Zähflüssig

An gewissen Tagen ist es, als hätte jemand über Nacht deine Wohnung mit Honig übergossen und zwar mit dieser billigen, zähflüssigen Sorte, die so unglaublich gut haftet, zuerst am Glas, dann am Löffel und schliesslich überall, wo sie ihre Spuren hinterlassen hat. An solchen Tagen kommt es dir so vor, als würde die ganze Familie knöcheltief in diesem Honig waten und du hast die mühsame Pflicht, jedem Familienmitglied dabei zu helfen, in dieser klebrigen Masse einen Fuss vor den anderen zu bekommen.

„Trink jetzt deinen Kakao, FeuerwehrRitterRömerPirat. Ja, die Tasse steht zwei Zentimeter neben deiner rechten Hand, eine kleine Bewegung nur und du kannst den Griff fassen. Ja, gut so und jetzt führst du die Tasse zu deinen Lippen. Und jetzt schlucken. Nein, jetzt die Tasse nicht wieder hinstellen, noch ein Schluck und noch einen. So ist gut. Und jetzt erhebst du deinen Hintern vom Hocker, gehst ins Badezimmer und wäschst dir dein Gesicht. Jawohl, dazu nimmt man einen feuchten Waschlappen und mit dem fummelt man dann im Gesicht herum. Und wo du schon mal im Bad bist, empfiehlt es sich, gleich zur Zahnbürste zu greifen. Die Zahnbürste ist dieses Ding mit dem langen Stiel und den Borsten, mit dem man an den Zähnen herum schrubbt. Gut…“

„Weisst du, ‚Meiner‘, ich habe mir überlegt, wir könnten Karlsson stets Znünigeld für eine Woche geben, das er sich dann selber einteilen muss, wenn er sein Znüni unbedingt kaufen will. Ja, ein fixer Betrag und wenn er das Geld zu schnell aufgebraucht hat, muss er eben seine eigenen Brote schmieren. Damit er lernt, das Geld einzuteilen, ja und damit er lernt, dass es billiger ist, den Znüni von zu Hause mitzunehmen. Für den Znünikisok in der Schule, genau den meine ich.  Nein, nicht viel Geld, einfach ein paar Franken, die er selber verwaltet. Genau, und wenn er kein Geld mehr hat, dann muss er eben selber schauen. Ja, so meine ich das. Selbstverständlich können wir heute Abend in Ruhe darüber reden…“

„Klar kannst du eine Tasse Tee haben, Zoowärter, aber zieh dich doch in der Zwischenzeit schon mal an. Ja, die Hose, die du gestern bekommen hast. Jawohl, auch eine Unterhose und ein T-Shirt. Das findest du im Schrank, genau….Dein Tee ist fertig, Zoowärter. Aber warum bist du noch nicht angezogen? Hier ist deine Unterhose. Vielleicht musst du zuerst die von gestern ausziehen. Gut, und jetzt die Hose. Nein, die Unterhose von gestern bitte in den Wäschekorb, nicht auf den Fussboden…So, jetzt musst du aber wirklich gehen. Wie, dein Tee? Die Tasse steht seit zwanzig Minuten auf dem Tisch und du sitzt seit zwanzig Minuten am Tisch, aber trinken müsstest du schon noch selber. Nein, der Tee ist jetzt nicht mehr heiss… Und jetzt die Schuhe. Ja, die Sandalen, die Sonne scheint…“

„Ja, Luise, dein neues T-Shirt gefällt mir sehr gut und ja, die Katzen sind wirklich unheimlich lieb und herzig, ja, du hast dich wirklich gut auf die Prüfung vorbereitet, ja, deine neue Hose ist auch toll, ja, ich kann dich kämmen, aber du solltest dir heute unbedingt die Haare waschen, ja, du darfst dir meine Schuhe ausleihen, ja, irgendwann darfst du dir einen zweiten Ohrring stechen lassen, nein, ich weiss noch nicht wann, nein, heute ganz bestimmt nicht, du brauchst jetzt nicht zu motzen, ich hab gesagt, wir machen das, aber ich weiss noch nicht wann, nein, ich habe dein Matheblatt nicht gesehen, nein, ich kann nichts dafür, dass du so viele Hausaufgaben machen musstest, nein ich habe auch dein Englischblatt nicht gesehen…Du willst doch nicht etwa sagen, dass du jetzt noch zwanzig Aufgaben lösen musst, die du gestern Abend hättest lösen müssen?“

„Du kannst den Computer selber einschalten Karlsson. Ja, der Drucker sollte genügend Tinte haben. Selbstverständlich hast du dein Titelblatt schön gestaltet. Kannst du bitte das Papier selber suchen, ich muss jetzt…Doch, gestern ging der Drucker noch. Nein, ich weiss nicht, welcher Trottel wieder diese Abdeckung weggenommen hat. Geht noch immer nicht? Dann mailst du das Titelblatt halt an die Lehrerin. Das möchte sie nicht? Aber wenn unser Drucker streikt…Okay, ich komme gleich, muss nur noch…Ja, Karlsson, ich habe gesagt, ich komme gleich, einen Augenblick bitte. Kannst du das hier mal halten, ich versuche den Drucker zu kippen. Gut, jetzt sollte es klappen. Ist wirklich schön geworden, dein Titelblatt, aber jetzt musst du dich beeilen. Nein, ich weiss auch nicht, wo dein zweiter Hallenschuh ist…“

Ein Wunder, dass du keinem sagen musst, wie das mit dem Atmen funktioniert: „Einfach immer schön ein und aus, nicht zu schnell und nicht zu langsam, ja, der Brustkorb hebt und senkt sich, schön….“

Wenn dann endlich alle bereit sind und du denkst, das Schwierigste sei überstanden, dann setzt sich dein Erstklässler auf die Treppe und heult, weil er nicht zur Schule gehen will, weil es dort so laaaaaaaangweilig ist. Und du weisst, dass die Morgenroutine zumindest beim Zoowärter mit dem Beginn dieser Krise nur noch zähflüssiger sein wird…

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Elternabend mit Kater

Bereits wenn ich auf dem Anmeldezettel angebe, „Meiner“ und ich würden wenn möglich beide zum Elternabend erscheinen, weiss ich genau, dass es auch dieses Jahr nicht klappen wird. „Meiner“ wird garantiert nicht mitkommen können, denn einer von uns beiden muss die jüngeren Kinder zu Bett bringen, den älteren Kindern bei den Hausaufgaben helfen und die Küche aufräumen. Da „Meiner“ schon den ganzen Tag im Schulzimmer verbracht hat und ich ganz froh bin, unser Irrenhaus abends zu verlassen, um zwei Stunden in einem anderen Irrenhaus zu verbringen, bin gewöhnlich ich diejenige, die zum Elternabend geht. Und gewöhnlich bin ich die Einzige, die ohne männliche Begleitung erscheint, denn bei solchen Anlässen zeigen sich sogar jene Väter, die gerade mal knapp den Namen des Kindes kennen, für das sie Alimente bezahlen. Dann sieht es so aus, als würde sich „Meiner“ einen Dreck um die schulischen Belange unserer Kinder scheren, dabei ist er es, der sich mit Engelsgeduld – manchmal auch mit viel Gezeter – darum kümmert, dass unsere Kinder rechnen und rechtschreiben lernen. Ich hingegen, die ich mich bloss um Alltagskram wie Pausenbrote, fiese Schulkameraden und vergessene Turnsachen kümmere, sitze brav auf dem Stühlchen und notiere mir alles, was den zu Hause gebliebenen Pädagogen interessieren könnte. 

Es ist geradezu peinlich, wie peinlich mir solche vermeintlichen „Der Vater meiner Kinder interessiert sich einen Dreck für die Schule“-Auftritte sind. Kater Leone muss genau dies gespürt haben, denn als ich mich heute Abend auf den Weg zum Kindergarten machte, folgte er mir und wich nicht mehr von meiner Seite. Nichts konnte ihn davon abhalten, mit mir zu kommen, weder der Raser, der in der 30-er Zone viel zu schnell unterwegs war, noch die Ambulanz, die den armen Kater mit ihrer Sirene gehörig erschreckte. Einen Augenblick nur zögerte er, als ich das Kindergartengebäude betrat, doch dann folgte er mir auch dorthin, die Treppe hoch bis zur Zimmertüre. Dort aber verliess ihn plötzlich der Mut. Passte ihm der Geruch nicht, hatte es zu viele fremde Menschen, oder wollte er vielleicht nicht in aller Öffentlichkeit mit diesem kleinen Lausebengel namens Prinzchen in Verbindung gebracht werden? Was auch immer sein Beweggrund gewesen sein mag, Leone machte auf der Schwelle Kehrt und ich musste alleine ins Zimmer gehen. Dabei hätte ich in der Vorstellungsrunde doch so gerne gesagt: „Ich bin Prinzchens Mama und das hier ist mein Kater, der einen nicht unerheblichen Beitrag zu meiner Entspannung leistet, wenn der gewöhnlich so liebe kleine Junge mal wieder mit dem Kopf durch die Wand will.“

Nun, ich habe den Elternabend auch ohne Leones Hilfe überstanden, doch als er mich draussen vor dem Kindergarten erwartete, wurde mir ganz warm ums Herz. Gemeinsam machten wir uns auf den Heimweg und wäre es mir nicht allzu peinlich gewesen, dann hätte ich der treuen Seele davon erzählt, wie zufrieden ich mit Prinzchens Kindergärtnerin bin. Ich habe dann eben „Meinem“ vorgeschwärmt. Von der Kindergärtnerin, die so unkompliziert und humorvoll ist. Und von dem Kater, der es auf sich genommen hat, mich zum Elternabend zu begleiten.

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Wenn der Kopf allmählich wieder erwacht,…

…dann stehe ich leicht verwundert vor meinem Bücherregal und frage mich, ob ich denn in den vergangenen sechs oder sieben Jahren nur Mist gelesen habe. Zum Glück finden sich zwischen den seichten Schinken auch noch ein paar echte Perlen, die ich mir voller Begeisterung gekauft habe, die mir während der Kleinkinderjahre dann aber zu anspruchsvoll waren, weshalb sie halbgelesen im Regal landeten. An anständigem Lesestoff sollte es mir in den kommenden Monaten also nicht mangeln.

…dann dürfen Filme plötzlich wieder politisch sein, dramatisch oder von mir aus auch aufregend. Einzig auf das Happy Ending bestehe ich weiterhin.

…dann antworte ich nicht mehr auf jede zweite Kinderfrage mit „Das kann ich dir im Moment nicht sagen. Ich habe es mal gewusst, aber es will mir einfach nicht mehr einfallen. Müssen wir mal im Internet nachlesen…“

…dann fällt mir auf, dass ich noch eine ganze Menge wissen und lernen möchte und zwar nicht bloss, wie man kleinen Kätzchen beibringt, nicht auf den Tisch zu springen, sondern vielleicht wieder einmal etwas ganz Komplexes, etwas, wovon ich noch nicht viel verstehe, was mich aber schon immer interessiert hat.

…dann finde ich gewisse Gespräche, die ich nun schon seit Jahren mit fremden Müttern führe, nur noch ganz schrecklich öde.

…dann möchte ich meine Tage wieder halbwegs strukturiert verbringen und mich nicht stets von „Mama, ich will Kakao und zwar jetzt sofort“ und dergleichen herumhetzen lassen. Aber natürlich nur so viel Struktur, dass immer noch genug Freiheit bleibt für „Komm doch gleich jetzt zum Kaffee, ich habe Zeit“ oder „Du willst noch ein weiteres Kapitel ‚Karlsson‘ hören? Aber gerne“.

…dann sehe ich, dass viele Dinge, die mir in den vergangenen Jahre als Berge erschienen sind, eigentlich bloss Maulwurfshügel sind, die sich relativ leicht beseitigen lassen, wenn nicht stets etwas Unvorhergesehenes dazwischen kommt.

…dann erkenne ich, wenn ich ganz lange in den Spiegel schaue, wieder Spuren der Frau, die ich war, ehe ich Mutter wurde. Nein, ich möchte nicht zurück, um nichts in der Welt. Aber es freut mich doch, dass diejenige, die da mal war, nicht vollends verschwunden ist. Im Gegenteil: Mir scheint, sie würde ganz gerne hin und wieder zu einem Tässchen Tee kommen, um an alte Zeiten anzuknüpfen. Wir zwei, das muss man wissen, haben damals nämlich stets Tee getrunken, was man sich nur leisten kann, wenn man nicht ganz dringend Koffein braucht, um weitermachen zu können.

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Prinzchen-Facetten

Die Zahnärztin kennt das Prinzchen als einen tapferen Jungen, der Untersuchungen, Röntgen und Zähneziehen ohne die geringste Regung über sich ergehen lässt.

Die Kinderärztin kennt das Prinzchen als einen äusserst gesprächigen Jungen, der bereitwillig jede Frage beantwortet, wenn er nicht gerade zu krank ist.

Der beste Freund kennt das Prinzchen als einen Jungen, der stets zum Spielen aufgelegt ist und der vor fast nichts zurückschreckt.

Meine Mutter kennt das Prinzchen als einen Jungen, der ohne Punkt und Komma redet und dabei alles entdecken und ausprobieren will.

Unser Neffe kennt das Prinzchen als einen Jungen, der pausenlos singt.

Unsere grösseren Kinder kennen das Prinzchen als einen Jungen, der mit aller Macht seinen Kopf durchsetzen kann.

Die Kindergärtnerin kennt das Prinzchen als einen Jungen, der zwar zu Beginn jeweils etwas ängstlich ist und manchmal auch weint, dann aber mit Begeisterung mitmacht.

Die anderen Mütter kennen das Prinzchen als einen Jungen, der fast ohne Unterbruch in Bewegung ist.

Die Coiffeuse kennt das Prinzchen als einen Jungen, der sich auf gar keinen Fall die Haare schneiden lassen will.

Die Verkäuferinnen kennen das Prinzchen als einen Jungen, der starrköpfig die Lippen zupresst, wenn er etwas zu ihnen sagen sollte. 

Die Passanten kennen das Prinzchen als einen Jungen mit wuscheliger Mähne und einem riesigen Teddy.

„Meiner“ und ich kennen das Prinzchen auch auf all diese und viele weitere Arten.

Seit einigen Tagen lerne ich das Prinzchen aber auch als einen Jungen kennen, der seine Sache besser als gut machen will, der sehr viel von sich selber erwartet und sich deshalb voll und ganz verausgabt.

Wenn er dann sein Bestes gegeben hat,  lerne ich das Prinzchen als einen Jungen kennen, der sich schluchzend an mich klammert und irgendwann erschöpft in meinen Armen einschläft.

Ich bin froh, auch dieses Prinzchen zu kennen und hoffe, dass er weiss, dass es vollkommen in Ordnung ist, auch mal schwach und hilflos zu sein. 

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Wie ein ruhigeres Leben aussieht

6:50 Uhr: Sofort aus dem Bett, Karlsson findet seine Brille nicht, Luise hat noch Fragen zu den Hausaufgaben und der FeuerwehrRitterRömerPirat muss davon überzeugt werden, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt ist, seine neue Fechtausrüstung vorzuführen.

7:20 Uhr: Den Zoowärter wachrütteln, ohne das Prinzchen, der neben ihm schläft, aufzuwecken. Blockzeiten sind nämlich, auch wenn sie einmal eingeführt worden sind, nur relativ und darum hat das Prinzchen mittwochs kindergartenfrei. 

7:30 Uhr: „Meiner“ stellt fest, dass er nicht mit Karlssons Velo zur Schule fahren kann, weil das Gefährt zu klapprig ist. Der Bus ist auch schon weg und ich brauche später das Auto. Also doch Prinzchen wecken, anziehen und füttern, damit wir Papa zur Schule fahren können, sobald der Zoowärter auf dem Schulweg ist.

7:47 Uhr: Der Zoowärter findet seine Schuhe nicht, „Meiner“ wird allmählich nervös, weil demnächst der Unterricht beginnt.

8:00 Uhr: Gerade noch rechtzeitig liefere ich „Meinen“ in der Schule ab. Jetzt aber sofort nach Hause, unter die Dusche, Wachteln füttern und dann wieder los. Kater Leone soll heute kastriert werden.

8:45 Uhr: Leone lässt sich erstaunlicherweise ohne Widerstand in die Transportbox setzen, das Prinzchen hingegen muss noch ganz dringend ein paar Krankheiten erfinden, damit er nachher mit mir Spital spielen kann.

9:15 Uhr: Leone ist beim Tierarzt und ich kann mich an die Arbeit machen. Das Prinzchen zieht sich genau so lange in sein Spital zurück, bis ich zum Telefon greife, um einen wichtigen Anruf zu tätigen. Kaum habe ich die gesuchte Dame am Apparat, brüllt das Prinzchen los, weil ich nicht rechtzeitig zu meinem OP-Termin erschienen bin.

10:00 Uhr: Frisch operiert mache ich mich wieder an meine Arbeit. Das Prinzchen schläft nach getaner Arbeit neben mir ein und so bleibe ich ungestört bis zum Mittag.

12:15 Uhr: Das Mittagessen steht auf dem Tisch, Prinzchens bester Freund klingelt an der Tür, weil bei ihm niemand zu Hause ist,  also decken wir einen Teller mehr. Luise will über ihre Prüfung reden, Karlsson über seine neuen Lehrer, alle wünschen noch mehr Spiegeleier, es hat aber keine Hühnereier mehr, also haue ich 15 Wachteleier in die Pfanne.

12:30 Uhr: Erneut am Herd, weil die Kinder alles vertilgt haben und für „Meinen“ kein Mittagessen mehr da ist. 

12:45 Uhr: „Meiner“ kommt gerade rechtzeitig nach Hause, damit ich wieder weg kann. Prinzchen und FeuerwehrRitterRömerPirat ins Auto packen, zuerst Kinderzahnarzt, dann Kinderarzt, danach Tierarzt, um Leone abzuholen. 

15:30 Uhr: Sofort an die Arbeit, sonst muss ich wieder eine Spätschicht einlegen.

16:50 Uhr: Ultrakurzeinkauf, damit ich nicht zu spät ins Schwedisch komme. Natürlich steht wieder eine komplizierte Kundin vor mir an der Kasse und dann soll ich auch noch bei einer Umfrage mitmachen. Mache ich aber nicht.

17:25 Uhr: Kurzer Halt vor dem Haus, damit „Meiner“ die Einkäufe ins Haus schleppen kann und ab in den Feierabendverkehr. 

17:57 Uhr: Nach zwanzig Minuten im Stau überlege ich mir, ob ich der Schwedischlehrerin per SMS mitteilen soll, ich würde es heute nicht schaffen. Doch jetzt fahren sie wieder vor mir, also lasse ich das mit der SMS bleiben.

18:10 Uhr: Mit grosser Verspätung doch noch eine Verschnaufpause mit schwedischen Vokabeln,  Ausspracheregeln und einer Übung, in der wir einander auf Schwedisch von unserem Alltag erzählen.

19:10 Uhr: Schnell etwas essen, Anruf entgegennehmen und dann „Meinen“ ablösen, der allmählich die Geduld verliert, weil Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat einander stets von den Hausaufgaben ablenken. 

20:15 Uhr: Die meisten Kinder sind auf ihren Zimmern, Flucht in den Garten, wo die Wachteln auf Futter und die Pflanzen auf Wasser warten. Zum ersten Mal in diesem Jahr gibt es mehr Tomaten zu ernten, als ich mit beiden Händen fassen kann.

21:00 Uhr: Ein letztes „Jetzt ist aber wirklich Feierabend“ zu den Kindern, dann doch noch eine Spätschicht, weil ich mit der Arbeit nicht so weit wie vorgesehen gekommen bin. 

23:00 Uhr: Noch schnell die Nachrichten schauen, weil ich sonst nicht weiss, wie elend es auf dieser Welt zugeht. 

23:30 Uhr: Bloggen, um meinen Lesern zu beweisen, wie viel ruhiger mein Leben geworden ist, seitdem alle Kinder zumindest vormittags aus dem Haus sind. 

Ist doch wahr, so strukturiert wie heute war der Mittwoch früher nie.

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Turnhallen-Ängste

Mit Karlsson ging ich ins Muki-Turnen. Damit er mit anderen Kindern in Kontakt kommt. Damit er die Turnhalle kennen lernt und im Kindergarten keine Angst hat. Und weil es ihm Spass machte.

Mit Luise ging ich ins Muki-Turnen. Weil sie schon als Baby stets auf die Sprossenwand klettern wollte. Und aus den gleichen Gründen wie bei Karlsson.

Als Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat klein waren, leitete ich den Anlass sogar drei Jahre lang. Zu meiner Verteidigung: Das war noch, bevor ich wusste, was es bedeutet, ausgebrannt zu sein und darum sagte ich zu Dingen ja, die sonst keiner machen wollte, die aber unbedingt getan werden mussten, weil sie pädagogisch wertvoll sind.

Mit dem Zoowärter ging ich ins Muki-Turnen. Genau dreimal, dann erklärte er mir, er würde lieber schlafen als turnen, was mir natürlich äusserst sympathisch war. Also gingen wir nicht mehr.

Wie seine grossen Geschwister hatte auch der Zoowärter kein Problem mit der riesigen Turnhalle, als er in den Kindergarten kam. Obschon er kaum im Muki-Turnen gewesen war.

Mit dem Prinzchen ging ich nicht ins Muki-Turnen. Zuerst nicht, weil ich mittwochs im Büro war und er in der Krippe. Auch als ich nicht mehr im Büro arbeitete, ging ich nicht, weil das Prinzchen stets in Bewegung ist und sich auch ohne Sprossenwand die Zähne ausschlägt. In der Turnhalle würde er – der Furchtlose – sich auch ohne Muki-Turnen zurechtfinden, da war ich mir ganz sicher. Und wenn das schlechte Gewissen mir vorwarf, den Jüngsten zu vernachlässigen, verteidigte ich mich: „Man kann auch ohne Muki-Turnen eine gute Mutter sein. Er darf dafür im Garten graben und hacken.“

Heute hatte das Prinzchen zum ersten Mal Turnunterricht im Kindergarten. Als schon die halbe Klasse zum Abmarsch zur Turnhalle bereit stand, klammerte er sich plötzlich an mich. „Ich komme nicht draus! Ich kann das nicht!“, presste er unter heftigem Schluchzen hervor. Die Kindergärtnerin, Prinzchens bester Freund und ich versichertem ihm, dass er das ganz bestimmt könne, er sei doch so flink, so mutig, so beweglich. Heulend ging er an der Hand seines besten Freundes zur Turnhalle und als ich ihm mittags abholte, erklärte er mir, er hätte halt befürchtet, sie müssten „richtig turnen“. „Aber wir haben nur gespielt und das hat Spass gemacht“, erzählte er. „Krise überstanden“, dachte ich erleichtert und schenkte der Sache keine weitere Beachtung mehr.

Von wegen! Die Krise hat erst angefangen. „Das Prinzchen hat noch sehr lange geweint im Bett“, erzählte mir „Meiner“, als ich abends von Zoowärters Elternabend nach Hause kam. „Er fürchtet sich vor der Turnhalle. Er hat gesagt, er werde nie im Leben wieder dorthin gehen und er konnte erst einschlafen, als ich ihm versprach, dies der Kindergärtnerin mitzuteilen.“ 

Ach, wäre ich doch mit dem Prinzchen turnen gegangen. Dann wäre er heute voller Selbstbewusstsein in die Turnhalle marschiert. Er hätte seinem besten Freund gezeigt, was er schon alles kann. Er hätte laut gelacht anstatt geweint und er wäre wild herumgerannt. Vermutlich hätte er in allerbester Prinzchen-Manier ein waghalsiges Klettermanöver ausprobiert…

…und sich den Arm gebrochen, oder ein Bein, oder einen weiteren Zahn ausgeschlagen. Vielleicht doch nicht so schlecht, dass ich mit dem Prinzchen nie im Muki-Turnen war…

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Sie lieben sich halt doch…

Manchmal, wenn sie einander so hemmungslos anschreien, beschleichen mich leise Zweifel, ob unsere Kinder einander überhaupt lieben, doch dann erleben wir wieder diese Sternstunden, die mir beweisen, dass sie ohne einander nicht sein möchten. Einige Beispiele gefällig?

Ein spiegelglatter Badesee in Südschweden, die grossen drei Venditti-Kinder sind im Wasser, die zwei kleineren spielen im Sand, „Meiner“ und ich geniessen die Stille. Luise, die am Ende eines langen Steges im Wasser planscht, verliert den Boden unter den Füssen, winkt und ruft um Hilfe. So schnell ich es in meinem entspannten Zustand fertigbringe, renne ich ihr auf dem Steg entgegen. Plötzlich werde ich von hinten unsanft zur Seite geschubst: „Aus dem Weg, Mama“, befiehlt das Prinzchen. „Ich muss Luise helfen, sie ertrinkt sonst.“ Keine Ahnung, wie der kleine Nichtschwimmer seiner Schwester das Leben gerettet hätte, wäre es nötig gewesen, aber ich weiss, dass er alles getan hätte für sie, die ihm im Alltag immer mal gehörig auf die Nerven fällt.

Das Prinzchen liegt mit hohem Fieber im Bett, schreit vor lauter Kopfschmerzen, kann kaum mehr den Kopf nach vorne neigen und allmählich werde ich ziemlich unruhig. Sind da etwa die zwei Zecken im Spiel, die vor zwei oder drei Wochen zugebissen haben? Karlsson kommt händeringend ins Kinderzimmer. „Mama, du musst unbedingt die Kinderärztin anrufen. Das musst du mir versprechen.“ Wenig später tue ich eben dies, als ich das Telefon aufgehängt habe, will Karlsson wissen, wann ich denn endlich gehen könne. „Erst um halb fünf?“, fragt er entsetzt, als ich ihm die Zeit nenne. Als wir gegen sechs Uhr mit einem fieberfreien Prinzchen und einer Entwarnung der Kinderärztin zu Hause wieder eintreffen, wartet Karlsson bereits am Fenster. „Was hat er? Ist es ganz bestimmt nichts Schlimmes? Gehst du morgen noch einmal zur Kontrolle mit ihm?“ Die Sorge unseres Ältesten treibt mir beinahe die Tränen der Rührung in die Augen, auch wenn ich nur zu gut weiss, dass das Prinzchen schon bald wieder „dieser doofe kleine Bruder, der immer alles kaputt machen muss“ sein wird.

Luise liegt laut schluchzend auf dem Bett. Der Abschied von drei Kätzchen in nur zwei Tagen hat sie ganz furchtbar mitgenommen und sie weiss nicht, ob sie je wieder fröhlich sein wird. Der FeuerwehrRitterRömerPirat – Luises ärgster Widersacher in fast allen Lebenslagen – steht ganz verloren im Nebenzimmer. „Luise darf nicht so sehr weinen“, sagt er beinahe schüchtern zu mir. Und ich weiss, dass er für einmal nicht über seine Schwester, die ihn mit ihrer emotionalen Art zur Weissglut treiben kann, beklagen will. Er meint auch nicht, sie solle zu heulen aufhören, weil er sonst auch damit anfangen wird. Nein, sie tut ihm einfach nur Leid, denn er weiss ebenso gut wie wir anderen, dass keine so sehr an den Tieren hängt wie Luise und dass darum ihr Trennungsschmerz um ein Vielfaches grösser sein muss als sein eigener. Und auch der ist nicht klein, auch wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat sich so etwas kaum anmerken lässt…

Und der Zoowärter? Den mögen eigentlich alle immer, denn der ist eine durch und durch friedliche Natur. Nur wenn die anderen nicht wollen, dass er Karlsson vom Dach ist, dann mögen sie ihn nicht, denn dann brüllt er so laut, dass man sein eigenes Gezanke nicht mehr verstehen kann.

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Nicht krank werden, habe ich gesagt!

Nein, mit dem Gehorsam haben sie es nicht so sehr, unsere Kinder. „Bis zu den Herbstferien herrscht absolutes Krankheitsverbot“, sagte ich, als wir im Zug vom Kopenhagen nach Basel sassen. „Keine Grippen, keine Mittelohrentzündungen und erst recht keine Magen-Darm-Käfer“, präzisierte ich, für den Fall, dass sie mich nicht verstanden hätten. Und weil unsere Kinder stets nach einer Begründung verlangen, lieferte ich auch diese: „Ich muss fünf neue Stundenpläne in den Griff bekommen, meine eigenen Arbeitszeiten so einteilen, dass ich nicht immer erst arbeiten kann, wenn ihr im Bett seid und überhaupt kommt auch ohne Krankheitstage noch genug dazwischen mit Mariä Himmelfahrt, Sternwanderung und so. Gebt mir einfach ein wenig Zeit, mich in die neue Situation einzuleben, danach dürft ihr das Programm wieder fröhlich über den Haufen werden.“ Luise meinte, man könne doch nichts dafür, doch diesen Einwand liess ich nicht gelten: „Die paar Wochen bis zu den Herbstferien könnt auch ihr ohne Krankheitserreger auskommen“, brummte ich.

Eine klare Durchsage, nicht wahr? Offenbar nicht klar genug für meine Familie. Frühmorgens weckte mich der FeuerwehrRitterRömerPirat, weil er sich dreimal erbrochen hatte, gegen Mittag klagte das Prinzchen, seine Beine schmerzten, abends hatte er Fieber und der Zoowärter deutete an, dass sein Magen eventuell auch bald einmal rebellieren könnte. 

Nein, gehorsam sind sie wirklich nicht, unsere Kinder, aber immerhin so rücksichtsvoll, dass sie ihre Käfer pünktlich zu Mariä Himmelfahrt bestellt haben. So wird meine noch nicht eingespielte Routine nur einmal gestört.

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Heute

Der letzte erste Kindergartentag.

Der erste Kindergartentag bei einer Lehrerin, die nur eines unserer Kinder unterrichten wird.

Der vierte erste Schultag bei den gleichen Lehrerinnen. 

Der dritte erste Schultag bei der gleichen Lehrerin.

Der zweite erste Schultag beim gleichen Lehrer.

Der erste erste Schultag an der Oberstufe.

Der erste erste Schultag an dem „Meiner“ dabei sein konnte, weil sein erster Schultag mit seinen ersten Erstklässlern erst später anfing. 

Der erste Schultag überhaupt, an dem der FeuerwehrRitterRömerPirat freudenstrahlend nach Hause kam und sogleich seine Hausaufgaben erledigen wollte.

Der erste erste Schultag an dem der Älteste als Erster wieder zu Hause war.

Der erste erste Schultag, an dem ich eine der wenigen Mütter ohne quengelndes Kleinkind im Schlepptau war.

Der erste erste Kindergartentag, an dem unser Kind ab der ersten Minute schon voll dabei war und ab der fünften Minute der Lehrerin von seinen Sommerferien zu erzählen anfing. 

Der erste erste Kindergarten- und Schultag, an dem ich einfach nicht richtig sentimental werden wollte, weil ich das alles schon so oft mitgemacht habe.

Der erste erste Schultag, an dem ich alleine nach Hause ging, nachdem alle abgeliefert waren.

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Dringend zu erledigen

  • Mandarin lernen, von mir aus auch Finnisch oder Hebräisch. Einfach etwas, was unsere Kinder nicht verstehen können. „Meiner“ und ich riskieren bereits jetzt viel, wenn wir auf Englisch an unseren Kindern vorbei kommunizieren wollen, doch wenn Karlsson und Luise nun Englischunterricht bekommen, ist es endgültig vorbei mit der angelsächsischen Redefreiheit.
  • Mich endlich entscheiden, ob ich heulen oder jubeln soll, weil morgen nach fast dreizehn  Jahren mit stets mindestens einem Kleinkind im Haus ein neuer Lebensabschnitt anfängt.
  • Herausfinden, wann dieser Zahnarzttermin ist und zwar bevor ich ihn verpasst habe.
  • Diese elenden Katzenflöhe, die unser Schlafzimmer annektiert haben und „Meinen“ und mich dazu zwingen, im Wohnzimmer zu übernachten, ein für allemal in die Flucht schlagen. 
  • Reitstunden für Luise organisieren. Wenn dieses Kind nicht endlich ein Pferd unter seinen Hintern bekommt, treibt es mich noch in den Wahnsinn.
  • Den Monat August irgendwie abkürzen, damit das Loch, das die Ferienreise in die Kasse gerissen hat, wieder aufgefüllt wird.
  • Nachschlagen, wie hoch der Eifelturm ist. Ich hab’s dem FeuerwehrRitterRömerPiraten schon tausendmal versprochen und auch schon zwei oder dreimal getan, aber diese blöde Zahl will einfach nicht in meinem Kopf bleiben.
  • Dem Zoowärter und dem Prinzchen „Michel aus Lönneberga“, „Karlsson vom Dach“ und „Pippi Langstrumpf“ fertig erzählen. Wenn ich bloss noch wüsste, bei welchem Buch wir bei welchem Kapitel stehengeblieben sind…
  • Eine gewisse Routine beim Bewältigen des Alltags finden. Oder aber mich entscheiden, ob ich diese Routine überhaupt wieder will, oder ob wir alles anders machen sollen als vor den Ferien. 
  • Diese Mail beantworten und das Formular mit den Kakaoflecken ausfüllen und die Reklamation anbringen und das kaputte Ding entsorgen und die Unterlagen zusammensuchen und die anderen Unterlagen wegräumen, ehe sie auch noch Kakaoflecken bekommen…
  • Die Welt verändern. Keine Ahnung wie, aber irgendwie müsste das doch zu schaffen sein. 
  • Katzenfutter kaufen.

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