Schlafräuber

Zuweilen erstaunt es mich ja schon, dass ich auch nach zehn Jahren Familienerfahrung noch immer nicht fähig bin, einzuschätzen, woher der Stress kommen könnte. Da bibbere ich während Tagen der Nacht entgegen, in der fünf zehnjährige Geburtstagsgäste bei Karlsson übernachten werden. Und wer raubt „Meinem“ und mir am Ende den Schlaf? Die Gäste? Aber nicht doch! Die führen sich alle vorbildlich auf. Wer aber die Nacht zum Tag  macht ist das Prinzchen.

Als „Meiner“ und ich wie immer kurz nach Mitternacht ins Bett sinken, ist das Kerlchen hellwach und will aus dem Fenster schauen, weil er hofft, dass dort draussen noch immer der Kran ist, der gestern in Nachbars Garten die massakrierten Bäume über den Gartenzaun gehoben hatte. Der Kran ist natürlich nicht mehr da, der „schläft schon“, wie ich dem enntäsuchten Prinzchen zu erklären versuche.  Brüder, Schwester und Gäste schlafen  auch schon und Mama und Papa würden eigentlich auch gerne schlafen, wenn  denn Ihro Majestät so gütig wäre, sich auf ihr Nachtlager zu begeben. Aber Ihro Majestät hat anderes im Sinn, klettert wieder und wieder aus dem Bett, steigt der Mama, die zwischenzeitlich einen Moment eingedöst ist, auf dem Kopf herum und begibt sich schliesslich in die Küche, wo es Tiefkühl-Croissants zu bestaunen gibt, die am Morgen die hungrigen Gäste sättigen sollen.

Insgesamt drei stunden lang ist das Kerlchen wach und hindert uns daran, Kräfte für die zweite Hälfte der Geburtstagsparty zu sammeln. Als endlich gegen vier Uhr morgens Ruhe einkehrt, geht es mir durch den Kopf, dass wir das Ganze schon einmal  ähnlich erlebt haben und zwar insegsamt zwei Jahre lang. Damals machte Luise die Nacht zum Tag, schlief jeweils von abends um sieben bis ein Uhr nachts und dann erst wieder etwa morgens um sechs. Dazwischen setzte sie wahlweise die Küche unter Wasser, verfütterte ihren schlaftrunkenen Brüdern Schokolade oder stattete der Grossmama im Erdgeschoss nachts um zwei einen Besuch ab. Wir Eltern versuchten damals alles, um das  Kind zum Schlafen zu bringen: Beruhigungstees, Baldrian, Zimmer umstellen, ein Schlafsack, der sich an der Matratze befestigen liess (worauf das schlaue Kind einfach mit der Matratze auf dem Rücken aus dem Bett kam), ein  neues Bett, Belohnungen – pro zehn Nächte Schlaf eine Barbie – bei Mama und Papa schlafen und noch einige Dinge mehr. Das Kind schlief trotzdem nicht und eines Tages sass ich heulend bei der Kinderärztin und wusste mir nicht mehr zu helfen. Die Kinderärztin tat ihr Bestes, mich zu verstehen, helfen konnte sie  aber auch nicht, denn Luise hatte bald herausgefunden, dass der Baldriansirup, den die Kinderärztin verschrieben hatte, schrecklich schmeckt und verweigerte ihn standhaft.

Geholfen hat dann ein anderer: Der Zoowärter. Kaum war er auf der Welt, hatten die nächtlichen Eskapaden ein Ende und Luise schlief wie ein Murmeltier. An all dies erinnerte ich mich, als ich heute in den frühen Morgenstunden den  Schlaf suchte. Und ehe ich ganz ins Land der Träume entschwand, dachte ich bei mir, dass diese eine schlaflose Nacht hoffentlich ein einmaliger Ausrutscher des Prinzchens war. Denn ich glaube nicht, dass  wir uns noch einmal so ein  Schlafmittel leisten können, wie jenes, das bei Luise endlich die erwünschte Wirkung gebracht hatte.

Nervensäge

Manchmal ist das Leben eine elende Nervensäge. Zum Beispiel heute. Angefangen hat es schon früh am Morgen, als das Prinzchen seinen Schoppen verlangte und mir meine müden Glieder meldeten, dass sie sich noch nicht fit genug fühlten, sich aus dem Bett zu quälen. Also wollte ich liegenbleiben, aber das Leben machte mir klar, dass daraus nichts wird: „Du kannst doch nicht schon wieder ‚Deinen‘ mit den Kindern alleine lassen. Marsch, aus dem Bett aber schnell!“ „Aber ich bin krank“, jammerte ich. „Du kannst mich doch nicht zum Aufstehen zwingen, wo mir doch jeder Knochen schmerzt.“ „Und ob ich dich zwingen kann“, gab das Leben zurück. Also kroch ich grummelnd aus dem Bett und hörte im Hinausgehen noch, wie das Leben vor sich hin murmelte. Etwas von „Und ob du kannst… dir werd‘ ich’s zeigen…“

Ich versuchte, der Episode in den frühen Morgenstunden keine allzu grosse Bedeutung beizumessen und half „Meinem“ unter Jammern und Stöhnen beim Bereitmachen der Kinder, die heute übrigens deutlich weniger kooperativ waren als gestern, was aber ganz bestimmt einzig und alleine daran lag, dass es heute nicht schneite. Gegen halb acht kam das Au Pair, um „Meinem“ und mir bei unseren Pflichten beizustehen. Aber ganz so fit wie gewöhnlich war auch sie nicht. Doch wie wir Frauen nun mal sind, bissen wir beide tapfer auf die Zähne und erledigten brav unsere Arbeit, auch dann, als „Meiner“ zur Arbeit gefahren und die Kinder zur Schule gegangen waren. Und weil unser Au Pair ein sehr netter Mensch ist, brachte sie schliesslich den Zoowärter in die Spielgruppe und kümmerte sich um das Prinzchen. Ganz wohl dabei war mir nicht, denn ich wusste ja, dass es ihr nicht viel besser geht als mir. Dennoch gab ich schliesslich dem Drängen meiner müden Knochen nach und zog mich auf mein Krankenlager zurück. Um das Gemotze des Lebens, das mir hinterherrief, ich solle gefälligst zuerst den Abfallsack vor die Tür bringen, die Küche fertig aufräumen und das Badezimmer sauber machen, ignorierte ich. „Darf man denn nie krank sein“, murmelte ich, bevor ich in einen tiefen Schlaf fiel.

Zwei Stunden später waren Zoowärter, Prinzchen und Au Pair zurück. Das Au Pair so blass und abgekämpft, dass sie sich schliesslich ergab und ins Bett zurückzog. „Das hast du ja mal wieder grandios eingerichtet“, herrschte ich das Leben an. „Zuerst lässt du mich krank werden und dann musst du dich auch noch auf das Au Pair stürzen. Hättest du nicht wenigstens warten können, bis ich wieder ganz gesund bin?“ „Hätte ich schon tun können“, gab das Leben gleichmütig zurück. „Aber du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich mich um solche Kleinigkeiten einen Dreck schere? So gut solltest du mich inzwischen kennen, dass du so viel Rücksichtnahme nicht von mir erwartest. Und zudem habe ich dich jetzt einen ganzen und einen halben Tag krank machen lassen und obendrein habe ich dir heute Morgen noch diese zwei Stunden zusätzlichen Schlafs gegönnt. Kannst du denn nicht zufrieden sein damit? Du weisst doch, dass die Zeit, die du krank auf dem Sofa liegen konntest, purer Luxus war.“ „Klar weiss ich das“, entgegnete ich. „Aber siehst du denn nicht, dass ich noch nicht fit genug bin, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Und ausserdem bekomme ich jetzt auch noch Ohrenweh und du weisst doch, wie mühsam das sein kann.“ „Wozu hat man denn Medikamente erfunden?“ Wer braucht denn Ruhe, wenn er sich ebenso gut bis obenhin mit Medikamenten vollstopfen könnte?“, fragte das Leben zynisch. „Ja, aber du weisst doch, dass ich es hasse, wenn ich die Käfer mit Medikamenten in Schach halten muss…“, jammerte ich und das war wohl ein Gejammer zu viel. Denn jetzt fasste das Leben den Entschluss, mir es so richtig zu zeigen.

„Komm mal her, Prinzchen“, sagte das Leben. „Siehst du diese Dose hier? Schüttle sie doch mal ganz kräftig. Ja, genau so. Hübsch, wie die rasselt, nicht wahr? Willst du sie nicht aufmachen? Ja, sehr gut, mein Kleiner. Oh, schau mal, da hat’s ja ganz viele Pistazien drin. Komm, ich zeige dir, wie schön die hüpfen, wenn man sie auf den Boden schmeisst. Hihi, das ist lustig, willst du auch mal probieren? Prima, wie du das machst! Versuch‘ doch mal, ob du auch eine ganze Handvoll davon auf den Fussboden schmeissen kannst…“ Und bald lagen die Pistazien überall, wo sie nicht liegen sollten und das Leben kam so richtig in Fahrt: „He Zoowärter“, rief es. „Hast du gesehen, das Prinzchen hat deinen Bären geschnappt. Wenn ich du wäre, würde ich den sofort zurückholen. Nein, macht nichts, wenn das Priznchen heult, die Mama wird das schon wieder richten. Ach so, die Mama versucht gerade Mittagessen zu kochen? Auch gut, dann hol doch mal bitte dieses Verbandsmaterial im Spiegelschrank, Prinzchen. Wie, wozu das gut sein soll? Frag‘ doch nicht so blöd, mach es einfach, aber schnell, bevor die Mama die Hände frei hat, um es dir wegzunehmen, bevor du den ganzen Verband abgerollt hast. Mist! Jetzt war sie doch schneller. Also, mein Prinzchen, dann schlage ich jetzt vor, dass du dir den Schemel holst, die Tür aufschliesst und abhaust und du, Zoowärter, kannst dich derweilen mit diesem Popcorn vergnügen, das dein Papa gestern Abend hat rumstehen lassen…“

Es dauerte keine zehn Minuten, bis die Küche im Chaos versank und ich ein herumbrüllendes, abgekämpftes Wrack war, das sich schleunigst ein paar Medikamente einwarf, um den Rest dieses elenden Tages wenn schon nicht gesund, so doch wenigstens schmerzfrei zu überstehen.

Was mache ich bloss falsch?

Es ist mal wieder soweit: Der Käfer, der alle unsere Kinder mal kurz gestreift hat, so dass sie ein paar Stunden lang ein wenig kränklich waren, hat mich niedergestreckt. Das ist immer so, wenn mal wieder alles ein bisschen viel wird. Und viel war es in den letzten Wochen eindeutig. Zu viel, wie mein Brummschädel, meine Gliederschmerzen und meine zittrigen Beine sagen wollen. Was nicht weiter schlimm ist, denn Au Pair sei Dank kann ich endlich wieder einmal krank machen, wenn ich krank bin und muss nicht durchbeissen bis zum  Wochenende, wenn ich eigentlich schon längst wieder gesund wäre, mich aber dann aus Trotz doch noch einen Tag ins Bett lege. Nein, diesmal ist das Kranksein schon fast Genuss: Schlafen, soviel wie nötig, auf dem Sofa liegen und schreiben, wenn ein Text da ist, dem Gequassel der Kinder lauschen und mich daran freuen, dass ich krank sein darf.

Eines aber gab mir heute früh schon zu denken: Da sorgten „Meiner“ und das Au Pair dafür, dass die Kinder satt und sauber aus dem Haus gehen konnten und ich lag im Halbschlaf im Bett und wartete auf das übliche Geschrei. Aber das Geschrei kam nicht. Alles blieb so still, dass ich hin und wieder sogar ganz in den Schlaf abdriftete. Es war beinahe schon unheimlich: Kein Tobsuchtanfall von Luise, weil die Lieblingshose noch nicht gewaschen ist, kein Herumbrüllen von „Meinem“, weil der FeuerwehrRitterRömerPirat mal wieder keinen Wank tat, kein Gejammer von Karlsson, weil er seine Hausaufgaben nicht finden konnte. Der Zoowärter und das Prinzchen noch in seligem Schlummer, weil sie für einmal vor dem üblichen Radau verschont blieben.

So langsam begann ich, mir Sorgen zu machen. Ich meine, irgend etwas kann doch nicht stimmen, wenn die selben Kinder, die mich Morgen für Morgen fast in den Wahnsinn treiben, auf einmal so friedlich und folgsam sind. Und wie wir Mütter eben so sind, fing ich an, mir selber Vorwürfe zu machen. „Du bist eben einfach zu ungeduldig mit den Kindern, darum habt ihr jeden Morgen Krach“, meldete sich eine Stimme zu Wort. „Und du bist in deiner Morgenmuffeligkeit eben einfach so unausstehlich, dass man dich kaum ertragen kann“, meinte eine andere Stimme. Eine dritte warf mit vor, ich müsste mir eben jeden Morgen etwas Spezielles einfallen lassen, dann würden die Kinder auch fröhlicher in den Tag starten. So lag ich da, lauschte den Stimmen und wartete darauf, bis endlich das grosse Chaos vor der Schlafzimmertüre ausbrechen würde, doch das Einzige, was ich hörte, waren die Schritte der Kinder, als sie sich kurz vor acht Uhr fröhlich auf den Weg machten. Was meinem Selbstbewusstsein einen weiteren Stoss versetzte. Warum sind die immer so störrisch, wenn ich Dienst habe und kaum bin ich mal krank, sind sie lammfromm und tun, was Papa und Au Pair von ihnen erwarten?

Die Sache setzte mir derart zu, dass ich nicht mehr weiter schlafen konnte. Also kämpfte ich mich aus dem Bett, um mal aufs WC zu gehen. Und da sah ich auch gleich, weshalb unsere entzückenden Kinder heute so brav aus dem Haus gegangen waren: Draussen fiel der erste Schnee.

In oder out?

Okay, eigentlich bin ich ganz glücklich, dass es in unserem Haushalt weder Wii, noch x- Box, noch all den anderen Mist gibt, mit welchem unsere Kinder die Zeit vertrödeln könnten. Ich bin auch nicht traurig darüber, dass die kleinen Vendittis scheinbar die einzigen Kinder sind, die Star Wars nur vom Hörensagen kennen. Und ich finde es auch nicht weiter schlimm, dass Hannah Montana in Luises Kleiderschrank noch nicht Einzug gehalten hat.

Es ist nicht so, dass wir unseren Knöpfen das alles einfach verbieten, sie haben bis anhin einfach kein großes Interesse an solchen Dingen gezeigt, und ich sehe keinen Grund, dieses Interesse künstlich zu wecken. Wir sind auch nicht grundsätzlich gegen technischen Fortschritt, aber wir sehen nicht ein, weshalb wir immer gleich jeden Mist mitmachen sollten. Unsere Kinder scheinen auch ohne den ganzen Kram ganz glücklich zu sein und immerhin dürfen sie ja hin und wieder mit Mamas iPad spielen.

Zuweilen aber Stelle ich mir die Frage, ob wir hier nicht ein gigantisches Nachholbedürfnis herbeizüchten, das unsere Kinder dereinst werden stillen wollen. Die Zweifel befallen mich zum Beispiel dann, wenn wir gemeinsam einen Katalog durchblättern und unsere Kinder nicht wissen, dass man dieses hässliche schwarze Ding auf dem Bild x-Box nennt. Noch mulmiger wird mir, wenn ich ihnen nicht erklären kann, wozu diese gut sein soll. Hätten wir nicht ein sehr schlaues Au Pair, unsere Kinder würden weiter im Dunkeln tappen.

Mulmig wird mir auch, wenn ich mit einem Ohr zuhöre, wie unsere Kinder beim Zeichnen miteinander reden. „Ich zeichne der Frau eine Hannah Montana auf den Pullover“, verkündet Luise und Karlsson meint, er hätte doch schon
immer geahnt, dass Luise Hannah Montana cool finde. Worauf Luise so laut protestiert, dass mir sofort klar wird, wie sehr unsere Tochter hin- und hergerissen ist zwischen Faszination und Abscheu. Ganz ähnlich wie damals ihre Mutter, die zwar wusste, dass Barbie fürchterlich doof und stillos ist, die aber dennoch ganz gerne mal so ein doofes, stilloses Ding ihr Eigen genannt hätte.

Als Kind von Eltern, die schon vor dreißig Jahren auf Bio, Handgestricktes, Umweltschutz und Konsumverzicht schworen, weiss ich nur zu gut, wie sehr es nerven kann, wenn Erwachsene einem mit ihren Überzeugungen jeden politisch oder ökologisch inkorrekten Spass verderben. Als Erwachsene, die weiß, dass ihr diese Erziehung nicht geschadet hat, sondern sie zu einem mehr oder wenigen kritisch denkenden Menschen gemacht hat, bin ich aber heute überzeugt, dass meine Kinder durchaus auch zu glücklichen Menschen heranwachsen, wenn sie nicht jeden Mist mitmachen müssen.

Und so wird mir einmal mehr bewusst, dass es in der Erziehung nicht den einzig gangbaren Weg gibt, dass es ein stetiges Abwägen bleibt zwischen Ja und Nein, sinnlos und sinnvoll, In-sein und Out-sein. „Meiner“ und ich werden wohl nicht davor verschont werden, uns hin und wieder sehr unbeliebt zu machen bei unseren Kindern, aber ich hoffe doch sehr, dass wir es auch ab und zu hinkriegen, Dinge zu erlauben, die unseren Überzeugungen nicht in allen Punkten entsprechen.

Für den Moment aber bin ich einfach nur froh, dass unsere Kinder noch ganz zufrieden sind, wie die Dinge sind. Zumindest dieses Jahr werde ich noch guten Gewissens sämtliche Weihnachtswünsche erfüllen können. Mal abgesehen davon, dass Luises „Sylvanian Famileis“ in China hergestellt worden sind.

Wieder Kind werden

Beim ersten Kind war es ja noch ganz einfach und beim Zweiten auch: All die Wunder der Kindheit, die man in bester Erinnerung hat, sind wieder da. Der erste Tannenbaum, unter dem ein echtes Baby liegt und nicht bloss eines aus Holz oder Maisstroh. Der erste Geschenkekatalog, der ins Haus flattert und der einen fast ebenso magisch anzieht wie damals, als man selber noch einen Wunschzettel zusammenkleistern durfte. Das erste Weihnachtsfenster, das endlich einmal so werden soll, wie man es sich als Kind immer erträumt hatte. Die Auferstehung all der Traditionen, die man als Kind so geliebt hatte, die sich aber ganz allmählich mit dem Grösserwerden der Kinder aus dem Leben geschlichen hatten, weil das, was für die Kinder so wunderbar, so magisch war, für die Eltern mehr und mehr zum Stress verkommen war.

Bei uns würde das natürlich ganz anders sein, das wussten wir, schon bevor wir Kinder hatten. Bei uns würde die heilige Zeit heilig bleiben, die Geheimnisse würden Geheimnisse bleiben, die Freude der Eltern jedes Jahr so echt und ungetrübt wie die Freude der Kinder. Und anfangs war dies, wie bereits erwähnt, noch sehr einfach. Mit den ersten Kindern wurden wir selber wieder ein bisschen Kind, machten uns voller Elan an das Umsetzen all der Träume, die wir schon als kleine Kinder hatten, die dann aber unsere Eltern nicht immer so erfüllen konnten oder wollten, wie wir dies erwartet hätten. Ja, bei uns würde das anders sein, zauberhafter, kindlicher, stressfreier.

Doch dann wurden der Kinder mehr und diejenigen, die schon da waren, wurden grösser, die Jahre jagten sich immer schneller und bald einmal ertappte man sich dabei, wie man seufzte: „Mist, wir sollten schon wieder den Samichlaus organisieren. Wo sollen wir  denn den noch in den Terminkalender quetschen?“ Den kleineren Kindern die Vorfreude auf den Samichlaus nicht zu verderben und den grösseren dennoch zu gestehen, dass unter dem roten Mantel und dem weissen Bart ein ganz gewöhnlicher Mann steckt, ist gar nicht so einfach. Noch schwieriger ist es, zu verhindern, dass die Grossen den Kleinen den Zauber ruinieren, bevor diese überhaupt eine Chance gehabt hatten, so richtig an den Samichlaus zu glauben. Und während man in den ersten Jahren des Familienlebens noch sehnsüchtig darauf gewartet hatte, endlich das Glöckchen läuten zu dürfen und sich an den glänzenden Augen der Kinder zu erfreuen, wenn sie zum ersten Mal den Tannenbaum sehen, so muss man heute aufpassen, dass das Ganze nicht zu der ewig gleichen Routine wird. Nicht, weil man dies will, sondern weil halt alles, was man mehrmals erlebt hat, zur Routine werden kann. Wenn wir nicht aufpassen, dann sind wir schon bald soweit, dass wir uns fragen, ob wir für einmal nicht auf den Samichlaus verzichten sollen, oder ob es den Kindern wohl etwas ausmachen würde, wenn sie in diesem Jahr ohne Adventskalender auskommen müssten….

So würden wir wohl denken, wäre ich in den vergangenen Tagen nicht wieder vermehrt dem Kind begegnet, das ich mal war. Da sass ich am Computer und verirrte mich schreibend in eine weihnächtliche Welt, die immer zauberhafter wurde, immer mehr so, wie ich mir das damals, als ich noch klein war, vorgestellt hatte. Und wenn ich wieder auftauchte aus meiner Weihnachstwelt, traf ich auf den Zoowärter, der gedankenverloren auf dem Sofa sass, das „Geschenkebuch“ der Migros von vorne nach hinten und wieder zurück durchblätterte und murmelte: „Das wünsche ich mir und das hier und dann natürlich noch das da oben…“ Plötzlich wurde mir wieder klar, dass die Weihnachtszeit für jedes Kind eine besondere Zeit ist, egal, wie oft die Familie schon Weihnachten gefeiert hat, egal, wie sehr man den ganzen Konsumwahn verteufeln mag, egal, wie sehr man sich darüber ärgert, dass der Sinn des Festes im ganzen Trubel verloren geht. Und so fasse ich heute den Entschluss, dass ich immer wieder Kind werden will. Denn ich ahne, dass nur wer Kind bleibt, es zustande bringt, in der guten alten Advents- und Weihnachtszeit einzig das Schöne zu sehen und das Schlechte auszublenden.

Zehn Jahre Karlsson

Zugegeben, meine Liebeserklärung an Karlsson kommt heute etwas sehr spät. Dies hat zwei Gründe: Erstens durfte ich heute nach ausgiebigen Geburtstagsfeierlichkeiten auch noch der Geburt eines Vereins beiwohnen und zweitens hat sich Karlssons ja damals auch erst drei Minuten vor Mitternacht dazu entscheiden können, Mamas Bauch doch noch am 17. und nicht erst am 18. zu verlassen. Und deshalb wird er ja streng genommen erst in einigen Minuten zehn Jahre alt.

Wird man Mama von einem Jungen, kommt man nicht umhin, mit zahlreichen Klischees konfrontiert zu werden. Die Leute schenken dem Kind marineblaue und dunkelbraune Kleider, sie bringen Spielzeugautos und Bagger mit und sie glauben, dich vorwarnen zu müssen, dass es nun wohl ziemlich rund gehen würde bei dir zu Hause. Würde man sich nach den Klischees richten, man hätte als Eltern eines Sohnes eine wahrlich eintönige Zukunft vor sich. Aber wir wurden ja Gott sei Dank nicht Eltern eines Klischees, wir wurden Eltern von Karlsson. Und dieser Karlsson, das wird mir an Tagen wie heute ganz besonders bewusst, entspricht ganz bestimmt nicht den gängigen Klischees.

Nehmen wir mal das Thema seiner Geburtstagsparty, die übernächstes Wochenende stattfindet: „Das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert“, wie er auf der Einladung an seine Freunde schrieb. Oder nehmen wir das Geschenk, das er sich mit Gotte und Götti ausgesucht hat: Eine 130-jährige Petroleumlampe, die er hütet wie seinen Augapfel und die er am liebsten als einzige Beleuchtung im ganzen Haus einsetzen würde. Oder nehmen wir seine Antwort, als ich ihn heute fragte, ob er denn nicht seinen besten Freund zum Mittagessen einladen wolle: „Ach weisst du, Mama“, meinte er, „an meinem Geburtstag möchte ich eigentlich beim Mittagessen nur mit meiner Familie zusammen sein.“

So ist er, unser Karlsson und ich muss immer wieder schmunzeln, wenn ich daran denke, wie man uns damals, als er noch ganz klein war, gewarnt hatte, das Kind werde bestimmt ganz wild, ja, vielleicht sogar hyperaktiv, so, wie Jungs eben seien. Karlsson ist – wie wohl sehr viele Jungen – das pure Gegenteil von dem, was man uns damals gesagt hatte. Karlsson ist Karlsson, einmalig mit seinem Humor, mit seiner Liebe zu alten Dingen, mit seiner Fantasie, mit der er sich die Welt besser erträumt, mit seinen bunten Kleidern, mit seinem aufbrausenden Temperament, das in lebhaftem Kontrast zu seiner sensiblen Art steht, mit seiner Treue, die ihn in einem unansehnlichen Stück Stoff noch immer den geliebten Eisbären sehen lässt, den er zum ersten Geburtstag geschenkt gekriegt hat.

So bist du, geliebter Karlsson. So und noch ganz anders, denn wer könnte je einem Menschen mit einigen wenigen Sätzen gerecht werden? Und auch wenn ich dir weder mit meinen Worten noch mit meinen Taten je werde voll und ganz gerecht werden können, Eines bleibt: Ich bin so unglaublich dankbar, dass du mein Sohn bist.

Zehn Jahre Mama Venditti

Bevor ich morgen auf zehn Jahre Karlsson zurückblicken werde, befasse ich mich heute mit der Mama, die ja auch morgen vor zehn Jahren das Licht der Welt erblickt hat. Ich befasse mich mit einer Mama, die damals sehr viele Dinge wusste, die sie heute nicht mehr weiss. Diese Mama wusste zum Beispiel, dass ihr kleiner, süsser Karlsson nie und nimmer im Elternbett schlafen würde. Kinder haben im Elternbett nichts verloren, darin waren „Ihrer“ und Mama Venditti sich einig. Der kleine Karlsson teilte übrigens die Meinung seiner Eltern und zeigte keinerlei Interesse an allzu viel elterlicher Nähe. Aber Karlsson bekam dann ja auch noch Geschwister, die das Dogma so sehr in Frage stellten, bis schliesslich weder Mama Venditti noch „Ihrer“ sich erinnern konnten, was denn so schlimm sein sollte daran, wenn hin und wieder mal ein kleines Menschlein ins Elternbett gekrochen kommt. Inzwischen sieht übrigens auch Karlsson die Dinge nicht mehr ganz so eng und so verbringt er die Nacht vor seinem zehnten Geburtstag im Elternbett, weil er sonst vor lauter Vorfreude nicht schlafen kann.

Mama Venditti wusste vor zehn Jahren aber auch noch andere Dinge, zum Beispiel, dass das Muttersein sie so sehr erfüllen würde, dass sie ihrem Beruf keine Träne nachweinen würde, obschon sie diesen innig geliebt hatte. Nun, es dauerte nicht allzu lange, bis Mama Venditti zu einer ziemlich unausgeglichenen, launischen Frau wurde, die sich nicht immer so an ihrem Dasein zu Hause erfreuen konnte, wie sie dies erwartet hätte. Leider aber dauerte es ziemlich lange, bis Mama Venditti begriff, woran es lag, dass sie so unausgeglichen und launisch war und deswegen machte sie sich a) den Alltag mit bitteren Selbstvorwürfen zur Qual und b) ihren lieben kleinen Kindern  das Leben mit einer Mama, die nicht wusste, wo das Problem lag, ziemlich schwer. Inzwischen hat Mama Venditti endlich herausgefunden, dass ihre Leidenschaft für ihre Kinder mehr zum Tragen kommt, wenn sie auch anderen Leidenschaften in ihrem Leben Raum gibt. Was nicht heissen soll, dass es die Kinder nun leichter haben mit dieser Mama, denn nun kommt es hin und wieder vor, dass diese diese anderen Leidenschaften mehr Raum einnehmen, als es Mama und Kindern genehm ist.

Dann war da noch die Sache mit dem Temperament. Mama Venditti hatte von ihrer Schwester und anderen Frauen immer wieder gehört, dass sie durch die Kinder viel ausgeglichener und ruhiger geworden seien. Mama Venditti, die schon als Kind mit ihrem hitzigen Temperament aufgefallen war, glaubte natürlich, dass bei ihr genau das Gleiche geschehen würde. Kaum würde sie ihr erstes Kind im Arm halten, würde sie die Ruhe selbst sein. Das glaubte sie ziemlich genau drei Wochen lang, dann flog erstmals mitten in der Nacht eine Schoppenflasche an die Wand, weil Mama Venditti das Weinen ihres entzückenden Kindes nicht mehr ertragen mochte. In den ersten Jahren fragte sich Mama Venditti noch, was bloss mit ihr falsch sei, dass sie einfach nicht ruhiger werden konnte, doch irgendwann begriff sie, dass die Kinder sie nicht zu einem vollkommen veränderten Menschen machen würden und dass sie lernen musste, ihr Temperament in solche Bahnen zu lenken, dass die Kinder nicht darunter leiden müssen. Inzwischen haben sich die Kinder daran gewöhnt, dass Mama Venditti hin und wieder in der Wut einen Teller auf den Fussboden schmeisst, sie wissen aber auch, dass diese Mama danach selber zum Besen greifen wird, um die Scherben aufzuwischen und dass diese Mama sich später auch für ihren Zornausbruch entschuldigen wird. Und vor allem wissen sie, dass diese Mama sehr viel Verständnis hat dafür, wenn ihnen auch mal eine Sicherung durchbrennt.

Ja, diese Mama Venditti wusste sehr viel, damals, vor zehn Jahren. Sie wusste, dass man auch sehr kleine Kinder mit einer gewissen Strenge erziehen muss, dass man einem Kind auf gar keinen Fall vor dem ersten Geburtstag Schokolade geben darf, dass Kinder am glücklichsten aufwachsen, wenn zwischen ihnen und ihren Geschwistern der perfekte Altersabstand liegt, dass man ein grosses Auto braucht, wenn man viele Kinder haben will und dergleichen mehr. Inzwischen ist viel passiert: Mama Venditti hat lernen müssen, dass rechthaberische Strenge nie zum erwünschten Ziel führt. Sie hat erleben dürfen, wie der FeuerwehrRitterRömerPirat im zarten Alter von sieben Monaten ein ganzes Stück Schokoladentorte verzehrt hat, ohne ernsthaften Schaden zu nehmen. Sie hat erfahren, dass es den „perfekten“ Altersabstand nicht gibt und dass es Paare auf dieser Welt gibt, denen die Kinder einfach so in den Schoss fallen, wann es den kleinen Menschlein und ihrem Schöpfer gerade passt. Und inzwischen weiss sie gar, dass eine grosse Familie auch ganz gut mit einem kleinen Auto auskommen kann.

Einiges aber hat die Mama Venditti, die vor zehn Jahren geboren wurde, nicht gewusst: Wie sehr diese Kinder, die ihr in den Schoss fielen, ihr Leben bereichern würden. Wie sehr sie diese Kinder ans Ende ihrer Kräfte treiben würden. Und vor allem, wie sehr  sie diese Kinder lieben würde. Jedes Einzelne mit seiner ureigenen Art.

Nieder mit Käpt’n Sharky!

Zuerst habe ich gedacht, ich sei die Einzige, die etwas an ihm auszusetzen hätte. Immerhin ist der kleine Pirat mit der Schmusedecke omnipräsent und damit er dies sein kann, muss er ja zuerst einmal zu einem Renner werden und das wird ein Kinderzimmerheld gewöhnlich nicht ohne die Hilfe von Müttern, Vätern, Grosseltern und Paten, die bereits sind, das Portemonnaie zu zücken, wenn der Nachwuchs einen Wunsch äussert. Käpt’n Sharky also hat es bis ganz nach oben geschafft und ich gestehe euch an dieser Stelle, dass ich beinahe auch auf ihn reingefallen wäre. Immerhin sind die Bilder, die ihn umgeben so wunderbar bunt und ansprechend, wie man sie selten sieht bei Kinderzimmerhelden, die vorwiegend für Jungs gemacht sind. „Endlich mal einer, der etwas Farbe in die trübe, marineblauarmeegrünschlammbraunedinosaurierbaustellenlaserschwert Welt der Jungs bringt“, staunte ich, als ich vor einigen Jahren dem kleinen Piraten zum ersten Mal begegnete. Weil aber der kleine Pirat so gut vermarktet wird, dass wir uns seine Accessoires nur selten leisten können, blieb es lange bei einer flüchtigen Bekanntschaft.

Neulich aber brachte der FeuerwehrRitterRömerPirat, der jetzt im Kindergarten auch in die Bibliothek geht,  ein Käpt’n Sharky Buch mit nach Hause. Cool, dachte ich, endlich lerne ich den mal näher kennen. Das wird bestimmt lustig. Und dann wurde ich enttäuscht, wie ich noch selten in einem Kinderbuch enttäuscht worden bin. Die Bilder zwar schön bunt und ansprechend, die Handlung aber so zerstückelt und zufällig, dass man von der einen Seite zur nächsten schon beinahe den Faden verliert. Das Ganze erzählt in der Art eines Schüleraufsatzes, der vom Lehrer zwar von Orthographiefehlern befreit, vom Schüler aber weder in Satzbau noch Aufbau der Geschichte überarbeitet wurde. Jedes Mal, wenn eines der Kinder mit dem Buch vor mir stand und mich bat, ihm daraus zu erzählen, suchte ich ganz dringend nach Ausreden, die mir diese Tortur ersparten. „Soll ich dir nicht lieber aus der Wegleitung zur Steuererklärung vorlesen? Das ist viiiiiieeeel spannender. Oder möchtest du vielleicht ein Bild über die letzen Bundesratswahlen malen?“ Leider liessen sich die Kinder von meinen Vorschlägen nicht begeistern und so erzählte ich einmal mehr vom kleinen Piraten und versuchte verzweifelt, mit Ausschmückungen, verstellten Stimmen und dem Aufbau von Spannung dem Text zu geben, was ihm fehlt. Aber ich scheiterte kläglich, denn ich brachte es einfach nicht fertig, die Langeweile aus meiner Stimme zu verbannen.

Anfangs dachte ich ja, ich sei wohl mal wieder überkritisch. „Am Ende bist du gar neidisch, dass Käpt’n Sharky die Buchläden im Sturm erobert hat, während Leone & Belladonna noch kaum einer kennt“, schalt ich mich. Doch eine kleine Umfrage im Kreise meiner Mitmütter ergab, dass ich für einmal nicht alleine dastehe mit meiner Meinung. Wo ich auch nachfragte, die gleiche Reaktion: „Oh nein, Käpt’n Sharky! Verschone mich mit diesem Langweiler! Die Bilder sind ja okay, aber der Rest…“ Beflügelt durch diese Reaktionen wage ich nun heute nach langem Zögern mein Coming-Out: Ich hasse Käpt’n Sharky. Könnte vielleicht mal einer dafür sorgen, dass der arme kleine Kerl einen anständigen Texter kriegt, damit wir Mütter nicht regelmässig einschlafen beim Vorlesen? Wenn am Ende die Mama schläft, die Kinder aber noch wach sind, ist nämlich etwas ganz gewaltig schief gelaufen…

Stets zu Ihren Diensten, mein Herr

So langsam nimmt das Prinzchen die Sache mit dem blauen Blut ein wenig zu ernst. Als ich letzte Nacht im Halbschlaf mitkriegte, wie „Meiner“ nach dem Nuggi suchte, glaubte ich noch, es würde bald wieder Ruhe einkehren im Schlafgemach. Aber da hatte ich mich ganz gewaltig geirrt. Wenig später verlangte nämlich Ihro Majestät ein Fläschchen. Weil „Meiner“ inzwischen wieder im Land der Träume unterwegs war, machte ich mich auf in die Küche, um das Fläschchen zu füllen. Aber das Prinzchen wollte nicht dieses Fläschchen, sondern „anneri Flässe“. Und dies verlangte er mit einer solchen Vehemenz, dass ich nicht wagte , ihm zu widersprechen. Ich wollte ja nicht, dass die ganze Familie wach wird.

Währenddem ich die Milch in eine andere Flasche umfüllte, machte sich meine Blase bemerkbar. Was dem Prizchen gar nicht passte. „Nei Mami! Decki! Au flaffe!“, befahl er. Womit er sagen wollte, dass ich mich jetzt gleich wieder hinlegen sollte. Was ich aber nicht tat, auch wenn das Prinzchen zu glauben scheint, ich sei ihm zu blindem Gehorsam verpflichtet.

Als ich wieder ins Zimmer zurückkam, war die Milchflasche leer, das Prinzchen aber wollte mehr. „Saff bella!“, forderte er und streckte mir das leere Fläschchen entgegen. Nun bin ich ja mich gerade berühmt für meine Prinzipienreiterei, aber Saft mit Bella – also eigentlich Saft mit Cola – gibt’s bei uns nicht mitten in der Nacht. Eigentlich auch nicht am Tag, aber das Prinzchen hat noch nicht begriffen, dass wir nur so tun, als ob wir Cola in sein Fläschchen füllen würden. Nun mag man sich ja fragen, weshalb eine Familie wie wir überhaupt Cola light im Hause haben, aber darüber möchte ich lieber nicht reden, denn das ist mir ein wenig peinlich. Jeder hat halt so seine kleinen Laster. Aber zurück zu Saft und Bella: Als das Prinzchen merkte, dass es mir ernst war mit meinem Nein, begann er wild mit den Händchen zu fuchteln. So wild, dass „Meiner“, der inzwischen auch wieder wach geworden war, und ich fürchteten, das Kind werde demnächst abheben und davonfliegen. Dazu schrie er in den höchsten Tönen nach „Saff bella!“. Irgendwann hatte er mich soweit, dass ich in die Küche ging, um ihm ganz wenig „Saff“ und ganz viel „Waffe“ ins Fläschchen zu füllen. Von da an herrschte wieder himmlische Ruhe, auch wenn wir das Prinzchen einmal mehr um das ersehnte Bella betrogen hatten.

Manchmal hat man eben als Mutter nur die Wahl zwischen kreuzverkehrt und total daneben. Und ich muss euch doch sehr bitten, dass ihr mir jetzt keine Handlungsalternativen vorschlagt. Es reicht, wenn ich mir das Gemotze meines inneren Kritikers anhören muss.

Ach ja, und falls ihr wissen wollt, wie wir momentan alle aussehen, gibt’s hier aktuellere Bilder.

Bitte nicht stören

Nennt mich ruhig altmodisch, aber es gibt da so Zeiten, zu denen ich nicht gestört werden will. Meine Eltern haben mir noch beigebracht, dass man sonntags niemanden anruft, dass man die Leute zu Essenszeiten in Ruhe lässt und dass man sie weder frühmorgens noch feiertags mit Telefongeklingel weckt. Mir scheint, die Zeiten haben sich gewaltig geändert. Kaum ein Mittagessen geht vorbei, ohne dass jemand anruft und heute, wo die Kinder unaufgefordert jeden Anruf entgegennehmen, können wir das Klingeln noch so sehr ignorieren, am Ende rufen die Kinder uns dennoch ans Telefon. Das müssen wir mal im Familienrat thematisieren, sofern wir es endlich auf die Reihe kriegen, einen abzuhalten.

Dass die Leute so unhöflich sind, über Mittag anzurufen, ist an sich schon ärgerlich, wenn ich aber bedenke, weshalb sie zu unseren Essenszeiten zum Telefon greifen, dann werde ich rasend. Da hat doch zum Beispiel tatsächlich einmal eine verzweifelte Mutter „Meinen“ angerufen, weil ihre Tochter nicht essen wollte, was auf den Tisch gekommen war. „Was soll ich bloss tun, Herr Venditti?“, klagte sie. „Meine Tochter will das Fleisch nicht essen.“ Ein anderer Favorit von mir: „Ich weiss, dass ich Sie beim Essen störe und das tut mir ja wirklich Leid, aber…“ und dann kommt irgend eine blöde Geschichte von vergessenen Hausaufgabenheften.

Eine andere telefonische Unzeit ist für mich der Sonntag. Klar, wenn wir mit Freunden verabredet sind und die uns anrufen, weil sie eine Stunde früher kommen, dann stört mich das nicht. Ich habe auch nichts dagegen, wenn man sich spontan zu uns zum Kaffee einlädt. Aber ist es denn so verwerflich, dass weder „Meiner“ noch ich sonntags für Berufliches erreichbar sein will? Und doch kommt es immer mal wieder vor, dass Anrufer nicht bis Montag warten mögen und uns so daran hindern, wenigstens einen Tag lang so zu tun, als hätten wir frei. Reicht es denn nicht, dass wir durch die Verköstigung unserer entzückenden Horde auch sonntags nie ganz von unseren Pflichten entbunden sind?

Anrufe zu Essenszeiten sowie an Sonn- und Feiertagen sind ein Ärgernis, Anrufe am frühen Morgen , sagen wir um sechs Uhr, treiben mich zuerst einmal in Panik und danach, wenn ich weiss, dass es um irgend eine Bagatelle ging, zur Weissglut. Wissen die guten Leute denn nicht, dass ein Anruf, der einen aus dem Schlaf reisst, einen sofort das Schlimmste erahnen lässt? So war das zum Beispiel heute früh um zehn vor sechs, als das Telefon klingelte, ich aber im Halbschlaf nicht schnell genug war, den Hörer zu finden. Wenn der Tag damit anfängt, dass mir das Herz rast vor lauter Angst, dass einem lieben Menschen etwas zugestossen sein könnte, dann bin ich zu nichts zu gebrauchen. Wenn ich dann aber im Laufe der nächsten zwei Stunden feststellen muss, dass die Person keinen weiteren Versuch unternimmt, uns erneut zu erreichen, dann muss ich annehmen, dass es da keinen Notfall gab, sondern nur einen ausgesprochen asozialen Zeitgenossen, der sich nicht bewusst ist, dass auch Vendittis hin und wieder schlafen.

Nein, ich habe nichts gegen Telefone, im Gegenteil. Wenn ich mal in Fahrt bin, dann kann ich stundenlang quasseln. Aber kann man sich denn, bevor man zum Hörer greift, nicht noch ganz kurz daran denken, dass der Mensch am anderen Ende der Leitung auch hin und wieder essen, schlafen oder ausspannen muss? Und ist es denn so schwierig, später noch einmal anzurufen, wenn Mama Venditti beteuert, „Ihrer“ sei jetzt am Essen und möchte nicht gestört werden? Kann man es sich denn nicht verkneifen, darauf zu bestehen, dass er jetzt ans Telefon kommt, weil man ja „nur zwei Minuten etwas mit ihm besprechen will“? Ist das denn zuviel verlangt?

Nun gut, eine Bitte hätte ich noch zum Schluss: Bitte ruft uns samstags nicht vor neun Uhr morgens an. Ich weiss, man geht im Allgemeinen davon aus, dass Eltern samstags spätestens um halb sieben mit tiefen Augenringen am Küchentisch sitzen und sich am Geplärre ihrer Kinder ergötzen. Leider muss ich an dieser Stelle diesem Mythos ein Ende setzen. Es gibt durchaus Kinder, die ihre Eltern samstags etwas länger als gewöhnlich schlafen lassen. Unsere gehören dazu.