Eine Samichlaus-Geschichte

Letztes Jahr hatten wir einen römisch-katholischen Samichlaus. „Ja, gibt es denn auch andere? Der St.Niklaus war doch irgend so ein Heiliger“, mögen einige nun fragen aber das zeigt, dass ihr euch in der Samichlaus-Sache ganz und gar nicht auskennt. Natürlich gibt es andere. In unserem Fall hat man die Wahl zwischen Turnverein-Samichlaus aus Dorf A, Turnverein-Samichlaus aus Dorf B, Pontonier-Samichlaus (oder pausieren die gerade?), Privat-Samichlaus (bei dem man immer hofft, dass die Kinder die Stimme nicht oder erst, wenn er gegangen ist, erkennen) Adventsmarkt-Samichlaus (bei dem man stets Angst hat, ihm könnten die Mandarinen ausgehen, ehe man mit seiner Brut zu ihm durchgedrungen ist) und für ganz Verzweifelte natürlich noch unzählige Supermarkt-Samichläuse.

„Okay, ich sehe, es gibt da eine ganze Palette“, sagt ihr Skeptiker jetzt, „aber ich verstehe trotzdem nicht ganz, wie du mitten im April auf die Idee kommst, vom Samichlaus zu erzählen? Wo doch inzwischen auch der Osterhase schon Schnee von gestern ist.“ Himmel, immer diese kritischen Rückfragen! Reicht es denn nicht, zu wissen, dass ich immer nur über die Dinge schreibe, die ganz dringend aus meinem Kopf raus müssen und nicht warten können, bis offiziell Saison dafür ist? Und überhaupt, dieser Samichlaus, von dem ich erzählen will, war einer mit Nachwirkung, darum schwirrt er ja auch heute in meinem Kopf rum. 

Es war also so: Da kam letztes Jahr dieser Samichlaus in seiner vollen römisch-katholischen Pracht, in seinem Sack das dicke Buch, in welches er den Zettel geklebt hatte, den ich über unsere Kinder zusammengestellt hatte. „Bitte dieses Jahr nur Lob, keinen Tadel. Das Prinzchen fürchtet sich sonst ganz fürchterlich“, hatte ich geschrieben und nun war der Arme natürlich ganz und gar im Clinch. „Man kann doch nicht nur loben“, muss er in seinen langen Bart gebrummt haben, „Wo kämen wir denn da hin, wenn so etwas Schule machte?“ Also überlegte er, wie er den kleinen bis mittelgrossen Vendittis doch noch ein wenig moralische Wegzehrung mitgeben könnte und da dieser Samichlaus neben seinem Amt auch Predigten schreibt und nicht Boote rudert oder am Barren turnt, hatte er eine Idee: Er würde diesen verzogenen Vendittis, die nicht mal ein wenig Tadel ertragen mochten, eine nette kleine Predigt halten. Die Kernaussage dieser Predigt lautete: „Steht dazu, wenn ihr etwas ausgefressen habt.“ Im Leben würden nun mal Missgeschicke passieren und es werde einem viel leichter ums Herz, wenn man solche Sachen nicht für sich behalte, sondern offen und ehrlich gestehe, erklärte der Chlaus und schenkte jedem Kind einen schlichten Kerzenhalter, der an seine Botschaft erinnern sollte.

Diese Kerzenhalter sind natürlich schon längst in all den vielen Winkeln unserer Wohnung verschwunden, aber die Predigt hallt noch immer nach, obschon – oder vielleicht weil – sie ganz freundlich dahergekommen war. „Der Samichlaus hat doch gesagt, wir sollen dazu stehen, wenn wir eine Dummheit gemacht haben“, sagen jetzt unsere Kinder zerknirscht, wenn sie mal wieder etwas ausgefressen haben und sie keinen Weg sehen, „den anderen“ zu beschuldigen. „Na ja, kleine Kinder glauben eben noch an den Samichlaus“, mag jetzt der eine oder andere von euch Skeptikern brummen, aber in diesem Fall lässt sich das nicht so leicht damit abtun. Warum nicht? Nun, erstens einmal sind sämtliche Tadel, die ich vor Prinzchens Tadel-Phobie dem Chlaus ins dicke Buch diktiert habe, ungehört verhallt; nicht ein einziger war wirkungsvoll genug, um unser Familienleben nachhaltig zum Positiven zu verändern. Und zweitens sind es nicht nur die Kleinen, die seit der Predigt offener zu ihren Missgeschicken stehen, sogar die Grossen meinten vor ein paar Tagen: „Wir hätten es ja eigentlich verschweigen wollen, aber dann ist uns der Samichlaus in den Sinn gekommen.“ Okay, diese Aussage war mit einem gewohnt zynischen Teenager-Grinsen garniert und wohl auch nicht ganz ernst gemeint, aber wen kümmert das schon, wenn das Resultat stimmt? 

Und jetzt wisst ihr auch, weshalb ich mitten im April auf die Idee komme, euch vom Samichlaus zu erzählen. 

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Himmel und Hölle

Wollt ihr wissen, wie sich unsere drei jüngsten Kinder das Paradies vorstellen? Also, dann malt euch einen Ort aus, an dem man bereits an der Kasse ein Säcklein Süssigkeiten pro Person in die Hand gedrückt bekommt, dazu noch einen geheimnisvollen Jeton und einen Gutschein. Nachdem ihr ein paar Schritte gegangen seid, empfängt euch eine nette Dame in pinkfarbenem Tüll und fragt euch, ob ihr lieber zwei rosarote, zwei schlumpfförmige oder zwei mit Marmelade gefüllte Zuckerdinger haben möchtet. Diese Wegzehrung muss für zwei grellbunte, mit interessanten Dingen angefüllte Stockwerke reichen, bevor man euch gelbe, grüne und weisse Zuckerdinger – diesmal leicht säuerlich – in die Hand drückt. Nun geht es ein, zwei Treppen runter, zu drei geheimnisvollen Maschinen, die nur darauf warten, euren Jeton zu schlucken, um euch im Gegenzug vier weitere Portionen Süssigkeiten auszuspucken. (Bei manchen spuckt das Wunderding gar acht Portionen aus, zum Beispiel beim FeuerwehrRitterRömerPiraten.) Als ob das alles nicht schon wunderbar genug wäre, kommt ihr zum Schluss in einen Museumsshop voller süsser, klebriger Dinge und weil es in euren Portemonnaies noch einen Überrest Taschengeld hat, braucht ihr nicht mal eure Eltern zu belästigen, um etwas von dieser Herrlichkeit zu bekommen. Vor der Heimfahrt kommt noch der Gutschein vom Anfang zum Einsatz. Der erlaubt euch nämlich, all das zuckersüsse Zeugs, das ihr auf dem Rundgang in euch hineingestopft habt, auf einer Hüpfburg kräftig durcheinander zu schütteln. Paradiesisch, nicht wahr?

Nun folgt mir bitte noch einmal in den Museumsshop. Kommt mit mir zwischen die engen Regale, die sich unter den Kisten von Schleckwaren beinahe biegen. Helft mir bitte dabei, alle meine Kinder im Auge zu behalten, damit keines verloren geht. Ach, und wo ihr schon dabei seid, könntet ihr bitte dem Zoowärter erklären, dass der gelbe Teddy mit der Schmusedecke zu teuer ist, dass sein Geld aber noch reichen würde für den grösseren der beiden Bären ohne Decke. Und Karlsson sollte noch zwei Euro bekommen, er steht gleich dort drüben, hinter dem Regal mit den Gummischlangen. Ihr müsst nur die zwei Senioren, die sich mit Vorräten für den Enkelbesuch eindecken, ein wenig zur Seite schieben. Bei dieser Gelegenheit könntet ihr auch dem FeuerwehrRitterRömerPiraten sagen, wo er sich an der Kasse anstellen muss. Mist, wo sind denn schon wieder das Prinzchen und Luise? Wie sollen wir die jetzt wieder finden, zwischen dieser Schulklasse von halbwüchsigen Italienern, die ihr ganzes Feriengeld, das sich ihre von der Krise gebeutelten Eltern vom Mund abgespart haben, verjubeln? Und richtet bitte „Meinem“, der schon ganz ungeduldig bei der Türe wartet, aus, ich würde gleich kommen, sobald ich hier alles unter Kontrolle habe. 

Seid ihr noch bei mir, meine lieben Leser, oder haben wir uns im Getümmel verloren? Nun, falls ihr noch hier seid, schaut euch einen Moment lang um, damit ihr wisst, wie ich die Vorhölle beschrieben hätte, wäre ich Dante gewesen. 

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Die Macht der Werbung

So sehr ich es auch versuche, ich kann’s nicht verstehen. Begreife nicht, wie man sein Taschengeld dafür sparen kann. Wie man auf unzählige schöne Dinge verzichtet, um ganz bestimmt genügend Geld zu haben, damit man die Sammlung bald vergrössern kann. Wie man auf die Idee kommt, die kostbaren iPad-Minuten, die Mama und Papa einem zugestehen, damit zu vergeuden, sich ein Video nach dem anderen reinzuziehen. Weshalb man tieftraurig ist, weil man das Ende des Filmchens nicht mitbekommen hat, da die iPad-Minuten zu schnell um waren und man jetzt nicht weiss, ob der Held noch lebt oder nicht. Kriege nicht in meinen Kopf hinein, wie man sich all die Namen merken kann und dann auch noch weiss, zu welchem Namen welche Charaktereigenschaften gehören. Habe erst recht kein Verständnis dafür, wie man für viele Stunden in diese Rollen schlüpfen kann. Wie man nach dem Rollenspiel zu zeichnen anfängt, viele viele Blätter voll, immer die gleichen Figuren. (Oder vielleicht auch nicht – welcher Erwachsene weiss das denn so genau?) Und wenn einen die Eltern aus dem Spiel reissen, einfach so, vollkommen rücksichtslos, weil sie irgendwelche Sehenswürdigkeiten sehen wollen, dann vergnügt man sich auf der Autofahrt damit, einander Pantomimen vorzuspielen, damit die anderen erraten können, welchen der Grossartigen man imitiert. 

Schon oft habe ich mir die Dinger angeschaut, habe sie in meinen Händen gedreht und gewendet, um daran irgend etwas Schönes zu finden. Habe gefühlt, ob da vielleicht etwas wäre, was einem so angenehm in der Hand liegt, dass man es nicht mehr aus den Fingern geben mag. Habe ihre Gelenke gebogen, gestreckt und beinahe gebrochen, nur um herauszufinden, warum es so viel Spass macht, mit ihnen Zeit zu verbringen. Glaubt mir, ich habe ehrlich versucht, hinter das Geheimnis zu kommen, aber alles, was meine Augen sehen ist pure Hässlichkeit und ganz viel Plastik.

Nie werde ich verstehen, warum gleich drei meiner Kinder voll darauf abfahren, aber immerhin kann ich jetzt wieder voll und ganz an die Macht der Werbung glauben. Wie sonst kämen kleine Jungen darauf, sich so etwas Abscheuliches aus tiefstem Herzen zu wünschen?

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Was mir an Frankreich gefällt

Nach einer pubertären Schwärmerei für die Französische Revolution (und einer Begeisterung für Napoleon, die wohl in krankhaftem Zusammenhang mit meiner mangelhaften Körpergrösse stand) sowie einem Ferienflirt mit einem hundeäugigen Franzosen (der sich später in seinen Liebesbriefen als psychisch schwer angeschlagen herausstellte), wandte sich meine Leidenschaft mit zunehmendem Alter den Angelsachsen zu. In der Folge kühlte meine Begeisterung für Frankreich merklich ab, denn ein Herz kann wohl nicht zugleich für England und Frankreich schlagen. Es kostete mich also einige Überwindung, mich auf unseren Aufenthalt in der Provence zu freuen. Inzwischen aber habe ich einige Dinge gefunden, die mir an Frankreich ganz gut gefallen:

  • Die Mayonnaise scheint einen deutlich höheren Essiganteil zu haben als unsere. Dadurch lösen sich die Nissen wie von selbst vom Haar, nachdem man die Läuse mit Mayonnaise erstickt hat. Folglich ist das Geschrei beim Auskämmen bedeutend leiser, worüber sich unsere Nachbarin eigentlich freuen sollte, aber sie weiss ja nicht, wie unsere Kinder schreien, wenn sie Essig in die Augen kriegen. (Ja, irgend jemand hat uns offenbar kurz vor der Abreise eine Portion Läuse mit auf den Weg gegeben. Soviel zu der Behauptung unserer Schule, es sei vollkommen ausreichend, wenn man den Eltern bei Lausbefall einen Brief nach Hause gebe, Lauskontrollen seien ganz und gar unnötig.)
  • Der „Café au Lait“ (Obschon ich ja eigentlich keine Kaffeetrinkerin bin.)
  • Alles hier fühlt sich sehr südländisch an und doch sind die Museen offen, wenn sie laut Angaben auf der Website offen sein sollten. (Ich will ja hier keine Klischees pflegen, aber in diesem Bereich habe ich in Italien ganz andere Erfahrungen gemacht. Nicht nur auf Sardinien und im Molise, auch im Piemont.)
  • Die Blumeninseln mitten im schlimmsten Strassenverkehr. Aktuell in „unserer“ Stadt gerade Mohn in leuchtendem Orange. Eine Augenweide. 
  • Öko-Putzmittel sind deutlich billiger als das ganze giftige Zeugs in grellen Verpackungen.
  • Der „Café au Lait“ (Ich bin wirklich keine Kaffeetrinkerin.)
  • Zum gleichen Preis, zu dem es zu Hause Tee mit Croissant für zwei gibt, frühstückt hier die ganze Familie. (Jawohl, die siebenköpfige. Orangensaft inklusive.)
  • Sehenswürdigkeiten, die so sehenswert sind, wie sie angepriesen werden. (Okay, die Schweden sind in diesem Bereich noch besser: Die preisen ihre Sachen überhaupt nicht an und dann kriegst du die Klappe nicht mehr zu vor lauter Staunen.)
  • Familieneintrittspreise, die diesen Namen auch wirklich verdienen. (An einem Ort waren doch tatsächlich „Kinder“ bis 18 gratis.) 
  • Der „Café au Lait“ (Echt jetzt, der ist himmlisch.)
  • Der frühe Beginn der Spargel-, Erdbeer- und Tomatensaison. (Lange hätte ich es mit diesem ewigen Wintergemüse nicht mehr ausgehalten, obschon ich durchaus wintergemüsefreundlich eingestellt bin.)
  • Die Blumenwiesen. (Bei uns hat man für sowas ja keinen Platz mehr, wirft kein Geld ab.)
  • Die Alleen (Ja, ich weiss, Bäume würden von sich aus nie so wachsen, aber sie gefallen mir halt doch. Vielleicht ein Nachklang meiner pubertären Napoleon-Schwärmerei. Laut Wikipedia soll der ja die Finger im Spiel gehabt haben.)
  • Der Zwang, die Sauce Hollandaise im Wasserbad zuzubereiten, weil es auf dem Gasherd schlicht nicht anders geht und Gasherd hat man hier eben noch. Noch nie war sie besser, meine Hollandaise. 
  • Die Salzbutter
  • Die Artischocken
  • Die vielen blühenden Bäume (Obschon: Habe ich da eben ein Niesen vernommen?)
  • Das Gesumme der Bienen (Eine Folge der vielen blühenden Bäume, natürlich)

Ach ja, habe ich den „Café au Lait“ bereits erwähnt?

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Kleinkarierte findet man überall

Eigentlich hätte ich ja heute über lauter schöne und nette Dinge geschrieben, aber nachdem unsere übernächste Nachbarin wutentbrannt in den Garten gerannt gekommen ist, um uns Schimpf und Schande anzuhängen, weil unsere Kinder es wagen, um halb sechs Uhr abends im Garten lauthals zu singen, ist mir die Lust dazu vergangen. Kleinkarierte gibt es offensichtlich überall. Auch hier, am äussersten Rand der Ortschaft, wo man uns bei der Ankunft versichert hatte, unsere Kinder könnten ganz ungeniert lärmen und sich austoben. Schön, dann dürfen wir also nun in den kommenden Wochen den Satz „Nicht so laut, sonst kommt die Nachbarin“ in unser Repertoire aufnehmen. 

Ach ja, entschuldigt habe ich mich übrigens nicht. Nur die Kinder gebeten, etwas leiser zu sein. Sie haben umgehend gehorcht und jetzt kann die Nachbarin wieder ungestört dem klangvollen Surren des Rasentrimmers lauschen, den ein anderer Nachbar seit Stunden schon im Einsatz hat. 

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Familienerlebnis

„Das wird bestimmt ein tolles Familienerlebnis für euch“, sagten die Leute zu Hause, als sie von unserer Reise erfuhren. Und das ist es ja tatsächlich, ein Familienerlebnis, meine ich. Toll ist es auch. Zum Beispiel, weil wir mal einfach unter uns sind, ohne die andauernden „Darf ich heute mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten spielen“-Anrufe, ohne „Frau Venditti, wann kommt ‚Ihrer‘ denn nach Hause?“-Arbeitsunterbrechungen und ohne auf die Minute durchgeplante Tagesabläufe. Toll ist auch die fremde Umgebung, die ungewohnten Düfte, die faszinierenden Geschmacksrichtungen, das traumhafte Wetter. Das alles versetzt uns täglich aufs Neue ins Staunen und uns dazu inspiriert, Dinge zu tun, die im Alltag wenig oder gar keinen Raum finden. Und toll ist natürlich auch, dass keiner dem anderen etwas vormachen muss. Jeder darf sein, wie er oder sie ist, wir sind schliesslich „en famille“.

Tja, dieses „en famille“… Wer selber eine Familie hat – Und wer hat das nicht, auf irgend eine Weise? -, kann sich ausmalen, was das auch noch bedeuten kann. In unserem Fall zum Beispiel, Mahlzeiten, bei denen der liebe Karlsson zu meiner Linken darüber nachsinnt, ob er die Schnecken, die er sich im Supermarché gekauft hat, nun wirklich verspeisen soll, oder ob das ethisch nicht vertretbar ist, während zu meiner Rechten das Prinzchen und der Zoowärter versuchen, die Salzkartoffeln zu Kartoffelbrei „wie neulich bei Ikea“ zu verarbeiten. Oder die zwei Teenager, die sich stundenlang Trash-TV reinziehen und einander danach im Garten lauthals „Rooooobert!“ zurufen, obschon sie ganz genau wissen, dass der nette Herr Vermieter gleich auf der anderen Seite des Zauns auf denselben Vornamen hört. Oder die drei kleinsten Vendittis, die allüberall das Feriengeld, das Schwiegermama ihnen vor der Abreise zugesteckt hat, loswerden müssen, weil es sonst schimmlig wird. Und dann natürlich die ganzen Streitereien – Ich gegen „Meinen“, der Zoowärter gegen den FeuerwehrRitterRömerPiraten oder Luise gegen den Rest der Welt -, die im Alltag auch immer zu kurz kommen. 

Familienerlebnisse halt… 

Foto by Karlsson

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Kalenderleere

Bis Donnerstag ist der Kalender noch voll, die To-Do-Liste erscheint endlos. Dann wendet sich das Kalenderblatt und da ist nichts mehr. Lauter leere Felder, voll und ganz terminfrei, zweieinviertel Kalenderblätter weit. Eine Leere, seit vielen Jahren unbekannt und dadurch fast schon unheimlich. Geht das noch, zeitlich frei zu sein, ohne dabei die Zeit zu verschleudern? Ohne am Ende verwundert zu fragen: „Wie? Schon vorbei? Aber ich hab doch noch gar nichts angefangen mit meinen Freiräumen“? Ein wenig unanständig sei das schon, als Erwachsene einfach eine Zeit lang abzutauchen, nicht verfügbar zu sein, meinten Freunde neulich im Scherz und ich glaube, gewisse Leute würden ihnen recht geben, nicht nur im Scherz. Zwischen dreissig und fünfzig tut man sowas einfach nicht, erst recht nicht, wenn man nicht zu den Menschen gehört, die mit einem Start-up unanständig viel Geld verdient haben und sich mit vierzig zur Ruhe setzen können. 

Nun, wir tun’s trotzdem und ich bin mir ziemlich sicher, dass wir die Kalenderblätter zu füllen wissen. Halt einfach mit etwas anderem Inhalt als gewöhnlich. 

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Bütschgi

Treffen Schweizer aus unterschiedlichen Himmelsrichtungen irgendwo – zum Beispiel im Jura, in Opfikon oder in auf Ibiza – aufeinander, können sie gar nicht anders, als früher oder später zu erörtern, wie man das abgenagte Kerngehäuse eines Apfels oder einer Birne nennt. „Gigetschi, natürlich“, sagen die einen. „Spinnst du? Das nennt man Gröibschi“, kontern die anderen. „Ihr habt ja beide keine Ahnung. Das Ding heisst Gürbschi“, behaupten die Dritten. Gerate ich in einen solchen Sprachstreit, halte ich stur am „Bütschgi“ fest, obschon ich seit Jahren im „Gürbsi/Bätzgi“-Gebiet lebe. Eigentlich interessiert es mich aber schon längst nicht mehr, wie meine Landsleute das Ding nennen, betreibe ich doch seit einigen Jahren intensive Forschungen in einem ganz anderen Kerngehäuse-Bereich. Mich beschäftigt nämlich die Frage, wo sich die Dinger in einem Grossfamilienhaushalt bevorzugt aufhalten. Hier eine – noch längst nicht abgeschlossene – Liste der bisher bekannten Bütschgi-Fundorte:

  • Auf dem WC-Rollenhalter
  • Auf dem Rand hinter dem WC-Deckel
  • Am Fussende des Elternbetts
  • Im Kerzenhalter
  • In sauberen Tassen auf dem Regal
  • In Kindersocken
  • Hinter dem Klavier
  • Auf den Klaviertasten
  • Unter dem Klavier
  • Im Klavier? Ich hab’s nie abgeklärt, könnte es mir aber sehr gut vorstellen.
  • In der Dachrinne.
  • Im Blumentopf
  • In Schulsäcken, von vielen kleinen Fruchtfliegen umsummt
  • In Kindergartentaschen, ebenfalls von vielen kleinen Fruchtfliegen umsummt
  • Im Altpapierstapel
  • Im Sammeleimer für Pet-Flaschen
  • Im Kühlschrank
  • In Mamas Schuhen
  • Im Türgriff des Autos
  • Im Katzenklo
  • Neben dem Abfalleimer (Dies ist mit Abstand der häufigste Fundort. Ist halt unglaublich schwer, die Öffnung zu treffen. Von der mütterlichen Weisung, Bütschgis konsequent im Kompost zu entsorgen, wenn man sie schon nicht aufessen mag, reden wir gar nicht erst.)
  • Unter dem Abfallsack, der eigentlich dazu da wäre, die Dinge, die im Abfalleimer landen, aufzufangen
  • Hinter dem Sofakissen
  • In der Obstschale
  • Unter der Matratze
  • Auf dem Fenstersims
  • Auf dem Treppenabsatz
  • In der Waschmaschine
  • In einer Falte des Sonnendachs
  • Zwischen den Kochbüchern
  • Im Klo (Halt, ich glaube, das war ein ganzer Apfel. Haben wir aber erst rausgefunden, als die Sauerei bereits da war.)
  • Im Abfluss
  • In Prinzchens Bastelkiste
  • Auf dem Trampolin
  • Im Sandkasten (Als wir noch einen hatten)
  • Aufgespiesst auf dem Gartenzaun

…und vermutlich an ganz vielen anderen Orten, wo sie irgendwann, wenn wir fleissig genug aufräumen, auftauchen werden. (Und falls wir nicht zum Aufräumen kommen, wächst da halt eines Tages ein hübscher, kleiner Apfelbaum.) Die endgültige Auswertung meiner Forschungsergebnisse steht noch aus, ein Ergebnis steht aber bereits fest: Die Liebe zum Kernobst ist bei den kleinen Vendittis derart gross, dass sie darob die elterliche Weisung, nur im Esszimmer oder in der Küche zu essen, glatt vergessen. 

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Schülerkonzertgedanken

Was mir an einem Schülerkonzert so alles durch den Kopf geht:

Ich glaube, das mit der Yellow Submarine haben sich die Beatles ein wenig anders vorgestellt.

Sind sie nicht wunderbar, meine musizierenden Kinder?

Eines Tages wird die Menschenrechtskonvention erkennen, dass die Musik von Ludovico Einaudi zu Folterzwecken missbraucht werden kann und deswegen verboten gehört.

Ich weiss, dass meine Kinder nicht wunderbarer sind als alle anderen Kinder auch, aber sind sie nicht wunderbar?

Gibt es einen herzerwärmenderen Anblick als ausgewachsene Teenager, die mit Begeisterung ihre Musikinstrumente traktieren?

Ist er nicht wunderbar, mein kleiner Prinz, der andauernd auf einem imaginären Klavier spielt, währenddem er zuhört, wie die anderen musizieren?

Gibt es einen herzerwärmenderen Anblick als ein Kleinkind, das bei jedem Musikvortrag – egal, ob klassisch, rockig oder sonst was -, vor lauter Begeisterung nicht mehr an sich halten kann?

Ist er nicht wunderbar, mein Zoowärter, der im Publikum sitzt und mir erklärt, die Musik, die da gespielt werde, sei der perfekte Soundtrack zu dem, was in seiner Phantasie gerade ablaufe?

Schon eigenartig, dass man bei solchen Anlässen seit Jahren schon immer die gleichen Familien sieht. Und andere Familien nie. 

Himmel, ja, sie sind wunderbar, deine Kinder, aber kannst du jetzt mal aufhören mit deiner Schwärmerei, du elende Glucke?

Gar nicht schlecht, die Idee, das Programm ein wenig zu straffen und das Publikum ins Dunkle zu setzen. So herrscht endlich mal Ruhe im Saal und die Kinder müssen nicht gegen das ewige Geschwätz anspielen. 

Schweig, Glucke, ich will dich nicht mehr hören!

Wäre das ein Sportanlass, hätte es bestimmt etwas mehr Dorfprominenz hier.

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Schulbesuchstag, 785. Ausgabe (oder so)

Eigentlich müsste ich ja gar nicht mehr hingehen. Ich kenne die Lehrer, die Lehrer kennen mich und der Unterricht ist wie er immer schon war, mal spannender, mal langweiliger. Prinzchen, Zoowärter und FeuerwehrRitterRömerPirat aber wünschen sehnlichst meine Anwesenheit, und sei sie noch so kurz, weil ich fünf Besuche in zwei Tage quetschen muss.

Luise hingegen will auf gar keinen Fall, dass ich komme. Der Besuch bei ihr ist also eine heilige Pflicht, denn die einzige Rolle, die sie mich in ihrem Leben noch spielen lässt, ist jene der peinlichen Mutter und dieses Engagement nehme ich sehr ernst. (Wie ernst? So ernst, dass ich im Englischunterricht beinahe aufgestreckt hätte, um einen Adverb-Fehler auf dem Arbeitsblatt zu korrigieren, aber ich hab’s dann bleiben lassen, weil die Lehrerin ihre Sache sonst ganz gut macht.)

Na ja, und Karlsson – der mir ganz gerne seine Lehrer präsentiert – hätte eigentlich gewünscht, ich wäre bereits am Montag gekommen, damit er seine lineare Erörterung nicht schreiben muss, aber diesen Gefallen konnte ich ihm beim besten Willen nicht tun, denn sonst würden unsere Gespräche noch länger im folgenden Muster verlaufen: „Welches Thema soll ich denn nehmen, Mama?“ – „Nimm doch….“ – „Nein, das ist Scheisse.“ – „Dann nimm halt…“ – „Nein, haben wir im Unterricht schon gemacht.“ – „Dann eben….“ – „Sicher nicht! Das machen schon alle anderen.“ – „Und warum nicht…?“ – „Auf gar keinen Fall. Ist ja total bescheuert.“

Man sieht also, meine Gründe für mein andauerndes Rumhängen in Schulzimmern sind so vielfältig wie unsere Kinder. Und wenn man erst mal dort ist, wird’s ganz amüsant, weil man endlich mal mit den Müttern quatschen kann, die man sonst nie sieht. Dann stehen wir in der Ecke rum, tratschen über dies und jenes und fragen uns, ob die Kinder es überhaupt noch wahrnehmen, wenn die Lehrerin alle zwei Minuten entnervt „Schhhhhhhh“ macht.

Okay, es hat eine Weile gedauert, bis ich einen auffälligen Zusammenhang zwischen ihrem „Schhhhhhhh“ und meinem Kichern erkannt habe. Ich bin dann ein Zimmer weiter gezogen, um den Unterricht nicht länger zu stören. 

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