Schwärmerisch

Da stehe ich also vor meinen üppig wuchernden Erbsen und breche die erste reife Schote ab, öffne sie und zeige den Inhalt dem Prinzchen. „Sind da wirklich so viele drin?“, fragt er staunend und probiert zum ersten Mal in seinem Leben eine erntefrische Erbse. Unbeschreiblich, diese Frische, diese Süsse, dieser Genuss. Weil das Prinzchen glaubt, nach einer einzigen kleinen Erbse müsse man gleich zur Zahnbürste greifen, setze ich meinen Gartenrundgang alleine fort. Die Tomatenpflanzen, die wegen der Kälte eben noch klein und mickrig waren, haben sich nach wenigen Sonnenstunden prächtig entwickelt, die Krautstiele, welche der Regen beinahe ertränkt hätte, werden in wenigen Tagen gross genug sein, um in der Pfanne zu landen, die Tigermelone wuchert nach allen Seiten, die Kamillenblüten sind so gross und aromatisch wie noch nie, den Salatköpfen kann man beim Wachsen beinahe zuschauen. 

Unfassbar, was aus den winzigen Samen, die ich im Februar in die Erde gedrückt habe, geworden ist. Und dies trotz Kälte, heftigem Wind, Mangel an Sonnenlicht und viel menschlichem Gejammer. Eine unglaubliche Vielfalt, die aus nicht viel mehr besteht als aus Wasser und Licht und alles, was ich dazu beitragen kann, ist regelmässiges Giessen, ein erbarmungsloser Kampf gegen die Nacktschnecken und ab und zu ein wenig Brennessel-Gülle.

Es gelingt mir nicht, mein Staunen in Worte zu fassen, mein genüssliches Schmatzen, wenn ich in eine süsse, sonnenwarme Erdbeere beisse, muss reichen. Ja, ich weiss, ich bin heute ziemlich schwärmerisch, aber was erwartet ihr von einer, die sich inzwischen dabei ertappt, wie sie mit ihren Randen redet?

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„Starke Frau“

Ihr seid äusserst freigiebig mit der Vergabe des Ordens. Ob eine Frau nun neben den Kindern eine steile Karriere hinlegt, ob sie wegen eines Schicksalsschlags ihre Kinder alleine grosszieht, ob sie ehrenamtlich mehr bewegt, als ihr euch vorstellen könnt, ob sie mehr Kinder hat als der Durchschnitt, ob sie mit ihrer Familie unter widrigsten Umständen geflüchtet ist und nun von der Hand in den Mund lebt, ob sie trotz schwerer gesundheitlicher Probleme nicht aufgibt, oder ob sie mutig ihren ganz eigenen Weg geht, ihr habt das Label stets griffbereit: Starke Frau.

Oh ja, ich weiss, ihr meint es als Kompliment. Ihr wollt damit ausdrücken, dass ihr nie in der Lage wäret, das zu tun, was die andere tut. Ihr glaubt, ihr würdet damit einer Frau die Anerkennung geben, die sie in euren Augen verdient hat. In Wirklichkeit aber drängt ihr diese Frau in eine sehr einsame Ecke. Ihr attestiert einem ganz gewöhnlichen Menschen Superkräfte und ignoriert damit die Tatsache, dass auch „starke Frauen“ Momente der Verzweiflung kennen. Gut, vielleicht ist es nicht der abgebrochene Fingernagel, der ihnen die Tränen in die Augen treibt, sondern die Erkenntnis, nicht allen berechtigten Ansprüchen gerecht werden zu können. Vielleicht hält die Frau tatsächlich länger durch, als ihr es euch selber zutrauen würdet, aber ihr glaubt doch nicht etwa, die Frau, die ihr aufs Podest gehoben habt, empfinde weniger Schmerz als ihr, wenn mal einfach alles zuviel wird? Glaubt ihr denn wirklich, sie würde nie verzweifelt schluchzen, nie die Hoffnung schwinden sehen?

Nun gibt es natürlich vereinzelt Frauen, die ihre dunklen Stunden sehr gut zu verbergen wissen. Die meisten „starken Frauen“ aber, die ich kenne, betonen immer und immer wieder, dass sie sich keinesfalls sonderlich stark fühlen. Viele von ihnen weisen wiederholt auf ihre Grenzen hin, manche suchen verzweifelt nach Gelegenheiten, auch mal jemandem das Herz ausschütten zu dürfen. Wie aber soll das gehen, wenn der Satz „Du hast ja immer alles im Griff“ schon fällt, ehe die „starke Frau“ zu erzählen begonnen hat?

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Sesam, willst du dich wohl endlich öffnen?

Eigentlich möchte ich ja nur einen besseren Überblick bekommen. Mal spätabends kurz den aktuellen Kontostand abrufen, anstatt morgens mit dem Prinzchen im Schlepptau zum Bankomaten zu hetzen und dann auf dem Heimweg den armen Jungen zu trösten, weil die Frau am Schalter wieder mal kein Sugus rausrücken wollte. Es wäre auch ganz praktisch, könnte ich von meinem Konto ein wenig Geld aufs Haushaltskonto rüber schieben, wenn dort eine Lücke klafft. Direkt rüber schieben, ohne den Umweg zur Poststelle mit unanständig viel Bargeld in der Tasche. Man sollte meinen, dass es für eine der verrufensten Schweizer Grossbanken kein Problem wäre, mir endlich elektronischen Zugang zu meinem Konto zu verschaffen, doch da nun schon mein dritter Versuch gescheitert ist, kommen mir allmählich die Zweifel, ob die das zustande bringen.

Einen ersten Versuch startete ich, als das E-Banking noch in den Kinderschuhen steckte. Innert wenigen Tagen war alles aufgegleist, doch als ich mich zum ersten Mal einloggen wollte, hiess es, die Sicherheitseinstellungen auf meinem Computer seien miserabel, man könne mich nicht zu meinem Konto vorlassen. Die nette Dame an der Hotline erklärte mir, ich müsste mir wohl zuerst einen moderneren Computer anschaffen, ehe ich Online-Zugriff auf mein Konto bekäme. Mein schüchterner Hinweis, bei den Konti, die wir bei anderen Banken hätten, würde das E-Banking aber funktionieren, liess die Dame nicht gelten. Die anderen würden sich eben nicht ausreichend um die Sicherheit kümmern, erklärte sie mir und weil wir gerade kein Geld für einen neuen Computer hatten, versandete die Angelegenheit wieder.

Einen zweiten Versuch unternahm ich, als endlich ein richtig guter Computer in unserem Haushalt Einzug hielt. Und siehe da, es klappte. Zumindest für die Geldgeschichten rund um unser Haus. Mein nettes kleines Konto, auf welches das Geld fliesst, das ich unter lautem Gejammer verdiene, wurde aus irgend einem unerklärlichen Grund nicht aufgeschaltet, obschon ich ausdrücklich darum gebeten hatte.

Weil Kleinigkeiten wie E-Banking-Zugänge im Alltagstrubel gerne vergessen gehen, dauerte es eine ganze Weile, bis ich meinen bisher letzten Versuch in Angriff nahm. Als neulich der Bankomat streikte und ich bei der Dame am Schalter nach meinem Kontostand fragen musste, nahm ich allen Mut zusammen und fragte, ob es unter Umständen, wenn ich ganz nett darum bitten würde, irgendwann in naher Zukunft möglich wäre, mir Online-Zugriff auf mein Konto zu verschaffen. „Aber sicher doch“, meinte die Dame. „Machen wir es doch gleich jetzt.“ „Wie jetzt? Sie meinen, in diesem Augenblick, wo sich hinter mir diese elend lange Schlange von Kunden bildet, die Geld haben wollen, weil der Automat streikt? Dauert das denn nicht eine halbe Ewigkeit?“ Es würde nur einen Augenblick dauern, erklärte mir die Dame. Ich müsste nur dieses eine Formular unterschreiben, das sie dann an die richtige Stelle weiterleiten würde. „Wenn Sie sich das nächste Mal einloggen, ist die Sache geritzt.“ Minuten später verliessen das Prinzchen und ich die Bank, ich mit einem druckfrischen E-Banking-Vertrag in den Händen, er einmal mehr ohne Sugus. 

Hoffnungsfroh loggte ich mich zwei Tage später bei der Bank ein. Von Zugriff auf mein Konto keine Spur. Noch einmal zwei Tage später das gleiche Bild. Heute endlich eine erste Veränderung: Ich kann online kontrollieren, wie viel Geld ich am 23. 9. 2012 am Bankomaten in Aarau abgehoben habe, ich kann auch den Jahresabschluss 2012 noch einmal genau anschauen. Wie wenig Geld aber heute, um 23:56 auf meinem Konto liegt, kann ich noch immer nicht sehen, das Begleichen von Rechnungen bleibt unmöglich. 

Ich werde mich also morgen noch einmal eingehend mit der Hotline unterhalten müssen. Vielleicht, wenn alles gut geht, bekomme ich Zugriff auf mein Konto, ehe die Bank eines schönen Tages kollabiert. 

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Kann ich das überhaupt?

Nicht, dass ich nicht wollte, im Gegenteil. Ich liebe es, mein Leben mit anderen zu teilen, lerne auch gerne neue Menschen kennen, baue mit Begeisterung an Freundschaften mit. Am liebsten hätte ich jeden Tag jemanden zu Besuch. Zuweilen aber frage ich mich, ob in unserem Leben überhaupt noch Raum ist für neue Freundschaften, wo es doch schon schwierig genug ist, für die Beziehungen Zeit zu finden, die seit Jahren bestehen. 

Liebend gerne lasse ich alles stehen und liegen, wenn jemand bei uns Kaffee trinken oder einfach ein wenig quatschen möchte. Bloss, kann sich ein Gast bei uns überhaupt noch wohl fühlen, wo er doch nur äusserst selten die ungeteilte Aufmerksamkeit bekommt? Mal verwickeln mich die Kinder in peinliche Diskussionen über meine schlimmsten Erziehungsfehler, mal muss ich die gemütliche Runde unterbrechen, weil eines der Kinder chauffiert werden muss, mal habe ich nichts ausser Getränken anzubieten, weil weder Zeit zum Backen noch zum Einkaufen blieb, mal fällt mir mitten im gemütlichen Beisammensein eine Verpflichtung ein, die sich nicht verschieben lässt. Neulich musste ich gar eine liebe Person abwimmeln, weil in der Küche gerade das nackte Chaos ausgebrochen war und jeder, der den Raum betreten hätte, für immer auf dem Fussboden kleben geblieben wäre. 

Nach solchen Erlebnissen überkommen mich jeweils grosse Zweifel, ob das mit mir und den lieben Mitmenschen überhaupt funktionieren kann, ob ich überhaupt alles bieten kann, was man von einer Freundschaft erwarten dürfte. Doch spätestens dann, wenn wieder jemand ganz spontan bei uns hereinschneit oder wenn Freunde, auf die wir uns wochenlang gefreut haben, mit uns am Tisch sitzen, wird mir klar, dass ich solche Zeiten um nichts in der Welt missen möchte. Darum bleibe ich so gut als möglich dran und hoffe darauf, dass unsere Freunde – ob neue oder uralte – trotz all meiner misslungenen Bestrebungen erkennen können, wie viel sie mir bedeuten. 

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Ende der Kleinkindphase

Nach langer Zeit habe ich endlich wieder die Geduld, an einem Buch dranzubleiben, bei dem ich Abschnitte mehrmals durchlesen muss, weil so viel drin steht. Kein Buch, das man sich so nebenbei, zwischen Hausaufgaben und kochen reinziehen kann, weil es so seicht ist, sondern ein Buch, das mich in Gedanken begleitet, wenn ich den Geschirrspüler ausräume oder im Garten Nacktschnecken zertrete. Ein Buch, über das ich gerne mit jemandem diskutieren möchte, aber ausser mir interessiert sich wohl keiner für das Thema. 

Ich freue mich wieder darüber, wenn ich bei einer Umfrage nach meiner Meinung gefragt werde und lege nicht mehr entnervt auf, weil im Hintergrund drei Kinder im Chor brüllen. Bevor nun alle Meinungsforschungsinstitute zum Telefon greifen, um mich anzurufen, möchte ich betonen, dass ich mich nur über Umfragen freue, bei denen ich nach meinen politischen Ansichten gefragt werde. Ist doch immer ein Genuss, wenn man über alles wettern kann, was einen in den vergangenen Monaten bei der Zeitungslektüre genervt hat. 

Wenn wir aus dem Haus gehen, sobald alle anderen weg sind, schaffen es das Prinzchen und ich, zu Fuss einkaufen zu gehen, unterwegs mit ziemlich vielen Leuten zu reden und doch noch rechtzeitig das Mittagessen auf den Tisch zu bringen. Eben noch hätten wir dafür mindestens einen Tag gebraucht, doch seitdem das Prinzchen nicht mehr jeden Regenwurm begrüssen und jede Mauer besteigen muss, überholen wir locker jede Weinbergschnecke, der wir unterwegs begegnen. 

Schneit jemand spontan bei uns herein, kann ich fast immer sagen: „Kaffee oder Tee? Ich habe Zeit.“ Und fast immer meine ich es ehrlich, denn seitdem ich von zu Hause aus arbeite, kommt es mir nicht so sehr darauf an, ob ich mittags am Computer sitze oder um Mitternacht. Hauptsache, ich schaffe mein Tagespensum. 

Ich backe wieder Brot, mache wieder Joghurt und es macht mir wieder Spass, am Sonntagnachmittag Stunden in der Küche zu verbringen, um Falafel selber zu machen. 

Sieht ganz danach aus, als normalisiere sich das Leben mit dem Ende der Kleinkindphase wieder. Oder habe ich endlich gelernt, meinen Alltag unseren Lebensumständen anzupassen?

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Luise hört mit

Luise ist eine Meisterin im Lauschen und so bringt sie uns immer wieder Dialogfetzen mit nach Hause. Heute zum Beispiel aus dem Schwimmbad:

Mama: „Kinder, ich muss euch etwas Wichtiges mitteilen. Etwas, was euer Leben verändern wird.“

Die Kinder, nach Luises Schätzung etwa sieben und zehn Jahre alt, schauen ihre Mama mit grossen Augen an.

Mama: „Gottfried und ich werden heiraten.“

Jüngeres Kind (den Tränen nahe): „Aber Mama, was ist mit dem Papa?“

Mama: „Den liebe ich nicht mehr. Aber den Gottfried schon.“

Das jüngere Kind fängt an zu weinen, das ältere Kind sagt nichts, kämpft aber ebenfalls mit den Tränen.

Luise meinte,  es hätte wohl einen geeigneteren Ort als das öffentliche Schwimmbad gegeben, um den Kindern diese niederschmetternden Neuigkeiten mitzuteilen. Unsere Tochter kennt halt noch kein Reality-TV und weiss deshalb nicht, dass einschneidende familiäre Veränderungen  heutzutage öffentlichkeitswirksam inszeniert sein wollen. 

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Veggie-Pride?

Nein, ich esse das Zeug nicht, schon seit ich zehn war nicht mehr. Wirklich nicht, auch keinen Schinken und keine Salami. Tut mir Leid, auch kein Poulet. Habe ich zwischendurch mal, der Schwiegermutter zuliebe, doch dann tischte sie mir Hühnerhälse auf. Ja, ganz selten einmal Fisch, aber nicht viel. Echt, es fehlt mir nicht. Nein, auch das saftige Steak nicht, wenn grilliert wird. Habe noch nie im Leben eines gegessen, wie sollte es mir da fehlen? Früher hätte ich es noch eher gekonnt, aber heute? Nie im Leben.

Aus Überzeugung, ja. Und auch einfach darum, weil ich es nicht mag, noch nie richtig gemocht habe. Vor allem nicht, wenn die Lämmer, denen wir eben noch die Flasche gegeben hatten, auf dem Teller landeten. Ja, für die Familie koche ich Fleisch, aber nicht viel, etwa zwei- bis dreimal die Woche. Ich kann die anderen ja nicht dazu zwingen, es mir gleich zu tun. Nein, das geht schon, ich richte mich einfach nach meiner Nase: Wenn es für mich nicht mehr stinkt, dann ist es gut. Echt, sie sind dann jeweils ganz zufrieden.

Ich weiss nicht, wie oft ich in den vergangenen 28 Jahren die immer gleichen Fragen beantwortet habe und es erstaunt mich, dass sie noch immer gestellt werden, wo doch inzwischen jeder Zweite irgendwie Vegetarier ist, oder es schon versucht hat, oder es gerne wäre, wenn er denn die Willensstärke dazu hätte. Manchmal nerven mich die Fragen. Ganz selten einmal wünsche ich mir, die Auswahl im Restaurant wäre grösser, aber das kommt kaum noch vor. Hin und wieder ärgere ich mich über Leute, die Hühnchen-Lasagne für ein vegetarisches Gericht halten. Dennoch käme es mir nicht im Traum in den Sinn, auf die Strasse zu gehen, um für mehr Akzeptanz für Vegetarier zu demonstrieren. 

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Anrufbeantworter

Guten Tag, Sie sind verbunden mit Mama Vendittis Ohren. Wir sind von Montag bis Sonntag jeweils vom Morgengrauen bis zur Abenddämmerung für Sie offen, sofern Sie in Vendittis Familienbüchlein registriert sind. Ausserhalb dieser Öffnungszeiten wenden Sie sich bitte an Papa Venditti. Sollten Sie dort nicht auf offene Ohren stossen, steht Ihnen selbstverständlich rund um die Uhr unser Notfalldienst zur Verfügung. Da wir jedoch stets für echte Notfälle offen stehen müssen, bitten wir Sie, den Notfalldienst nicht zu missbrauchen. Möchten Sie uns mitteilen, dass Ihre Banknachbarin eine blöde Kuh ist, oder verspüren Sie das dringende Bedürfnis, uns zu sagen, wie süss die Kätzchen sind, halten Sie sich bitte an unsere regulären Öffnungszeiten. Sollten Sie trotz mehrmaliger Ermahnungen unseren Dienst wegen Lappalien beanspruchen, müssen wir Sie leider dazu verdonnern, die Küche aufzuräumen oder Wäsche aufzuhängen. Ein Einspracherecht besteht in diesem Fall nicht, denn hätten Sie genau hingehört, wäre es nie zu diesen Massnahmen gekommen. Nun wünschen wir Ihnen eine erholsame, notfallfreie Nacht und freuen uns darauf, morgen früh wieder für Ihre Fragen, Anregungen, Wünsche, Sorgen, Kritik, Witze, Fantasiegeschichten, Beobachtungen, etc. offen zu stehen. Nein, Sie können uns nach dem Piepston keine Nachricht hinterlassen, denn wenn Sie uns wirklich brauchen, stehen wir Ihnen jederzeit voll und ganz zur Verfügung und alles andere kann bis morgen warten.

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Leben anpassen

Jedes Leben verändert sich und wenn unter einem Dach sieben Leben gelebt werden, gibt es stets kleinere und grössere Anpassungen vorzunehmen. Zurzeit muss mal wieder an allen Ecken und Enden angepasst werden.

Zum Beispiel beim Wocheneinkauf. Mehrere Jahre lang blieben die Mengen, die ich einkaufen musste, mehr oder weniger gleich. 20 Liter Milch, 2.5 Kilo Äpfel, vier Bund Bananen, 22 Joghurts und so weiter. Abzählen musste ich schon lange nicht mehr, der Einkaufswagen war jede Woche etwa gleich voll, am Mittwoch waren Kühlschrank  und Obstschale leer, am Donnerstag wurde aufgefüllt. Seit einiger Zeit aber sind die Tomaten schon weggegessen, bevor ich Zeit hatte, sie aus der Einkaufstasche zu nehmen, die Obstschale ist bereits am Samstagmittag leer, am Sonntagabend ist kein Joghurt mehr da und am Montagmorgen durchsuche ich verzweifelt die Vorratskammer nach znünitiauglichem Futter für die grosse Pause. Wie die Heuschrecken fallen die Kinder über alles her, was essbar ist und es ist klar: Mindestens drei Kinder machen einen heftigen Wachstumsschub durch und wenn ich nicht ganz schnell das richtige Mass finde, stehe ich bald täglich in der Migros, um Nachschub zu besorgen. 

Auch die Alltagsplanung ist eine Baustelle. Ich muss lernen, meine Arbeitszeiten auf möglichst kinderfreie Zeiten zu legen. Die Kinder müssen lernen, dass eine Mutter, die am Laptop sitzt, am Arbeiten und nicht am Spielen ist. „Meiner“ muss sich wieder angewöhnen, jeden noch so kleinen Termin im Kalender einzutragen. Wir Eltern müssen uns endlich bewusst machen, dass ein Tag, an dem wir zwei keine Termine haben, trotzdem voller Termine sein kann, weil die Kinder inzwischen mehr um die Ohren haben als wir. „Meiner“ muss wieder einmal lernen, Arbeitstermine mit mir abzugleichen, ehe er eine Zusage macht und ich muss lernen, mich nicht masslos zu ärgern, wenn er mal wieder keine andere Wahl hatte, als ein Elterngespräch abends um acht anzubieten. 

Nachdem mir in den vergangenen Monaten der Sinn nicht gerade nach sozialen Kontakten stand, fehlt mir jetzt allmählich der Austausch mit Mitmenschen, die nicht zu meinem engsten Umfeld gehören. Doch soziale Kontakte ergeben sich selten von selbst, wenn man mehrheitlich zu Hause sitzt. Gut, beim Einkauf im Dorf oder bei der Gartenarbeit komme ich immer mit Menschen ins Gespräch, doch das ist kein Ersatz für das Zusammensein mit Freunden oder die Auseinandersetzung mit Menschen, mit denen man den Arbeitsalltag teilt. Noch habe ich den Weg nicht gefunden, wie ich als Hausfrau und Freischaffende mein alltägliches Sozialleben so gestalten kann, dass mein – zugegeben sehr grosses – Bedürfnis nach tiefschürfenden Gesprächen, Tratsch, Diskussionen und gegenseitiger Anteilnahme gestillt werden kann.

Eine äusserst anstrengende Baustelle ist das Familienbudget. Jahr für Jahr brachte die Prämienverbilligung Mitte Jahr eine spürbare Entlastung. Nun sind wir aber dank meines Einkommens auf dem Papier in die Steuerklasse aufgestiegen, die keine Vergünstigungen mehr bekommt, also bleibt die Entlastung aus. Weil aber gleichzeitig die Kinder deutlich grössere und damit teurere Kleider benötigen, alle zwei Jahre ein weiteres Kind zum Musikinstrument greift, der Einkaufswagen aus oben erwähnten Gründen immer voller wird und obendrein auch noch die Steuerrechnung höher ausfällt, ist eben nur theoretisch mehr Geld da. Ich will mich nicht beklagen, im Vergleich zu den meisten Menschen auf diesem Planeten geht es uns blendend und uns fehlt es an nichts. Dennoch werde ich Monat für Monat leicht hysterisch, wenn ich sehe, wie schnell ein eigentlich anständiges Einkommen aufgebraucht ist, wenn mehrere Menschen davon leben. 

Dann stehen da noch Anpassungen im Bereich „Lebensziele“ an, denn sowohl bei „Meinem“ als auch bei mir verlangt das kreative Schaffen nach mehr Raum. Spannend, aber auch ziemlich herausfordernd, wenn man weder sagen kann noch will: „Du, mich hat gerade die Muse geküsst, ich ziehe mich mal für drei Wochen  zurück, um meine Idee umzusetzen.“

Ach ja, und dann haben nach den Sommerferien zwei Kinder einen Lehrerwechsel vor sich, einer kommt in den Kindergarten, einer in die Schule, einer wechselt an die Oberstufe, einer unterrichtet zum ersten Mal Erstklässer und eine fragt sich, wie lange es wohl diesmal dauern wird, bis sie all die neuen Stundenpläne wieder im Kopf hat.

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Wieder mal ein paar Dinge gelernt

  • Man kann durchaus ein paar Monate damit leben, das Geschirr jedes Mal zwei Treppen hochzutragen, um den Geschirrspüler zu füllen. Man kommt sogar einige Monate ganz ohne Geschirrspüler klar, wenn der Ersatzgeschirrspüler ebenfalls seinen Geist aufgibt. Mit funktionierendem Geschirrspüler im gleichen Raum, in dem gekocht wird,  ist das Leben jedoch ganz eindeutig schöner als ohne. 
  • Auch wenn gewisse Ämter einen miesen Ruf haben, trifft man dort gelegentlich auf sehr nette Menschen. Gut, vielleicht waren die Leute nur nett, weil sie auf den ersten Blick erkannten, dass ich ihre Leistungen weder wünsche noch brauche. 
  • Auch zwei vollkommen unsportliche Menschen bringen es fertig, ein Kind miteinander zu zeugen, das beim Rennen um den Titel „Der Schnellste im Dorf“ mitmachen darf. Es sagt wohl ziemlich viel über die Unsportlichkeit des Paares aus, wenn es ganze vier Versuche braucht, bis ein solches Kind zustande kommt…
  • Musst du morgens nicht aus dem Haus, bringst du es auch weit über Dreissig noch zustande, eine Nachtschicht nach der anderen zu schieben. Wehe aber, du musst eines Morgens raus. Dann spürst du sehr schnell, was für eine Memme dein Körper geworden ist.
  • Nacktschnecken ist es vollkommen egal, ob die Pflanzen im Freiland oder im Gewächshaus wachsen. Gibt es einen Weg, wie sie ins Gewächshaus reinkommen, dann finden sie ihn, darauf kannst du Schneckenkörner nehmen.
  • Bloss weil du nach wochenlangem Regenwetter und Fronleichnams-Brücke die Nase voll hast von Kindern, die gelangweilt auf dem Sofa herumlümmeln, heisst das noch lange nicht, dass die Magen-Darm-Seuche einfühlsam genug ist, um deine Kinder bei dieser Runde zu verschonen. Und weil du die Knöpfe erst wieder zur Schule schicken kannst, wenn sie voll und ganz genesen sind, lümmeln sie eben noch ein wenig länger.
  • Mitt Buttermilch und Zitronenschale im Teig isst sogar das Prinzchen Vollkornbrot, auch dann, wenn seine Nase ihm vorgegaukelt hat, die Mama habe Butterzopf gebacken. 
  • Gummistiefel sind auch nicht mehr, was sie mal waren. Früher stand ein Paar locker zehn Geschwister hintereinander durch und leistete danach auf irgend einem Bauernhof in Rumänien noch mal zwanzig Jahre  tadellosen Dienst. Heute brauchst du in jeder Saison mindestens ein Paar pro Kind. Kaufst du teure Modelle, brauchst du zwei bis drei Paar pro Kind, denn die teuren Modelle sind nur teuer, weil irgend ein Designer viele Stunden aufgewendet hat, um einen Gummistiefel zu gestalten, der nicht wie ein Gummistiefel aussieht. Dass auch ein Gummistiefel, der nicht wie einer aussieht, bei Regenwetter dicht halten sollte, hat der Designer dabei übersehen. 

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