Liebe Nachbarn

Es könnte durchaus sein, dass in den kommenden Wochen hin und wieder die drei kleinsten Vendittis bei Ihnen an der Türe klingeln und frisch gebackene Brötchen verkaufen wollen. Die drei werden Ihnen vermutlich sagen, ein Brötchen koste einen Franken, auch wenn wir ihnen eingeschärft haben, sie dürften allerhöchstens fünfzig Rappen verlangen. Damit wissen Sie auch gleich, dass wir Eltern von dem Brötchenverkauf wissen. Wir wissen nicht nur davon, wir haben unsere Söhne regelrecht dazu angestiftet. Nein, nicht weil wir am Hungertuch nagen und deshalb mit unserem letzten Mehl Brötchen backen, um unsere ausgehungerten kleinen Jungs damit zum Betteln auf die Strasse zu schicken. Auch nicht, weil wir glauben, Sie, geschätzte Nachbarn, könnten nicht selber Brot backen und wären deswegen auf den Hauslieferservice unserer Söhne angewiesen.

Nein, wir hatten es schlicht und einfach satt, jeden zweiten Tag um Geld angegangen zu werden, weil FeuerwehrRitterRömerPirat, Zoowärter und Prinzchen noch immer nicht begreifen wollen, dass es am Ende des Taschengeldes von uns nichts mehr gibt. „Wenn ihr mehr Geld wollt, dann müsst ihr es euch verdienen“, sagte ich eines nachmittags, als sie mich wieder mal unablässig angebettelt hatten. „Aber wie denn, Mama“, fragten die Drei verdutzt. „Backt Brötchen und verkauft sie im Quartier“, sagte ich und sie machten sich an die Arbeit. Offensichtlich war die erste Verkaufsaktion ein Erfolg, denn heute waren sie bereits zum zweiten Mal mit ofenfrischen Brötchen unterwegs. Offenbar auch diesmal erfolgreich, denn sie kamen ohne Brötchen, dafür aber mit ziemlich viel Geld zurück. (Dass die zwei Grösseren den naiven kleinen Bruder beim Aufteilen des Geldes übers Ohr gehauen haben, ist eine andere Geschichte.)

Ich weiss, meine lieben Nachbarn, es ist nicht ganz fair, dass Sie nun das Geld locker machen müssen, welches wir unseren Kindern aus pädagogischen Gründen nicht geben mögen. Nehmen Sie es bitte nicht zu schwer, immerhin bekommen Sie ein Brötchen als Gegenleistung. Gebe ich den Dreien Geld, bekomme ich gar nichts zurück, ausser vielleicht die Frage: „Wie viele Panini-Bildchen kann ich mir damit kaufen?“

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Die Sache mit dem Mutterstolz

Es ist mir ja ein wenig peinlich, dies hier zu gestehen, aber ich sag’s dennoch: Auch ich bin nicht ganz gefeit gegen Mutterstolz. Ich weiss, ich habe herzlich wenig dazu beigetragen, dass es so gekommen ist und man hat ja auch nie die Garantie, ob es gut weitergeht, aber ins gewissen Momenten klopft auch mein Herz schneller und ich denke „Wahnsinn, das ist mein Kind.“ Okay, ich weiss, Menschen kann man nicht besitzen und spezieller als jeder andere Mensch auf diesem Planeten sind auch meine Kinder nicht, aber von solchen Finessen lässt sich der Mutterstolz nicht abhalten, der überkommt einen einfach manchmal. Zum Beispiel, wenn der Erstgeborene nicht nur körperlich die Mama überragt, sondern auch in gewissen Fähigkeiten. Oder wenn in der einzigen Tochter schemenhaft die zielstrebige junge Frau zu erkennen ist, die sie zu werden anfängt. Oder wenn…ach was, ich höre auf, sonst glaubt ihr noch, ich wollte mit meinem Nachwuchs prahlen. 

Will ich aber nicht und dürfte ich auch nicht, wenn ich es denn wollte. Karlsson ist nämlich sehr besorgt darum, dass ich schön brav auf dem Boden bleibe. Erzähle ich meiner Schwester mit stolzgeschwellter Brust, Karlsson hätte eine sechs in Französisch – ja, meine lieben Leser aus Deutschland, besser als sechs geht bei uns nicht -, weist er mich sofort  in die Schranken: „Wen interessieren schon meine Noten? Du wirst ja richtig peinlich.“ Bekommt er mit, wie ich jemandem von diesem unglaublich tollen Kompliment erzähle, das ihm die Musiklehrerin gemacht hat, lacht er mich aus: „Redest du jetzt schon wieder davon? Dreht sich bei dir eigentlich alles nur noch um deine grossartigen Kinder?“ und sein spöttischer Ton macht unmissverständlich klar, dass er es einfach lächerlich findet, wenn ich nur schon den Anschein erwecke, ich würde meine Kinder für begabter halten als andere es sind.

Weil ich in den Augen meines grossartigen, talentierten, bildhübschen, sprachbegabten, … Erstgeborenen nicht lächerlich erscheinen will, bringe ich in solchen Momenten meinen Mutterstolz ganz schnell zum Schweigen und erzähle stattdessen von einer Begebenheit, bei der mir dieser junge Herr ganz gewaltig auf die Nerven gegangen ist. Von daher ist es dann gar nicht mehr so weit bis zur Bemerkung: „Mist! Dass ausgerechnet mein Kind auf diese saublöde Idee gekommen ist“ und schon halten sich das Grossartige und das Nervtötende wieder die Waage.

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Sonntagsfragen

Bei wem muss man sich eigentlich beschweren, wenn am Sonntag keine Sonntagszeitungen im Briefkasten liegen?

Wären Sonntage immer so entspannt, wenn wir keine Sonntagszeitungen hätten, oder war es heute nur deshalb so friedlich, weil zwei von fünf Kindern ausser Hause waren?

Warum hat mir als Teenager oder junge Erwachsene niemand gesagt, ich solle ein paar Obstbäume pflanzen, damit ich richtig viel ernten kann, wenn ich Kinder habe. Bis unsere Obstbäume so richtig Ertrag bringen, werden längst alle ausgeflogen sein und ich sitze da mit Bergen von Äpfeln, Aprikosen und Kirschen, die niemand essen will. 

Warum gibt es nie, aber auch wirklich gar nie einen Abstimmungssonntag, an dem ich rundum zufrieden sein kann? Ich komme mir jedes Mal vor, als hätte ich Lotto gespielt und nur eine Richtige erwischt.

Musste „Meiner“ ausgerechnet heute, wo ich mal richtig viele Köttbullar aufs Mal gemacht habe, zu viel Salz ans Hackfleisch schmeissen? Gewöhnlich prügeln sich die Kinder um die letzten paar Fleischbällchen und heute lassen sie mich mit einer halb vollen Schüssel sitzen. Nicht mal die Katzen wollen das Zeug essen.

Warum werde ich auf dem Spaziergang gefragt, ob ich nicht etwas spät dran sei mit den Holunderblüten, wenn im Wald noch kaum ein Holunder blüht?

Müssen eigentlich alle Menschen von Zecken reden, wenn sie an einem sonnigen Sonntag eine Mama mit vier kleinen Jungs im Wald antreffen?

Und dann noch eine „Gastfrage“, von Prinzchens bestem Freund, gestellt, als wir heute durch den Wald spazierten und ein Flugzeug hörten: „Hä? Gibt es hier im Wald auch Flugzeuge?“

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Zu anspruchslos?

Es mag anmassend klingen, aber ich wage dennoch zu behaupten, ich sei – gemessen an den heutigen Standards – eine ziemlich anspruchslose Hausfrau. Monatelang habe ich mehr oder weniger klaglos ohne Geschirrspüler gelebt, als beide gleichzeitig den Dienst quittierten und jetzt, wo wir wieder einen haben, komme ich ganz gut klar damit, dass das Ding wohl angeschlossen, nicht aber fest installiert ist, so dass es jederzeit kippen könnte, wenn man nicht aufpasst. Gibt der Mixer endgültig den Geist auf, begnüge ich mich auch mit einem Schneebesen, bis im Budget Raum ist für einen Ersatz.  Ich kann getrost verzichten auf das ganze „Vertrau Pink, vergiss Flecken“-Zeug und alles andere, was sie einem in der Werbung anzudrehen versuchen.

Auch jetzt, wo ich mich beim Kochen seit Wochen mit zwei Herdplatten und einem dämlichen Camping-Ofen begnügen muss, bleibe ich anspruchslos und das ist ziemlich doof. Würde ich endlich mal kräftig motzen, anstatt täglich zu improvisieren, könnte ich schon längst wieder ganz komfortabel kochen.

Aber ich motze nicht, weil man sich ja auch so irgendwie arrangieren kann. Und weil ich „Meinen“, der schon mehr als genug um die Ohren hat, nicht auch noch unter Druck setzen will. Nein, das hat nichts mit fehlender Emanzipation zu tun, ich bin durchaus in der Lage, selber einen Ersatzofen zu organisieren. Das habe ich auch getan, dumm ist nur, dass dieser Ersatzofen nicht selber die Treppe hochkommen will. Im Hauseingang steht er nämlich bereits seit geraumer Zeit.

Allmählich ahne ich, dass er dort bleiben wird, wenn ich mich nicht endlich dazu durchringen kann, so richtig zickig zu behaupten, es sei unter meiner Würde, unter solch schlechten Bedingungen tagtäglich Essen auf den Tisch bringen zu müssen. Kann mir vielleicht jemand ein paar Nachhilfestunden geben? Ich weiss nämlich nicht so recht, wie man herumzickt. 

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Sechs unverzichtbare Weisheiten

Entgegen meiner Gewohnheit habe ich mich heute dazu entschieden, meinen Miteltern ein paar Weisheiten weiterzugeben:

  • Panini-Bildchen gefährden nicht nur das Familienbudget, sondern auch den Familienfrieden. Insbesondere, wenn sich die Eltern weigern, jedem der vier sammelwütigen Kinder ein volles Album zu finanzieren und stattdessen auf gemeinsames Sammeln bestehen. Gut, ich geb’s zu, eigentlich hätten wir das Sammeln gerne gänzlich verboten, aber wie um Himmels Willen soll man das schaffen, wenn die Kinder in der Bäckerei mit Gratis-Sammelalben angefixt werden?
  • Egal, wie skeptisch man dem ganzen Therapiezeugs gegenüber steht, manchmal kann ein Testresultat ganz hilfreich sein, um zu verstehen, weshalb man bei einem bestimmten Kind immer und immer wieder ins Leere läuft. Okay, das Problem ist damit nicht gelöst, aber immerhin weiss man jetzt, dass das Kind (noch) nicht anders kann. 
  • Ist dein Kind älter als zwölf, wirst du mit ihm Filme schauen, bei denen du alle paar Minuten denkst: „Darf er sich das wirklich schon ansehen? Mist, wenn ich gewusst hätte, wie die in diesem Film reden und welche Szenen er zu sehen bekommt, hätte ich ihm den Film verboten.“ Dennoch ist es wohl eine grosse Ehre, dass er kein Problem dabei sieht, sich den Film mit dir anzuschauen. Und: Besser mit dir, als mit einem Gleichaltrigen, der ihn auf die Idee bringt, das nachzuspielen, was im Film passiert.
  • Kleine Kinder sind oft krank. Grössere Kinder noch öfter. (Oder können die einfach besser krank spielen?)
  • Fragt mich bitte nicht, wie man auf die Idee kommen kann, ein so wandelbares Lebensmittel wie die Kartoffel nicht zu mögen, aber es gibt tatsächlich Kinder, die mit Erdäpfeln nichts anfangen können. Na ja, bei der in Stäbchen geschnittenen und im Öl gebadeten Version machen auch diese Kinder eine Ausnahme, aber ansonsten bleiben sie konsequent bei ihrer Abneigung. 
  • Die Aufforderung „Seid bitte leiser!“ bedeutet in Kindersprache übersetzt: „Du darfst gerne so laut weitermachen wie bisher, aber alle anderen sollen gefälligst still sein, damit man dich besser hört.“ Weil alle Kinder sich treu an diese Übersetzung halten, wird es nicht leiser im Zimmer, sondern lauter, denn um gehört zu werden, musst du lauter sein als alle anderen.

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Vergleicht doch nicht Äpfel mit Birnen

Man redet wieder vermehrt von der Grossfamilie. Nicht erst seit Federers zweitem Zwillingspaar, aber jetzt natürlich erst recht. Die Grossfamilie – also alles, was mehr als zwei Kinder hat – ist nämlich wieder auf dem Vormarsch und was tun meine gewöhnlich hoch geschätzten Journalistenkollegen, wenn ein neuer Trend feststellbar ist? Sie greifen sich Promis heraus, die mehr als die durchschnittlichen 1,5 Kinder haben – aktuell also Familie Federer – und schreiben darüber, wie der Alltag dieser Grossfamilie aussieht, oder wie er aussehen könnte, denn meistens schirmen die Promis ihre Kinder ja so gut als möglich von der Presse ab.

Ergänzend lassen die Journalisten dann irgend eine 08:15-Familie  zu Wort kommen, die zufällig eine ähnliche Familienkonstellation hat wie der Promi, um dessen Grossfamilienleben sich gerade alles dreht. Momentan sind es die wenigen Mehrfachzwillingsmütter, die der Presse gegenüber bestätigen dürfen, dass es wirklich ziemlich anstrengend ist, mehrere Zwillingspaare grosszuziehen. Sie dürfen sagen, wie wichtig es ist, darauf zu achten, als Mutter und Vater nicht zu kurz zu kommen und sie dürfen schliessen mit der Bemerkung, das Leben mit den vielen Zwillingen sei zwar wunderbar, es treibe einen aber ganz schön an die Grenzen der eigenen Kräfte. Mehr sollen die 08:15-Eltern bitte nicht erzählen, denn es geht hier nicht um sie, sondern um die Reichen und Schönen, die sich gerade sehr erfolgreich fortgepflanzt haben.

Nichts gegen Federers und die anderen Promi-Grossfamilien und erst recht nichts gegen die Mütter und Väter, denen man in diesem Zusammenhang mal gnädig ein Ohr leiht, aber eine solche Berichterstattung treibt mir die Galle hoch. Warum?

Weil Federer & Co. sich nie die Frage werden stellen müssen, weshalb sie trotz fleissiger Arbeit und anständigen Lohnes auf keinen grünen Zweig kommen. Weil sie sich nie werden fragen müssen, wie sie ihren Kindern den Instrumentalunterricht ermöglichen sollen. Weil dringend benötigte Ferien für sie nie unerschwinglich sein werden. Weil es an genügend und vor allem kinderfreundlichem Wohnraum für sie nie mangeln wird. Weil es sie nicht zu stören braucht, dass der Familienrabatt oft maximal zwei Kinder erlaubt. Weil sie sich nicht die Zähne ausbeissen müssen an einer Volksschule, die für Grossfamilien besonders schwer zu ertragen ist, wenn beim dritten Kind im gleichen Schulhaus noch immer die gleichen ungelösten Probleme das Familienleben belasten. Weil es für sie nie zu teuer sein wird, sich Entlastung ins Haus zu holen, wenn Entlastung dringend nötig ist. Weil Menschen mit viel Geld die Zusatzaufgaben wie vermehrtes Putzen, Futter anschleppen, Wäscheberge etc., welche für uns Normalsterblichen einfach dazugehören, leichter auslagern können. Weil es für sie um ein Vielfaches einfacher ist, das Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu lösen. Weil man ihre Kinder im Zug nie  zusammenstauchen wird, bloss weil sie sich erfrechen ein ganzes Viererabteil in Anspruch nehmen.

Nein, ich will nicht über das Grossfamilienleben jammern, wir haben diese Lebensform bewusst und aus Überzeugung gewählt.  Zwar treibt es uns immer mal wieder an die Grenzen, etwas Schöneres könnte ich mir dennoch nicht wünschen. Ich bin nicht mal neidisch auf Federers & Co., denn ich bin mir sicher, dass sie in ihrem nach aussen hin glanzvollen Leben mit Problemen zu kämpfen haben, von denen ich ebenso wenig eine Ahnung habe, wie sie von meinen. Mich ärgert nur, dass gewisse Journalisten meinen, man könne das eine mit dem anderen vergleichen. Das kann man nicht, also hört bitte auf damit, meine lieben Journalistenkollegen.

Hört aber bitte nicht damit auf, über die Grossfamilien zu schreiben. Egal ob im Trend oder nicht, in Sachen Grossfamilien – ja, überhaupt in Sachen Familien – liesse sich in der Schweiz nämlich noch so Einiges verbessern. Fragt doch mal nach bei den 08:15-Grossfamilien, die ihr so gerne interviewt. Die wüssten euch bestimmt interessantere Fragen zu beantworten als diejenige, wie Mirka und Roger sich wohl derzeit fühlen mögen. 

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Ich soll mal gesagt haben…

…kranke Kinder dürften bei uns immer einen Film schauen, an jedem Krankheitstag einen, wenn mehrere Kinder gleichzeitig krank seien, dürfe sich jedes einen aussuchen und das alles unabhängig von den Krankheitssymptomen. Also zum Beispiel auch bei schlimmster Migräne. 
Ach was, das habe ich nicht nur gesagt, das habe ich hoch und heilig beim Leben aller Stubenfliegen geschworen. Vermutlich gibt es auch irgendwo noch ein schriftliches Versprechen, unterschrieben mit meinem eigenen Blut. 

…bei Regenwetter gelte der gleiche Film-Automatismus wie beim Kranksein.

…die Mama von xyz sei eine blöde Kuh, ich könne sie nicht ausstehen. Und wenn ich sage, die Mama von xyz sei doch ganz in Ordnung, mit der würde ich gerne mal Kaffee trinken gehen, lachen mich alle aus. 

…als ich noch klein gewesen sei, hätte es noch keine Waschmaschinen, Geschirrspüler und Autos gegeben. Strassenlampen auch nicht, wenn ich mich recht erinnere.

…wenn einer „tschuldigung“ sage, müsse der andere „danke“ sagen. Die logische Schlussfolgerung, wenn der andere nicht umgehend „danke“ sagt: Man darf ihm eins überbraten. Mama hat’s ja erlaubt, so irgendwie.

…wir würden uns einen alten Wohnwagen kaufen und ihn als Spielhaus in den Garten stellen.

…wer älter als zehn sei, dürfe während der Schulzeit abends immer bis Viertel nach acht und während der Schulferien mehr oder weniger unbeschränkt bei uns unten bleiben und uns auf den Nerven herumtanzen. 

…an meinem Geburtstag bekomme jeder ein kleines Geschenk. Und zwei Tage später, am Geburtstag von „Meinem“, noch einmal. 

…die Franzosen seien alle doof und die Engländer alle perfekt.

…ich würde mal für den ersten August richtig viel Feuerwerk kaufen. Grosse, gefährliche Raketen, die grössten Vulkane, unzählige Knallkörper, Sonnen, bengalische Zündhölzer in rauen Mengen… einfach ein riesiges Feuerwerk. Und darum bin ich jedes Jahr eine ganz miese Verräterin, wenn ich wieder nur dieses mickrige „Wir können den Kindern den Spass ja nicht vollends verderben, also nehmen wir das günstigste Sonderangebot“-Feuerwerk kaufe. 

…ich hätte mal zu einer Frau namens Ruth „Tschüss Horror“ gesagt. 

Erkläre ich, sie hätten vielleicht falsch gehört oder falsch verstanden, weil sie damals, als ich all dies angeblich gesagt habe, noch ziemlich klein waren, dann insistieren sie, lachen mich aus und halten mir weitere Dinge vor, die ich gesagt haben soll. Als Beweis, dass ich falsch liege, fangen sie an zu erzählen: „Ich weiss noch genau, es hat ganz furchtbar geregnet an diesem Tag und uns war allen so langweilig und das Prinzchen wollte nicht aufhören zu weinen und der Zoowärter hatte sich erbrochen und Papa kam zu spät von der Arbeit nach Hause und du warst total genervt und dann hast du eben gesagt…“ Oder: „Wir waren in dieser riesigen Migros und es hatte ganz viele Leute und du hattest den Einkaufswagen übervoll geladen und der FeuerwehrRitterRömerPirat hatte gerade ein Joghurt fallen gelassen. Da habe ich dich gefragt und du hast ‚Ja, vielleicht, ein andermal‘ gesagt und jetzt ist ein andermal.“

Hmmmm, wenn ich mir das so anhöre, könnte es ja wirklich gewesen sein, dass ich einzelne dieser Dinge auf eine Art und Weise gesagt habe, dass man sie auch so hätte verstehen können, wie unsere Kinder sie verstanden haben. Dann aber ganz sicher nur in der verzweifelten Hoffnung, damit das Karussell endlich zum Stillstand zu bringen und ganz bestimmt nicht als ein auf immer und ewig festgeschriebenes Familiengesetz. Und schon gar nicht im Sinne eines Versprechens, das ich jemals einzulösen gedenke.

(Also das mit den Franzosen, dem Horror, dem Geburtstag, dem Geschirrspüler und den Strassenlampen habe ich garantiert nie im Leben gesagt. Die Überforderung mag zuweilen seltsame Worte über meine Lippen gebracht haben, aber vollkommen durchgeknallt war ich nie.) 

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Söhne

Sie bringen es fertig, den Abfluss im Bad mit einem Messer zu verstopfen. Fragt mich bitte nicht, wie man es schafft, ein Messer so tief hineinzustecken, dass oben nichts mehr herausschaut, aber wenn man sich richtig bemüht, geht es. 

Sie setzen sich in die massgefertigten Schubladen, für die wir vor Jahren viel Geld ausgegeben haben und spielen, es sei ein… ja, was eigentlich? Keine Ahnung. Aber am Ende des Spiels ist die Schublade kaputt. 

Sie verstecken ihre schmutzige Wäsche im hintersten Winkel ihrer Zimmer, anstatt – wie vereinbart – einmal die Woche den Weg zur Waschküche unter die Füsse zu nehmen. Und dann heulen sie, weil sie keine sauberen Kleider haben.

Sie hüpfen bei strömendem Regen auf dem Trampolin und ziehen sich dazu nicht etwa Badehosen an, sondern behalten die letzte saubere Hose am Leib. Die nach dem Hüpfen natürlich nicht mehr sauber ist, was am nächsten Morgen erneut zu Tränen führt, weil jetzt gar keine sauberen Kleider mehr da sind. (Das ist dann meist der Moment, in dem ich auf der Suche nach der allerletzten sauberen Hose die versteckte Dreckwäsche aufspüre.)

Wo sie mal waren, hinterlassen sie ihre Spuren: Angebissene Tomaten (Ja, ich weiss, ich sollte mich glücklich schätzen, dass sie freiwillig Tomaten essen), ausgezogene Socken, Legoteilichen (Die ganz kleinen, die so richtig wehtun, wenn man auf sie tritt), Darvida-Verpackungen, die Papierfetzchen, die übrig bleiben, wenn man (für Mama) einen schönen Scherenschnitt geschnitten hat, Stecken, halb volle Gläser (Ihr seht, ich bin heute wirklich optimistisch drauf), die Überreste vom Bleistiftspitzen, in allerkleinste Teilchen gezupfte Radiergummis, Bananenschalen – oder einfach das, was übrig bleibt, wenn ein Geistesblitz, den man unbedingt gleich hat umsetzen müssen, sich so schnell wieder verflüchtigt, wie er gekommen ist. 

Im Zorn gehen sie mit so viel Aggressivität aufeinander los, dass mir Angst und Bang wird. (Sie umarmen sich dann aber auch wieder, wenn alles vorbei ist.)

Sie kommen später als vereinbart vom Fussballplatz zurück und behaupten dann, ich hätte ihnen nicht gesagt, wann ich sie zurück erwarte. 

Sie haben auch schon Tasten aus dem Klavier gebrochen (als sie noch sehr klein waren und unter der „Aufsicht“ einer Person, die bei dieser Gelegenheit den Beweis für ihre Inkompetenz erbrachte), Fensterscheiben eingeschlagen (natürlich ganz und gar unabsichtlich), die teure Tapete im Treppenhaus von der Wand gerissen (man muss doch mal schauen, wie es darunter aussieht), Wettpinkeln veranstaltet, volle Windeln aus dem Dachfenster geschmissen (das ist zum Glück schon seeeeehr lange her) und die Felgen des Autos mit wasserfestem Stift verziert (Zugegeben, es sah hübsch aus.). Noch heute, wo sie doch alle aus dem Gröbsten raus sein sollten, habe ich immer das Gefühl, sie seien mir mindestens anderthalb Nasenlängen voraus. Mein Gehirn ist gar nicht dazu in der Lage, sich die Dinge auszudenken, die für sie ganz selbstverständlich in die Kategorie „Ich wollte nur mal sehen, was passiert“ gehören. 

Manchmal könnten wir durchdrehen, „Meiner“ und ich. Doch dann erinnere ich mich wieder daran, was meine Brüder alles angestellt haben, als sie in dem Alter waren und dann sage ich zu „Meinem“: „Weisst du, so schlimm sind sie eigentlich gar nicht, unsere Söhne. Immerhin ist noch keiner in die Kläranlage gefallen.“

(Ach ja, ich weiss, Töchter haben auch ihre Macken, aber weil wir nur eine davon haben, bietet das, was sie anstellt,  eine angenehme Abwechslung.)

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Mama-Trotzphase

Die Szene wiederholt sich fast jeden Mittag: Ich stehe am Herd, die Horde kommt ausgehungert die Treppe hochgerannt und macht sich hinter den Vorratsschrank. Gelegentlich gelingt es mir, vor dem ersten Bissen lauthals „Stop!“ zu brüllen – was meine Kinder erstaunlicherweise unbeeindruckt lässt – , meistens aber bleibt mir nur noch ein frustriertes „Warum hast du dir das genommen? Du weisst doch, dass du das nicht darfst und du siehst auch, dass ich am Kochen bin.“ Die Sache treibt mich in den Wahnsinn.

Okay, ich weiss, es gäbe da ein ganz simples Mittel, um dem ärgerlichen Treiben ein Ende zu setzen. Kurz vor dem Eintreffen der Ausgehungerten ein paar Rüebli, Kohlrabi, Gurken  – oder was auch immer Saison hat – in Stängeli schneiden, auf den Küchentisch stellen und schon könnten sie knabbern, ohne sich den Appetit zu verderben. Und ohne mich auf die Palme zu treiben. Das ist es doch, was jede verständnisvolle, vernünftige Mama tun würde, nicht wahr?

Wenn ich doch bloss Lust hätte, verständnisvoll und vernünftig zu sein. Blöderweise befinde ich mich aber gerade in einer Art Mama-Trotzphase, die mich dazu treibt, meinen Kopf durchsetzten zu wollen. Und mein Kopf sagt mir derzeit, ich solle die verwöhnten Blagen dazu bringen, brav zu warten, bis Mama fertig gekocht hat. Klar, da ist die Stimme der Vernunft, die mir in Erinnerung ruft, wie ausgehungert ich jeweils war, als ich noch im Wachstum war. Sie sagt mir auch, es wäre doch ganz schlau, die Kinder über das frische Gemüse herfallen zu lassen, dann würde sich nämlich am Tisch die Salat-Diskussion erübrigen. Natürlich hat sie recht, die Stimme der Vernunft, aber ich will jetzt einfach nicht nachgeben. Noch nicht sofort, auf jeden Fall. Warum nicht? Keine Ahnung. Vielleicht, weil ich immer und immer wieder entgegenkomme und jetzt einfach mal eine Weile lang auf meinem Standpunkt verharren möchte, wohl wissend, dass es nicht wirklich sinnvoll ist.

So ist das eben, wenn man trotzt und warum sollte ich nicht auch mal trotzen dürfen? Nach all den Trotzphasen, die ich mit immer wieder neu erwachender Geduld über mich habe ergehen lassen, sollen die sich mal an meiner Sturheit die Zähne ausbeissen.

Aber nicht zu lange, sonst können sie keine Rüebli mehr knabbern, wenn ich dann endlich zur Vernunft zurückfinde. 

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Relax

Hinter uns liegen zwei äusserst intensive Wochen. Menschen, die wir mögen gaben sich die Klinke in die Hand, die einen auf Einladung, die anderen spontan, aber alle gleich willkommen. Unsere Tage waren angefüllt mit tiefschürfenden Gesprächen, Gelächter, gemütlichen Teestunden, gemeinsamem Kochen und langen Abenden. Torten, Osterhasen, frische Blumen und sogar ein Trampolin für unsere Kinder fanden den Weg zu uns, auch hier wieder einiges als Begleiterscheinung einer Einladung, anderes spontan, aber alles überraschend und sehr willkommen. 

Waren wir ausnahmsweise mal unter uns, nutzten wir die Zeit, um unser Zuhause wieder halbwegs gästetauglich herzurichten und Vorräte für weitere gemütliche Mahlzeiten anzuschleppen. War auch das getan, unterhielten uns Karlsson und Luise, indem sie in die Rolle von Menschen schlüpften, die wir nicht zu unseren bevorzugten Gästen zählen. (Keine Angst, ihr, die ihr hier wart, gehört nicht in diese Kategorie und ihr, die ihr demnächst bei uns eingeladen seid, auch nicht.) Oft brachten sie uns zum Lachen, hin und wieder strapazierten sie damit aber auch unsere Geduld. 

Es war eine schöne Zeit, die wir sehr genossen haben. Dennoch waren „Meiner“ und ich irgendwann ziemlich geschafft. Darum sollte sich jeder von uns am heutigen Ostermontag ein paar Stunden ganz für sich gönnen dürfen. Für „Meinen“ war schnell klar, womit er diese Stunden füllen will: Sauna, Stille, nur ein wenig lesen und ausspannen, bevor morgen der Arbeitsalltag wieder beginnt. Ich aber wusste nicht so recht, was ich tun sollte. Ein richtig gutes Buch, das mich für ein paar Stunden in eine andere Welt entführt, habe ich derzeit nicht. Bleibe ich zu Hause, bin ich umgeben von einem Haufen unerledigter Dinge, gehe ich in ein Café, laufe ich Gefahr, irgendwelche Bekannte zu treffen und danach ist mir nach diesen zwei Wochen trotz aller Liebe zu meinen Mitmenschen nicht wirklich.

Nach reiflicher Überlegung kam ich zum Schluss, dass einzig die  Luxusvariante taugt, um mir etwas Ruhe zu verschaffen: Eine heftige Magenverstimmung, die mich dazu zwingt, mich jammernd ins Bett zu legen und mir die Decke über den Kopf zu ziehen. Ich weiss eben noch, wie sich richtige Erholung anfühlen sollte…

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