete ich ja, „Meiner“ hätte in einem Anflug von Ketzerei den ganzen Inhalt in den Abfallsack gekippt, aber er beruhigte mich, das Zeug ist noch da, einfach vorübergehend tiefgefroren. „Nur, bis ich die Zeit habe, ein paar Fotos zu schiessen, dann kannst du dein Zeugs wieder haben“, sagte er mit einem Blick, der wohl treuherzig hätte sein sollen, der in meinen Augen aber klar die Botschaft „Mein Tiefkühlwahn ist stärker als deine Kompostierwut“ vermittelte. Natürlich wollte er mir weis machen, der Kompost werde nach seiner Aktion noch viel besser, als wenn er auf konventionelle Weise behandelt werde und vermutlich hätte er, so er denn Zeit gehabt hätte, irgend einen fiktiven Experten aus irgendeinem Artikel, den er angeblich in der „NZZ am Sonntag“ gelesen hat, zitiert, der seine frevelhafte Tat rechtfertigt.

Sollte jemand unter meinen Lesern die gleiche Meinung vertreten wie „Meiner“, ist er ausdrücklich gebeten, dies für sich zu behalten. In Kompostfragen dulde ich keinen Widerspruch. Zumindest nicht bevor mein Projekt grandios gescheitert ist.

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Flucht ins Grüne

Jetzt haben wir also nicht bloss ein Gewächshaus,  sondern ein beheiztes Gewächshaus. Nein,  kein Strom,  kein Gas,  nichts dergleichen. Einfach nur eine alte Steinplatte,  zwei Friedhofskerzen und ein grosser Tontopf. Seitenlang hat sich der eine Gartenratgeber darüber ausgelassen,  dass Gewächshaus ohne Heizung schlicht nicht geht und ich stellte mich auf eine sehr frustrierende Erfahrung ein,  denn ein Energiefresser kommt mir nicht in den Garten. Zum Glück aber gibt es noch Menschen,  die sich mit den Dingen zu helfen wissen,  die ihnen der Alltag in den Weg stellt,  zum Glück schreiben diese Menschen ebenfalls Gartenratgeber und zum Glück hat eines dieser schlauen Bücher den Weg zu mir gefunden. Jetzt heizt also die improvisierte Heizung fröhlich und äusserst sparsam vor sich hin – ja,  ich habe mich um zehn Uhr noch einmal hinausgeschlichen,  um nachzusehen,  ob das auch wirklich funktioniert – und ich kann guten Gewissens meine frostempfindlichen Krautstiele keimen lassen. 

Karlsson findet ja,  ich würde das mit dem Gärtnern allmählich ein wenig übertreiben. Klar,  er findet es toll,  dass ich überhaupt etwas mache und nicht ständig hinter ihm her renne,  weil ich nichts mit meiner Zeit anzufangen weiss. Aber er ist der Meinung,  ich sei etwas allzu pingelig. Bloss,  weil ich ihm nicht erlaubte,  die Speiseblüten und den Sauerampfer wild durcheinander zu säen. Versteht er denn nicht,  dass es viel hübscher es aussehen wird,  wenn er es auf meine Art macht? Der FeuerwehrRitterRömerPirat ist da deutlich einsichtiger. Brav jätete er dort,  wo gejätet sein musste,  noch braver blieb er dabei,  als er schon längst wieder hätte aufhören dürfen. Es sieht ganz danach aus,  als hätte ich in ihm einen treuen Verbündeten gefunden,  worüber ich bei ihm besonders froh bin, ist er doch drinnen kaum ansprechbar,  weil seine Nase stets in einem Buch steckt. Nicht,  dass ich grundsätzlich etwas gegen seinen Lesehunger hätte,  doch hin und wieder würde ich mich ganz gerne mit ihm unterhalten,  aber das geht so schlecht,  wenn er stets in anderen Sphären schwebt. 

Es ist also nicht nur aus gesundheitlicher,  sondern auch aus pädagogischer Sicht durchaus angebracht,  so viel Zeit wie möglich draussen bei den Pflanzen zu verbringen. Nun ja,  ein gewisser Eskapismus steckt natürlich auch hinter meiner neu gefundenen Leidenschaft. Nach den langen Kleinkinderjahren und den drei Jahren mit viel Job und wenig Gesundheit wäre drinnen mal kräftig ausmisten angesagt. Altlasten zu beseitigen macht jedoch eindeutig weniger Spass,  als Neues wachsen zu lassen. Zumindest bei mir ist das der Fall. Ja,  ich weiss,  das ist wenig vorbildlich,  aber vielleicht gleicht sich das wieder aus,  indem ich meinen Kindern beibringe,  wie man so richtig schön pingelig ansät. 

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Kompostsehnsüchte

Jetzt hat es mich also vollkommen erwischt. Was vor vier oder fünf Jahren mit dem Umgraben eines Brombeerbeets anfing, hat sich zu einer wahren Besessenheit ausgewachsen. Inzwischen reicht es mir nicht mal mehr, eine Vielfalt an Samen zu bestellen und im Internet zu recherchieren, seit einigen Tagen wälze ich doch tatsächlich Gartenratgeber. Und zwar nicht nur diese Feld-Wald-und Wiesen-Ratgeber, sondern auch das Hardcore-Zeug, Bücher, in denen es nur so wimmelt von anregenden Begriffen wie „Selbstversorgung“, „selber kompostieren“ und „Brennnessel-Jauche“. Gefährliches Zeug, glaubt mir.

Nein, natürlich kommt das mit der Selbstversorgung nicht in Frage für uns, wir haben ja nicht mal Platz für Hühner, geschweige denn für eine Kuh, aber das mit dem Kompostieren und der Jauche geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Inzwischen träume ich gar nachts vom perfekten Kompostbehälter. Und dann erst die Idee mit dem umgekehrten Blumentopf über dem Rhabarber… und die improvisierte Tontopf-Gewächshausheizung, um die zarten Pflänzchen in Frostnächten zu schützen… und die Sache mit den Nützlichen… Ganz klar, vor uns liegen äusserst spannende Monate.

Bevor es aber richtig losgehen kann, muss ich noch lange vor meinem 40. Geburtstag den Widerstand gegen Gummistiefel und Gartenjacke wohl aufgeben. Ballerina und Poncho erweisen sich als ziemlich unpraktisch, wenn man nicht nur mit den Pflanzen plaudern, sondern auch mit ihnen arbeiten will. An einem aber halte ich fest: Geblümt müssen sie sein, meine Gummistiefel, etwas anderes kommt mir nicht an die Füsse.

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Mama Venditti träumt von einem geordneten Leben

Hach, wie wäre es doch nett, endlich ein wohlgeordnetes Leben zu führen. Nein, nein, nicht piekfein und blitzblank, aber so, dass man wüsste, welches Ding wo seinen Platz hat. Hier das Schreiben und alles, was dazu gehört, dort die Koch-, Garten-, Back- und Kinderbücher, ein grosses Regal für das, was man aus lauter Freude am Lesen liest, ein Schrankfach für die Stricksachen, den ganzen Bastelkram, den ich am liebsten aus dem Fenster schmeissen möchte, an einem einzigen Ort, Bilder, Farben und Fotoprojekte, an denen „Meiner“ arbeitet sauber verstaut und dann natürlich Ordner für all die Papiere, die übers Jahr ins Haus flattern und die alle wieder zur Hand sein sollten, wenn die Steuererklärung ansteht. Wenn das mal erledigt wäre, könnte man mal die Kleiderschränke ausmisten, den Estrich, den Keller, die Küchen- und Wandschränke. Und dann hätte jedes Ding seinen eigenen Platz, man müsste nie wieder suchen und natürlich würde nie wieder etwas herumliegen, weil es so einfach wäre, alles am richtigen Ort zu verstauen. Dann könnte man sich daran machen, den Alltag zu strukturieren: Schreibtage, Gartenzeit, Einmachsaison, Bürostunden, Siesta, Familienzeit, Zeit für mich, Zeit für dich und Zeit für Freunde, Virensaison, Katzenzeit, Lernstunden, Arbeitszeit – alles schön geordnet und sauber in den Kalender eingetragen. Und wenn dann wirklich alles aufgegleist wäre, könnte man vielleicht sogar einmal die Fenster putzen.

Davon träumt Mama Venditti manchmal, aber dann fällt ihr ein, dass sie eine Sache ganz schrecklich vermissen würde, wäre ihr Leben so überschaubar und aufgeräumt, nämlich die Spontaneität, die es ihr erlaubt, alles stehen und liegen zu lassen, wenn das Leben mit einer neuen Herausforderung lockt. Wobei es durchaus auch herausfordernd sein könnte, mit dem Bagger aufzufahren und den ganzen Mist, der im Haus herumliegt, in die Mulde zu befördern…

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Bitte, bitte, bitte!

„Nun hab dich doch nicht so“, schalt ich mich selbst, als ich zu einer Klage über die Kälte anheben wollte. „Schnee im März ist vollkommen normal, offiziell ist noch nicht mal Frühling, also finde dich damit ab, dass du noch ein paar Tage mit Strümpfen an den Füssen unterwegs sein wirst. Lieber jetzt Schnee als im Juli.“ Ja, so vernünftig kann ich sein, wenn ich mir meine Laune auf gar keinen Fall vom miesen Wetter vermiesen lassen will.

Dann aber, als heute nach einem sonnigen Vormittag schon wieder Schneeflocken fielen, donnerte mir die Zimmerdecke mit einem lauten Krachen auf den Kopf. „Aber ich wollte doch in den Garten gehen“, klagte ich wie ein verwöhntes Kind, das keine Zuckerwatte haben darf. „Die Kinder wären ums Haus gerannt und ich hätte derweilen das Tomatenbeet umgegraben. Immer hocken wir in dieser muffeligen Wohnung und fallen einander auf die Nerven. Wann kommt er endlich, dieser Frühling?“ 

Oh ja, ich weiss, was jetzt kommt. „Warum seid ihr nicht trotzdem raus gegangen? Das bisschen Schnee tut doch nichts zur Sache.“ Ha, ihr kennt das Prinzchen nicht! Nach drei Sekunden an der kalten Luft heult der, als hätte man ihn in Badehosen rausgeschickt und nicht dick eingemummt. Zoowärter und FeuerwehrRitterRömerPirat schaffen es gar nicht erst an die frische Luft, denn die haben nach dem langen Winter die Nase voll vom Schnee und bleiben deshalb lieber mit ihren Büchern auf dem Sofa sitzen. Da spare ich mir die Mühe, sie aus dem Haus zu locken. Raus aber musste ich – zumindest aus meinen vier Wänden – und so flüchtete ich mich eben in die Migros zum Wocheneinkauf. Na ja, nach allem, was in meinem Wagen landete, müsste ich es wohl eher Frustkauf nennen. 

Hör mal, lieber Frühling, ich weiss ja, dass du noch gar nicht müsstest, aber wenn du nicht endlich kommst, könnte das sehr negative Auswirkungen auf unser Haushaltsbudget haben, also mach dich bitte auf die Socken.

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Zweisam

Man kann es in jedem Babyratgeber nachlesen: Kommt Nachwuchs, wird es schwieriger, Zeit zu zweit zu finden. Wer aber sagt dir, dass es später, wenn die Kinder grösser sind, eher noch etwas schwieriger wird? Hier ein paar Erschwernisse, vor denen kaum einer warnt und die der Beziehung ganz schön zusetzen können:

Hausaufgaben: In der Theorie werden sie erledigt, kaum hat das Kind einen Zvieri im Bauch. In der Praxis sitzt das Kind an gewissen Tagen durchaus bis neun Uhr abends hinter den Büchern – mal, weil auf dem Tagesprogramm noch andere Dinge standen, mal weil der Lehrer einen ganzen Berg Hausaufgaben aufgegeben hat, mal weil das Kind die Sache zu lange vor sich hergeschoben hat. Und nun versuch mal, Feierabend zu machen, solange nicht die allerletzte Aufgabe gelöst ist…

Sorgen: Grosse Kinder verdrängen ihre Alltagssorgen oft erfolgreich, solange der Tag noch in vollem Gang ist. Abends aber, wenn es ruhiger wird, sind die Sorgen wieder präsent und dann muss geredet werden. Weil du so dankbar bist, dass dein Teenager mit dir reden will, wirst du ihm das Gespräch ganz bestimmt nicht verweigern.

Müdigkeit: Du glaubst doch nicht etwa, nach der Babyphase lasse sich das wieder ins Lot bringen? Klar, irgendwann werden die durchwachten Nächte weniger und die körperliche Anstrengung lässt nach. Die Verantwortung für die Kinder aber bleibt, lastet vielleicht sogar schwerer als früher auf deinen Schultern, der Job fordert dich voll und ganz, früher oder später lässt die Gesundheit von Eltern und Schwiegereltern nach und du wirst voll gefordert. Weil du dich mit der Geburt deiner Kinder daran gewöhnt hast, deine eigenen Bedürfnisse in den Hintergrund zu stellen, wirst du damit vermutlich nicht ausgerechnet in dieser Phase aufhören. Weil du aber in der Zwischenzeit nicht jünger geworden bist, zehrt das Ganze an deinen Kräften und so geschieht es schnell, dass man den Abend dösend vor dem Fernseher verbringt, anstatt in trauter Zweisamkeit.

Babysitter: Gar nicht so einfach, für grössere Kinder einen Babysitter zu finden und zwar darum, weil die Kinder partout nicht einsehen wollen, weshalb ihr ihnen noch keinen sturmfreien Abend gönnen wollt.

Volles Programm: Früher warst vielleicht du der Chef, aber heute bestimmen Sportvereine, Jugendgruppen, Freunde und Freizeitveranstaltungen das Programm. So kommt es, dass du am Samstagabend um halb elf den Chauffeur machst, anstatt mit „Deinem“ bei Kerzenschein und einer guten Tasse Tee den Abend zu geniessen.

Will ich damit sagen, das Familienleben sei der Tod der Beziehung? Nein,auf gar keinen Fall, ich bin da ganz optimistisch. Aber es bleibt wohl eine Herausforderung, Zeiten zu finden, in denen man nur füreinander da ist. Vielleicht muss man in der Gestaltung noch ein wenig kreativer werden als man es als Eltern ohnehin schon sein muss, weil der Abend nicht mehr automatisch der Partnerschaft gehört. Dafür vielleicht der Samstagnachmittag, eine Mittagspause oder sonst ein Tag, an dem ausnahmsweise mal alle gleichzeitig Programm haben.

Na ja, dann sollte man natürlich noch schlau genug sein, diese neuen Gelegenheiten zu erkennen, aber da haben zumindest „Meiner“ und ich noch einiges zu lernen.

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Dienstagsblues

Einmal Milchpfütze aufgewischt, zwei warme Mahlzeiten zubereitet, einmal beim Kinderarzt, sechsmal Tisch abgeräumt, viermal Tisch abgewischt, dreimal Katzenfutter serviert, einmal Ostergeschenk kindersicher versteckt, zweimal bei den Hausaufgaben geholfen, zweimal den Geschirrspüler ausgeräumt, einmal Wäsche aufgehängt, einmal Milch vor dem Sauerwerden gerettet, dreimal Zvieri serviert, einmal vergeblich zum Hausarzt gefahren, dreimal den Fussboden gefegt, fünfmal die gleiche Pfanne abgewaschen und wieder benützt, einmal über die „neue“ Rechtschreibung gewettert, unzählige Male ermutigt, sehr viele Male „Etwas leiser, wenn ich bitten darf!“ gebrüllt, einmal umgekipptes Frühbeet aufgestellt, dreimal das Telefon nicht gehört, dafür rangegangen, als jemand die falsche Nummer gewählt hatte, sehr lange über eine belastende Situation in der Verwandtschaft geredet, einmal Gartenbücher bestellt, einmal einen Sarkophag modelliert, einmal einfach so ein Frühlingslied gesungen und mich damit zum Gespött der Kinder gemacht, einmal mit Luise über ihre Geburtstagswünsche diskutiert, einmal Zeitung durchgeblättert, einmal eingekauft, wenn auch nur kurz, dreimal gesagt: „Lass die Skibrille in Ruhe, die ist nur ausgeliehen und darf nicht kaputtgehen.“, einmal eine alte Bekannte getroffen, mehrere Male in unterschiedlichen Situationen Trost gespendet, fünfmal Streithähne getrennt, einmal spontanen Besuch empfangen, dreimal das Gröbste aufgeräumt, zwei neue Rezepte ausprobiert, eine Zitrone und eine Orange ausgepresst, einmal Grünabfälle entsorgt, einmal geschlafen, zweimal Tee aufgegossen und genossen, dreimal einen Schokoladendieb auf frischer Tat ertappt, ein paarmal laut gelacht und einmal beinahe geheult, immer mal wieder einen Tagtraum angefangen und wieder zur Seite geschoben, etc.

Nein, eintönig war mein Tag nicht, langweilig aber schon.

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Nie, ausser montags

Im Grunde genommen habe ich mir die Sache mit dem Selbstmitleid abgewöhnt. Verschiedene Umstände in den vergangenen Monaten haben mich erkennen lassen, dass ich schlicht keine Berechtigung dazu habe. Da gibt es einerseits zu viel Gutes in meinem Leben, zu viele offene Türen, zu viel Überfluss, andererseits zu viele Menschen, die von alldem, was mein Leben bereichert, nur träumen können. Klar, auch ich beisse mir an gewissen Dingen fast die Zähne aus, die finsteren Täler des Lebens sind mir nicht vollkommen fremd, doch im Grossen und Ganzen kann ich nur dankbar sein und darum steht es mir einfach nicht zu, mich selbst zu bemitleiden.

Nie, ausser montags. Denn seitdem ich vor vier Monaten den Montag zu meinem heiligen Schreibtag erklärt habe, alles in die Wege geleitet habe, um die Kinder gut betreut zu wissen und dafür auch Geld bezahle, hat es nicht ein einziges Mal geklappt mit dem ungestörten Schwimmen im Schreibfluss. Anfangs war ich vielleicht noch selber Schuld, denn zu leicht liess ich mich ablenken durch Anrufe, angeblich dringende Mails und andere Kleinigkeiten. Seitdem sich aber die Tür fürs Schreiben und Veröffentlichen weit geöffnet hat, ist der Montag zu dem Tag geworden, dem ich die restlichen sechs Tage der Woche entgegenfiebere. Okay, ich schreibe natürlich nicht nur montags, aber dieser eine Tag, der mir Raum lässt, voll und ganz in die Welt der Worte einzutauchen, ist einzigartig.

Oder wäre einzigartig, wenn denn nicht dauernd irgend etwas dazwischen käme. Ich gehe hier nicht in die Details, denn darüber geklagt habe ich bereits ausgiebig in diversen Posts. Reden wir also nur von heute Morgen. Da hatte ich geglaubt, endlich die todsichere Methode gefunden zu haben, um meinen ungestörten Schreibmontag zu bekommen. Die Idee stammt zwar nicht von mir, ist aber dennoch grandios: In den Zug sitzen, eine möglichst weite Strecke ohne Umsteigen fahren, schreiben, die Landschaft betrachten, nachdenken, wieder schreiben, am Zielort ein kurzer, inspirierender Aufenthalt und wieder schreibend nach Hause fahren. „Das ist es“, jubelte ich, als man mich auf diesen Gedanken brachte und so plante ich für heute eine lange Zugfahrt ohne Umsteigen ins Tessin. Sieben Stunden ungestörte Schreibzeit und das ohne Fluchtmöglichkeit. Einfach genial.

Tja, und dann entschied sich das Prinzchen heute Morgen um sieben dazu, der SVP beizutreten. „Ich will nicht in die Krippe!“, brüllte er, „Ich will bei dir bleiben, ich will nicht, dass du weggehst!“ Alles Reden, Hätscheln, Drohen, Trösten und Bestechen half nichts, das Prinzchen tat weiterhin so, als sei die – gewöhnlich über alles geliebte – Krippe der schlimmste Ort auf diesem Planeten. Nach zwei Stunden heulen und zetern sah er aus wie eines der Staatskinder aus dem SVP-Extrablatt und ich wohl so gar nicht wie die kaltherzige Karrierefrau, die ihr Kind ins Kindergefängnis steckt, von der die SVP immer schwadroniert, sondern viel eher wie eine verzweifelte, überforderte Hippie-Tante, die ganz dringend einen Termin beim Guru braucht. Irgendwie schaffte ich es, meinen renitenten Sohn in der Krippe abzugeben, musste mich aber damit abfinden, dass heute nichts aus schreiben im Zug wird. Ich muss nämlich in Reichweite bleiben, falls das Prinzchen auch den Betreuerinnen die Ohren voll heult und früher abgeholt werden muss.

Da bleibt mir doch einfach nichts anderes übrig, als ein kurzes Bad im Selbstmitleid, ehe ich mich daran mache, in den Räumen, denen ich heute hatte entfliehen wollen, die Inspiration zusammenzukratzen, die sich irgendwo, zwischen schmutzigem Frühstücksgeschirr, vergessenen Schulaufgaben der Kinder und halbfertigen Strickarbeiten verborgen hat.

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Wunderhaus

Als ich am Mittwoch das Mini- Gewächshaus besorgte, in dem bald schon Peperoni, Melonen und Auberginen wachsen sollen, fürchtete ich Schlimmes. Das Ding stammt aus einem Baumarkt, kommt in einer Schachtel voller Einzelteile daher und kostete fast gar nichts. Jeder, der schon einmal etwas aus dem Baumarkt zusammengebaut hat, weiss, was das bedeutet: Fehlende Schrauben, Teile, die nicht richtig aufeinander passen, keine passenden Werkzeuge und Ehekrach.

Die Anmerkungen zu Beginn der Anleitung verstärkte meine Befürchtungen zusätzlich. Da hiess es nämlich, man solle das Haus nicht aufbauen, wenn man müde sei, an Schwindelanfällen leide oder unter dem Einfluss von Drogen stehe. Nun gut, das mit den Drogen brauchten wir nicht zu beachten, dafür aber stellte die Sache mit der Müdigkeit ein echtes Problem dar, müssten wir doch bis zu unserem Lebensende warten mit dem Aufbau, wollten wir diese Warnung berücksichtigen. Nach einigem Zögern entschlossen wir uns dazu, es trotz Müdigkeit zu versuchen, hielten uns dafür aber sklavisch an die Anleitung, sogar in dem Punkt, dass Kinder von der „Baustelle“ fernzuhalten seien.

Und siehe da, wir haben das Unmögliche geschafft, das Häuschen steht und zwar erstaunlich stabil. Das alles ganz ohne verzweifelte Suche nach verlorenen Schrauben, ohne Zurechtbiegen von unpassenden Teilen, ohne Schimpftiraden auf unbrauchbare Skizzen, ja, sogar ohne eheliches Gezanke. Nur die Kinder mussten wir zwei oder dreimal in die Schranken weisen, aber darauf hatte uns die Anleitung ja bereits hingewiesen. Hätte „Meiner“ am Ende nicht die Tür verkehrtherum angebracht, wir hätten heute Abend auf unseren Erfolg anstossen können.

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Wahrer Luxus

Frühbeet gekauft, Saatgut für Setzlinge angesät und dabei dem Schnurren der Katze zugehört.

Die ersten Sätze Schwedisch gelernt, im Café die Hausaufgaben erledigt und danach alles mit Prinzchen, Luise und „Meinem“ geübt.

Dem Zoowärter ein Stück Torte gekauft und mich selber an seinem Genuss sattgesehen.

Die Sonne gesehen und gespürt.

Ganz überraschend einen Rabatt bekommen.

Endlich wieder eine saubere Wohnung.

Nur noch ein halbkrankes Kind zu Hause. Das Sahnehäubchen obendrauf: Das halbkranke Kind erwachte zum ersten Mal seit Tagen wieder einmal mit einem Lächeln auf dem Gesicht.

Krokusse und Schneeglöckchen in rauhen Mengen gesehen und nur ganz wenige verblasste Primeln dazwischen.

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