Wenn die Mama Hilfe braucht

Eigentlich ist es ja ganz gut, wenn man auch bei uns in der Provinz endlich erkennt, dass Mütter nach einer Geburt nicht automatisch glücklich sind. Und natürlich ist es auch gut, dass man dies in der lokalen Tageszeitung thematisiert, dass Psychologinnen für das Thema sensibilisieren wollen. Doch die Ratschläge, die sie erteilen, haben etwa so viel mit der Realität zu tun wie die Mär von der stets glücklichen Mutter, nämlich gar nichts. Wenn eine Mutter drei Wochen lang an Erschöpfung, Angst, Zwang oder Depression leide, solle sie Hilfe in Anspruch nehmen, liest man da.

Tönt einfach? Natürlich. Aber man zeige mir mal die Mutter eines Neugeborenen, die Zeit hat, darüber nachzudenken, ob sie jetzt eher erschöpft sei, unter Zwängen leide oder ob sie vielleicht depressiv sei. Die Frau, die in den ersten Monaten mit dem Baby überhaupt dazu kommt, sich über ihr Innenleben tiefschürfende Gedanken zu machen, die Zeit hat, zu analysieren, was da gerade passiert mit ihr, diese Frau gibt es nicht. Nun ja, vielleicht übertreibe ich. Es mag einzelne Frauen geben, die eine Mutter oder Schwiegermutter haben, die ihnen alle Lasten abnimmt, aber das schafft ja meistens neue Probleme. Und so erkennen die meisten Frauen wohl erst rückblickend, dass da nicht alles eitel Sonnenschein war in den ersten Monaten mit dem Kind. Und sie werden sich Vorwürfe machen, dass sie so viel geweint haben, dass sie die Zeit mit dem Baby nicht genossen haben, dass sie nicht so glücklich waren wie die Frau im Pampers-Werbespot. So sind wir Mütter eben.

Was soll man also tun? Der Sache ihren Lauf lassen? Die Mütter blindlings in die Depression rasseln lassen? Wohl kaum. Aber wie wäre es, wenn man nicht die Mütter beauftragen würde,  Hilfe in Anspruch nehmen, wenn es schlecht geht? Wenn man stattdessen die Väter für das Thema sensibilisieren würde? Die Grosseltern? Die Arbeitgeber? Die Gesellschaft, die mit ihren unrealistischen Erwartungen den Müttern das Leben unnötig erschwert? Vor lauter Windelbergen sehen die meisten Mütter ihre eigenen Bedürfnisse nicht mehr. Da braucht es schon andere, die dafür sorgen, dass die Mama nicht im Elend ersäuft.

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Muss ich das wirklich?

Nein, ich habe das Buch nicht gelesen, noch habe ich vor, es zu lesen. Der Titel reicht, um mich davon abzuhalten: „Verwandeln Sie ihr Kind in 5 Tagen“, heisst das Buch. Zugegeben: Es ist unfair, über ein Buch zu urteilen, das man nicht gelesen hat. Aber sagt der Titel nicht bereits alles? Muss ich meine Kinder verwandeln? Möchte ich, dass andere Menschen mich verwandeln wollen?

Klar, unsere Kinder haben ihre Macken und ja, sie treiben mich damit tagtäglich fast in den Wahnsinn. Doch muss ich sie deswegen verändern? Ist es nicht viel eher meine Pflicht, meinen Kindern dabei zu helfen, herauszufinden, wie sie sich die positiven Seiten ihrer mühsamen Eigenschaften zunutze machen können? Tönt kompliziert? Ist es auch. Es bedeutet zum Beispiel, dass Karlsson lernt, nicht dann einen Aufstand zu machen, wenn die Schwester ein Gummibärchen mehr bekommen hat als er. Sondern dann, wenn er in der Schule gehänselt und geplagt wird. Es bedeutet, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat seine Kraft nicht dazu benützt, seinen kleinen Bruder zu verprügeln, sondern dazu, einem Schwächeren zu helfen. Es bedeutet, dass Luise ihre sprachliche Gewandtheit nicht einsetzt, um andere schlecht zu machen, sondern um zu vermitteln, wenn die kleinen Frauen mal wieder Intrigen spinnen. Es bedeutet, dass der Zoowärter seine Kreativität nicht braucht, um das Elternschlafzimmer in einen Abenteuerspielplatz zu verwandeln, sondern um mit seinen Duplos den höchsten und schönsten Turm der Welt zu bauen.

Es bedeutet natürlich noch viel mehr und darum dauert es auch viel länger als fünf Tage, dieses Ziel zu erreichen. Sehr viel länger, nämlich ein ganzes Leben. Meine Eigenschaften setze ich ja auch nicht nur für Gutes ein, obschon ich nun schon ein paar Jahre am Lernen bin. Und sagen Sie jetzt nicht, meine Eltern hätten eben das Buch lesen müssen, dann hätten sie mir meine Marotten innert fünf Tagen ausgetrieben!

Das Traurige an der ganzen Sache ist, dass der Verlag das Buch als Bestseller anpreist. Sind wir Eltern wirklich so dumm? Oder so verunsichert?

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Montagmorgen

Kaum waren heute Morgen Karlsson, Luise und der FeuwerwherRitterRömerPirat aus dem Haus, schnappte ich mir den Zoowärter und das Prinzchen und machte mich aus dem Staub, was durchaus wörtlich zu verstehen ist. Nichts wie weg aus diesem Chaos! Nach der vergangenen Woche, in der ich rund um die Uhr damit beschäftigt gewesen war, die Unordnung einzudämmen und die Kinder davon abzuhalten, sich die Köpfe einzuschlagen, musste ich einfach wieder mal weg. Und weil ich inzwischen ziemlich sicher bin, dass des Prinzchens schlaflose Nacht durch Kälte hervorgerufen wurde, das arme Kind aber über keinen ganzen Schlafsack mehr verfügt, war ein Spontanausflug zu H & M das Einzige, was den Montagmorgen noch retten konnte. Dazu muss man noch wissen, dass montags sonst immer die Putzfrau kommt. Doch diese Woche macht sie Ferien. Weswegen ich heute Putzdienst hatte, was doch eindeutig zu viel ist für  einer Vollzeithausfrau, nicht wahr?

Also ab zu H & M. Dort herrscht am Montagmorgen bestimmt himmlische Ruhe. Dachte ich. Doch nichts da: Die Kinderabteilung war voller Eltern  mit quengelnden Babys und Kleinkindern. Meine Putzfrau ist wohl nicht die Einzige, die derzeit Ferien macht. Andere Eltern mussten wohl auch vor dem Chaos flüchten. Dennoch wurde es ein ganz vergnüglicher Einkauf. Weil ich ausnahmsweise nur zwei Kinder zu beaufsichtigen hatte, die ausserdem völlig friedlich im Wagen sassen, hatte ich mal wieder Zeit, Eltern zu belauschen. Folgende Szene hat mich besonders amüsiert:

Mama sucht eine Winterjacke für das anderthalbjährige Töchterlein, das sich nicht im Geringsten für das Thema interessiert. Papa scheint auch nicht gerade mit Feuereifer bei der Sache zu sein.

Mama, zuckersüss: „Willst du die hier?“

Töchterlein schüttelt trotzig den Kopf, Papa steht gelangweilt daneben.

Mama, etwas weniger süss: „Und die hier?“

Töchterlein schüttelt wieder trotzig den Kopf, Papa steht noch immer gelangweilt daneben.

Mama, etwas ungeduldig: „Und die hier? Die ist doch schön.“

Töchterlein schüttelt noch immer trotzig den Kopf, Papa schaut sich jetzt auch Jacken an, unterhält sich mit Mama.

Mama und Papa, leicht genervt: „Aber die hier ist wirklich schön. Willst du die?“

Töchterlein schüttelt weiterhin trotzig den Kopf.

An diesem Punkt musste ich das Geschäft fluchtartig verlassen, sonst hätte ich gebrüllt: „Um Himmels willen, kauft dem Kind die Jacke, die euch gefällt! Jetzt ist ihr nämlich noch völlig egal, was sie trägt. Doch bald schon wird sie bestimmen, was sie anzieht. Also kauft, solange ihr euer sauer verdientes Geld noch nicht für ‚Hello Kitty‘, ‚Disney Princesses‘ und ‚Hannah Montana‘ ausgeben müsst!“

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Grosse Worte

Manchmal weiss unser Zoowärter nicht, wovon er spricht. Er schnappt ja auch so viel von den grossen Geschwistern auf. So schaute er mich heute Mittag zärtlich an und sagte: „Mama, du bist ein dummer Scheissdreck!“ Und heulte los, als ich ihm erklärte, dass das, was er da gesagt habe,  frech sei. Er sei nicht frech, er sei ein liebes Kind, entrüstete er sich. Aber natürlich sei er ein liebes Kind, versicherte ich ihm, aber es sei trotzdem frech, was er gesagt habe. Worauf das Geheul wieder losging.

Auch „Meiner“ kommt zuweilen unter die Räder. Als der Zoowärter vorige Nacht nicht schlafen konnte, sich unruhig hin und her wälzte und nach dem Grund seiner Unruhe suchte, weckte er „Meinen“ nachts um zwei mit folgendem Kompliment: „Papa, du besch en domme Scheldchrott“, was soviel heissen soll wie „Papa, du bist eine dumme Schildkröte.“ Und die dumme Schildkröte blieb „Meiner“ für die nächsten vierundzwanzig Stunden. Bis „Meiner“ es irgendwann nicht mehr lusitg fand und den Zoowärter zurechtwies, er sei frech. Worauf der Kleine natürlich wieder losheulte…

„Scheissdreck“, „dumm“ und was der Schlötterlinge sonst noch sind, muss man als Eltern eines Zweieinhalbjährigen ertragen können. Der Kleine versteht ja noch nicht wirklich, was er da sagt. Aber glaube ja nicht, du könnest dem kleinen Menschen weismachen, dass du ihn auch dann über alles liebst, wenn du ihm erklären musst, dass das, was er da gesagt hat, frech gewesen sei. Eine solche Beleidigung ist einfach eine zuviel. Was sind die Eltern doch für dumme Schildkröten...

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Da bin ich aber erleichtert

Nachdem  ich  gestern noch befürchtet hatte, ich müsste  mich jetzt, wo ich 35 geworden bin, zum alten Eisen zählen, habe ich mich heute wieder etwas beruhigt. Ich weiss jetzt, dass ich jung bin. Und auch meine Familie ist nicht überdurchschnittlich gross.  Sie ist „une jolie petite famille“ und „la maman est tellement jeune“. Für nicht Französischsprechende frei übersetzt: Ich bin jung und knackig und habe eine wunderschöne Kleinfamilie. Habe ich alles heute früh beim Einkauf erfahren.

Sollte also wiedermal einer sagen, „Meiner“ und ich hätten zu viele Kinder, dann können wir ihm jetzt entgegenhalten, mit fünf Kindern gelte man in Frankreich als Kleinfamilie. Dass es in Frankreich offenbar so wenige Kleinfamilien gibt, dass die Dame, die uns entdeckt hat auch noch andere Kundinnen auf unsere „jolie petite famille“ aufmerksam machen musste, brauche ich dann ja nicht zu erwähnen. Auch nicht, dass sie mich, wie so viele andere vor ihr, gefragt hat, wie ich das alles schaffen würde. In Zukunft werde ich uns ganz selbstbewusst als Kleinfamilie verkaufen. Und alt fühlen werde ich mich erst an meinem vierzigsten Geburtstag wieder. Versprochen.

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Von Bildung und Liebe

„Das Einzige, das Eltern ihren Kindern dauerhaft vermachen können, ist gute Bildung“, muss ich in der aktuellen Ausgabe des „Spiegels“ lesen. Mit dieser Aussage will der Leiter einer elitären Privatschule erklären, weshalb teure Bildungsangebote sinnvoll seien. Seine Aussage macht mich stutzig.  Bis anhin hatte ich nämlich ganz naiv geglaubt, das Einzige, was wir Eltern den Kindern dauerhaft vermachen könnten, sei Liebe. Und damit hatte ich mich auf der sicheren Seite gewähnt. Denn während unser Bankkonto nicht ausreichend gepolstert ist, um unseren Kindern eine elitäre Privatschule zu ermöglichen, mangelt es bei uns nicht an Liebe zu den Kindern. Im Gegenteil: Sie wächst sogar täglich, trotz aller Widrigkeiten, denen man im Familienalltag so begegnet.

Bei der Bildung hatte ich bis anhin immer geglaubt, die nütze nur etwas, wenn das Kind seinen eigenen Beitrag dazu leiste, sich selber an die Arbeit mache um zu lernen, was es nur könne. Und wenn das Kind sich verweigere, nütze auch die beste Privatschule nichts. Doch jetzt muss ich mir sagen lassen, dass unsere Kinder von uns nur gute Bildung wollen und nicht so etwas Diffuses wie elterliche Liebe. Mist! Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich mir all den Stress mit den fünf Kindern sparen können. Dann wäre ich besser Lehrerin an einer elitären Privatschule geworden. Da würde ich wenigstens anständig bezahlt für meinen Job.

Fragt sich bloss, wohin ich mit all der Liebe soll, wenn die doch gar nicht gefragt ist…

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Wer ist hier der Chef?

Der FeuerwehrRitterRömerPirat braucht wiedermal eine Ewigkeit, bis er sein Mittagessen aufgegessen hat. Als wir alle bereit wären fürs Dessert, fragt er zum ersten Mal nach einem Nachschlag und da er für einmal am Essen nichts auszusetzen hat, ist davon auszugehen, dass er noch einen zweiten, ja vielleicht sogar einen dritten Nachschlag verlangen wird. Luise hält es derweilen fast nicht mehr aus auf ihrem Stuhl, sucht nach Ausreden, weshalb sie jetzt auf keinen Fall mehr länger am Tisch sitzen bleiben kann. Und wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich zugeben, dass auch ich besseres zu tun hätte, als dem FeuerwehrRitterRömrPiraten dabei zuzusehen, wie er sich genüsslich aber in einer unbeschreiblichen Langsamkeit Knödel und Zwetschgenkompott in den Mund schiebt.

„Ob es sinnvoll wäre, die Essenszeit auf eine halbe Stunde zu beschränken? Der FeuerwehrRitterRömerPirat kann ja dann alleine fertig essen.“, schiesst es mir durch den Kopf. Es kann ja nicht sein, dass die ganze Familie immer auf einen warten muss, der sich alle Zeit der Welt lässt. „Muss mal herausfinden, was Erziehungsexperten zu dieser Frage meinen“, denke ich. Und bin sogleich schockiert. Was habe ich da gedacht? Ich will einen Experten zu Rate ziehen, um herauszufinden, ob ich meinem Sohn sagen darf, ab jetzt könne er alleine fertig essen, wenn alle anderen bereits ausgegessen hätten und nur noch auf ihn warteten! Bin ich denn nicht Expertin genug, um zu bestimmen, welche Abmachungen zu unserer Familie passen? Kenne ich meine Kinder nicht gut genug, um zu wissen, was ihnen gut tut und was ihnen schadet? Und überhaupt: Ich drohe ja dem FeuerwehrRitterRömerPiraten nicht an, er müsse ab jetzt alleine in der dunklen Speisekammer ausessen!

Zum ersten Mal wird mir bewusst, wie viele „Experten“ auch bei mir in die Erziehung dreinreden, wie viele „Fachleute“, die weder mich noch meine Kinder kennen, meine Entscheidungen beeinflussen. Es ist ja nicht so, dass ich grundsätzlich etwas gegen Experten hätte; manchmal hilft einem ein Ratschlag wirklich weiter, wenn man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht. Doch eigentlich ist es beängstigend, wie viele Eltern sich das Erziehen nicht mehr zutrauen, nicht mehr daran glauben, dass sie es instinktiv richtig machen werden, dass auch Fehler dazugehören, die meistens gar nicht so schlimm sind. Es sei denn, man erhebe die Fehler zum einzig richtigen Erziehungsstil, nur damit man nicht zugeben muss, dass man falsch lag. Heute glaubt jeder, eine Super Nanny zu  brauchen, die ihm auf die Finger schaut. Ohne die Erlaubnis des Erziehungsratgeber traut sich keiner mehr, seinem Kind laut und deutlich nein zu sagen, wenn es die Finger im WC baden will und wenn nicht ein Experte das O.K. gegeben hat, wagt man es nicht einmal mehr, dem Baby die Fingernägel zu schneiden, wenn sie zu lang sind.

Und ich bin keinen Deut besser! Was habe ich damals gelacht, als mir die Hebamme nach der Geburt des Prinzchens eingeschärft hatte: „Es ist ihr Kind. Sie bestimmen, was gut ist für ihn und was nicht.“  Ich hielt mich allen Ernstes für unabhängig und erfahren genug um zu wissen, dass mir bei meinen Kindern keiner dreinredet, es sei denn, ich gebe ihm das Recht dazu. Und jetzt ertappe ich mich beim Gedanken, ob ich bestimmen darf, wie lange meine Familie am Tisch sitzen muss. Und wenn ich die Zeit hätte, weiter darüber nachzudenken, würde mir bestimmt noch öfters auffallen, dass nicht ich, sondern irgend ein „Experte“ bestimmt hat, was gut ist für meine Kinder.

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Eine Frage des Standpunktes

Was ist eigentlich eine Grossfamilie? Dies ist eine Frage, die mich seit Längerem beschäftigt und die für mich deshalb besonders wichtig ist, weil ich mir eigentlich gar nicht so sicher bin, ob ich dieses Blog als „Grossfamiliengroove“ verkaufen darf. Nun ja, bei uns groovt es tüchtig, aber macht uns das zur Grossfamilie? Ich habe nämlich immer das Gefühl, wir hätten gar nicht so furchtbar viele Kinder. Andere haben mehr. Okay, noch viel häufiger sind die anderen, die weniger haben. Doch für mich sind es dennoch nicht  besonders viele Kinder, bin ich doch selber die Jüngste von Sieben. Grossfamilie beginnt folglich für mich erst ab acht Kindern. Alles andere liegt unter der Norm, die mich von Geburt an geprägt hat.

Dennoch werde auch ich furchtbar nervös, wenn ich von Familien lese, die neun, zehn oder gar elf Kinder haben. Wie schaffen die es, sich die Namen ihrer Kinder überhaupt noch zu merken?, frage ich mich. Umgekehrt werden solche Grossfamilieneltern wohl ziemlich ärgerlich, dass ich es wage, unsere Handvoll Kinder als Grossfamilie zu bezeichnen. „Was wissen diese Anfänger schon vom Leben in einer Grossfamilie?“, werden sie fragen und sie haben ja gar nicht so unrecht. Ich weiss ja wirklich nicht, wie es ist und wenn ich meine schwachen Nerven anschaue, will ich es auch gar nicht herausfinden.

In den Augen von gewissen Extremisten aber, die fordern, dass man die Kinderzahl auf zwei pro Paar beschränken soll, erscheint unsere Familie als riesig. Und wie wir an anderer Stelle bereits erörtert haben, leidet bekanntlich die „Kinderqualität“, wenn man nicht sorgsam darauf achtet, nur die edelsten Exemplare heranzuzüchten. Da handeln Leute wie „Meiner“ und ich, die sich ohne grosse Gen-Checks frischfröhlich vermehrt haben, schon fast fahrlässig. Für gewisse Kreise sind wir also nicht bloss eindeutig zu den Grossfamilien zu zählen, sondern gleichzeitig auch zu den Auswüchsen, die unserer Gesellschaft schaden.

Es ist also, wie fast immer, eine Frage des Standpunktes, ob man sich nun als Grossfamilie bezeichnen darf/muss oder nicht. Deshalb behalte ich frech den Titel meines Blogs bei. Auch wenn ich mich an Tagen, an denen ich eine volle Stunde alleine und ungestört durchs Dorf spazieren kann, frage, ob ich denn tatsächlich Kinder habe, oder ob ich mir alles bloss eingebildet habe.

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Ade, du kleine heile Welt

Bevor ich hier loslege, muss ich eines klarstellen. Ich gehöre nicht zu jenen Müttern, die an das Prinzip „Kleine Kinder, kleine Sorgen, grosse Kinder grosse Sorgen“ glauben. In meinen Augen gibt es nichts Gemeineres, als einer übernächtigten, überforderten und vom schlechten Gewissen geplagten Mutter eines Kleinkindes zu sagen, dass das, was ihr so zu schaffen mache, überhaupt nicht schlimm sei, sie werde dann sehen, was ihr blühen werde, wenn die Kinder erst mal gross seien. Das ist nämlich gleich zweifach unfair: Erstens nimmt man die Probleme der Mutter nicht ernst und zweitens nimmt man ihr allen Mut für die Zukunft. Wenn ich jetzt also zu jammern beginne, wie schwer es mir fällt, von der Kleinkinderwelt Abschied zu nehmen, will ich damit keineswegs sagen, die Kleinkinderwelt sei immer nur rosarot und himmelblau.

Jetzt, wo dies klargestellt ist, kann ich ja hemmungslos klagen, dass Karlsson und Luise langsam gross werden und mir neue Probleme ins Haus bringen, von denen ich zwar schon gelesen habe, die ich aber in der Praxis noch nicht habe lösen müssen. Wie soll ich zum Beispiel damit leben können, dass Luise mich plötzlich jedesmal schräg ansieht, wenn ich ihr rosarote Kleider anschleppe? Mein einziges Mädchen fühlt sich zu gross für Rosa! Bald schon wird sie wohl schwarz gekleidet und gepierct vor mir stehen!

Oder nehmen wir die Sonntage. Bis vor zwei Wochen war alles noch so einfach: Sonntag ist Familientag, wir bestimmen gemeinsam, was wir machen und mit Klassenkameraden abgemacht wird am Sonntag grundsätzlich nicht. Ja, und jetzt stehen da plötzlich Luises Freundinnen vor der Tür und wollen, dass sie rauskommt. Uns Eltern bleibt die Wahl zwischen einer übellaunigen Luise, die sehnsüchtig vom Balkon aus ihre Freundinnen beobachtet und nichts mit uns zu tun haben will oder einer Luise, die wir sonntagnachmittags nur noch von Weitem zu sehen bekommen.

Dann wäre da noch die Technik. Bis anhin waren der Computer, das Handy und der Fernseher die Domäne von Mama und Papa. Okay, unsere Kinder haben zum Glück noch immer nicht begriffen, dass man sich am Fernseher rund um die Uhr Mist anschauen könnte, doch beim Handy und dem Computer sind sie kräftig am Aufholen. So weckte mich heute Karlsson mit meinem Handy in der Hand, auf dem Display irgend ein Spiel mit Bomben, von dem ich nicht einmal gewusst hatte, dass es existiert, geschweige denn auf meinem Handy installiert ist. Ein paar Tastendrucke später sieht sich Karlsson mit der Frage konfrontiert, ob er noch weitere Spiele auf mein Handy laden wolle. Spätestens jetzt war ich hellwach und zum ersten Mal wurde mir so richtig bewusst, dass ich für die nächsten zwanzig Jahre hellwach werde bleiben müssen, wenn ich nicht will, dass meine Kinder vor die Hunde gehen.

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Elternhysterie

War das ein Aufmarsch heute Morgen! Eine Meute von Eltern, Grosseltern und anderen Fans, die um eine Gruppe von verschüchterten Erstklässlern schwirrte, als wären sie Celebrities auf irgend einem roten Teppich an irgend einem glamourösen Ort. Kameras blitzten, Eltern rempelten einander an, traten einander auf die Füsse, forderten ihre Sprösslinge auf, in die Kamera zu lächeln, vermasselten einander die Bilder, weil jeder zuvorderst sein wollte.

Mitten im Getümmel ich mit meinen drei Jüngsten, das Prinzchen unter den Arm geklemmt, die Kamera hoch erhoben, so dass ich trotz meiner vertikalen Herausforderung einen guten Schnappschuss von Luises erstem Schultag erhasche. Ob der Hysterie hätte ich beinahe das Heulen vergessen. Aber nur beinahe. Ein paar Tränen konnte ich mir nicht verkneifen, als ich sie dastehen sah, so klein und doch schon so gross. Dann schnell die Tränen trocknen, ein letzter verzweifelter Blick auf Luise, die inzwischen etwas verloren aber glücklich im Schulbank sitzt.

Viel Zeit für Sentimentalitäten bleibt uns Karrieremüttern nicht. Es wartet der nächste herzzerreissende Termin im Kindergarten. Dort komme ich nicht einmal zum Tränenvergiessen. Kaum hat er gesehen, dass er neben der Kindergärtnerin sitzen wird, würdigt mich der FeuerwehrRitterRömerPirat keines Blickes mehr. Zeit, mich zurückzuziehen und einer anderen den Platz als wichtigste Frau im Leben meines Sohnes zu überlassen.