Gluckentest (nicht) bestanden

Okay, liebe Nachttänzer_innen, ich habe nicht grundsätzlich ein Problem damit, dass ihr in Aarau auf die Strasse geht, um für mehr Freiräume zu demonstrieren. Ich kann zwar nicht beurteilen, ob es zu viele Einschränkungen gibt, wo ich doch kaum einmal nach acht Uhr abends unterwegs bin, aber von mir aus dürft ihr getrost demonstrieren.

Es wäre mir einfach lieb gewesen, ihr hättet mich vorher gefragt, ob mir der Termin auch passt, denn mit eurem heutigen Aufmarsch habt ihr mir meinen Gluckentest versaut. Wie stolz war ich doch auf mich gewesen, dass ich Karlsson einfach so ohne grosse Bedenken zu seiner ersten Party habe ziehen lassen. Okay, es war ein kirchlicher Anlass unter Aufsicht von Erwachsenen, sein Cousin war dabei und ich kenne auch fast alle anderen, die dort waren. Aber all dies tut wenig zur Sache, wenn der Anlass bis elf Uhr abends dauert und „Meiner“ und ich zum ersten Mal am Samstagabend aufbleiben müssen. Da muss sich die Glucke einfach bemerkbar machen. Ich meine, man kann den kleinen Jungen doch nicht ganz ohne Sentimentalitäten ziehen lassen, nicht wahr? Dennoch habe ich das Ganze für meine Verhältnisse ziemlich cool genommen.

Ja, und dann kommt ihr also daher, liebe Nachttänzer_innen und sorgt dafür, dass mir die Polizei die Zufahrt zur Kirche versperrt. Kein Durchkommen, egal, wie viele Umwege ich nehme und am Ende bleibt mir nichts anderes übrig, als das Auto illegal zu parkieren, um Karlsson und seinen Cousin zu Fuss abzuholen. Abends um elf zu Fuss an der Aarauer Bahnhofstrasse, wisst ihr überhaupt, wie welche Dinge eine überbesorgte Mama da zu sehen bekommt? Besoffene Jugendliche, halbnackte, knutschende Teenager, aggressive Jungs und alle nur wenige Minuten älter als mein Sohn. Für euch mag das alles vollkommen normal sein, für mich sind es zugleich die schlimmsten Vergangenheitserinnerungen und die trübsten Zukunftsaussichten. Da komme ich doch glatt in Versuchung, meinen Kindern sämtliche Freiräume zu verbieten…

Wiedermal ein paar Fragen

1. Ist ein Anflug von Schadenfreude erlaubt, wenn die Verurteiler der Nation auf einmal erkennen müssen, dass Begriffe wie Burnout, Mobbing und Krankschreibung keine Erfindung der Gebrüder Grimm sind?

2. Soll ich mich mit meiner Mutter freuen, wenn es ihr vergönnt ist, auf dem Haupt ihrer jüngsten Tochter die grauen Haare spriessen zu sehen? Oder soll ich mich heulend ins Badezimmer verkriechen und mir die Haare färben?

3. Auch nach einem Tag beobachten und Abtasten des Bauches bleibt die Frage: Leidet der FeuerwehrRitterRömerPirat an Verstopfung, hat er eine Blinddarmentzündung oder möchte er mir etwas Wichtiges mitteilen?

4. Schaffen es meine Tomaten noch, oder muss ich mich allmählich nach Rezepten für Marmelade aus grünen Tomaten umsehen?

5. Darf man einem Menschen schonend beibringen, dass man über gewisse Themen nicht mehr mit ihm reden möchte, oder ist es besser, jedes Mal das Thema zu wechseln, wenn er wieder davon anfängt?

6. Wie bringe ich „Meinen“ dazu, zu diesem Räucherofen ja zu sagen, den ich neulich so günstig auf Ricardo gesehen habe?

7. Haben wir unseren Jüngsten zu sehr verwöhnt, oder ist es nur eine Phase?

8. Hat man einen Knacks, wenn man vor der zweiten Klassenzusammenkunft schlecht träumt? Dass man sich vor der ersten fürchtet, ist ja eigentlich klar, aber sollte man die zweite nicht ganz gelassen angehen können?

9. Wird es in Italien noch gleich sein wie letztes Jahr, oder ist jetzt, wo man so viel über den Niedergang liest, alles noch chaotischer geworden?

10. Mal angenommen, ein sehr lieber Mensch schenkt dir acht Gutscheine für nahezu-gratis Schifffahrten, die er von einer sehr verrufenen Grossbank erhalten hat. Nimmst du die Gutscheine dankend an, oder sagst du: „Ist ja wirklich lieb gemeint von dir, aber von denen lasse ich mich nicht um den Finger wickeln.“?

11. Darf man um diese Zeit noch mit dem Stabmixer hantieren oder muss ich die Gabel nehmen?

Garderobe

Für das Prinzchen bitte nur Kleidung, die wie angegossen passt, auf gar keinen Fall Pullis, die zu lang sind. Bitte auch nicht zu weich. Und schon gar nicht zu warm. Als Aufdruck kommen einzig Bob der Baumeister, Elefanten, Mickey Mouse und kleine Monster in Frage. Die Hose nur mit Knopf und Reissverschluss, Bändel sind streng verboten, zu lange Hosenbeine auch. Und um Gottes Willen keine Socken! Auch nicht in die Gummistiefel.

Der Zoowärter setzt auf cool, am besten Ton in Ton mit weissen Turnschuhen dazu. Wenn ein anderer im Kindergarten das Gleiche hat, ist das eine Auszeichnung, kein Grund, den Pullover im hintersten Winkel des Kleiderschranks zu verstecken. Neu ist immer gut, am liebsten jeden Tag, vom grossen Bruder nachtragen lieber nicht. Dann schon eher die vom kleinen Bruder verschmähten Stücke. Vor allem die gestreifte Kapuzenjacke, die Komplimente anzieht wie ein Magnet.

Rot, neu und einzigartig muss es für den FeuerwehrRitterRömerPiraten sein. Wenn das nicht zu haben ist, dann eben das Gegenteil: abgetragen, ausgefranst und zahnpastabefleckt. Dazu ein trauriges Gesicht, denn der ungepflegte Aufzug ist ein Statement. „Nie bekomme ich etwas Neues. Den anderen bringst du immer schöne Sachen nach Hause, nur mir nicht.“ Das Statement lässt sich mit einem kurzen Wühlen im Wäscheberg leicht widerlegen. Sind die zu Tage beförderten Kleidungsstücke sauber, strahlt einen bald schon ein wie aus dem Ei gepellter Zweitklässler an. Müssen die schönen Sachen zuerst in die Waschmaschine, bleibt das traurige Gesicht. Und wer ist Schuld daran, dass der Wäscheberg den Weg in die Waschmaschine nicht von selbst gefunden hat?

Luises Schrank ist vollgestopft mit Geblümtem, Gerüschtem und Romantischem. Wunderschöne Sachen, die sie unbedingt haben wollte. Sachen, die nicht für den Alltag gedacht sind, auch wenn Luise beim Kauf hoch und heilig versprochen hat, sie zu tragen. Dafür alle drei Tage das gleiche Drama, weil die einzige für den Schulgebrauch zugelassene Kluft in der Wäsche ist. Das Gremium, welches über die Schultauglichkeit der Kleidung befindet, nennt sich „die anderen“ und ist äusserst gnadenlos. Die Höchststrafe nennt sich „Auslachen“ und wird offenbar immer dann angewendet, wenn Luise – oder ein anderes Mädchen – das trägt, was ihr wirklich gefällt.

Für Karlsson ist alles ganz einfach: Bei Temperaturen unter dreissig Grad trägt man Hemd, Krawatte und Jackett, bei Temperaturen über dreissig Grad knielange Hose – vorzugsweise kariert – und unifarbenes T-Shirt. Daran wird nicht gerüttelt. Versucht man es trotzdem, stösst man im besten Fall auf wenig Verständnis, im schlimmsten Fall fliegt die Zimmertür ins Schloss. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen, ausser vielleicht dies, dass Karlsson auf unerklärliche Weise immer mal wieder die sauberen Kleider ausgehen. Oft tauchen sie erst wieder auf, nachdem sich „Meiner“ Zugang zu Karlssons Zimmer verschafft hat, um den Wäscheberg aus der Gewalt unseres Ältesten zu befreien.

Sämtliche dieser Kleidervorschriften sind von der Mutter unbedingt zu berücksichtigen und zwar innerhalb der ersten dreissig Minuten des Tages. Wie, hat da jemand gefragt, warum ich selber jeweils kurz vor Mittag noch immer im Pyjama anzutreffen bin?

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Zeitungslektüre

Es war ein ziemlich langer Arbeitstag. Bevor wir die Kinder ins Bett bringen, gönne ich mir deshalb fünfzehn Minuten Zeitungslektüre:

„Dr. Blocher und die…“
„Mama, ich will ein Skateboard!“ „Ja, FeuerwehrRitterRömerPitat, coole Idee.“
„Dr. Blocher und die Gips…“
„Mama, erzählst du mir mein Bibliotheksbuch?“ „Gleich, Zoowärter, gleich. Lass mich kurz die Zeitung fertig lesen.“
„Dr. Blocher und die Gipser – So redet Dr. Christoph Blo…“
„Mama, sag Karlsson, er soll meine Schablonen wieder hergeben!“ „Karlsson, gib Luises Schablonen zurück. Jetzt sofort!“
„Dr. Blocher und die Gipser – So redet Dr. Christoph Blocher auf seinem Teleblocher: ‚Ich…“
„Ich habe eine Zehnernote, zwei Zweifränkler, einen Fünfliber und heute habe ich noch fünfzig Rappen gefunden. Wie viel habe ich dann, Mama? Reicht das für ein Skateboard?“ „Moment, FeuerwehrRitterRömerPirat, ich möchte nur schnell diese Kolumne fertig lesen, dann helfe ich dir beim Ausrechnen.“
„Dr. Blocher und die Gipser – So redet Dr. Christoph Blocher auf seinem Teleblocher: ‚Ich mache die NZZ auf und sehe ein wunderschönes Bild…“
„Das sind dann siebzehn Franken fünfzig, stimmt’s, Mama?“ „Kann sein, Karlsson. Ich hab‘ dem FeuerwehrRitterRömerPiraten ja gesagt, dass ich es nachher ausrechne…“
„und sehe ein wunderschönes Bild von Philipp Müller, dem Präsidenten der FDP, das eigentlich…“
„Mama!“
„…das eigentlich…“
„Mama!!!!!“
„… das eigentlich gar nicht zu ihm…“
„Mama, ich will einen Kakao!“ „Ja, Prinzchen, lass mich doch bitte noch schnell den Satz zu Ende lesen, dann komme ich.“
„… gar nicht zu ihm passt: Er ist sehr geschmackvoll angez…“
„Mama, Karlsson hat mir die Schablonen noch immer nicht zurückgegeben! Sag‘ ihm, dass er sie zurückgeben soll, sonst macht er sie noch kaputt, dieser…“ „Luise! So redet man nicht! Karlsson, gib endlich diese Schablonen zurück!“
„…ogen – hellbraunes Jackett, dunkelbraune Krawatte und ein Hemd. Geschniegelt wie aus einem…“
„Ich will jetzt einen Kakao haben!“ „Ja, Prinzchen, nur noch dieser eine Satz…“
„…Geschniegelt wie aus einem Werbeprospekt – dieser Präsident der Freis…“
„Mama, könnten wir vielleicht heute noch das Skateboard kaufen gehen?“ „Nein, Mama, zuerst musst du mir die Geschichte erzählen!“ „Zuerst mein Kakao!“ „Nein, meine Schablonen!“ „Die gebe ich aber erst her, wenn du anständig fragst…“

Tut mir Leid, die Herren Blocher und Müller. Sie müssen warten, bis es ruhiger wird. Hier tobt gerade das reale Leben.

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Wenn ihr nicht wollt, dann will ich auch nicht

Okay, ich weiss, ich hätte in den vergangenen Monaten konsequenter sein müssen. Im Dauergehetze habe ich wohl immer mal wieder Dinge durchgehen lassen, die ich eigentlich gar nicht durchgehen lassen will. Und manchmal kam ich einfach zu spät, um überhaupt noch einschreiten zu können. Ich habe also durchaus meinen Teil dazu beigetragen, dass es die Kinder derzeit nicht allzu genau nehmen den Anstandsregeln. Aber auch wenn ich die Zügel etwas habe schleifen lassen, eines sollte ihnen eigentlich noch bewusst sein: Gesundes Essen, geregelte Essenszeiten und eine gewisse Achtung vor dem, was auf dem Teller liegt, bedeuten mir sehr viel.

Es sollte ihnen bewusst sein, ist es aber nicht. Und darum greifen sie ganz ungeniert zu Toast mit Butter, währenddem ich am Herd stehe und Flammkuchenteig knete. Sie verschmähen am Mittagstisch die frische Maissuppe mit Tortelloni und lassen sich eine halbe Stunde später dabei erwischen, wie sie Schokoladenjoghurt löffeln. Sie futtern die Obstschale leer, fallen über das Eingemachte her, vertilgen den letzen Bissen Käse – und lassen das Fleisch vergammeln, welches ich, die Vegetarierin, voller Abscheu aber mit grenzenloser Mutterliebe eingekauft habe.

Höchste Zeit, den Knöpfen mal wieder klar zu machen, dass ich trotz Kochleidenschaft und Mutterliebe nicht alles mitmache. Darum wanderte heute Abend der Flammkuchenteig in den Kühlschrank und nicht in den Ofen, mochten die Kinder noch so sehr beteuern, sie würden in einer halben Stunde bestimmt wieder hungrig sein, auch wenn sie jetzt gerade randvoll seien mit Äpfeln und Toast. Ich blieb hart, es gab keinen Flammkuchen, dafür aber eine Standpauke dass ich mir nicht alles bieten lassen würde und dass es vor morgen Mittag nichts Warmes mehr geben würde.

Diesmal blieb ich konsequent, die Kinder schworen mir hoch und heilig, dass sie sich bessern würden, sie genehmigten sich einen letzten Apfel und gingen zu Bett. Und ich? Ich sitze mit knurrendem Magen auf dem Sofa, weil ich vor lauter konsequent sein vergessen habe, dass ich mich weder mit Toast noch mit Äpfeln vollgestopft hatte und dass ich eigentlich ganz gerne Flammkuchen gegessen hätte.

Katzenwünsche

„Zum Geburtstag wünsche ich mir ein Kätzchen“, verkündete Karlsson gestern, nachdem wir einen Nachmittag mit lieben Menschen und herzigen Kätzchen verbracht hatten. “ Aber wir haben doch Henrietta und Leone“, wandte ich ein. „Ich will aber ein eigenes Büsi, ein Weibchen, damit sie Junge bekommen kann“, beharrte Karlsson. „Ich will auch eine eigene Katze zum Geburtstag, auch ein Weibchen“, meldete sich Luise zu Wort. „Ich auch. Eine, die mir ganz alleine gehört“, erklärte der Zoowärter. „Ich werde jeden Samstag das Kistchen leeren“, versprach Karlsson.

Ich seufzte tief und erinnerte mich an die seligen Zeiten, als ich solch irrwitzige Geburtstagswünsche mit einem müden Lächeln und einem „Wir werden dann sehen“, abtun konnte. Heute, wo die Kinder den Wert ihres Geburtstagsgeldes, das ihnen die Grossmütter jeweils zustecken, erkannt haben, dürfte es schwierig werden, sie davon abzuhalten, sich ihre Wünsche einfach selber zu erfüllen. Ich war es ja, die ihnen vollmundig versprochen hatte, über ihr eigenes Geld dürften sie frei verfügen, solange sie es nicht für Dummheiten ausgeben. Und da ich es nie wagen würde, eine Katze als Dummheit zu bezeichnen, werde ich wohl oder übel davon ausgehen müssen, dass es nicht bei zwei Katzen bleibt.

Nun ja, wer nach dem zweiten Kind nicht aufhört, kann wohl auch nicht davon ausgehen, dass nach Haustier Nummer zwei schon Schluss ist.

 

Basiskurs

Ich bin verzweifelt auf der Suche nach einem Weiterbildungsangebot und weil ich bis anhin nicht fündig geworden bin, hier meine Vorstellung, wie der Kurs aussehen sollte:

Teenie-Mama, Basiskurs
Zielgruppe: Einsteigerinnen im Bereich Teenagerkunde
Kursziel: In neun einfachen Schritten von der blutigen Anfängerin zur halbwegs kompetenten Teenie-Mama

Schritt 1
Was ist noch kindlich und was ist bereits pubertär? Mithilfe eines umfassenden Tests erörtern wir, ob Ihr Kind das kritische Alter bereits erreicht hat.

Schritt 2
Einführung in die Teenagerkunde: Wir lernen die unverzichtbaren Gadgets kennen und haben die Gelegenheit, diese auszuprobieren. Wir lernen den Unterschied zwischen „cool“ und „Vergiss es, Mama!“ kennen. Ausserdem befassen wir mit unseren eigenen falschen Vorstellungen, dass wir die Teenager verstehen könnten, weil wir selber mal welche waren.

Schritt 3
Intensivtraining in Reaktionsvermögen. Lernen Sie, den Stimmungsumschwung vorauszuahnen, damit Sie nicht jedes Mal wie ein begossener Pudel dastehen, wenn ihr Teenager sich vom sanften Lämmchen zur wütenden Furie und wieder zurück wandelt.

Schritt 4
Heute dreht sich alles um die Musik. Wir führen Sie ein in die hochstehende Welt der brandaktuellen Teenie-Hits, zeigen Ihnen, wie man Peinlichkeiten vermeidet, wenn man als Anstands-Wauwau zum Justin Bieber Konzert mitgehen muss und lassen Sie das unbeschreibliche Gefühl erleben, Gespräche nur noch mit Musikstöpseln im Ohr anhören zu müssen.

Schritt 5
Wir schauen die Filme, die sich die Teenager anschauen, wenn sie bei Freunden übernachten, spielen die Games, die sie mit ihren Freunden spielen und unterhalten uns in der Sprache, die Ihre Kinder sprechen, wenn Sie nicht dabei sind. Auf Wunsch können Sie sich am Ende des Abends von unseren erfahrenen Psychologen betreuen lassen.

Schritt 6
Wir zeigen Ihnen, wie Sie Ihren Teenager auf Unangenehmes aufmerksam machen können, ohne sein fragiles seelische Gleichgewicht zu erschüttern.

Schritt 7
Wir zeigen Ihnen, wie Sie ohne Gefahr für Ihr fragiles seelisches Gleichgewicht die ungeschminkten Wahrheiten ertragen können, die Ihnen Ihr Teenager ganz offen ins Gesicht sagt.

Schritt 8
Heute sind Sie dran! Lernen Sie, nicht mehr so schrecklich peinlich zu sein. Wir helfen Ihnen dabei, ein Ja zu Ihrem Alter zu finden und entwerfen mit Ihnen einen Beschäftigungsplan für die einsamen Abende, wenn Ihr Nachwuchs ohne Sie weggeht.

Schritt 9
Wir erlernen eine todsichere Methode, wie Sie Ihr Kind davor bewahren können, auf die schiefe Bahn zu geraten, ohne später das Gefühl zu entwickeln, etwas verpasst zu haben. Unsere Erfolgsquote liegt bei 100%, alle Kinder, die in den letzten hundert Jahren nach unserer Methode durch die Teenagerjahre begleitet worden sind, sind heute erfolgreiche, glückliche Menschen, die ihr Leben mit Bravour meistern.

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Kindergarten-Elternabend Nr. 8

Die Eltern, die mit mir angefangen hatten, sind schon längst nicht mehr dabei. Ihre Kinder sind inzwischen alle in der Schule, währenddem ich noch immer auf den winzigen Stühlchen sitze und mich darüber informieren lasse, dass die Kinder ein gesundes Znüni mitnehmen müssen, dass es vollkommen normal ist, wenn ein Kind in den ersten Wochen Mühe mit dem Loslassen hat, dass die Bibliotheksbücher bitte nach einer Woche wieder zurückgebracht werden sollen. Noch immer setze ich mich nach dem Informationsteil an eines der winzigen Tischchen, um eine Überraschung für mein derzeitiges Kindergartenkind zu basteln, noch immer bemühe ich mich darum, die Fragen der Neulinge ernst zu nehmen, auch wenn es mir nicht immer leicht fällt.

Natürlich, die Elternabende könnte ich mir schenken. Viel Neues erfahre ich nicht mehr, den Anschluss zu den meisten neuen Kindergarteneltern finde ich nicht mehr so einfach, weil meine Themen oft noch nicht die ihren sind, die Kindergärtnerin und ich müssen uns nicht mehr kennen lernen. Dennoch käme es mir nicht in den Sinn, den Anlass zu schwänzen. Weil es meinem Kindergartenkind wichtig ist, dass ich sehe, was es im Kindergarten macht. Weil es sich unendlich grosse Mühe gegeben hat, etwas Gutes zum Knabbern vorzubereiten und beinahe platzt vor lauter Stolz. Weil ich die Eltern der Kinder, mit denen mein Kind den halben Tag verbringt, treffen möchte. Und weil ich hin und wieder dem irrsinnigen Glauben verfalle, ich müsse beweisen, dass ich mir auch für das vierte und das fünfte Kind noch Zeit nehme.

 

Schlechte Gesellschaft

Mit der diesjährigen Themenwahl für das Sommerlager haben uns die Jungscharleiter einen Bärendienst erwiesen. Eine Woche lang waren die Kinder als Mafiosi unterwegs und seither ist die Mafia für unsere Jüngsten nicht mehr eine ganz üble Sache, sondern eine äusserst faszinierende Angelegenheit. Vor allem der Zoowärter sieht sich seither gerne in der Rolle eines „Mafia“, wie er das nennt.

Als „Mafia“ kann er nun plötzlich auch wieder mit dem Prinzchen und seinem besten Freund auf der Baustelle mitspielen, wo er als Ritter oder als Tyrannosaurus Rex nicht willkommen war. Jetzt aber hört man im Garten plötzlich Folgendes: „Ich wäre ein Mafia und ich hätte euch beim Bauen geholfen. Kommt, wir mischen noch mehr Sand in den Beton, dann hält die Mauer besser.“

Mafia? Mehr Sand im Beton? Mitmischen beim Bauen? Irgendwie kommt mir das bekannt vor. Aber doch nicht aus unserem Garten…

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Möbelhaus

Es gab eine Zeit, da liebte ich es, mit „Meinem“ durch die Möbelhäuser zu ziehen, mir alles ganz genau anzuschauen, Preise zu vergleichen und vor allem natürlich einzukaufen. Schwierig war bloss, dass die Kinder nicht mitspielten. Mal waren sie noch zu klein für das Kinderparadies, mal wollten sie sich nicht abgeben lassen, mal wollten sie, aber durften nicht mehr, weil sie schon zu gross waren, mal mussten sie mit in die Möbelausstellung, weil sie mitbestimmen wollten, in welchem Bett sie in Zukunft schlafen würden. Als dann eines Tages der Zoowärter vor lauter Anstrengung mitten im Möbelgeschäft einen Fieberkrampf bekam und mit der Ambulanz ins Spital gefahren werden musste, dämmerte uns endlich, dass unsere Kinder nicht möbelhaustauglich sind. Von daher ging nur noch entweder „Meiner“ oder ich, wenn wir überhaupt Kinder mitnahmen, dann jene, die entweder schon gross genug zum Mithelfen oder noch klein genug, um den Einkauf zu verschlafen waren.

Diese Zeiten sind nun vorbei. Inzwischen können wir problemlos am Samstag ins Möbelhaus fahren. Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat sind in der Jungschar, der Zoowärter und das Prinzchen gehen liebend gerne ins Kinderparadies, weil sie dort noch kaum je waren. Und so können „Meiner“ und ich vollkommen unbeschwert durch die Ausstellung gehen.

Zu dumm, dass wir inzwischen gar keine Lust mehr auf Möbelkauf haben. Zu viele Leute, die nur zum Spass einkaufen gehen und nicht, weil sie ganz dringend einen Tisch brauchen, an dem fünf immer grösser werdende Kinder Platz finden. Zu viel Lärm, zu viele schreiende Kinder, die keine Lust darauf haben, von ihren Eltern durch den Laden geschleppt zu werden. Zu viel Billigware, bei der man nicht dran denken darf, unter welchen Bedingungen sie wohl entstanden ist. Zu genervt, dass schon wieder etwas Neues her muss, weil man einfach keine Qualität mehr geliefert bekommt und zwar unabhängig davon, ob etwas billig oder teuer ist. Zu angewidert von der ewig gleichen Massenware.

Der Möbelkauf hat für uns seinen Reiz verloren. Ausgerechnet jetzt, wo unsere Kinder allmählich auf den Geschmack kommen. Luise zumindest war ziemlich enttäuscht, als sie erfuhr, dass sie nicht mitkommen kann.

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