Si tacuisses….

Nein, es geht nicht um die Philosophenwürde, die „Meiner“ wegen einer unbedachten Bemerkung verloren hat. Dennoch hätte er besser geschwiegen. Hätte er nichts gesagt, dann wäre es einfach ein ganz gewöhnlicher Tag gewesen, der schon im Eimer ist, bevor er richtig begonnen hat. Ein Tag, an dem man bereits um zwanzig nach sieben zum ersten Mal laut werden muss, weil keiner zuhört. Ein Tag, an dem man sich am Morgen vornimmt, die Wäscheberge zu beseitigen, den Haushalt auf Vordermann zu bringen und dem Zoowärter das Liederbuch von vorne bis hinten und wieder zurück vorzusingen. Ein Tag, an dem diese Pläne aber so oft durchkreuzt werden, dass man bereits um neun Uhr schon gar nicht mehr weiss, was man eigentlich vorgehabt hätte. Ein Tag, an dem man es erst um zehn Uhr unter die Dusche schafft, wo man, kaum ist man von Kopf bis Fuss eingeseift, vom Telefon gestört wird. Und dann, nachdem man wieder unter dem warmen Wasserstrahl steht, gleich noch einmal einen Anruf bekommt. Ein Tag, der in ähnlichem Stil weitergeht und der seinen Höhepunkt darin findet, dass man einen heulenden Karlsson abends um Viertel nach acht zum Strafjäten in den Garten schicken muss, weil er versucht hat, Luise eins mit der Geige überzubraten. Kurz, ein Tag zum Vergessen.

Wenn „Meiner“, der heute krank war und deswegen vom Sofa aus jedes Drama miterlebt hat, nicht diese Bemerkung gemacht hätte: „Das ist ja nicht zum Aushalten, was du da alles über dich ergehen lassen musst. Da drehst du ja irgendwann durch!“ Vor dieser Bemerkung war es ein Tag gewesen wie so viele. Nach dieser Bemerkung war es ein Tag, an dem ich mich von Minute zu Minute tiefer ins Selbstmitleid stürzte, so dass ich gegen Abend, als das Fass auch für mich am Überlaufen war, beinahe in Tränen ausgebrochen wäre. Hätte „Meiner“ nichts gesagt, dann hätte ich mir keine weiteren Gedanken über diesen miesen Tag gemacht. So aber wurde mir plötzlich bewusst, dass gewisse Tage tatsächlich eine ziemliche Zumutung sein können.

Doch weil er nicht geschwiegen hat, bin ich mal wieder ins Philosophieren geraten und zwar über die wohl nie zu beantwortende Frage, ob Tage wie heute  zum gewöhnlichen Lauf der Dinge gehören, oder ob das ganze Chaos nur an mir liegt.

Was darf’s denn sein?

Fussball oder Tennis, lieber FeuerwehrRitterRömerPirat? Oder vielleicht gar beides? Und dann ab der ersten Klasse noch Jungschar, ab der dritten Trompete? Ach so, du willst Tennisprofi werden? Dann vielleicht doch besser nur Tennis und dafür kein Fussball. Auf ein Musikinstrument müsstest du dann wohl auch verzichten. Ja, natürlich, wir können eine Probelektion besuchen. Ja, in beiden Sportarten. Nein, mit einem Musikinstrument musst du noch warten. Du hast jetzt ja schon die Musikgrundschule, das muss reichen fürs Erste.

Ja, klar Luise, du darfst bei den Synchronschwimmerinnen ins Probetraining gehen. Aber dann kannst du nicht auch noch Unihockey spielen. Du hast ja auch schon Ballett, Querflöte und Jungschar. Nein, es wäre schade, mit dem Ballett aufzuhören, jetzt, wo du schon einiges gelernt hast. Und vergiss nicht, dass im Herbst wieder der Schwimmkurs anfängt, dann warten wir vielleicht doch lieber noch ein Jahr mit dem Synchronschwimmen. Ja, stimmt, du hast schon Recht. Es gibt ja nicht überall Vereine für Synchronschwimmerinnen. Da müsste man die Gelegenheit schon beim Schopf packen.

Wie, Karlsson? Du möchtest auch noch ein weiteres Hobby? Reicht es dir denn nicht mit der Geige und der Jungschar? Nun gut, du könntest vielleicht mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten im Tennis schnuppern gehen. Ach so, das interessiert dich nicht? Wie wär’s denn mit Leichtathletik? Auch nicht. Gut, dann lass mich mal überlegen…. hmmmmm, was hältst du von den Pontonieren? Wie, das würde dich interessieren? So ein Mist, ääähm ich meine natürlich so toll. Dann schauen wir doch mal, in welchem Alter man damit anfangen kann. Ich denke aber, dass du da noch ein paar Jahre wirst warten müssen. Vielleicht könntest du ja bis dahin mal mit Reitstunden anfangen, was meinst du? Reiten wäre doch auch toll, nicht wahr?

Was bis vor Kurzem noch so einfach war – einmal Sport, einmal Musik, einmal Jungschar – wird von unseren Kindern plötzlich in Frage gestellt. So viele wunderbare Möglichkeiten und so sture Eltern, die immer wieder mit der gleichen Leier kommen: „Und was ist mit der Schule? Du brauchst ja auch Zeit zum Lernen. Und dann brauchst du auch noch Freizeit. Man kann nicht immer beschäftigt sein, man muss sich hin und wieder auch einfach mal langweilen können. Und Papa und ich wollen ja auch nicht die nächsten zehn Jahre als Chauffeure verbringen. Also wenn schon Hobbys, dann bitte in der Nähe, damit ihr bald schon selber gehen könnt.“

So argumentieren wir und im Grunde bin ich ja auch weiterhin überzeugt von unseren Argumenten. Aber was, wenn ich meinem Kind ausgerechnet seinen Herzenswunsch verwehre? Was, wenn wir ein Talent verhindern? Gut, ich bin der festen Überzeugung, dass sich wahres Talent immer einen Weg bahnt und ausserdem würde ich es keinem unserer Kinder antun wollen, es in eine bestimmte Richtung zu drängen. Aber die Unsicherheiten bleiben dennoch. Wo liegt er denn, der goldene Mittelweg zwischen Fördern und Überfordern? Und sieht er für jedes Kind gleich aus, oder ist das, was für den einen schon zu viel ist, für den anderen zu wenig? Ist weniger tatsächlich mehr oder reden wir uns das nur ein, weil wir sonst bei fünf Kindern allmählich den Überblick verlieren über all die Freizeitaktivitäten?

Nun, die Antworten auf all die Fragen kenne ich noch nicht und wir werden wohl nicht umhin kommen, das eine oder andere Mal tüchtig daneben zu greifen. Aber während ich auf Antworten warte – was nicht als Aufforderung zu verstehen ist, mir Erziehungstipps zukommen zu lassen, die mag ich nämlich nicht – bleibe ich natürlich nicht untätig und melde unsere Kinder schon mal fröhlich zu der einen oder anderen Schnupperstunde an.

Warum nicht gleich so?

Theorie

„Die einen – auch als Frührhythmiker bezeichnet – können besonders gut am Morgen arbeiten, sind dafür aber am Nachmittag umso eher müde. Die anderen (Spätrhythmiker) kommen erst am späten Vormittag in Schwung, arbeiten dann aber am liebsten bis in den Abend oder gar bis tief in die Nacht hinein.“

„Wenn Sie das herausgefunden haben, versuchen Sie nicht, gegen Ihren natürlichen Tagesrhythmus zu arbeiten, sondern nutzen Sie diese Gesetzmässigkeiten für Ihre Tagesgestaltung. Legen Sie insbesondere die wichtigen Aufgaben mit höchstem Anspruch an die Konzentrationsfähigkeit, die Qualität und die Leitung in das Hoch Ihrer Leistungskurve.“

Praxis, August 2005 – Juni 2010 (Eigentlich schon seit November 2000, aber in leicht abgeschwächter Form)

Ein quietschfideler „Meiner“ hüpft morgens um Viertel vor sechs aus dem Bett, gönnt sich ein kleines Frühstück, rennt zum Bahnhof, fährt mit dem Zug nach Windisch und beglückt dort eine Horde von Kindern mit einer guten Laune, die jeden Morgenmuffel das Fürchten lehrt. Irgendwann, zwischen halb sieben und halb acht quäle ich mich aus den Federn, versuche verzweifelt, mir mit Hilfe von Gesichtsgymnastik ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern, um danach die Kinder aus dem Bett zu jagen. Sind alle mehr oder weniger wach, geht es so richtig los mit dem Gemotze, jeder hat etwas auszusetzen: Der Kakao nicht süss genug, die Kleider nicht geeignet für das Wetter, die Hausaufgaben nicht gemacht, die Kinder zu laut, die Mama zu mies gelaunt, die Milch zu heiss, etc. Ein fröhlicher Start in den Alltag sieht im Erziehungsratgeber irgendwie anders aus.

Abends dann ein anderes Bild: Ich sitze umringt von fröhlichen Kindern auf dem Sofa, jedes hält sein Lieblingsbuch in der Hand. „Mein Buch zuerst!“, jubelt der eine. „Jaaaaa und meines zuletzt!“, freut sich die andere. „Und dann noch für jeden ein Lied!“, fordert der Dritte. Und ich mache bei allem fröhlich mit, tauche mit den Kindern in die Geschichten ein, schmücke noch ein wenig aus, beantworte Fragen. Alle sind selig. Alle, ausser „Meiner“ ,der völlig abgekämpft alle fünf Minuten ins Wohnzimmer geschlichen kommt, beim ersten Mal mit vorwurfsvollem Blick auf die Uhr, beim zweiten Mal mit einem tiefen Seufzer im Sinne von „Seid ihr immer noch dran….“, beim dritten Mal laut schimpfend: „Wann seid ihr denn endlich fertig? Ich will endlich Feierabend machen!“

Praxis August 2010

Ein quietschfideler „Meiner“ hüpft morgens um Viertel vor sieben aus dem Bett und bereitet singend und quatschend das Frühstück für die Familie vor. Zur gleichen Zeit mache ich mich grummelnd mit dem schmutzigen Geschirr von der vorabendlichen Feierabendfete zu schaffen. Und dann, nachdem die Kinder von im gewohnten Stil geweckt worden sind, geht die Party los: Die Frühstücksgäste werden mit einem Stück Banane und Kerzen auf dem Tisch begrüsst, bekommen zu jedem Löffel Corn Flakes einen Witz mitgeliefert und dürfen dann, zum Abschluss des Frühstücks zusehen, wie „Meiner“ eine Banane verspeist. Ach, was erzähle ich da? Es war gar keine Banane, es war eine Bundesrätin, die sich „Meiner“ mit Haut, Haar, Mageninhalt und  „Oh, sie hat gefurzt! Riecht ihr, wie das stinkt?“ zum Start in den Tag gegönnt hat. Nach dieser Show sind Waschen, Anziehen, Zähneputzen und Znüni einpacken eine Kleinigkeit und bevor ich so richtig wach geworden bin, machen sich „Meiner“ und unsere Grossen Kinder fröhlich singend auf, um die Welt zu erobern.

Nun muss eigentlich nur noch ein Weg gefunden werden, wie „Meiner“ und ich die Schichtarbeit für den ganzen Tag einführen können, so dass ich abends auch wirklich für die Kinder da sein kann, anstatt an Sitzungen zu sitzen und dann wären wir auf bestem Wege, Theorie und Praxis in Einklang zu bringen. Bleibt zu hoffen, dass wir für die nächste Etappe nicht wieder zehn Jahre brauchen.

Gibt es denn wirklich keinen Grund?

Nein, ganz ehrlich, ich habe nicht grundsätzlich etwas gegen Baustellen. Nun gut, mein Herz schlägt auch nicht unbedingt für sie und hin und wieder beschäftigt mich auch die Frage, ob die mein Steuergeld wirklich in der Strasse verlochen müssen, aber im Grossen und Ganzen kann ich damit leben, dass hin und wieder gebaut werden muss. Aber es bleibt für mich ein Rätsel, weshalb man an einer Strasse, die sich Schulstrasse nennt, die Baumaschinen exakt zum ersten Schultag auffahren lässt, und zwar nicht zu irgend einem ersten Schultag, sondern zum ersten Schultag nach den Sommerferien, wenn die frisch geschlüpften Kindergartenkinder und Erstklässler zum ersten Mal den Weg alleine unter die Füsse nehmen. Nun könnte man ja einwenden, so eine kleine Baustelle sei doch für die Kinder ganz interessant und ich würde  mich nicht erfrechen, diesem Argument zu widersprechen, muss ich doch selber wieder bei jedem Bagger stehen bleiben, weil das Prinzchen noch ein wenig länger schauen will. Wenn aber bei dieser „kleinen“ Baustelle das Trottoir – für deutsche Leser der Bürgersteig – aufgerissen wird und zwar so, dass die Kinder entweder die Strasse überqueren oder aber mitten auf der Fahrbahn laufen müssen, dann überkommen mich schwere Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit desjenigen, der den Zeitpunkt für dieses Sanierungsprojekt festgelegt hat.

Und dann gerate ich ins Grübeln: Muss dass denn wirklich jetzt getan werden oder hätte man das Ganze auch drei oder vier Wochen früher tun können? Sitzt da irgendwo ein Sadist in einem Büro, der die Baustellen so plant, dass sie in einen möglichst unpassenden Zeitpunkt fallen? Oder am Ende gar ein Kinderhasser? Hat sich da einer das Projekt angeschaut und gesagt: „Super, die wollen das Trottoir an der Schulstrasse erneuern! Das machen wir doch gleich in der ersten Schulwoche, damit die Kinder auch sehen, wie sehr wir uns ins Zeug legen. Und vielleicht entschliesst sich ja der eine oder andere dazu, eine Lehre als Strassenbauer zu machen…“ ? Oder gibt es wirklich gar keinen Grund für diese stupide Planung, ausser dass sich da einfach keiner etwas dabei gedacht hat? Hat man einfach die Agenda gezückt und geschaut, wo noch eine weisse Lücke im Kalender zu füllen wäre?

Ich hoffe sehr, dass es einen guten Grund gibt, weshalb die armen Kinder wieder unnötig Gefahren ausgesetzt werden. Denn sollte das alles wirklich nur ein dummer Zufall sein, müsste ich das nächste Mal bei der Zahlung meiner Steuern den folgenden Vermerk anbringen: „Diese Spende darf nicht zur Sanierung von Strassen verwendet werden.“

Und ja, ich weiss, dass ich über dieses Thema auch schon geschrieben habe, aber es sind nun mal die grossen Fragen des Lebens, die mich am meisten beschäftigen….

Machen wir uns doch nichts vor

Wir können dem Vollmond die Schuld geben, oder der Lehrerin, die zu viele Hausaufgaben aufgegeben hat, der Schulkameradin, die eine gemeine Bemerkung fallen gelassen hat oder wir können behaupten, das schlechte Wetter sei Schuld. Und wenn am nächsten Tag das Wetter besser, die Laune aber noch immer gleich mies ist, dann schieben wir die Schuld eben der Hitze in die Schuhe. Oder der grossen Müdigkeit. Oder dem Virus, das gerade die Runde macht. Egal, ob die Ferien erst gerade angefangen haben, oder ob sie schon wieder vorbei sind, egal, ob eine ungestörte Nacht hinter uns liegt, oder ob sämtliche Kinder von Albträumen geplagt wurden, egal, ob die Kinder zu viel Zucker in sich reingeschaufelt haben oder ob sie seit fünf Tagen nichts Süsses mehr angerührt haben, wir Eltern finden immer einen Schuldigen, den wir für die miese Laune unserer Kinder verantwortlich machen. Knallt einer die Tür, dann schütteln wir den Kopf und seufzen: „Immer dieser Schulstress…“, tritt einer den anderen aus lauter Wut gegen das Schienbein, murmeln wir etwas von: „Er hat wohl noch immer nicht überwunden, dass sein Geburtstag schon wieder vorbei ist“ und wälzt sich einer wegen der kleinsten Kritik heulend auf dem Fussboden, dann wissen wir ganz genau, dass dieses Verhalten nur durch einen Wachstumsschub oder  vielleicht auch durch einen akuten Eisenmangel hervorgerufen werden kann.

Klar, meistens haben die Kinder tatsächlich Gründe dafür, dass sie sich vollkommen daneben benehmen und es lohnt sich bestimmt, immer wieder nachzuhaken, sich dem Kind zuzuwenden und zu fragen, was ihm denn über die Leber gekrochen sei. Und häufig hat man tatsächlich ein paar Tage später, wenn die Ärztin eine Allergie diagnostiziert hat, oder das Kind wieder mal einen ausgedehnten Mittagsschlaf gemacht hat, ein Aha-Erlebnis und man weiss, was der Grund für das Gezeter und Geschrei war. Aber machen wir uns doch nichts vor: Es gibt Tage, an denen unsere Kinder einfach nur mies gelaunte kleine Monster sind, die noch nicht gelernt haben, dass man die Wut nicht an Mama, Papa, Au-Pair und Geschwistern auslässt, sondern an einem zu langsamen Computer, an einem Billett-Automaten, oder, wenn’s gar nicht anders möglich ist, an einem Autofahrer, der einem zu nahe gekommen ist.

Hab‘ ich’s doch geahnt….

…. dass ich mein Potential nicht ausgeschöpft habe. Laut diesem Quiz bei Facebook hätte ich eine unbegrenzte Anzahl Kinder haben können. Gut, mehr als zwölf sollte man nicht haben, werde ich noch ermahnt, weil sonst die „individuelle Erziehung“ nicht gewährleistet werden könne. Nun ja, wenn man meinen Post von heute Morgen gelesen hat, weiss man, dass das mit der individuellen Erziehung auch bei fünf Kindern schon hin und wieder hapert…..

Wie ich überhaupt dazu gekommen bin, bei diesem unsinnigen Quiz mitzumachen? Nun, meine von Natur aus begabte Babysitter-Nichte hat bei dem Quiz bestätigt bekommen, dass sie dazu geeignet wäre, vier Kinder zu haben und da wollte ich herausfinden, ob ich ihr vier meiner Kinder überlassen muss, weil das Quiz mir nur eines zutraut. Aber ich kann aufatmen: Nach Beantwortung der fünf Fragen wurde mir bescheinigt, dass ich „sehr geeignet“ sei, viele Kinder zu haben. Ich darf also meine Kinder behalten und meine Nichte kann ihre Ausbildung fortsetzen.

Gut, wenn ich ehrlich bin, muss ich gestehen, dass ich ein klein wenig geschummelt habe. Zum Beispiel bei der Frage, ob ich meinem Kind eine zweite Softgun kaufen würde, wenn es darum bettelt. Weil die Antwort „Mein Kind bekommt nicht mal eine Softgun und wenn es mich auf Knien anfleht“ nicht zur Verfügung stand, habe ich eben das kleinste Übel gewählt und meinem imaginären Kind erlaubt, mit seinem eignen Geld so ein elendes Ding zu kaufen. Meine sehr realen Kindern würde ich das mit einem kurzen Exkurs über die moralische Verwerflichkeit von Waffen ausreden, so dass sie am Ende ihr sauer verdientes Taschengeld zugunsten von Landminen-Opfern spenden würden.

Auch die Frage, wie ich reagiere, wenn mein Kind mit einem Regenwurm in der Hand daherkommt, habe ich nicht ganz wahrheitsgetreu beantwortet. Ich habe behauptet, ich würde die Begeisterung meines imaginären Kindes teilen und ihm danach erklären, wie sich Regenwürmer fortbewegen. Wenn meine realen Kinder mit Regenwürmern auftauchen – was Luise mit Vorliebe tut – kreische ich zuerst mal, sie sollten das Ding so schnell als möglich verschwinden lassen und dann erkläre ich ihnen nicht nur, wie sich die ekligen aber sehr nützlichen Viecher fortbewegen, nein, ich erzähle auch, wovon sie sich ernähren, was passiert, wenn sie versehentlich halbiert werden, wie die Verdauung funktioniert, dass der Körper behaart ist und wie die Dinger aussehen, wenn man sie seziert. Man sieht also, ich bin zwar eine Memme, die aber auch in den schlimmsten Momenten noch daran denkt, den Horizont ihrer Kinder zu erweitern. Und das ist doch viel besser, als bloss die Begeisterung der Kinder zu teilen, nicht wahr?

Alles in allem bin ich ja sehr beruhigt über das Resultat dieses Tests. Wenn ich mich das nächste Mal als Versagermama des Jahres fühle, kann ich mich jetzt auf eine anerkanntes Assessment berufen, welches mir bescheinigt, dass ich gar nicht so unfähig bin, wie ich hin und wieder meine.

Du bist soooooooo unfair, Mama!

Wenn ein Mensch innerhalb von fünfundvierzig Minuten drei so gravierende Fehler begeht, dann kann es sich nur um eine Mutter handeln. Angefangen hat es damit, dass ich morgens um zwanzig nach sieben zuerst Luise das Wort erteilt habe, obschon Karlsson gleichzeitig mit ihr einen Satz angefangen hatte. Ein klares Zeichen, dass ich Luise viiiiiiieeeeeeel lieber habe als Karlsson, nicht wahr? Ich meine, wie kann eine Mama bloss so unfair sein und ein Kind zuerst reden lassen, wo sie doch ebenso gut auf dem linken Ohr Karlsson, auf dem rechten Luise zuhören könnte? Und dann mit dem linken Mundwinkel Karlsson, mit dem rechten Luise eine Antwort geben könnte. Ist doch wirklich keine Sache für eine erfahrene Mama.

Luises Triumph war nicht von Dauer. Keine zehn Minuten später war nämlich sie diejenige, die sich krass benachteiligt sah und deshalb daran zweifelte, dass Mama sie ebenso liebt wie ihre Brüder. Was war geschehen? Der FeuerwehrRitterRömerPirat, der sich gestern noch ohne irgendwelche Verzögerungen für den Kindergarten bereit gemacht hatte, zeigte heute erste Anzeichen eines Rückfalls in alte Verhaltensmuster. Anstatt sich die Zähne zu putzen und in die Kleider zu schlüpfen, räkelte er sich auf dem Sofa, als hätte er alle Zeit der Welt. Was Mama dazu veranlasste, ein kurzes, aber ernstes Gespräch mit ihm zu führen. Ein Gespräch, bei dem sie keine anderen Kinder dabei haben wollte, weil nicht immer alle alles wissen müssen. Was Luise ganz entsetzlich fand, denn „mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten redest du immer viel mehr alleine als mit mir.“ Was durchaus daran liegen könnte, dass bei Luise weniger Bedarf an kurzen, ernsten Gesprächen zu zweit besteht,- ihre Ausbrüche sind jeweils so laut, dass sie sich ohnehin nicht vor dem Rest der Familie verbergen lassen – was für Luise aber ein untrügliches Zeichen ist, dass ich „die Buben viiiiiiiiieeeeeel viiiiiiiiiieeeeeeeel lieber“ habe als sie.

Man könnte jetzt meinen, ich hätte aus diesen zwei Fehlern gelernt und wäre an diesem Morgen in kein weiteres Fettnäpfchen getreten. Aber eben, ich bin eine Mama und so kam es, dass ich es kurz vor acht, auf dem letzten Drücker sozusagen, noch fertig brachte, dass Karlsson ein weiteres Mal von tiefen Zweifeln an meiner Liebe zu ihm ergriffen wurde. In meiner Unbedachtheit hatte ich nämlich Luise gegenüber bemerkt, dass sie demnächst einmal zum ersten Mal zum Coiffeur gehen dürfe. Luise strahlte, Karlsson brüllte: „Du bist sooooooooo gemein Mama. Ich durfte erst mit acht zum Coiffeur gehen und Luise wird erst im März acht. Du liebst mich überhaupt nicht!“ Nun versuche man mal, kurz vor acht, wenn drei grosse Kinder aus dem Haus gehen sollten und zwei kleine Kinder sich in den Haaren liegen, einem angeblich ungeliebten Kind zu erklären, dass a) ein Besuch beim Coiffeur nicht unbedingt ein Zeichen von tiefer Liebe und Zuneigung ist, dass b) Karlsson auch ein Zweitklässler war, als er zum ersten Mal zum Coiffeur gehen „durfte“, dass c) Luise nun wirklich nichts dafür kann, dass sie erst gegen Ende der zweiten Klasse acht wird und dass d) „Meiner“ und ich keine bösen Absichten hegten, als wir unser erstes Kind im November, unser zweites im März bekamen.

Ich weiss nicht, ob Karlsson mich verstanden hat, aber am Ende brachte ich es doch fertig, meine drei Grossen mit einer Umarmung und einem „Ich hab‘ dich lieb“ in den Tag zu entlassen. Ob sie mir das glaubten, oder ob sie sich auf dem Schulweg die Köpfe einschlugen, weil jeder glaubte, der andere werde mehr geliebt, entzieht sich meiner Kenntnis. Dafür aber weiss ich einmal mehr, dass der Ausdruck „sich den Mund fusselig reden“ ganz bestimmt von einer Mutter geprägt wurde. Vermutlich von einer Mehrfachmutter, deren Kinder daran zweifelten, dass sie jedes Einzelne von ihnen aus tiefstem Herzen liebt.

Pass auf!

Grundsätzlich finde ich es ja ganz nett, dass die Net-Nanny so gut aufpasst, dass an unserem Computer keiner per Zufall auf eine Seite zweideutigen Inhalts gerät. Wir wollen ja nicht, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat plötzlich Sexbildchen zum Ausmalen bekommt, wenn er mal wieder nach Malvorlagen sucht. Oder dass Luise in die Fänge eines Glücksspiels gerät, wenn sie Playmobil-Spiele spielt. Oder dass Karlsson am Ende erotische Romane zu lesen bekommt, wenn er eigentlich nur das Lesetraining für die Schule machen möchte. Weil wir zwar sehr wachsam darauf achten, was unsere Kinder im Internet treiben, aber ihnen leider nicht ununterbrochen über die Schultern schauen können, haben wir eben die Net-Nanny engagiert. Und eigentlich macht sie ihre Sache ja ganz gut: Sie verweigert den Zugriff auf alles, was die Kinder nicht sehen sollten.

Aber manchmal übertreibt sie es ja schon mit ihrer Wachsamkeit. Da wollte sie mich doch neulich tatsächlich daran hindern, mir meine tägliche Dosis Kleines Brüllen einzuverleiben, weil sie steif und fest behauptete, sie hätte auf der Seite pornographische Inhalte ausfindig gemacht. Da ich beim besten Willen nichts Schmutziges auf dieser Seite finden konnte, beginne ich zu fürchte, dass die Net-Nanny ein wenig hysterisch ist.  Als ich gestern Abend einen kleinen Frustkauf bei Britshop tätigen wollte – bei dem Wetter bekommt man doch einfach Sehnsucht nach England, denn wenn schon Regen, dann wenigstens englischen -, gab mir die Nanny eins auf die Finger, weil sie schon wieder Pornographie geortet hatte. Also wenn sie mich wegen meines Kaufrausches ermahnt hätte, hätte ich das ja noch verstehen können, aber da passt eigentlich „Meiner“ schon gut genug auf, dass ich unser Geld nicht aus dem Fenster schmeisse. So langsam fühle ich mich von der Nanny gegängelt: Will ich meine Mails abrufen, warnt sie mich vor Glücksspielen, will ich einen Online-Monsterwocheneinkauf tätigen, weist sie mich darauf hin, dass der Laden nichts für mich sei, da er unter anderem auch Alkohol im Angebot hat. Wo immer ich auch surfe, heisst es „Pass auf! Das könnte gefährlich werden.“ oder „Geh nicht zu nahe ran, das bekommt dir nicht gut.“ So langsam bekomme ich richtig Lust, die Tante auf den Mond zu schicken.

Was mich davon abhält, dies zu tun? Jetzt mal abgesehen davon, dass ich sie brauche, solange die Kinder noch so klein und unwissend sind? Ist doch klar, warum: Weil mir ihr Gehabe irgendwie bekannt vorkommt. Wenn ich bloss wüsste, woher…..

Ausgeflogen

Wenn Familie Schweizer am letzten Tag der Sommerferien einen Ausflug macht, dann wird drei Tage im Voraus abgewogen, wohin man am besten geht. Man schaut im Internet nach, wie lange die Fahrt zu den möglichen Zielen dauert. Man druckt verschiedene Fahrpläne aus, vergleicht die Kosten, ruft Meteo Schweiz an, um herauszufinden, ob Wetter und Ausflugsziel miteinander kompatibel sind. Am Vortag der Reise wird eingekauft: Brötchen für alle, Trockenobst, Käse, Landjäger, vielleicht auch ein wenig Schokolade, ein paar Äpfel. Zu Hause wird Tee gekocht und alles wird fein säuberlich in die Rucksäcke geräumt. Essen, genügend zu Trinken, Taschentücher, Feuchttücher, Sonnenhüte, vielleicht auch Sonnencrème, wenn Meteo Schweiz meint, es könnte heiss werden, ein Taschenmesser, Regenschutz, weil man ja nicht wissen kann, ob Meteo Schweiz das Wetter richtig vorausgesagt hat, Heftpflaster, vielleicht ein Mückenspray. Und dann, wenn der Fahrplan noch einmal gechekt, das Handy aufgeladen ist und die Fahrkarten gekauft sind, kann’s losgehen. Mindestens zehn Minuten vor Einfahrt des Zuges steht Familie Schweizer auf dem Bahnperron, geputzt, gestriegelt und perfekt ausgerüstet.

Wenn Familie Venditti am letzten Tag der Sommerferien einen Ausflug macht, dann wird drei Tage im Voraus einmal nebenbei erwähnt, dass man vielleicht, wenn man nicht gerade etwas Wichtigeres zu tun hat, irgendwohin fahren wird. Und dann vergisst man die Sache wieder, bis der letzte Ferientag da ist und einem Morgens um sieben glühend heiss einfällt, dass man da mal was von einem Ausflug gesagt hatte. Also checkt man kurz im Internet, welche der Ausflugsziele, die der Grossverteiler gerade so grosszügig subventioniert, nicht allzu weit entfernt sind. Dann versammelt man die ganze Familie um den Küchentisch, wo schön basisdemokratisch darüber abgestimmt wird, wohin man gehen wird. Zuerst hat jeder zwei Stimmen, dann noch jeder eine und schliesslich steht fest, dass die eine Hälfte der Familie ins Papiliorama will, die andere Hälfte ins Aquarena. Worauf die Mama entscheidet, dass man ins Papiliorama geht, weil sie eben erst mit Papa im Aquarena war. Was natürlich dazu führt, dass Luise, die ihre ersten beiden Stimmen für genau diese zwei Reiseziele abgegeben hatte, sich verweigert. Sie wird sich nicht anziehen, bis Mama nachgegeben hat. Aber weil Mama noch schnell den Fahrplan ausdrucken, den Zoowärter anziehen und den Kontostand überprüfen muss, hat sie gar keine Zeit, nachzugeben. Denn in vierzig Minuten wird der Zug fahren und ausser dem Au-Pair, der Mama und dem FeuerwehrRitterRömerPiraten ist noch keiner angezogen.

Um Viertel nach neun ruft Luises Freundin an und um siebzehn nach neun ist klar, dass Luise nicht mitkommen wird. Was zur Folge hat, dass sie noch ganz schnell zur Freundin gefahren werden muss, bevor der Rest der Familie den Zug nimmt. Also werden alle zur Eile angetrieben und zwanzig Minuten später ist das Au-Pair mit den Jungs unterwegs zum Bahnhof, Mama mit Luise unterwegs zur Freundin. Natürlich bleibt keine Zeit, Proviant einzupacken, auch wenn es im Kühlschrank eigentlich genug davon hätte. Leider bleibt auch keine Zeit, ein Zugbillet zu kaufen, weil die Fahrt zum Bahnhof etwas länger gedauert hat. Also wird völlig unfreiwillig schwarz gefahren – und die Fahrkarte für die Hinfahrt auf der Rückfahrt bezahlt, damit das Gewissen rein bleibt – und das Billett für die ganze Familie beim Umsteigeort gekauft. Weil Mama am Schalter warten muss, verliert sie kurz die Familie aus den Augen und erlebt dann einen Schreckensmoment, weil sie glaubt, ihre Familie befinde sich in dem Zug, der eben gerade vor ihrer Nase davongefahren ist. Was nicht bloss deshalb eine Katastrophe wäre, weil Au-Pair und Kinder noch keine Fahrkarte haben, sondern auch, weil Mama Vendittis Handy weder aufgeladen ist, noch die Nummer des Au-Pairs gespeichert hat. Gott sei Dank ist die Familie aber noch da und so kann man friedlich nach Bern fahren. Wo einem der nächste Zug vor der Nase wegfährt, weil Mama Venditti den Fahrplan nicht ausgedruckt hat. Was aber weiter nicht schlimm ist, weil man ja ohnehin noch irgendwo ein paar Sandwiches fürs Mittagessen kaufen muss. Kann man ja gleich während der Wartezeit am Bahnhof erledigen. Kostet nur etwa dreissig Franken mehr als im Laden.

Irgendwann schafft es Familie Venditti trotz aller selbst verschuldeten Widrigkeiten, im Papiliorma anzukommen. Inzwischen ist allerdings der Zoowärter bereits so geschafft, dass er gleich wieder nach Hause gehen möchte. Was er aber noch nicht darf, weil wir uns zuerst die Schmetterlinge, die Gürteltiere und die Fledermäuse ansehen wollen. Was allerdings nicht zu lange dauern darf, denn um zehn vor vier soll Luise wieder bei ihrer Freundin abgeholt werden, sonst hat Mama Venditti ein schlechtes Gewissen, weil sie einfach so spontan eines ihrer Kinder für so lange Zeit bei einer anderen Familie parkiert hat.

Ach ja, was ich noch sagen wollte: Der Ausflug war wirklich wunderbar.

Also das geht zu weit, mein Sohn!

Einmal im Jahr, wenn die Ikea zum spätsommerlichen Flusskrebse-Essen einlädt, gibt’s auch bei Vendittis Flusskrebse. Das gehört für Kinder, welche die „Kinder aus Bullerbü“ fast auswendig kennen einfach dazu. Abgesehen von Karlsson und „Meinem“ mag zwar eigentlich niemand Flusskrebse, aber dennoch macht die ganze Familie begeistert mit beim Sezieren der armen Tierchen. Die ganze Familie? Nein! Eine unbeugsame Vegetarierin hört nicht auf, dem Frevel Widerstand zu leisten. Auch wenn es genau diese unbeugsame Vegetarierin ist, die alljährlich die armen tiefgekühlten Krebse einkauft, aber das ist ein anderes Thema.

Tags darauf ist der Spuk mit den Flusskrebsen wieder vorbei und wäre da nicht diese Schüssel mit den Überresten, es würde sich keiner mehr an die Sache erinnern. Ausser Karlsson natürlich, der die Überreste stolz dem Nachbarjungen präsentiert: „Schau mal, was wir gestern zum Abendessen bekommen haben!“, brüstet er sich und fährt dann fort: „Aber Mama war natürlich zu feige dazu, die Dinger zu essen.“ Dann denkt er eine Weile lang nach und schliesslich meint er: „Eigentlich müsste es ja ‚Feigetarier‘ heissen, weil die einfach zu feige sind, Fleisch zu essen.“

Vielleicht schicke ich den Jungen demnächst mal zu einer Besichtigungstour in den Schlachthof. Mal sehen, ob wir danach nicht einen „Feigetarier“ mehr in der Familie haben….