Von der besten Seite

Zuweilen kann Elternsein ganz schön frustrierend sein. Da erzählen dir alle, wie nett und anständig deine Kinder in der Schule oder bei den Klassenkameraden zu Hause sind und du selber bekommst nur das stetige Gemotze und Türenknallen mit. Natürlich bist du dankbar, dass deine Kinder sich immerhin auswärts zu benehmen wissen, aber hin und wieder packt dich der Neid, wenn du erfährst, dass dein Sohn den Eltern seines Freundes ohne zu murren beim Holzhacken geholfen hat und das nur Stunden nachdem er wutentbrannt in sein Zimmer gerannt war, weil du ihn dazu aufgefordert hattest, seinen Teller nach dem Essen abzuräumen. So unfair kann das Leben mit Kindern zuweilen sein. Du säst mühevoll und die anderen ernten.

Hin und wieder kommt es aber vor, dass du völlig unvermittelt ernten kannst, wo du gar nicht viel gesät hast. Und dann schaust du voller Staunen dabei zu, wie deine Tochter ohne deine Hilfe den Kuchen backt, den der kleine Bruder morgen in den Kindergarten mitbringen wird. Und als sie merkt, dass das Rezept etwas knapp berechnet ist, verdoppelt sie kurzerhand die Menge. Ja, natürlich, die Küche räumst du nach der Backorgie selber auf, aber das nimmst du noch so gerne in Kauf, wo du dank dieses Kuchens doch gerade Zeuge geworden bist einer geschwisterlichen Liebe, die sich nur selten so unverschleiert zeigt. Doch damit nicht genug. Da kommt doch tatsächlich der Sohn, der seiner Schwester am ersten Geburtstag aus lauter Eifersucht eins mit dem Hammer übergebraten hat, und sagt dir, wie sehr er sich doch freut, dass sein Bruder heute eine Geburtstagsparty feiern darf. Und du spürst, dass da nichts mehr ist von der Eifersucht, die das Kind bei jedem Geburtstag seiner Geschwister überwältigt hat. Da ist nur noch Freude, dass er auch dabei sein darf, wenn der kleine Bruder mit seinen Freunden schon mal vorfeiert für den Geburtstag, der wie jedes Jahr in die Sommerferien fällt. Und wenn du dann auch noch miterleben darfst, wie das Geburtstagsparty-Kind vollkommen selbständig und ohne Wutanfälle die Lego-Fahrzeuge zusammenbaut, die es geschenkt bekommen hat, dann wähnst du dich im siebten Himmel. 

Ja, es kommt selten vor, dass deine Kinder sich in den eigenen vier Wänden von ihrer allerbesten Seite zeigen. Die ist meist Auswärtigen vorbehalten. Und darum sind Tage, an denen du die beste Seite deiner Kinder gleich mehrmals zu sehen bekommst, ganz besondere Tage. Wenn wir heute nicht bereits gefeiert hätten, wäre das glatt ein Grund, die Korken knallen zu lassen. 

Ach ja, was ich noch sagen wollte: Mir scheint, dass die Kinder ihr Verhalten irgendwo abgeschaut haben. Bloss wo? Vielleicht etwa hier?

Mama und Kind sind auf dem Weg zum Laden, der in einer halben Stunde schliesst. Das Kind bleibt bei jeder Schnecke, bei jedem Kieselstein, ja, sogar bei jedem Zigarettenstummel stehen. „Nun komm schon!“, motzt die Mama. „Jetzt mach doch endlich vorwärts. Du weisst doch, dass wir nicht mehr viel Zeit haben.- Ach, guten Tag Frau Hugentobler! Ja, danke bestens. Und Ihnen? Ja, meinen Kindern geht’s auch prächtig. Schauen sie doch nur, wie gross er schon geworden ist. Das stimmt, sie sind ein wahrer Segen, diese kleinen Engel. Was wäre das Leben ohne sie? Ihnen auch noch einen schönen Tag, Frau Hugentobler. – Nun komm schon endlich! Mir platzt jetzt dann gleich der Kragen, wenn du nicht endlich vorwärts machst. Ja, natürlich stimmt das, was ich zu der Frau gesagt habe, du bist tatsächlich ein kleiner Engel aber das heisst noch lange nicht, dass du hier noch lange herumstehen sollst…“

 

 

Ein Kandidat für den Tischlerschuppen

Wie schafft es ein Kind, das noch keinen Meter hoch ist, auf das Dach einer Garage zu klettern? Nein, ich meine keine Spielzeug-Garage, ich meine eine echte, in der zwei ausgewachsene Autos Platz finden.

Wie schafft es dasselbe Kind, mal schnell eine Honigmelone in sich hineinzustopfen, während Mama kurz auf dem WC ist. Nein, ich meine nicht einen Schnitz einer Honigmelone, ich meine eine ganze. Nun gut, Karlsson hat auch ein kleines Stück abgekriegt, aber den Rest hat der Kleine alleine vertilgt.

Wie schafft es dieses kleine, zart gebaute Männlein, seine grossen Geschwister zum Weinen zu bringen? Nein, ich meine nicht dieses künstliche Weinen, das grosse Geschwister so gerne einsetzen, um dem Kleinen das Gefühl zu geben, er hätte die Grossen besiegt. Ich meine echte Tränen und echtes Gejammer à la „Mama, ich trau mich nicht. Ich will nicht, dass das Prinzchen mich schlägt.“

Wie schafft es dieses Kind, einfach so, aus lauter Freude an der Sache, mit dem Besen die Lampe im Elternschlafzimmer von der Decke zu holen und die Energiesparlampe zu ruinieren? Nichts da mit 10’000 Stunden Leuchtdauer, wenn ein Prinzchen in der Nähe ist. 

Und wie um Himmels Willen sollen wir es schaffen, diesem kleinen Menschen beizubringen, dass das alles so nicht geht? Wo er doch so hinreissend aussieht, wenn er uns stolz davon erzählt, was er wieder ausgefressen hat? Ob wir uns auf unsere alten Elterntage noch einen Tischlerschuppen zulegen müssen?

 

 

Drohgebärden

Ja, ich weiss, diese ewigen elterlichen Erpressungsversuche sind doof und unfair. Aber wenn da ein Kind ist, das nicht will, wie Mama will, dann ist man schnell dabei. Und wenn da ein Kind ist, das Mama schon sehr bald einmal überragen wird, dann ist man noch schneller dabei. Denn man wird sich bewusst, dass der grosse Junge einem sehr bald sehr schlimm auf der Nase herumtanzen wird, wenn man ihm nicht zeigt, dass man noch immer weiss, was man will, auch wenn man in den Augen des Kindes immer kleiner wird.

Wie wir Eltern nun mal sind, kommt uns vor lauter Angst, die Autorität zu verlieren, eine jener hirnverbrannten Drohungen über die Lippen und noch ehe das letzte Wort draussen ist, fragen wir uns schon, wie wir bloss auf die Idee kommen konnten, dass die Drohung auch wirklich etwas bewirken könnte. „Wenn du jetzt nicht sofort auf dein Zimmer gehst, nehme ich dir deine Geige weg und du darfst bis Montagabend nicht mehr üben“, hörte ich mich heute sagen, als Karlsson sich weigerte, eine Auszeit zu nehmen von dem ewigen Necken der kleinen Brüder. Während ich noch sprach, überlegte ich mir schon, wo ich denn das Instrument sicher versorgen sollte, denn gehorchen würde er mir ja ohnehin nicht. 

Ich hätte so ziemlich mit jeder vorpubertären Reaktion – freches Grinsen, gleichgültiges Schulterzucken, ein zorniger Versuch, mit einem Comics-Heft nach mir zu schmeissen – auf meine unsinnige Drohung gerechnet, bloss nicht damit, dass der Junge sich vom Sofa erhebt, in seinem Zimmer verschwindet und erst wieder zum Vorschein kommt, wenn er mit seinen Geschwistern wieder anständig sein kann. Nun ja, unterwegs nach oben hat er zweimal die Tür geknallt, aber dass es bei nur zweimal blieb, ist für unsere Verhältnisse ein schon beinahe übermenschlicher Akt an Selbstbeherrschung. 

 

Grosse Schwester

Prophezeit hat man ihr schon lange, dass sie eines Tages etwas ganz Besonderes sein würde für ihre vier Brüder, nur hatte sie sehr lange nichts davon bemerkt, unsere Luise. Klar, sie versuchte mit allen Mitteln, sie zu bemuttern, ihnen zu beweisen, dass sie immer ein offenes Ohr hat für sie, sie zu erziehen, auch wenn das nicht ihre Aufgabe ist. Hin und wieder war sie so frustriert darüber, dass ihre Annäherungsversuche nichts fruchteten, dass sie versuchte, ihren Brüdern ihre Zuneigung aufzuzwingen, was dann meist in Streit und Tränen endete. Eines Tages legte ich ihr nahe, ihren Brüdern einfach mal die kalte Schulter zu zeigen, dann würden sie schon erkennen, was sie verpassen. 

Ich weiss nicht, ob sie sich meinen Rat zu Herzen genommen hat, aber jetzt scheint ihr langes Werben endlich den ersehnten Erfolg zu bringen. Zuerst verlangte der Zoowärter immer öfter nach seiner grossen Schwester. Sie durfte ihn trösten, wenn Mama mal wieder keine Zeit hatte, sie durfte ihn abends in die absurdesten Verkleidungen stecken, sie umarmte er, der sonst körperlicher Zuneigung eher skeptisch gegenübersteht, freimütig und oft. Luise, die wunderbare grosse Schwester.

Eines Tages bemerkte das Prinzchen, der Luise immer mal wieder mit seiner Ablehnung verletzt hatte, dass der Zoowärter die einzige Schwester mehr und mehr in Beschlag nahm. Nun ist es so, dass das Prinzchen und der Zoowärter sich grundsätzlich nur für die Dinge interessieren, mit denen sich der andere gerade beschäftigt und so kam es, dass Luise auf einmal auch sehr attraktiv für das Prinzchen wurde. Auf einmal wollte er dabei sein, wenn Luise und der Zoowärter grosse Schwester und kleiner Bruder spielten, plötzlich findet es das Prinzchen grossartig, wenn Luise anstelle von Mama die Schlaflieder singt. Und heute nach dem frühzeitig abgebrochenen Mittagsschlaf, lag das Prinzchen endlich winselnd auf dem Küchenfussboden und verlangte nach Luise. Sie sollte ihm eine warme Milch machen, sie sollte ihn trösten, sie sollte mit ihm nach draussen spielen gehen. Weil Luise gerade anderweitig beschäftigt war, bot ich unserem Jüngsten an, den Luise-Ersatz zu machen, aber davon wollte er nichts wissen. Er jammerte weiter, bis die grosse Schwester endlich Zeit hatte für ihn. 

Ich bin so froh, dass unsere Tochter endlich die Art von grosser Schwester sein darf, die sie schon so lange sein wollte.

Wir bleiben dran

Manchmal, wenn das Prinzchen noch ein Schlaflied hören will oder wenn der Zoowärter noch ein Buch erzählt bekommen möchte, findet „Meiner“, es sei doch jetzt genug, ich hätte genug gesungen, genug erzählt. Und ein Stück weit hat er ja Recht: In den vergangenen zehn Jahren habe ich tatsächlich sehr viel Zeit mit singen und erzählen verbracht. Anfangs war „Meiner“, der ohne Schlaflieder und Gutenachtgeschichten gross werden musste, ganz entzückt darüber, doch natürlich ist inzwischen der Zauber von „Schlaf mein Kind, ich wieg‘ dich leise“ und „Michel aus Lönneberga“ ein wenig verflogen. Er hat sich das Zeug ja unzählige Male anhören müssen.

Was „Meiner“ aber nicht bedenkt und was auch ich mir immer wieder in Erinnerung rufen muss: Der Zoowärter und das Prinzchen haben zusammen wohl nicht die Hälfte der Geschichten gehört, die Karlsson alleine erzählt bekommen hat. Zwar habe ich mich in den vergangenen Jahren schon mehrmals beinahe heiser gesungen, aber wie oft waren die zwei Jüngsten die Zuhörer? Die drei Grossen und ich kennen die dicken Schinken im Bücherregal in- und auswendig, aber die beiden Kleinen haben noch nicht mal das erste Kapitel von „Winnie the Pooh“ gehört. Ja, sie haben noch nicht mal das Buch, das ihre eigene Mama geschrieben hat, erzählt bekommen.

Also singe und erzähle ich weiter und glaubt mir, die Sache wird nie langweilig. Denn auch wenn die Geschichten und Lieder noch immer die Gleichen sind, die Kinder, die zuhören sind es nicht. Und so erfahre ich immer wieder verblüffende Dinge, die ich nie zuvor beachtet hatte. Zum Beispiel weiss ich erst seit einigen Tagen, dass man die allabendliche Angst los wird, indem man Asterix und Obelix aus dem Heft nimmt. Ich habe ja stets geglaubt, die zwei seien nur gezeichnet, aber die kommen tatsächlich ins Kinderzimmer und vertreiben mit ihren übermenschlichen Kräften alles, was einen das Fürchten lehren will. Sagt der Zoowärter und der wird’s wohl wissen, denn eingehender als er hat noch keiner bei uns die gesammelten Abenteuer der beiden Gallier studiert, bevor er des Lesens mächtig war. 

 

Gelassener

Spätestens seit Josef mit dem bunten Mantel weiss es die ganze Welt: Die Jüngsten – oder im Falle von Josef die Zweitjüngsten – sind verwöhnte Bengel, die bei ihren Eltern mit allem durchkommen, während die Grossen zum Viehüten verknurrt werden. Die Grossen müssen schuften und werden beim kleinsten Vergehen zusammengestaucht, die Kleinen leisten sich einen Mist nach dem anderen aber die Eltern lächeln nur milde und sagen:“Ach, er ist doch noch so klein und weiss nicht, was er tut.“ Im schlimmsten Fall fügen sie noch verträumt an: „Erinnerst du dich, als unsere Älteste mal genau das Gleiche getan hat? War sie nicht unglaublich süss, wie sie da sass, von Kopf bis Fuss mit Honig verschmiert?“ Und die Älteste erinnert sich lebhaft an die Situation: Wie Mama sie gepackt und unter die Dusche gestellt hat und sie danach für eine halbe Stunde aufs Zimmer geschickt hat, damit sie über den Unfug nachdenken kann. Macht der Jüngste das Gleiche, zückt die Mama verzückt die Kamera, lässt das Bild vergrössern und hängt es an prominenter Stelle auf, damit jeder, der das Haus betritt, sehen kann, wie süss doch der Kleine ist. 

Als jüngstes von sieben Kindern gestehe ich es ja nur ungern, aber als Mutter muss ich dennoch sagen, dass etwas dran ist an der Sache mit der Bevorzugung der Jüngsten. Auch wenn ich zugleich anfügen muss, dass es nichts, aber auch gar nichts damit zu tun hat, dass man das Jüngste mehr liebt als die Älteren. Meiner Meinung nach gibt es drei Hauptgründe, weshalb Eltern nur milde lächeln, wenn der oder die Jüngste mal wieder für Trubel sorgt:

1. Sie können gar nicht mehr anders, als milde lächeln, weil alles andere zu anstrengend wäre. Woher soll man denn bloss noch die Energie zum Rumbrüllen nehmen, wo man doch in den vergangenen zehn Jahren kaum mehr eine ganze Nacht am Stück geschlafen hat? Und zudem haut einen die hundertdritte mit Kreidezeichnungen verzierte Wand nicht mehr sonderlich aus den Socken. Denn inzwischen hat man sich damit abgefunden, dass an dem Tag, an dem der Jüngste das elterliche Nest verlassen haben wird, ohnehin die Bagger auffahren werden, um die Ruinen, die nach der Kinderzeit noch übrig geblieben sind, wegzuräumen. 

2. Sie wissen, dass es nur noch schlimmer kommen wird. Ich bin ja eine vehemente Gegnerin der doofen Redewendung „Kleine Kinder, kleine Sorgen…“, denn ich bin mir sicher, dass für neugeborene Eltern das pausenlose Geschrei während der ersten drei Monate ebenso belastend sein kann wie später das pausenlose Diskutieren mit dem rebellischen Teenager. Was ich aber inzwischen weiss: Es ist einfacher, wegzuhören, wenn das Prinzchen eine halbe Stunde schreit, weil er findet, es hätte zu wenig Kakao in seinem Schoppen, als der achtjährigen Luise beizubringen, dass mein Nein noch immer gilt, auch wenn sie sich schon sehr erwachsen fühlt. Nervtötend ist beides, kräftezehrend auch, aber immerhin hat man das Drama mit dem Schoppen schon mehrmals durchgestanden, während man zum ersten Mal erlebt, dass die eigene Autorität ernsthaft in Frage gestellt wird. Deshalb kann man die Sache mit dem Schoppen eben gelassener nehmen. Und deshalb steht man weniger in Gefahr, mit übertriebener Härte zu reagieren.

Diese zwei Gründe spielen eine wichtige Rolle bei der angeblichen Bevorzugung der Jüngsten. Noch wichtiger aber ist meiner Ansicht nach Grund Nummer drei: Im besten Falle lernt man nämlich im Laufe der Jahre, dass Liebe mehr bringt als Strenge. In den ersten Jahren versucht man mit starren Regeln und harten Konsequenzen das Kind zu formen, doch mit der Zeit erkennt man, dass das Ziel meist schneller erreicht wird, wenn man sich auf Augenhöhe mit dem Kind begibt und versucht, die Welt mit den Augen des Kindes zu sehen und so gemeinsam einen Ausweg aus dem ganzen Schlamassel zu finden.

Bevor ihr mich nun als Supermama betrachtet, muss ich gestehen, dass ich noch längst nicht dort bin. Auch das Prinzchen hat immer mal wieder das zweifelhafte Vergnügen, eine äusserst genervte, laute Mama zu erleben, wenn sie auch nicht mehr ganz so konsequent ist wie früher, was durchaus auch mit Grund Nummer 1 zusammenhängt. Dennoch spüre ich, wie sich allmählich eine gewisse Gelassenheit einstellt, die wenig mit Gleichgültigkeit oder Abgestumpftheit zu tun hat, sondern die vielmehr in der im Laufe der Jahre gewachsenen Überzeugung wurzelt, dass es unsere Aufgabe ist, die Kinder dabei zu begleiten, zu werden, was sie tief in ihrem Inneren schon sind. Und das geht nicht mit Zwang, sondern nur mit Liebe. Und ich hoffe doch sehr, dass von dieser veränderten Sicht nicht nur die Jüngsten profitieren, sondern dass auch die Älteren spüren, dass Mama und Papa die Dinge nicht mehr ganz so verbissen sehen wie auch schon. 

Geschwister

Der Zoowärter will mit Luise, aber Luise will nicht mit dem Zoowärter, sondern mit dem Prinzchen, aber das Prinzchen will lieber mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten und der will auch mit dem Prinzchen, aber es geht trotzdem nicht, weil jetzt der Zoowärter mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten will, da ja Luise bekanntlich nicht mit dem Zoowärter will und Karlsson möchte auch irgendwie, aber er kann sich nicht entscheiden, ob er mit Luise und dem FeuerwehrRitterRömerPiraten will oder doch lieber nur mit Luise alleine, die aber nicht mit Karlsson will, weil sie sich immer noch erhofft, dass das Prinzchen dann vielleicht doch noch mit ihr will, wenn er die Nase voll hat vom FeuerwehrRitterRömerPiraten, aber Luise wartet vergeblich und darum entschliesst sie sich dazu, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten eins überzubraten, um ihn so ausser Gefecht zu setzen, damit sie endlich mit dem Prinzchen kann, aber der will jetzt erst recht nicht mit Luise, weil diese ihm das schöne Spiel mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten vermasselt hat und darum brät das Prinzchen dem Zoowärter eins über, warum weiss niemand so richtig, vermutlich lag es nur daran, dass der Zoowärter gerade zur falschen Zeit am falschen Ort war. Jetzt will der Zoowärter erst recht zu Luise, denn die kann so schön trösten, aber Luise will momentan mit gar keinem mehr, denn sie ist eingeschnappt, dass das Prinzchen nicht mit ihr will. Karlsson entschliesst sich nun endlich dazu, dass er doch am liebsten nur mit Luise will, aber Luise muss zuerst noch eine Runde schmollen, bevor sie sich dazu entschliessen kann, mit Karlsson zu wollen. Und weil Karlsson und Luise plötzlich so viel Spass haben, wollen nun auch der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter mit ihnen, was erstaunlicherweise eine ganze Weile lang gut geht, bis der FeuerwehrRitterRömerPirat nur noch mit Karlsson und Luise, nicht aber mit dem Zoowärter will, worauf der Zoowärter eingeschnappt ist und sich von Luise, die nun unbedingt mit ihm will, trösten lässt, was wiederum Karlsson nicht passt, der eigentlich am liebsten nur mit Luise möchte und die andern nur hat mitmachen lassen, damit Luise auch will. Aber jetzt will Luise nicht mehr, der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPiraten wollen schon noch, aber nicht mehr miteinander, sondern nur noch einer von beiden, aber sie können sich nicht entscheiden, welcher denn ausscheiden muss, also befiehlt Karlsson, wer noch darf und wer nicht, worauf beide heulen und bald darauf heule alle durcheinander, obschon keiner wirklich zu wissen scheint, weshalb und weil das gemeinsame Geheul so schön ist, stimmt auch das Prinzchen mit ein und bald wollen alle nur noch das Eine: Zu Mama, und zwar bitteschön ohne diese lästigen Geschwister.

Im Dienste des Prinzen

Es fragt sich ja schon, weshalb ich mir eigentlich eine berufliche Herausforderung zulegen musste, wo doch die Aufgabe als Leibwache und Kammerzofe des Prinzchens herausfordernd genug ist. Meist fängt es schon in den frühen Morgenstunden an, wenn alle Bediensteten des jungen Herrn noch im Bett liegen, der junge Herr aber wegen einer vollen Windel nicht mehr im Bett liegen mag. Nun würde man ja erwarten, dass so ein kleiner Adliger ein Gebrüll anstimmt, um all sein Personal herbeizurufen. Aber das Prinzchen mag nicht warten, bis jemand kommt und entledigt sich der schmutzigen Windel gleich selbst, entsorgt sie brav im Windeleimer und macht sich dann auf Entdeckungstour in der Wohnung. Dass er dabei Spuren hinterlässt, kann ihm egal sein. Wozu hat man denn Diener, wenn nicht zum Beseitigen der Spuren? Irgendwann möchte das Prinzchen nicht mehr ohne seine Entourage sein und schleicht sich zum Bett seiner Eltern. Diese erwachen nicht wegen des süssen Gebrabbels aus prinzlichem Munde, sondern wegen des widerlichen Gestanks, der von dort kommt, wo eigentlich eine Windel sein sollte. Vielleicht erwachen sie auch, weil es dem Prinzchen nicht gelungen ist, sich eine Hose über den schmutzigen Hintern zu ziehen und er jetzt brüllend mit zwei Beinen in einem Hosenbein feststeckt.

Und jetzt geht es los. Während der eine sich mit dem Putzlappen in der Wohnung auf Spurensuche macht, versucht die andere, den jungen Herrn zu säubern, ohne dabei den Kinderschutz auf den Plan zu rufen. Denn Prinzchen und Wasser, das passt nicht zusammen. Nicht baden, nicht duschen, schon gar nicht Haare waschen. Wasser ist zum Trinken da. Und zum Herumspritzen am Lavabo. Aber Saubermachen ist das Letzte und das sollen alle wissen, die im Umkreis von zwei Kilometern wohnen. Meist bringt man das Kind mit Mühe und Not sauber, steckt es in saubere Kleider – so man denn etwas findet, was sich der junge Herr ohne Protest und Gezeter überziehen lässt, weil ihm Farbe und Aufdruck für einmal zusagen – und man denkt, man könne jetzt den Tag ruhig und beschaulich angehen.

Kann man aber nicht, denn Beschaulichkeit ist nicht des Prinzen Stärke. Die Beschaulichkeit gehört dem Zoowärter und ein Prinz grast nicht auf fremden Wiesen. Er weiss ja, was sich gehört. Der Prinz im Hause ist zuständig für Abenteuer, Klettertouren und Entdeckungsreisen. Und so verbringt man den Rest des Tages damit, das Kind von der Lehne des Trip Trap herunterzuholen, auf die es geklettert ist, um den Inhalt des Gewürzschranks genauer unter die Lupe zu nehmen und zu testen, wie sich scharfes Paprika und sanfte Prinzenaugen miteinander vertragen. Wenige Momente später muss die Türe bewacht werden, was leider nicht mehr geht, indem man die Türe abschliesst. Musste er vor wenigen Wochen noch mühsam einen Stuhl herbeischleppen, um das lästige Schloss zu öffnen, genügt es heute, wenn er sich auf die Zehenspitzen stellt und schon ist sie da, die grosse Freiheit. Nun mag man sich fragen, weshalb er denn nicht rausdarf. Immerhin stattet er meist einen Besuch bei der Grossmama ab, die einen Stock tiefer wohnt. Und gegen einen Besuch bei ihr wäre tatsächlich nichts einzuwenden, könnte man denn sicher sein, dass er auch wirklich dort ankommt. Hin und wieder schnappt sich der junge Herr nämlich auch die Gummistiefel des grossen Bruders und dann geht’s ab in den Garten, wo das noch viel zu grosse Laufrad getestet werden will. Nun gut, auch dagegen wäre grundsätzlich nichts einzuwenden, wenn denn das Prinzchen eine Hose und eine Jacke tragen würde. Und wenn man sich darauf verlassen könnte, dass das Gartentor für ihn die Grenze ist und er nicht das Territorium ausserhalb seines Reiches erkunden würde. Und dieses Territorium heisst nun mal Strasse und ist vollkommen untauglich für einen kleinen, abenteuerlustigen und unvernünftigen Prinzen.

Irgendwann stellt man sich die Frage, ob der Tag vielleicht einfacher würde, wenn das Prinzchen sich ein wenig aufs Ohr legen würde. Müde ist er ja und man selber könnte man eine Pause auch ganz gut gebrauchen. Aber ist Müdigkeit denn ein Grund, sich schlafen zu legen? Nein, denn wenn man müde ist, kann man für viel mehr Action sorgen. Dann kann man sich mit den grossen Brüdern anlegen – und herzzerreissend heulen, wenn die sich zur Wehr setzen – Orangensaft verschütten, weil man den Becher nicht mehr trifft, über die eigenen müden Beine stolpern und dergleichen. Macht doch unglaublich viel Spass, aber Mama spielt nicht mit und zwingt den jungen Herrn trotzdem ins Bett. Aber wo man schon im Bett liegt und Mama so friedlich nebendran, könnte man ihr ja gleich zeigen, wie geschickt man sich im Schlafsack über das Gitter des Betts schwingen kann. Aber diese humorlose Mama will nichts davon sehen, will nur langweilige Lieder singen und schläft am Ende selber fast ein.

Meist ergibt sich das Prinzchen dann doch noch dem Schlaf und die Bediensteten atmen auf: Ein paar Momente der Ruhe, in denen man über all die Spässe, die der junge Herr sich wieder erlaubt hat, lauthals lachen kann. Lange dauert die Ruhe nicht, denn bald schon steht er wieder da, mit zerzaustem Haar und schelmischem Blick und verkündet: „Han guet gschlafe!“ („Ich habe gut geschlafen!“) und dann geht’s weiter mit Klettern, Entdecken und Saft verschütten. Bis zum späten Abend, wenn er sich endlich zur Ruhe legt und wir Bediensteten an seinem Bett stehen und zueinander sagen: „Ist er nicht zum Fressen, dieser süsse kleine Tyrann?“

Helden

Jetzt gehört der FeuerwehrRitterRömerPirat also auch zum Klub der Helden, die sich mitten in der Nacht einer Notfalloperation unterziehen mussten. Und wie ein Held wurde er auch von seinen Geschwistern empfangen, als er heute mit OP-Haube auf dem Kopf und eingeschientem Arm wieder zu Hause erschien. Das sind sie, die Sternstunden, in denen sichtbar wird, wie sehr die fünf, die sich im Alltag doch ziemlich auf den Geist gehen können, einander lieben. Ob er Angst gehabt hätte, wollten die Geschwister wissen. Ob er auch durch diese langen unterirdischen Gänge gefahren worden sei. Und ob er mit der Zimmernachbarin, mit der er sich abends um zehn noch hitzige Wettkämpfe mit dem Bettenlift geliefert hatte, die Telefonnummer ausgetauscht hätte. Alles wollten sie wissen und bald einmal begannen sie, in ihren eigenen Erinnerungen zu schwelgen. „Ich werde nie diesen fürchterlich trockenen Zwieback vergessen, den sie mir damals in Österreich zu essen gaben“, sagte Karlsson, der seinen Blinddarm in unserem östlichen Nachbarland verloren hat. „Weisst du noch, wie doof meine Zimmernachbarin war“, lästerte Luise und sogar der Zoowärter, der zwar noch nie unter dem Messer, wohl aber schon auf der Notfallstation war, trug die bruchstückhaften Erinnerungen zusammen, die er noch finden konnte.

Da sassen sie also, die vier Veteranen und verglichen ihre Spitalerfahrungen. Und wie ich ihnen so zuhörte, kamen auch in mir die Erinnerungen hoch. Erinnerungen an diese elende Nacht als ich, mit dem Prinzchen schwanger, dabei zusehen mussten, wie sie meinen Ältesten in der Ambulanz mitnahmen in ein Spital, von dem ich nicht einmal wusste, wo es war. An das Bangen, als der Zoowärter in der Ambulanz vom Einkauf in der Ikea zurückgefahren kam. An das endlose Warten, als Luise der Bauch aufgeschnitten wurde. Und jetzt haben wir also auch mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten unser Abenteuer, auf das wir gerne verzichtet hätten, erlebt.

Gebangt haben wir auch diesmal, denn ich glaube, als Eltern kann man gar nicht ruhig und gelassen bleiben, wenn man weiss, dass das Kind, das man über alles liebt, leiden muss. Und doch fühle auch ich mich so langsam als Veteranin. Denn immerhin weiss ich inzwischen, wie der Hase läuft in diesen Spitälern. Das nimmt einem zwar nicht die Angst, aber zumindest weiss man, worauf man sich einstellen muss, wenn man mal wieder einen kleinen Helden der ärztlichen Pflege anvertrauen muss.

Und weil ich nach der anstrengenden Nacht so müde bin, hier ein pauschales herzliches Dankeschön an alle, die an den FeuerwehrRitterRömerPiraten gedacht haben.

Umbruch

Wie so oft im Leben, kommen bei uns mal wieder alle Veränderung auf einmal. Und darum sieht unsere To Do-Liste momentan etwa so aus:

Zimmereinrichtung für Zoowärter und FeuerwehrRitterRömerPiraten auftreiben und dabei auch noch eine Kleinigkeit für Luise und Karlsson erstehen, weil die sonst wieder motzen, die Kleinen würden viel mehr bekommen als sie.

All den alten Krempel in den Kinderzimmern ausmisten, damit der Zoowärter sein eigenes Zimmer bekommen kann.

All den alten Krempel aus dem Büro ausmisten, damit ich mein Büro im Familienzentrum einrichten und gleichzeitig das Büro zu Hause wieder begehbar machen kann.

All den alten Krempel aus dem Keller räumen, damit der alte Krempel aus der Waschküche in den Keller geräumt werden kann, damit in der Waschküche Platz für die Sauna entsteht.

Den alten Krempel, der gar kein Krempel, sondern noch brauchbar ist, ins Familienzentrum bringen. Den restlichen alten Krempel entsorgen.

Die Waschmaschine im Obergeschoss reparieren lassen, damit die Waschmaschine in der Waschküche nicht mehr so viel gebraucht wird, damit wir die Wäsche nicht mehr unten, sondern oben aufhängen können, damit die Sauna mehr Platz hat.

Die Waschküche rosarot streichen, damit ich mich in dem muffeligen Raum ganz wie zu Hause fühle.

Die Suche nach einem neuen Au Pair intensivieren, da noch immer niemand in Sicht ist, der sich die Bändigung von fünf kleinen und zwei grossen Vendittis zutraut.

Die Unterlagen von einem Jahr Projektarbeit sichten, das Brauchbare ins Familienzentrum übernehmen, den Rest unter „Fehler, die ich nie mehr machen werde“ archivieren.

Ricardo durchforsten nach a) einem neuen Bett für „Meinen“ und mich, weil das Alte nur noch auf drei Beinen steht, b) nach Möbeln für das Familienzentrum und c) nach Möbeln für die Kinderzimmer (siehe oben).

Falls bei Ricardo nicht fündig geworden Ikea-Katalog durchforsten nach a) siehe oben, b) siehe oben, c) siehe oben und d) nach all den schönen Dingen, die kein Mensch braucht und die man sich dennoch hin und wieder gerne anschaut.

Alles, was bei Ricardo ersteigert wurde, abholen und dabei aufpassen dass ich a) nichts vergesse und dadurch Verkäufer verärgere b) nicht zu viel Zeit mit in der Gegend herumirren verliere und c) nicht plötzlich die Dinge, die ich privat ersteigert habe, ins Familienzentrum bringe und umgekehrt.

Das sind die kleinen Brocken. Der grosse wäre:

Dem Familienzentrum vom Papier in die Realität verhelfen, damit es am 1. März eröffnet werden kann. Zum Glück muss ich die Sache nicht alleine schaffen, sondern kann auf sehr viel Hilfe zählen.

Und dann gibt es da noch ein paar besonders schöne und wertvolle Dinge, die auf gar keinen Fall vergessen gehen dürfen:

Am Donnerstag den vierten Geburtstag des Zoowärters feiern.

Mit „Meinem“ neue Wege ausfindig machen, weil sich ihm jetzt, wo ich berufstätiger als auch schon bin, ganz neue Perspektiven eröffnen.

Unsere neue Nichte kennen lernen und mit Luise rosarote Babykleidchen shoppen gehen, weil wir jetzt endlich mal wieder ein Opfer haben, das wir mit Kitsch überhäufen können.

Die letzten Wochen mit dem Au Pair geniessen und verdrängen, dass sie schon sehr bald nicht mehr Teil unserer Familie sein wird.

Überlegen, ob wir wirklich im Sommer mit der ganzen Horde nach Prag fahren und dann noch eine Woche Veloferien anhängen sollen.

Und dann noch die schwierigste Herausforderung von allen:

Herausfinden, wo man bei all den Dingen noch die Zeit zum Nachdenken und zum Schreiben finden soll.