Auftrieb

Nachdem ich in den vergangenen Wochen mit einem arg angeschlagenen Selbstbewusstsein zu kämpfen hatte, haben mir zwei Komplimente wieder etwas Auftrieb gegeben. Zuerst einmal attestierte man mir gestern ich sei die erste vernünftige AKW-Gegnerin. Nun ja, ich sehe das mit der Vernunft und den AKWs gerade umgekehrt, aber immerhin schienen meine Argumente zu überzeugen. Was ja nicht mehr als gerecht ist, wurde ich doch sozusagen mit einem „Atomkraft – Nein danke!“- Aufkleber geboren.

Das zweite Kompliment kommt von unserem neuen Au Pair. Ich sei die gütigste Mutter, die sie je getroffen hätte, meinte sie. Natürlich fühle ich mich tief geehrt. Allerdings bin ich auch leicht beunruhigt, denn erstens spricht es nicht gerade für die Qualität von uns Müttern, wenn ausgerechnet ich, die ich doch ziemlich kratzbürstig sein kann, das Prädikat „gütig“ verliehen bekomme. Und zweitens habe ich ein wenig Angst davor, dass das Bild im Laufe der Zeit Kratzer bekommen könnte. Weil ich ja eben ein wenig kratzbürstig bin…

Wie viel Anderssein liegt drin?

Bislang beschäftigte uns die Frage nur in der Theorie, doch je grösser unsere Kinder werden, umso praktischer müssen wir uns damit befassen, wie anders unsere Kinder sein dürfen, vielleicht auch sein müssen, ohne dass sie unter den Folgen allzu sehr leiden müssen. Da wäre zum Beispiel Karlsson, der in ziemlich allem gegen den Strom schwimmt, oder zumindest schwimmen wollte, wenn man ihn denn liesse. Gut, wir lassen ihn schon, zumindest bis zu einem gewissen Grad. Wenn ihm ein Plattenspieler lieber ist als ein iPod, dann schenken wir ihm eben einen Plattenspieler. Wenn er lieber Bach und Vivaldi hört als Lady Gaga und Jusitn Bieber, ist uns das auch recht, auch wenn wir ihn nie und nimmer davon abhalten würden, zu hören, was die anderen in seinem Alter hören wollen.

Wenn er aber sein „Barockhemd“ zur Schule tragen will, dann sagen wir nein. Nicht, weil wir ein Problem damit hätten, dass ihm der Stil aus vergangenen Zeiten besser gefällt – wir sind ja selber auch der Ansicht, dass Mode für Jungs zum Gähnen ist – sondern weil wir, im Gegensatz zu Karlsson, wissen, wie bösartig Schulkameraden sein können. Weil wir uns nur zu gut daran erinnern, wie schmerzhaft es war, am Rande zu stehen, bloss weil man noch nicht gelernt hatte, dass nicht alle reif genug sind, einen auch dann zu akzeptieren, wenn man sich selbst ist. Wir als Eltern haben diese unglaublich schwierige Aufgabe, ein Kind einerseits darin zu bestärken, zu sich selbst zu stehen und es andererseits davor zu schützen, in seiner ganzen Verletzlichkeit dem Spott anderer ausgesetzt zu sein. Wie schafft man die Gratwanderung, das Kind in all seinen Besonderheiten zu bejahen und es gleichzeitig davor zu warnen, dass zu sich selbst stehen zuweilen zu schmerzhaft sein kann, als dass sie eine Kinderseele es ertragen könnte.

Die gleiche Frage aber mit umgekehrten Vorzeichen treibt uns bei der Erziehung des FeuerwehrRitterRömerPiraten um. „Meiner“ und ich scheinen weit und breit die einzigen Eltern zu sein, die der Meinung sind, dass Star Wars und Nintendo DS nichts für Sechsjährige sind. Und so kommt es, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat nach jedem Besuch bei seinen Kindergartenfreunden mit glänzenden Augen von all den tollen Sachen erzählt, mit denen er hat spielen dürfen. Wie gehen wir damit um? Lehnen wir alle Wünsche kategorisch ab und riskieren damit, dass unser Sohn sein Glück auswärts sucht? Geben wir ein kleines bisschen nach und lassen ihm einen Teil der Freude, in der Hoffnung, dass er von selber erkennt, dass das alles gar nicht so  toll ist? Versuchen wir, ihn für andere Dinge zu begeistern? Lassen wir all unsere Überzeugungen fahren, nur damit wir unseren Frieden haben? Gar nicht so einfach, hier die Balance zu finden zwischen dem Abwürgen jedes Kinderwunsches und dem Verrat an sämtlichen elterlichen Überzeugungen.

Ich vermute, „Meiner“ und ich stehen erst am Anfang eines langen Weges und offen gestanden fürchte ich mich ein wenig vor der Wegstrecke, die vor uns liegt. Wie wir sie überstehen werden? Ich weiss es nicht. Ich ahne aber bereits, dass weder die Kinder noch wir Eltern uns mit einfachen Argumenten wie „Wir sind nicht die anderen“ oder „Aber die anderen dürfen auch…“ zufrieden geben werden.

Die Welt verändern mit Mama Venditti

Es war schon in der Finanzkrise so und jetzt, wo wir uns endlich ernsthaft überlegen müssen, ob es auch ohne Atomstrom geht, geht das Gejammer wieder los: Wir können doch nicht einfach so unsere Ansprüche runterschrauben. Wir haben uns an einen bestimmten Standard gewöhnt und unsere Lebensqualität würde sich massiv verschlechtern, wenn wir plötzlich mit weniger Strom, weniger Rohstoffen, weniger CO2-Verbrauch, etc. auskommen müssten.

Nun, ich weiss nicht, wie ihr das seht, aber in meinen Augen gibt es ganz viele Dinge, ohne die wir auskommen könnten, ohne dass unsere Lebensqualität unter dem Verlust leiden würde. Im Gegenteil, sie würde sich sogar erheblich verbessern. Hier sind einige Dinge – zugegebenermassen  vor allem kleine Dinge, aber irgendwo muss man anfangen – die mir so ganz spontan einfallen:

Kinder-Überraschungseier: Habt ihr schon je ein Kind gesehen, das dank dieser unsäglichen Kleinstspielzeuge ein glücklicheres Leben hatte? Ich nicht. Im Gegenteil. Meine Kinder sind danach meist bedeutend unglücklicher als zuvor. Entweder, weil der Bruder das viel bessere Spielzeug drin hatte oder aber, weil das Ding innert Minuten kaputt war. Warum nicht Rohstoffe, Energie und zugleich elterliche Nerven sparen und das Zeug abschaffen?

Das Spielzeug zum Happy Meal: Der gleiche Grund wie oben, nur dass man hier noch weiter gehen könnte und nicht nur das Spielzeug, sondern den ganzen Laden rund ums Spielzeug abschaffen könnte. Glaubt mir, die Kinder früherer Generationen waren nicht unglücklicher, bloss weil sie nicht nach Lust und Laune Müll in sich reinstopfen konnten. Wozu man einen Betrieb aufrecht erhalten muss, der rund um den Globus rund um die Uhr gesunde Nahrungsmittel in ungesunden Mist verwandelt, der all den Mist in unnötige Verpackungen steckt und dann auch noch Tag und Nacht die Leuchtreklame eingeschaltet haben muss, damit er nicht in Vergessenheit gerät, leuchtet zumindest mir nicht ein.

Musikberieselung allüberall: Kann mir mal einer erklären, weshalb in einem vollbesetzten Café, in dem sich unzählige Menschen angeregt unterhalten, auch noch Musik laufen muss? Wozu es gut sein soll, dass mir beim Bummel durch eine beliebige Altstadt dieses Landes aus jedem Laden andere Musik entgegen dröhnt? Wie es mein Leben bereichern soll, dass im Parkhaus Musik läuft und zwar auch sonntags? Weshalb ich selbst dann, wenn ich mit meinem Kind auf der Notfallstation auf den Bescheid des Arztes warte, ungefragt mit seichter Radiomusik beschallt werden muss? Konservenmusik wohin man geht und keiner fragt sich, wie das Leben klänge, wenn man auf diese Lärmverschmutzung, die ganz nebenbei auch noch ziemlich viel Strom fressen dürfte, verzichten würde.

Licht zu jeder Tages- und Nachtzeit: Die Strassenlampen brennen auch tagsüber? Ist doch nicht weiter schlimm, wir haben ja ein Kraftwerk gleich um die Ecke, das uns den Strom dazu liefert. Nächtliche Beleuchtung von Sehenswürdigkeiten? Aber klar doch. Wie soll sonst die Menschheit je erfahren, dass hier ein imposantes Schloss, dort eine schöne Stadtkirche steht? Lichtshows am Nachthimmel? Aber natürlich. Die Menschen haben doch einen hohen Eintrittspreis bezahlt, also muss der Partyveranstalter auch etwas Spektakuläres bieten. Dass die Vögel dabei fast durchdrehen und die Nachbarn einen Vogel kriegen, kümmert doch keinen.

Erdbeeren aus Spanien: Seien wir doch ehrlich, die Dinger schmecken scheusslich. Es sei denn, man befinde sich gerade zufällig in Spanien und habe die Zeit, darauf zu warten, bis sie reif sind. Ach, und wo wir schon bei den Erdbeeren sind: Hat mir jemand einen Tipp, wie ich Luise davon überzeugen soll, dass es am Montag keine Geburtstagstorte mit Erdbeeren geben soll? Das Argument „Erdbeeren, die so lange gereist sind, sind unglücklich und schmecken deshalb nach gar nichts“, hat sie noch nicht vollends überzeugt.

Strombetriebene Mini-Ferraris für Kleinkinder: In so einem Gefährt sieht auch das intelligenteste, aufgeweckteste und glücklichste Kind nur noch gelangweilt, dumm und verzogen aus. Da verschwendet man wertvolle Ressourcen, nur um ein Kind derart zu degradieren. Weg damit!

Arbeiten bis Mitternacht und darüber hinaus: Früher war spätestens nach dem Abbrennen der letzten Kerze Schluss und die Arbeit musste bis zum nächsten Tag warten. Heute ist dank Glühbirne, Computer und Drucker erst Schluss, wenn die Arbeit beendet ist. Ich kenne mindestens einen Menschen auf diesem Planeten, der ein glücklicheres Leben führen würde, wenn sich abends, wenn die Kinder im Bett sind, die Arbeitszeit nicht beliebig ausdehnen liesse.

Mike Shiva & Co: Kann mir mal einer erklären, inwiefern sich unsere Lebensqualität verbessert, wenn das Fernsehen rund um die Uhr jedem Deppen, der glaubt, etwas zu sagen zu haben, auch noch einen Sendeplatz anbietet? Und wenn kein Sendeplatz mehr frei ist, der Deppen aber noch immer genug da sind, gründet man eben einen neuen Sender, auf dass wir nie in Gefahr geraten, uns einmal ein paar Momente lang mit Nachdenken abgeben zu müssen. Würde man das Fernsehprogramm auf die wirklich sinnvollen, informativen und unverzichtbaren Sendungen begrenzen, wir könnten wohl morgen aus der Atomenergie aussteigen.

Beautifulvenditti: Ja, dieser Blog bedeutet mir sehr viel und ich freue mich sehr darüber, dass er für eine Handvoll Menschen zur täglichen Unterhaltung beiträgt. Aber glaubt mir, ich bin mir mehr als bewusst, dass die Menschheit sich auch ohne meinen Beitrag früher oder später zugrunde richten wird auch ohne meinen stromfressenden Beitrag auskommen könnte.

 

 

Und noch ein Einkauf

Diesmal mit Karlsson und Luise. Ein Wocheneinkauf, also nichts so Kompliziertes wie gestern. Gerade richtig, um mal wieder Zeit zu haben, um von meinen beiden grössten Kindern die ungeschminkte Wahrheit ins Gesicht gesagt zu bekommen.

„Die Frau X hat gemeint, mich könne nichts aus der Ruhe bringen“, erzähle ich den beiden lachend. „Könnt ihr euch das vorstellen? Ausgerechnet mich soll nichts aus der Ruhe bringen.“ Karlsson und Luise lachen schallend und ich fahre fort: „Ich habe ihr dann gesagt, dass ich auch mal ganz schön laut werden kann. Wenn die wüsste…“ Wieder lautes Gelächter, dann meint Karlsson ganz ohne Vorwurf in der Stimme: „Ja, wenn man dich so mit anderen Leuten erlebt, dann könnte man schon meinen, du seist immer nur freundlich. Mit anderen Kindern schimpfst du nie so wie mit uns.“ Ich zucke zusammen. Bin ich jetzt wirklich geworden, wie ich nie sein wollte. Nett und liebevoll zu fremden Kindern, ungeduldig und unfreundlich zu meinen eigenen? „Ist es wirklich so schlimm?“, frage ich Karlsson und Luise und zittere innerlich vor der Antwort. Was, wenn sie mir genau dies bestätigen? Wenn sie sich fühlen, als würde ich sie nicht lieben, als wünschte ich mir andere Kinder?

Die Antwort der beiden lässt nicht lange auf sich warten. „Nein Mama, du schimpfst gar nicht mehr so viel wie früher. Früher hast du immer geschimpft“, beruhigt mich Luise und Karlsson erklärt: „Weisst du, Mama, bei dir ist das gleich wie bei mir. In der Schule können die sich ja auch nicht vorstellen, dass ich zu Hause motze, die Türe knalle und wild bin. Die glauben ja auch, ich sei immer nur lieb und nett.“

Also alles noch im grünen Bereich. Ich bin nicht anders als die meisten anderen Menschen auch: Die Menschen, die mir wenig bedeuten, müssen sich mit meiner Freundlichkeit begnügen, während diejenigen, die ich am meisten liebe, das Privileg haben, meine der Allgemeinheit verborgenen Fehler immer mal wieder in vollen Zügen geniessen zu dürfen.

Einkauf mit Karlsson

Mama Venditti: „Karlsson, du brauchst eine neue Frühlingsjacke. Es ist zu warm für die Winterjacke. Komm, wir schauen mal in dem Geschäft dort drüben, ob wir etwas finden.“

Karlsson: „Okay, aber ich will einen Gehrock.“

Mama Venditti: „Einen Gehrock? Aber Karlsson, du weisst doch, dass man so etwas bei C&A nicht bekommt.“

Karlsson: „Ich möchte aber trotzdem einen Gehrock.“

Mama Venditti: „Einen Gehrock finden wir hier nicht, aber vielleicht hat’s ja sonst etwas Schönes.“

Karlsson brummt irgend etwas Unverständliches vor sich hin. Es klingt verdächtig nach „Die haben ja keinen Stil mehr heutzutage…“ Mama und Karlsson steuern auf die Ständer mit den Jacken zu, doch plötzlich verschwindet Karlsson hinter einem Regal.

Karlsson: „Mama, komm mal her! Hier haben sie Anzüge! Schau mal, wie schön die sind.“

Mama kämpft sich mit dem Kinderwagen an den Kleiderständern vorbei, um zu Karlsson zu gelangen. Sie findet ihn tatsächlich bei den Anzügen. Ach ja, ist ja bald wieder Zeit für die Konfirmationen. Darum haben die Anzüge hier. Aber natürlich keine Gehröcke, was aber Karlsson ziemlich egal ist.

Karlsson, sehnsüchtig: „Sind die nicht wunderschön?“

Mama Venditti: „Doch Karlsson, natürlich die sind wunderschön. Aber schau mal, so ein Anzug kostet fast zweihundert Franken. Das ist einfach zu viel für etwas, was du kaum je wirst tragen können. Komm, wir suchen jetzt nach einer Frühlingsjacke.“

Karlsson folgt seiner Mama widerwillig und schimpft: „Aber glaub mir, ich nehme nichts Hässliches. Und hier sehe ich nur Hässliches.“

Mama Venditti: „Wie wär’s mit dieser Blauen? Die ist doch nicht schlecht.“

Karlsson: „So etwas willst du mir andrehen? Aber die hat ja überhaupt keinen Stil. Glaub mir, hier finde ich nichts.“

Mama Venditti schaut sich weiter im Laden um. Irgend etwas muss es hier doch haben für ihren Ältesten. Gut, die Schwarze mit dem weissen Aufdruck wird er ganz bestimmt nicht nehmen. Und die Olivgrüne erst recht nicht. Aber vielleicht die Rote? Nein, die will er auch nicht. Da, als sie schon fast die Hoffnung aufgeben will, fällt ihr Blick auf ein Regal in der hintersten Ecke des Geschäfts.

Mama Venditti: „Schau, Karlsson, dort hinten hat es Krawatten! Wenn du dich für eine der Jacken hier entscheidest, kaufe ich dir eine Krawatte, versprochen.“

Karlsson eilt zum nächstbesten Ständer, schnappt sich die rote Windjacke, die er Momente zuvor noch verschmäht hatte und verkündet: „Die nehme ich. Kannst du sie schnell halten für mich, damit ich mir eine Krawatte aussuchen kann?“

Während Karlsson seine Krawatte auswählt, steht Mama Venditti da und erinnert sich an die Karikatur, die sie in ihrer Kindheit stets als irrwitzig empfunden hatte: Die Eltern, zwei Punks mit Irokesenschnitt und Sicherheitsnadeln im Ohr, tadeln ihren Sohn, der in Anzug und Krawatte vor ihnen steht: „So gehst du uns nicht aus dem Haus!“ Gut, Mama Venditti ist zwar kein Punk. Dennoch erkennt sie sich beinahe in den Eltern aus der Karikatur wieder, denn mit der bürgerlichen Bänklerkluft hat sie ihre liebe Mühe. Aber was soll’s? Die jungen Menschen müssen sich eben austoben. Zum Glück weiss Mama Venditti, dass ihr Sohn eher auf Barock denn auf Bänkler steht und darum weiss sie, dass er die Kurve kriegen wird. Auch wenn es vielleicht schmerzhaft sein wird, wenn er dabei den Umweg über Anzug und Krawatte machen muss…


Hast du das denn verdient?

Der letzte Schwimmkurs von Karlsson und Luise neigt sich dem Ende zu und wie immer, wenn ich sehe, wie sehr sich die Kinder bemüht haben – und wenn unser Budget die Kosten für drei Schwimmkurse verdaut hat – werde ich gegen Ende der intensiven Zeit weich und gestatte einen Besuch am Kiosk vor dem Nachhausegehen. Eigentlich sind mir ja diese Süssigkeiten nach dem Schwimmen zutiefst suspekt, aber wenigstens einmal während eines Kurses muss man eine Ausnahme machen. Finde ich. Die Mutter, die mit ihrer Kinderschar hinter uns am Kiosk ansteht, scheint dies ein wenig anders zu sehen. Auf die schüchterne Frage ihrer grössten Tochter, ob sie vielleicht auch eine kleine Süssigkeit haben dürfe, meint die Mutter zwar völlig vorwurfslos, aber dennoch mit bitterem Ernst in der Stimme: „Hast du das denn verdient?“

Als wir uns mit unserem süssen Grosseinkauf – die Kleinen, die zu Hause geblieben sind, sollen auch etwas bekommen – auf den Heimweg machen, sind Karlsson und Luise entsetzt: „Mama, hast du gehört, was die Frau gesagt hat? Findest du das nicht furchtbar, dass das Kind sich die Süssigkeiten verdienen muss?“ Doch, ich finde es furchtbar. Was für ein trauriges Dasein, wenn man sich auch noch die kleinste Freude im Leben zuerst verdienen muss, bevor man sie geniessen darf.

Keine Antwort

Da will man nach einem Grippetag, den man damit verbracht hat, die deprimierenden Nachrichten aus aller Welt in der Sonntagspresse eingehend zu studieren, noch ganz kurz die Nachrichten schauen. Um zu erfahren, ob noch immer so getan wird, als sei die Sache mit den Japanischen AKWs weiter nicht schlimm. Um etwas darüber zu erfahren, ob man hierzulande inzwischen nicht vielleicht doch ein klein wenig daran zweifelt, ob neue AKWs gebaut werden sollen.

Aber die Nachrichten lassen auf sich warten, denn in der Schweiz hat man wichtigere Sorgen: Wer wird das Rennen um den Titel „Das grösste Schweizer Talent“ machen? Man schaut zu, wie Menschen für irgendwelchen Mist bejubelt werden und plötzlich fragt man sich, ob all der Klamauk vielleicht nur da ist, um zu kaschieren, dass man auf die harten Fragen des Lebens keine Antworten weiss.

Ach und übrigens, über die Katastrophe in Japan habe ich den Kindern für einmal nichts erzählt, denn von unserem Küchenfenster aus geniessen wir beste Sicht auf den Kühlturm. Und ich glaube nicht, dass ich eine beruhigende Antwort auf die kindliche Frage „Was wäre wenn…“ aus dem Hut zaubern könnte.

Arrangiert

Da waren wir neulich wieder  mal in jenem unsäglichen Parkhaus, in dem es weder Lift  noch Rampe gibt. Einfach nur enge, steile Treppen. Diesmal waren wir ohne Kinderwagen unterwegs und vielleicht  erinnerte ich mich gerade deswegen besonders lebhaft an die unzähligen Male, die ich mich – meist hochschwanger- diese Treppe hochgekämpft hatte, krampfhaft darum bemüht, den Kinderwagen nicht fallen zu  lassen, schwitzend und schimpfend über das Land, das für alles Geld hat, nur nicht für kinderwagen- und rolsstuhlgängiges Bauen.

Wie  wir so völlig problemlos die Treppe hochgingen, erinnerte ich mich an das böse Erwachen, das ich hatte, als ich  Mutter wurde. Wenn man Eltern wird, macht man sich ja auf alle möglichen Unannehmlichkeiten gefasst, bloss nicht auf die Stolpersteine des Alltags: Die steilen Stufen und die zu engen Durchgänge im Zug, Fussgängerampeln, die so schnell wieder auf rot wechseln, dass ein Kleinkind keine Chance hat, die  Strasse während einer einzigen Grünphase zu überqueren, Warenhäuser, deren Türen so schwer sind, dass Mama oder Papa es kaum schaffen, mit Kinderwagen und Kleinkind lebend in den Laden zu gelangen.

Als neugeborene Mutter ärgerte ich mich masslos über all die kleinen und grossen Hindernisse, die man kleinen Menschen und ihren Eltern so achtlos in den Weg stellt. Und weil ich als neugeborene Mutter gleichzeitig zur arbeitslosen Journalistin wurde, schwor ich mir, so lange auf die kleinen und grossen Missstände aufmerksam zu machen, bis sich etwas ändern würde in unserem ach so kinderfreundlichen Land. Ich würde Beschwerdenbriefe schreiben, Leserbriefe, ich würde mit meiner ganzen Kinderschar antraben, wenn ich etwas zu bemängeln hatte, ich würde wenn nötig auch Unterschriften sammeln. Ich hatte ja jetzt die Zeit dazu und ausserdem keinen Arbeitgeber mehr, der mir vorschreiben konnte, was ich schreiben durfte und was nicht.

Sah ich mich damals noch als Kämpferin, muss ich heute gestehen, dass nicht viel von meinem Eifer übrig geblieben ist. Gut, ich schrieb die eine oder andere Kolumne zum Thema, habe auch hin und wieder mal in meinem Blog auf das eine oder andere Problem hingewiesen. Aber wie ich so diese unsägliche Treppe im Parkhaus erklomm und an meinen Eifer von damals dachte, dämmerte mir, dass ich im Laufe der Jahre getan habe, was ich nie hätte tun wollen: Ich habe mich arrangiert mit der Situation. Zähneknirschend zwar und hin und wieder auch laut schimpfend, aber im Grossen und Ganzen habe ich mich mit all dem Mist abgefunden.

Für meine Nerven ist das vielleicht ganz gut so und für die Nerven meiner Mitmenschen auch. Aber wenn wir Eltern uns immer mit allem abfinden, dann müssen wir uns nicht wundern, wenn noch unsere Kinder sich  damit abmühen werden, schimpfend und schwitzend den Kinderwagen steile, enge Treppen hochzuschleppen.

Mayonnaise-Tag

Schon der erste Satz heute Morgen hätte mich vorwarnen müssen: „Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat gekotzt und ich kann es nicht aufwischen, weil ich selber gleich kotzen muss“, sagte „Meiner“, als er morgens um sieben kreidebleich ins Schlafzimmer kam, wo ich noch selig schlummerte. Nun sagt bitte nicht, das sei typisch Mann. Bei uns ist es nämlich gewöhnlich umgekehrt. Während er ohne mit der Wimper zu zucken Erbrochenes aufwischt, würge ich jedes Mal, wenn ich gezwungen bin, die Sache selber zu erledigen. Wenn also er nicht konnte, war klar, dass heute ein besonders schlechter Tag werden würde.

Optimistisch, wie ich nun mal bin, liess ich mir die Laune darob noch nicht verderben. Nun ja, offen gestanden ist meine Laune momentan ohnehin ziemlich schlecht, also konnte sie sich auch durch einen Magen-Darm-Käfer nicht erheblich verschlechtern. Ich ging also nach oben, um die Lage zu inspizieren. Was ich sah, war nicht gerade ermutigend. Wie das Bett des FeuerwehrRitterRömerPiraten aussah, brauche ich euch nicht zu beschreiben. Ihr wisst ja, wie sowas aussieht. Im Zimmer nebenan fand ich das Übliche vor: Eine morgenmuffelige Luise, die aber immerhin gesund war. Der Zoowärter sah zwar halbwegs gesund aus, klagte aber über Bauchschmerzen. Also nicht fit für die Spielgruppe. Dass auch Karlsson heute zu Hause bleiben würde, war mir sofort klar, als er mich mit fieberglänzenden Augen traurig ansah und meinte, ihm sie hundeelend. Das Prinzchen wirkte zwar fit, aber zu Hause bleiben würde er ohnehin, denn er geht ja noch nicht zur Schule.

Wieder unten machte ich eine kurze Bestandesaufnahme: Eine gesunde Tochter, drei kranke oder halbkranke Söhne, ein quirliges Prinzchen, ein kranker Ehemann und eine ziemlich schlecht gelaunte und nur halbwegs gesunde Mama. Das konnte ja heiter werden. Nachdem alle fürs Erste versorgt waren, hatte ich meine erste grosse Hürde zu überwinden, nämlich „Meinen“ davon zu überzeugen, dass er so nicht in die Schule gehen konnte. „Aber ich habe kein Material vorbereitet. Ich kann doch nicht zu Hause bleiben“, wehrte sich der pflichtbewusste Herr Lehrer. Ich liess ihn wissen, dass seine Kollegen allesamt bestens ausgebildete Fachpersonen sind, die genau wissen, was zu tun ist, wenn ein Teammitglied krank ist. Ausserdem erinnerte ich ihn daran, dass die Eltern seiner Schüler wohl nicht besonders erfreut sein würden, wenn er den Magen-Darm-Käfer an sämtliche Kinder weitergeben würde. Schliesslich griff er dann doch zum Telefon, meldete sich in der Schule ab, zog sich auf das Sofa zurück und dämmerte weg. Gut, einer war versorgt. Blieben noch fünf.

Fragt mich nicht, wie ich zu diesem Punkt kam, aber irgendwann, nachdem Luise in die Schule gegangen war, ich alle anderen mit dem Nötigsten versorgt und mich selber für die Arbeit bereit gemacht hatte, platze mir der Kragen und ich brüllte laut vernehmlich:“ Ich schaff das alles nicht!“ Aber wenn man Mama ist, schafft man fast alles, auch wenn man längst nicht mehr daran glaubt. Man schafft es, doch noch pünktlich zur Arbeit zu kommen. Man reisst sich zusammen, wenn bei der Arbeit so viel läuft, dass man gar nicht erst dazu kommt, die Arbeit zu erledigen, die man eigentlich für den Vormittag geplant hatte. Man beisst auf die Zähne, wenn man keine Zeit fürs Mittagessen hat. Man erledigt dies und jenes und plant, was man abends, wenn alle Patienten im Bett sein werden, noch nachholen wird. Gute zwei Stunden später als geplant kommt man nach Hause, wo man zuerst mal das ganze Chaos beseitigt und schaut, dass jeder das Nötigste bekommt. Als Mama weiss man, wie man sich zusammenreisst.

Schwach werden darf man erst, wenn alles, was dringend getan werden muss, getan ist. Dann erst ist Zeit für das, was einen an solchen Tagen wieder aufstellt: Ein Essen, dass man nur im Verborgenen essen darf, weil man den Kindern sonst ein schlechtes Vorbild abgibt, nämlich Pasta, Mayonnaise und viel Käse. Und der Gesundheit zuliebe zum Dessert noch ein paar Rosinen. Mit Schokolade überzogen, versteht sich.

Verkehrt

Wenn am Ende eines langen Tages die siebenjährige Tochter zur Mutter sagt: „Kopf hoch, Mama! Das wird schon wieder. Du machst das ganz grossartig“, dann wäre es wohl an der Zeit, so langsam darüber nachzudenken, wie man die Balance im Leben wieder erlangen kann.

Auf der anderen Seite ist es vielleicht gar nicht so schlecht, wenn die Kinder wissen, dass auch Mama nur ein Mensch ist…