Ein bisschen mehr Toleranz, bitte!

Habe ich denn gestern ein Theater veranstaltet, als Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat nachts um halb zwölf mit Papa von der Open-Air-Kinovorführung nach Hause kamen? Nein, habe ich nicht. Ich habe gelächelt, habe gefragt, wie der Film war und die Kinder ohne nur den leisesten Anflug einer Ermahnung umgehend ins Bett geschickt. Und dies, obschon sie für die heutige Einsegnung des Prinzchens hätten fit sein sollen. Ich war das Musterbeispiel der toleranten Mutter, die ihren Kindern auch mal eine Ausnahme erlaubt, die ihnen die Freude gönnt, auch wenn dies beinhaltet, dass sie sich den Bauch nach dem Abendessen mit Zuckerwatte, Popcorn und Crêpes füllen.

Doch was ist der Dank, den ich für meine Toleranz bekomme? Ein Geschrei am nächsten Abend, weil die Kinder ausnahmsweise schon um Viertel nach sieben und nicht erst um acht ins Bett müssen. „Aber Mama, du hast uns versprochen, dass wir nie früher als um halb acht im Bett sein müssen!“, brüllt Karlsson. Habe ich das wirklich jemals versprochen? Und wenn auch: Habe ich gestern etwas gesagt, als sie drei Stunden und dreissig Minuten später als gewöhnlich im Bett waren? Da wird man fünfundvierzig Minuten zu früh wohl noch verkraften können. Wo bitte bleibt deine Toleranz, mein lieber Karlsson?

Doch der sonst so vernünftige Karlsson lässt sich nicht überzeugen, dass dies auf zwei Tage verteilt immer noch zwei Stunden und fünfundvierzig Minuten ausmacht, die er widerrechtlich ausserhalb des Bettes verbracht hat. Muss ich ihm jetzt wirklich eine Lehre erteilen und die schlaflosen Minuten, die er auf Vorschuss erhalten hat, wieder einziehen, indem ich ihn bis Freitag jeden Abend eine halbe Stunde zu früh ins Bett schicke?

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Wie viel ist zu viel?

Wie viel müssen oder dürfen Geschwister einander helfen und wie oft dürfen sie zu Recht fragen „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ Zum Glück habe ich vor langen Jahren einmal diese Diskussion mit einem militanten Einzelkind geführt, sonst wäre ich als Grossfamilienkind wohl nie für dieses wichtige Thema sensibilisiert worden. Wo es für mich doch vollkommen normal war, dass die älteste Schwester nachts um drei mein Erbrochenes aufwischte.

Was ein militantes Einzelkind sein soll, höre ich meine Leser  fragen. Nun, in meiner Erfahrung gibt es drei Sorten von Einzelkindern. Da sind erstens mal die, die mit ihrer Familie vollkommen zufrieden sind. Klar hätten sie gerne mal ab und zu einen grossen Bruder gemietet, aber im Grossen und Ganzen waren sie so glücklich wie alle anderen Kinder auch, mal mehr, mal weniger. Dann gibt es die, die mit ihrer Familie vollkommen unglücklich sind. „Meiner“ gehört zu dieser Kategorie. Noch heute bedauert er zutiefst, dass er ohne Geschwister aufwachsen musste. Darum hat er ja auch mich geheiratet. Andere Männer heiraten ihre Frauen des Geldes wegen, „Meiner“ heiratete mich meines unüberschaubaren Clans wegen. Von dem Moment an, als er die Namen meiner sämtlichen Brüder, Schwestern, Schwägerinnen, Schwager, Neffen und Nichten  auf dem Papier sah, vergötterte er mich.

Ja, und dann gibt es die dritte Kategorie, die militanten Einzelkinder, die zutiefst davon überzeugt sind, dass jede andere Familienform menschenunwürdig ist. So ähnlich wie gewisse zwanzigfache Mütter jedem predigen, er müsse sich grenzenlos vermehren, predigen sie, es sei verantwortungslos, mehr als ein Kind grosszuziehen. Mit eben so einem Einzelkind diskutierte ich vor Jahren die Frage, wie viel Verantwortung Geschwister füreinander tragen sollen. Dass sie sich auf diesem Gebiet für eine Expertin hielt, spricht für sich…

Seither also beschäftigt mich diese Frage. Auf dem Papier ist ja alles ganz einfach: Nicht zu viel und nicht zu wenig. Auch in der Praxis gibt es Fälle, die sonnenklar sind. Dass zum Beispiel Luise „Meinem“ und mir das Sorgerecht für das Prinzchen entziehen und alleine für ihn sorgen will, geht nun mal einfach nicht. Und dass Karlsson ohne Gebrüll ein Papierfetzchen aufheben kann, auch wenn es der FeuerwehrRitterRömerPirat auf den Boden geschmissen hat, sollte eigentlich keine Frage sein. Aber schon diese glasklaren Fälle lösen, je nach Laune der Kinder, heftige Diskussionen aus.

Je weiter wir uns in die Grauzone wagen, umso ausgedehnter werden die Verhandlungen. Muss Luise ihr Zimmer selber aufräumen, auch wenn eigentlich der Zoowärter, der das Konzept von  Ordnung noch nicht verinnerlicht hat, das Chaos angerichtet hat? Ist es zumutbar, dass Karlsson für zehn Minuten seine Hausaufgaben unterbricht, um auf den Zoowärter und den FeuerwehrRitterRömerPiraten aufzupassen? Damit Mama nicht die ganze Horde mitschleppen muss, wenn sie Luise zur Ballettstunde fährt. Kann man vom Zoowärter  verlangen, dass er seine Schokolade mit den Grossen teilt, auch wenn er noch nicht ganz versteht warum? Kann man umgekehrt von Luise erwarten, dass sie dem Zoowärter etwas von ihrem Schleckstengel abgibt, den sie von der Geburtstagsparty mitgebracht hat?

Für meine Diskussionspartnerin vor vielen Jahren wäre die Antwort auf alle Fragen dieselbe gewesen: Nein, nein und nochmals nein. Für mich hingegen ist es ein tägliches Abwägen, wie ich es schaffe, keinem zu viel Verantwortung aufzubürden, keinen zu bevorzugen, jedem seinen Freiraum einzugestehen, jedem zu zeigen, dass er zwar wichtig und einzigartig,  nicht aber der Nabel der Welt ist.  Dies alles mit dem Ziel, die fünf zu mehr oder weniger gesellschaftsfähigen Menschen zu erziehen (die ihre Geschwister auch als Erwachsene noch lieben…).

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Danke für’s Kompliment, Alina

Ich bin schön. Nein, keine Angst, ich verliere nicht ganz allmählich den Bezug zur Realität. Ich bin auch nicht immer zufrieden, wenn ich in den Spiegel schaue. Und ich gehöre jetzt auch nicht zu den Frauen, die jedem Dahergelaufnen von ihrer „inneren Schönheit“ vorschwärmen. Aber wenn die kleine Alina, die eben erst „vieri gsii“ ist, im Schwimmbad eigens ihre Mutter herholen muss, damit sie „diese schöne Frau“ bewundern kann, darf man sich  für einmal schon geschmeichelt fühlen. Gerade weil das Ganze im Schwimmbad passiert ist, wo  Mängel besonders schonungslos aufgedeckt werden. Und wo meine eigenen Kinder erbarmungslos darauf hinweisen, dass es auf meinen Oberschenkeln „so komische Streifen“, an meinem Bauch „so dicke Falten“ hat. Da tut es doch einfach gut, dass die kleine Alina über all dies hinweg sieht und so hingerissen ist von meiner „Schönheit“, dass sie keine Gelegenheit auslässt, um noch etwas länger in meiner Nähe zu sein.

Sollte ich mich je wieder hässlich fühlen, denke ich in Zukunft einfach an Alina.

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Freitagmorgen

Freitagmorgen, fünf vor acht, alle fünf Venditti-Kinder sind geputzt, gestriegelt und satt, das Prinzchen gebadet, gewickelt und schon wieder im Land der Träume, die Mama frisch geduscht und noch ohne Flecken auf dem T-Shirt. Eine echte Leistung! Und das alles in nur vierzig Minuten. Im Vergleich zu mir ist Usain Bolt eine lahme Ente. An so einem Tag kann doch einfach nichts mehr schief gehen?

Aber klar doch. Alles was es braucht, ist ein Gewitter pünktlich um acht und schon ist die ganze Sache im Eimer. Nun gut, immerhin sind Karlsson und Luise bereits auf dem Schulweg als es losgeht, somit hat’s wenigstens bei Zweien geklappt mit geputzt, gestriegelt, satt und pünktlich. Wenn man mal davon absieht, dass die Beiden wohl vollkommen durchnässt in der Schule ankommen werden… Aber eben, die richtige Action spielt sich, wie immer, zu Hause ab. Als der FeuerwehrRitterRömerPirat sieht, dass es aus Kübeln giesst, zieht er den richtigen Schluss und holt Gummistiefel für sich und den Zoowärter. Braves Kind. So brav, dass er auch gleich darauf besteht, dass man nicht ohne Socken in Gummistiefel schlüpft und sei die Mama noch so dagegen, dass man jetzt wegen eines Paars blöder Socken – Socken sind immer blöd –  den ganzen Erfolg aufs Spiel setzt.

Der FeuerwehrRitterRömerPirat bleibt hart, die Socken werden angezogen, die Mama macht sich derweil auf die Suche nach Regenschirmen. Der Erste ist kaputt, der Zweite klemmt, der Dritte ist rosarot. Und mit einem rosaroten Regenschirm geht der FeuerwehrRitterRömerPirat, dieser kleine Macho, nicht aus dem Haus. Das gleiche Kind, das vor wenigen Augenblicken noch darauf bestanden hat, bei Regenwetter alles richtig zu machen, will nicht begreifen, dass es für die Perfektion auch einen Schirm braucht. Und wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat keinen Schirm will, will der Zoowärter auch keinen. Aber bis der Zoowärter ohne Schirm allen Schnecken auf der Strasse Guten Tag gesagt haben wird, wird das Kind nass sein bis auf die Knochen. Da bleibt er doch besser bei der Grossmutter währenddem ich den FeuerwehrRitterRömerPiraten in den Kindergarten begleite. Bei der Grossmutter will der Zoowärter heute aber ausnahmsweise mal nicht bleiben, auch nicht für fünf Minuten. Es gibt ein Gebrüll, Mama verliert die Nerven und der FeuerwehrRitterRömerPirat nutzt die Gelegenheit, sich derweil mit Gummistiefeln aber ohne Regenschirm im Garten zu verstecken. Und zwar so gut, dass ich ihn erst finde, nachdem ich so laut nach ihm gerufen habe, dass das ganze Quartier weiss, dass die Alte Venditti heute Morgen ihre Kleinen mal wieder nicht im Griff hat. Dabei hatte doch alles so gut angefangen…

Endlich habe ich die beiden soweit, dass wir gehen können. Weil jetzt ohnehin alles vermasselt ist, können wir auch gleich das Auto nehmen. Ist der Ruf erst ruiniert, … Ausserdem habe ich nach all dem Theater keine Lust, auch noch tropfnass zu werden.

Himmel, wann endlich werden diese Gewitter am Freitagmorgen verboten?!

Karriere

Das neue Schuljahr bringt neben neuen Lehrerinnen, neuen Stundenplänen und neuem Schulmaterial auch eine neue Rollenteilung mit sich, zumindest am Dienstag. Dieser Tag gehört ab sofort mir und meiner „Berufstätigkeit“, zumindest, wenn Luise nicht wegen eines unglücklichen Kopfsturzes frühzeitig aus der Schule nach Hause kommt. Am Vormittag sind die Kinder ausser Hauses, am Nachmittag schmeisst „Meiner“ den Laden und ich gehe meiner ach so wichtigen „Arbeit“ nach und tue so, als ob ich von all dem Trubel zu Hause nichts mitbekäme, obschon ich natürlich alles höre. Es liegt ja auch bloss eine Bürotür zwischen mir und meinem Alltag. Doch egal, wie laut das Gebrüll auf der anderen Seite der Tür auch sein mag, es geht mich nichts an. Soviel Ausblenden muss nach fast neun Jahren Mutterschaft einfach möglich sein.

Weil ich aber weiss, wie nervenaufreibend solche Nachmittage mit fünf Kindern sind und wie gut es tut, ausgiebig zu jammern, höre ich geduldig zu, als mir „Meiner“ abends ausführlich schildert, was ihn so alles auf die Palme gebracht hat. Er erzählt mir des Langen und Breiten von einem mühsamen Spaziergang mit drei widerspenstigen Venditti-Kindern. Insgeheim warte ich darauf, dass er endlich auf den Punkt kommt und mir erzählt, was daran soooooo schlimm war. Aber es kommt nur das Übliche: Der FeuerwehrRitterRömerPirat wollte um alles in der Welt den Kinderwagen schieben, was aber gehörig daneben ging, weshalb „Meiner“ nicht vom Fleck kam. Derweil rannte der Zoowärter auf die Kreuzung zu und liess sich durch keine väterliche Ermahnung bremsen. All das hat dazu geführt, dass der ganze Trupp zu spät nach Hause kam, weshalb das Abendessen nicht rechtzeitig auf dem Tisch stand, die Küche im Chaos unterging und Karlsson nicht Geige üben konnte. Weitere Details sind mir entfallen, aber klar ist: Es war der ganz normale Wahnsinn, mit dem ich mich tagtäglich herumschlage. Deshalb konnte  ich nicht anders, als irgendwann in schallendes Gelächter auszubrechen.

Was ist denn nur mit „Meinem“ los? Der gute Mann hat schon mindestens so viele Windeln gewechselt wie ich, ist nachts wohl noch häufiger aufgestanden als ich, ist schon vier Tage alleine mit vier Kindern in die Ferien gefahren und hat sie jahrelang abends alleine zu Bett gebracht, währenddem ich mich darum bemühte, meinen Englischschülern das „s“ in der dritten Person Singular einzuprügeln. So einen Mann haut doch nichts mehr aus den Socken, nicht wahr? Leider doch wahr: Der ganz normale (Schul)alltag mit den Kindern ist eben noch eine Stufe anspruchsvoller als all das, was „Meiner“ bis anhin geleistet hat.

Bin ich nicht nett, dass ich „Meinem“ diesen Karriereschritt ermögliche?

Lesen Sie die Packungsbeilage

Sonderbar sind sie ja schon, die Kinder. Man nehme zum Beispiel die Frage, ob man den Leuchtstreifen über oder unter der Kindergartentasche trägt. Eine Bagatelle? Denkste! Luise zum Beispiel legte während ihrer ganzen Kindergartenzeit äussersten Wert darauf, den Leuchtstreifen über allen anderen Trägern zu tragen. Egal, was noch alles dazu kam,  – Kindergartentasche, Posttasche, Bibliotheksmappe, Turnsack und tausend andere Dinge,  – der Leuchtstreifen kam drüber „weil mich sonst die Autofahrer nicht sehen“, so Luise. Wenn Mama jetzt meint, beim FeuerwehrRitterRömerPiraten bleibe alles gleich, so irrt sie gewaltig. Denn was für Luise stimmte, stimmt für den FeuerwehrRitterRömerPiraten keinesfalls. Der Leuchtstreifen gehört unter alle anderen Träger und Riemen, verstanden? Und er nimmt die Sache so ernst, als ginge es um die Frage, ob er von den Zucchini auch probieren muss oder ob sein Freund heute zu uns kommt oder ob er zu ihm geht.

Oder nehmen wir den Zoowärter. Für Mama ist es klar, dass es am ersten Spielgruppentag Tränen geben wird. Gibt es auch. Aber erst, als der Zoowärter abgeholt wird. Alle anderen Kinder heulen Rotz und Wasser wenn die Mama oder der Papa sie alleine in der Spielgruppe lassen wollen. Der Zoowärter heult zum Steinerweichen, wenn er nach Hause gehen muss. Was sagt das über meine Beliebtheit?

Während ich die Eigenarten dieser drei Kinder einfach so akzeptieren muss, habe ich für Karlssons Macken endlich eine Erklärung gefunden und zwar aus reinem Zufall, als ich auf dem WC nichts zum Lesen dabei hatte und deshalb die Packungsbeilage von Karlssons Asthma-Medikament durchlesen musste. Das Medikament könne neben so harmlosen Nebenwirkungen wie Schwellungen des Gesichts oder Hepatitis auch  zu abnormen Träumen, Halluzinationen, Reizbarkeit, aggressivem Verhalten, Ruhelosigkeit und Schlaflosigkeit führen. Was, mal abgesehen von den Halluzinationen, so ziemlich jeden Konflikt, den wir in den letzten Tagen hatten, erklären würde. Kein Grund zur Sorge also. Nur falls Karlsson andere als die rund fünfzig aufgeführten Nebenwirkungen verspüren sollte, müsse ich mich an einen Arzt wenden. Sollte der Junge also plötzlich keine Türen mehr knallen, nicht mehr brüllen wenn er wütend wird und zu allem, was Mama verlangt ja und amen sagen, werde ich mich unverzüglich bei der Kinderärztin melden müssen.

Und plötzlich ist er wieder drei…

Was bin ich doch naiv! Da glaube ich immer noch, ein Kind werde von Tag zu Tag selbständiger, von Woche zu Woche vernünftiger, von Monat zu Monat weiser. Und dann reibe ich mir verwundert die Augen, wenn der fast neunjährige Karlsson plötzlich wieder drei ist. Wenn er ein Gebrüll macht, weil Mama und Papa sich erfrecht haben, die Taralli aufzuessen. Wenn er die Türen knallt, bloss weil er seine Sandalen verlegt hat. Wenn er einen Tobsuchtanfall bekommt, weil er abends nach dem Zähneputzen keine Birne mehr essen darf. Fehlt nur noch, dass er sich in der Migros wütend auf dem Boden hin und her wälzt und wir befinden uns wieder mitten im finstersten Trotzalter, das wir doch schon längst überwunden geglaubt hatten. Zumindest bei Karlsson.

Eigentlich hätten wir es ja wissen müssen. All das Gerede von regressiven Phasen und dergleichen ist uns bestens bekannt. Aber was im Erziehungsratgeber so einfach  klingt, – nicht zu viel Aufhebens machen darum, das Kind nicht lächerlich machen, Verständnis zeigen, – ist gar nicht immer so leicht. Die Ruhe bewahren, wenn Karlsson am Sonntagmorgen mit seinem Gebrüll die halbe Nachbarschaft weckt, weil er zwar Bus fahren will, nicht aber auf eigenen Füssen zur Bushaltestelle gelangen will? Aber natürlich zeigen wir Verständnis! Auch wenn die ersten verärgerten Nachbarn hinter dem Vorhang hervorlugen. Die Nerven nicht verlieren, weil ein Glas durch die Küche fliegt? Ist doch kein Problem, das Kind muss eben seinen Frust loswerden! Auch wenn dabei Leib und Leben der halben Familie gefährdet ist?

Es ist ja verständlich, dass ein Lehrerwechsel für Karlsson so wichtig ist wie für uns ein Stellenwechsel. Aber muss er denn gleich so wild werden? Immerhin schmeisst Mama auch nicht mit Gläsern, wenn sie sich in einer regressiven Phase befindet – zumindest nicht, wenn die Kinder dabei sind…

Hört doch endlich auf damit!

So langsam geht mir das Ganze gehörig auf die Nerven. Immer dieses elende „Entweder – Oder“, dieses „Wer macht’s besser?“, dieses „Es gibt nur einen richtigen Weg und ich weiss, welcher das ist“. Es geht um die Frage der Steuererleichterung für Familien, die ihre Kinder fremdbetreuen lassen. Ein wichtiger Entscheid, der aber ganz klar auch ungerecht ist gegenüber Eltern, die auf ein zweites Einkommen verzichten um ihre Kinder zu Hause zu betreuen. Was macht man da? Sucht man nach gerechteren Lösungen? Versetzt man sich in die Haut des anderen, um zu verstehen, warum er dafür oder dagegen ist? Muss man überhaupt dafür oder dagegen sein, oder gibt es auch ein „Ja, aber vergesst die anderen nicht“?

Anstatt sich diesen Fragen zu stellen, tritt man lieber wieder die ewige Diskussion los, ob Mamas (die Rede ist noch immer nicht von den Papas) die besseren Mamas sind, wenn sie zu Hause bleiben oder ob sie „das Recht“ haben, auswärts zu arbeiten. Wieder müssen wir uns SVP-Frauen anhören, die erklären, dass sie selber es sich niiiiiiieeeee vorstellen könnten, ihre Kinder fremdbetreuen zu lassen, dass es aber selbstverständlich Familien gibt, die „das müssen“. Wobei der saure Gesichtsausdruck klar macht, dass „müssen“ nur gilt, wenn es finanziell nicht anders geht und nicht etwa, wenn Mama draufgeht, weil sie ausschliesslich zu Hause ist. Auf der anderen Seite reden dann die Karrierefrauen, die jede Frau als rückständiges Muttchen betrachten, wenn sie ihren beruflichen Erfolg in den Hintergrund stellt wegen der Kinder.

Ach hören wir doch endlich auf damit! Es ist doch klar: Wer sich für Kinder entscheidet, hat ein unendlich reiches Leben, bezahlt aber auch einen hohen finanziellen Preis dafür. Ob wir nun auf ein zweites Einkommen verzichten um die Kinder zu Hause zu betreuen, oder ob wir unser sauer verdientes Geld für die Kinderbetreuung ausgeben, am Ende des Monats stehen wir alle (oder zumindest die durchschnittlich Verdienenden) etwa gleich da: Das Konto ist leer, die Rechnungen türmen sich. Wir haben wieder einmal alles gegeben und wissen doch nie, ob es genug war und ob wir im nächsten Monat endlich einmal genug Geld auf der Seite haben werden um uns dieses wohlverdiente Candle-light Dinner inklusive Babysitter zu leisten.

Hören wir doch auf mit den ewigen Grabenkämpfen und sorgen wir dafür, dass sich die Bedingungen für alle Familien endlich verbessern. Ob die anderen nun die gleichen Entscheide getroffen haben wie wir oder nicht.

Manieren? Noch nie davon gehört…

„Das wird gemütlich“, denke ich, als Karlsson und Luise verkünden, dass die Kleinen nicht mitkommen wollen zum Babybesuch nach Bern. Unglaublich, wie einfach das Reisen ist, wenn man keinen Kinderwagen schieben muss, keine Windeln, keine Feuchttücher, keinen Brei, keinen Latz, keine Ersatzkleider, keine Bananen für Zwischendurch, keine Schmusetücher, keine Stofftiere, keine „hätte ich das doch auch noch eingepackt!“ mitschleppen muss. Einfach nur Karlsson und Luise, die auf eigenen Beinen zum Bahnhof gehen können. Und da die zwei ja schon so gross und vernünftig sind, kann ich mich auf einen enstpannten Ausflug zu dritt freuen.

Ja, gross sind die beiden wirklich schon. Karlsson wächst mir mit seinen fast neun Jahren beinahe über den Kopf und auch Luise ist endlich ein Stück in die Höhe geschossen. Aber habe ich wirklich auch vernünftig gesagt? Kaum sind wir am Bahnhof angekommen, treffe ich eine entfernte Bekannte. Eine jener Personen, von denen ich zwar das Gesicht erkenne, an deren Namen ich mich aber beim besten Willen nicht erinnern kann. Geschweige denn, ob ich mich schon jemals länger mit dieser Person unterhalten habe, oder ob ich bloss so tun muss, als wüsste ich, wer sie sei. Kaum habe ich die peinliche Situation hinter mir, beginnt links und rechts von mir das weithin hörbare Getuschel: „Wer war das? Wie heisst die? Woher kennst du die?“ Ist ja schon peinlich genug, dass meine Kinder noch immer nicht begriffen haben, dass man nicht über Leute flüstern soll, die noch in Hörweite sind. Aber wenn ich die Fragen jetzt noch wahrheitsgetreu beantworte, hört die Person, dass ich keinen Schimmer habe, wer sie ist, und dann kann ich vor lauter Scham im Boden versinken.

Den Rest des Nachmittags messen sich Karlsson und Luise abwechslungsweise darin, wer mehr Anstandsregeln brechen kann. Beim Babybesuch legt Karlsson ungeniert die schmutzigen Füsse aufs weisse Sofa, schmiert Schokolade aufs Kissen und überhört sämtliche meiner Ermahnungen geflissentlich. Luise ist derweil ganz brav. Dafür legt sie anschliessend bei „Starbucks“ die Füsse auf den Tisch und schreit herum, dass sich alle nach ihr umdrehen. Bei einem Zwischenhalt in Olten geht das Geflüster wieder los. „Mama, hihihi, warum, hahahaha, hat die Frau neben dir einen, hihihihi, Hund in der Tasche?“, flüstert Luise kichernd in mein Ohr und starrt auffällig zu meiner Sitznachbarin. Wenigstens zeigt sie nicht mit dem Finger. Aber Karlsson, der nichts verstanden hat, macht eine Szene, weil er auch wissen will, warum Luise so lacht. Er hört erst auf mit Toben, als ich mich bereit erkläre, ihm die Frage auch ins Ohr zu flüstern. Spätestens jetzt hat meine Sitznachbarin mit dem Hund in der Tasche genug. Dass die Kinder tuscheln, hat sie noch mit einem Lächeln quittiert, aber dass die Mama auch keine Manieren hat, ist einfach zuviel. Ihr giftiger Blick hätte mich beinahe unter den Boden befördert.

Zu Hause angekomen übrelasse ich die beiden „Meinem“ und widme mich völllig entnervt dem Prinzchen und dem Zoowärter. Die bereiten mit ihren vollen Windeln und ihrem noch unausgereiften Verstand zwar einen Haufen Arbeit. Aber wenigstens gehört noch jeder ihrer Fehltritte in die Kategorie „Ach, wie süüüüüüüüss!“ und nicht in die Kategorie „Kann die Mama denen keine Manieren beibringen?“.

Wen wundert’s?

Wo ich gerade so schön in Fahrt bin mit Wettern, kann ich doch gleich noch ein wenig weitermachen. Immer mehr Eltern seien mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert und würden sie deshalb vernachlässigen, lese ich in der heutigen Ausgabe des „Sonntag“. Deshalb komme es immer öfter zu Obhutsentzügen. „Wie können diese Eltern nur?“, fragt sich die Bevölkerung empört und reibt sich erstaunt die Augen. Sind denn nicht alle Eltern so glückllich wie die Federers, Jolie-Pitts und wie sie alle heissen mögen?

Nein, sind sie nicht. Und ich kann mir auch langsam erklären, weshalb nicht. Bevor ich aber zu meinem Rundumschlag aushole, will ich eines klarstellen: Ich will mit keinem Wort die Vernachlässigung schönreden. Ich habe in meiner Zeit als Mutter ziemlich tiefe Tiefpunkte erlebt, doch auch die fieseste Depression gab mir nicht das Recht vollkommen aufzugeben. Einer Pflicht konnte ich mich nie entziehen. Nämlich der Pflicht, so laut um Hilfe zu brüllen dass die Wände wackelten und der Boden zitterte und zwar bevor die Kinder wegen meiner Überforderung vor die Hunde gingen.

Jetzt, wo ich dies klargestellt habe, komme ich zurück zum eigentlichen Thema. Ist es denn wirklich verwunderlich, dass gewisse Eltern überfordert sind? Seien wir doch ehrlich: Worüber macht sich eine junge Frau, die bis jetzt nicht viel mehr als ihr Aussehen und ihren Spass im Sinn hatte, am meisten Gedanken, bevor sie Mutter wird? Über die richtige Ernährung des Babies? Über die Kindersicherheit der Wohnung? Über die Frage, wie sie die Fassung bewahren wird, wenn sie wochen- und monatelang keinen Schlaf mehr bekommt? Nein, sie fragt sich, wie sie ihre Figur vor den unübersehbaren und vollkommen natürlichen Folgen einer Schwangerschaft bewahren kann.

„Alles soll spurlos am Körper vorbeigehen“, sagt die Spezialistin für Essverhaltensstörungen, Bettina Isenschmid, in der neusten Ausgabe des „Beobachters“. Sie erlebe in ihrem Berufsalltag immer wieder junge Frauen, die aus diesem Grund Angst vor einer Schwangerschaft hätten. Während früher die Frauen eine ganze Kindheit lang auf ihre zukünftige Rolle als Mutter vorbereitet wurden (was zugegeben auch nicht das einzig Wahre war), holen sie sich heute ihr ganzes Wissen über die Babypflege aus dem Werbeblock. Wie eine richtige Mama auszusehen hat, zeigt ihnen Heidi Klum bei „Germany’s next Topmodel“. Und dass Mamas immer glücklich, Papas immer gut verdienend und Babies immer süss sind, gehört zum Allgemeinwissen. Dass es Geldsorgen, Ehekräche, Koliken, Trotzanfälle, Übermüdung und Einsamkeit geben wird, sagt ihnen niemand. Und wenn doch einer versuchen sollte, es ihnen zu sagen, glauben sie es nicht.

Wenn Teenager mein Prinzchen sehen, schmachten sie nicht „Ach, wie süüüüüüss!“, sie rufen „Mein Gott, ist der dick!“ Im Ernst. Ist das Prinzchen besonders dick? Mitnichten. Er liegt genau im Schweizerischen Durchschnitt. Aber die Teenager haben gelernt, dass Dünnsein alles ist und deshalb wissen sie auch nicht mehr, dass ein Baby Babyspeck braucht, um überleben zu können. Wenn ich ihnen sage, dass dieser Speck nötig ist, weil sonst schon eine banale Magen-Darm-Grippe gefährlich werden könnte, starren sie mich ungläubig an. Und in ihren Augen lese ich nicht den festen Entschluss, ihr zukünftiges Kind mit allen Mitteln vor Gefahren zu bewahren. Nein, ich lese den festen Entschluss, dass sie dereinst mit allen Mitteln verhindern werden, dass ihr Baby einmal „so dick“ sein wird wie das Prinzchen. Und dass sie sich selber bestimmt nie so gehen lassen werden, wie ich dies tue.

Wundert sich noch jemand, dass junge Frauen, die mit solchen Vorstellungen im Hinterkopf Mütter werden, mit der Realität überfordert sind? Ich nicht.