Calm down, workaholic

Wie so oft nach den Ferien ist gegen Ende der ersten Arbeitswoche noch sehr viel Unerledigtes, das nicht bis nächste Woche warten kann. Überstunden sind angesagt, doch weil „Meiner“ abends weggeht, wird zu Hause gearbeitet. Was fertig ist, wird ins Büro gemailt. Im Nebenzimmer versucht das Prinzchen einzuschlafen, nach langer Zeit mal wieder mit Musik vom iPad, weil meine Stimme heute nicht so recht will und das Prinzchen Wert legt auf reine Töne. Ich erledige ein Dokument, schicke mir eine Mail ins Büro und schrecke auf. Hat da mein iPad nicht gerade den Eingang einer Nachricht signalisiert? In meiner privaten Mailbox aber ist nichts Neues angekommen, also muss es eine geschäftliche Sache sein. „Wer ist denn um diese Zeit noch am Arbeiten?“, brumme ich und mache mich an der nächsten Aufgabe zu schaffen. Die Sache ist schnell erledigt, also ab in die Mailbox damit und weiterarbeiten. Vielleicht bleibt dann noch etwas Zeit zum Bloggen. Aber was höre ich da? Schon wieder eine neue Nachricht, schon wieder nichts in der privaten Mailbox. „Du meine Güte, was ist denn heute Abend los?“, schiesst es mir durch den Kopf. „Hoffentlich ist nichts schief gelaufen. Muss nachher mal nachsehen, wer da geschrieben hat. Aber zuerst noch schnell dies…“ Ich arbeite weiter, wenig später wieder das Signal. So langsam werde ich richtig nervös, also unterbreche ich meine Arbeit und sehe nach, welcher Irre denn die Geschäftsmailbox so spät am Abend mit Nachrichten füllt.

Nun, es war kein Irrer, sondern eine Irre. Eine Irre, die momentan verzweifelt eine Antwort sucht auf die Frage, wie durchgeknallt man denn sein muss, nicht zu merken, dass man selber die Person ist, die einen zu später Stunde derart in Rage bringt?

 

Neulich am Esstisch

Mama: „Prinzchen, nimm sofort deine Füsse vom Tisch!“

Prinzchen: „Nei, dörf Füess uf de Tisch.“

Mama: „Nein, Prinzchen. Du darfst deine Füsse nicht auf den Tisch legen. Nimm sie sofort runter, wir sind am Essen.“

Prinzchen: „Nei, dörf Füess uf de Tisch.“

Mama: „Aber wir anderen legen unsere Füsse auch nicht auf den Tisch.“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Aber der Papa und du, ihr macht das manchmal auch!“

Mama: „Aber ganz bestimmt nicht auf den Esstisch. Auf den Salontisch ja, aber dort dürft ihr auch. Also, Prinzchen, jetzt nimmst du sofort deine Füsse vom Tisch.“

Prinzchen: „Nei, dörf Füess uf de Tisch.“

Zoowärter: „Aber Prinzchen, ein Dinosaurier legt doch seine Füsse nicht auf den Tisch!“

Prinzchen, leicht verwirrt: „Hät gar kei Tisch gää bi Dinosaurier.“ (Frei übersetzt: Die Dinos hatten noch gar keine Tische, du Blödmann!)

Zoowärter: „Ja, aber wenn sie Tische gehabt hätten, dann hätten sie ihre Füsse nicht draufgelegt, weil das ganz gruuusig ist.“

Das Prinzchen denkt nach, nimmt seine Füsse vom Tisch und murmelt vor sich hin: „Hät gar kei Tisch gää bi Dinosaurier…“

Ach, lass sie doch…

Jeder in der Schweiz weiss, dass die Italiener Kinder über alles lieben und deshalb gibt es immer wieder Eltern, die ganz enttäuscht vom Italien-Urlaub zurückkehren. Die sind ja gar nicht kinderlieb, wird gejammert. Keine speziellen Kindermenüs im Restaurant, keine Farbstifte und Ausmalbilder, kaum Wickelstationen und wenn, dann total verdreckt, die Spielplätze oft vor Jahren liebevoll eingerichtet und danach dem langsamen Verfall überlassen. Auf die öffentlichen Toiletten wollen wir gar nicht näher eingehen, bloss diese eine Bemerkung sei erlaubt: Nachdem ich habe erkennen müssen, dass sich in diesem Bereich leider noch immer nichts gebessert hat, verstehe ich, weshalb es in jedem Supermarkt diese bunten Desinfektionssets für Kinder zu kaufen gibt. Würde ich in Italien leben, ich würde meine Kinder wohl auch nicht ohne aus dem Haus lassen.

Nein, wenn man Kinderfreundlichkeit an den speziell auf die Bedürfnisse kleiner Menschen zugeschnittene Einrichtungen misst, dann schneidet Italien wirklich schlecht ab. Und wenn man sich eine Stunde lang mit zwei Vorschulkindern durch einen italienischen Supermarkt gekämpft hat und tausendmal hat sagen müssen „Nein, das kaufe ich dir nicht. Ja, es ist schön bunt und ja, es gibt gratis ein Spielzeug dazu aber glaub mir, das ist pures Gift, was in dieser Verpackung steckt“, dann fragt man sich, ob es ein weiser Entscheid gewesen war, mit den Kindern in den Süden zu reisen. Gibt es sie wirklich, diese vielgerühmte Kinderliebe der Italiener? 

Ja, es gibt sie und zwar dann, wenn es wirklich darauf ankommt. Am späten Abend zum Beispiel, wenn die Erwachsenen noch immer nicht genug geschlemmt haben, die Kinder aber müde und ungeduldig werden und nicht mehr auf den unbequemen Stühlen im Restaurant sitzen mögen. In der Schweiz würden jetzt die ersten spitzen Bemerkungen fallen, so in Richtung „Die müssten schon längst im Bett sein, diese kleinen Nervensägen“. In Italien aber stört sich keiner daran, dass die Kinder sich bemerkbar machen. Im Gegenteil, die Kellnerin schiebt gar zwei Stühle zusammen, damit das müde Prinzchen sich nicht auf den Fussboden legen muss. Hier ist es auch kein Problem, wenn ein Kind im Restaurant nach der dritten Vorspeise verkündet, dass es jetzt genug gegessen hat. Okay, man sorgt sich, ob der kleine Mensch nicht am Ende verhungern wird so ganz ohne Pasta, aber wenn er lieber spielen will, dann soll er und ein Dessert gibt’s am Ende trotzdem.

In der Schweiz erlebe ich es oft, dass das Umfeld gereizt reagiert, wenn die Kinder sich wie Kinder benehmen und ich ertappe mich dabei, wie ich an meinen Knöpfen herumnörgele, bloss weil ich die gehässigen Bemerkungen der Leute fürchte. Ich weiss nicht, wie oft ich in der vergangenen Woche genau so reagiert habe und dann mit Erstaunen festgestellt habe, wie das Umfeld völlig gelassen blieb: „Lass sie doch, sie sind Kinder also mach dir keinen Stress“, sagte man und wenn man es nicht sagte, dann liess man uns spüren, dass es vollkommen in Ordnung ist, wenn Kinder Kinder sind.

Eine äusserst entspannende Erfahrung. Was nicht heissen soll, dass eine anständige Toilette und hin und wieder ein sauberer Wickeltisch nicht auch willkommen gewesen wären.

 

Milano Centrale II

Samstag, 15. Oktober, ca. 14:30 Uhr. Familie Venditti hat es endlich geschafft, im Gewirr der Strassen den Weg zum Bahnhof Milano Centrale zu finden. Das Mietauto ist abgegeben, die Eltern stehen etwas ratlos da, umgeben von fünf überdrehten Kindern und zahlreichen Gepäckstücken. Vier Stunden bis zur Abfahrt des Zuges. Wie sollen wir die bloss totschlagen? Am einfachsten wäre es, das ganze Gepäck auf einen Gepäckwagen zu laden und sich nach etwas Essbarem umzusehen. Gepäckwagen? Der Bahnangestellte schüttelt den Kopf. So etwas gibt es hier nicht mehr, leider. Aber cinque Bambini? Bravissimi! 

„Meiner“ deponiert Frau und Gepäck auf einer Bank und macht sich mit den cinque Bambini auf die Suche nach Schliessfächern. Gibt es hier auch nicht. Aber Sie können Ihr Gepäck selbstverständlich zur Aufbewahrung abgeben. Kostet nur vier Euro pro Gepäckstück. Macht für das Gepäck der Grossfamilie Venditti 48 Euro. Gestern haben wir alle zusammen für 80 Euro gegessen, Primo, Secondo, Wasser und Kaffee. Dann vielleicht besser keine Gepäckaufbewahrung, wir brauchen das Geld noch für das Abendessen.  Also gilt es, vier Stunden am Bahnhof totzuschlagen und zwar so, dass das Gepäck dabei nicht allzu hinderlich ist.

Bloss wie? Vielleicht mit Ansichtskarten schreiben? Die Kinder möchten doch so gerne und in Alba hatten sie keine, zumindest nicht dort, wo wir nachgefragt haben. Ansichtskarten finden wir, aber dann müssen die Kinder aufs WC. Macht einen Euro pro Person, was nicht viel wäre, wenn das WC sauber wäre und ich Luise nicht WC-Papier durch die Türe reichen müsste, weil es bei ihr keines hat. Nach der WC-Pause noch schnell etwas essen, ein kurzes Wiedersehen mit dem fliegenden Händler aus Bangladesh, der sich unglaublich darüber freut, diesmal die komplette Familie zu Gesicht zu bekommen und dann müsste man nur noch Briefmarken haben. Aber schnell, der Zug fährt in einer halben Stunde. Doch die zwei Worte „schnell“ und „Post“ in einem einzigen Satz, das geht nicht in Italien, da muss man schon einen halben Tag einplanen, wenn man Briefmarken braucht. Irgendwann stehen wir vor der Wahl: Briefmarken oder Zug. Wir entscheiden uns für den Zug, auch wenn Karlsson nicht gerade glücklich ist, dass die Postkarten mit uns in die Schweiz reisen. 

Als wir endlich alle auf unseren Plätzen sitzen, die Gepäckstücke, die für den ganzen Schlamassel verantwortlich waren, sicher verstaut, sind „Meiner“ und ich uns einig: Ein halber Tag Milano Centrale und die ganze Erholung ist im Eimer. 

Wie? Ob es nicht mit weniger Gepäck gegangen wäre? Aber nicht doch. Wo hätten wir denn die Röstpfanne für die Kastanien verstauen sollen? Und ich habe ja auch eigens meine ausgelatschten Schuhe weggeschmissen, um Platz zu sparen und die Prinzchen-Schuhe, die der Siebenschläfer angefressen hat, sind auch nicht mehr mit nach Hause gekommen…

Ganz viel nichts

Es war himmlisch. Das Haus weitab von allem, was einen an den Alltag erinnern könnte, weder Internet-Verbindung noch verlässlicher Handy-Empfang, kein Fernseher, keine Strassenlampe weit und breit. Einfach nur Natur, strahlender Sonnenschein und nachts der volle Mond, neugeborene Kätzchen im Stroh, Haselnüsse und Esskastanien auf dem Waldboden, Holzöfen, die abends die herbstliche Kühle vertrieben, ab und zu mal ein Rascheln, von dem man nicht wusste, woher es kam und ganz viel Zeit zum Nichtstun und zum Überlegen, wie man zumindest ein wenig von diesem Nichtstun in den Alltag hinüberretten könnte. Hin und wieder ein Abstecher in den Supermarkt, um sich die Delikatessen der Region ins Haus zu holen, ein kurzer Besuch am Meer – ja, die Kinder sind jetzt eindeutig reif für Ferien am Strand, auch wenn „Meiner“ und ich es nie sein werden -, zwischendurch mal ein Essen im Restaurant, weil es so schön ist, wenn einem die gebratenen Tauben in den Mund fliegen. Keine Nachrichten von zu Hause, mal abgesehen von dem einen Anruf, um sicher zu gehen, dass es den Katzen gut geht. 

Eigentlich nicht viel, wenn man zurückdenkt, was man denn in dieser Woche getan hat. Und doch viel mehr, als man sich je hätte träumen lassen. 

Es ist uns allen ziemlich schwer gefallen, heute früh die Koffer wieder zu packen.

Milano Centrale I

Samstag, 8. Oktober, ca. 12 Uhr mittags. Familie Venditti, soeben mit dem Zug aus der Schweiz angekommen, verlässt den Bahnhof Milano Centrale, um sich auf die Suche nach der Autovermietung zu machen. Nach fünf Minuten das erste Mal die Frage: „Signora, quanti Bambini ha? Cinque?“ Jawohl, fünf haben wir. „Brava, Signora! Ha fatto bene!“ Danke sehr, ich fühle mich geschmeichelt, dass man meine Gebärfreudigkeit würdigt, auch wenn ich gerade verzweifelt versuche, die fünf, die ich so freudig geboren habe, unter Kontrolle zu halten, ohne dabei einen Koffer aus den Augen zu verlieren. 

Weil die Autovermietung ein paar Schritte vom Bahnhof entfernt liegt, bleibe ich mit Gepäck, Zoowärter und Prinzchen auf dem Bahnhofplatz, während „Meiner“ sich mit den Grossen aufmacht, das Auto abzuholen. Es dauert nicht lange, bis uns der erste fliegende Händler entdeckt hat. Aber der versucht gar nicht erst, uns Sonnenbrillen anzudrehen, er kommt gleich zur Sache: „How many children? Five? Well done!“ Und dann will er alles wissen: Wie viele Jungs, wie viele Mädchen, wie alt sie sind, ob ich noch berufstätig bin und ob die Schweiz sich in der Familienförderung grosszügig zeigt. Und dann, als er sich daran erinnert, dass er ja selber auch eine Familie zu ernähren hat – ob in Italien oder in Bangladesh hat er mir nicht erzählt – , verabschiedet er sich von uns mit den Worten:  „You’re such a hard-working woman. Very well done!“

So langsam wird mir die Bewunderung peinlich, bin ich doch alles andere als die perfekte Mama, besonders jetzt nicht, wo ich das Prinzchen mit pädagogisch fragwürdigen Methoden daran hindern muss, Milano Centrale sauber zu machen und jedes kleinste Papierfetzchen vom schmutzigen Boden aufzuheben, um es im noch schmutzigeren Abfalleimer zu entsorgen. Aber die Lobhudelei hat noch längst kein Ende. Drei freundliche Damen kommen auf mich zu, um mich für die Zeugen Jehovas anzuheuern. In der Schweiz habe ich schon öfters erlebt, dass diese nie locker lassen und meist ziemlich gehässig reagieren, wenn ich ihnen mitteile, dass ich meinen Glauben bereits gefunden habe und nicht gedenke, ihn demnächst gegen einen neuen einzutauschen. Hier aber läuft das Gespräch anders ab. Zuerst natürlich die übliche Frage, ob ich etwas zum Lesen haben möchte, weil ich mit zwei kleinen Jungs unterwegs bin natürlich etwas über Erziehung. „Wie soll ich die bloss wieder loswerden?“, frage ich mich, da kommt mir der rettende Einfall. Warum nicht von meinen fünf Kindern zu reden anfangen, wo diese hier doch ganz offensichtlich eine Attraktion sind? Also bemerke ich ganz beiläufig, dass die zwei süssen kleinen Jungs, die sich gerade um ein zerbrochenes Brillengestell streiten, nicht meine einzigen Kinder sind. Und siehe da, die netten Damen beissen an. Bald bin ich diejenige, die redet und sie hören mit grossen Augen zu. Ja, es ist manchmal ein ziemlicher Stress, ja wir lieben die fünf über alles, nein, wir möchten keins mehr, nun ja, ich schon, aber „Meiner“ nicht, ja, wir freuen uns, dass wir mit unseren Knöpfen in die Ferien reisen dürfen, oh ja, natürlich sind sie alle ganz lieb und nett, ach ja, die Wäscheberge, Sie wissen schon….

Ich glaube, wenn sie mir noch etwas mehr Zeit gegeben hätten, ich hätte sie dazu bekehrt, eine Grossfamilie zu gründen, aber leider hatte ich gerade kein Traktat dabei, das ihnen aufgezeigt hätte, wie sinnlos ein Leben ohne grosse Kinderschar doch ist. Und sie hatten keine Zeit mehr, mir länger zuzuhören, weil sie ganz dringend auch noch jemanden bekehren mussten. Ja, und dann fährt zum Glück „Meiner“ vor und holt uns mitsamt unseren Koffern ab. Wirklich höchste Zeit, von hier zu verschwinden. Der fliegende Händler von vorhin hat nämlich bereits einen Kollegen herbeigerufen, dem er unbedingt noch die Sensation zeigen will, die er mitten im Getümmel von Milano Centrale entdeckt hat. 

Das Problem bei uns Grossfamilien ist nur, dass man nie wissen kann, wie schnell die öffentliche Meinung von „Ach, wie toll, so eine grosse Familie“ zu „Die haben auch gar nichts im Griff, weder die Geburtenkontrolle noch ihre Rotznasen“ kippt. Und darum ist es immer gut, sich in ein schützendes Auto flüchten zu können, wenn wir zu sehr beachtet werden. 

Soweit reicht mein Glaube nicht

Es gibt viele Dinge in diesem Leben, die mich aggressiv werden lassen – die Plakatkampagnen der SVP, zum Beispiel, oder Gesprächsfetzen, wie ich sie neulich gehört habe: „Der Chinese, der hält seinen Yuan ja künstlich billig, der Spanier ist zu faul zum Arbeiten, der Schweizer muss jetzt wegen dem starken Franken seine Firmen schliessen und der fleissige Deutsche ist mal wieder der Dumme.“ Auch wenn mir jemand klagt, er sei nun schon seit drei Jahren auf Stellensuche, habe aber nie eine Chance gekriegt „aber ich sehe nicht ein, wozu ich diese Weiterbildung hätte machen sollen, ich bin doch jetzt auch schon sechsundzwanzig“ kann ich mich nur mit grosser Mühe zurückhalten. Und wenn man erst zu klagen anfängt, der Atomausstieg würde unseren hohen Lebensstandard gefährden…

Ja, das alles kann mein Blut ganz schön in Wallung bringen, nichts, aber auch wirklich gar nichts treibt mich jedoch derart in Rage, wie ein Wohnungsputz. Ich kann mir noch so sehr einreden, das alles sei gar nicht so schlimm und in wenigen Stunden erledigt, ich kann mir noch so viele Strategien ausdenken, wie ich diesmal die grosse Wut umgehen kann, kaum halte ich Putzlappen und Feger in der Hand, kocht in mir dieser unbändige Zorn hoch, der sich gegen alles richtet, das mir in die Quere kommt, sei es nun eine harmlose Stubenfliege oder ein noch harmloserer „Meiner“, der wissen will, ob er mal ganz schnell den Staubsauger haben kann, damit wir schneller fertig werden mit dieser elenden Putzerei. Mit sowas muss man mir in dem Moment nicht kommen, so berechtigt das auch Anliegen sein mag, denn mit Putzlappen in der Hand werde ich zur Furie, die sich selber nicht mehr ausstehen kann.

Da helfen weder die Klassische, noch die Anbetungsmusik, die ich zu meiner Besänftigung jeweils laufen lasse. Im Gegenteil, das macht alles nur noch schlimmer, vor allem die Anbetungsmusik, denn das passt ja mal wieder wunderbar zusammen: Giftige Bemerkungen auf der Zunge, ein hasserfüllter Blick auf den elenden Dreck und dazu fromme Musik. Ich kann mir jetzt schon lebhaft vorstellen, wie unsere Kinder dereinst stöhnen werden, wenn sie erwachsen sind. „Putztage waren einfach schrecklich. Die Mama fegte wie ein wild gewordener Bulle durch die Wohnung, motzte jeden an, der ihr in die Nähe kam und dazu hörte sie diese fromme Musik, die wie die Faust aufs Auge passte…“

Das Schlimmste an der Sache ist, dass ich nicht an eine Besserung glaube. Mein Glaube reicht weit – ich habe zum Beispiel die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass die gesamte Christenheit dereinst erkennen wird, dass (Fremden)Hass und Gewalt im Namen Gottes nicht passen zu „liebe deinen Nächsten“ und erst recht nicht zu „liebet eure Feinde und tut Gutes, denen die euch hassen.“ Dass ich aber eines Tages vor dem Putzeimer stehen und zu mir sagen werde „Ist doch alles halb so schlimm, bringen wir’s doch einfach hinter uns“, daran glaube ich immer weniger. Und so kommt es, dass ich mir während der Putzerei all diese Gedanken zur mangelnden Nächstenliebe auf dieser Welt mache und gleichzeitig mache ich meinen allerliebsten Nächsten das Leben schwer, bloss weil ich mich noch immer nicht damit abfinden kann, dass der Dreck weg muss.

Zurück an den Herd, aber schnell

Wildschweingulasch, Gâteau du Vully, Gelée aus den Scheinquitten, die so lange unbemerkt in unserem Garten wuchsen – sie hat mich wieder, die Kochleidenschaft. Es müssen nicht mal Dinge sein, die ich selber essen will, Hauptsache ich darf in den Töpfen rühren. Dass ich sie jemals verlieren könnte, diese Leidenschaft, das hätte ich nie erwartet. Natürlich, man hatte mich gewarnt, wie man mich vor so vielem warnte, als wir eine Familie gründeten. „Du wirst sehen, wenn die Kinder erst mal grösser sind, dann wird dir das Kochen um Hals raushängen. Immer nur noch Spaghetti, Milchreis und Fischstäbchen. Glaub mir, ich weiss, wovon ich rede.“

Und so kam es dann auch, irgendwie. Obschon die Kinder keine Schuld trifft an der vorübergehenden Misere. Die geben sich nämlich keineswegs zufrieden mit Spaghetti, Milchreis und Fischstäbchen. Oh ja, sie haben auch ihre Momente, in denen sie nicht wollen, was ich serviere, aber grundsätzlich sind sie Neuem gegenüber sehr aufgeschlossen und weder Exotischem noch Scharfem abgeneigt. Nein, das Problem lag bei mir. Mehr und mehr wurde mir die Kocherei zur lästigen Pflicht, die man eben auch noch irgendwann zwischen aufräumen, einkaufen, Kinder abholen, Büroarbeit und Windeln wechseln erledigen muss. Noch schlimmer war es mit dem Essen. Anstatt zu geniessen war da nur noch der Kampf, auch noch  etwas zwischen die Zähne zu bekommen, irgendwann zwischen dem Aufwischen des verschütteten Apfelsafts und dem Trennen der Streithähne, die mit den Gabeln aufeinander losgingen. Na ja, vielleicht lag’s eben doch auch ein wenig an den Kindern…

Jetzt aber ist die alte Leidenschaft wieder da, auch wenn es bei uns am Tisch noch längst nicht so gesittet zugeht, wie man sich dies als wahrer Geniesser wünschen mag. Ein paar Monate, während denen vorwiegend ein Au Pair am Herd stand, Tage, an denen „Meiner“ das Kochen übernimmt und dies so wunderbar, dass mir nur das Geniessen, nicht aber die Arbeit bleibt, einige Stresstage, an denen mehr als Brot, Käse und Obst nicht drinliegt und schon ist da wieder Raum für neue Ideen und für alte Rezepte, die schon so lange darauf warten, ausprobiert zu werden. Und dann ist da noch dieses Kochbuch, das ich zum Geburtstag bekommen habe mit all diesen köstlichen Herbstrezepten…

Ich will zurück an den Herd und zwar schnell! Aber nur an den Herd, der Rest des Haushalts kann mir weiterhin gestohlen bleiben.

Hassliebe

„Meiner“ hat mir ja schon lange in den Ohren gelegen, dass er wiedermal nach Italien reisen wolle. Italien, das Land, aus dem seine Eltern ausgewandert sind, das Land, in dem er jeden Sommer vier endlose, langweilige Wochen verbringen musste, weil seine Eltern dort ein Haus bauten, das Land, von dem er sich als Zwanzigjähriger wünschte, es möge im Meer versinken, weil er es so satt hatte. Heute ist er etwas milder geworden in seinem Urteil, wohl weil er schon sehr lange nicht mehr dort war. Und das liegt vor allem an mir.

Eigentlich müsste ich das Land ja lieben, bietet es doch alles, was mir gefällt: Küche, Landschaft, historische Stätten, Sprache, alles einfach perfekt. Und doch sind da zuerst die schlechten Erinnerungen, wenn ich an meine bisherigen Besuche in Italien denke. Die Hühnerhälse, die man mir bei einem Verwandtenbesuch vorgesetzt hat. Der epochale Krach, den „Meiner“ und ich uns einmal in irgend einem Kaff fernab von jeder Tankstelle wegen eines leeren Benzintanks lieferten. Die Details sind mir entfallen, ich weiss nur noch, dass das Ganze mit einem Wutanfall meinerseits und einer zersprungenen Windschutzscheibe geendet hat. Da waren die zerstochenen Pneus in Lucca, als „Meiner“ und ich mal mit Freunden durch die Toscana reisten. Es war das Auto meiner Mutter und keiner von uns vieren verdiente eigenes Geld. Keine Ahnung mehr, wie wir damals die neuen Reifen bezahlt haben. Da waren die zwei Wochen in Sardinien, die doch eigentlich ein Traum hätten werden sollen und dann sassen „Meiner“ und ich am dritten Tag frustriert am Strand und wussten nicht, was wir hier noch anfangen sollten, weil wir uns so schrecklich langweilten. Wir entschieden uns, zu bleiben und sämtliche Museen der Insel abzuklappern, was eine sehr schlechte Idee war, denn die meisten Museen waren entweder geschlossen oder zwar offen, aber nur teilweise, weil der Rest gerade renoviert wurde. Da war später eine der ersten Ferienreise mit Karlsson. Sie führte ins Piemont. Wir hatten ein Studio gemietet und erst bei der Ankunft kam uns in den Sinn, dass wir ganz vergessen hatten, dass es in einem Studio mit Kind etwas eng werden könnte. Karlsson  schlief dann im Badezimmer, wo es ausserordentlich feucht war. Hätte er länger dort geschlafen, er wäre wohl schimmlig geworden, der arme Kleine. Aber auch ich war arm dran, denn ich war gerade mit Luise schwanger und da war mir rund um die Uhr so speiübel, dass ich kaum ein Glas Wasser runterbrachte, geschweige denn all das köstliche Essen. Noch heute dreht sich mein Magen um, wenn ich an jenes Trüffelrisotto denke. Ach ja, und da war da noch die Geschichte mit der Notbremse, als ich mal fürchtete, „Meiner“ stehe noch auf dem Perron, als der Zug den Bahnhof von Pescara verliess. Aber davon wollen wir jetzt nicht reden.

Bei all diesen Erinnerungen ist es mir wohl kaum zu verargen, dass ich jahrelang nichts mehr von Italien wissen wollte. Ob es diesmal anders sein wird? Ich weiss es noch nicht, aber ich hoffe es doch sehr. Denn eigentlich würde das Land ja wirklich alles bieten, was mir gefallen würde. Nun ja, die Politik und einen gewissen äusserst peinlichen Ministerpräsidenten blenden wir hier mal aus…

Tapetenwechsel

Ganz ehrlich, wir hatten nicht vor, in diesem Jahr noch einmal zu verreisen. Okay, zwei oder dreimal haben wir schon gen Himmel geseufzt, dass wir schon wieder reif sind für eine Verschnaufpause. „Wir würden ja nur zu gerne, wenn bloss dieses Konto sich nicht so standhaft querstellen würde…Italien wäre doch ganz hübsch, aber eben, leider ganz und gar unmöglich…“ Und dann, zwei oder drei Tage später diese Einladung: Eine Woche Piemont, die ganze Horde, einfach so geschenkt. Fast wie im Märchen, bloss real.

Nun sind wir also unterwegs, fest entschlossen, diese überraschende Verschnaufpause irgendwo zwischen Alba und Nirgendwo in vollen Zügen auszukosten. Habe ich eben „geniessen“ gesagt? Nun ja, bis jetzt war’s eher ein Gehetze, aber das ist ja auch nicht anders zu erwarten, wenn man morgens um sechs mit fünf Kindern und sieben Koffern durch die Dunkelheit hetzt. Aber wir haben es geschafft, der Zug nach Mailand rollt, wir alle sitzen drin und so langsam kommt diese unbändige Freude auf, dass wir so ganz unerwartet zu einem Tapetenwechsel kommen.

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