In Sichtweite kein Nachbarhaus, einzig das Rauschen des Windes in den Bäumen, das Summen der Bienen und das Lachen – wahlweise auch das Streiten – unserer Kinder, kühles Gras unter nackten Fusssohlen, Grün soweit das Auge reicht, ein altmodisches, kleines Haus, natürlich in Rot, die Freiheit, einfach in den Tag hinein zu leben, Hagenbuttensuppe aus dem Tetrapack zu probieren und mit einem Ball, dem bald die Luft ausgeht, Fussball auf der riesigen Wiese vor dem Haus zu spielen. Wann war unser Leben zum letzten Mal so herrlich entspannt und unkompliziert?
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Dialog am frühen Morgen
Mama: „Zoowärter, weisst du denn schon, was es heute zum Abschiedsessen im Kindergarten gibt?“
Zoowärter (noch ziemlich verschlafen): „Süssigkeiten…“
Mama: „Süssigkeiten? Soooo fein. Und was gibt es sonst noch?“
Zoowärter (überlegt lange): „Ketchup.“
Mama: „Und was noch?“
Zoowärter (überlegt wieder lange): „Pommes Chips.“
Mama: „Toll! Und was noch?“
Zoowärter: „Mayonnaise.“
Mama: „So ein tolles Menü für eine Abschiedsparty. Gibt es denn sonst noch etwas?“
Zoowärter (wie aus der Pistole geschossen, zumindest, wenn man bedenkt, dass er noch nicht ganz wach ist): „Wenn wir alles Ungesunde aufgegessen haben, dann essen wir Früchte.“
In den vergangenen Monaten habe ich viel gewettert über die Volksschule, aber solange es noch Kindergärtnerinnen gibt, die sich mutig über den „Wir machen immer alles auf den Punkt genau nach Vorschrift“-Wahn hinwegsetzen, ist noch nicht alles verloren. Ich bitte um einen grossen Applaus für die zwei tapferen Heldinnen.
Umweltsünder
Ich hab’s ja gewusst, dass Karlsson eines Tages gegen uns rebellieren wird, aber dass er ausgerechnet mit der Aluminiumfolie anfangen muss, das schockiert mich doch sehr. Da setzt sich unser Ältester frühmorgens seelenruhig an den Frühstückstisch, schmiert sich ein Pausenbrot und wickelt es ohne einen Augenblick zu zögern in Aluminiumfolie ein. Die Folie, die sich irgendwann trotz meiner Wachsamkeit in unsere Küche geschlichen hat und die ich einzig dazu verwende, den Kindern eine warnende Predigt über die böse, böse Folie zu halten, die sie unter keinen Umständen verwenden sollen. „Als ich euren Papa kennen lernte“, sage ich jeweils „schmierte ihm seine Mama jeden Tag ein Pausenbrot und wickelte es in eine halbe Rolle Aluminiumfolie ein. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie viel Einsatz es mich gekostet hat, den Armen aus den Klauen dieser schrecklichen Folie zu befreien. Kinder, haltet die Finger davon, ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie gefährlich sie ist…“
Ja, und jetzt schlägt der sonst so brave Karlsson alle meine Warnungen in den Wind, schnappt sich die Folie und wickelt sein Brot so dick darin ein, dass es seiner Nonna eine wahre Freude wäre. Und währenddem er noch wickelt, sehe ich vor meinem inneren Auge, wie die Folie am Ende der Pause im Abfalleimer landen wird. Wenn Karlsson sich schon mit Leichtigkeit über mein Alufolien-Verbot hinwegsetzt, dann wird er sich auch einen Dreck um meine Forderung, das Zeug zumindest in unserem Aluminium- und Doseneimer zwischenzulagern, bis ich Zeit finde, zur Sammelstelle zu gehen.
Als Karlsson schon längst im Schulzimmer sitzt, sinne ich noch immer darüber nach, wie es soweit hat kommen können, dass mein nach fast allen grünen Grundsätzen erzogener Sohn mit Leichtigkeit eines der grundlegendsten Verbote übertritt.
Zahnschaden
Natürlich haben wir es wieder falsch gemacht. Bei Prinzchens Zahnunfall Nummer 1 erklärte man uns, wir könnten getrost das Wochenende abwarten und dann am Montag zum Zahnarzt gehen. Bei den Milchzähnen könnte man ohnehin nicht viel machen und solange die Zähne nicht vollkommen schief stünden, sie es nicht dringend. „Was beim letzten Mal richtig war, wird auch jetzt nicht falsch sein“, sagte ich zu „Meinem“, als das Prinzchen wenige Tage später mit seinem Knie gegen die Zähne stiess. Aber natürlich lag ich mal wieder vollkommen daneben.
Was denn die Zahnärztin gesagt habe, wollte ich vom Prinzchen wissen, als er mit „Meinem“ wieder nach Hause kam. „Nicht mehr Trottinett fahren“, antwortete unser Jüngster betrübt und mir schwante Schlimmes. Solch drakonische Strafen spricht keiner ohne Grund aus.“Meiner“ bestätigte meine Befürchtungen: „Wir hätten sofort gehen müssen“, grummelte er, als ich ihn fragte, was denn los sei. „Wir haben viel zu lange gewartet. Die Zahnärztin hätte ihn nächste Woche gleich nochmals sehen wollen, aber weil wir weg sind, werden wir erst im August wissen, ob er seine zwei Schaufelzähne behalten kann.“ Und bis dahin soll unser Jüngster eben nicht ganz so wild sein wie gewöhnlich.
Da hätte die Frau dem Prinzchen die Zähne ja gleich rausnehmen können, denn wie wir ohne Valium und Zwangsjacke ausgerechnet dieses Kind vier Wochen davon abhalten sollen, zu rennen, zu springen und Trottinett zu fahren, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.
Programmänderung
Weil es in unserer Wohngemeinde seit Menschengedenken nicht vorgekommen ist, dass es am Wochenende, an dem das Schulhausfest stattfindet, geregnet hat, hat man irgendwann damit aufgehört, ein Schlechtwetterprogramm vorzubereiten. Wenn die Wetterfrösche zu Beginn der Woche auf Samstag eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für Regen voraussagen, nimmt dieser Prognose keiner so richtig ernst, denn die Erfahrung zeigt, dass es an diesem bestimmten Wochenende gar nicht regnen kann. Es wird heiss sein, wie immer. Der Wetterdienst aber hält stur an seiner Prognose fest und irgendwann, am Freitagmorgen überlegen sich die Verantwortlichen, ob sie vielleicht doch allmählich eine Schlechtwettervariante präsentieren müssen.
Diese Schlechtwettervariante sieht dann so aus: Das Rennen um den Titel des schnellsten Läufers des Jahrgangs wird abgesagt, oder vielleicht auch auf nach den Sommerferien verschoben, das weiss man jetzt noch nicht so genau, wir werden dann sehen. Die vorbereiteten Spiele finden nicht statt, die Vorführungen, für welche die Schüler geübt haben, jedoch schon und zwar im Casinosaal, ääääh, nein, vielleicht ist das Kirchgemeindehaus doch besser geeignet, dann machen wir es doch dort. Die Verpflegung, die man für hunderte von Schülern eingekauft hat, wird im Klassenverband gestaffelt eingenommen, damit kein Gedränge entsteht. Die Kindergärtner versammeln sich um 11 Uhr bei der Kirche und werden dort um 11:45 wieder entlassen. Die Viertklässler treffen sich 45 Minuten später beim Schulhaus, die Sechstklässler um 12 Uhr beim Hauswirtschaftsschulhaus. Bei den Zweitklässlern steht dort, wo stehen sollten, wann sie wo ihr Essen bekommen sollen „Siehe 2. Brief!“ und im zweiten Brief erfährt man, dass die Kinder um 11 Uhr im Schulzimmer erwartet und irgendwann – die Zeit wird nicht angegeben – beim Hauswirtschaftsschulhaus wieder entlassen werden. Gott sei Dank habe ich erst vier schulpflichtige Kinder, sonst könnte die Sache ein wenig unüberschaubar werden.
Schülerdisco und Werkausstellung finden statt und die Zweitklässler sind gebeten, ihre ausgestellten Gegenstände am Sonntagnachmittag wieder abzuholen. Die Sechstklässler sollen dies bitte erst am Montagmorgen vor Unterrichtsbeginn tun, bei den Viertklässlern weiss keiner so recht, wann der richtige Zeitpunkt zum Abholen gekommen ist. Und wir bedauernswerten Eltern sind darum gebeten, gemeinsam mit den bedauernswerten Lehrern den Überblick nicht zu verlieren, damit die bedauernswerten Kinder doch noch so etwas wie ein Fest erleben dürfen. Glaubt mir, ich bin von Herzen froh, dass die Wetterfrösche das heutige Wetter richtig vorausgesagt haben. Man stelle sich das Chaos vor, das entstanden wäre, hätte man eine Programmänderung an der Programmänderung vornehmen müssen.
Wie, ihr glaubt, ich würde mal wieder übertreiben? Dann müsst ihr es eben mit euren eigenen Augen sehen:
Wenn…dann
Wenn…
…Karlsson sehnsüchtig darauf wartet, bis ich abends meine Runde im Garten drehe, wo er mir in aller Ruhe alles erzählen kann, was ihn tagsüber beschäftigt hat,…
…Luise nach einem heftigen Streit zu spät von der Schule nach Hause kommt, weil sie in die Bäckerei gegangen ist, um mir als Wiedergutmachung ein Erdbeertörtchen zu kaufen,…
…der FeuerwehrRitterRömerPirat mir einfach aus dem Nichts um den Hals fällt und danach nicht mehr von meiner Seite weicht, weil er mit mir über die alten Griechen und die moderne Weltraumforschung reden will,…
…der Zoowärter morgens nicht aus dem Haus geht, ehe er mit mir sein ganz eigenes Abschiedsritual durchgespielt hat, das stets mit den Worten „Bye Bye Chrigi“ endet,…
…das Prinzchen nach seinem erneuten Zahnunfall schluchzend auf meinem Schoss sitzt und wieder ganz klein und anschmiegsam wird,…
…dann
bin ich einfach nur dankbar, Mutter von fünf einzigartigen Menschen zu sein.
Wir haben noch zu tun…
Wenn ich euch jetzt sage, dass ich ein wenig gestresst bin weil…
…das Schuljahr zu Ende geht, alle Kinder einen Lehrerwechsel vor sich haben und darum in die letzten Tage noch Prüfungen, Schulreisen und Sonderprojekte gequetscht sein wollen,
…“Meiner“ nach den Sommerferien eine neue Klasse übernimmt und deshalb mehr in der Schule als zu Hause ist,
…die Kätzchen sich weigern, stubenrein zu werden,
…die Buchprojekte noch einen allerletzten Schliff nötig hatten,
…die Ferien vorbereitet sein wollen, damit wir auch wirklich einen Monat lang voll und ganz weg sein können,
…vorher unbedingt noch ein paar Schreibaufträge erledigt sein wollen,
…der Garten auf meine Abwesenheit vorbereitet werden muss,
…das Prinzchen beim Zahnarzt noch einmal seine Zähne zeigen muss,
…zwei Freundinnen angekündigt haben, dass sie mir vor den Ferien unbedingt noch das Herz ausschütten möchten,
…die Kinder einerseits übermüdet, andererseits aber auch völlig aufgedreht sind,
…am Samstag Schulhausfest ist, wo unsere Kinder entweder sein wollen oder zu einem bestimmten Zeitpunkt und bitte keine Sekunde zu spät sein müssen,
…dann nickt ihr jetzt alle verständnisvoll, denn ihr wisst genau, wie es an solchen Tagen in einem mütterlichen Gehirn aussieht. Nämlich so:
„Luise sollte noch abgefragt werden, aber zuerst muss ich noch die Katzensch…, Mist, jetzt hat schon wieder eines auf den Fussboden gepinkelt… oh je, kein Kakaopulver mehr, muss ich noch einkaufen, Milch, Joghurt und Käse auch, aber auf keine Fall zu viel, sonst muss ich das Zeug vor den Ferien wieder verschenken und es ist doch keiner zu Hause…Wie soll ich bloss Karlsson, Luise, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten und dem Zoowärter beibringen, dass wir nicht bereit sind, das ganze Set mit Portrait- und Klassenfotos zu kaufen? 57 Franken pro Kind ist ganz schön viel und die wollen einem ja noch Mausmatten mit dem Kinderfoto andrehen. Was sollten wir auch mit vier Mausmatten anfangen? Heutzutage hat doch keiner mehr Mausmatten…Wer ruft denn um diese Zeit schon an? Wird wohl für Familie Hamchiti sein, lassen wir es läuten…Warum bringen es unsere Kinder noch immer nicht fertig, sich ihre Unterwäsche selber zu holen? Als ich in Prinzchens Alter war…ach, was soll’s, ich muss mir ja auch noch Kleider holen gehen…Himmel, dieser Wäscheberg, der muss auch noch abgetragen werden, ehe wir verreisen, hmmm, die Badezimmer müssen auch noch geputzt werden, könnte ich heute Nachmittag machen, wenn „Meiner“…nein, das geht gar nicht, „Meiner“ bleibt ja heute länger in der Schule, weil er die Eltern seiner Schüler…Aber was mache ich dann mit Luise? Die muss doch um halb zwei…aber um halb zwei hätte ich diesen Termin. Was mache ich da bloss? Natürlich mal wieder verschieben, meine Arbeit muss ja immer hinten anstehen…mal sehen, wann ginge es denn sonst noch? Am Freitag? Da hat „Meiner“ noch Elterngespräche…dann eben am Montag? Geht auch nicht, dann machen wir noch das Geschenk für die Lehrerin – stimmt, ich muss ja noch Kaffeesirup einkochen – also, Montag geht auch nicht, Dienstag auch nicht, dann habe ich diesen Termin in Zürich…dann wird es eben Mittwoch, aber ich muss Prinzchens Zahnarzttermin verschieben…Ach ja, ein Dauerrezept für meine Asthma-Medikamente muss ich noch bestellen und die Bücher für „Meinen“ und dann brauchen wir noch Katzen-, Vogel- und Wachtelfutter für vier Wochen…was machen wir eigentlich mit all den Eiern, die die Wachteln legen, wenn wir in Schweden sind?…So ein blöder Mist! Luise braucht noch ein Picknick für die Schulreise…Wann geht denn eigentlich Karlsson auf die Schulreise? In zehn Tagen sind Sommerferien und der Lehrer hat noch immer kein Datum bekannt gegeben…So, jetzt müssen die aber wirklich los, sonst kommen sie zu spät. Und Zoowärter muss noch die Schnecken mitnehmen, die er vorgestern für den Kindergarten gesammelt hat, sonst gehen die armen Viecher noch ein in der engen Box…oder sie finden einen Ausweg und plötzlich habe ich die Küche voller Weinbergschnecken…Hmmm, was koche ich eigentlich heute? Nichts, das viel Zeit braucht, ich muss ja noch diese Kolumne…ich hoffe bloss, die anderen wecken das Prinzchen nicht auf, sonst schaffe ich den Text wieder nicht bis zum Abgabeter…Bravo! Prinzchen ist wach! Warum um Himmels Willen müssen die immer so laut sein am Morgen? Das wird mir wieder ein Spass mit dieser Kolumne…Mails sollte ich auch noch beantworten, die Leute glauben bestimmt schon, ich hätte sie vergessen…stimmt, die Rechnungen noch…und die Juniorkarte für die Kinder…und Reiseproviant…Geld wechseln, wenn nach den Rechnungen noch etwas da ist…nachfragen, warum mein E-Banking nicht funktioniert…Betten frisch beziehen…Katzenstreu kaufen…und jetzt klingelt es auch noch an der Türe und ich freue mich ja eigentlich so, dass jemand mit mir Kaffee trinken möchte, aber ich muss doch unbedingt noch einkaufen bevor…“
Und das alles, bevor der Tag überhaupt richtig angefangen hat…
Reisevorbereitungen
Nachdem das Prinzchen sich bereits vor einer Woche bei einer unsanften Landung auf dem Kiesplatz eine aufgeplatzte Oberlippe zuzog, schlug er sich heute beinahe ein paar Zähne aus, weil er seinem besten Freund zeigen wollte, wie er vom Regal, auf dem eine Spielzeugkiste steht, auf sein Bett springen kann. Oder wie er es könnte, wenn die doofe Spielzeugkiste nicht so wackelig wäre und dieses blöde Bett nicht so weit weg vom Regal stünde. Es dauerte eine ganze Weile, bis alle Blutspuren aufgewischt waren, Prinzchens Freund uns den genauen Unfallhergang geschildert hatte und die Dame von der Notaufnahme uns am Telefon versichert hatte, wir müssten nicht vorbeikommen, ein Zahnarztbesuch im Laufe der nächsten Tage würde reichen. Danach aber war es an der Zeit, einige ernste Worte an unsere Kinder zu richten.
„Hört mal, solche Dinge liegen jetzt einfach nicht mehr drin“, sagten wir, als wir alle beim Abendessen versammelt waren. „Für die kommenden zwei Wochen herrscht absolutes Verletzungs- und Krankheitsverbot.“ Die jüngeren Kinder sahen uns mit grossen Augen an und fragten sich wohl, wie so etwas möglich sein sein soll. „Okay, wir springen höchstens noch vom Garagendach“, versprachen die Älteren. „Kommt nicht in Frage“, sagte ich gestreng und „Meiner“ doppelte nach: „Wer springt und sich die Beine bricht, bekommt es mit mir zu tun. Wir blasen keine Ferien ab, bloss weil einer den Eindruck hat, er müsse vom Garagendach springen.“ „Aber ich habe mich doch nur vom Dach baumeln lassen und bin dann ganz sorgfältig gesprungen“, wehrte sich der FeuerwehrRitterRömerPirat. „Ich habe es nur ein einziges Mal getan. Dabei bricht man sich doch nichts“, versuchte Luise zu beschwichtigen, doch „Meiner“ und ich blieben hart. In den kommenden Wochen dulden wir weder Leichtfertigkeiten noch Knochenbrüche noch Spitalaufenthalte.
Wenn wir dann erst mal in Schweden angekommen sind, können wir wieder über solche Dinge reden, aber wir dulden es nicht, dass uns eines unserer Kinder wegen eines läppischen Adrenalinkicks dazu zwingt, die seit Langem herbeigesehnten Ferien abzublasen.
Du bist ja soooo altmodisch…
Aber natürlich war ich darauf vorbereitet, dass Karlsson uns bald einmal furchtbar altmodisch finden würde, bloss die Art und Weise, wie sich dies äussert, überrascht mich ziemlich. Neulich unterhielten wir uns über die angemessene Garderobe beim Konzertbesuch. „Also Jeans und Hemd geht gar nicht“, sagte Karlsson bestimmt. „Na ja, es kommt ein wenig auf den Anlass an. Wenn es nicht allzu formell ist, finde ich das nicht so schlimm“, antwortete ich. „Nein, Klassik und Jeans, das passt ganz und gar nicht“, insistierte Karlsson. „Ich finde…“, wollte ich einwenden, doch Karlsson unterbrach mich: „Mir ist schon klar, dass du das anders siehst, Mama. Zu deinen Zeiten wart ihr ja alle irgendwie verfilzte Hippies, die Lehrer wie die Schüler. Kein Anstand alle zusammen und die Lehrer kamen bestimmt immer bekifft zum Unterricht.“
Ich bemühte mich, meinem Sohn zu erklären, die Achtziger und Neunziger seien nie und nimmer so wild gewesen, wie er sich dies vorstellt, doch in seinen Augen bleiben wir wohl prinzipienlose Taugenichtse, die sich an keine Regeln halten wollen. Vollkommen altmodisch eben, denn der heutige Teenager weiss spätestens mit vierzehn, was sich gehört und wie hoch hinaus ihn seine Karriereleiter führen soll. Ich frage mich, ob die heutige Jugend überhaupt noch Zwischenjahre einschaltet, oder ob man so etwas inzwischen als vergeudete Zeit ansieht.
Schon wieder…
Noch einmal so ein Anlass, bei dem ich erkennen musste, dass ich einfach nicht mehr ins Bild passe: Kindergartenbesuch mit dem Prinzchen, die meisten Mütter mit dem ersten Kind, eine oder zwei mit dem Zweiten und ich mit dem Fünften. Wäre ich mit dem dritten Kind hier, würde ich von den anderen Müttern wohl als wandelnder Kindergartenratgeber angesehen, so aber bin ich in den Augen der anderen die abgebrühte Mehrfachmama, die sich nicht mehr richtig um ihren Nachwuchs sorgen mag.
Es ist ja auch wirklich schlimm, was ich da von mir gebe. Die Mamas empören sich über den schlimmen Schulweg, ich teile zwar ihre Meinung, dass es durchaus ein paar gefährliche Stellen gibt, merke dann aber noch an, es sei doch erstaunlich, wie gut die meisten Kinder mit diesen Gefahren umzugehen wüssten und dass ein Kind je nach Entwicklungsstand mehr oder weniger Begleitung benötige. Mit entrüsteten Blicken gibt man mir zu verstehen, dass ich mit meiner Aussage ziemlich daneben liege. Naiv, wie ich bin, schweige ich nicht, sondern merke an, die Strasse, von der die Rede ist, sei schon länger ein Thema, man könne ja vielleicht bei der Gemeinde noch einmal nachhaken, ob inzwischen konkrete Sicherheitsmassnahmen geplant seien. Mist, schon wieder das Falsche gesagt. Nachhaken war nämlich populär, als unsere Ältesten in Prinzchens Alter waren, heute bevorzugt man Hilfe zur Selbsthilfe, was ich übrigens vollkommen okay finde. Als ob ich mich nicht schon genug in die Nesseln gesetzt hätte, bitte ich ein paar Minuten später meine Mitmütter darum, mich nicht weiter nach einem bestimmten Thema zu fragen, weil ich mich dazu momentan nicht äussern möchte.
Innert wenigen Minuten ist es mir gelungen, einen ziemlich schlechten Eindruck zu hinterlassen und das alles nur, weil es mir nach all den Stunden, die ich schon an solchen Anlässen verbracht habe, nicht mehr gelingen will, nett lächelnd allem beizupflichten, was in der Runde gesagt wird.
Und wo ich heute schon dabei war, meinen Ruf zu schädigen, habe ich abends auch noch fröhlich mit Luise, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten und dem Zoowärter im Schwimmbad herumgeblödelt und sie von Kopf bis Fuss nass gespritzt. Ein Blick auf all die trockenen Mamas am Beckenrand überzeugte mich davon, dass eine richtige Mama auch das nicht tut. Solche Dinge überlässt man den Papas…










