Warum nicht gleich so?

Theorie

„Die einen – auch als Frührhythmiker bezeichnet – können besonders gut am Morgen arbeiten, sind dafür aber am Nachmittag umso eher müde. Die anderen (Spätrhythmiker) kommen erst am späten Vormittag in Schwung, arbeiten dann aber am liebsten bis in den Abend oder gar bis tief in die Nacht hinein.“

„Wenn Sie das herausgefunden haben, versuchen Sie nicht, gegen Ihren natürlichen Tagesrhythmus zu arbeiten, sondern nutzen Sie diese Gesetzmässigkeiten für Ihre Tagesgestaltung. Legen Sie insbesondere die wichtigen Aufgaben mit höchstem Anspruch an die Konzentrationsfähigkeit, die Qualität und die Leitung in das Hoch Ihrer Leistungskurve.“

Praxis, August 2005 – Juni 2010 (Eigentlich schon seit November 2000, aber in leicht abgeschwächter Form)

Ein quietschfideler „Meiner“ hüpft morgens um Viertel vor sechs aus dem Bett, gönnt sich ein kleines Frühstück, rennt zum Bahnhof, fährt mit dem Zug nach Windisch und beglückt dort eine Horde von Kindern mit einer guten Laune, die jeden Morgenmuffel das Fürchten lehrt. Irgendwann, zwischen halb sieben und halb acht quäle ich mich aus den Federn, versuche verzweifelt, mir mit Hilfe von Gesichtsgymnastik ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern, um danach die Kinder aus dem Bett zu jagen. Sind alle mehr oder weniger wach, geht es so richtig los mit dem Gemotze, jeder hat etwas auszusetzen: Der Kakao nicht süss genug, die Kleider nicht geeignet für das Wetter, die Hausaufgaben nicht gemacht, die Kinder zu laut, die Mama zu mies gelaunt, die Milch zu heiss, etc. Ein fröhlicher Start in den Alltag sieht im Erziehungsratgeber irgendwie anders aus.

Abends dann ein anderes Bild: Ich sitze umringt von fröhlichen Kindern auf dem Sofa, jedes hält sein Lieblingsbuch in der Hand. „Mein Buch zuerst!“, jubelt der eine. „Jaaaaa und meines zuletzt!“, freut sich die andere. „Und dann noch für jeden ein Lied!“, fordert der Dritte. Und ich mache bei allem fröhlich mit, tauche mit den Kindern in die Geschichten ein, schmücke noch ein wenig aus, beantworte Fragen. Alle sind selig. Alle, ausser „Meiner“ ,der völlig abgekämpft alle fünf Minuten ins Wohnzimmer geschlichen kommt, beim ersten Mal mit vorwurfsvollem Blick auf die Uhr, beim zweiten Mal mit einem tiefen Seufzer im Sinne von „Seid ihr immer noch dran….“, beim dritten Mal laut schimpfend: „Wann seid ihr denn endlich fertig? Ich will endlich Feierabend machen!“

Praxis August 2010

Ein quietschfideler „Meiner“ hüpft morgens um Viertel vor sieben aus dem Bett und bereitet singend und quatschend das Frühstück für die Familie vor. Zur gleichen Zeit mache ich mich grummelnd mit dem schmutzigen Geschirr von der vorabendlichen Feierabendfete zu schaffen. Und dann, nachdem die Kinder von im gewohnten Stil geweckt worden sind, geht die Party los: Die Frühstücksgäste werden mit einem Stück Banane und Kerzen auf dem Tisch begrüsst, bekommen zu jedem Löffel Corn Flakes einen Witz mitgeliefert und dürfen dann, zum Abschluss des Frühstücks zusehen, wie „Meiner“ eine Banane verspeist. Ach, was erzähle ich da? Es war gar keine Banane, es war eine Bundesrätin, die sich „Meiner“ mit Haut, Haar, Mageninhalt und  „Oh, sie hat gefurzt! Riecht ihr, wie das stinkt?“ zum Start in den Tag gegönnt hat. Nach dieser Show sind Waschen, Anziehen, Zähneputzen und Znüni einpacken eine Kleinigkeit und bevor ich so richtig wach geworden bin, machen sich „Meiner“ und unsere Grossen Kinder fröhlich singend auf, um die Welt zu erobern.

Nun muss eigentlich nur noch ein Weg gefunden werden, wie „Meiner“ und ich die Schichtarbeit für den ganzen Tag einführen können, so dass ich abends auch wirklich für die Kinder da sein kann, anstatt an Sitzungen zu sitzen und dann wären wir auf bestem Wege, Theorie und Praxis in Einklang zu bringen. Bleibt zu hoffen, dass wir für die nächste Etappe nicht wieder zehn Jahre brauchen.

4 Gedanken zu “Warum nicht gleich so?

  1. Nun, bei zwei Morgenmuffeln wird es wohl nur Eins geben: Ab auf eine einsame Insel und dort den Familienalltag nach dem eigenen Rhythmus gestalten… 😉

    Klingt übrigens bei euch auch ganz spannend, was da alles läuft, auch wenn es nicht immer einfach zu sein scheint.

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