Adventskalender jetzt!!!

So verwerflich ich es auch finde, dass die Läden schon wieder voll sind mit dem ganzen Weihnachtskram, den Fehler, so zu tun, als ginge mich das alles nichts an, begehe ich nicht mehr. Zumindest nicht, solange ich noch Söhne habe, die lieber einen dieser langweiligen Fertig-Adventskalender bekommen, als einen, den Mama in liebevoller Kleinarbeit für sie bestückt. Zu oft schon haben sie wochen- und monatelang von so einem Ding geträumt und ich habe die Sache bis zum letzten Moment aufgeschoben, weil ich hoffte, ich könnte sie noch für Individualität anstelle von Massenware begeistern – und weil ich auf ein paar sensationelle Sonderangebote kurz vor dem 1. Advent spekulierte. Am Ende mussten sie sich dann tatsächlich widerwillig mit Individualität zufrieden geben, weil das Objekt der Träume bereits ausverkauft war. Richtig glücklich waren sie damit meistens nicht und die Stunden der erfolglosen Suche in überheizten Läden sind mir in schlechtester Erinnerung geblieben.

Als mir das Prinzchen heute die Ohren voll heulte, weil ich mich weigerte, ihm den langweiligsten aller langweiligen Fertig-Adventskalender zu kaufen, war ich gewarnt. „Wenn du diesmal wieder so blöd bist, die Sache aufzuschieben, bis alles ausverkauft ist, hört dieses Geheul bis zum 1. Advent nicht mehr auf“, sagte ich zu mir selber und beschloss, die Sache mit den Adventskalendern bis Ende Monat hinter mich zu bringen. Was mir ganz gelegen kommt, weil die ihre sensationellen Sonderangebote ohnehin jetzt machen und nicht Ende November. Falls mich einer bei den frühzeitigen Adventseinkäufen erwischt und blöde Witze macht, kann ich immer noch behaupten, das Prinzchen wünsche sich einen Adventskalender zum Geburtstag. Was ja irgendwie auch stimmt, wo er das Ding ja wenn möglich sofort haben will. 

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Bon appétit!

Inzwischen sind wir also soweit, dass wir, wenn Karlsson in der Abenddämmerung den Kopf aus dem Fenster streckt, um seine im Garten buddelnden Eltern daran zu erinnern, dass er Hunger hat, zu ihm sagen können: „Könntest nicht du heute das Kochen übernehmen? Wir müssten das hier noch ganz dringend fertig machen.“ Vielleicht zögert er dann einen Augenblick lang, weil man als Teenager ja nicht einfach ohne zu zögern ja sagen kann, wenn die Eltern etwas von einem verlangen, doch dann fragt er zurück: „Was soll ich denn kochen?“ Zwei oder dreimal kommt er danach noch ans Fenster, um zu fragen, ob es so, wie er es macht, auch sicher richtig ist und nach einer halben Stunde ruft er zum Essen, als wäre es schon immer seine Aufgabe gewesen, die Familie zu füttern. Klar, er kocht nicht zum ersten Mal, aber bis jetzt waren das immer Dinge, die man halt so kocht, wenn man kochen lernt. Tomatensauce oder Risotto oder Toast Hawaii. Jetzt aber schmeckt das Essen nicht mehr nach „Ich lerne gerade kochen und Mama hat mir gesagt, wie man das macht“, sondern nach „Mama hat gesagt, ich soll etwas aus dem Kürbis machen, der im Kühlschrank liegt und ich finde, dass auf diese Weise sein Aroma am besten zur Geltung kommt.“ Also ein richtiges Abendessen, mit eigener Karlsson-Handschrift, so gut, dass man sich viel mehr schöpft, als der Hunger eigentlich gebieten würde. 

Eines von unzähligen Erziehungszielen wäre somit also erreicht. 

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Pflanzen pflanzen

In diesen Tagen bin ich öfters leise vor mich hin murmelnd im Garten anzutreffen. Es ist nämlich Zeit, die Stauden in den Boden zu bringen und das geht nicht ganz ohne Diskussionen ab, wie das Beispiel einer hellgelben Skabiose zeigt: 

Ich: „Meine liebe kleine Skabiose, wo möchtest du denn wachsen?“

Skabiose: „Mir egal. Hauptsache volle Sonne, nicht zu viel Wind und durchlässiger Boden. Hast doch den Gartenrargeber gelesen…“

Ich: „Natürlich habe ich das, aber wie du siehst, bietet der Garten dir eine Vielzahl solcher Stellen. Welche davon gefällt dir denn am besten?“

Skabiose: „Mir egal. Hauptsache, du lässt mich nicht noch länger auf diesem Gartentisch stehen. Es zieht dort nämlich ganz gewaltig und du weisst ja, dass ich Wind nicht mag.“

Ich: „Dann sag mir doch bitte endlich, wo du wachsen möchtest.“

Die Skabiose und ich schauen uns ein wenig im Garten rum. Endlich zeigt sie völlig unmotiviert auf irgend eine Stelle und zwar etwa so wie der Rollstuhlfahrer bei „Little Britain“, wenn er seinem Sozialarbeiter sagt: „I want that one.“

Ich: „Aber das geht doch nicht. Dort werden im Frühling die Iris blühen. Die passen doch überhaupt nicht zu dir.“

Skabiose: „Dann eben dort drüben.“

Ich: „Okay, das sieht gut aus. Äääähm, halt, das geht nicht. Du sollst im Frühling ja noch Kolleginnen bekommen und für die ist dort kein Platz.“

Skabiose: „Was soll ich bekommen?“

Ich: „Kolleginnen. Ich habe eigens eine dunkelrote und eine beinahe schwarze Sorte aus England kommen lassen.“

Skabiose: „Bin ich dir vielleicht nicht schön genug? Hab schon gehört, wie du neulich zu deiner Tochter gesagt hast, Gelb hättest du nicht besonders gern…“

Ich: „Das hatte doch nichts mit dir zu tun, du gefällst mir ausserordentlich gut. Aber ich finde nun mal, etwas Gesellschaft könnte dir nicht schaden.“

Skabiose: „Du weisst aber schon, dass ich mich ziemlich gut vermehre, wenn ich erst mal angewachsen bin?“

Ich: „Klar weiss ich das, aber ich will ja auch, dass die Bienen in unserem Garten etwas zu tun finden. Darum sollst du einen Platz bekommen, wo du dich ausbreiten kannst. Wäre nett, wenn du dich endlich für einen Standort entscheiden könntest, mir wird kalt.“

Skabiose: „Warum nicht gleich hier, wo du stehst?“

Ich: „Sieht gut aus. Ich fange dann mal an, dir ein schönes, tiefes Loch zu buddeln…“

Skabiose: „Willst du nicht vielleicht noch ein wenig jäten? Ich mag keine Konkurrenz.“

Ich: „Immer diese Ansprüche. Da warten noch andere Pflanzen auf mich…“

Skabiose: „Du willst doch, dass ich im nächsten Sommer gut gedeihe. Also sei gefälligst nett zu mir, sonst gehe ich auf der Stelle ein.

Ich: „Schon gut, ich jäte ja schon…“ 

Und so geht das bei jeder einzelnen Pflanze, die in diesen Tagen bei uns Einzug hält. 

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Laufgitterbeet

So, jetzt endlich zu den Mini-Hochbeeten, die wir in unserem Garten angelegt haben. „Meiner“ und ich sind uns darob ja ziemlich in die Haare geraten, ehe wir eine Lösung fanden. Hierzlande nimmt man für kleine Hochbeete meistens diese SBB-Rahmen, aber die finden wir erstens nicht besonders schön und zweitens haben die inzwischen auch ihren Preis, weil jeder sie haben will. Wie so oft fanden wir die günstigere und für unseren Geschmack auch schönere Alternative im Brockenhaus: Zwei ausrangierte Wisa-Gloria-Laufgitter, knapp 25 Franken das Stück. (Vermutlich hätte es auch billigere gehabt, aber das Zeug von Wisa-Gloria hält eine Ewigkeit, darum haben wir die genommen.) Es war nicht nur der Preis, der uns begeisterte, sondern auch die Gewissheit, dass wir mit dem Kauf mindestens zwei Kleinkinder vor trüben Stunden im Laufgitter verschonten. 

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Bloss, wie wird ein Laufgitter zum Hochbeet? Ganz einfach: Zuerst hat „Meiner“ die Sprossen mit wetterfestem Lack bepinselt. Rot, weil das zu unserem grossen Hochbeet und den Fensterläden unseres Hauses passt. Dann flochten wir alles, was der Garten zu dieser Jahreszeit im Überfluss hergibt – Hasel- und Weidenruten, überschüssige Ranken der Glyzinie und ein paar Maulbeerzweige – zwischen die Sprossen. Okay, ein Perfektionist hätte sich überteuerte Weidenruten gekauft, damit alles schön ordentlich aussieht, aber bei uns darf es gerne ein wenig wilder sein. Blätter und kleine Zweiglein, die beim Flechten nicht gebraucht wurden, landeten als unterste Schicht des Hochbeetes im Laufgitter. Dann kleideten wir die Wände von innen mit Plastikfolie aus, füllten eine Schicht Heu und ein paar Säcke Erde ein und fertig war das Beet. Vielleicht folgt im Frühling noch ein Anstrich mit Holzteer, um die Wetterfestigkeit zu verbessern, aber nur, wenn es mir gelingt, das Zeug aufzutreiben. Sonst müssen wir eben in ein paar Jahren zwei neue alte Laufgitter im Brockenhaus holen. Was auch nicht weiter schlimm wäre, dann wären wieder ein paar von den Dingern vom Markt verschwunden. Die machen sich im Garten nämlich einfach besser als im Kinderzimmer. 

Ach ja, falls man zu viele Äste geschnitten hat, muss man die nicht unbedingt entsorgen:

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Blödes, infantiles Ich

Wir lernten uns kennen, als sie ein junges Ding war. Fast hätte ich „ein junges, dummes Ding“ geschrieben, aber sowas schreibt man nicht, wenn man ein Gutmensch ist und zu den Gutmenschen gehöre ich ganz zweifellos, das haben die aus der rechten Ecke im Gott sei Dank zu Ende gehenden Wahlkampf eins ums andere Mal klar gemacht. Aber zurück zu ihr. Sie war also jung und lebensunerfahren, als ich sie kennen lernte. Was nicht weiter schlimm gewesen wäre, hätte ihr nicht zugleich an dem gemangelt, was man gemeinhin Intelligenz nennt. Da sie nicht gerade hässlich war, ich aber zu jenem Zeitpunkt von fünf Schwangerschaften und zig durchwachten Nächten ziemlich mitgenommen aussah, fühlte sie sich mir haushoch überlegen, weshalb sie sich nicht genierte, mir gegenüber jede Sinnlosigkeit, die ihr gerade auf der Zunge lag, frei heraus zu äussern. Zum Beispiel: „Wollt ihr den FeuerwehrRitterRömerPiraten nicht in ein Heim geben? Der hat doch immer so schlimme Trotzanfälle.“ Oder: „Frauen, die Grösse 38 tragen haben voll versagt.“ Oder, als sie merkte, dass ich auch zu diesen Versagerinnen gehöre: „Also, bei dir ist das etwas anderes. Du darfst schon so aussehen, du hast ja ein paar Kinder geboren.“ Bei jeder Begegnung solche und ähnliche Bemerkungen, die mich zwar im Moment ärgerten, die ich aber nach einigem Grummeln in der Schublade „jung und unerfahren, irgendwann vielleicht nützlich für einen satirischen Text“ archivierte.  

Inzwischen ist sie etwas älter, nicht unbedingt viel weiser, aber auf bestem Wege, Mutter zu werden. Das bringt zwei Probleme mit sich. Erstens hat sie nun das Gefühl, sie sei in meiner Welt angekommen, weshalb sie keine Gelegenheit auslässt, um mit mir Gespräche zu führen, wie sie ihrer Meinung nach reifere Frauen miteinander führen. Also Wetter-, Haushalt- und Einkaufsgespräche. Zweitens – und das ist viel schlimmer – stelle ich fest, dass ich ihre Bemerkungen von früher doch nicht ganz verdaut habe, weshalb ich mich in Gedanken ähnlich infantil aufführe wie sie damals. So erfüllt es mich zum Beispiel mit einer beschämenden Genugtuung, dass sie zu jenen Schwangeren gehört, die wohl am Hintern und im Gesicht zunehmen, nicht aber am Bauch. „Na, wie war das nochmal mit Grösse 38?“, lästert mein infantiles Ich, wenn ich ihr begegne. Und dann fängt es an, sich auszumalen, wie sich ihr Nachwuchs eines nicht mehr allzu fernen Tages in seinem ersten Trotzanfall schreiend und tobend am Boden windet und wie es dann süffisant bemerkt, ob ein Kinderheim nicht vielleicht die beste Lösung wäre.

Blödes, infantiles Ich. Nimmt mir einfach die Illusion, dass ich inzwischen zu einem halbwegs vernünftigen Menschen herangereift bin. 

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Eine Handvoll Absurditäten

  • Mahnungen sind doof. Noch doofer ist es, wenn du am 10. Oktober gemahnt wirst, doch bitte deine Rechnung umgehend zu begleichen, die sei nämlich am 1. November fällig. Nein, das war kein Tippfehler, die wollen mir doch tatsächlich Dampf machen, weil ich 21 Tage vor dem Fälligkeitsdatum und vier Tage nach der Lieferung noch immer nicht bezahlt habe. Und dies trotz einer Zahlungsfrist von 30 Tagen. 
  • Die Schweiz und ihre Familien: „Grossfamilien mit mehr als zwei Kindern“, lese ich heute in der Tageszeitung und einmal mehr frage ich mich, ob demnächst alle, die mehr als null Kinder haben, zu den Grossfamilien gezählt werden. Wäre ja eigentlich logisch, wo man heute schon zur Familie wird, wenn man sich als Single einen Goldhamster zulegt. 
  • Eine Mama, die am Rande des Spielplatzes steht, gefühlte hundertmal lauthals „Eneeeeeeaaaaaa!“ schreit, und nicht begreift, dass Eneeeeeeaaaaa auch nach dem 101. Ruf nicht zu ihr kommen wird, weil Eneeeeeeaaaaa nicht zu ihr kommen will und dass sie sich deshalb besser einen anderen Weg ausdenken sollte, um Eneeeeeeaaaaa vom Spielplatz weg zu bekommen. 
  • Da steht plötzlich dieser Mann in deinem Garten, vielleicht siebzig oder fünfundsiebzig Jahre alt, und will von dir wissen, wie du es hingekriegt hast, dass dein Feigenbaum so viele Früchte trägt. Er verstehe ganz und gar nichts vom Gärtnern, sagt er, aber er würde halt auch furchtbar gerne so viele Feigen an seinem Baum haben. Aber eben, ein Gärtner sei er nicht, seine Mama hätte leider immer alles selber machen wollen, da habe er nichts lernen können. Du sagst, du hättest eigentlich auch nicht viel von der Sache verstanden, aber man könne sich in die Thematik einlesen. Tja, mit dem Lesen sei das so eine Sache. Das habe ihm nie zugesagt, schon damals in der Schule nicht, Fernsehen sei ihm lieber. Schlechter Lehrer halt… Er geht und du denkst: Mit der falschen Mama und dem falschen Lehrer hat man ein Leben lang eine Ausrede, um nichts Neues in Angriff nehmen zu müssen. 
  • Noch so eine Gartenbegegnung: Tag für Tag schuftest du in deinem Garten, bemühst dich darum, aus der ehemaligen Einöde eine wirklich schöne Sache entstehen zu lassen und eines Tages steht da diese Nachbarin, die zu dir sagt: „Wissen Sie, ich kenne diesen Gärtner, der würde aus Ihrem Grundstück einen wunderschönen Garten zaubern.“ Vielen Dank auch für das liebe Kompliment, meine Dame! 

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Konsumrausch

Samstag Nachmittag, ich fahre mit Luise in ein Kaff ennet der Grenze, um ein Päckchen abzuholen, das man mir nicht in die Schweiz hat liefern wollen. (Nicht ganz konsequent für eine, die ziemlich grün denkt, ich weiss.) Autos aus der Schweiz – darunter ziemlich dicke Karossen – verstopfen die Strassen. Einen Parkplatz ergattert man nur mit grösster Mühe, in den Läden hamstern die Massen, als stünde demnächst eine schlimme Hungersnot bevor. Die Wegzehrung, die wir uns vor der Rückfahrt kaufen, scheint mir keinen Cent weniger zu kosten, als ich zu Hause bei der Migros bezahlt hätte und ich frage mich, ob meine Landsleute, die sich die Einkaufswagen bis obenhin voll beladen, tatsächlich so viel sparen, wie sie immer sagen, oder ob sie am Ende gleich viel liegen lassen, weil sie im Kaufrausch Dinge kaufen, die sie gar nicht brauchen. Diesen Ort des Grauens wieder zu verlassen, ist gar nicht so einfach, denn vom Parkplatz bis zur Grenze geht es nur im Schritttempo.

Als wir endlich wieder drüben sind, weiss ich einmal mehr: So lange ich es mir irgendwie leisten kann, tue ich mir solche Einkaufstouren ganz bestimmt nicht freiwillig an. Mag sein, dass man in der Schweiz etwas mehr Geld an der Kasse liegen lässt, dafür hat man nach dem Einkauf noch ein paar Nerven übrig. 

41 minutes; prettyvenditti.jetzt

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Romantisch?

Die Wellnesstempel in der Schweiz haben aufgerüstet, mit langweiligem Thermalbaden, wie man es in meiner Kindheit noch tat, gibt sich kein Kunde mehr zufrieden. Speziell muss es sein, oder zumindest danach klingen. Die Sauna, die „Meiner“ und ich gelegentlich besuchen, wirbt zum Beispiel jeden Dienstag mit einem romantischen Abend mit Kerzenschein & Co. In der Realität sieht dieser romantische Abend dann so aus:

Da hat es erst mal ganze Rudel von alleinstehenden Männern, die sich zum Schwitzen und Quatschen treffen. Während des Aufgusses fühlt es sich deshalb an, als wäre man in eine Stammtischrunde geraten, bei der jeder dem anderen beweisen will, wie hart er ist. Wieherndes Gelächter und doofe Sprüche, als der Mitarbeiter, der für warme Luft sorgen soll, sein Hüfttuch verliert. Die wenigen Paare erkennt man an diesem Abend daran, dass sie sich verzweifelt an ihn klammert, damit er nicht plötzlich von der fröhlichen Männerrunde mitgerissen wird und sie alleine im Dampfbad – Sauna ist ihr zu heiss – schmoren lässt. Für das Romantikprogramm sorgt ein Alleinunterhalter, der abwechslungsweise auf der Querflöte, am Saxophon oder singend das komplette Schnulzen-Repertoire der vergangenen siebzig Jahre zum Besten gibt. Eine Geräuschkulisse also wie in einer Hotellobby in den Neunzigern, die „Meinen“ dazu veranlasst, so zu tun, als würde er mitsingen, was ich ihm aber verbiete, da er den Kerl nicht ermutigen soll, noch lauter zu heulen. Kerzen sucht man übrigens vergeblich, dafür hat es ein paar Feuerschalen mit lodernden Scheiten im Aussenbereich, um die sich die Raucher zu einer geselligen Runde versammeln. 

Eine wirklich eigenartige Vorstellung von Romantik haben die, aber mir ist das eigentlich egal. Ein Abend ganz alleine mit „Meinem“ ist romantisch genug für mich. 

oggi conto le lenticchie; prettyvenditti.jetzt

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Jetzt wird es richtig kompliziert

Sommerferien 1999:

„Wollen wir nicht doch noch ein wenig wegfahren?“, fragte ich „Meinen“ eines schönen Morgens. „Warum nicht? Hast du eine Idee, wohin?“, antwortete er. „Hmmm, man sagt, Sardinien sei noch schön“, gab ich zurück. Wir starteten den Computer auf, um ins Internet zu gelangen, was damals noch eine ganze Weile dauerte, suchten nach ansprechenden Angeboten, was ebenfalls eine ganze Weile dauerte, weil die Verbindung zu jenen Zeiten noch sehr sehr langsam war, doch irgendwann fanden wir eine halbwegs vertrauenswürdige Seite, auf der man Fährverbindungen buchen konnte. Drei Tage später waren wir unterwegs nach Sardinien, fünf Tage später überlegten wir uns, ob wir die Insel nicht wieder fluchtartig verlassen sollten, weil wir die Langeweile des Strandlebens kaum aushalten konnten. Wir entschlossen uns, zu bleiben und klapperten in der Folge sämtliche Museen Sardiniens ab, um uns irgendwie die Zeit bis zur Rückreise totzuschlagen. 

Sommerferien zwischen 2001 und 2009:

Viel wichtiger als das Ziel waren die Dauer des Anfahrtsweges, die Babyausstattung am Ferienort und die Möglichkeit, sich zweimal am Tag an einen gedeckten Tisch setzen zu können. Ziemlich kleinkariert, fanden wir, für spannendere Dinge waren wir aber schlicht zu müde. Ziemlich kompliziert, fanden wir auch, denn das Kofferpacken fühlte sich jeweils an, als würden wir in den Dschungel auswandern und nicht etwa, als würden wir für zwei Wochen ins Nachbarland fahren. 

Sommerferien zwischen 2010 und 2015:

Reiseziel aussuchen, im Internet Ferienhäuser anschauen, buchen, Transport organisieren, Koffer packen, abreisen, Ferien geniessen. Fast so einfach wie in kinderlosen Zeiten, wenn auch mit etwas mehr Gepäck. Würde es so weitergehen, kämen wir glatt in Versuchung, uns allmählich nach etwas exotischeren Reisezielen umzusehen, weil es ja inzwischen so gut läuft mit den Familienferien.

Aber eben, es wird nicht so weitergehen, denn nächsten Sommer wird es kompliziert: 

Zuerst einmal sind da die verschobenen Feriendaten. Die Kinder müssen eine Woche länger durchhalten als „Meiner“, dafür werden sie noch in den Federn liegen, wenn er nach den Sommerferien seine neuen Schüler begrüsst. Auf dem Papier sind das immerhin vier gemeinsame Ferienwochen. In der Praxis aber gehen zwei dieser vier Wochen für Ferienlager drauf, die unsere Kinder um nichts in der Welt verpassen wollen. Je nachdem, in welcher Ferienwoche diese Lager stattfinden, bleiben uns eine oder zwei Wochen, um gemeinsam zu verreisen. Okay, theoretisch könnten wir die Kinder natürlich dazu zwingen, sich unserem Programm anzupassen, aber unser Leidenswille ist nicht gross genug, um uns einen Sommer lang anzuhören: „Eigentlich könnte ich jetzt mit meinen Freunden am Lagerfeuer sitzen, aber ihr habt mich ja dazu genötigt, mit euch an diesen öden Ort zu fahren. Ich werde jetzt vier Wochen lang schmollen. Und glaubt bloss nicht, dass ich mit euch in dieses doofe Museum komme.“ Dann stellt sich natürlich auch die Frage, was wir mit den Kindern anstellen, die während der Lagerwochen zu Hause bleiben. Ein Spezialprogramm organisieren, das die Abtrünnigen vor Neid erblassen lässt? Oder doch lieber jemanden suchen, bei dem sie unterkommen können, damit wir mal ein paar Tage für uns haben? Was dann allerdings die Gefahr mit sich brächte, dass wir völlig kopflos spontan irgendwo hin verreisen, nicht wissen, was wir dort anstellen sollen und dann wären wir fast wieder dort, wo wie angefangen haben. 

sorgenfrei; prettyvenditti.jetzt

sorgenfrei; prettyvenditti.jetzt

Lieblingsmoment

Nicht immer endet Prinzchens Tag so, wie er es eigentlich gerne hätte. Mal verbiete ich ihm, abends um neun, wenn er eigentlich schon längst im Bett sein sollte, bei Grossmama anzuklopfen und zu fragen, ob er bei ihr übernachten darf, mal haben die grossen Geschwister sämtliche Zimtwecken weggefuttert, mal verbieten wir die letzte Runde mit dem Velo, weil es draussen bereits dunkel wird. Wenn der Tag mies endet, braucht Prinzchen Trost, um einschlafen zu können und Trost bekommt er in solchen Momenten am liebsten in Form der immer gleichen schwedischen Kinderlieder. Lieder, die er nun schon seit mehr als zwei Jahren zu hören bekommt und die er doch immer und immer wieder vorgesungen haben will. Früher jeden Abend, jetzt nur noch, wenn er findet, es habe sich mal wieder alles gegen ihn verschworen.

Die stets gleichen Melodien vertreiben seine Traurigkeit im Nu, so dass er bald wieder zufrieden in seinem Bett sitzt und Bilderbücher anschaut oder Kapla-Türme baut. Ganz selten nur noch gesellt sich dann die Müdigkeit zu ihm, sein Kopf wird schwer, sinkt auf den Bären, der noch immer Prinzchens liebstes Kopfkissen ist, die Augenlider beginnen zu flattern und bald schläft er selig lächelnd ein. Ein heiliger Moment, in dem ich so überaus dankbar bin, dass ich meinem grossen kleinen Jungen noch immer hin und wieder den Kummer von der Seele singen darf. 

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