Wie ich sie liebe, diese Einblicke in die Gehirne kleiner Menschen, diese Momente, in denen sie mir enthüllen, wie sie die Welt verstehen. Da fragt mich heute Morgen der Zoowärter auf dem Weg zur Spielgruppe, weshalb unsere Freunde dort wohnen würden, wo sie eben wohnen. „Weil sie sich dieses Haus gekauft haben“, antworte ich und meine natürlich in meiner erwachsenen Beschränktheit, für den Zoowärter sei nun alles klar. Ist es aber nicht: „Haben die denn die Tasche mit dem Haus drin einfach hier abgestellt und es dann ausgepackt?“, fragt er mich und kann überhaupt nicht verstehen, weshalb ich ihm zur Antwort gebe, er sei doch einfach ein unglaublich herziges kleines Menschlein, anstatt ihm zu erklären, wo in der Migros man die Häuser findet und wie man es schafft, sie einfach so schnell beim Wocheneinkauf an den Ort zu schaffen, an dem man sie haben möchte.
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Nur ein einziges Mal…
… möchte ich es schaffen, das gemütliche Mama-Prinzchen-Programm, das ich für den Dienstagmorgen geplant habe, auch wirklich durchzuziehen. In meinen Träumen sah das Programm folgendermassen aus: Morgens um zehn vor neun würden wir den Zoowärter in der Spielgruppe abliefern. Danach würden wir einen kurzen Abstecher in die Migros machen, um den Kühlschrank, der über die Ostertage Opfer von Plünderern geworden war, wieder aufzufüllen. Schliesslich würden wir noch kurz im Gartencenter vorbeischauen, um Erde und Setzlinge zu kaufen und danach würden wir den Rest des Vormittags im Garten verbringen. Ich würde dem Prinzchen zeigen, wie man Tomaten pflanzt, ich würde ihm vollkommen unerschrocken einen Regenwurm unter die Nase halten, ich würde ihm helfen, wenn er voller Stolz mit der Giesskanne die Setzlinge begiessen würde und vielleicht, mit etwas Glück, würden wir eine Raupe oder einen Käfer finden, den wir gemeinsam beobachten könnten. Und am Ende des Morgens könnte ich mir voller Stolz auf die Schulter klopfen, weil ich so eine tolle Mama bin, die ihrem Kind die Natur näher bringt.
Das also war das Programm, aber wie immer, wenn ich ein Programm habe, wird es durch irgend einen kleinen Mist über den Haufen geworfen. Heute war es zuerst einmal der Autoschlüssel, der mit „Meinem“ zur Schule gegangen war, obschon „Meiner“ ihn dort gar nicht brauchte, da er sich per Fahrrad über den Berg begeben hatte. Wo denn der Ersatzschlüssel war, fragt ihr? Nun, der Ersatzschlüssel hat sich dazu entschieden, nur noch hin und wieder zur Verfügung zu stehen. Den Rest der Zeit ist er unauffindbar. Von Zeit zu Zeit taucht er aus dem Chaos auf und tut so, als wäre er schon immer da gewesen, doch dann verschwindet er wieder und lässt sich nicht mehr blicken, egal wie sehr man nach ihm sucht. Zum Glück steht für solche Momente zuweilen auch das Auto meiner Mutter zur Verfügung und so schaffte ich es immerhin, den Zoowärter beinahe rechtzeitig zur Spielgruppe zu bringen.
Und dann folgte der nächste Stolperstein: Eine volle Prinzchenwindel, die gewechselt werden wollte, bevor wir einkaufen konnten. Danach verzögerte der Lohn, der offenbar noch nicht auf dem Konto angekommen war, weshalb wir zu einem von Baustellen übersäten Umweg zur Bank gezwungen waren, unser weiteres Fortkommen. Und dann musste das Eis ganz dringend in die Kühltruhe, bevor wir zum Gartencenter fahren konnten. Schliesslich, als das Auto endlich mit Erde und Setzlingen – Zuckermelone, Gurken und Butternut-Kürbisse – beladen war, war es Zeit, den Zoowärter wieder von der Spielgruppe abzuholen.
Das heutige Mama-Prinzchen-Programm war also einmal mehr eine einzige Hetzerei zwischen Tiefgarage, Bancomat, Einkaufswagen und Warterei an der roten Ampel. Während ich mich einmal mehr in bester Müttermanier mit Vorwürfen ob des missratenen Morgens eindecke, scheint das Prinzchen aber kein Problem damit zu haben, dass der Vormittag anders aussah als geplant. Für ihn zählt einzig und alleine der Erfolg, der bei ihm so aussieht, dass er mir dabei helfen durfte, siebzig Liter Erde auf dem Gepäckroller hinters Haus zu karren. Was kümmert es ihn, dass er weder Regenwürmer noch Raupen noch Käfer gesehen hat? Was schert es ihn, dass er noch immer nicht weiss, wie man Tomaten pflanzt? Hauptsache, er kann jedem voller Stolz erzählen, dass er „Mami ganz fest gholfe“ hat.
Hasenärger
Über meine Gewissensbisse, meinen Kindern das Märchen vom Osterhasen zu erzählen, habe ich ja schon öfters berichtet. Zum Beispiel hier, hier und hier. So elend wie heute habe ich mich aber noch nie gefühlt bei der ganzen Gaukelei. Karlsson, Luise und den FeuerwehrRitterRömerPiraten in der Sache anzulügen, war nicht so schlimm, denn irgendwie schienen die drei schon von Anfang an zu ahnen, dass das alles erstunken und erlogen ist. Beim Zoowärter aber sieht die Sache etwas anders aus. Für ein Kind, das Tag für Tag in einer von Winnie the Pooh, Drachengefährlichermachern, Rittern, Snoopy und dem Riesen Goliath bevölkerten Welt lebt, ist der Osterhase kein Märchen, sondern eine willkommene Ergänzung für sein ohnehin schon sehr lebhaftes Fantansie-Universum. Wenn man dann einem solchen Kind erklärt, dass nur die Mama den Osterhasen sehen könnte, weil er eben so früh am Morgen angehoppelt komme, dass noch keiner sonst wach sei, dann würde man sich am liebsten selber die Zunge abbeissen. Wie kann man bloss so gemein sein, die Gutgläubigkeit eines Vierjährigen zu missbrauchen? Mir bricht es fast das Herz, wenn ich mir ausmale, dass der arme Kleine in nicht allzu ferner Zukunft wird erkennen müssen, dass ich ihm einen riesigen Bären – etwa zehnmal grösser als der grösste Pooh in seiner Sammlung – aufgebunden habe. Ich darf gar nicht daran denken, wie enttäuscht er dereinst sein wird, sonst fange ich gleich hier und jetzt an zu heulen.
Als ob meine eigenen Gewissensbisse nicht schon schlimm genug wären, muss ich heute in einer der zahlreichen Sonntagszeitungen lesen, dass Eltern, die ihren Kindern vom Osterhasen erzählen, damit ernsthaft riskieren, ihren Nachwuchs zu verwirren. „Die Erwachsenen erlangen Macht und Kontrolle über das Kind, indem sie eine irreale Instanz erschaffen“, steht da schwarz auf weiss. Mist! Was sind wir doch für miese, hinterhältige Eltern, die den armen Zoowärter so sehr verwirren, dass am Ende gar sein Selbstvertrauen darunter leiden wird, wie ich in dem Artikel weiter lese. Gut, der Artikel zitiert auch andere Stimmen, die behaupten, das alles sei gar nicht so schlimm und die Kinder würden solche Geschichten ja so sehr lieben.
Aber als pflichtbewusste Mama weiss ich natürlich, auf welche Stimme ich zu hören habe und wie ich mich nach der Lektüre eines solchen Artikels zu verhalten habe: Ich streiche alle Passagen, die mir Vorwürfe machen, mit Leuchtstift an und lerne sie auswendig, auf dass ich sie nie wieder vergesse. Danach stelle ich mich vor den Spiegel, blicke mir fest in die Augen und sage mir hundert Mal vor, was für eine elende Lügnerin ich doch bin. Danach ziehe ich mich ins Büro zurück, um einen Sparplan zusammenzustellen, auf dass ich dereinst, wenn der Zoowärter meinetwegen auf der Couch des Psychiaters landet, genug Geld auf der Seite habe, um die Kosten für die Therapie zu begleichen. Zum Schluss begebe ich mich in die Küche, wo ich einen Schokoladenhasen verzehre. Denn eigentlich ist er ja Schuld an dem ganzen Schlamassel und darum hat er nichts anderes verdient, als aufgegessen zu werden.
Der andere
Glaubt mir, wenn ich „den anderen“ endlich mal in die Finger kriege, dann kann er etwas erleben. Je grösser meine Kinder werden, desto mehr macht er mir das Leben schwer und doch kann ich seiner nicht habhaft werden. Da ist abends, mitten im grössten Feierabendstress der Fussboden im heimischen Büro grossflächig mit Kreide bemalt. Wer war’s? Der andere natürlich. Im Garten liegen eine leere Orangensaftpackung und Becher rum. Wer hat sie liegen gelassen? Auch wieder der andere. Natürlich war es auch der andere, wenn nach dem Bad das ganze Badezimmer unter Wasser steht, wenn wunderbar blühende Tulpen einfach entwurzelt werden, wenn der Kaugummi in der Suppenschüssel anstatt im Abfall landet, wenn das Lavabo mit Lippenstiftspuren bedeckt ist oder wenn der Zoowärter schon wieder heulen muss.
Ich will ja keine Vorurteile pflegen, aber mir scheint, dass dieser andere eine ziemlich problematische Figur sein muss. Wo immer er auftaucht, richtet er Schaden an und hat dann nicht die Grösse, zu seinen Taten zu stehen. Er hinterlässt eine Spur der Verwüstung und man meint, wenn man der Spur nur lange genug folgen würde, könnte man ihn endlich zu fassen kriegen, aber irgendwie schafft er es immer, sich aus dem Staub zu machen. Meiner Meinung nach sollte man den Kerl ja schon längst mal einem Experten vorführen, damit dieser sich mit dem unbändigen Zerstörungswahn befasst. Leider aber fürchte ich, dass der andere nicht auffindbar wäre, wenn ich mit ihm beim Therapeuten aufkreuzen sollte. Und was soll ich denn schon sagen, wenn man mich dann fragt, weshalb ich einen Termin vereinbart habe und ohne Patient erscheine? Na was wohl? „Das war gar nicht ich, die den Termin mit Ihnen vereinbart hat, das war der andere.“
Verehrter Herr Doktor
Der Götterhimmel des FeuerwehrRitterRömerPiraten ist um eine Figur reicher geworden. Neben Julius Cäsar, König David und irgend einer Figur aus Star Wars, die weder ich noch er kennen, wird seit einigen Wochen auch der Herr Doktor verehrt, der die Sehne, die Luise ihrem jüngeren Bruder angeschnitten hatte, wieder zusammengeflickt hat. Ich persönlich habe diesen Herrn Doktor ja nie zu Gesicht bekommen, denn bei den Arztbesuchen war jeweils „Meiner“ zugegen. Dem Vernehmen nach muss er ein wahrer Held sein, kompetent und braungebrannt zugleich. Also der ideale Held für den FeuerwehrRitterRömerPiraten, der sowohl auf Intelligenz, als auch auf gutes Aussehen viel Wert legt. Wohl darum hat er neulich beschlossen, dass er das gleiche werden will wie der Herr Doktor, der ihn geflickt hat. Das lässt er sich auch von Luise nicht ausreden, die ihn schon mehrmals gewarnt hat: „Wenn du das werden willst, musst du zwölf Jahre lang studieren. Stell dir das mal vor! Zwölf Jahre. Da solltest du doch lieber mit mir auf der Wochenbettstation arbeiten kommen.“
Der FeuerwehrRitterRömerPirat lässt sich durch Luises Warnung sein grosses Ziel nicht ausreden. Obschon er vorerst noch ein wichtigeres vor Augen hat, nämlich, den Herrn Doktor zu seiner Geburtstagsparty einzuladen. Bis dahin dauert es zwar noch eine ganze Weile – wenn auch nicht ganz so lange wie ein Medizinstudium mit Assistenzzeit – dennoch hat unser Dritter gestern dem Herrn Doktor eine „Geburceinladung“ mitgebracht, als er zum letzten Mal bei ihm vorbeischauen durfte. Ich hoffe doch sehr, dass der Herr Doktor die Einladung annimmt, denn sonst, so fürchte ich, wird sich der FeuerwehrRitterRömerPirat eigenhändig eine Sehne zerschneiden. Nur, damit er einen Grund hat, den verehrten Herrn Doktor weiterhin zu besuchen.
Ob ich schon mal vorsorglich alle Messer aus dem Haushalt entfernen soll?
Nur das Nötigste
In einer Grossfamilie kann man nicht früh genug damit anfangen, die Kinder zu lehren, ihre eigenen Koffer zu packen. Damit dies auch klappt, drucke ich den grösseren Kindern gewöhnlich eine Liste mit Bildern aus, die sie als Gedankenstütze beim Kofferpacken verwenden können. Diesmal war leider die Druckerpatrone leer und weil ich keine Zeit zum Zeichnen hatte, musste eben ein handgeschriebener Spickzettel reichen. Weil der FeuerwehrRitterRömerPirat noch nicht ganz flüssig liest, ging ich mit ihm die Liste noch einmal durch. Bald darauf erschien er mit gepacktem Koffer. Meine Frage, ob er alles dabei hätte, bejahte er.
In der Ferienwohnung angekommen, stellte sich rasch heraus, dass der Junge an alles gedacht hatte, was ihm wichtig erschien, nämlich:
1 lange Hose
1 kurze Hose
1 Paar Socken
7 Unterhosen
1 Zahnbürste
1 T-Shirt
1 Pullover
1 Buch mit dem Titel „Zum Glück bist du nicht Tutanchamun“
Mehr braucht man nun wirklich nicht, wenn man für eine Woche wegfährt, nicht wahr?
Ferienweisheiten
Man braucht kein asiatischer Tourist zu sein, um in Sandalen auf einem abschüssigen Wanderweg zu landen. Es reicht, wenn man Venditti heisst und sich ohne vertiefte Vorbereitung in den Greyerzer Hügeln wiederfindet.
Die Schonzeit für „Meinen“ und mich neigt sich dem Ende zu. Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat fangen an, hinter unserem Rücken zu tuscheln. Nicht mehr lange, und wir werden ihnen peinlich sein. Was mich nicht weiter verwundert. Denn Menschen, die nach zehn Minuten Zugluft bereits über Nackenstarre jammern sind einfach peinlich.
Wenn Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat auf der Wanderung motzen, sie würden keinen weiteren Schritt mehr gehen und wenn wir ihnen 1000 Franken bieten würden, dann heisst das nicht, dass sie nicht eine Stunde später den steilsten Hügel im Dorf erklimmen werden.
Es gibt Momente, da verzichtet man liebend gerne auf Sauce Hollandaise zu den frischen Artischocken. Zum Beispiel dann, wenn Mama Venditti in den Ferien zu faul ist, zwanzig Minuten Sauce-rührend am Herd zu stehen und deshalb für einmal auf den Beutel zurückgreift. Und dann lieber Mayonnaise nimmt, weil sie die Pampe aus dem Beutel nicht runterkriegt.
Der Sonnenbrand ist eine Realität, die wir so erfolgreich verdrängt haben, dass wir uns jetzt, wo wir alle krebsrot sind im Gesicht, erstaunt die Augen reiben und uns fragen, wie wir bloss so dumm sein konnten, uns auf das Risiko einzulassen, ohne Sonnenschutz einen ausgedehnten Spaziergang zu machen. Nun ja, wir sind eben Kinder unserer Zeit und somit bestens damit vertraut, „Restrisiken“ auszublenden.
Es ist zwar nicht ganz einfach, aber man kann durchaus auch ohne Internetverbindung überleben. Zumindest solange, bis „Meiner“ die Zeit gefunden hat, auf dem Tourismusbüro nachzufragen, was mit dem im Prospekt versprochenen Drahtlosnetzwerk los sei. Seine Frau werde allmählich ungeniessbar, wenn sie nicht endlich wieder online sein könne…
Es kommt zwar selten vor, aber hin und wieder ist das Leben netter als man denkt und so kommt es, dass sich meine Halsschmerzen nun doch zurückgezogen haben, ohne weiteren Schaden anzurichten. Wenn das so weitergeht, haben wir am Ende nicht mal einen Grund zum Jammern, wenn wir nach Hause kommen.
Zoowärtertag
Heute war der erste Zoowärtertag. Zoowärtertag heisst, dass das Prinzchen den ganzen Tag in der Krippe verbringt und Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat Vormittag und Nachmittag in der Schule oder im Kindergarten sind. Den Zoowärtertag haben wir eingerichtet, weil wir gemerkt haben, dass unser Zweitjüngster ziemlich gestresst ist. Drei grosse Geschwister, für die er immer nur der Kleine ist, ein kleiner Bruder, der in den Startlöchern ist, ihn zu überholen, wenn er sich nicht ganz schnell auf die Socken macht. Nicht, dass der Zoowärter nicht schnell wäre, aber er zieht es nun mal vor, seine Tage mit Pooh, Robin Hood und Konsorten in einer bunten Fantasiewelt zu verbringen. Und weil ihn die Geschwister in seiner Fantasiewelt so oft stören, haben wir beschlossen, ihm einen Einzelkindtag zu schenken.
Heute also war der erste Zoowärtertag und dummerweise verbrachten er und ich diesen vorwiegend im Auto und in Möbelgeschäften, weil ich auf der Suche nach einem abschliessbaren Schrank für das Familienzentrum war. Weshalb man in unserer konsumbesessenen Welt nicht in den nächstbesten Möbelladen marschieren, sich einen abschliessbaren Schrank schnappen und dann den Rest des sonnigen Frühlingstages geniessen kann, ist eine andere Geschichte, mit der ich euch nicht langweilen will. Es sei nur darauf hingewiesen, dass es in diesen Tagen sehr sehr schwierig ist, einen abschliessbaren Schrank aufzutreiben.
Trotz sehr frustrierender Schranksuche erhaschte ich heute einige faszinierende Einblicke in die Welt unseres Zweitjüngsten. Habt ihr zu Beispiel gewusst, dass es in Aarau gleich gegenüber des Kunsthauses einen Drachenstärkermacher gibt? Ein Drachenstärkermacher verwandelt schwächliche Drachen in gefährliche, starke Drachen. Das ist ein unglaublich gefährlicher Job, denn es kommt nicht selten vor, dass ein starker Drache, der noch stärker gemacht werden will, den Drachenstärkermacher angreift. Der Zoowärter jedenfalls möchte diesen Beruf nicht ausüben, wenn er mal gross ist, hat er mir gesagt.
Oder habt ihr gewusst, das Honig weiss wird, sobald er im Bauch von Winnie the Pooh landet? Das hat der Zoowärter heute herausgefunden, nachdem er sich mit seinem eigenen Geld einen kleinen Pooh-Sessel gekauft hatte. Weshalb Pooh so einen dicken Bauch habe, wollte er von mir wissen und als ich ihm sagte, Pooh hätte eben zu viel Honig geleckt, musste der Zoowärter natürlich sofort den Reissverschluss öffnen, um nachzusehen, ob da wirklich Honig drin ist. Und siehe da, es war tatsächlich Honig drin. Weisser, weicher Honig der nicht einmal klebt. Ist das nicht toll?
Obschon der Zoowärter ganz gut mitmachte bei unserer Einkaufstour, erlebte er natürlich auch die eine oder andere Enttäuschung. So konnte er nicht verstehen, weshalb er das Ritter-Hochbett nicht bekommen konnte, obschon doch sein Bett zu Hause gar nicht mehr neu, sondern schon mindestens drei Monate alt ist. Er hatte auch grosse Mühe damit, dass die eine Verkäuferin uns „nicht hallo gesagt hat“. Als ich ihn darauf hinwies, dass sie uns aber „grüezi“ gesagt hätte, meinte er beleidigt: „Ja, aber sie hat uns nicht hallo gesagt.“ Und das ist natürlich wirklich eine Sauerei.
Wiedermal Dienstag
Kann mir mal jemand sagen, wie man all dies und noch viel mehr in einen ganz gewöhnlichen Dienstag pressen kann:
– Einen sehr schlecht gelaunten Zoowärter davon überzeugen, dass es in der Spielgruppe schön ist und dass er deswegen rechtzeitig dort sein muss.
– Dem Zoowärter das Nuschi aus Mund und Nasenlöchern entwinden, damit man das Ding mal wieder kochen kann, weil so viele Bakterien ganz bestimmt nicht gesund sein können.
– Eine geschlagene Stunde mit Luise in Trimbach herumirren, ohne die Psychomotorik-Therapeutin zu finden, dazu abwechselnd auf mühsame Autofahrer schimpfen, sich bei Luise entschuldigen, sich rechtfertigen, weshalb man sich dennoch kein Navi anschaffen will und sich selbst mit Vorwürfen eindecken, weil man die mieseste Versagermama auf dem Planeten ist. Liebe Trimbacher, bitte nehmt es mir nicht übel, aber so schnell komme ich nicht wieder zu euch.
– Den Zoowärter zu spät von der Spielgruppe abholen und dabei den zwei Frauen, die das Pech haben, dir über den Weg zu laufen, den Kopf voll jammern, weil das Leben im Schwarzen Loch mal wieder nahezu unerträglich ist.
– Dem Au Pair zeigen, wie man Pesto macht, herausfinden, was „Bärlauch“ auf Englisch heisst und gleichzeitig das Geheul des Zoowärters ausblenden, der noch immer beleidigt ist, dass sein Nuschi gekocht worden ist.
– Karlsson dazu überreden, dass er zum Mittagstisch geht, auch wenn sein bester Freund heute nicht dort isst.
– Erde aufwischen, Milch aufwischen, Nudeln aufwischen, Wasser aufwischen, noch einmal Erde und dann auch noch Sand.
– Zwei Kinder baden und danach, wenn die zwei das Bad verlassen haben, sechs leere Shampooflaschen aus der Badewanne fischen.
– 65 Minuten Mittagsschlaf halten, dabei verpennen, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat zu seinem Freund geht und erst wieder richtig wach werden, als Luise an der Tür klingelt. Weshalb sie geklingelt hat? Weil sie vor der Haustüre noch kurz ihren Magen hat entleeren müssen und jetzt zu schwach ist, alleine die Treppe hochzukommen. Ach ja, aufwischen musste man das Ganze natürlich auch noch.
– Mit Kindern und Au Pair in der Vorfreude auf die Ferien im Greyerzerland schwelgen. Nur noch viermal schlafen…
– Büchernachschub bestellen, weil Karlsson nichts mehr zum Lesen hat.
– Ohne Hörschaden aushalten, dass Karlsson und Luise gleichzeitig am Küchentisch musizieren. Er auf der Geige Vivaldis Konzert in G-Dur, sie auf der Querflöte „Hafer und Korn“ oder so ähnlich. Und im Hintergrund summt der Zoowärter mit.
– Ein epochaler Streit mit Karlsson, der darin endet, dass er ein Glas zerschmettert und ich trotz Halsschmerzen versuche, herumzubrüllen und mich damit vollkommen lächerlich mache. Als Nebeneffekt kommt das Prinzchen, das schon selig geschlafen hatte, quietschfidel aus dem Bett und verlängert den fröhlichen Kindertag um zwei Stunden.
– Ein Vollbad zum Feierabend.
– Keine Minute am Arbeitsplatz verbringen und nur dreimal telefonieren. Ein neuer Rekord auf meinem Weg der besseren Trennung von Privat- und Berufsleben.
– Nur einmal die Online-News checken, um zu lesen, wie viel verseuchtes Wasser wieder geflossen ist. Auch dies ein neuer Rekord, der allerdings damit zusammenhängen könnte, dass Fukushima in den Medien bereits wieder Geschichte ist und man deshalb kaum mehr Neues liest.
– Drei Minuten lang den Frühling geniessen. Immerhin hat die Zeit gereicht, um festzustellen, dass die Tulpen zu blühen beginnen und dass trotz Bienensterben die eine oder andere Biene sich zu unseren Pfirsichbäumchen verirrt.
Fremdbasteln
Basteln war noch nie was für mich. Zu klebrig, zu kompliziert, zu handwerklich. Für einen Kopfmenschen wie mich viel zu anstrengend. Daran hat sich auch mit der Geburt unserer Kinder nichts geändert. Wenn andere Mamas mit ihren Kindern Fensterbilder machen, backe ich lieber Kuchen mit ihnen, das Geld, das andere Mamas für Bastelmaterial ausgeben, investiere ich lieber in Kinderbücher. Aus meiner Sicht ist das völlig in Ordnung so, aber natürlich sehen das die Kinder etwas anders. Sie möchten doch auch so gerne mal mit einer Bastelarbeit, die aussieht, als hätte sie ein Profi gemacht, auftrumpfen. Natürlich habe ich versucht, ihnen das zu bieten, leider aber bin ich grandios gescheitert. Ich habe nämlich feststellen müssen, dass die perfekten Kinderbastelarbeiten meist nur darum perfekt sind, weil Mama das Meiste daran gemacht hat. Und wenn bei uns die Mama das Meiste gemacht hat, sieht die Arbeit danach aus, als hätte sie ein sehr unbegabtes Kind geschaffen.
So ist das bei uns und deswegen habe ich mich dazu entschieden, dass wir nur noch fremdbasteln. Zweimal im Jahr – vor Ostern und im Advent – gehen wir zu diesem Bastelanlass, bei dem die Kinder mit dem perfekten Material und unter kompetenter Anleitung ihre Bastelwut, – ähm, Pardon, ich meine natürlich Kreativität – ausleben können. Ich klebe derweil ein paar vorgefertigte Teile zusammen, die mein Werk aussehen lassen, als hätte da ein durchschnittlich begabtes Kind gebastelt, quatsche dazu mit anderen Müttern und antworte auf jede Frage meiner Kinder mit: „Frag die Kursleiterin. Die versteht etwas von der Sache.“ Am Ende des Kurses bezahlen wir, was die Kinder geschaffen haben, ich helfe beim Aufräumen, die Kinder schleppen ihre perfekten Kunstwerke nach Hause und alle sind glücklich.
Alle? Nein, einer stänkert jedes Mal, die Kinder hätten wieder so viel Zeug angeschleppt, dass für seine Bilder kein Platz mehr sei. Und ausserdem gehe das ganz schön ins Geld bei so vielen Kindern. Doch ich habe ihm vorgerechnet: Zweimal im Jahr 50 Franken, fünf überglückliche Kinder und unzählige geschonte mütterliche Nerven. Billiger kommen wir nirgends zum Basteln. Kommt dazu, dass die Kinder nach ihrem Bastelexzess jeweils für eine Weile genug haben und ganz froh sind, wenn sie mal wieder Kuchen backen und Geschichten hören dürfen.









