Halt auf Verlangen

Und wieder stehen wir an dem Punkt, an dem wir doch eigentlich schon längst nicht mehr stehen möchten. Wieder fragen wir uns, wie wir die Balance hinkriegen sollen zwischen Familie, Berufsarbeit und Haushalt und zwar möglichst so, dass beide mit der Aufteilung glücklich sind. Und die Kinder auch. Und das Budget auch. Und überhaupt alle, die irgendwie davon betroffen sind, wie wir unser Leben gestalten.

Ich habe nicht grundsätzlich ein Problem damit, dass man sich hin und wieder der Frage stellen muss, wie es im Leben weitergehen soll. Die Gefahr, einzurosten und stehenzubleiben ist bestimmt geringer, wenn das Leben nicht nach einem ausgefeilten Plan abläuft, den es strikte zu befolgen gilt. Zuweilen aber überkommt mich diese unglaubliche Müdigkeit, weil bei uns nur selten etwas nach Plan läuft. Klar, unser Leben ist dadurch ziemlich bunt, spontan und abwechslungsreich, aber eben auch ermüdend, weil wir noch kaum einmal Zeiten hatten, in denen wir sagen konnten: „So ist es für diese Lebensphase gut, so fahren wir jetzt mal eine Zeit lang weiter, ehe wir die Weichen wieder neu stellen.“

Nein, ich möchte nicht von nun an bis zur Pensionierung alles immer gleich haben, ich bilde mir auch nicht ein, dass „Meiner“ und ich glücklich wären mit einem Leben, in dem alles stets überschaubar bleibt. Aber ich hätte gar nichts dagegen, mal an einer Zwischenstation ankommen und etwas länger verweilen zu dürfen.

Hätte ich es ihr sagen sollen?

Sie macht es exakt wie ich damals, investiert ihr gesamtes Erspartes in Spielsachen, die sie schon sehr bald nicht mehr interessant finden wird. Jetzt, wo ihre kleinen Geschwister endlich nicht mehr alles zerstören, möchte sie noch einmal ganz neu anfangen, mit einem wunderschönen Puppenhaus, mit neuen Bewohnern, die noch alle Haare auf dem Kopf haben, mit Möbeln, wie man sie gerne im eigenen Wohnzimmer stehen hätte.

Sie will noch einmal richtig Kind sein, bevor es zu spät ist dazu. Ich kenne das Gefühl, empfand einst genau das Gleiche, auch wenn meine Spielsachen neu sein mussten, weil von den grossen Geschwistern nichts Anständiges mehr übrig war. Bei ihr waren es die kleinen Geschwister, die ihre heilen Welten nicht unberührt lassen wollten. Sie ahnt wohl, dass sie an der Schwelle zu etwas Neuem steht, die ersten Anzeichen sind da. Wenn die Eltern bezahlen, müssen die Dinge bereits cool sein, nicht mehr romantisch und verspielt, als Souvenir will sie keine Teddybären mehr, sondern Nagellack. Mit ihrem eigenen Geld lässt sie aber lieber Kinderträume wahr werden. Die lassen sich jetzt endlich verwirklichen, weil das Taschengeld höher ist und die Geburtstagsgeschenke von Verwandten immer öfter in Form von Bargeld überreicht werden.

Hätte ich ihr sagen sollen, dass das Puppenhaus für sie wohl schon bald nicht mehr interessant sein wird, dass sie es vielleicht in nicht allzu ferner Zukunft auf den Estrich räumen wird? Ich weiss ja, dass es zumindest vorübergehend so sein wird; bei mir und meinen Geschwistern war es auch nicht anders. Ich habe nichts gesagt. Nicht nur, weil ich ihr die Freude nicht nehmen wollte, sondern auch, weil es so unglaublich schön war, mit ihr zusammen Mädchenträume wahr werden zu lassen. Wie habe ich es doch genossen, mit ihr auf dem Boden zu kauern, Wände aufzubauen, Fenster einzusetzen und Blumenschmuck anzubringen. Nur einen erwachsenen Rat habe ich ihr gegeben: Dass sie Sorge tragen soll zu dem Haus, damit sie eines Tages, wenn sie mit ihren eigenen Kindern das Haus aufbaut – vielleicht auch mit ihren Neffen und Nichten -, noch einmal Kind sein kann. So, wie ich heute mit ihr Kind sein durfte.

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Geburtstagsüberraschung

Okay, zumindest kann ich damit prahlen, dass ich am Steuer sitzend bloggen kann. Eine positive Sache an meinem rundum missratenen 38. Geburtstag. Angefangen hatte er zwar noch ganz nett mit Cornetti alla Crema und Cappuccino, aber von daher ging es nur noch bergab. Zuerst einmal vom Piemont in die Poebene, aber das war noch nicht das Schlimmste. Auch als das Auto kurz vor Varese zehn Minuten keinen Wank mehr tat, war der Tiefpunkt noch nicht erreicht. Der kam erst, als wir nach einer hektischen Mittagspause in einem überlauten Shoppingcenter und fünf Minuten Fahrt gar nicht mehr vom Fleck kamen. Nichts mehr ging, nicht einmal mehr der Warnblinker, der die anderen Autofahrer darauf aufmerksam gemacht hätte, dass wir nicht zu unserem reinen Vergnügen händeringend am Strassenrand stehen. Dazu das verzweifelte Warten auf den Italienischen Pannendienst, der mir versprochen hatte, in „venti Minuti, massimo trenta“ bei uns zu sein. Es wurden dann gut siebenmal venti Minuti, dazwischen mehrere verzweifelte Versuche, das Handy mit neuem Guthaben aufzuladen, damit wir zumindest wieder erreichbar waren. Nun also sitzen wir sehr zum Vergnügen unserer drei grossen Kinder im Auto und lassen uns vom Italienischen Pannendienst in die Schweiz transportieren, wo uns dann der Schweizer Pannendienst in Empfang nehmen soll.

Zwei Dinge habe ich an diesem elenden Tag erkannt:
1. Ich bin im Moment nicht in der Verfassung, solche Erlebnisse mit Humor zu ertragen, sondern nur noch unter Tränen.
2. Der Gotthard war wohl mein kleinstes Problem auf dieser Reise.

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Basmati-Reis-Frau

Auf einer Autofahrt zu zweit entspann sich das folgende Gespräch zwischen Karlsson und mir:

Karlsson (scherzhaft): „Meine Kinder sollen mal keine Grossmutter haben, die stets bunt angezogen und fröhlich ist. Du brauchst dann mal eine grosse, runde Brille mit Goldrand, ein zweiteiliges Kostüm in dezenten Farben und eine Kurzhaarfrisur, die du dir jeden Freitag beim Coiffeur auffrischen lässt.“

Ich: „Ich fürchte, damit kann ich nicht dienen. Ich gehe nicht davon aus, dass ich mich so grundlegend ändern werde.“

Karlsson: „Du meinst, du wirst dann immer noch gemusterte Thai-Hosen und bunte Blusen tragen?“

Ich: „Vermutlich schon, aber immerhin kann ich dir versprechen, dass ich nicht immer fröhlich sein werde. Ich kann ja auch heute schon anders. Aber mein Stil wird wohl mehr oder weniger gleich bleiben.“

Karlsson: „Na gut, dann weiss ich immerhin, worauf ich mich einstellen muss. Du wirst also so eine Frau sein mit wallenden, bunten Kleidern, langen Haaren und so…“

Ich: „Du meinst ein Hippie?“

Karlsson: „Nein, ich meine eine Basmati-Reis-Frau.“

Ich: „Eine Basmati-Reis-Frau? Was um Himmels Willen soll denn das sein?“

Karlsson: „Eben so eine Frau wie du: Weite Oberteile, riesige, farbenfrohe Hosen, Sandalen, viel Goldschmuck und so, die jeden Tag Basmati-Reis mit Curry isst.“

Ich: „Okay, gut, dann werde ich eben eine Basmati-Reis-Frau. Hauptsache, wir du versuchst nicht, mich zu verändern, denn Goldrand-Brille, Deux-Pièces und Kurzhaarfrisur kannst du bei mir glatt vergessen…“

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Übervorsichtig

Okay, dass die Italiener übervorsichtig sind, ist mir bekannt. Dass man Medikamente ausser Reichweite von Kindern aufbewahren soll, leuchtet aber selbst mir ein. Aber was um Himmels Willen kann schon passieren, wenn ich die Medikamente in Sichtweite von Kindern versorge? Aus Italienischer Sicht offenbar viel, denn der Warnhinweis auf der Packung sagt klar und deutlich, dass die Kinder das Medikament nicht mal sehen dürfen. Wie man das wohl anstellt, wenn man dem Kind eine Tablette verabreichen muss?

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Ich will auch so einen!

Ist ja klar, dass ich auch einen will, wenn in der Küche des Ferienhauses dieses wunderschöne Exemplar steht. Wuchtig, geschwungene Beine, goldene Knöpfe – ein Traum von einem Holzherd. Abends schnell ein paar trockene Holzscheite rein, einige Zeitungsseiten, ein Zündwürfel und schon prasselt das schönste Feuer. Morgen dann soll das Feuer den ganzen Tag brennen. Für Maroni, Holzofenbrot und vielleicht sonst noch etwas, was nach Gemütlichkeit klingt.

Genau das Richtige für eine Nostalgikerin, wie ich sie zu werden drohe. Kein Wunder also, dass ich mich sogleich bei Ricardo auf die Suche mache. Und natürlich auch fündig werde. Unter all den überteuerten Öfen finde ich einen, der geradezu für mich geschaffen zu sein scheint; weiss mit rosaroten Rosen drauf und obendrein erschwinglich. Da müsste man doch gleich bieten, nicht wahr?

Wenn bloss „Meiner“ nicht so sehr dagegen wäre. „Womit willst du den abholen? Wo sollen wir den hinstellen? Wie willst du das mit dem Kamin hinkriegen? Wie stellst du dir das mit dem Brandschutz vor?“ Lauter unsinnige Fragen, die mir die Freude an dem guten Stück rauben. Sieht er denn nicht, dass der Ofen nur darauf wartet, von mir ersteigert zu werden? Versteht er denn nicht, dass mein Leben so viel schöner wäre, wenn ich hin und wieder ein gemütliches Herdfeuer anzünden könnte?

Natürlich sieht er nicht ein, wie dringend ich diesen Ofen brauche, er weiss ja inzwischen, wie schnell ich für eine Sache Feuer fange…

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Doch nicht offline

Nein, ich habe mich nicht so heillos verfahren, dass ich heulend wieder nach Hause zurückgekehrt bin. Im Gegenteil, mit meinem einzigen kleinen Schnitzer kurz vor dem Ziel habe ich mich deutlich besser durchgeschlagen als „Meiner“, der sich in Milano heillos verfahren hat. Okay, er musste auch mit dem Mietauto den Weg aus der Innenstadt finden, währenddem ich dank GPS-Anna und Sonntagsverkehr fast blind in der Gegend herumkurven konnte.

Nein, ich bin auch nicht, kaum hier angekommen, in den nächsten Handy-Laden gestürmt, um mir Internetzugang zu verschaffen. Ich war wirklich voll und ganz auf eine Offline-Woche eingestellt und ich wage zu behaupten, dass ich sie ganz leidlich überstanden hätte.

Nein, Italien ist auch nicht über Nacht ein vollkommen anderes Land geworden mit WLAN im hintersten Winkel und so. Zum Glück auch nicht, eine gewisse Rückständigkeit sollte man sich auf alle Fälle bewahren, so lange es geht.

Tatsache ist, dass mir gestern nach der Ankunft jemand eine Italienische SIM-Karte in die Hand gedrückt hat und wo ich sie schon mal habe, kann ich sie ja auch für sinnvolle Zwecke einsetzen. Okay, vielleicht habt ihr euch auf die Schreibpause aus dem Hause Venditti gefreut. Kein Problem, dann tut einfach so, als würde hier nichts stehen und lest nächsten Samstag wieder weiter.

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Auf Wiederlesen

Falls hier in den kommenden Tagen einfach kein neuer Post auftauchen will,  dann ist dies nicht unbedingt als Beweis zu werten,  dass ich ein hoffnungsloser Fall bin. Es könnte zwar durchaus sein,  dass ich nichts von mir hören lasse,  weil ich irgendwo im hintersten Winkel Nordschwedens gelandet bin beim Versuch,  ins Piemont zu fahren,  aber die Wahrscheinlichkeit ist sehr gross,  dass mein tagelanges Schweigen damit zusammenhängt,  dass wir im hintersten Winkel des Piemonts keinen Internetanschluss haben. So zumindest war es letztes Jahr und ich nehme nicht an,  dass sich in Italien in den vergangenen Monaten etwas grundlegend verändert hat.

Ach ja,  diesmal gibt’s auch keine Blog-Konserven.  Bei der ganzen Einkocherei in der Küche blieb einfach keine Zeit mehr,  die herumfliegenden Gedanken für Offline-Zeiten haltbar zu machen. Wir lesen uns am Samstag wieder,  falls ich nicht doch in Nordschweden lande…

To Do

  • „Meinen“ anschnauzen,  weil er für einmal nicht den perfekten Hausmann,  sondern den „ist mir doch egal,  wenn alles im Chaos ersäuft“-Ehemann gespielt hat
  • Dafür sorgen,  dass die männlichen Familienmitglieder nicht ohne Zahnpaste und Zahnbürsten nach Italien fahren
  • Alle männlichen Familienmitglieder morgens um sieben zum Bahnhof fahren,  damit sie den Zug nach Milano rechtzeitig erwischen
  • 3 Badezimmer putzen
  • 2 Küchen saubermachen
  • 4 Ladungen Wäsche waschen und aufhängen
  • Zahlreiche Kontrollanrufe an „Meinen“,  damit ich mir auch ganz sicher keine Sorgen um meine lieben Knöpfe machen muss
  • Unzählige Rechnungen bezahlen – Habe ich wirklich keine übersehen?
  • Euro besorgen
  • GPS befragen
  • „Meinen“ befragen,  ob ich morgen wirklich mit dem Auto nach Italien fahren soll
  • Schwiegermamma ver(un)sichern,  dass das schon irgendwie klappen wird
  • Kolumne schreiben
  • 4 mal den Geschirrspüler ein- und wieder ausräumen
  • 2 Kühlschränke putzen – Nein,  glaubt mir,  ihr wollt nicht wissen,  weshalb ich das unbedingt noch vor der Abreise tun musste.
  • So tun als ob ich Zeit hätte für ein Kaffeekränzchen mit Luise und Gast
  • Luise beibringen, dass ich bei diesem Sauwetter wirklich keine Lust habe,  mit ihr aufs Riesenrad zu gehen. Ist mir vollkommen egal,  dass das Ding auch bei Regen in Betrieb ist
  • Gottesdienstmoderation vorbereiten
  • 3 Tassen zerschlagen,  für einmal ganz ohne böse Absichten
  • Scherben von drei Tassen entsorgen
  • Unzählige Versuche,  Luise „Gregs Tagebuch“ zu entwinden,  damit ich endlich weiss,  warum sie das Buch nicht mehr aus den Händen gibt
  • Nur noch ganz kurz ein paar Minuten ins Büro gehen,  weil ich vor meinen Ferien noch eine klitzekleine Sache erledigen muss
  • Vor dem Schrank stehen und darauf warten,  bis der Koffer von selber rausfällt,  damit ich keinen Stuhl holen muss
  • Luise den „Ententanz“ vorsingen und danach erfolglos versuchen,  die Melodie wieder aus dem Ohr zu kriegen
  • Wach bleiben,  damit ich meine To Do-Liste bis zum bitteren Ende abarbeiten kann

Und ich grenzenlos naiver Mensch hatte doch tatsächlich geglaubt,  ich könnte mir heute einen netten Frauensamstag mit Luise gönnen…

Erosion

Gestern bei der Dentalhygienikerin erfuhr ich, dass ich an Zahnerosion leide. „Eigenartig“, dachte ich. „Bis jetzt hiess es immer, wenn alle Leute Zähne hätten wie ich, wären die Zahnärzte arbeitslos und jetzt sollen die Dinger auf einmal erodieren. Aber was soll’s, meine Zähne werden auch nicht jünger.“ Ich hätte wohl zu viel Salat und Obst gegessen, meinte die Dentalhygienikerin und ich errötete, weil es ja wirklich stimmt, dass ich es einfach nicht schaffe, meine Finger von saftigen Pfirsichen und frischen Himbeeren zu lassen, obschon ich weiss, wie ungesund das Zeug ist. Oder bringe ich da etwas durcheinander? Nun, wie dem auch sei, die Dentalhygienikerin wusste, was zu tun ist. „Kennst du diese neue Zahnpaste gegen Zahnerosion schon?“, fragte sie und griff ins Regal mit den Gratismustern. „Das ist wirklich das Beste, was es derzeit auf dem Markt gibt. Ich geb dir doch gleich ein paar Tuben mit. Und Zahnspülung kannst du auch noch mitnehmen.“

Kaum zu Hause, probierte ich das scheusslich schmeckende Zeug aus. Beim Schrubben meiner Zähne las ich, was auf der Verpackung steht. Rund ein Drittel aller Schweizer würden an Zahnerosion leiden und darum sei es enorm wichtig, dass man die Zähne regelmässig mit dieser brandneuen Paste reinige, heisst es da. Wie gut, dass meine Dentalhygienikerin mich rechtzeitig gewarnt hat, bevor auch meine Zähne Opfer dieser neuen Volkskrankheit werden.

Ich bin mir allerdings nicht ganz sicher, ob die Zahnpaste erfunden wurde, um die neue Volkskrankheit Zahnerosion zu bekämpfen, oder ob die Zahnerosion erfunden wurde, um eine neue Zahnpaste unters Volk zu bringen.

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