Es gibt Freundinnen, mit denen kann ich mich stundenlang darüber unterhalten, ab welchem Punkt man als Mutter versagt hat und welche Fehler im Zusammenleben mit den Kindern durchaus noch verkraftbar sind. Wir reden darüber, wie elend wir uns fühlen, wenn wir mal laut werden und später feststellen, dass das Kind einen guten Grund hatte für sein vermeintliches Fehlverhalten. Wir tauschen uns darüber aus, ob die gelegentliche Milchschnitte noch drinliegt, oder ob wir schon auf bestem Wege sind, unsere Kinder einseitig zu ernähren.Wir suchen nach der perfekten Mischung von Freizeit und Förderung von Talenten. Wir suchen nach den richtigen Methoden, um unsere Söhne zu lehren, mutig und selbstbewusst zu sein, ohne dabei zu Prügelknaben zu werden. Wir suchen nach Möglichkeiten, wie unsere Töchter ihre Weiblichkeit voll und ganz ausleben dürfen, ohne dabei die Rolle der kopflosen Tussi zu übernehmen. Wir quetschen einander aus, erzählen einander, wie wir die Probleme jeweils angehen, manchmal heulen wir uns über unser Versagen aus und alles in allem versuchen wir, einander Mut zu machen, dass wir trotz unserer Fehler unseren Job eigentlich ganz ordentlich machen.
Meistens aber hält das gute Gefühl nur solange, bis uns wieder eine Zeitschrift mit Erziehungstipps in die Finger kommt. Oder bis uns jemand erzählt, wie grossartig der eigene Nachwuchs geraten ist. Oder bis wir von der Schule eine Informationsbroschüre über den richtigen Umgang mit Mobbing, die perfekte Ernährung, die beste Verkehrserziehung, den einzig richtigen Weg, die Kinder zur Selbständigkeit zu erziehen ins Haus geliefert bekommen. Dann sind wir jeweils wieder verunsichert und wir brauchen ein sehr langes Telefongespräch, bis wir wieder überzeugt davon sind, unseren Job halbwegs richtig zu machen. Und manchmal wünschten wir uns, die „perfekte“ Erziehung könnte uns einfach egal sein.
Zuweilen treffe ich auf Mütter, denen die „perfekte“ Erziehung egal ist. Sie schieben einen Einkaufswagen voller Milchschnitten, Chips, Dosenravioli und Weissbrot durch den Laden ohne dabei zu erröten. Die Broschüren über die ausgewogene Ernährung landet bei ihnen ungelesen im Altpapier und sie stehen auch dazu. Ist am Elternabend die Rede von Mobbing, dann nicken sie ernsthaft bei jeder Ermahnung, doch wenn ihr eigenes Kind andere ausgrenzt, finden sie, man solle doch nicht so empfindlich sein. Solche Streitereien habe es schon immer gegeben und es sei doch nicht so schlimm, wenn ein Aussenseiter sich für ein paar Tage kaum mehr in die Schule zu gehen traue. Sie genieren sich nicht, dass sie Schläge für ein angebrachtes Erziehungsmittel halten und für sie ist es ganz selbstverständlich, dass die Kinder auch abends um zehn noch vor der Glotze sitzen dürfen, wenn es ihnen Spass macht. Sie sind voll und ganz unbekümmert, und würden sie die Telefongespräche belauschen, die ich mit meinen Freundinnen führe, sie würden nur den Kopf schütteln und sich wundern, weshalb man sich über solchen Unsinn überhaupt Gedanken macht.
Zuweilen frage ich mich, ob es denn überhaupt sinnvoll ist, Erziehungsratgeber, Erziehungsbroschüren und Infoabende über die richtigen Erziehungsmethoden anzubieten. Denn diejenigen, die solche Dinge lesen und die zu solchen Veranstaltungen gehen, sind meistens die Mütter, die endlich lernen sollten, etwas unbekümmerter zu sein. Und diejenigen, die dringend mal wieder nachdenken sollten, ob es anders nicht besser wäre, machen lieber alles so, wie sie es schon immer getan haben.

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