Atempause

Im ersten Moment dachte ich, es sei eine gute Idee, nach dem ganzen Stress der vergangenen Monate dem Rat der Ärztin zu folgen und eine Auszeit im „Ländli“ zu nehmen. Erstaunlicherweise war es kein Problem, Unterstützung zu finden, so dass „Meiner“ den Laden während meiner Abwesenheit nicht alleine schmeissen muss. Und weil ich Streberin für das Fest bereits alles vorbereitet habe, ist es auch nicht weiter schlimm, dass ich mich ausgerechnet in der Woche vor Weihnachten aus dem Staub gemacht habe.

Je näher aber der Tag der Abreise rückte, ums grösser wurden die Bedenken. Bekommt „Meiner“ wirklich genug Entlastung? Ist es okay, wenn er seine Erholungstage erst nach Weihnachten hat? Werden die Kinder nicht furchtbar traurig sein? Wie werde ich mit mir selber klarkommen, so ganz alleine in meinem Einzelzimmerchen? Die Versuchung war gross, die ganze Sache abzublasen, doch weil ich es meiner Familie schuldig bin, endlich wieder richtig auf die Beine zu kommen, habe ich am Sonntag doch den Zug nach Oberaegeri bestiegen.

Kaum angekommen, wusste ich, dass ich das Richtige getan hatte. Zwar ist auch hier nicht alles perfekt – auf die fremdenfeindlichen Äusserungen meiner Tischnachbarn könnte ich gut und gerne verzichten -, aber nach den Turbulenzen der vergangenen Monate beginne ich endlich wieder klar zu sehen, was in meinem Leben wirklich zählt, wo ich mich einbringen will und wovon ich in Zukunft lieber die Finger lassen will. Und das Beste ist: Es schreibt wieder in meinen Kopf, beim ersten Anblick des Aegerisees begannen die über lange Zeit angestauten Ideen wieder zu fliessen wie zu meinen besten Zeiten.

Jetzt müsste es mir nur noch gelingen, mich zu erholen, aber dazu habe ich ja noch bis Sonntag Zeit.

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Morgenstimmung

Zoowärter: „Prinzchen, bist du schon wach?“
Prinzchen: „Ja.“
Zoowärter: „Stehst du jetzt auf und fängst an zu spielen?“
Prinzchen: „Ja.“
Zoowärter: „Ich spiele mit.“

Augenblicke später sitzen die zwei auf dem Fussboden und besprechen die Handlung: „Zuerst wären die Indianer ums Lager geschlichen und dann wäre der Wolf gekommen und dann hätten die Feuerwehrleute das Baby entführt…“ Nach einigen Momenten der Stille beginnt das Spiel:

Zoowärter: „Woooooaaaaaahhh! Bummmmmmmmm!“
Prinzchen: „Zack!“
Zoowärter: „Attackeeeeeeeeeeeeeee!“
Prinzchen: „Tatüttataaaaaaaaa! Hilfeeeeeeee!“
Zoowärter: „Und jetzt hätten die Indianer das Baby wieder befreit.“
Prinzchen: „Ja, und dann wären die Cowboys gekommen….“

Der FeuerwehrRitterRömerPirat betritt die Szene. Ich halte den Atem an. Verträgt es einen Dritten in diesem Spiel, das trotz aller Action so friedlich ist? Offenbar ja:
Prinzchen und Zoowärter unisono: „Hallo FeuerwehrRitterRömerPirat. Spielst du mit?“
Prinzchen: „Die Feuerwehrleute haben das Baby entführt…“
Zoowärter: „…und du musst den Wolf spielen…“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Ja, und dann hätte sich der Wolf am Feuer verletzt und dann….“

Wieder Lagebesprechung, dann wieder „Woooosh! Auaaaaaa! Tschack! Zum Aaaaaaangrifffffffff!“

So geht das zwei Stunden lang, ohne nur einen Hauch von Streit. Ich sitze im Nebenzimmer und warte zitternd darauf, dass irgendwann doch noch die Explosion kommt. Aber sie kommt nicht, nicht mal, als das Prinzchen verkündet, Luise dürfe nicht mitmachen, weil alle Frauenrollen bereits besetzt seien. Was braucht es denn noch, bis die Bombe platzt und das Geschrei losgeht? Wenn ich doch bloss wüsste, wann es vorbei ist mit dem Frieden und ich einschreiten muss. Aus lauter Angst vor dem Theater, das unweigerlich losgehen wird, wenn einer doch noch das Falsche sagt, schaffe ich es kaum, den seltenen friedlichen Moment zu geniessen. Irgendwann halte ich die Spannung nicht mehr, ich trommle die Kinder zusammen und lasse sie den Film schauen, für den gestern, vorgestern, vorvorgestern und an den Tagen davor keine Zeit blieb.

Seitdem die Kinder vor der Glotze parkiert sind, bin ich nicht etwa ruhiger geworden. Ich quäle mich jetzt einfach mit der Frage, ob ich mit der Einlösung meines Versprechens etwas Grossartiges zerstört habe, oder ob ich damit heldenhaft verhindert habe, dass die Stimmung doch irgendwann noch kippt.

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Denk mal

Du hörst in der Migros, wie ein junger Vater zu seiner Frau sagt: „Kommt doch nicht drauf an, was wir kaufen, ist ja ohnehin nur zum Essen.“

Du siehst am Fernsehen Menschen, die ungeniert dazu stehen, dass sie echten Pelz tragen und kein Problem damit haben, dass ein Tier für ein Kleidungsstück hat leiden müssen.

Die Fallfehler in den Nachrichtensendungen treten so gehäuft auf, dass du dir gar nicht mehr alles notieren kannst.

Du liest, dass Schüler mit Schulstunden, Hausaufgaben und Lernen problemlos auf eine 40-Stunden-Woche kommen.

Deine Tochter erzählt dir, dass die Viertklässlerinnen regelmässig vergleichen, wer wie schwer ist.

Du stellst mit Schrecken fest, dass es inzwischen ganz normal ist, wenn in der Asylfrage immer ungenierter abfällig geredet wird. Und zwar nicht nur am Stammtisch, sondern auch in der Zeitung.

Du erntest fragende Blicke, wenn du laut darüber nachdenkst, warum es fast nur noch Baumschmuck „Made in China“ gibt.

Du fragst dich zuweilen, ob (kritisches) Denken überhaupt noch praktiziert wird.

. bäbi

Unter Generalverdacht

Wer zwischen zwölf und achtzehn ist, ist in der Gesellschaft nicht gerade beliebt. Wer zwischen zwölf und achtzehn und obendrein männlich ist, stellt eine Gefahr für die Öffentlichkeit dar und darum darf er sich auch nicht wundern, wenn er von Erwachsenen zurechtgewiesen wird. Es macht dabei keinen Unterschied, ob einer aus lauter Ungeschicklichkeit einen Fauxpas begeht, oder ob er aus purer Gemeinheit einem anderen etwas antut. Die Tatsache, dass einer männlich und minderjährig ist reicht.

Diese Erfahrung muss Karlsson derzeit immer wieder machen. Heute zum Bespiel geriet er auf dem Fahrrad aus dem Gleichgewicht, touchierte einen älteren Mann, entschuldigte sich höflich, der Mann nahm die Entschuldigung an, Augenblicke später waren zwei Frauen zur Stelle, die dem verdutzten Jungen die Leviten lasen und ihn anbrüllten, ob er denn nicht besser aufpassen könne.

Nein, Karlsson ist kein Engel, aber wer ihn kennt weiss, dass er zu schüchtern ist, um einem Fremden willentlich etwas zuleide zu tun. Gemeinheiten und Sticheleien sind seinen jüngeren Geschwistern vorbehalten, freche Antworten seinen Eltern. Darum besteht für mich kein Zweifel daran, dass die Zurechtweisungen, von denen er immer wieder berichtet, ungerechtfertigt sind. Genauso wie die Zurechtweisungen, von denen mir andere Teenager berichten, oftmals ungerechtfertigt sind. Wer zwischen zwölf und achtzehn ist, darf offenbar nicht erwarten, mit Respekt behandelt zu werden.

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Jetzt bloss nicht zurücklehnen!

Es ist wohl eine der grössten Illusionen, wenn Eltern glauben, die Kinder brauchten einen weniger, wenn sie grösser werden. Klar, nachts aufstehen muss man selten bis nie, in Körperpflege und Terminplanung werden die Knöpfe immer selbständiger, die Zeiten, zu denen keiner im Haus ist, werden länger. Wehe aber dem, der daraus schliesst, dass er sich jetzt entspannt zurücklehnen und eigenen Projekten zuwenden kann.

Das Gegenteil ist der Fall: Jetzt gilt es erst recht, bei der Sache zu sein. Konnte man beim Stillen, in den Schlaf wiegen und Windelwechsel noch eigenen Gedanken nachhängen, ist volle Aufmerksam gefragt, wenn der Teenager abends um halb elf über seine Bedenken bezüglich Übertritt an die Oberstufe reden möchte. Ein Dreijähriger gibt sich noch mit einer einfachen Antwort zufrieden, eine Zehnjährige bohrt nach, bis es richtig persönlich wird und man sich sehr gut überlegen muss, was man jetzt sagt, damit man dem Kind das weitergibt, was einem wirklich am Herzen liegt. Meinungsverschiedenheiten lassen sich nicht mehr mit einem „Davon verstehst du noch nichts“ vom Tisch wischen, sie wollen ausgetragen sein.

Ganz klar, die Auseinandersetzungen werden anspruchsvoller, Mama und Papa müss(t)en sich noch mehr darüber austauschen, wie sie ihre Kinder begleiten wollen. Dennoch halte ich weiterhin nichts vom abgedroschenen Spruch von den kleinen Kindern und den kleinen Sorgen. Ich bleibe bei meiner Meinung, dass jede Zeit ihre ganz eigenen Herausforderungen, aber auch ihre eigenen Glanzlichter hat. Ich ahne, dass sich die Herausforderung dann am besten meistern lassen, wenn man es immer wieder aufs Neue schafft, sich über die Glanzlichter zu freuen, ob es nun ein zahnloses Lächeln nach einer durchwachten Nacht ist oder ein wohlwollendes „Mama, du bist eigentlich ganz cool“ nach einem heftigen Krach mit Türknallen und Wutgeschrei.

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Generationenhaus

Auch bei uns hat es reichlich geschneit, obschon böse Zungen behaupten, bei uns hätte es deutlich weniger Schnee als andernorts. In unserem 3-Generationenhaus löst die Schneedecke äusserst unterschiedliche Reaktionen aus.

Meine Mutter stellt abends fest, dass es schneit wie ehemals. Diese Feststellung reicht, dass sie am nächsten Morgen aus dem Bett steigt und nach der üblichen Morgenroutine zur Schneeschaufel greift und der Rest läuft automatisch: Zuerst die Treppenstufen vor dem Haus, dann der Weg zum Briefkasten, damit der Briefträger sich nicht ärgern muss, danach der Fussweg bis zur Garage, wo die Zufahrt für die Autos freigeschaufelt werden muss. Die Schneehaufen müssen hierbei so zu liegen kommen, dass die Kinder problemlos Schneemänner und Iglus bauen können. Und vielleicht auch einen Thron aus Schnee, so wie sie und ihre Schwestern damals.

Ich stelle abends fest, dass es schneit wie in der Kindheit einmal, es muss wohl 1983 gewesen sein. „Hach, wie romantisch!“, denke ich und schaue minutenlang verträumt aus dem Fenster. Am Morgen fällt der erste Blick auf die verschneite Tanne in Nachbars Garten und ich wünschte mir, ich hätte eine Ausrede, nach draussen zu gehen. Ich könnte ja Schnee schaufeln, die frische Luft und die Bewegung würden mir bestimmt gut tun. Aber ich muss mich beeilen, sons kommt mir meine Mutter zuvor und ich will nicht, dass sie schaufeln muss, das ist jetzt meine Pflicht. Wenn der Weg frei ist, trinken wir alle zusammen heisse Schokolade und dann schreibe ich einen Blogpost über den Schnee.

Die Kinder stellen abends fest, dass es schneit wie noch kaum je in ihrem Leben. Morgens springen sie aus ihren Betten, suchen noch vor dem Frühstück Skianzüge, Handschuhe, Schals und Mützen zusammen und rennen nach draussen. „Wir bauen einen Schneemann! Und ein Iglu! Und ein Schneefort!“, brüllen sie im Treppenhaus. Eine Viertelstunde später stehen sie fröstelnd wieder in der Wohnung. „Mama, uns ist kalt. Kannst du uns zeigen, wie man ein Iglu baut? Und der Schlitten läuft auch nicht gut. Warum denn nicht?“

Treffen diese drei Generationen nun im Garten zusammen, wird es ziemlich chaotisch. Meine Mutter war natürlich schneller als ich und darum versuche ich, ihr die Schneeschaufel zu entwinden. Sie gibt sie nicht her und darum einigen wir uns, den Weg gemeinsam freizumachen, wir haben ja zwei Schaufeln. Meine Mutter wundert sich, weil die Kinder die Quader für das Iglu mit Plastikkisten zu formen versuchen und weil bereits sechs Schlitten ums Haus verteilt liegen. Ich erkläre ihr, dass sich unsere Kinder im Schnee wohl ähnlich verloren fühlen wie ein Fünfundachtzigjähriger am Billettautomat der SBB. Die Kinder begreifen nicht, warum wir mit unseren Schaufeln die schöne Schneedecke zerstören und warum sie ihre Schuhe ausziehen müssen, bevor sie zurück ins Haus gehen.

Irgendwann ist der Weg freigeschaufelt, wir ziehen uns alle an die Wärme zurück und morgen, wenn wieder neuer Schnee gefallen ist, werden wir die ganze Sache viel geordneter angehen können, weil wir jetzt wieder wissen, dass bei Schnee jeder von uns etwas anders tickt als der andere.

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Samichlaus-Farce

Eine Memme ist er, dieser Samichlaus. Lässt sich durch ein paar Käferchen davon abhalten, unser Haus zu besuchen. Hat einfach einen Sack vors Haus gestellt und ist wieder in der Dunkelheit verschwunden. Und dies nur, weil Karlsson und der Zoowärter heute krank im Bett lagen und der Samichlaus sich nicht anstecken will. Immerhin hat er jedem der Kinder einen lieben Brief mit viel Lob und wenig Tadel geschrieben und sich demütigst für sein Nichterscheinen entschuldigt. Peinlich finde ich das, aber der Begeisterung unserer Jüngsten tat die Farce keinen Abbruch. Den Grossen ist es ohnehin egal, ob der Klaus ins Haus kommt oder nur an der Türe klingelt. Hauptsache, er bringt Nüsse, Schokolade und Lebkuchen im Überfluss.

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Kapitales Versäumnis

Es hat durchaus sein Gutes, dass wir derzeit lahmgelegt sind. Ging vorher so manches im Trubel unter, sind wir jetzt geradezu vorbildlich im Erledigen von Kleinigkeiten. Die Zeit reicht gar nicht mehr aus, Formulare, die ins Haus geflattert kommen, mit Kakaoflecken zu verzieren, weil wir sie sofort ausfüllen und zurückschicken. Die Kinder haben keine Chance mehr, etwas zu Hause zu vergessen, weil Mama und Papa morgens kontrollieren, ob auch wirklich alles im Schulsack ist. Die Katzen müssen nicht mehr miauen, um Futter zu bekommen, weil einer von uns beiden den Futternapf füllt, wenn nur schon das Halsband-Glöckchen im Treppenhaus zu hören ist. Sogar die Winterreifen sind inzwischen montiert, drei von fünf Kindern haben neue Winterstiefel und die anderen zwei bekommen sie morgen. Ziemlich beeindruckend, nicht wahr?

Wäre da bloss nicht dieses eine kapitale Versäumnis: Wir haben keinen Samichlaus. Der gute Wille war zwar da, aber ausgerechnet in diesem wichtigen Punkt waren wir so spät dran wie zu unseren schlimmsten Zeiten und da haben wir eben keinen mehr bekommen. Wir haben uns zwar eingehend darüber unterhalten, wie wichtig wir es finden, dass Zoowärter und Prinzchen ihren Samichlausbesuch bekommen, auch wenn Karlsson und Luise allmählich etwas zu gross sind dafür. Wir haben uns Gedanken gemacht, was der gute Mann zu jedem unserer Kinder sagen sollte, aber wir haben zu lange gezögert, zum Telefon zu greifen und so war es eben zu spät, als wir es endlich doch taten.

Vielleicht hätte ich mir dieses Versäumnis verzeihen können, hätte mir nicht der FeuerwehrRitterRömerPirat mit leuchtenden Augen verkündet, er wolle dem Samichlaus sein erstes Liedchen auf der Trompete vorspielen. Wie soll ich es übers Herz bringen, diese Vorfreude zu zerstören? Ich glaube, es würde mir leichter fallen, allen Kindern dieser Welt ein für alle Mal klar zu machen, dass es den Samichlaus nicht gibt, als meinen Kindern zu gestehen, dass er dieses Jahr nicht zu uns kommen wird, weil wir ihn zu spät eingeladen haben. Wie nur sollen wir nach diesem Versagen das Vertrauen unserer Kinder wieder zurückgewinnen?

Ob es hilft, wenn ich mir ganz viel Asche aufs Haupt streue? Dann ginge ich am Donnerstag zumindest als Schmutzli durch.

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Startschwierigkeiten

Theoretisch hätte heute ein neuer – und zugleich auch alter – Lebensabschnitt angefangen. Fast-Vollzeithausfrau und freischaffende Schreibende war ich schon mal und so wie es aussieht, werde ich es auf absehbare Zeit auch bleiben, diesmal mit dem erklärten Ziel, dem Schreiben den Raum zu geben, den es verdient. Um dem Ganzen zumindest eine Chance auf Professionalität zu geben, bleibt das Prinzchen vorerst einen Tag pro Woche in der Krippe. Es ist nämlich gar nicht so einfach, den roten Faden eines Textes zu behalten, wenn das Prinzchen mit dem Feuerwehrauto durch die Wohnung kurvt und in jedem Winkel einen Brand zu löschen hat. Also haben wir den Montag zu meinem offiziellen Schreibtag erklärt und dies sowohl den Kindern als auch der Putzfrau mitgeteilt.

Leider nimmt die Schule auf solche Pläne keine Rücksicht und so stand heute Mittag plötzlich Karlsson auf der Matte. Er hätte am Nachmittag schulfrei, ob ich das denn vergessen hätte. Ach ja, die Weiterbildung. An die hatte ich tatsächlich nicht mehr gedacht. Zehn Minuten später erschien Luise, um mich daran zu erinnern, dass sie heute eine Stunde früher nach Hause kommen würde. Ebenfalls Weiterbildung, ebenfalls vergessen. Tja und so versuchte ich eben, meine Ideen zu skizzieren und gleichzeitig Karlsson zuzuhören, der mir ausgerechnet heute unglaublich viel zu erzählen hatte. Nun gut, immerhin liess er sich dazu hinreissen, die wenigen Zeilen, die ich zu Papier brachte, zu lesen und mir ein Feedback zu geben, aber ansonsten war seine Anwesenheit meiner Arbeit nicht gerade förderlich. Nach und nach trudelte auch der Rest der Horde ein und so beschloss ich schliesslich schweren Herzens, den Beginn meines neuen Lebensabschnittes auf den kommenden Montag zu verschieben. Wobei, das geht gar nicht, dann muss Karlsson zum Arzt und ich auch. Na dann eben übernächste Woche oder vielleicht auch erst nächstes Jahr…

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Wintermärchen

Als Kind wäre es mir nie in den Sinn gekommen, zu zweifeln. Es gab ja auch keinen Grund dafür, gab es doch zahlreiche Beweise für die Existenz des Winters. Knietiefen Schnee, rasante Schlittenfahrten, Höhlen, die wir in die Schneehaufen am Strassenrand gruben und Temperaturen wie im sibirischen Frühherbst. Der Winter, da war ich mir damals sicher, ist echt.

Später aber geriet mein Winterglaube ins Wanken. Das, was mich in meiner Kindheit so begeistert hatte, war wohl nichts weiter als eine gut inszenierte Show, ähnlich wie die Sache mit dem Samichlaus oder das gespannte Warten aufs Christkind, welches sich ja doch nie blicken liess. Schnee gab es, wenn überhaupt, im März oder gar im Juni, wenn man eigentlich auf Sommer eingestellt war. Frieren musste man nur, wenn man sich wirklich unvernünftig anzog, zum Beispiel Sommerkleidchen und Ballerinas am 30. Januar.

Und so verkamen die Winter-Accessoires allmählich zu Reliquien aus einer längst vergangenen Zeit. Vielleicht kaufte man sich mal einen dicken Wollpullover, weil er so schön anzusehen war. Man rahmte ihn ein und hängte ihn an die Wand, so wie ein vom Glauben abgefallener orthodoxer Christ irgendwo aus sentimentalen Gründen eine Ikone aufhängt. Winterstiefel, Handschuhe und Mützen schlummerten weit hinten im Schrank, neben geschmacklosen Souvenirs von der Freiheitsstatue, Basteleien aus Kindertagen und vergilbten Liebesbriefen. Hin und wieder liess man am Auto Winterreifen montieren, weil man dem armen Garagisten auch mal wieder Arbeit verschaffen wollte und wenn mal ein Hauch von Kälte durchs Land wehte, führte man die Winter-Accessoires spazieren und schwitzte erbärmlich.

Ganz klar, meinen Glauben an den Winter hatte ich vollends verloren und um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, heiratete ich einen Mann, der an der Existenz des Winters nicht nur zweifelte, sondern der den Gedanken an diese Irrlehre geradezu verabscheute. Ein Sommer-Fundamentalist, der bei jedem Anzeichen von Winter in Rage gerät und mit Auswandern droht. Zwar gestand er mir die Freiheit zu, weiterhin die äusseren Formen des Winterglaubens zu praktizieren und begleitete mich sogar brav ins Schuhgeschäft, um die Kinder mit Winterstiefeln auszustatten, aber mir war immer klar, dass er mit dem Herzen nicht dabei war und eigentlich lieber Sandalen gekauft hätte. Wenn ich aber mal mit den Kindern den selten gewordenen Schnee feiern wollte, musste ich dies alleine tun. Mit solch hohlen Ritualen wollte er nichts zu tun haben.

So kam es, dass in unserer Familie der Glaube an den Winter immer mehr verwässert wurde und schliesslich einer armseligen Religiosität weichen musste. Manchmal erzählte ich den Kindern noch vom Winter, weil sie wissen sollten, dass sie in einer winterlich geprägten Kultur aufwachsen. Ich wollte ja nicht, dass sie als vollkommene Ignoranten dastehen, falls sie mal im Zeichenunterricht Pieter Brueghels „Jäger im Schnee“ betrachten oder falls der Musiklehrer auf Franz Schuberts „Winterreise“ zu sprechen kommt. Verkündete aber ein Wetterprophet, dass es bald schneien würde, sagten wir: „Das müsst ihr nicht glauben, Kinder, das ist wie beim Horoskop. Alles nur Humbug.“

Tja, und jetzt stehen wir da wie die letzten Sonnenanbeter, weil wir glaubten, den grossen Kälteeinbruch gebe nur im Märchen.

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