Zehn Jahre Mama Venditti

Bevor ich morgen auf zehn Jahre Karlsson zurückblicken werde, befasse ich mich heute mit der Mama, die ja auch morgen vor zehn Jahren das Licht der Welt erblickt hat. Ich befasse mich mit einer Mama, die damals sehr viele Dinge wusste, die sie heute nicht mehr weiss. Diese Mama wusste zum Beispiel, dass ihr kleiner, süsser Karlsson nie und nimmer im Elternbett schlafen würde. Kinder haben im Elternbett nichts verloren, darin waren „Ihrer“ und Mama Venditti sich einig. Der kleine Karlsson teilte übrigens die Meinung seiner Eltern und zeigte keinerlei Interesse an allzu viel elterlicher Nähe. Aber Karlsson bekam dann ja auch noch Geschwister, die das Dogma so sehr in Frage stellten, bis schliesslich weder Mama Venditti noch „Ihrer“ sich erinnern konnten, was denn so schlimm sein sollte daran, wenn hin und wieder mal ein kleines Menschlein ins Elternbett gekrochen kommt. Inzwischen sieht übrigens auch Karlsson die Dinge nicht mehr ganz so eng und so verbringt er die Nacht vor seinem zehnten Geburtstag im Elternbett, weil er sonst vor lauter Vorfreude nicht schlafen kann.

Mama Venditti wusste vor zehn Jahren aber auch noch andere Dinge, zum Beispiel, dass das Muttersein sie so sehr erfüllen würde, dass sie ihrem Beruf keine Träne nachweinen würde, obschon sie diesen innig geliebt hatte. Nun, es dauerte nicht allzu lange, bis Mama Venditti zu einer ziemlich unausgeglichenen, launischen Frau wurde, die sich nicht immer so an ihrem Dasein zu Hause erfreuen konnte, wie sie dies erwartet hätte. Leider aber dauerte es ziemlich lange, bis Mama Venditti begriff, woran es lag, dass sie so unausgeglichen und launisch war und deswegen machte sie sich a) den Alltag mit bitteren Selbstvorwürfen zur Qual und b) ihren lieben kleinen Kindern  das Leben mit einer Mama, die nicht wusste, wo das Problem lag, ziemlich schwer. Inzwischen hat Mama Venditti endlich herausgefunden, dass ihre Leidenschaft für ihre Kinder mehr zum Tragen kommt, wenn sie auch anderen Leidenschaften in ihrem Leben Raum gibt. Was nicht heissen soll, dass es die Kinder nun leichter haben mit dieser Mama, denn nun kommt es hin und wieder vor, dass diese diese anderen Leidenschaften mehr Raum einnehmen, als es Mama und Kindern genehm ist.

Dann war da noch die Sache mit dem Temperament. Mama Venditti hatte von ihrer Schwester und anderen Frauen immer wieder gehört, dass sie durch die Kinder viel ausgeglichener und ruhiger geworden seien. Mama Venditti, die schon als Kind mit ihrem hitzigen Temperament aufgefallen war, glaubte natürlich, dass bei ihr genau das Gleiche geschehen würde. Kaum würde sie ihr erstes Kind im Arm halten, würde sie die Ruhe selbst sein. Das glaubte sie ziemlich genau drei Wochen lang, dann flog erstmals mitten in der Nacht eine Schoppenflasche an die Wand, weil Mama Venditti das Weinen ihres entzückenden Kindes nicht mehr ertragen mochte. In den ersten Jahren fragte sich Mama Venditti noch, was bloss mit ihr falsch sei, dass sie einfach nicht ruhiger werden konnte, doch irgendwann begriff sie, dass die Kinder sie nicht zu einem vollkommen veränderten Menschen machen würden und dass sie lernen musste, ihr Temperament in solche Bahnen zu lenken, dass die Kinder nicht darunter leiden müssen. Inzwischen haben sich die Kinder daran gewöhnt, dass Mama Venditti hin und wieder in der Wut einen Teller auf den Fussboden schmeisst, sie wissen aber auch, dass diese Mama danach selber zum Besen greifen wird, um die Scherben aufzuwischen und dass diese Mama sich später auch für ihren Zornausbruch entschuldigen wird. Und vor allem wissen sie, dass diese Mama sehr viel Verständnis hat dafür, wenn ihnen auch mal eine Sicherung durchbrennt.

Ja, diese Mama Venditti wusste sehr viel, damals, vor zehn Jahren. Sie wusste, dass man auch sehr kleine Kinder mit einer gewissen Strenge erziehen muss, dass man einem Kind auf gar keinen Fall vor dem ersten Geburtstag Schokolade geben darf, dass Kinder am glücklichsten aufwachsen, wenn zwischen ihnen und ihren Geschwistern der perfekte Altersabstand liegt, dass man ein grosses Auto braucht, wenn man viele Kinder haben will und dergleichen mehr. Inzwischen ist viel passiert: Mama Venditti hat lernen müssen, dass rechthaberische Strenge nie zum erwünschten Ziel führt. Sie hat erleben dürfen, wie der FeuerwehrRitterRömerPirat im zarten Alter von sieben Monaten ein ganzes Stück Schokoladentorte verzehrt hat, ohne ernsthaften Schaden zu nehmen. Sie hat erfahren, dass es den „perfekten“ Altersabstand nicht gibt und dass es Paare auf dieser Welt gibt, denen die Kinder einfach so in den Schoss fallen, wann es den kleinen Menschlein und ihrem Schöpfer gerade passt. Und inzwischen weiss sie gar, dass eine grosse Familie auch ganz gut mit einem kleinen Auto auskommen kann.

Einiges aber hat die Mama Venditti, die vor zehn Jahren geboren wurde, nicht gewusst: Wie sehr diese Kinder, die ihr in den Schoss fielen, ihr Leben bereichern würden. Wie sehr sie diese Kinder ans Ende ihrer Kräfte treiben würden. Und vor allem, wie sehr  sie diese Kinder lieben würde. Jedes Einzelne mit seiner ureigenen Art.

So lässt sich’s leben

So wenig braucht es zuweilen, um wieder ein paar Gänge tiefer zu schalten: Einen Sohn, der sich eine Schallplattensammlung zum Geburtstag wünscht, eine Mama, die die gewünschten Schallplatten bei Ricardo ersteigert, gute Freunde, die Karlssons Schallplattensammlung gerne bereichern möchten und dann noch ein paar Buchbestellungen, die dich dazu zwingen, Nachschub zu holen. Und schon hast du, was du dir seit Tagen sehnlichst gewünscht hast, nämlich ein paar Stunden, die du ganz alleine mit dir und deinen Gedanken verbringen kannst, währenddem du durchs Mittelland kurvst, um Schallplatten, Bücher, Plattenspieler und noch einmal Schallplatten einzusammeln. Als ob dies nicht schon des Glücks genug wäre, verfährst du dich einmal mehr so heillos, dass du dir wünschst, du hättest dir eben doch ein GPS angeschafft, anstatt dich auf dein iPad zu verlassen.

Wie, ihr versteht nicht, was ich so toll finde daran, dass ich mich an einem sonnigen Samstagmorgen im November verfahre? Aber das ist doch klar. Erstens war ich so lange von zu Hause weg, dass das ganze Chaos schon beseitigt war, als ich endlich wieder zu Hause ankam und zweitens gibt es wohl kaum eine bessere Art, sich eine neue Geschichte auszudenken, als wenn man gelangweilt hinter dem Steuer sitzt und sich fragt, wo das alles enden wird und wie das alles aussehen würde, wenn du ein GPS hättest, das dich in die Irre führen würde. Alles in allem kann ich also auf einen sehr erfolgreichen Samstag zurückblicken: Sieben Bücher verkauft, zwei Stapel Schallplatten und einen Plattenspieler erstanden, eine aufgeräumte Wohnung, ohne dass ich dafür einen Finger krumm machen musste und viele neue Sätze im Kopf, die mir dabei helfen werden, meine 50’000 Wörter zu vollenden. Wenn das kein gelungener Tag war, was dann?

Danke, November

Neun Monate lang habe ich mich mit ihr abgequält, habe versucht, sie zu dem Punkt zu führen, wo ich sie haben wollte, habe mit ihrer Sturheit gerungen und hatte doch immer wieder den Eindruck, bei ihr sei Hopfen und Malz verloren. Mehrmals war ich nahe daran, sie aufzugeben, sie ihrem Scheuklappen-Dasein zu überlassen und mich nicht mehr darum zu kümmern, ob sie gegen die Wand fährt oder nicht. Aber irgend etwas hinderte mich daran, sie links liegen zu lassen, ihrer armseligen Existenz ein Ende zu setzen. Ich weiss nicht, was ich in ihr sah, aber heute kann ich mit Freude verkünden, dass ich sie endlich dort habe, wo ich sie schon immer haben wollte.

Und wem habe ich das zu verdanken? Ausgerechnet dem November, der Monat, der neben dem Februar wohl den schlechtesten Ruf überhaupt geniesst. Wäre es nicht November geworden und hätte ich diesen Monat und vor allem das in diesem Monat angesetzte Schreiben nicht dazu benützt, mich noch einmal diesem scheinbar hoffnungslosen Fall zu widmen, ich glaube ihr letztes Stündlein hätte bald schon einmal geschlagen. Aber weil ich mich nun allen Widerständen zum Trotz Morgen für Morgen zu früh aus dem Bett quäle, um ein paar Sätze zu schreiben, weil ich den Haushalt noch öfter als gewöhnlich links liegen lasse, um mich meinen 50’000 Wörtern widmen zu können, weil ich hin und wieder gar das Gezanke der Kinder ignoriere, weil ich gerade ein paar gute Formulierungen im Kopf habe, habe ich es nun endlich fertig gebracht, diese widerspenstige Person, die mir als ihrer Schöpferin doch auf ewig zu blindem Gehorsam verpflichtet wäre, auf den rechten Weg zu bringen. Womit es mir endlich gelungen ist, den ersten Entwurf abzuschliessen.

Gut, es ist wirklich erst der erste Entwurf, es kann also im Zuge der Überarbeitung noch einiges schief gehen. Ob dieser Entwurf dann jemals gut genug sein wird, um den Computer zu verlassen, daran zweifle ich momentan noch ernsthaft. Und ob der überarbeitete Entwurf je auf das Interesse eines Verlegers stossen wird, wage ich gar nicht erst zu träumen. Aber das alles ist mir momentan noch egal. Hauptsache, ich habe die Tante endlich dort, wo ich sie haben wollte. Ich habe da nämlich noch eine andere Geschichte im Kopf, welcher ich mich gerne für den Rest dieses Novembers verschreiben möchte.

Ach ja, ich finde den November übrigens auch ohne das Schreiben einen wunderbaren Monat. Immerhin ist es der Monat, in dem ich vor zehn Jahren zum ersten Mal Mutter geworden bin. Eine der zahlreichen Hebammen, die dem damals schon etwas eigensinnigen Karlsson in einer langen Geburt dabei halfen, doch noch Mamas Bauch zu verlassen, meinte damals: „Das ist dann ja wohl ein Fasnachtskind“. Die gute Frau konnte sich einfach nicht vorstellen, dass zwei Menschen in nüchternem Zustand  mitten im Februar ein Menschlein zeugen, welches dann für den Rest seines Lebens mit einem Geburtstag m November gestraft sein würde. Aber als liebende Mama sorge ich natürlich dafür, dass unser Sohn trotz Novembergeburtstag ein wunderbares Fest feiern darf. Und darum werde ich in den kommenden sieben Tagen meine Novemberschreiberei wohl etwas in den Hintergrund stellen und stattdessen Leberpastete & Co. zubereiten müssen.

Und weiter geht’s…

Noch ist der letzte Krümel der Prinzchen-Geburtstagstorte nicht verschwunden, sein letztes Geschenk hat er vor einer guten Stunde ausgepackt, einige Luftballons leben noch, und schon bin ich mit dem nächsten Geburtstag beschäftigt. In etwas mehr als zwei Wochen ist Karlsson dran und so verbrachte ich gestern, nachdem die Spuren des Geburtstagsfestes beseitigt waren, einen grossen Teil des Abends damit, das perfekte Geschenk für Karlsson zu finden. Ich kann euch versichern, es war nicht einfach. Wer schon mal versucht hat, einem fast Zehnjährigen weis zu machen, dass ein antikes Trichtergrammaphon nicht ganz in der für die Schweizerische Durchschnitts-Grossfamilie erschwinglichen Preisklasse liegt, der kann sich vorstellen, was „Meiner“ und ich alles sagen mussten, bevor unser Ältester endlich einlenkte. Nach langem Erklären unsererseits und noch längerem Schmollen seinerseits konnten wir uns auf einen Plattenspieler einigen. Ja, genau so ein Ding, für das wir uns damals geschämt hatten, weil unsere Eltern uns keinen CD-Player schenken mochten, weil der „nicht ganz in der für die Schweizerische Durchschnitts-Grossfamilie erschwinglichen Preisklasse“ lag. Das Ding scheint heute wieder chic zu sein, zumindest bei Nostalgikern, wie unser Karlsson einer ist.

Nun, irgendwann fand ich in den Weiten des Internets einen halbwegs tauglichen Plattenspieler, der a) nicht zu teuer, b) „fabrikneu und originalverpackt“ ist und c) in nostalgischem Design daherkommt. Jetzt muss ich nur noch die Meistbietende bleiben für den Stapel „gebrauchter, aber kaum zerkratzter“ Klassik-Schallplatten und Karlssons Geburtstagsgeschenk ist gekauft. Das heisst, wenn er es schafft, sich den Wunsch nach einer echten Puderperücke aus dem Kopf zu schlagen. Im Moment arbeiten wir noch dran. Von der Barockgeige, die er sich eigentlich auch noch wünschen würde, hat er zum Glück schon länger nichts mehr gesagt, so dass ich annehmen kann, dass wir für einmal ganz günstig wegkommen. Zumindest wenn man die Kosten für die kulinarischen Wünsche ausklammert. Und sollte Karlsson nach seinem Geburtstag noch unerfüllte Wünsche hegen, kann ich ihn ja auf Weihnachten vertrösten.

Wie, habe ich Weihnachten gesagt? Das dauert ja auch nicht mehr lange…. Und noch wissen nicht alle Kinder, was sie sich wünschen. Also kann ich auch noch keine Einkäufe tätigen. Nun gut, für die Füllung des Adventskalenders ist gesorgt, aber wo um Himmels Willen finde ich die Zeit, all die anderen Geschenke zu besorgen? Und dann wollte ich mir ja noch überlegen, ob ich für unsere Kinder eine neue Adventsgeschichte schreiben soll. Ach ja, den Samichlaus müssten wir wohl auch in den nächsten Tagen bestellen, damit wir noch einen bekommen. Und dann hat ja auch der Zoowärter schon bald Geburtstag….

Sieht ganz so aus, als müsste ich mich in den kommenden Wochen nicht vor Langeweile fürchten. Das beruhigt mich. Ich hatte nämlich schon Angst bekommen, die Gründung des Familienzentrums, die Lesung und das Novemberschreiben alleine würden nicht ausreichen, um die letzen weissen Flecken im Terminkalender zum Verschwinden zu bringen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ach, Prinzchen!

Musst du es denn wirklich so eilig haben mit gross werden? Eben noch warst du ein kleines, hilfloses Würmchen, das nichts konnte als schlafen, trinken, die Windel füllen und schreien und jetzt kurvst du schon gekonnt um die Möbel herum, beeindruckst uns mit erstaunlich langen Sätzen und bringst deine grossen Geschwister dazu, dir alles nachzumachen, was du ihnen vormachst. Einfach unglaublich, was so ein kleiner Mensch in nur zwei Jahren lernen kann.

Und das ist es, was mir so zu schaffen machst. Nein, natürlich nicht, dass du so viel gelernt hast. Darüber staune ich Tag für Tag. Aber dass du beim Grosswerden ein so rasantes Tempo an den Tag legen musst, dass du heute schon den zweiten Geburtstag gefeiert hast, wo du in meinen Augen doch immer noch ein Baby sein solltest, das fällt mir nicht so leicht, wie ich es erwartet hätte. Ist nämlich noch gar nicht so lange her, da hatte ich noch geseufzt: „Wenn er erst mal zwei wird, dann ist er aus dem Gröbsten raus.“ Und siehe da, du bist zwar aus dem Gröbsten raus, kannst sagen, wann du Hunger hast, kannst fragen, wo dein Nuggi ist, kannst dir selber „Happy Birthday“ singen und noch viel mehr. Aber seufze ich deswegen weniger? Oh nein, im Gegenteil, ich seufze mehr: „Ach, mein Baby, kannst du denn nicht ein klein wenig langsamer gross werden? Wie schön wäre es doch, wenn ich dich noch stillen dürfte!“

Ja, mein Prinzchen, so sentimental ist sie, deine Mama, aber damit wirst du wohl leben müsste. Das ist das Los der jüngsten Kinder. Aber gebührend gefeiert haben wir natürlich trotz der Sentimentalität. Wir haben dich mit Geschenken und Liebe überhäuft, bis es dir beinahe zu viel wurde. Wir haben dich besungen, bis du uns nur noch schräg angeschaut hast. Wir haben dich mit Kuchen und anderen Süssigkeiten gemästet, bis nichts mehr in dich hineinpasste. Und dein Papa und ich haben eins ums andere Mal zueinander gesagt: „Ist es nicht wunderbar, dass er zu uns gehört?“ Und stell dir vor, deine grossen Geschwister haben uns jedes Mal begeistert zugestimmt. Denk daran, falls sie dir in nicht allzu ferner Zukunft vorwerfen werden, du seist eine kleine Nervensäge. Denn das ist der Nachteil, wenn man zwei wird: Man verliert den Babybonus und wird allmählich zum lästigen kleinen Bruder.

Willst du nicht doch noch ein wenig warten mit Grosswerden? Also ich hätte bestimmt nichts dagegen, wenn du noch etwas länger klein bleibst…

Bewegend

Ist doch einfach schön, so gefeiert zu werden. Schon dass „Meiner“ eine Party für mich organisiert hat, hat mich riesig gefreut. Auch die Postkarten von lieben Freunden haben mir den Tag verschönert. Das Päckchen von den Eltern unseres Au-Pair war eine wunderbare Überraschung. Und die Glückwünsche auf Facebook, zum Teil von lieben Menschen, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe, waren natürlich auch sehr schön.

So richtig bis tief in mein Innerstes gerührt hat mich aber etwas anderes, nämlich die Geburtstagsgrüsse, die heute meine Mailbox beinahe überquellen liessen. Einfach bewegend, wer da alles an mich gedacht hat: „ClickandBuy“ schickt mir die besten Wünsche, der „Waschbär Umweltversand“ und „Vivanda“ haben sich gar miteinander abgesprochen, um mir den exakt gleichen Geburtstagsgruss zukommen zu lassen, der „Weltbild Verlag“ und „La Redoute“ schenken mir in unendlicher Grosszügigkeit je zehn Franken wenn ich für unendlich viel Geld etwas bei ihnen bestelle und auch „StayFriends“ und „Jesus.de“ haben mich nicht vergessen.

Ist das nicht beeindruckend: Da hinterlässt du nur ein einziges Mal in einem Online-Shop deine Spuren und schon wird dein Geburtstag nie wieder vergessen. Freunde mögen dein Geburtsdatum mit demjenigen deines „Deinen“ verwechseln, Verwandte mögen sich fragen, ob du nun 36 oder 46 Jahre alt wirst, aber „ClickandBuy“ wird nie vergessen, an welchem Tag du den wievielten Geburtstag feierst. Vermutlich werden die mir noch im Altersheim die besten Wünsche zukommen lassen, obschon ich mich bereits heute nicht mehr daran erinnern kann, wie die überhaupt an mein Geburtsdatum gekommen sind. Muss einer jener verrückten Spätabenspotaneinkäufe gewesen sein, den ich bei denen im Halbschlaf getätigt habe.

Ob ich aus lauter Dankbarkeit für all die netten Wünsche mal kurz bei jedem meiner Gratulanten vorbeisurfen soll? Ich meine, wenn ich will, dass die mir auch in 50 Jahren noch zum Geburtstag gratulieren können, muss ich dafür sorgen, dass ihr Laden läuft, nicht wahr?

Einfach himmlisch, diese Brötchen!

Hier das Rezept, für alle, die auch mal schwelgen möchten.

Zutaten:

1 völlig ahnungslose Ehefrau, die nicht eine Sekunde daran denkt, dass man vier Tage vor ihrem 36. Geburtstag eine Überraschungsparty veranstalten und obendrein noch ihr erstes Buch feiern könnte
1 liebender Ehemann, der trotz turbulentem Alltagsleben noch schnell nebenbei eine Party organisiert
5 Kinder, die voller Begeisterung dabei sind und es auch noch schaffen, dicht zu halten
1 Au-Pair, das sich voller Elan in die Sache dreingibt und dann auch noch eine Bayley’s Torte bäckt
1 Mutter, die nicht mehr aufhören kann, eine wunderbare Torte nach der anderen aus dem Ofen zu zaubern

Diese fünf Zutaten gut vermischen und einige Tage lang ziehen lassen, dann die folgenden Zutaten untermengen und alles vier, fünf oder sechs Stunden lang backen:

1 Schwester, die am Samstagmorgen früh aufsteht, um bei den Vorbereitungen zu helfen
liebe Freunde, die Crêpes-Teig und andere Köstlichkeiten mitbringen
möglichst viele liebe Freunde und Verwandte, die einen mit lieben Worten überhäufen (und die einen rabenschwarz anlügen können, wenn sie einen fünf Minuten vor dem Fest in der Stadt über den Weg laufen 😉 )
eine Horde von fröhlichen Kindern, die sich zum Teil noch nie begegnet sind, die aber dennoch den ganzen Nachmittag vergnügt miteinander spielen
anregende Gespräche mit all den lieben Menschen, die einen durchs Leben begleiten

Eigentlich wären die Brötchen auch so schon der perfekte Genuss, noch besser werden sie aber, wenn man sie mit den folgenden Zutaten verfeinert:

ein Tisch voller liebevoll ausgesuchter Geschenke
und als Garnitur obendrauf ein iPad

Das also waren sie, meine Brötchen. Ich habe sie genossen bis zum letzten Krümel. Jetzt bin ich pappsatt und sehr sehr glücklich.

Eine einzige Frage aber quält mich: Wem aus meiner Familie und meinem Freundeskreis kann ich denn in Zukunft noch trauen? Wo diese wunderbaren Menschen mich doch über Wochen an der Nase herumgeführt haben, damit ich ihrer Überraschung nicht auf die Schliche komme.

Happy Birthday, FeuerwehrRitterRömerPirat!

Sechs Jahre ist es her, seitdem du in unser Leben geplatzt bist, zwei Wochen früher als eigentlich erwartet, an jenem wunderbaren Sommerabend, als alles nach Lindenblüten duftete. Sechs Jahre ist es her, seitdem dich die damals noch sehr kleine Luise mit einer zum Glück nicht allzu heftigen Ohrfeige im Kreise unserer Familie willkommen hiess. Sechs Jahre ist es her, seitdem du nachts jeweils aufgeschreckt bist, weil du den Lärm der Baumaschinen vermisstest, die dich in den ersten Monaten deines Lebens ständig begleiteten.

Hätten „Meiner“und ich unser Familienleben je minutiös geplant, man hätte sich keinen ungünstigeren Zeitpunkt für ein weiteres Kind aussuchen können: Die Wohung  mitten im Grossumbau, der am Ende acht Monate dauern sollte, das Konto meistens bereits am Ersten des Monats leer, die Mama seit einem Jahr arbeitslos und der Papa mitten in einer Weiterbildung, drei Kinder in Windeln. Kurz und knapp ausgedrückt: Stress pur.

Und dann kamst du, hast dich in unsere Arme gekuschelt, hast bei uns die Ruhe gesucht und uns dadurch immer wieder gezeigt, dass alles Hetzen nichts bringt und dass es jetzt einfach Zeit ist, innezuhalten. Mit deinen ersten Worten „ou, dööön!“ (Oh, schön!), hast du uns mitten im Bauchaos auf das Schöne hingewiesen, mit deinem herzlichen Lachen hast du dafür gesorgt, dass uns auch dann, als uns nicht ums Lachen war, die Freude am Leben nicht verging. Du warst dieses unglaubliche Geschenk, das uns trotz allen Durcheinanders nicht vergessen liess, was wirklich zählt im Leben.

Und ein Geschenk bist du noch heute. Keiner strahlt so wie du, wenn er glücklich ist, weil er seine Fussballausrüstung bekommen hat. Keiner freut sich wie du, wenn er mit Papa endlose Stunden im Kunsthaus verbringen darf. Keiner zwingt einen so zum Nachdenken wie du, wenn du eine tiefsinnige Frage stellst, wenn du eigentlich die Schuhe anziehen solltest, um rechtzeitig in den Kindergarten zu kommen. Keiner fordert einen so heraus wie du, wenn du nicht so willst wie wir und uns damit dazu bringst, neue Wege zu suchen, anstatt jedes Kind über den gleichen Kamm zu scheren. Keiner bringt mein Herz so zum Schmelzen wie du, wenn du einfach so, wenn ich es am wenigsten erwarten würde, zeigst, wie gern du mich hast.

Lieber FeuerwehrRitterRömerPirat, du kannst dir nicht vorstellen, wie gerne ich deine Mama bin!

Von Fussball- und anderen Verrückten

So ein kleines bisschen in Verlegenheit gebracht hat er uns ja schon mit seinem Geburtstagswunsch, unser FeuerwehrRitterRömerPirat: Ein Schweizer Fussballdress mit Schienbeinschonern, Fussballschuhen und Ball. Wie soll man dies als Nicht-Fussballfan und nicht sonderlich patriotisch eingestelltes Elternpaar bloss fertigbringen, ohne den Verdacht zu erwecken, die Sache mit dem Nicht-Fussballfan und nicht sonderlich patriotisch eingestellt sei bloss gespielt? Zumal zu dem Zeitpunkt, als unser Sohn seinen Herzenswunsch äusserte, die WM eben gerade begonnen hatte und die Dinge für die Schweiz noch eher rosig aussahen. Hätten wir in jenen schon fast vergessenen Tagen den Einkauf getätigt, die Verkäuferin hätte uns wohl mit einem feurigen „Hopp Schwiiiiiiz!“ begrüsst. Und das Fussball-Tenue hätte ein Zehnfaches seines üblichen Preises gekostet.

Also warteten wir ab, bis die Fussballbegeisterung im Lande etwas abgekühlt war. Dass sie mit dem frühen Ausscheiden der Schweizer Nationalmannschaft so rapide absinken würde, hätten wir natürlich auch nicht erwartet. Und so wagten wir uns in jenen Tagen des allgemeinen Katzenjammers wieder nicht in die Läden, weil wir fürchteten, wir müssten am Boden zerstörtes Verkaufspersonal trösten. Ausserdem war es nun wirklich nicht der geeignete Zeitpunkt, um ein T-Shirt mit Schweizerkreuz zu kaufen. Wer will denn schon sein über alles geliebtes Kind als Loser abstempeln? Nur so nebenbei bemerkt: Wie sehr wir unseren Dritten lieben, merkt man nicht alleine daran, dass wir ihm Fussballkleidung kaufen, ihm erlauben, ins Fussballtraining zu gehen und ihm versprechen, bei seinen Spielen voller Begeisterung dabei zu sein, nein, wir halten uns gar auf dem Laufenden über sämtliche grossen Fussballturniere, damit wir ihm am Morgen jeweils die aktuellen Resultate liefern können.

Und weil wir uns natürlich auch gestern auf dem Laufenden  hielten, sahen wir heute den Zeitpunkt gekommen, endlich das Geburtstagsgeschenk einzukaufen. Jetzt, wo fest steht, dass die Schweizer die einzigen waren, die an dieser WM dem Weltmeister die Stirn bieten konnten, muss man ja nicht mehr vor lauter Scham im Boden versinken, wenn man ein Schweizer-Trikot kauft. Und vielleicht gibt’s die Dinger ja jetzt im Sonderangebot, dachten wir uns und begaben uns frohgemut nach Schwyz zum Einkauf, während unsere vier grösseren Kinder das Kinderprogramm in Anspruch nahmen.

Aber in Schwyz scheint man nichts von Fussball zu halten. Im Geschäft Nummer1, einem national bekannten Sportgeschäft, beschied man uns, Fussballsachen habe man nicht, man sei hier „nicht so in“. Im Geschäft Nummer 2 empfahl man  uns ein Einkaufzentrum an einem anderen Ort, dort gebe es ein grosses Sportgeschäft. Doch bevor wir unser übermüdetes Prinzchen mit einer weiteren Autofahrt stressen wollten, schauten wir noch kurz bei Geschäft Nummer 3 vorbei. Und wurden endlich fündig: Eine komplette Schweizer-Ausrüstung und einen Italien-Fussball. Wie war das nochmals mit Loser? Aber wir sagten uns „Nach der WM ist vor der WM“ – es gibt bestimmt irgend einen frustrierten Fussballtrainer, der solche nichtssagenden Sätze von sich gibt, oder? – und kauften die Sachen. Und jetzt freuen wir uns auf Freitag, wenn unser fussballverrückter FeuerwehrRitterRömerPirat endlich seinen Herzenswunsch erfüllt bekommt. So sind wir nun mal, wir  kinderverrückten Eltern….

Ach übrigens, von wegen verrückt: Wie durchgeknallt muss man denn sein, um im strömenden Gewitterregen mit dem Laptop durch die ganze Ferienanlage zur Lobby zu rennen, wo man triefend nass – zum Glück gibt’s hier keine „Wet-T-Shirt-Contests“, sonst würden die noch glauben, ich wollte auch mitmachen – einen Blogpost in die Tasten zu hauen, während im Hintergrund eine Hotel-Pianistin „Ein Stern, der deinen Namen trägt“ heult und die Gäste mitheulen?

Also mal ganz ehrlich…

Wenn kinderlose Menschen gefragt werden, was sie an Kindern besonders mögen, dann kommt in 99,9 Prozent aller Fälle eine Antwort, die der folgenden gleicht: „Ich bin t-o-t-a-l fasziniert von dieser Unverfälschtheit, von dieser Ehrlichkeit, die Kinder haben. Kinder machen dir nie etwas vor und das finde ich einfach s-e-n-s-a-t-i-o-n-e-l-l! Diese Direktheit ist genial!“ Wenn ich solche Schwärmereien höre oder lese, muss ich stets auf den Stockzähnen grinsen. „Wenn die mal eine Geburtstagsparty mit zwölf Siebenjährigen erlebt hätten, fänden sie die Direktheit der Kinder nicht mehr ganz so s-e-n-s-a-t-i-o-n-e-l-l“, sage ich dann jeweils zu „Meinem“ und er nickt nur wissend.

Eine Geburtstagsparty mit zwölf Siebenjährigen beginnt meist damit, dass die Kinderhorde zuckersüss lächelnd und erwartungsfroh auf dem Sofa sitzt und sich auf den Spass freut, der da ganz bestimmt kommen wird. Und natürlich sind „Meiner“ und ich bestens vorbereitet: Er unterhält die Meute, ich assistiere im Hintergrund, lege alles bereit, was benötigt wird, mache den Tellerwäscher und den Besenwagen, kaum ist die Horde weitergezogen. So funktioniert die Sache tadellos. Bis nach zwanzig Minuten das erste Kind laut verkündet, dass unser Programm sterbenslangweilig sei und dass es jetzt lieber nach draussen gehen möchte. „Meiner“ und ich schauen uns kurz an und denken: „Es sind eben Kinder. Die sagen stets gerade heraus, was sie fühlen“ und „Meiner“ macht weiter den Pausenclown, während ich weiter die Trinkbecher nachfülle. Fünf Minuten später klagt das nächste Kind, es wolle bei diesem Spiel nicht mehr mitmachen, weil es ein absolut blödes Spiel sei. Dann bemerkt ein anderes Kind, dass das Prinzchen nerve, weil er immer im Weg sei. „Meiner“ und ich sagen nichts. Das Fest ist ja wirklich schön, die Kinder sind brav und wenn sie hin und wieder etwas direkt sind, dann muss man eben kommen damit. Nur nichts persönlich nehmen.

Das geht so lange gut, bis der Kuchen serviert wird. Kind 1 findet den Kuchen total hässlich. Und plötzlich habe ich Mühe, die Sache nicht persönlich zu nehmen, denn immerhin habe ich für diesen Kuchen eigens eine Backform gemietet und heute Morgen habe ich eine geschlagene Stunde damit verbracht, ihn liebevoll zu verzieren. „Hat es hier Lebensmittelfarbe drin?“, fragt Kind 2. „Ich hasse Lebensmittelfarbe!“ So langsam fühle ich mich leicht angegriffen, aber natürlich behalte ich mein freundliches Lächeln auf. „Igitt, in diesem Kuchen hat’s Zucker! Ich mag keinen Zucker“, schimpft Kind 3  und greift sich ein Caramelbonbon. „Nicht persönlich nehmen, nicht persönlich nehmen, nicht persönlich nehmen“, brumme ich innerlich vor mich hin. Doch leicht enttäuscht bin ich schon, dass mein Meisterwerk so harsch kritisiert wird.

Ich mag diese Kinder alle sehr gern, ich freue mich, dass sie mit meiner Tochter Geburtstag gefeiert haben, ich finde es toll, dass sie so fröhlich und aufgedreht sind, dass jedes mit seinem einzigartigen Wesen das Leben unserer Tochter bereichert und ich finde es rührend, wie sich jedes einzelne darum bemüht hat, Luise ein spezielles Geschenk auszusuchen. Ich finde diese Kinder grossartig, ganz ehrlich. Von mir aus hätten sie noch lange bleiben dürfen. Einzig die von Kinderlosen hochgelobte Direktheit hat mir mit der Zeit etwas zugesetzt.

Deshalb sehne ich mich heute Abend nach zwei Dingen: Nach einem heissen Bad und nach einer extragrossen Portion währschafter erwachsener Heuchelei.