Back to normal

Die Winterferien, die mit ihrer Geruhsamkeit meinen Alltag gehörig auf den Kopf gestellt haben, sind seit gestern vorbei. Jetzt herrscht endlich wieder die gute alte Routine:

Kaum steige ich gestern Morgen in Zürich, wo ich einen Gesprächstermin habe, aus dem Zug, erreicht mich ein Anruf aus der Schule. Der FeuerwehrRitterRömerPirat fühlt sich nicht wohl und möchte nach Hause. Ich bin erleichtert. So werde ich wenigstens von jemandem erwartet, wenn ich aus der bösen, kalten Grossstadt nach Hause zurückkehre.  

Am Nachmittag dann ein Informationsbrief: Am Schmutzigen Donnerstag und am Fasnachtsdienstag fällt nachmittags der Unterricht aus. Ich stosse einen Freudenschrei aus. Jetzt muss ich wenigstens nicht alleine über das närrische Getue schimpfen, sondern kann mit den Kindern gemeinsam jammern. 

Der FeuerwehrRitterRömerPirat ist heute Morgen wieder auf den Beinen. Damit ich trotzdem nicht einsam bin, übergibt sich der Zoowärter. Er hat sich eigens darum bemüht, sich schon am ersten Schultag nach den Ferien in Sachen Käfer auf den neuesten Stand zu bringen.

Später dann eine Nachkontrolle im Kantonsspital, zu der die Versicherung Luise – und damit auch mich – eingeladen hat. Ach, wie bin ich doch dankbar für die vierzig Minuten im Wartezimmer und die halbe Stunde, die ich mehr oder weniger stumm an Luises Seite verbringen darf. Ich wüsste ja sonst nicht, was ich mit meiner Zeit anfangen sollte.

Wie schön, dass man jetzt endlich wieder mit der täglichen Portion Planänderung rechnen kann. Seitdem die Kinder an schulfreien Tagen immer erst kurz vor Mittag aus ihren Betten gekrochen kommen, sind Ferientage in diesem Haus so gefährlich ruhig geworden, dass man sich glatt daran gewöhnen könnte. 

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Fast schon wundersam

Nahezu Unglaubliches hat sich bei uns zu Hause ereignet. Zwei grosse Tafeln Schokolade – die Riesendinger, die etwa 400 Gramm auf die Waage bringen – haben drei volle Monate in unserem Küchenschrank überlebt. 

Keiner hat ihnen das Papier vom Leib gerissen.

Keiner hat sich heimlich ein Stück abgebrochen.

Keiner hat sie bis auf den letzten Würfel verdrückt und dann das leere Papier mit ein paar Krümeln liegen gelassen.

Ja, es sieht gar so aus, als wären sie während der ganzen langen Zeit nicht ein einziges Mal berührt worden. 

Sie liegen einfach da, zufrieden und ganz und gar unbesorgt, gerade so, als hielten sie sich nicht an einem für Schokolade brandgefährlichen Ort auf. Wo doch die durchschnittliche Lebensdauer einer Tafel Schokolade in diesem Haus eine halbe Stunde beträgt.

Ein Wunder, könnte man fast denken. Wenn es denn keine Zartbitterschokolade wäre…

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Typischer Elternmoment

Nach einem langen Tag lässt du gegen Mitternacht deinen müden Kopf aufs Kissen sinken. Eine Weile lang noch dreht sich das Karussell deiner Gedanken, dann fallen dir die Augen zu und du gleitest allmählich in eine surreale Welt. Kaum bist du dort angekommen, erscheint eine sehr reale Gestalt an deinem Bett: „Mama, kannst du mir erklären, warum ich heute plötzlich so traurig geworden bin?“, fragt sie. Erst denkst du, diese Gestalt sei Teil der anderen Welt, in der du gerade unterwegs bist, doch als sie die Frage wiederholt, weisst du,  dass sie zur Realität gehört, aus der du eben erst geflüchtet bist. In dieser Realität ignoriert man Gestalten, die wichtige Fragen stellen, nicht einfach und darum murmelst du: „Lass uns morgen darüber reden. Mitternacht ist längst vorbei und wir brauchen unseren Schlaf.“ Die Gestalt verschwindet und du lässt deinen Kopf zurück aufs Kissen sinken. Doch zurück in die surreale Welt gelangst du nicht mehr so leicht, denn morgen wirst du eine wichtige Frage beantworten müssen. Also machst du dir gewissenhaft deine Gedanken, damit du der Gestalt erklären kannst, was der Grund für ihre plötzliche Traurigkeit gewesen sein könnte. 

Am nächsten Morgen dauert es sehr lange, bis die Gestalt aus ihrem Zimmer kommt. Sie muss sich von ihrer nächtlichen Wanderung erholen. Als du sie endlich zu Gesicht bekommst, willst du mit ihr über die Frage, die sie in der Nacht so beschäftigt hat, reden: „Du wolltest doch heute Nacht wissen, weshalb du gestern plötzlich…“, fängst du an, doch die Gestalt schaut dich mit grossen Augen verständnislos an: „Ich kann mich nicht erinnern…“ „Doch, du standest plötzlich an meinem Bett und danach konnte ich stundenlang nicht mehr einschlafen.“ „Kann mich nicht erinnern…“ „Ja, aber du wolltest doch wissen, warum du gestern so plötzlich traurig wurdest. Ich habe mir dazu ein paar Gedanken gemacht…“ „Ist schon gut, Mama. Ich kann mich wirklich nicht erinnern. Ist also nicht mehr so wichtig.“

Und du fragst dich, ob sie denn jemals damit aufhören werden, dich wegen „Ist nicht mehr so wichtig“ aus dem Land der Träume zu vertreiben. 

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Wie haben die das bloss geschafft?

In meiner Kindheit erzählte mir ein Mädchen von einer sechsköpfigen Familie, in der die Kinder im Turnus dazu verdonnert wurden, täglich das Lavabo im Badezimmer zu reinigen. Wir waren beide entsetzt.

Sie, weil sie aus einem tadellos geführten Haushalt stammte, in dem das Lavabo gar nie die Chance hatte, schmutzig zu werden, da die treusorgende Hausfrau bereits mit dem Schwamm angerannt kam, wenn ein Kind sich nur schon dem Waschtrog näherte. Das Mädchen wusste also gar nicht, dass Lavabos dreckig sein können.

Ich, weil ich damals in kindlicher Selbstüberschätzung tatsächlich glaubte, wenn ich beim gemeinsamen samstäglichen Hausputz das Lavabo sauber mache, bleibe es danach eine ganze Woche lang blitzblank. Offenbar war ich ausgesprochen erfolgreich darin, nicht zu bemerken, wie meine Mutter an allen anderen Wochentagen die Spuren beseitigte, die sieben Kinder im einzigen Badezimmer hinterliessen. 

Noch heute versetzt mich jene sechsköpfige Familie in Erstaunen. Ich kann mir nämlich beim besten Willen nicht vorstellen, wie um alles in der Welt die es geschafft haben, ihr Lavabo sauber zu halten, wenn sie es bloss einmal am Tag geputzt haben.

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Ein ganz normaler Bünzli halt

Wenn ich am frühen Morgen drei wildfremde Menschen dabei ertappe, wie sie mit Schaufel und Pickel bewaffnet durch unseren Garten stiefeln, meine eben erst erblühenden Schneeglöckchen zertreten und den im Herbst neu angepflanzten Heidelbeerbüschen gefährlich nahe kommen, geraten meine Grundsätze ins Wanken. Was hilft mir da mein Wissen, dass im direkt an unser Grundstück grenzenden Haus umgebaut wird, weshalb mit solchen Vorkommnissen zu rechnen war? Was hat die Stimme der Vernunft zu melden, die mir leise ins Ohr flüstert, die Kerle seien ja in dem Teil des Gartens unterwegs, den wir in diesem Frühjahr ohnehin neu gestalten wollen, da könnten sie keinen namhaften Schaden anrichten? Rein gar nichts, denn die Kleinkarierte in mir registriert nur „Schaufel. Pickel. Zertretene Schneeglöckchen. Heidelbeerbüsche in Gefahr!“ und schon reisst sie – noch im Pyjama – das Fenster auf, um in Erfahrung zu bringen, was dieses frevelhafte Tun auf unserem Grundstück zu bedeuten habe. 

Wenn es um meinen Garten geht, kommt leider auch bei mir der stinknormale Bünzli zum Vorschein, der halt auch irgendwo, zwischen Weltoffenheit und Toleranz, in mir drin hockt. 

Ich fürchte, der Umbau im Nachbarhaus wird meinen Entschluss, allen Menschen erst einmal unvoreingenommen zu begegnen und sie anständig zu behandeln, noch öfter auf eine harte Probe stellen. 

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Hört auf zu träumen, meine Lieben

Heute wiedermal ein Gespräch zwischen zwei kinderlosen jungen Frauen, die sich Gedanken über die Familienplanung machen:

„Zwei oder drei Kinder möchte ich dann schon.“

„Zwei oder drei? Das kann ganz schön teuer werden, wenn du nicht mehr arbeitest.“

„Wird schon irgendwie gehen.“

„Kommt ganz darauf an, wie viel dein Mann nach Hause bringt. Denkst du, sein Lohn reicht, wenn du keinen Job mehr hast?“

„Gibt ja noch Kinderzulagen. Acht- oder neunhundert Franken im Monat für jedes Kind oder so.“

„Bist du dir sicher, dass es so viel ist? Ich glaube nicht, dass die Kinderzulagen reichen, um dein Einkommen zu ersetzen.“

„Das wird schon irgendwie gehen. Zwei oder drei Kinder müssen einfach drin liegen.“

„Und was machst du, wenn eines der Kinder behindert ist?“

„Ja, da muss man sich dann halt überlegen, ob man es behalten will oder nicht. Man kann’s ja auch abtreiben.“

„Du hast recht, da muss man sich schon sehr sicher sein, dass man das wirklich will, sonst wird es schwierig. So etwas machst du nicht, wenn du dir nicht hundert Prozent sicher bist, dass du es auch auf dich nehmen willst.“

„Arbeiten gehst du dann bestimmt nicht mehr, weil du zu deinem behinderten Kind schauen musst. So etwas müsste man sich wirklich gut überlegen.“

Ich fürchte, für die eine wird das ein böses Erwachen geben, wenn sie mit ihren zwei oder drei Kindern zu Hause sitzt und erkennt, dass die zweihundert Franken Kinderzulagen, die es in der realen Welt pro Kind gibt, bei Weitem nicht ausreichen, um ihr Einkommen zu ersetzen.  

Und man kann nur hoffen, dass das Leben keiner von beiden ein Kind schenkt, bei dem sich die angeborene Krankheit erst nach der Geburt zeigt. Die Armen hätten dann ja gar nicht die Chance gehabt, sich reiflich zu überlegen, ob sie „so etwas“ wirklich auf sich nehmen wollen. 

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Differenzierter

Vor noch nicht allzu langer Zeit hätte es mir die Zornesröte ins Gesicht getrieben, wenn man mir einen Bericht mit dem Vermerk „ICD-10 F40.2 “ zur Unterschrift vorgelegt hätte. „Was fällt denen eigentlich ein, mein geliebtes Kind mit ein paar Buchstaben und Zahlen abzustempeln?“, hätte ich getobt und das Papier mit einigen bösen Kommentaren versehen ohne Unterschrift an den Absender zurückgeschickt.

Inzwischen sehe ich die Dinge ein wenig differenzierter. Ich weiss jetzt, welche Erleichterung eine solche Buchstaben-Zahlen-Kombination mit sich bringen kann, nachdem man sich über Jahre jeden Tag vor dem Aufstehen gefragt hat, ob der Morgen gut, mittelmässig oder miserabel laufen wird. Wenn einem plötzlich ganz viele Lichter auf einmal aufgehen, weil es für Vieles, was bis anhin unverständlich war, eine plausible Erklärung gibt. Wenn die ewige Frage „Was machen wir bloss falsch?“ mit „Nicht viel, vielleicht müsst ihr einfach noch etwas mehr Verständnis für die Situation aufbringen“ beantwortet wird. Und vor allem, wenn diese kryptischen Zeichen den Weg frei machen für eine Lösung, die den Bedürfnissen des Kindes gerecht wird. 

Also habe ich heute Vormittag ohne einen Moment zu zögern meine Unterschrift unter den Bericht gesetzt, den ich vor noch nicht allzu langer Zeit als eine Zumutung empfunden hätte. Habe ich mich weich klopfen lassen von einem System, das Kinder mit Diagnosen abstempelt? Habe ich kapituliert, weil die Situation auf die Dauer zu anstrengend geworden ist? Nein, ich glaube nicht, denn wo kein Leidensdruck besteht, halte ich solche Dinge weiterhin für unnötig und zuweilen auf für groben Unfug. Aber ich habe erkannt, dass ich meinem Kind keinen Gefallen erweisen würde, wenn ich mich durch meine Überzeugung daran hindern liesse, den Tatsachen ins Auge zu sehen.

Ach ja, natürlich stand in dem Bericht nicht die oben erwähnte Buchstaben-Zahlen-Kombination, sondern eine ganz andere. Auch wenn ich versuche, offen über unsere Herausforderungen zu schreiben, bleiben solche Dinge selbstverständlich vertraulich.

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Ich mach‘ mir die Welt, wie sie mir viel besser gefällt…

 

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Man nehme das aktuelle Weltgeschehen,…

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forme daraus ein Töpfchen,….

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säe etwas Gutes an….

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und freue sich am Kleinen.

Nicht mehr reine Elternsache

Anfangs konnten sie noch nicht viel mehr als schreien, die Windeln füllen, trinken und schlafen. Dann wurden sie grösser, fingen an, an unserer Hand ihre Welt zu erforschen und zu imitieren, was wir ihnen vormachten. Sie lebten mit uns unser Leben, liessen sich ihren Alltag durch uns gestalten, fanden normal, was wir normal finden und lehnten ab, was wir ablehnten. Als sie noch grösser wurden, lernten sie, die Dinge zu reflektieren, ihren eigenen Alltag zu gestalten und manchmal auch in Frage zu stellen, was wir ihnen mitgegeben haben. Sie begannen, ihre eigenen Interessen zu verfolgen, vertieften ihr Wissen und fingen an, ihre Fähigkeiten einzusetzen. Inzwischen kommt es immer öfter vor, dass sie sagen: „Warum machen wir es eigentlich immer so? Wir könnten doch auch mal…“ Zuweilen fühlt es sich an, als nähmen sie uns bei der Hand, um uns zu zeigen, wie unser Zusammensein auch noch sein könnte. 

Ich liebe es, wenn Familienleben nicht mehr reine Elternsache ist. 

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Vernünftig

Am späten Nachmittag schaut meine älteste Schwester kurz bei uns vorbei, um mir etwas zu erzählen und mich zu fragen, was ich von der Sache halte. Der FeuerwerhRitterRömerPirat sitzt im Wohnzimmer und lauscht unserer Unterhaltung. Als meine Schwester wieder weg ist, hat er eine wichtige Frage:

„Mama, könnte es sein, dass Menschen vernünftiger werden, wenn sie erwachsen sind?“

„Nun ja, das ist nicht immer der Fall, aber bei manchen Menschen ist das schon so. Warum meinst du?“

„Ich habe gehört, dass deine grosse Schwester dich nach deiner Meinung gefragt hat.“ 

„Das stimmt, aber was hat das jetzt mit deiner Frage zu tun?“

„Deine Schwester ist doch viel älter als du…“

„Ja, das ist sie, aber ich verstehe immer noch nicht ganz, worauf du hinaus willst…“

„Tja, weisst du, Karlsson und Luise würden mich nie nach meiner Meinung fragen, also nehme ich an, dass nur Erwachsene vernünftig genug sind, auch mal ihre jüngeren Geschwister um Rat zu fragen.“

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