Kenne ich die?

„Meiner“ und ich sollten es inzwischen ja schon längst wissen: Es gibt Tage, an denen man mit unseren Kindern nicht auswärts essen sollte. Heute war so ein Tag, aber wir taten es trotzdem. Klar, vier von fünf Kindern waren schrecklich aufgedreht und das fünfte klagte noch immer laut über Bauchschmerzen, wenn auch etwas weniger als gestern. Aber nachdem ich den ganzen Tag mit wirrem Kopf und grummelndem Bauch im Bett verbracht hatte und „Meiner“ sich vom Apotheker – nicht dem gleichen wie gestern – hatte sagen lassen, der FeuerwehrRitterRömerPirat brauche frische Luft, beschlossen wir, auf der Halbinsel Kampa eine böhmische Kartoffelsuppe zu essen. Genau das Richtige für Mägen, die zwar vor Hunger grummeln, aber nicht sicher sind, ob sie das Essen dann auch wirklich behalten wollen.

Nach einigem Suchen fanden wir das perfekte Restaurant: Ein lauschiger Garten, ein Tisch etwas abseits von den anderen Gästen und grossfamilienfreundliche Preise. Nachdem auch noch die Kellnerin voller Bewunderung fragte, ob all diese Kinder aus eigener Produktion stammten, hatten „Meiner“ und ich das Gefühl, dass heute ein Abend werden könnte, an den man noch Jahre später sehnsüchtig zurückdenken würde. „Wisst ihr noch, damals, auf der Halbinsel Kampa, als wir diese köstliche böhmische Kartoffelsuppe aus dem Brot löffelten…“

Nun, ich bin mir ziemlich sicher, dass wir uns immer mal wieder an diesen Restaurantbesuch erinnern werden, wenn auch nicht voller Sehnsucht. Es fing damit an, dass der Zoowärter und das Prinzchen unablässig über die Sitzbänke kletterten und dazu einen Riesenlärm veranstalteten. Etwas später meldeten sich die Bauchschmerzen und damit auch das laute Jammern unseres Dritten zurück. Karlsson und Luise stritten sich derweilen, wer den grünen Trinkhalm bekommen sollte.

Dann kam das Esen und jetzt ging es richtig los. Luise verschüttete ihre Erdbeerlimonade über die gebratenen Zwiebelringe, das Prinzchen füllte sich die Windel, der FeuerwehrRitterRömerPirat raste aufs WC und der Zoowärter wollte sich aus dem Staub machen, weil er in nächster Nähe einen Spielplatz vermutete. Derweilen versuchte Karlsson, den griechischen Salat, den er sich mit Luise teilte, in Essig zu ertränken. Aus irgend einem Grund gerieten sich das Prinzchen und der FeuerwehrRitterRömerPirat in die Haare, weshalb unser Jüngster seine Sandalen auszog, um sie dem grossen Bruder an den Kopf zu werfen. „Meiner“ schaffte es in letzter Sekunde, das Schlimmste zu verhindern, aber der FeuerwehrRitterRömerPirat heulte dennoch Rotz und Wasser. Auch der Zoowärter heulte, weshalb weiss ich nicht mehr, ich weiss nur noch, dass ihm vor lauter Heulen das Abendessen wieder hochkam. Ich schaffte es gerade noch, ihm eine leere Schale hinzuhalten, deren Inhalt „Meiner“ mithilfe von zwei – sauberen – Windeln im nahe gelegenen Abfalleimer diskret entsorgen konnte. Danach wollten wir eiligst unsere Rechnung bezahlen und sofort verschwinden. Währenddem wir auf die Kellnerin warteten, stellte der Zoowärter fest, dass er jetzt, wo sein Abendessen in Windeln gewickelt im Abfalleimer lag, wieder hungrig war und da sonst nichts mehr auf dem Tisch war, wollte er sich über die letzten Pommes Frites seines größeren Bruders hermachen. Natürlich liess ihn dieser nicht einfach so gewähren, was zu erneutem Geheul führte.

Als wir uns wenige Minuten später mit unserer Barbarenhorde – mindestens drei davon laut heulend – aus dem Staub machten, glaubte ich, das Schlimmste sei überstanden. Doch was musste ich sehen, als ich mich ungeduldig umwandte, um zu sehen, wo „Meiner“ und die Kinder so lange blieben? Die machten sich doch tatsächlich über den Inhalt eines Abfalleimers her, allen voran „Meiner“, der voller Begeisterung zwei hässliche alte Ledertaschen, die wohl noch die Anfänge des Kommunismus in Prag miterlebt hatten, herauszog. Der Zoowärter tat es seinem Papa gleich und schwenkte bald darauf voller Stolz einen ausgedienten Squash-Schläger.

Als ich das sah, tat ich etwas, was ich noch nie zuvor getan habe: Ich ging so schnell als möglich weiter und tat, als würde ich die da hinten nicht kennen.

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Welt, du machst mir Sorgen

Du schlenderst mit deinen Kindern durch Prag und unvermittelt kommen die Fragen: „Mama, warum steht auf diesem alten Schild im Restaurant, dass Gespräche über Politik verboten sind?“ „Warum hätten deine Eltern mit euch nicht einfach mal schnell nach Prag reisen können, als du ein Kind warst?“ „Was bedeutet dieses Poster mit der Matroschka, die ihre Zähne fletscht?“ „Wer hat diese hässlichen Häuser gebaut, die so gar nicht zum Rest der Stadt passen?“ Und schliesslich die Mutter aller dieser Fragen: „Mama, was ist überhaupt Kommunismus?“

Keine einfachen Fragen, aber dennoch solche, die ich gerne beantworte, oder zumindest versuche zu beantworten. Wer erzählt nicht gerne die Geschichte von den Menschen, die sich nach Freiheit sehnten, die sich gegen ihre Unterdrücker aufgelehnt haben und die schliesslich wohl selber erstaunt waren, dass ihr Aufstand erfolgreich war? Es war wohl eine der wenigen Sternstunden der Geschichte, als damals die Grenzen fielen und man plötzlich Zugang zu Menschen, Sehenswürdigkeiten, Landschaften und Geschichten hatte, die eben noch unerreichbar waren. Auch wir rieben uns alle erstaunt die Augen, hatten wir doch in der Schule gelernt, dass es durch den Eisernen Vorhang kein Durchkommen gebe.

Ja, diese Fragen beantwortet man gern. Aber es gibt in diesen Tagen Fragen, die man als Mutter oder Vater nicht beantworten möchte. „Mama, warum tun Menschen so etwas Furchtbares?“ „Könnte so etwas bei uns auch geschehen?“ „Wieso gibt es Menschen, die so sehr hassen?“ „Warum tut ein Mensch, der sagt, er glaubt an den lieben Gott, so etwas Schreckliches?“

Offen gestanden bin ich froh, dass unsere Kinder diese Fragen nicht gestellt haben, denn ich wüsste keine Antwort. Ich bin froh, dass die Schlagzeilen hier in einer Sprache geschrieben sind, die sie nicht lesen können. Ich bin froh, dass ich ihnen jetzt noch nicht erzählen muss, dass es auch in einem Land, das schon immer zur „freien“ Welt gehört hat, lebensgefährlich sein kann, eine politische Überzeugung zu haben. Auch darüber reiben wir uns erstaunt – und erschüttert – die Augen, denn hat man uns nicht immer erzählt, dass bei uns jeder frei sei, zu denken und zu glauben, was er wolle?

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Johann Sebastian sei Dank

Der gute alte Johann Sebastian ist und bleibt der Beste. Was ich in zwei nervenaufreibenden Stunden nicht hinkriege, schafft er innert Minuten. Nichts half, weder singen, kuscheln noch drohen. Das Prinzchen, der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat wollten heute Abend einfach keine Ruhe geben und irgendwann war es auch mit meiner Ruhe vorbei, so dass ich nicht mehr ganz die nette Mama war, die ihre Kinder singend in den Schlaf begleitet. Irgendwann war ich an dem Punkt, an dem ich nur noch lauthals schimpfen konnte, sogar mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten, der den ganzen Tag fiebernd auf dem Sofa gelegen hatte und dennoch abends so lieb war, mich bei meinen erfolglosen Versuchen, die zwei Jüngsten zum Schweigen zu bringen, zu unterstützen.

Ich war schon fast den Tränen nahe, weil es mal wieder ganz klar darauf hinauslief, dass ich erst die ganz böse Mama würde spielen müssen, ehe die übermüdeten Kinder endlich schlafen würden. Da hatte ich den rettenden Einfall, es mal wieder mit Johann Sebastian zu versuchen. Und siehe da, der alte Knabe hat unsere Söhne noch immer bestens im Griff. Kaum erklangen die ersten Takte, hörte das Prinzchen auf, mich mit kleinen, fiesen Schubsern zu provozieren, fünf Minuten später lag sein Kopf friedlich auf meinem Schoss und bald schon schlief er tief und fest. Auch der FeuerwehrRitterRömerPirat liess nur noch einen tiefen Seufzer hören, dann liess auch er sich von der Musik in den Schlaf lullen. Der Zoowärter brauchte etwas länger als seine zwei Brüder, was wenig verwunderlich ist, wo er doch heute Abend einer der drei Chipmunks war und meines Wissens sind die nicht wegen ihres phlegmatischen Wesens berühmt geworden. Aber auch der kleine Chipmunk wurde deutlich ruhiger und schon bald einmal verkündete er, er werde sich jetzt in seine Chipmunk-Höhle zurückziehen um tief und fest zu schlafen. 

Es gibt viele gute Gründe, Johann Sebastian zu verehren, in meinen Augen aber ist seine grösste Leistung eindeutig die, dass er es fertig bringt, unsere aufgedrehten Söhne abends zu beruhigen. Nun ja, eigentlich gibt es etwas, wofür ich ihn fast noch ein wenig mehr verehre: Er schafft es, auch mich wieder zu beruhigen, nachdem die aufgedrehten Söhne mich mal wieder zur Weissglut getrieben haben. Und glaubt mir, wenn ich mich mal aufrege, bin ich gar nicht so leicht zu beruhigen und deswegen bitte ich euch, dem guten alten Herrn Bach einen tosenden Applaus zu geben.

Armes Prinzchen

Allmählich nähert sich das Prinzchen seinem dritten Geburtstag und so langsam kommt bei mir das Mitleid auf, das ich immer empfinde für die Dreijährigen. Nun ja, es dauert noch gute drei Monate, bis der grosse Tag da ist, aber als jüngstes Kind ist das Prinzchen immer etwas schneller als die anderen es waren. Und darum zeichnet sich bei ihm jetzt schon ab, was früher oder später kommen muss: Die Schonzeit nähert sich ihrem Ende. 

Es fängt damit an, dass nicht mehr alle „ach, wie süüüüüüüüss“ kreischen, wenn das Prinzchen einem seiner Geschwister eins überbrät. Plötzlich heisst es „Prinzchen, du nervst!“ und der arme Junge ist ganz verdattert. Warum sind sie plötzlich nicht mehr entzückt, wenn er den Grossen zeigt, wer hier der Meister ist? Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass seine Schläge inzwischen ganz schön schmerzhaft sind und das ist nun mal nicht mehr besonders süss.

Ein weiteres Anzeichen, dass es für unseren Jüngsten langsam ernst gilt: Der Satz „Ach lass ihn doch. Er ist noch so klein und versteht noch gar nicht, dass er kein Eis haben darf, wenn er bereits Gummibärchen genascht hat“ fällt deutlich seltener. So langsam entwickelt unser Prinzchen ein Gefühl für den Tagesablauf und von einem Kind, das schon ziemlich gewieft mit den Begriffen „heute“ und „morgen“ jongliert, erwartet man automatisch, dass es damit leben kann, dass es erst morgen wieder etwas Süsses gibt. Natürlich weiss ich, dass der Junge trotz seiner grossen Worte noch keinen Zeitbegriff hat, aber wer sagt denn, dass Mütter sich immer schön brav an das halten, was sie wissen? Oh ja, es fällt mir durchaus schwer, bei dem herzigen Bengel konsequent zu bleiben, wo er doch im Vergleich zu seinen Geschwistern tatsächlich noch sehr klein ist, aber irgendwann muss er wohl lernen, dass er hier nicht im Schlaraffenland lebt. 

Ja, und da wäre natürlich noch die Sache mit dem Chaos. So langsam ist es einfach nicht mehr süss, wenn das Prinzchen wie ein Wirbelsturm durch die Wohnung fegt. Er braucht gerade mal so lange, wie Mama auf dem WC sitzt, um den Küchenschrank leer zu räumen, eine halbe Tüte Mehl zu verschütten und den Brotteig mit bunten Zuckerstreuseln zu verzieren. Ja, ich weiss, ihr denkt jetzt, ich würde wohl den halben Vormittag im Badezimmer verbringen und glaubt mir, die Versuchung ist gross, eben dies zu tun, um das Durcheinander, das unser Jüngster innert Kürze anrichtet, nicht sehen zu müssen. Aber weil ich inzwischen die unzähmbare Neugierde unseres Jüngsten und deren desaströse Folgen für Mobiliar, Bastelarbeiten und Lebensmittelvorräte kenne, wage ich kaum mehr, die Tür zum Badezimmer zu schliessen, aus Angst, ich würde ausgerechnet in dem Moment weg sein, in dem er beschliesst, das iPad aus dem Fenster zu werfen oder Karlssons Zeugnis etwas bunter zu gestalten. Und sagt jetzt nicht, wir müssten die Dinge eben prinzchensicher verstauen. In den vergangenen Monaten mussten wir durch diverse schmerzhafte Erfahrungen lernen, dass es so etwas wie Prinzchensicherheit nicht gibt, das Kind kommt überall hin, wenn er es sich nur fest genug in den Kopf setzt. Und weil man ein solches Kind nicht bremst, indem man ihm sanft ins Ohr säuselt „Mein lieber kleiner Schatz, willst du das nicht lieber bleiben lassen? Mama ist ganz traurig, wenn du jetzt diesen Blumentopf vom Balkon schmeisst“, kommt es hin und wieder vor, dass wir ziemlich laut und ernst werden müssen, ehe er von seinem Tun ablässt.

Wenn ich lese, was ich bis jetzt geschrieben habe, frage ich mich, weshalb ich diesen Text mit „armes Prinzchen“ überschrieben habe. Sind nicht wir anderen die Armen? Immerhin versuchen wir den lieben langen Tag mit mässigem Erfolg zu verhindern, dass der kleine Lausebengel unser Leben noch vollends auf den Kopf stellt. Aber ich bleibe dabei, dass nicht wir die Armen sind, sondern er. Denn währenddem wir wissen, dass sich das alles wieder legen wird, wenn der Verstand des Prinzchens anfängt, mit seinem Können Schritt zu halten, hat er keine Ahnung, weshalb es immer öfters „Prinzchen neeeeeiiiiiiiin! Jetzt hörst du sofort auf damit!“ heisst und nicht mehr „Ach schau mal wie süss! Jetzt hat er schon wieder den ganzen Sirup ausgekippt, weil er versucht hat, sich selber einzuschenken.“

Mama, spielst du mit mir?

Eigentlich hätte ich auf die Frage vorbereitet sein müssen, nachdem ich am Samstag stundenlang mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten die Lego-Burg zusammengebaut hatte. „Mama, spielst du mit mir Lego?“, wollte er am Sonntag von mir wissen und mit spielen meinte er diesmal nicht zusammenbauen, sondern richtig spielen, mit Angriffen auf die feindliche Burg, Verfolgungsjagden und allem was sonst noch dazugehört. Ich hätte ja nur zu gerne ja gesagt, aber weil ich eine miserable Spielkameradin bin, musste ich meinen Sohn enttäuschen. Zusammenbauen? Liebend gerne. Abenteuerliche Geschichten von Zeitreisen ins Mittelalter vorlesen? Noch lieber. Tausendundeine Frage über die Ritterzeit beantworten? Nur zu. Aber spielen? Nicht mit mir. Denn spielen mit mir ist geradezu einschläfernd.

Das war schon immer so. Ich war keines jener Kinder, die sich stundenlang rollenspielend in einer Fantasiewelt tummeln konnten. Lesend und später auch schreibend ja, aber spielend? Nein, dazu war ich viel zu bodenständig. Klar, auch ich spielte mit Puppen und Playmobil, aber diese Spiele mussten immer nahe an der Realität sein. Ich erinnere mich noch lebhaft daran, wie ich meine Schwester dazu überreden wollte, dass unsere Puppen sich mal ganz heftig in die Haare geraten sollten, weil man im richtigen Leben ja auch hin und wieder streitet. Es kam dann auch tatsächlich zum Streit, aber nicht zwischen den Puppen, sondern zwischen uns Schwestern, weil die Gute einfach nicht einsehen wollte, weshalb unser Spiel das wahre Leben spiegeln sollte. Rückblickend verstehe ich nur zu gut, dass meine Schwester nur selten Lust hatte, mit mir zu spielen. Wer will denn schon die doofsten Seiten des Kinderalltags nachspielen?

Auch heute kommt es selten gut, wenn die Kinder versuchen, mich in ihr Spiel hineinzuziehen. Nehmen wir mal an, die Kinder würden mit mir Einkaufsladen spielen wollen. „Mama, du wärest jetzt die Kundin, die noch kurz vor dem Mittagessen eine Büchse Ravioli kaufen möchte“, würden die Kinder zum Beispiel sagen. „Müssen es denn unbedingt Ravioli sein?“, würde ich dann protestieren. „Ihr wisst doch, dass ich nie so etwas Ungesundes auf den Tisch bringen würde. Ich könnte doch auch die Kundin sein, die kurz vor dem Mittagessen noch Tofubratlinge und einen grünen Salat einkaufen möchte.“ „Aber nein Mama, das ist doof. Du sollst jetzt diese blöde Kundin sein, die ihren Kindern nie etwas Anständiges kocht und die immer erst in letzter Minute in den Laden gerannt kommt. Und dann schimpfst du mit der Verkäuferin, weil sie keine Dosenravioli mehr hat“, würden dann die Kinder sagen. „Aber die arme Verkäuferin kann doch auch nichts dafür, dass es keine Dosenravioli mehr hat. Wo doch alle Mütter zu faul waren, etwas Anständiges einzukaufen. Da kann die Kundin doch nicht mit der Verkäuferin schimpfen. Also ich würde viel lieber Tofubratlinge…“ „Nein Mama, Tofubratlinge gibt es in diesem Laden nicht! Ravioli sollst du kaufen!“ „Aber ich will keine Ravioli kaufen…“ „Dann spielst du eben nicht mit, Mama. Mit dir zu spielen macht überhaupt keinen Spass. Luise, spiel du die doofe Kundin und ich spiele die Verkäuferin, die ….“

Zugegeben, die Szene ist frei erfunden, aber nur, weil unsere Kinder schon längst begriffen haben, dass mit Mama spielen keinen Spass macht. Nun ja, die meisten haben es begriffen, der FeuerwehrRitterRömerPirat will noch immer nicht glauben, dass die Mama, die mit Leib und Seele dabei ist, wenn es etwas Aufzubauen gilt, völlig unbrauchbar ist, wenn eine Burg eingenommen werden soll. Ich fürchte, ich werde demnächst einmal mitspielen müssen, damit er sieht, wovon ich rede, wenn ich ihm versichere, dass es öde ist, mit mir zu spielen.

Ich nehme an, dass einige meiner Leser mich jetzt ganz furchtbar herzlos finden. Bin ich aber nicht. Zwar bin ich keine Spielkameradin für meine Kinder, dafür habe ich in enger Zusammenarbeit mit „Meinem“ dafür gesorgt, dass es an Spielkameraden nie mangelt, auch dann nicht, wenn sämtliche Freunde und Nachbarn in den Ferien sind. Und glaubt mir, das war kein Kinderspiel, sondern knochenharte Arbeit, besonders dann, als es galt, diese Spielkameraden zu gebären.

Antworten auf nicht gestellte Fragen

In letzter Zeit habe ich öfters mal drauflos gebloggt, ohne meinen Lesern später auch die Fortsetzung oder das Ende der Geschichte zu liefern. Mein Leben rast weiter, bringt mir weitere Absurditäten, Tiefschläge, Höhenflüge und Stolpersteine über die ich schreiben will und ich denke nicht weiter an die losen Enden, bis jemand aus meinem Leserkreis mich auf diese oder jene Geschichte anspricht und wissen möchte, wie die Sache denn ausgegangen sei. Heute also ein kleiner Aufwisch über Ferienlager, Rattenbesuche und dergleichen:

  • Ja, wir haben das Schuljahresende mehr oder weniger schadlos überstanden, die Lehrerinnen haben alle ihr Geschenk gekriegt, Luises Brille ist wieder aufgetaucht und ihr Schmusetier auch. Soweit ist also alles wieder in Butter, wir müssen jetzt nur noch endlich all die Schulhefte und Kinderzeichnungen archivieren, die ausgelatschten Finken – nein, nicht die Vögel, die Hausschuhe – entsorgen und die Turnkleider aussortieren, dann können wir das Schuljahr 2010/11 endgültig abschliessen und uns dem Schuljahr 2011/12 widmen, d. h. neue Finken kaufen, zu klein gewordene Turnkleider durch grössere Turnkleider ersetzen und das, was noch brauchbar ist, dem kleinen Bruder weiterreichen, Stundenpläne aktualisieren, mit Musiklehrern und Therapeuten verhandeln, welches Venditti-Kind wann noch ein freies Zeitfenster für den Unterricht hat, Karlsson davon überzeugen, dass ihm der neue Lehrer nicht den Kopf abreissen wird, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten versichern, dass er mit seinen Lehrerinnen bestimmt gut klarkommen wird, auch wenn Luise in ihrem Temperament nicht nur nette Dinge über sie gesagt hat, dem Zoowärter klarmachen, dass der Kindergarten eine ganz tolle Sache ist, auch wenn er jetzt zwei Jahre lang jeden Tag miterleben musste, wie die Mama den widerstrebenden FeuerwehrRitterRömerPiraten aus dem Haus getrieben hat… Aber was erzähle ich da von all den Dingen, die noch vor uns liegen? Ich wollte doch Altes aufwischen, nicht Neues anreissen. Dann also weiter mit den losen Enden:
  • Ja, Karlsson und Luise sind gut zu Hause angekommen. Okay, der eine oder andere Kratzer sieht etwas schlimm aus, aber was wäre ein Zeltlager ohne ein paar blaue Flecken und Kratzer? Karlsson hatte hin und wieder Heimweh, Luise nicht. Dafür zieht sich Karlsson jetzt, wo er uns wieder hat, gerne in die Ruhe seines Zimmers zurück, während Luise die Nähe, die sie nicht vermisst hat, jetzt umso mehr sucht. Also alles bestens, die beiden lieben uns noch immer, einfach jeder auf seine eigene Art. Die Glucke hat die Woche übrigens auch ziemlich gut überstanden, sie scheint sich so langsam mit dem Gedanken anzufreunden, dass Kinder gewöhnlich keinen Schaden nehmen, wenn sie einmal ein paar Tage ohne Mama und Papa auskommen müssen. Oder dürfen.
  • Die Ratte ward seit einigen Wochen nicht mehr gesehen. Was noch lange nicht heissen muss, dass sie nicht mehr da ist. Aber seitdem wir kein Au Pair mehr haben, ist auch niemand mehr im Haus, der sie sehen könnte, denn meistens kam das Vieh ja vormittags. Ich rede mir jetzt einfach mal ein, sie habe sich aus dem Staub gemacht und hoffe, dass ich eines Morgens nicht eines Besseren belehrt werde. Wie? Ihr fragt, ob denn der Kammerjäger nichts habe ausrichten können? Ach ja, der Kammerjäger. Den hätte ich beinahe vergessen. Der kam mal schnell, schaute sich unseren Balkon an, lief einmal um unser Haus, brummte dann, da könne er nun wirklich nichts tun und weg war er. Nun ja, zumindest hat er keine Rechnung geschickt…
  • Ach ja, und dann war da noch die Sache mit den Katzen, die der Ratte den Garaus machen sollten. Inzwischen habe ich mir sagen lassen, dass sich Ratten einen Dreck um die Anwesenheit einer Katze scheren, aber wir haben dennoch beschlossen, uns zwei anzuschaffen, denn eigentlich war das mit dem Rattenvertreiben  ohnehin nur ein Vorwand, um endlich eine Ausrede zu haben, uns Katzen zuzulegen. Morgen gehen wir sie zum ersten Mal besuchen. Luise und ich können den Augenblick kaum erwarten, die anderen sehen das etwas gelassener, aber sogar „Meiner“ musste gestehen, dass sie auf den Bildern wirklich zum Anbeissen aussehen.
  • Und dann noch kurz dies: Nein, die Kinder gönnen uns die Nachtruhe noch immer nicht, in diesem Moment schlafen drei Stück in unserem Schlafzimmer, nur zwei in ihren eigenen Betten, nein, das Schreiben kommt leider nicht so voran, wie ich mir dies wünschen würde und unser Umbauprojekt „neue Arbeitsteilung“ stockt weiterhin,  ja, die Ferien sind inzwischen mehr oder weniger fertig geplant und wenn alles gut kommt, reisen wir am Samstagmorgen ab, nein, der Zoowärter hat noch nicht vergessen, dass er in Prag ein neues Schwert bekommen soll und ja, in unserer Wohnung herrscht noch immer das pure Chaos, aber wir arbeiten dran, ohne Unterbruch und man sieht dennoch nichts davon…
Damit bin ich am Ende meines Aufwisches angelangt. Sollte ich etwas nicht erwähnt haben, fragt bitte nicht nach, denn wahrscheinlich habe ich nichts davon geschrieben, weil ich die Sache verdrängt habe…

Nur mal schnell nach Prag…

Heute Morgen, als der Zoowärter erwachte, war das neue Schwert keineswegs vergessen. Im Gegenteil: Er war noch kaum richtig wach, da wollte er schon von „Meinem“ wissen, wann wir denn nun endlich nach Prag fahren würden. Und weil „Meiner“ sich vergeblich den Mund fusselig redete, um unserem Zweitjüngsten klarzumachen, dass der Weg nach Prag sehr weit sei, lenkte er irgendwann ein uns meinte: „Okay, dann fahren wir eben heute nach Prag. Aber erst nach dem Mittagessen und nach dem Filzkurs.“

Und am Nachmittag fuhren sie tatsächlich, „Meiner“ und unsere drei jüngsten Söhne. Erstaunlicherweise waren sie bereits nach einer Stunde wieder zurück, mit viel Bastelholz und guten Ideen, wie man daraus das perfekte Schwert basteln könnte. Wie es ihm denn in Prag gefallen hätte, wollte ich vom Zoowärter wissen. Immerhin fährt man nicht alle Tage mal kurz in eine der schönsten Städte der Welt, um ein wenig Holz einzukaufen. Es habe ihm gut gefallen, erklärte mir der Zoowärter ernst. Allerdings seien sie nur in Klein-Prag gewesen, nach Gross-Prag würden wir erst nächste Woche fahren und dort würden wir dann auch ein fertiges Holzschwert kaufen und nicht bloss Holz zum Basteln.

Und wieder einmal muss ich erkennen, dass „Meiner“ deutlich mehr Talent im Umgang mit den fixen Ideen unserer Knöpfe hat.

Lektion Nr. 10’345

Wieder eine Lektion gelernt:

Sag nie zu deinem übermüdeten Sohn, der sich ein neues Holzschwert wünscht, dass er dann in Prag eines bekommen werde, zumindest nicht dann, wenn es noch ganze zehn Tage dauert, bevor die Familie dorthin reisen wird. Warum du das nicht sagen sollst? Weil dein Sohn sonst zu heulen anfängt, er wolle gleich morgen nach Prag fahren und es wird nichts nützen, wenn du ihm zu erklären versuchst, dass dann Karlsson und Luise nicht mitkommen könnten, weil sie noch bis Samstag im Ferienlager sind. Es wird ihm auch vollkommen egal sein, wenn du ihm sagst, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat seinen Geburtstag ganz gerne in der Schweiz feiern möchte, denn was um Himmels Willen ist für einen Vierjährigen dieses rätselhafte Gebilde namens Schweiz? Es wird ihn auch nicht interessieren, dass der Weg nach Prag sehr weit ist und dass es sich deshalb nicht lohnt, am Morgen mal schnell hinzufahren und abends wieder zurück zu sein. 

Nein, wenn dein übermüdeter Sohn verkündet, er brauche ein neues Holzschwert, dann sag ihm von mir aus, er könne morgen mit dem Papa eins basteln. Oder sag ihm, er könne ja mal schauen, ob er noch eines seiner alten Schwerter findet, damit er es mit Gold-und Silberfarbe schön bemalen könne. Wenn du unbedingt willst, kannst du ihm auch versprechen, du würdest morgen Nachmittag mit ihm in den Spielzeugladen gehen, um ein neues zu kaufen. Eigentlich ist es mir vollkommen egal, was du deinem Sohn sagst, wenn er ein neues Schwert will, aber sei bitte nicht so dumm wie ich und sag ihm, er könne dann in Prag eins bekommen….

Amtsschimmel & Glucke

Glaubt mir, ich habe keinen Vorwand gesucht, um meine Kinder im Jungscharlager besuchen zu können. Im Gegenteil, ich hatte mir fest vorgenommen, unseren zwei Ältesten die Woche ohne Mama, Papa und kleine Brüder zu gönnen. Klar, es fiel mir schwer, aber ich habe mir sagen lassen, dass Kinder jeweils von schrecklichem Heimweh geplagt sind, wenn die Eltern mal kurz in der Mitte der Woche zu Besuch kommen, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist. Hätte uns nicht der Schweizer Amtsschimmel dazu gezwungen, hätten wir das also bleiben lassen, ganz ehrlich. Aber der Amtsschimmel wollte für ein amtliches Dokument die Unterschriften von Karlsson und Luise und weil es Ende Woche nicht mehr gereicht hätte, musste die Unterschrift der beiden her und zwar sofort. Ist ja schon absurd: Unterschreiben dürfen die zwei noch gar nichts, aber für gewissen Dokumente geht es doch nicht ohne die typischen krakeligen Kinderunterschriften. Was blieb uns da anderes übrig, als heute mal kurz im Lager vorbeizuschauen, bewaffnet mit schwarzem Stift, den zu unterschreibenden Dokumenten, zwei Kilo Schokolade für die Leiter und ein paar Süssigkeiten für unsere beiden Grossen?

Wir blieben wirklich nur ganz kurz, aber es reichte doch, um der Glucke in mir zu beweisen, dass für die Kinder bestens gesorgt ist. Ihr könnt mir glauben, eine derart gut ausgerüstete Zeltstadt habe ich in meinem Leben noch nie gesehen. Okay, so viele habe ich noch nicht gesehen, aber immerhin habe ich auch ein paar Jahre Jungscharerfahrung und daher eine blasse Ahnung davon, wie Zeltstädte auch noch aussehen könnten. Eine mit Wasserturm, Solaranlage und Dusche gab es zu unseren Zeiten auf alle Fälle noch nicht. Das allein hat die Glucke schon mächtig beeindruckt. Als sie dann sah, dass Karlsson und Luise nicht nur wohlgenährt und verletzungsfrei, sondern auch sehr zufrieden sind, atmete sie hörbar auf. Und als man ihr auch noch erzählte, in der Nacht, in welcher ein heftiges Gewitter über das Land gezogen ist, hätten die Kinder auf dem nahe gelegenen Bauernhof übernachtet, da war sie derart erleichtert, dass sie sich ohne den geringsten Widerstand vom Zeltplatz führen liess.

Okay, auf dem Heimweg hat sie dann doch noch ein wenig gejammert, die Glucke. Sie beklagte sich darüber, dass Luise nicht das geringste Anzeichen von Heimweh gezeigt hat. Karlsson tat ihr immerhin den Gefallen, zu erzählen, er hätte bereits alle seine Heimweh-Bonbons aufgegessen, aber Luise sagte nur mal knapp hallo und verschwand dann wieder so schnell sie konnte. Ziemlich hart für die Glucke, das muss ich zugeben. Zumal sie ziemlich darunter zu leiden scheint, dass sie eine ganze Woche lang die einzige Henne unter vier Hähnen sein muss. 

Die Frage des Tages

Die Frage des Tages: „Mama, warum lässt du uns denn ins Ferienlager reisen, wo du doch so furchtbar traurig bist, wenn wir weg gehen?“

Ich habe geantwortet, wie Mamas eben antworten auf so eine Frage. Irgend etwas von loslassen können und die Kinder so sehr lieben, dass man ihnen gern eine Freude gönnt, auch wenn der Abschied schwer fällt. Natürlich hätte ich viel lieber gesagt: „Ich lasse euch überhaupt gar nicht reisen, wir blasen die ganze Übung ab, denn mir wird jetzt schon mulmig und wer weiss, ob ihr dort auch genug zu essen kriegt und ob das Wetter gut genug bleibt zum Zelten und ob ihr auch kein Heimweh bekommt und ob ihr auch immer daran denkt, einen Sonnenhut zu tragen. Warum bleibt ihr nicht einfach zu Hause und wir machen uns nächste Woche ein schönes Programm mit Zimmer aufräumen, Besorgungen erledigen und Garten jäten?“

Ich habe dann nichts von alldem gesagt, weil … nun ja, weil zur Liebe eben wirklich auch Loslassen gehört.