Hörbuchfassung

Tucholskys „Schloss Gripsholm“ stand schon seit Ewigkeiten auf meiner To-Read-List, doch natürlich dachte ich immer nur dann an das Buch, wenn ich entweder keinen Buchladen in der Nähe hatte, kein Guthaben mehr auf der Kreditkarte, um mir das Buch runterzuladen oder schlicht keine Zeit zum Lesen. Die Zeit zum Lesen ist ja ohnehin nicht grosszügiger bemessen, seitdem fast alle Vormittage und einige Nachmittage kinderfrei sind. Die kinderfreie Zeit füllt sich wie von selbst mit Schreib-, Haus- und Gartenarbeit und darum musste Gripsholm warten, genau wie all die anderen Bücher, die auf meiner endlosen Liste stehen.

Gestern schliesslich war ich des Wartens auf „Gripsholm“ so müde, dass ich tat, was mir andere Mütter schon seit Jahren empfehlen, wenn ich über meinen Mangel an Lesezeit klage: Ich besorgte mir die Hörbuchfassung. „Endlich hat sie’s eingesehen“, werden nun meine Mitmütter seufzen, aber ich muss euch bitten, mit dem Seufzen gleich wieder aufzuhören. Wie hätte ich mich denn einem Hörbuch widmen sollen, wo bei uns doch immer ein Heidenlärm herrscht, wenn mehr als zwei Personen im Haus sind? Und mehr als zwei waren es bis vor Kurzem fast immer.

Nein, kommt mir jetzt bitte nicht mit dem Argument, ich hätte es eben mit Kopfhörern versuchen müssen, dann hätte ich schon viel früher Bücher hören können. Wie wäre denn so das Gezänk meiner Kinder an mein Ohr gedrungen? Und überhaupt: Habe ich Kopfhörer im Ohr, sehe ich nichts. Und habe ich eine Sonnenbrille auf der Nase, höre ich nichts. Keine Ahnung, warum, aber es ist so.

Hörbücher kommen also erst jetzt in Frage für mich und nachdem ich die Hälfte von „Gripsholm“ hinter mir habe, weiss ich, dass ich erst am Anfang einer wunderbaren neuen Leidenschaft stehe. Gut, solange unsere Kinder noch minderjährig sind, werde ich mit der Literaturauswahl etwas vorsichtig sein müssen. Als Luise gestern in die Küche platzte, war sie ziemlich entsetzt, dass die „Prinzessin“ gerade nackt durchs Schlafzimmer ging, weil sie gebadet hatte.

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Jugendfestvorbereitungen

Lass mal sehen… Luise braucht ein blaues T-Shirt und blaue Hosen, kann aber auch schwarzes T-Shirt und schwarze Hosen tragen, oder blaues T-Shirt mit schwarzer Hose, oder schwarzes T-Shirt mit… ach was, spielt ja keine Rolle. Hauptsache, der Aufdruck auf dem T-Shirt ist nicht zu auffällig. Der FeuerwehrRitterRömerPirat braucht noch eine blaue Hose. Das weisse T-Shirt hat er ja bereits. Hoffe, er findet das auch wieder in seinem Chaos…FeuerwehrRitterRömerPirat, was meinst du zu dieser blauen Hose? Nicht? Warum nicht? Ist doch perfekt… Und die hier? Auch nicht? Himmel, jetzt fang bitte nicht an, ein Theater zu machen, wir brauchen noch Sachen für das Prinzchen und für Karlsson. Was braucht eigentlich der Zoowärter? Ist da mal ein Brief nach Hause gekommen? Nicht, dass ich wüsste. Zoowärter, habt ihr mal einen Brief mitbekommen? Nein? Was müsst ihr denn am Jugendfest anziehen? Weiss. Okay, nur oben oder auch unten? Unten auch? Hmmmm, ich glaube, weisse Hosen haben wir keine mehr in deiner Grösse…Dann suchen wir die eben auch noch. Prinzchen, bist du dir wirklich sicher, dass du gelbe Hosen brauchst? Gelbe Hosen für Jungs? Wo in aller Welt sollen wir das jetzt noch finden? Haben ja immer nur so fade Kleider für Jungs hier… Schau mal, Zoowärter, hier hat’s eine weisse Hose für dich. Wie, du brauchst keine weisse Hose? Du hast doch gesagt… Ach so, nur das T-Shirt muss weiss sein. Gut, dann nehmen wir hier dieses weisse Hemd, dann können wir den Zoowärter abhaken. Aber sonst finde ich in diesem Laden nichts… „Meiner“, ich geh‘ dann mal rüber, vielleicht hat’s dort eine bessere Auswahl. Du kommst dann mit Luise nach? Okay, jetzt also noch blaue Hosen für den Zoow…, äh, nein, für den FeuerwehrRitterRömerPiraten, gelbe Hosen für das Prinzchen, die ganze Garnitur für Luise… für Karlsson hat „Meiner“ bereits gesorgt…Oh, sieh mal an, hier hat’s eine gelbe Hose für das Prinzchen und dann erst noch zum halben Preis und was meinst du zu dieser Hose FeuerwehrRitterRö…Nicht? Warum denn wieder nicht? Einfach so? Jetzt reicht’s mir dann aber allmählich. Und die hier? Guuuuuuuut, du nimmst sie! Welch ein Wunder…Wo wohl „Meiner“ bleibt? Ach, dort drüben ist er ja. Sieht danach aus, als hätte Luise nun auch etwas gefunden… Jungs, bleibt bitte hier! Ich will euch nicht wieder suchen müssen…Mist, ich muss dringend aufs WC. „Meiner“, übernimmst du mal die Kinder? Himmel, diese Schlange vor dem WC…Ja, selbstverständlich passe ich auf Ihr Baby auf, währenddem Sie auf dem WC sind. Hatte ja auch mal so kleine Kinder…Okay, mal sehen, ob ich „Meinen“ und die Kinder wieder finde…. Da sind sie ja…. Nein, Jungs, jetzt reicht es wirklich! Ihr könnt hier nicht…Wo ist „Meiner“ jetzt plötzlich hingekommen? Einfach weg, wie vom Erdboden verschluckt…HIMMEL! JUNGS! ES! REICHT! MIR!!!!! Müssen die mich so blöd anschauen? Haben die nie ihre Nerven verloren, als sie mit ihren Kinder im grössten Chaos…..Und wenn „Meiner“ nicht endlich auftaucht, nehmen wir den Bus… Eine Runde noch, wenn ich ihn dann nicht finde….Okay, nicht gefunden (nein, keiner von uns hat ein Handy dabei), Jungs, wir nehmen den Bus, ich geb’s auf…

Eine Stunde später:

„Meiner“ und Luise kommen nach Hause, schwer beladen mit Kleidern, die Luise ihrem Papa hat abschwatzen können. „Wo seid ihr gewesen? Wir haben euch überall gesucht?“ – „Wo seid ihr gewesen? Ihr könnt doch nicht einfach so verschwinden…“ Ach, was soll’s. Immerhin haben wir alles, was die Kinder am Samstag brauchen in den richtigen Farben gefunden.

Wehe, die sagen am Samstag den Umzug ab! 

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Schon fast ein Feiertag

Wenn die Kinder mittags nach Hause kommen, herrscht bei uns erst mal buntes Chaos, bis alle erzählt haben, was sie unbedingt loswerden müssen. Oft nehme ich dabei die Rolle des Abfallkübels ein, der bis zum Rand angefüllt wird mit dem ganzen Mist, der sich am Vormittag angesammelt hat. Und weil keiner den anderen ausreden lässt, halte ich mir irgendwann die Ohren zu, um erst dann wieder etwas hören zu müssen, wenn alle satt und deshalb auch wieder halbwegs zufrieden sind. An gewissen Tagen aber kommen die Kinder in die Küche gestürmt und überhäufen mich mit guten Nachrichten. Zum Beispiel heute:

Karlsson (mit einem schlecht kaschierten Grinsen auf dem Gesicht): „Ich hab‘ heute den Mathetest zurückbekommen. Ist total mies herausgekommen.“

Ich: „Ach ja, darum strahlst du auch über dein ganzes Gesicht.“

Karlsson (jetzt ganz offensichtlich grinsend): „Nein, wirklich. Total mies. Ich hatte eine drei.“ (Für Leser aus Deutschland: 6 ist bei uns die beste Note, 1 die schlechteste.)

Ich: „Ach komm schon, sag endlich, was du wirklich hattest, sonst platzt du noch vor Glück.“

Karlsson: „Okay, es ist wirklich mies.“ Und dann nennt er mir eine Note, die irgendwo zwischen 5 und 6 liegt, also eine sensationelle Mathenote für einen Venditti.

Ehe ich mich fertig gefreut habe, kommt der Zoowärter angerannt und drückt mir ein Blatt Papier in die Hand. Ich brauche gar nicht erst zu lesen, um zu sehen, worum es geht. Der mit Leuchtstift markierte Name des Zoowärters sticht mir sofort ins Auge und ich weiss, dass er es geschafft hat, zu den 6 Schnellsten seines Jahrgangs zu gehören. Das heisst, er darf am Freitag am grossen Rennen mitmachen. Etwas, was vor ihm noch kein Venditti geschafft hat. Ausser Luise, doch dann wurde das Rennen wegen schlechten Wetters abgesagt.

Wieder komme ich kaum dazu, meiner Freude Ausdruck zu verleihen, denn jetzt steht Luise da: „Ich bin dabei! Ich war Drittschnellste. Und der Zoowärter ist auch dabei! Und in Sachkunde hatte ich eine…“ Sie nennt ebenfalls eine Note, die irgendwo zwischen 5 und 6 liegt und ich bringe vor lauter Staunen meinen Mund nicht zu, hatte ich doch beim Abfragen befürchtet, sie würde den Test in den Sand setzen. 

Momente später bekomme ich ein weiteres Blatt in die Hand gedrückt, diesmal vom Prinzchen. Es ist die Einladung zum Kindergarten-Abschlussfest. Das Fest, bei dem die Kinder von den Kindergärtnerinnen dazu verdonnert werden, zuerst allen Junk-Food aufzuessen, ehe sie Früchte und Gemüse bekommen. Und falls es warm ist, müssen sie sich eine richtig wilde Wasserschlacht liefern. Also noch einmal wunderbare Nachrichten. 

Einzig der FeuerwehrRitterRömerPirat kommt heute ohne freudige Überraschung nach Hause. In mir will schon leise Panik hochkommen, denn ich weiss, wie sensibel unser Dritter reagiert, wenn alle glücklich sind, nur er nicht. Doch dann kommt mir in den Sinn, dass der Pöstler einen bunten Brief für ihn gebracht hat. Ein Brief voller wunderbarer Gutscheine, von denen er einen gemeinsam mit seinem Cousin oder einem Freund einlösen darf. Also strahlt auch der FeuerwehrRitterRömerPirat. 

Jetzt, wo alle für einmal überglücklich und vollkommen friedfertig sind, kann ich endlich auch erzählen, was mich heute Vormittag fast hat platzen lassen vor lauter Freude: Zwei noch ganz winzige Schwalbenschwanzraupen, die auf meinem Fenchel das Licht der Welt erblickt haben. Ich weiss nicht, wie viele Jahre ich auf dieses kleine Wunder gewartet habe, aber jetzt ist es endlich eingetroffen. 

Eigentlich wäre heute Mittag ein Festessen fällig gewesen.

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La Burocrazia

Alle, die gedenken, ihr Leben auf Dauer mit einem Italiener oder einer Italienerin zu teilen, sollen heute mal besonders genau lesen, denn ich habe eine wichtige Mitteilung zu machen. Egal, wie sehr dein Angebeteter oder deine Angebetete dich liebt, ihr werdet nie alleine sein in dieser Beziehung. Okay, ihr denkt jetzt an die besonders einmischungsfreudige Verwandtschaft und wollt anfangen, mir zu erzählen, welch genialen Weg ihr gefunden habt, um die neugierige Schwiegermutter  – „Wie viel Geld habt ihr für den Wocheneinkauf ausgegeben? Nur 200? Da bekommt mein Sohn aber nicht gerade viel Fleisch auf den Teller.“ – und den erpresserischen Nonno – „Ich liege wegen eines schlimmen Schnupfens im Sterben und du fährst ans Meer, anstatt mich in meinem abgelegenen Nest in Kalabrien zu besuchen.“ – in Schach zu halten. Ihr glaubt, ihr hättet es geschafft, die Italianità in so klare Schranken zu weisen, dass sie sich nur noch dann zeigt, wenn sie auch willkommen ist. Beim Pizzabacken, zum Beispiel oder beim Gartenfest in lauen Sommernächten.

Bitte, meine Lieben, lasst euch gewarnt sein, denn ihr wiegt euch in falscher Sicherheit. Ihr habt noch nicht mal erkannt, dass sich mit dem feurigen Südländer und seiner Familie noch jemand anders in euer Leben geschlichen hat, nämlich La Burocrazia Italiana. Ja, ihr glaubt, die hättet ihr auch schon getroffen, damals, als ganz dringend ein Dokument her musste und die auf dem Konsulat sich ganz fürchterlich kompliziert gebärdeten und erst nach viel Gestikulieren den gewünschten Fackel rausrückten, aber glaubt mir, das war erst ein kleiner Vorgeschmack, der euch davor hätte warnen sollen, was nachher kommt. Erst wenn ihr Jahre lang verheiratet seid und glaubt, ihr hättet das mit der binationalen Beziehung ganz gut hingekriegt, zeigt euch La  Burocrazia ihr wahres Gesicht.

Eines sonnigen Tages, wenn ihr sie am allerwenigsten erwartet, wird sie in euer Haus getanzt kommen mit einer fröhlichen Forderung, in Lichtgeschwindigkeit ein mit Blut unterzeichnetes, von einem italienischen Notar beglaubigtes Dokument herbeizuzaubern, welches noch vor dem nächsten Vollmond um Mitternacht in der Heimatgemeinde deines Angetrauten oder deiner Angetrauten auf dem Schreibpult des Sindaco zu landen hat. Trifft dieses Dokument nicht rechtzeitig im sonnigen Süden ein, wird sich der gierige und sehr klamme Vater Staat aus eueren Taschen das Geld greifen, das er so dringend braucht, um all seinen Dienern die fetten Beamtenlimousinen zu finanzieren.

La Burocrazia kommt natürlich nicht in Form eines anzugtragenden, schmierigen Beamten, um euch die Forderung zu überbringen. Käme sie in dieser Gestalt, würde man sie hochkant vor die Tür setzen, aber La Burocrazia ist raffiniert. Sie betraut eine liebe Verwandte mit der schwierigen Aufgabe, euch unter Tränen anzuflehen, sofort alles stehen und liegen zu lassen, um die böse Krake aus dem Süden zufrieden zu stellen, weil sonst die ganze Verwandtschaft bis ins dritte oder vierte Glied mit einem bösen bürokratischen Fluch bestraft wird. Gut, auch dieser Verwandtenbesuch wäre nicht ganz unangekündigt gewesen, La Burocrazia hat euch nämlich ein paar Monate zuvor einen in Geheimschrift verfassten zehnseitigen Brief zukommen lassen, aus dem ihr hättet entnehmen können, dass eure Familie als nächste dran ist mit bezahlen. Hättet ihr diesen Brief genau studiert und sogar verstanden, müsstet ihr jetzt nicht sämtliche Termine – beruflich oder privat – absagen, um euch voll und ganz den Forderungen von La Burocrazia zu widmen. Aber natürlich habt ihr den Brief nicht genau studiert. Warum auch? Der Mann oder die Frau an eurer Seite ist doch längst nur noch auf dem Papier Italiener(in), gelebt habt ihr nie im Süden und Besitz habt ihr keinen dort. Glaubt ihr. Aber da irrt ihr euch. La Burocrazia findet immer irgend einen verblichenen Verwandten, der in seiner unendlichen Grosszügigkeit seinen ins Ausland geflüchteten Nachfahren ein steiniges, unfruchtbares Stück Land vermacht hat, aus dem der Staat ein paar Euro Steuern pressen kann.

Darum, meine Lieben, die ihr gedenkt, euer Leben auf Dauer mit einem Italiener oder einer Italienerin zu teilen: Schenkt der geliebten Person an eurer Seite zur Hochzeit eine neue Identität. Die Schwiegermama wird zwar nicht erfreut sein, wenn sich ihr Sohn auf einmal Kevin Rüdisüli nennt, aber wer sich vor La Burocrazia schützen will, nimmt alles in Kauf. Auch den Zorn einer eingeschnappten italienischen Mama.  

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Früh am Morgen

Der FeuerwehrRitterRömerPirat will nicht aufstehen, vergiesst sogar ein paar Tränen. Mit gutem Grund, wie sich drei Minuten, bevor er aus dem Haus müsste, herausstellt. Die Hausaufgaben sind nämlich nicht fertig gelöst, aber daran ist Papa schuld, denn der hat gestern Abend angeblich gesagt, der FeuerwehrRitterRömerPirat dürfe mit seinen Freunden auf den Schulkirschbaum, auch wenn die Hausaufgaben noch nicht ganz fertig seien.  Ja, die Mama hat ausdrücklich gesagt, zuerst müsse alles fertig sein, aber wenn Papa das nicht eben so ausdrücklich sagt, sondern nur impliziert, kann doch der FeuerwehrRitterRömerPirat nichts dafür, dass die Hausaufgaben nicht erledigt sind. Und überhaupt, in diesem Haus findet man nie einen Bleistift, mit dem man die Hausaufgaben lösen könnte und daran ist ganz bestimmt nicht der FeuerwehrRitterRömerPirat schuld, genau so wenig wie all anderen, die in diesem Haus regelmässig Hausaufgaben lösen. Bleistifte, das muss man wissen, machen sich ganz von selbst aus dem Staub, wenn sie sich irgendwo attraktivere Arbeitsbedingungen erhoffen, zum Beispiel als Türsteher im Abflussrohr oder als Grabschaufler beim Begräbnis des Babyvogels, der den Sturz aus dem elterlichen Nest nicht überlebt hat. 

Der Zoowärter kommt nicht aus dem Bett, weil der Papa immer nur nein sagt zu allem und darum sagt der Zoowärter heute halt auch mal nein zur Schule, um den Papa für seine Sturheit zu bestrafen. Okay, ist vielleicht nicht ganz fair, dass jetzt die Mama zig Mal die Treppen hochsteigen muss, um ihn doch noch aus dem Bett zu jagen, das gibt der Zoowärter offen zu. Aber die Mama ist ja selber schuld, dass sie einen Mann geheiratet hat, der immer zu allem nein sagt, was dem Zoowärter gerade Spass machen würde. Irgendwann lässt sich der Junge doch noch dazu überreden, aus dem Bett zu kommen, aber nur, damit er dem Papa ins Gesicht sagen kann, dass heute nichts wird mit Schule. Und damit er der Mama vorhalten kann, sie liebe nur das Prinzchen, ihn aber gar kein bisschen. Das hat er ihr ja schon gestern und vorgestern gesagt, warum also steht sie nicht endlich offen dazu?  Und überhaupt: Wie will sie dem Zoowärter ausgerechnet an einen Tag wie heute, wo das Prinzchen mit einem ganzen Rucksack voller Leckereien und liebevoll mit Sonnencrème und Zeckenspray eingeschmiert aus dem Haus geschickt wird, weis machen, sie hätte alle ihre Kinder auf ihre ganz spezielle Weise gleich lieb? Und jetzt faselt sie davon, wie sie vor zwei Wochen, als der Zoowärter Schulreise hatte, genau gleich viel eingekauft hat. Das zählt doch nicht mehr, ist längst alles verdaut und vergessen. Zum Glück schenkt das Prinzchen dem störrischen grösseren Bruder ganz ohne Zwang eine ganze Schachtel Bonbons – „Ich kann doch nicht so viele Süssigkeiten essen!“ – und damit sind auch die Zweifel an Mamas Liebe wie weggeblasen. Als Entschädigung für den Zoff bekommt Mama sogar einen grasgrünen Bonbon geschenkt, was sie natürlich sofort als zoowärterschen Liebesbeweis deutet. 

Luise überkommen plötzlich die Zweifel, ob ihre neuen Shorts in der Schule überhaupt zugelassen sind, oder ob die in die Kategorie „Hot Pants“ fallen und damit verboten sind. Mama versucht ihr weis zu machen, dass diese Shorts gar keine Hot Pants sein können, weil sie diese ja ohne Luises Wissen gekauft hat und Mama würde ihrer minderjährigen Tochter ganz bestimmt nie im Leben Hot Pants erlauben oder gar kaufen. Luise ist nicht so recht überzeugt, denn die Schule tendiert dazu, die Dinge etwas enger zu sehen als Mama, doch aus Furcht, zu spät zu kommen, beschliesst sie, ihrer antiautoritär angehauchten Mutter zu glauben, auch wenn die Schule alles andere als antiautoritär angehaucht ist. 

Das Prinzchen verhält sich für einmal ganz kooperativ, was vermutlich an oben genanntem Rucksack liegt, Karlsson sagt ohnehin seit Wochen nichts anderes mehr als „Getrocknete Bananen“ und „Weli Gluscht gha han“ und erbringt damit den eindeutigen Beweis, dass er wohlbehalten in der Pubertät angekommen ist. „Meiner“ befindet sich in seinem alljährlichen „Ich bin mit meinen Nerven am Ende und weiss nicht mehr, wo mir der Kopf steht“-Schuljahresend-Tief, was sich zum Beispiel darin äussert, dass er ohne ersichtlichen Grund von mir wissen will, wo an meinem Laptop der „Print Screen“-Knopf zu finden ist und dann nicht sagen will, weshalb er diesen Knopf ganz dringend im Morgengrauen finden muss und dann erst noch ausgerechnet in dem Moment, in dem seine Frau gerade dabei ist, die Generalreinigung der Katzenkistchen vorzunehmen und ziemlich in der Sch…. steckt. 

Himmel, lass endlich diese Sommerferien beginnen!

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Nein, ich muss nicht…

Kaum bleibe ich mal in einem Gespräch hängen, wenn ich mit den Kindern unterwegs bin, geht das Theater los: „Komm schon, Mama, ich will jetzt endlich nach Hause!“ „Musst du immer so lange reden? Das ist ja sooooooo langweilig.“ Und wenn ich nicht darauf eingehe: „Mamaaaaaaaaaaa! Komm jetzt endlich! Es reicht!!!!! Ich hab‘ Hunger!!!!!!“ Rede ich unbeirrt weiter, haben meine Gesprächspartner bald einmal Mitleid mit den Kindern. „Musst du nicht…?“, fragen sie vorsichtig, aber ich lasse mich nicht unterbrechen. „Nein, ich muss nicht.“ „Warum nicht?“ „Weil…

  • …ich sie gestern zehn Mal dazu aufgefordert habe, den Tisch zu decken und keiner hat einen Wank getan.“
  • …sie meine Ermahnungen, sich endlich auf den Schulweg zu machen oder die Hausaufgaben zu erledigen Tag für Tag geflissentlich überhören.“
  • …ich meine Knöpfe fast täglich in allen Himmelsrichtungen suchen gehen muss, weil sie nicht zur vereinbarten Zeit nach Hause kommen.“
  • …sie abends partout keine Ruhe geben wollen, auch dann nicht, wenn ich sie ausdrücklich darum gebeten habe, meinen Wunsch nach Feierabend zu respektieren.“
  • …ich immer und immer wieder warten muss, bis sie bereit sind, zu tun, was ich von ihnen erwarte.“

Solange unsere Kinder sich um jede kleinste Handreichung tausendmal bitten lassen, sehe ich keinen Grund, meine Gespräche abzukürzen. Ich fühle mich auch nicht als Rabenmutter, wenn ich ihnen mit meinem Geschwätz mal ein paar Minuten ihrer kostbaren Zeit raube. Sie gehen ja auch nicht gerade rücksichtsvoll mit meiner kostbaren Zeit um. 

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Ende der Geschmacksverirrung

Lange Zeit habe ich mir eingeredet, so schlimm könne es doch nicht sein, doch seit heute gibt es keinen Zweifel mehr: Ich werde alt. Es ist noch gar nicht so lange her, da war klar, dass am Ende eines Tages wie heute ein Teller Pasta mit Mayonnaise und Käse stehen würde. Ein Tag, der wegen einer Mischung aus Hormonen und unbezahlten Rechnungen mit einem Heulkrampf beginnt, der damit weitergeht, dass wildfremde Kinder in unserem Garten auftauchen und das Prinzchen piesacken, ein Tag, der gewürzt ist mit diversen kleineren und grösseren Dramen und der mit dem vierten Musikschulkonzert innerhalb von drei Wochen und quälenden Bauchkrämpfen endet. Ein Tag also, den man nicht gelebt, sondern mehr schlecht als recht hinter sich gebracht hat. Ein Pasta-mit-Mayonnaise-Tag eben. 

Wenn ich es denn noch über mich brächte, Pasta mit Mayonnaise zu essen. Doch der Comfort-Food, der mich bei Teenager-Liebeskummer, schlechten Mathenoten, endpubertären Streitereien mit „Meinem“, Hochzeitsstress, Schwiegermutter-Dramen, Schwangerschafts-Elend, Babyblues und endlosen Tagen mit störrischen Kleinkindern getröstet hatte, schmeckt mir nicht mehr. Einfach so, ohne jegliche Vorwarnung, sind meine Geschmacksnerven erwachsen geworden und tolerieren keine derartigen Geschmacksverirrungen mehr. 

Gut, ich hab‘ festgestellt, dass Pasta mit Butter und Käse auch ganz tröstlich sind, aber irgendwie riecht das halt nicht gleich wohlig nach Selbstmitleid. Vielleicht liegt’s daran, dass man mit zunehmendem Alter nicht mehr so ungeniert im Selbstmitleid baden darf, weil man ja weiss, dass es anderen viel dreckiger geht. 

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Und, hat sich was getan?

Kein Zweifel, über die Bedürfnisse von uns Familien wird deutlich mehr geredet, geschrieben und diskutiert als auch schon. Man macht Datenerhebungen, analysiert, verfasst Berichte, erstellt bunte Grafiken, um Missstände für alle verständlich zu erklären. Man trommelt Expertenrunden zusammen, jedes Medium, das etwas auf sich gibt, veröffentlicht hin und wieder einen grossen Sonderteil zum Thema Familie, in dem dann auch ein paar Mütter und Väter von den Herausforderungen erzählen dürfen. Und natürlich hat man unzählige Produkte und Angebote entwickelt, die uns Familien das Leben – und das Portemonnaie – erleichtern sollen. 

Auch im Alltag sind Familien präsenter als früher. Hatte ich zu Beginn meiner Mutterkarriere noch den Eindruck, man müsse den Leuten das Wort „Kinderfreundlichkeit“ buchstabieren, so ist es heute für fast jeden klar, dass das irgendwie wichtig ist. Wir Eltern dürfen auch mal ungeniert sagen, dass uns unsere Aufgabe zuweilen an die Grenze treibt und nur noch die wahrhaft griesgrämigen Zeitgenossen wagen es, uns daraus einen Strick zu drehen. Faltprospekte für Anlaufstellen, Beratungsangebote, Treffpunkte, Kurse etc. wirft man uns regelrecht hinterher. Und ja, inzwischen findet man an vielen Orten auch Familienparkplätze, verkehrsberuhigte Zonen, süssigkeitenfreie Supermarktkassen, kinderwagentaugliche Wanderwege, Fläschchenwärmer und Wickeltische, die sowohl für Mütter als auch für Väter zugänglich sind – früher waren die ja immer im Damen-WC untergebracht oder vielleicht im Behinderten-WC, wofür man eigens irgendwo einen Schlüssel auftreiben musste. 

Ist es also besser geworden für uns Familien? In einigen Punkten ganz bestimmt und doch frage ich mich zuweilen, ob das alles nur eine nett aufgebaute Fassade ist, um davon abzulenken, dass man die grossen Brocken weiterhin ignoriert: Das Geld, das auch bei anständig verdienenden Familien immer knapper wird. Die Kinderzulage, die den meisten Familien nichts weiter bringt, als dass sie bei den Steuern etwas höher eingestuft werden und deshalb mehr abliefern dürfen. Die berühmte (Nicht)Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das allzu löchriger Auffangnetz, wenn eine Familie mal wirklich arg in Bedrängnis gerät. Das Schulsystem, das denen eine Chance bietet, die zu Hause Unterstützung bekommen. Und noch ein paar Dinge mehr…

Wenn ich, wie heute, diesen bitteren Realitäten mal wieder im eigenen Alltag in die Augen sehen muss, überkommt mich die grosse Wut über das ganze familienfreundliche Geschwätz, das derzeit so beliebt ist. „Hört doch endlich auf zu quatschen und bringt mal ein paar echte Verbesserungen“, möchte ich denen zurufen, die es in der Hand hätten, etwas zu ändern. Ich will  nämlich nicht, dass meine Kinder, wenn sie mal Eltern sind, noch an den gleichen Brocken meisseln müssen, die uns im Wege liegen. Die Hoffnung, dass diese Brocken weggeräumt werden, solange wir noch davon profitieren, habe ich schon fast begraben. 

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Und als Ausgleich zehn Dinge, die mich zutiefst glücklich machen

* Frisch geschleuderter Honig, geschenkt von Menschen, die ihn selber geschleudert haben. Kostbarer geht’s fast nicht, finde ich.

* Wenn ich mit einem oder mehreren Kindern lachend und schwatzend durch die Strassen gehe und wir erstaunte Blicke von Passanten ernten. Ihr glaubt gar nicht, wie befremdlich es gewisse Menschen finden, wenn Mütter mit ihren Kindern herumalbern. (Schnauze ich meine Brut in der Öffentlichkeit an, dreht sich übrigens kaum je einer nach uns um.)

* Wenn es spät abends zu regnen anfängt und am Morgen wieder die Sonne scheint. Von mir aus dürfte der ganze Sommer so sein.

* Dass „Meiner“ und ich es trotz allem noch miteinander aushalten. Ach, was untertreibe ich da? Ich liebe diese Nervensäge noch immer.

* Blütendüfte beim Abendspaziergang (natürlich nicht zu spät am Abend, weil es dann ja gefälligst regnen soll).

* Die Vielfalt an Menschen, mit denen wir grössere und kleinere Bruchstücke unseres Lebens teilen dürfen.

* Dass die Kätzchen innert kürzester Zeit begriffen haben, wo das Geschäft hingehört. Okay, vielleicht macht mich das nicht gerade zutiefst glücklich, aber doch sehr zufrieden. Vor allem, wenn ich bedenke, dass der gute Gottegris noch immer… Ach, lassen wir das, wir reden hier von schönen Dingen.

* Heidelbeeren

* Das Gefühl, gesegnet zu sein. Überkommt mich immer dann, wenn uns aus heiterem Himmel etwas unglaublich Gutes zustösst.

* Dass ich wieder gelernt habe, Tränen zu lachen.

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10 Dinge, die mir auf den Geist gehen

  • Hysterische Haushaltgeräte. Ihr wisst schon, diese Herdplatten, die beim kleinsten Tropfen Feuchtigkeit auf dem Schaltfeld hysterisch zu piepsen anfangen und erst wieder damit aufhören, wenn man sie zuerst mit einem leicht feuchten Lappen, dann mit einem frischen Küchentuch und schliesslich – wenn man nichts anderes mehr zur Hand hat – mit dem Rockzipfel oder dem Pulloverärmel trocken reibt. 
  • Wenn „Meiner“, der als Siebenjähriger offenbar zu anständig und zu schüchtern war, den Mitschülerinnen den Rock hochzuziehen, glaubt, er müsse diese prägende Erfahrung bei mir nachholen. Ich habe ihm dann zu verstehen gegeben, dass ich auf diesem Gebiet ganz und gar keinen Nachholbedarf habe, da ich im Alter zwischen drei und dreizehn ausschliesslich Röcke getragen habe und damit zur Zielscheibe sämtlicher Siebenjähriger wurde, die weniger schüchtern und anständig waren als „Meiner“ damals. 
  • Okay, damit mache ich mich jetzt unbeliebt: Dieses doofe „Happy, happy, happy“-Gedudel, dem man in diesen Tagen permanent ausgesetzt ist. Was, um alles in der Welt, gefällt euch allen so an diesem Lied? Mich treibt es auf die Palme.
  • Fruchtfliegen, die sich mangels anderer Alternativen auf dem Küchenlappen niederlassen. Muss ich jetzt meine Lappen wirklich mehr als einmal täglich wechseln?
  • Leute, die es nicht mal nötig haben, mir ein kurzes „Danke für die Anfrage, aber ich habe keine Zeit“ zukommen zu lassen, wenn ich sie höflich frage, ob sie mir allenfalls, wenn es ihnen nicht zu viele Umstände macht, ein paar Auskünfte für einen Artikel geben würden, den sie selbstverständlich vor der Publikation gegenlesen dürften, damit alles in ihrem Sinne wäre. 
  • Samstage, die vorgeben, sie wären nahezu kinderfrei, dabei verbringt man den halben Tag damit, die verschiednen Kinder zu verschiedenen Terminen zu karren. 
  • Schädlinge, die an sämtlichen Gemüsesorten ihre Spuren hinterlassen, aber nicht die Grösse haben, dazu zu stehen und sich zu zeigen. 
  • Die Peperoni-Sucht unserer Kinder. Ich meine, ist ja toll, dass sie Peperoni lieben, aber egal, ob ich das Doppelte, Drei- oder Vierfache der in den Rezepten vorgesehenen Menge kaufe, am Ende ist doch nichts mehr da, wenn ich am Herd stehe. Und dabei habe ich doch immer so ein furchtbar schlechtes Gewissen, wenn ich vor der Peperoni-Saison das Zeug aus Spanien oder Holland kaufe. 
  • Dass es mir nicht gelingt, mein Lachen zu verbergen, wenn das Prinzchen einen Mist gebaut hat und ich ihm eigentlich ganz ernst ins Gewissen reden möchte. Muss der seinen Unfug immer so charmant anstellen?
  • Haushaltgeräte, die dann, wenn man auf ihr Piepsen angewiesen wäre, weil dieses das Ende der Kochzeit anzeigen würde, plötzlich verstummen, so dass alles verkocht. Noch ärger sind nur noch Haushaltgeräte, die mal stumm bleiben und sich wenige Augenblicke später wieder hysterisch gebärden. Also zum Beispiel unser Kochherd. 

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