Andere Phase

Als sich bereits am Dienstag abzeichnete, dass ich spätestens am Donnerstagabend auf dem Zahnfleisch gehen würde, verkündete ich: „Der Freitag gehört ganz alleine mir!“ Dann könnte ich endlich wiedermal…

den ganzen Tag intensiv an meiner Geschichte arbeiten, die schon so lange auf ihre Fertigstellung wartet,

oder mich mit einem guten Buch in den Garten setzen und das schöne Wetter geniessen, 

oder die Stelle, wo der Gartenteich hinkommen soll, mal richtig jäten und vorbereiten, 

oder Croissants backen. Und Brioches. Und Laugengebäck,

…. oder in den Wald gehen, 

oder in der Stadt einen Kaffee trinken und in den Buchhandlungen nach Lesestoff stöbern, 

oder gemütlich mit jemandem einen Tee trinken und ein wenig plaudern, 

oder mit dem Velo in die Stadtgärtnerei fahren, das lauschige Gartencafé geniessen und ein paar Blumen für den Balkon kaufen, 

oder sonst irgend etwas tun, was mir Freude macht, 

… oder Schwiegermama zur Nachkontrolle ins Spital begleiten und dann bis zum frühen Nachmittag mit ihr auf der Notfallstation warten, weil aus einer latenten Geschichte etwas Akutes geworden ist. 

Wann werde ich endlich begreifen, dass auf die „Bei uns dreht sich alles um die Kinder“-Phase nicht die „Jetzt bin aber ich wiedermal dran“-Phase folgt, sondern die „Schwiegermama braucht uns jetzt ganz dringend“-Phase? 

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Woran du erkennst,…

… dass du dringend wieder mal ein paar (arbeits- und haushalts)freie Stunden alleine verbringen solltest:

  • Wenn du auf dem Heimweg von einem Interviewtermin nicht nur die Autobahn meidest, sondern auch unter dem Vorwand, du müsstest unbedingt jetzt gleich sehen, wie sich die Orte deiner Kindheit verändert haben, zahlreiche Umwege machst.
  • Wenn du es vorziehst, in einer Tiefgarage ein kaltes Stück Pizza zu essen, anstatt dich zu Hause mit allen anderen an den Mittagstisch zu setzen.
  • Wenn du dir durchaus vorstellen könntest, in dieser Tiefgarage auch noch ein wenig zu lesen, was du nur deshalb nicht tust, weil du fürchtest, die Gratis-Parkzeit laufe demnächst ab.
  • Wenn dein Herz höher schlägt, als sich die Bahnschranke vor dir langsam senkt. Jawohl, genau die Bahnschranke, über die du in der Regel schimpfst, weil sie bekannt ist dafür, endlose Staus zu verursachen.
  • Wenn du ganz betrübt bist, dass nur ein einziger kurzer Güterzug durchfährt, bevor sich die Schranke wieder hebt.
  • Wenn du zwar den ganzen Heimweg voller Zuneigung an deinen Lieben und ihren Bedürfnissen herum studierst, du aber doch ungemein dankbar bist, dass mal keiner von ihnen mit Dauergequassel deine Gedanken durcheinander bringt. 
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Spazieren für Fortgeschrittene

Spaziergänge mit Kleinkindern sind eine zeitraubende Angelegenheit. Alle paar Schritte bleibt man stehen, um eines der vielen kleinen Naturwunder zu beobachten, Mauern wollen erklommen werden und spätestens nach einer halben Stunde sind die kurzen Beinchen so müde, dass Tragen angesagt ist.

Auf Spaziergängen mit mittelgrossen Kindern kommt man zwar schneller voran, bis sie aber bereit sind, das Haus zu verlassen, muss so viel Überzeugungsarbeit geleistet werden, dass die Energie nicht mehr für weite Strecken reicht. 

Erst wenn einige Kinder schon gross sind, liegen anständige Spaziergänge drin und zwar abends, wenn die Kleineren im Bett sind und Mama und Papa alleine aus dem Haus gehen können.

Oder könnten. Wenn da nicht die Katze wäre, die laut klagend hinter ihnen her rennt und jedes Mal in Panik gerät, wenn sie ihre Menschen für einen Augenblick aus den Augen verliert. Um nichts in der Welt lässt sie sich abhängen und so bleibt einem am Ende nichts anderes übrig, als noch einmal nach Hause zu gehen, das Tier mit List ins Treppenhaus zu locken und dann heimlich still und leise noch einmal abzuschleichen. Dann endlich kann es losgehen mit dem Abendspaziergang. 

Man muss dann allerdings damit leben können, dass man bei der Rückkehr von einer zutiefst beleidigten Katze in Empfang genommen wird. 

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Am gleichen Strick

Wer die Schule gerne mal kritisiert, sollte auch nicht schweigen, wenn etwas gut läuft. Also zum Beispiel dann, wenn die Kinder beim Mittagessen etwas erzählen, was uns Eltern Bauchweh macht, „Meiner“ und ich beschliessen, der Lehrerin eine Notiz zu schreiben, damit sie Bescheid weiss und sie, kaum ist der Unterricht zu Ende, anruft, um uns zu sagen, dass sie unser Anliegen ernst nimmt und bereits dabei ist, eine konkrete Lösung zu suchen.

Fühlt sich eigentlich ganz gut an, wenn man gemeinsam am gleichen Strick zieht.

Besuch mit Konsole

Wir hatten schon Kinder zu Besuch, die nicht nach Hause gehen konnten, als ich Feierabend machen wollte, weil ihre Mama in der Ikea war. Ohne mich zu informieren, versteht sich.

Einmal hatten wir einen kleinen Gast, der unsere Hausmauer grossflächig mit Kohle verschmierte. Er fand, bei Vendittis mache das nichts aus, die seien ja nicht so streng wie andere Leute.

Ein anderer beschwerte sich über unsere Katzen und meinte beim Abschied, er würde erst wieder zu uns kommen, wenn wir die Tiere seinetwegen weggegeben hätten. 

Dann war da noch das Kind, das sich ungehemmt aus unserem Kühlschrank bediente, was mir eigentlich nicht so viel ausgemacht hätte, wenn es sich nicht über die vorhandene Auswahl beklagt hätte. 

Auch das Kind, das eines Tages zur Mittagszeit in die Küche spaziert kam, sich an den Esstisch setzte und fordernd fragte: „Was gibt’s zu essen?“, werde ich nie vergessen.

Dass aber einer mit der Spielkonsole bei uns aufkreuzt, weil er sich nicht vorstellen kann, mit Freunden etwas anderes zu spielen, habe ich bisher noch nie erlebt. Ich vermute, es wird bei diesem einen Besuch bleiben, denn wir haben den Jungen gebeten, beim nächsten Mal alleine zu kommen, aber ich glaube, er würde sich nicht trauen, seine geliebte Konsole einen ganzen Nachmittag lang unbeaufsichtigt zu Hause zu lassen. 

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Das Geheimnis der leeren Flaschen

„Wie ist es denn, wenn Ihr Sohn duscht? Nimmt er da nur eine kleine Menge Duschmittel, oder muss es immer gleich die ganze Flasche sein?“, will die Beraterin von mir wissen.

Ich lache schallend. Woher kennt die Frau unseren Sohn? Sie hat ihn doch noch nie gesehen. Hat sich gerade mal zwanzig Minuten mit mir über ihn unterhalten und im Vorfeld noch nicht mal einen Bericht über ihn gelesen. Warum also weiss sie von den unzähligen Duschmittelflaschen, die vor dem Bad noch voll, danach aber leer waren? Was weiss sie von den Moralpredigten, die wir schon so oft gehalten haben, dass nicht nur unser Sohn, sondern auch der geschundene Planet, um den es in der Rede hauptsächlich geht, laut gähnt und die Augen verdreht? 

Die Beraterin weiss natürlich nichts von den Szenen, die sich jeweils in unserem Badezimmer abspielen. Aber sie weiss von Beeinträchtigungen, die dazu führen, dass scheinbar Selbstverständliches für manche Kinder einfach nicht verständlich ist. Sie weiss, dass sich solche Beeinträchtigungen manchmal im Klitzekleinen bemerkbar machen. Zum Beispiel beim Duschmittel. 

Und zum ersten Mal dämmert mir so richtig: Unser Sohn ist nicht der einzige, der trotz guter Auffassungsgabe einfach nicht nachvollziehen kann, weshalb das Duschmittel am Ende des Bades nicht leer sein sollte. Wir sind nicht die einzigen Eltern, die fassungslos die schon wieder leere Flasche in der Hand halten und uns fragen, was wir bloss falsch gemacht haben. Wir sind nicht die einzige Familie, die immer und immer wieder am scheinbar Banalen scheitern. 

Am Ende des Beratungsgesprächs bin ich erleichtert und traurig zugleich. Erleichtert, weil ich jetzt endlich verstehe, dass das, was wir alle manchmal als unendlich herausfordernd erleben, angesichts der Umstände vollkommen normal ist. Und traurig, weil ich das zu gerne früher schon gewusst hätte. Wir hätten uns dann nicht immer in aussichtslose Kämpfe verwickeln müssen, sondern längst schon nach den alternativen Lösungen gesucht, die wir jetzt zu finden anfangen.

Zum Beispiel, indem unser Sohn das Duschmittel nur noch in kleinen Portionen bekommt. Und diese Fläschchen darf er dann bis auf den letzten Tropfen leeren, ohne dass er von uns eine Moralpredigt zu hören bekommt. 

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Der Kantönligeist gibt sich (fast) geschlagen

Damit hat er wohl nicht gerechnet, der Kantönligeist. Er, der in diesem Land schon in so manchen Kampf gegen den gesunden Menschenverstand als Sieger hervorgegangen ist, muss sich für einmal geschlagen geben. 

Wie vergnügt wäre er gewesen, wenn unser Kind nach den Sommerferien nicht in der Nähe, sondern viel weiter weg, dafür im „richtigen“ Kanton die Schule besuchen müsste. Wie hätte er sich gefreut, wenn „Meiner“ und ich an langen Abenden böse Briefe und seitenlange Anträge hätten verfassen müssen, um beim zuständigen Amt gegen den Entscheid zu protestieren. Wie stolz wäre er gewesen, wenn der Alltag einer weiteren Familie seinetwegen zu einem schier unerträglichen Hürdenlauf geworden wäre.

Tja, und nun sass er frustriert in der Ecke, starrte betrübt auf den Brief, der den Sieg des  gesunden Menschenverstandes schwarz auf weiss bestätigt, und verstand die Welt nicht mehr. „Hat denn heutzutage keiner mehr Achtung vor einer Kantonsgrenze?“, fragte er eins ums andere Mal und schluchzte laut. „Einen kleinen Sieg hast du ja trotzdem errungen“, sagte ich tröstend, weil er mir trotz meiner Freude doch irgendwie leid tat. „Immerhin haben bald schon zwei Vendittis andere Schulferien als der Rest der Familie. Das gibt ganz neue Herausforderungen bei der Ferienplanung.“ 

Da breitete sich ein fast schon diabolisches Lächeln auf dem traurigen Gesicht des Kantönligeistes aus. „So schnell lasse ich mich eben doch nicht kleinkriegen“, sagte er und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. 

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Man müsste halt mal richtig abschalten

Einfach in die Ferien zu fahren, reicht leider nicht mehr. Man müsste sich auch von den Sozialen Medien fern halten, um sich richtig zu erholen. 

Da verbringt man ganz entspannte Tage in einem gemütlichen Ferienhaus, geniesst die traumhafte Landschaft, hat viel Zeit für Kinder, Gedanken, Texte, die Enten im Teich, holländischen Käse und andere wundervolle Dinge. Es wäre so einfach, sich voll und ganz auf all das Schöne zu konzentrieren, aber dann begeht man den Fehler, kurz auf Facebook vorbeizuschauen und schon ist es vorbei mit dem Ferienfrieden. Die ganze Schweiz, so verrät ein Blick auf die Timeline, ist in Panik, weil der April sich in den letzten Tagen so aufgeführt hat, wie man es eigentlich von ihm erwarten dürfte. Schreckensbilder von kältegeplagten Tulpen, Wehklagen über erfrorene Setzlinge, Schimpftiraden auf Petrus, der mit seinen Launen gemütliche Stunden auf dem Balkon verunmöglicht. 

Wie will man da noch die Ferien geniessen? Wo es doch schon schwer genug war, den Garten für fast zwei Wochen sich selbst zu überlassen? Jetzt also die quälenden Fragen: Ist den Tomatenpflanzen im Gewächshaus auch wirklich warm genug? Werden wir bei der Heimkehr lauter traurige, geknickte Blumen antreffen? Hätte ich die Artischocken vielleicht doch noch einmal mit Tannzweigen zudecken sollen? Müssen wir uns am Ende gar die diesjährige Obsternte abschminken?

Natürlich zeigt sich bei der Heimkehr, dass man sich die ganzen Sorgen hätte sparen können. Dem Garten geht es dank seiner geschützten Lage prächtig. Ich hätte also meine Ferien getrost bis zum letzten Tag geniessen dürfen. Aber um das zu können, hätte ich auch Ferien von Facebook machen müssen.

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Interkultureller Dialogversuch, Teil VII

Für einmal kein Versuch, mich mit meiner Schwiegermama zu verständigen, sondern eine kleine Beobachtung über die Interaktion von Schweizern und Holländern:

Im Café, an der Kasse oder sonst irgendwo: Ein Holländer oder eine Holländerin sagt etwas zu uns. Wir haben das Gefühl, das Gesagte zu verstehen, denn irgendwie klingt das ja sehr Schweizerdeutsch. Aber natürlich verstehen wir nur Bruchstücke und darum geben wir unserem Gesprächspartner zu verstehen, dass wir eben doch nicht so recht verstehen. Inzwischen hat die Person aber mitbekommen, wie wir untereinander ein paar Worte auf Schweizerdeutsch gewechselt haben und von diesen Worten hat sie ebenfalls einige Bruchstücke verstanden, weil unsere Sprache für sie ja eben auch irgendwie vertraut klingt. Also gibt sie uns zu verstehen, dass wir uns auf dem richtigen Weg befinden, fügt ein paar klärende Worte hinzu, die für uns auch wieder irgendwie halbwegs verständlich sind und so geht das eine Weile weiter, bis wir uns mit viel Geschwätz, Gelächter und Gesten so gut verständigt haben, dass wir oft nicht mal den Umweg über das Englische nehmen müssen.

Ich finde diese Art von Völkerverständigung sympathischer als die Methoden, von denen man in diesen Tagen in den Nachrichten erfährt. 

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Mama auf Abruf

Wieder so ein Mutterdings, auf das dich keiner vorbereitet: Nicht mehr dauernd gebraucht zu werden und doch irgendwie verfügbar sein zu müssen.

Nehmen wir zum Beispiel den morgigen Tag. Das vorgesehene Programm sagt den drei jüngeren Kindern nicht zu, weshalb es klüger ist, die Familie aufzuteilen, denn ein Tagesausflug mit drei übel gelaunten Jungs ist alles andere als erholsam. Klüger ist es auch, wenn „Meiner“ mit den zwei Grossen fährt, denn in diesem topfebenen Land, in dem es nicht einen einzigen Hügel gibt, an dem sich mein ohnehin schon miserabler Orientierungssinn festklammern könnte, bin ich auf der Strasse heillos überfordert. 

Mein Tag wird morgen also vermutlich so aussehen: FeuerwehrRitterRömerPirat, Zoowärter und Prinzchen werden sich auf dem Trampolin, im Schwimmbad, auf dem Deich beim Drachensteigen, auf dem Fussballplatz und vielleicht auch auf dem Spielplatz vergnügen, so dass ich den ganzen Tag für mich haben werde. Theoretisch zumindest, denn immer dann, wenn ich in Versuchung kommen werde, mich in die Sauna zurückzuziehen, mich in ein Buch zu vertiefen oder einen Spaziergang zu machen, wird einer angerannt kommen. Weil es Streit gegeben hat, weil sich jemand das Knie aufgeschlagen hat, weil sich eine Tür nicht ohne meine Hilfe öffnen lässt, weil sie Hunger haben, weil… Was auch immer der Grund sein mag, sie werden mich brauchen und zwar immer dann, wenn ich glaube, gerade nicht gebraucht zu werden. 

Warum ich dann nicht einfach etwas mit den Dreien unternehme? Weil die doch nichts lieber wollen, als in diesem geschützten Umfeld die Welt auf eigene Faust zu entdecken und dazu kann man eine Mama im Schlepptau nun wirklich nicht gebrauchen.

Mütter dienen in einem gewissen Alter eben nur noch als Anlaufstelle in brenzligen Situationen. Unwichtig sind sie deswegen aber noch lange nicht. Wie das laute Geschrei beweist, das erklingt, wenn Mama mal nicht auf Abruf verfügbar ist…

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