Was würde Jesus wohl dazu sagen: Wir reichen Schweizer geben mit beiden Händen Geld aus, um seinen Geburtstag zu feiern und gleichzeitig müssen Menschen, die hier nicht willkommen sind, bei Schnee und Kälte draussen übernachten, weil angeblich kein Platz mehr ist für sie, nicht einmal vorübergehend. Selten tritt die Diskrepanz zwischen „christlicher Kultur“ und menschlicher Kälte so krass zu Tage wie jetzt. Ich mag nicht die fromme Moralkeule schwingen, aber etwas mehr echte Nächstenliebe und etwas weniger christliches Tamtam würde uns allen gut anstehen. Vor allem auch jenen, die sich die Verteidigung „unserer christlich-abendländischen Kultur“ auf die Fahnen geschrieben haben.
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Sündenregister
Alle paar Wochen muss mir Karlsson sein Sündenregister vorlegen und ich oder „Meiner“ haben die Pflicht, jeden einzelnen Eintrag zu unterschreiben. Am 15. 9. zum Beispiel hat der Junge vergessen, ein Blatt abzugeben, einige Wochen später hat er nicht daran gedacht, uns eine Prüfung zum Unterschreiben vorzulegen und am 28. 11. – man mag es kaum fassen – waren seine Hausaufgaben doch tatsächlich nicht bis zum letzten Punkt und Komma fertig gelöst. Ich meine mich daran zu erinnern, dem Lehrer damals ein Brieflein geschrieben zu haben mit einer Begründung für dieses Vergehen, aber vielleicht irre ich mich ja.
Schrecklich, was ich da über meinen Sohn erfahren muss, nicht wahr? Da wagt es mein Kind doch tatsächlich, so zu sein wie wir damals. Durchaus bestrebt, alles richtig zu machen, aber halt doch mit dem einen oder anderen kleinen Ausrutscher, weil man eben nicht immer an alles denken kann, wenn man Kind ist. Aber was schreibe ich da „wenn man Kind ist“? Man zeige mir den Erwachsenen, der nicht hin und wieder ein Formular einen oder zwei Tage zu spät abgibt oder der gar – oh Schreck – beim Wocheneinkauf nicht daran denkt, den Windelvorrat aufzustocken.
Ja, ich weiss, Ordnung muss sein und ein Kind muss lernen, selbständig an seine Aufgaben zu denken. Und ich habe ja auch nicht grundsätzlich etwas dagegen einzuwenden, wenn auf Pünktlichkeit, Sorgfalt und Zuverlässigkeit Wert gelegt wird. Aber ist es wirklich nötig, einem pflichtbewussten Kind das Leben noch anstrengender zu machen, indem man ihm regelmässig ein Sündenregister vorlegt und ihm androht, dass es einen Eintrag im Zeugnis geben wird, wenn es sich noch mehrere solcher schwerer Vergehen erlaubt? Braucht es wirklich für jedes vergessene Blatt eine elterliche Unterschrift, so wie man zu unseren Zeiten für eingeschlagene Fensterscheiben und aufgestochene Velopneus einen gelben – oder wenn es ganz schlimm kam einen roten – Zettel zum Unterschreiben mit nach Hause bekam? Nicht, dass ich Erfahrungen gemacht hätte damit, meine Verfehlungen bewegten sich im gleichen Rahmen wie diejenigen von Karlsson, aber ich habe grosse Brüder und so sind mir die Strafmassnahmen von damals nicht ganz fremd.
Ja, es waren andere Zeiten damals, vielleicht etwas antiautoritärer als heute, was bestimmt nicht nur positive Auswirkungen auf meine Generation hatte. Und doch zweifle ich daran, dass es jetzt, wo das Pendel immer heftiger ins andere Extrem schwingt, viel besser herauskommt.
Was nun?
Sie haben vollkommen Recht, die zwei Experten, die in der heutigen Ausgabe der „NZZ am Sonntag“ kritisieren, dass Kinder zur Therapie geschickt werden, kaum tanzen sie mal ein wenig aus der Reihe. Völlig unrealistisch sei das, was Lehrpersonen, Eltern und Therapeuten heute von den Kindern erwarteten, völlig unnötig ein Grossteil dessen, was angeordnet werde, vollkommen falsch der Fokus auf die Schwächen des Kindes. Natürlich alles viel geschliffener und ausführlicher formuliert, als ich es jetzt wiedergebe, aber das war mehr oder weniger die Kernaussage des Interviews, das mir einmal mehr bestätigte, dass ich mit meinen unguten Gefühle gegenüber der aktuellen Therapiewut nicht alleine dastehe. Endlich mal Fachleute, die klar und deutlich sagen, dass ein Kind seine Schwächen haben darf und dass man als Eltern die Dinge durchaus gelassener sehen darf, ohne sich gleich dem Vorwurf ausgesetzt zu sehen, man sei nicht bereit, das Beste aus dem Kind zu holen. Alles sehr befreiend für eine Mutter wie mich, die davon ausgeht, dass die Kinder lernen müssen, ihr Leben mit den ihnen eigenen Stärken und Schwächen zu meistern und dass es überhaupt nichts bringt, sie in irgend ein Schema pressen zu wollen.
In der Theorie ist das alles ganz einfach. Aber was mache ich nun mit dem Brief der Logopädin, die beim Routineuntersuch im Kindergarten festgestellt haben will, dass der Zoowärter beim Sprechen Auffälligkeiten zeigt? Ist ihr sein Lispeln aufgefallen? Was sich damit erklären lässt, dass seine Zunge etwas lang geraten ist, aber da kann man ja wohl kaum etwas ändern. Oder hat unser Zweitjüngster beim Untersuch in Babysprache gesprochen, was er öfters tut, wenn er verlegen ist? Auch das kein Problem, das sich nicht mithilfe der Logopädie lösen liesse. Natürlich, unser Sohn redet noch nicht wie ein Sechsjähriger, aber er ist ja noch nicht mal fünf. Natürlich rollt er das r noch nicht so schön, wie es sich für einen rechten Schweizer gebührt, aber das war bei seinen grossen Geschwistern nicht anders und heute können sie es auch. Nun werde ich natürlich trotzdem zum Gespräch mit der Logopädin gehen, denn ich weiss, dass sie eine besonnene Frau ist, die einen nicht einfach ohne Grund zum Gespräch aufbietet, aber ich glaube, ich weiss schon jetzt, was ich ihr sagen werde. Nämlich, dass ich mir keine Sorgen mache, solange der Zoowärter fähig ist, all die komplizierten Dinosaurier-Namen zwar mit Lispeln, sonst aber fehlerfrei herunterzurattern.
Schwieriger wird es da schon bei Luise, denn bei ihr sehen sowohl „Meiner“ als auch ich, dass irgend etwas sie daran hindert, ihre Fähigkeiten auszuschöpfen. Wir können nicht so genau sagen, was es ist, aber wir sehen, dass es ihr zuweilen ganz schön zusetzt. Und so werden wir natürlich hellhörig, wenn eine Fachperson eine gründliche Abklärung vorschlägt. Wir möchten unsere Tochter ja nicht alleine lassen in einer Situation, die ihr sichtlich zu schaffen macht. Ich habe nichts gegen eine Hilfestellung, die dem Kind ermöglicht, mehr sich selbst zu sein, aber ich will keine Korrekturmassnahmen, die nur dazu dienen, das Kind zu normieren, damit es nicht aus der Reihe tanzt. Bloss, wer sagt mir, wann die Grenze vom einen zum anderen überschritten ist? Wer hilft mir dabei, mich gegenüber sinnvoller Unterstützung nicht zu verschliessen und gleichzeitig laut und deutlich nein zu sagen, wenn man Luise nicht mehr Luise sein lassen will?
Ja, die zwei Experten aus der „NZZ am Sonntag“ haben vollkommen Recht, wenn sie finden, man solle nicht so viel an den Kindern herumdoktern und doch habe ich zuweilen keine Ahnung, was das Richtige ist für die Kinder, mit denen ich Tag für Tag unterwegs bin.
Milano Centrale I
Samstag, 8. Oktober, ca. 12 Uhr mittags. Familie Venditti, soeben mit dem Zug aus der Schweiz angekommen, verlässt den Bahnhof Milano Centrale, um sich auf die Suche nach der Autovermietung zu machen. Nach fünf Minuten das erste Mal die Frage: „Signora, quanti Bambini ha? Cinque?“ Jawohl, fünf haben wir. „Brava, Signora! Ha fatto bene!“ Danke sehr, ich fühle mich geschmeichelt, dass man meine Gebärfreudigkeit würdigt, auch wenn ich gerade verzweifelt versuche, die fünf, die ich so freudig geboren habe, unter Kontrolle zu halten, ohne dabei einen Koffer aus den Augen zu verlieren.
Weil die Autovermietung ein paar Schritte vom Bahnhof entfernt liegt, bleibe ich mit Gepäck, Zoowärter und Prinzchen auf dem Bahnhofplatz, während „Meiner“ sich mit den Grossen aufmacht, das Auto abzuholen. Es dauert nicht lange, bis uns der erste fliegende Händler entdeckt hat. Aber der versucht gar nicht erst, uns Sonnenbrillen anzudrehen, er kommt gleich zur Sache: „How many children? Five? Well done!“ Und dann will er alles wissen: Wie viele Jungs, wie viele Mädchen, wie alt sie sind, ob ich noch berufstätig bin und ob die Schweiz sich in der Familienförderung grosszügig zeigt. Und dann, als er sich daran erinnert, dass er ja selber auch eine Familie zu ernähren hat – ob in Italien oder in Bangladesh hat er mir nicht erzählt – , verabschiedet er sich von uns mit den Worten: „You’re such a hard-working woman. Very well done!“
So langsam wird mir die Bewunderung peinlich, bin ich doch alles andere als die perfekte Mama, besonders jetzt nicht, wo ich das Prinzchen mit pädagogisch fragwürdigen Methoden daran hindern muss, Milano Centrale sauber zu machen und jedes kleinste Papierfetzchen vom schmutzigen Boden aufzuheben, um es im noch schmutzigeren Abfalleimer zu entsorgen. Aber die Lobhudelei hat noch längst kein Ende. Drei freundliche Damen kommen auf mich zu, um mich für die Zeugen Jehovas anzuheuern. In der Schweiz habe ich schon öfters erlebt, dass diese nie locker lassen und meist ziemlich gehässig reagieren, wenn ich ihnen mitteile, dass ich meinen Glauben bereits gefunden habe und nicht gedenke, ihn demnächst gegen einen neuen einzutauschen. Hier aber läuft das Gespräch anders ab. Zuerst natürlich die übliche Frage, ob ich etwas zum Lesen haben möchte, weil ich mit zwei kleinen Jungs unterwegs bin natürlich etwas über Erziehung. „Wie soll ich die bloss wieder loswerden?“, frage ich mich, da kommt mir der rettende Einfall. Warum nicht von meinen fünf Kindern zu reden anfangen, wo diese hier doch ganz offensichtlich eine Attraktion sind? Also bemerke ich ganz beiläufig, dass die zwei süssen kleinen Jungs, die sich gerade um ein zerbrochenes Brillengestell streiten, nicht meine einzigen Kinder sind. Und siehe da, die netten Damen beissen an. Bald bin ich diejenige, die redet und sie hören mit grossen Augen zu. Ja, es ist manchmal ein ziemlicher Stress, ja wir lieben die fünf über alles, nein, wir möchten keins mehr, nun ja, ich schon, aber „Meiner“ nicht, ja, wir freuen uns, dass wir mit unseren Knöpfen in die Ferien reisen dürfen, oh ja, natürlich sind sie alle ganz lieb und nett, ach ja, die Wäscheberge, Sie wissen schon….
Ich glaube, wenn sie mir noch etwas mehr Zeit gegeben hätten, ich hätte sie dazu bekehrt, eine Grossfamilie zu gründen, aber leider hatte ich gerade kein Traktat dabei, das ihnen aufgezeigt hätte, wie sinnlos ein Leben ohne grosse Kinderschar doch ist. Und sie hatten keine Zeit mehr, mir länger zuzuhören, weil sie ganz dringend auch noch jemanden bekehren mussten. Ja, und dann fährt zum Glück „Meiner“ vor und holt uns mitsamt unseren Koffern ab. Wirklich höchste Zeit, von hier zu verschwinden. Der fliegende Händler von vorhin hat nämlich bereits einen Kollegen herbeigerufen, dem er unbedingt noch die Sensation zeigen will, die er mitten im Getümmel von Milano Centrale entdeckt hat.
Das Problem bei uns Grossfamilien ist nur, dass man nie wissen kann, wie schnell die öffentliche Meinung von „Ach, wie toll, so eine grosse Familie“ zu „Die haben auch gar nichts im Griff, weder die Geburtenkontrolle noch ihre Rotznasen“ kippt. Und darum ist es immer gut, sich in ein schützendes Auto flüchten zu können, wenn wir zu sehr beachtet werden.
Doch kein Silberstreifen
Schon der deutliche Entscheid zum Atomausstieg vor zwei Tagen stimmte mich milde optimistisch. Als ich dann heute beim Abchecken der Mails auch noch mitbekam, dass das Schweizer Fernsehen in Zukunft auf die Ausstrahlung der Miss Schweiz Wahlen verzichtet, weil sich einfach keiner mehr für diesen Schwachsinn interessiert, da dachte ich einen kurzen Moment lang allen Ernstes, die Zukunft unseres Planeten sei vielleicht doch nicht so düster, wie man gemeinhin denkt. Ob es ihn doch gibt, den berühmten Silberstreifen am Horizont? Dann aber, als ich noch etwas weiter im Internet surfte, stach mir ein pinkfarbenes Werbebanner ins Auge. Eine Werbung für irgend einen billigen Prosecco? Oder vielleicht für einen neuen Lippenstift? Weit gefehlt. „4-jähriges Mädchen verstümmelt!“, stand da und ich fragte mich, wie besoffen wohl der Content-Manager dieser Website gewesen sein muss, als er diese schreckliche Botschaft mit einem zuckersüssen Hintergrund versehen hat.
Und dann war da heute noch das Erlebnis, das Karlsson und ich im Shopping Center machten. Ja, ich geb’s zu, wir waren im Shopping Center, aber nur, weil wir gerade in der Region waren und ich die Gelegenheit nutzen wollte, ein Geburtstagsgeschenk für „Meinen“ zu kaufen. Da fuhren also mein Sohn und ich friedlich plaudernd auf einer nahezu leeren Rolltreppe in Richtung Bücherladen, Karlsson auf beiden Seiten auf das Geländer abgestützt. Leider bemerkten wir zu spät, dass ein gehetzter Rentner an Karlsson vorbeizukommen wünschte. „Das machst du wohl mit Absicht?“, herrschte er Karlsson an, stiess seinen Arm unsanft zur Seite und als ich es wagte, den netten Herrn darauf aufmerksam zu machen, dass mein Sohn gänzlich ohne böse Absichten die gesamte Breite der Rolltreppe in Anspruch genommen hätte, bekamen wir noch so einiges zu hören, was ich lieber nicht hören möchte. Ich möchte das nicht hören, weil ich sehr genau spüre, wann mein Kind etwas aus böser Absicht tut und wann nicht. Ich möchte es aber auch nicht hören, weil in meinen Augen die Haltung „In jedem Kind steckt ein unerträglicher Rotzbengel, der nur darauf aus ist, den Erwachsenen das Leben zu versauen“ absolut lebensfeindlich ist.
Nach überstandenem Shopping-Trip – eine ziemlich ernüchternde Angelegenheit, denn inzwischen hat auch noch der letzte unabhängige Laden mit originellem Sortiment einer der unzähligen Ladenketten Platz gemacht – , noch einmal ein Abstecher ins Internet. Und was lese ich dort? Der Gemeindeamman eben jener Gemeinde, in der wir shoppen waren, tritt zurück. Er war bedroht worden, offenbar weil er es gewagt hatte, am Schweizer Fernsehen auszusagen, das Zusammenleben mit vielen „Ausländern“ sei eine ganz grosse Bereicherung. So eine Unverschämtheit. Da wagt doch tatsächlich einer anzudeuten, dass man auch mit Menschen fremdländischer Herkunft ganz gut klarkommen kann.
Ich weiss, all die Dinge, über die ich hier schreibe, hängen nicht wirklich zusammen, aber sie alle machen mir klar: Auch wenn es hin und wieder mal eine positive Nachricht geben mag, das mit dem Silberstreifen am Horizont war nur ein netter Traum.
Trifft (in hohem Mass teilweise nicht) zu
Jetzt muss ich doch noch einmal auf dieses unsägliche Laufbahnreglement zurückkommen, denn die Sache will mir einfach nicht aus dem Kopf. Mit diesem Laufbahnreglement will die Schule ja nicht nur die Leistungen der Schüler bewerten, man möchte auch das „Arbeits-, Lern und Sozialverhalten“ möglichst umfassend beurteilen. Da stellt sich die Lehrkraft unter dem Punkt „Gestaltet Arbeiten sorgfältig und zuverlässig“ zum Beispiel die Frage, ob sich das Kind um eine „exakte und ansprechende Darstellung bemüht“. Unter dem Punkt „Begegnet den Lehrpersonen respektvoll“ wird analysiert, ob das Kind mit Kritik umgehen kann, ob es anständig ist und „sich zu benehmen weiss“. Es gibt einen ganzen Katalog an weiteren Kriterien, welche bewertet werden sollen.
Aber wie bewertet man denn? Ähnlich wie in einer Marktforschungs-Umfrage, wie mir scheint. Die Lehrkraft kann nämlich ankreuzen: „Trifft in hohem Mass zu“, „Trifft zu“, „Trifft teilweise zu“ und „Trifft nicht zu“. Soweit so einfach. Was mich an der Sache aber beunruhigt ist, dass die Spalte „Trifft zu“ gelb unterlegt ist, denn, so hat es die Schulleitung erklärt, man wünscht sich, dass sich alle Kinder in möglichst allen Punkten in dieser Spalte befinden. Nun kann ich ja ein gewisses Verständnis dafür aufbringen, dass man nicht gerade erfreut ist darüber, wenn ein Schüler in allen Bereichen ein „Trifft nicht zu“ erreicht. Ist ja nicht gerade angenehm, einen Querschläger in der Klasse zu haben, der weder mit Mitschülern noch Lehrern klarkommt und der jeden Tag die Hausaufgaben vergisst.
Was aber ist so schlimm daran, wenn man mal sagen muss, dass eine Sache nur teilweise zutrifft? Ich meine, würde man mein Arbeits- und Sozialverhalten genauer unter die Lupe nehmen, man würde wohl öfters mal ein „Trifft teilweise zu“ ankreuzen. Hätte man zum Beispiel gestern beurteilen müssen, ob ich mich „durch Erwartungen / Anforderungen unter Druck setzen lasse“, man wäre ganz klar zum Schluss gekommen, dass dies sehr wohl zutrifft. Vor allem, wenn ich nachts um eins noch immer verbissen und den Tränen nahe an dieser Broschüre arbeite, die doch endlich in Druck gehen sollte. Würde man an einem ganz gewöhnlichen Tag untersuchen, ob ich anständig bin und mich zu benehmen weiss, man könnte bestätigen, dass dies durchaus zutrifft. Aber glaubt mir, das Urteil würde ganz anders ausfallen, wenn man mich zufällig an einem Hausfrauenfrusttag kombiniert mit quengeligen Kindern und PMS erlebte. An solchen Tagen ist ein „Trifft teilweise zu“ eine Glanzleistung, die nicht zu verachten ist. Unter Erwachsenen akzeptiert man, dass es im Leben gute und schlechte Tage gibt und solange einer nicht komplett ausfällig wird, drückt man schon mal ein Auge zu, auch wenn der Tonfall etwas gehässiger als gewöhnlich war. Warum aber erwartet man von den Kindern eine Ausgeglichenheit, die wir selber nicht hinkriegen? Haben die Kinder kein Recht auf „Trifft teilweise zu“-Tage? Oder gar auf „Trifft nicht zu“-Tage?
Ja, dann wäre da natürlich noch die Spalte „Trifft in hohem Mass zu“. Auch die ist offenbar unerwünscht. Zumindest verstehe ich das so, denn wäre sie erwünscht, wäre sie bestimmt auch gelb eingefärbt. Wenn ich ganz nett und gnädig gestimmt bin, erkläre ich mir dies damit, dass man Kinder und Eltern nicht zu sehr unter Druck setzen will. Vermutlich will man uns sagen, dass gut schon ausreichend ist und dass es nicht nötig ist, sich abzukämpfen, um es auf Stufe „sehr gut“ zu bringen. Wenn ich weniger gnädig gestimmt bin – und das kann durchaus vorkommen, wenn man mir beim Schulbesuch sagt, der FeuerwehrRitterRömerPirat hätte zwar eine geniale Zeichnung gemacht, hätte dafür aber viel zu viel Zeit gebraucht -, dann sehe ich darin eine andere Aussage: „Du darfst gut sein, ja, du musst sogar. Aber bitte sei nicht zu gut, denn damit bringst du unser Programm durcheinander und das ist anstrengend.“
Wenn ich meine Kinder so anschaue, an all die unzähligen Hochs und Tiefs unseres Zusammenlebens denke, mir überlege, mit welchen Stärken sie brillieren und mit welchen Schwächen sie an ihre Grenzen stossen, dann wird mir klar, dass sie keine „Trifft zu“-Kinder sind. Das Spektrum reicht von „Trifft in hohem Masse zu“ bis zu „trifft überhaupt nicht zu“ und zwar bei jedem Kind, an jedem Tag. Natürlich, so, wie ich sie kenne, werden sie sich ernsthaft darum bemühen, ins „Trifft zu“-Schema zu passen, sie nehmen die Schule ja ernst und das ist soweit okay. In meiner Erfahrung ist es aber so, dass sie vor lauter Anstrengung, in der Schule in die gelbe Spalte zu passen, zu Hause so ausgelaugt sind, dass sie in den Bereichen „Kann sich mühelos entspannen und fröhlich sein“ nur noch ein „Trifft teilweise zu“ erreichen würden. Und an ganz anstrengenden Schultagen müsste ich beim Bereich „Geniesst das Zusammenleben mit Eltern und Geschwistern und trägt zu einem friedlichen, hilfsbereiten Familienklima bei“ ein „Trifft nicht zu“ eintragen.
Ich schreibe „würde“ und „müsste“, weil wir bei uns in der Familie davon absehen eine „Verbindliche Regelung zur Beurteilung des Arbeits-, Lern- und Sozialverhaltens“ zu erarbeiten. Ziemlich unprofessoinell, ich weiss, aber deutlich lebensnaher, wenn ihr mich fragt.
Absurd
Alle Welt regt sich darüber auf, dass man ab Oktober in den Läden nichts anderes mehr bekommt als Christbaumkugeln, leuchtende Rentiere und Lametta. Können die nicht etwas später anfangen mit ihrer Konsumwut, fragen wir uns, ärgern uns grün und blau darüber, dass sogar das WC-Papier nur noch mit Engelchen-Aufdruck zu haben ist und greifen dann doch zu, um unseren Alltag in ein vorweihnachtliches Traumland zu verwandeln.
Darüber ereifert sich jeder, der etwas auf sich hält. Warum aber greift sich kaum einer an den Kopf, wenn ab August die Läden voll sind mit Jahresplanern, Kalendern und Agenden? Die Rede ist hier nicht von den Schüleragenden, die verständlicherweise zu Beginn des Schuljahres in allen Farben und Grössen erhältlich sind. Die Rede ist von den richtigen Jahresplanern, denjenigen, die mit dem 1. Januar anfangen und dem 31. Dezember enden. Von richtigen Kalendern, solchen mit ganz viel Platz für all die Termine, die das neue Jahr, das noch so weit entfernt zu sein scheint, mit sich bringen wird. Damit hat kaum einer ein Problem; im Gegenteil, man fühlt sich grossartig, wenn man ein Mensch ist, der vorausschaut und deshalb schon im Hochsommer dafür sorgt, dass keiner der Termine in der Lücke zwischen dem einen und dem anderen Kalender verloren geht.
Sind wir nicht vollkommen durchgedreht? Wenn wir im Oktober dem Christbaumschmuck nicht widerstehen können, verbergen wir ihn im Einkaufswagen verschämt unter Kohl, Kürbis und Kastanien, damit auch ganz bestimmt keiner sieht, dass wir dem Weihnachtszauber zu früh erlegen sind. Kaufen wir uns im August einen Jahresplaner, erröten wir etwa über beide Ohren, wenn wir dabei von einer Bekannten erwischt werden? Aber nein, nicht doch. Wir seufzen mit gespielter Verzweiflung, dass wir unser Leben eben nur noch überschauen können, wenn wir frühzeitig mit dem Planen anfangen.
Das Leben überschauen? Erkennen wir denn nicht, wie durchgedreht diese Idee, der wir alle unbewusst huldigen, ist? Glauben wir denn wirklich, wir könnten damit dem Leben etwas entgegensetzen? Im Sinne von: „Ach so, mein Leben, du hast im Januar etwas Unvorhersehbares mit mir vor? Lass mal sehen… Also, am Zwölften da hätte ich von 14 bis 15 Uhr noch einen Termin frei und am Vierzehnten, da könnte es vielleicht passen, wobei, nein, das geht nicht, das wird zu knapp…aber schau mal da, am Fünfundzwanzigsten habe ich den ganzen Vormittag frei, was meinst du, würde es dir dann passen? Ich trage das schon mal in meine Agenda ein, damit ich dann auch ganz bestimmt Zeit habe für das, was du mit mir vorhast…“
Irre ich, oder könnte es sein, dass das Leben lauthals lachen wird, wenn wir ihm unseren fein säuberlich notierten Terminplan präsentieren?
Welt, du machst mir Sorgen
Du schlenderst mit deinen Kindern durch Prag und unvermittelt kommen die Fragen: „Mama, warum steht auf diesem alten Schild im Restaurant, dass Gespräche über Politik verboten sind?“ „Warum hätten deine Eltern mit euch nicht einfach mal schnell nach Prag reisen können, als du ein Kind warst?“ „Was bedeutet dieses Poster mit der Matroschka, die ihre Zähne fletscht?“ „Wer hat diese hässlichen Häuser gebaut, die so gar nicht zum Rest der Stadt passen?“ Und schliesslich die Mutter aller dieser Fragen: „Mama, was ist überhaupt Kommunismus?“
Keine einfachen Fragen, aber dennoch solche, die ich gerne beantworte, oder zumindest versuche zu beantworten. Wer erzählt nicht gerne die Geschichte von den Menschen, die sich nach Freiheit sehnten, die sich gegen ihre Unterdrücker aufgelehnt haben und die schliesslich wohl selber erstaunt waren, dass ihr Aufstand erfolgreich war? Es war wohl eine der wenigen Sternstunden der Geschichte, als damals die Grenzen fielen und man plötzlich Zugang zu Menschen, Sehenswürdigkeiten, Landschaften und Geschichten hatte, die eben noch unerreichbar waren. Auch wir rieben uns alle erstaunt die Augen, hatten wir doch in der Schule gelernt, dass es durch den Eisernen Vorhang kein Durchkommen gebe.
Ja, diese Fragen beantwortet man gern. Aber es gibt in diesen Tagen Fragen, die man als Mutter oder Vater nicht beantworten möchte. „Mama, warum tun Menschen so etwas Furchtbares?“ „Könnte so etwas bei uns auch geschehen?“ „Wieso gibt es Menschen, die so sehr hassen?“ „Warum tut ein Mensch, der sagt, er glaubt an den lieben Gott, so etwas Schreckliches?“
Offen gestanden bin ich froh, dass unsere Kinder diese Fragen nicht gestellt haben, denn ich wüsste keine Antwort. Ich bin froh, dass die Schlagzeilen hier in einer Sprache geschrieben sind, die sie nicht lesen können. Ich bin froh, dass ich ihnen jetzt noch nicht erzählen muss, dass es auch in einem Land, das schon immer zur „freien“ Welt gehört hat, lebensgefährlich sein kann, eine politische Überzeugung zu haben. Auch darüber reiben wir uns erstaunt – und erschüttert – die Augen, denn hat man uns nicht immer erzählt, dass bei uns jeder frei sei, zu denken und zu glauben, was er wolle?
Mir kommt die Galle hoch
Es ist einfach nur noch widerlich: Bundesrätin Leuthard bezeichnet es in einem Interview als „leichtsinnig, den Verzicht auf Kernenergie zu fordern“, in den Augen von Bundesrat Maurer muss das altersschwache AKW Mühleberg nicht für immer abgeschaltet werden, sondern „wir müssen vielmehr darüber nachdenken, die Erneuerung des Kraftwerks vorzuziehen“ und Ex-Bundesrat Blocher mag auch angesichts der Katastrophe von Fukushima noch nicht von der Illusion der „sauberen Kernenergie“ Abstand nehmen. Ich könnte heulen vor Wut.
So richtig aber kommt mir die Galle hoch, wenn eine Kleinpartei, die sich christliche Werte auf die Fahne geschrieben hat, durch die Katastrophe in Japan zum folgenden Schluss gelangt: “…Vielmehr muss im Interesse einer Verbesserung von Schutz und Sicherheit für Mensch und Umwelt auch ein beschleunigter Ersatz der alten AKWs durch neue Anlagen der 4. Reaktorgeneration ernsthaft geprüft werden.“ Christliche Werte und Festhalten an der Atomenergie – zwei Dinge die sich in meinen Augen ganz klar ausschliessen. Ja, ich weiss, meine Haltung ist extrem, aber ich rede hier nicht als eine, die von aussen mit dem Zeigefinger auf die Christen zeigt, sondern als eine, die sich dazu zählt, die aber darunter leidet, dass man in gewissen christlichen Kreisen zwar dazu steht, an einen Schöpfer zu glauben, gleichzeitig aber kein Problem hat damit, dass die Schöpfung Gefahren ausgesetzt wird, für die sie nicht geschaffen ist.
Wie viel Anderssein liegt drin?
Bislang beschäftigte uns die Frage nur in der Theorie, doch je grösser unsere Kinder werden, umso praktischer müssen wir uns damit befassen, wie anders unsere Kinder sein dürfen, vielleicht auch sein müssen, ohne dass sie unter den Folgen allzu sehr leiden müssen. Da wäre zum Beispiel Karlsson, der in ziemlich allem gegen den Strom schwimmt, oder zumindest schwimmen wollte, wenn man ihn denn liesse. Gut, wir lassen ihn schon, zumindest bis zu einem gewissen Grad. Wenn ihm ein Plattenspieler lieber ist als ein iPod, dann schenken wir ihm eben einen Plattenspieler. Wenn er lieber Bach und Vivaldi hört als Lady Gaga und Jusitn Bieber, ist uns das auch recht, auch wenn wir ihn nie und nimmer davon abhalten würden, zu hören, was die anderen in seinem Alter hören wollen.
Wenn er aber sein „Barockhemd“ zur Schule tragen will, dann sagen wir nein. Nicht, weil wir ein Problem damit hätten, dass ihm der Stil aus vergangenen Zeiten besser gefällt – wir sind ja selber auch der Ansicht, dass Mode für Jungs zum Gähnen ist – sondern weil wir, im Gegensatz zu Karlsson, wissen, wie bösartig Schulkameraden sein können. Weil wir uns nur zu gut daran erinnern, wie schmerzhaft es war, am Rande zu stehen, bloss weil man noch nicht gelernt hatte, dass nicht alle reif genug sind, einen auch dann zu akzeptieren, wenn man sich selbst ist. Wir als Eltern haben diese unglaublich schwierige Aufgabe, ein Kind einerseits darin zu bestärken, zu sich selbst zu stehen und es andererseits davor zu schützen, in seiner ganzen Verletzlichkeit dem Spott anderer ausgesetzt zu sein. Wie schafft man die Gratwanderung, das Kind in all seinen Besonderheiten zu bejahen und es gleichzeitig davor zu warnen, dass zu sich selbst stehen zuweilen zu schmerzhaft sein kann, als dass sie eine Kinderseele es ertragen könnte.
Die gleiche Frage aber mit umgekehrten Vorzeichen treibt uns bei der Erziehung des FeuerwehrRitterRömerPiraten um. „Meiner“ und ich scheinen weit und breit die einzigen Eltern zu sein, die der Meinung sind, dass Star Wars und Nintendo DS nichts für Sechsjährige sind. Und so kommt es, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat nach jedem Besuch bei seinen Kindergartenfreunden mit glänzenden Augen von all den tollen Sachen erzählt, mit denen er hat spielen dürfen. Wie gehen wir damit um? Lehnen wir alle Wünsche kategorisch ab und riskieren damit, dass unser Sohn sein Glück auswärts sucht? Geben wir ein kleines bisschen nach und lassen ihm einen Teil der Freude, in der Hoffnung, dass er von selber erkennt, dass das alles gar nicht so toll ist? Versuchen wir, ihn für andere Dinge zu begeistern? Lassen wir all unsere Überzeugungen fahren, nur damit wir unseren Frieden haben? Gar nicht so einfach, hier die Balance zu finden zwischen dem Abwürgen jedes Kinderwunsches und dem Verrat an sämtlichen elterlichen Überzeugungen.
Ich vermute, „Meiner“ und ich stehen erst am Anfang eines langen Weges und offen gestanden fürchte ich mich ein wenig vor der Wegstrecke, die vor uns liegt. Wie wir sie überstehen werden? Ich weiss es nicht. Ich ahne aber bereits, dass weder die Kinder noch wir Eltern uns mit einfachen Argumenten wie „Wir sind nicht die anderen“ oder „Aber die anderen dürfen auch…“ zufrieden geben werden.









