Vielleicht

Vielleicht hätte ich heute über meine Tomaten geschrieben, denen es vollkommen egal ist, dass ich mich nicht an alle Regeln der Gärtnerkunst gehalten habe und die nun reichlich Früchte tragen, auch wenn mein Tomatenbeet derzeit eher einem Urwald gleicht.

Vielleicht hätte ich auch darüber geschrieben, dass die fünf Kinder, die in kurzen Abständen in unser Leben gepurzelt sind, nun auch in kurzen Abständen immer selbständiger werden, so dass ich plötzlich das Gefühl habe, nicht mehr richtig ausgelaugt zu sein.

Vielleicht hätte ich auch über die Seniorinnen gewettert, die heute ohne jeden Grund unsere Kinder zurechtgewiesen haben, oder ich hätte von der Verkäuferin geschwärmt, die ganz begeistert war, weil „die Fünf ja alle ihrer Mama gleichen“.

Vielleicht hätte ich darüber geklagt, wie alt ich mich fühle, weil morgen mein Neffe, den ich doch eben noch zum hundertsten Mal mit Stofftier und Schoppenflasche ins Bett zurückgeschickt habe, Hochzeit feiert. 

Vielleicht hätte ich auch ganz aufgeregt davon berichtet, dass heute die zwei Bücher, an denen ich in den vergangenen Monaten gearbeitet habe, in Druck gehen.

Aber über all dies mag ich nicht berichten, denn ich ärgere mich so masslos über die peinlichen Versuche, die Fremdenfeindlichkeit in der Schweiz herunterzuspielen und ich weiss genau, dass ich darüber schreiben müsste, wie widerlich und beschämend ich das alles finde, aber mir fehlen dazu momentan einfach die Worte. 

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Museumsbesuch in Kopenhagen

„Ich komme mir vor, als würde ich durch alle meine Bücher wandern. Es ist so schön hier. Können wir nicht jeden Tag hierher kommen?“, meint der FeuerwehrRitterRömerPirat.

„Ich halte das keine Sekunde länger aus hier drinnen. Diese Hitze und all die langweiligen Sachen. Aber das Kindermuseum ist super, vor allem, weil sie nicht immer nur Prinzessinnenkleider zum Verkleiden haben, sondern auch mal Sachen aus Indien und so. Und das Essen, einfach traumhaft…“, meint Luise.

„Die Indianer waren cool, die Griechen, die Ägypter und das Kindermuseum, aber können wir jetzt endlich raus hier? Ich will jetzt endlich meinen Veloständer wieder haben, den ich auf der Strasse gefunden habe. Und einen Wikinger-Hot Dog esse ich ganz auf gar keinen Fall“, meint das Prinzchen.

„Ich bin ein Ritter und dann hätten wir vom Schiff aus angegriffen und dann hätten wir die Burg angegriffen und dann wären wir auf das andere Schiff gegangen und dann hätten wir gekämpft und dann wäre ich…und jetzt habe ich Hunger“, meinte der Zoowärter.

„Einen tollen Shop haben die hier und die Sachen sind viel günstiger als im letzten Museum, dabei sind sie doch viel spezieller. Diese Schreibfeder hier, zum Beispiel, kostete am anderen Ort 45 Kronen und hier kostet sie nur 30“, meint Karlsson.

„Du weisst ja, ich kann mit solchen Museen überhaupt nichts anfangen, aber das hier ist wirklich super. Bei den Inuit-Kleidern hat es mir den Ärmel reingenommen und das Kindermuseum musst du dir unbedingt anschauen, so etwas hast du noch nie gesehen. Das müssten sich die Museumspädagogen in der Schweiz mal ansehen. Und das Essen kostet auch fast nichts“, meint „Meiner“.

„Wahnsinn, hier kommst du vom Hundertsten ins Tausendste! Immer, wenn du denkst, du hättest alles gesehen, kommt noch etwas, was du unbedingt sehen willst. Einfach genial, genau so müssen Museen sein. Und das alles erst noch gratis. Kann mir mal einer erklären, warum die das in der Schweiz nicht können?“, meine ich.

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10 Dinge, die ich vermissen werde

Als wir heute die Öresundbrücke in der falschen Richtung überquerten, war mir klar, dass nicht einfach eine Ferienreise zu Ende geht, sondern eine Zeit, in der alte Sehnsüchte und neue Träume wach geworden sind. Es ist schwer, in Worte zu fassen, was „Meinen“ und mich – und bis zu einem gewissen Grad auch die Kinder – in diesen Wochen bewegt hat; ich weiss nicht, ob einiges davon früher oder später sicht- und fassbar wird, oder ob das hektische Leben in der Schweiz alles wieder ersticken wird, ehe es keimen konnte. Mehr als deutlich weiss ich aber jetzt schon, was ich zu Hause vermissen werde:

1. Das Grün: Glaubt mir, ich habe es versucht, aber man kann sich schlicht und einfach nicht satt sehen an all dem Grün. Dabei mag ich Grün als Farbe gar nicht besonders.

2. Die Stille: Nein, es war nie vollkommen still, da war stets ein Rauschen des Windes in den Bäumen, ein Zwitschern der Vögel oder nachts das Rascheln eines Tiers im Gebüsch und natürlich der Lärm, den unsere Kinder veranstalten. Doch all die Zivilisationsgeräusche, die ich zu Hause schon gar nicht mehr wahrnehme, weil sie auch an scheinbar abgeschiedenen Orten stets zu hören sind, die waren einfach ausgeschaltet. Erst in dieser Stille wurde mir bewusst, wie sehr mir die pausenlose Geräuschkulisse zusetzt. 

3. Die Dunkelheit: Ja, ich weiss, sommers wird es in Schweden nie so richtig dunkel, aber das meine ich auch nicht. Ich rede von den Strassenlampen, die eben nicht da waren und somit nachts nicht in mein Gesicht scheinen konnten, von den Leuchtreklamen, die nicht mal in den Städten besonders zahlreich anzutreffen sind, vom Mond und den Sternen, die dank der Abwesenheit von künstlichem Licht trotz der nächtlichen Helligkeit zu leuchten vermochten.

4. Die Tiere: Gut, die Tatsache, dass die in unserem Ferienhaus ein Gerät hatten, um Ratten fernzuhalten, hat mich leicht beunruhigt und die Sache mit den Schlangen ging mir nie ganz aus dem Hinterkopf. Doch wann habe ich zu Hause zum letzen Mal ein  Reh beobachten können, Feldhasen oder einen Raubvogel? Wo habe ich schon je so viele Kühe gesehen, die ihre Hörner behalten durften? Schafe mit grauem, gekräuseltem Fell, Pferde, die sich zu dritt eine Weide von der Grösse eines Fussballfeldes teilen? Oh ja, natürlich haben wir auch Elche gesehen, aber die waren in einem Gehege, also zählen die nicht wirklich.

5. Früher oder später musste ich ja aufs Essen zu sprechen kommen: Nein, die schwedische Küche bietet nicht allzu viel Abwechslung, schon gar nicht für Vegetarier. Aber wer braucht denn Abwechslung auf der Speisekarte, wenn er Blaubeer-, Hagenbutten- und Fruchtsuppen, Fruchtkräm in allen Variationen, Gurken, Zimt- und Kardamomwecken, geräuchten Käse, frische Beeren, Pfifferlinge, Pfannkuchen, Sauermilch und Lakritze  zur Auswahl hat? Keine Ahnung, wie ich zu Hause ohne all das Zeug auskommen soll.

6. Die Kinderfreundlichkeit: Nein, die Schweden machen nicht viel Aufhebens um Kinder, für sie gehören sie einfach dazu. Also werden sie nicht von Fremden angemotzt. Man lässt sie klettern, auch wenn das vielleicht aus Sicht eines Erwachsenen nicht unbedingt angebracht wäre. Man hat vor den Schulhäusern eine verkehrsberuhigte Zone . Man hat ein Kinderprogramm und zwar nicht irgend einen aufgesetzten Kitsch, sondern eine richtig gute Sache, die Erwachsene davon träumen lässt, noch einmal Kind sein zu dürfen. Man bekommt überall ein halbwegs anständiges Kindermenü und natürlich müsste man auch nie nach einem Wickeltisch suchen, wenn man denn ein Wickelkind hätte. 

7. Die Häuser: Man hat nie genug rote Häuser gesehen, denn kaum eines ist gleich wie das andere. Und dann gibt es die schmucken Dinger ja auch in Gelb, Blau, Rosa, Grün, Himmelblau, Braun… Ja, ich habe zum ersten Mal in meinem Leben ein schwarzes Haus gesehen, das mich wegen seiner Schönheit aus den Socken gehauen hätte, so ich denn welche tragen würde.

8. Die netten Menschen: In unseren Breitengraden glaubt man ja, nur im Süden seien die Menschen gastfreundlich und aufgeschlossen. Nun, vielleicht hatten wir einfach nur Glück, aber die Menschen, die wir getroffen haben, waren äusserst warmherzig, gastfreundlich und nur zu gerne bereit, uns die Schönheiten ihres Landes zu zeigen. So sehr, dass unsere Kinder das fast ein bisschen aufdringlich fanden…

9. Die Seen: Ich finde keine Worte, ihre Schönheit zu beschreiben. Man muss sie einfach gesehen haben, um es zu glauben.

10. Die vielen Cafés, Museen, Badestellen, Waldlichtungen,…, die wir nur von ferne gesehen haben und deretwegen wir unverzüglich unsere nächste Ferienplanung in Angriff nehmen müssen.

Aber ehe ich zu heulen anfange, geniessen wir noch ein paar Tage in Kopenhagen…

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Work in progress

Da unsere Ferienwohnung einem Theaterverein gehört, befindet sich auf dem Grundstück eine Freilichtbühne und da liegt es wohl nahe, dass unsere Kinder schon kurz nach unserer Ankunft beschlossen, ein eigenes Stück auf die Bühne zu bringen. Uraufführung ist am ersten August, aber wir Eltern amüsieren uns jetzt schon köstlich. Hier ein kurzer Abriss der Ereignisse der vergangenen Tage:

Sonntag, 21. Juli
Erstes Brainstorming führt zu heftigen Auseinandersetzungen. Warum darf der FeuerwehrRitterRömerPirate keinen Affen in Ritterrüstung spielen und wenn alle so gemein sind, macht er nicht mehr mit. Das Prinzchen möchte immer nur Michel aus Lönneberga sein, der Zoowärter immer nur Karlsson vom Dach und dabei wollen doch Luise und Karlsson – unserer, nicht derjenige vom Dach – unbedingt auch Figuren dabei haben, die sie selber erfunden haben.

Montag, 22. Juli
Der Autor – also Karlsson – ist fleissig am Werk, denn obschon es gestern nicht danach ausgesehen hatte, hat man sich doch auf ein gemeinsames Projekt mit diversen Rollen für alle einigen können. Luise übt derweilen mit ihren kleinen Brüdern die Astrid Lindgren-Lieder, die vorgetragen werden. Damit alle die Lieder in- und auswendig kennen, dürfen wir bei der Autofahrt nur noch „Lille Katt“, „Världens bästa Karlsson“ und „Grisen gal i granens topp“ hören.

Dienstag, 23. Juli
Die Liederauswahl wurde über den Haufen geworfen, also hören wir jetzt im Auto nicht mehr „Världens bästa Karlsson“, sondern „Merja,merja, mojsi“ und zusätzlich „Liten vaggvisa“, weil drei Lieder einfach zu wenig sind. Das Stück ist jetzt fast fertig geschrieben und Karlsson hütet es wie seinen Augapfel.

Mittwoch, 24. Juli
Die Schauspieler sollen ihren Text bekommen und Karlsson wird leicht nervös, weil es hier weder Drucker noch Kopierer gibt, was für ihn einen Haufen Schreibarbeit bedeuten könnte. Erst der Hinweis, dass einer der Schauspieler des Lesens noch nicht mächtig ist und die anderen ein sehr gutes Gedächtnis haben, vermag ihn zu beruhigen. „Dann schreibe ich also nur eine Fassung“, verkündet der Autor freudestrahlend, was Luise in Panik versetzt, denn wie soll sie ohne Text ihre Zeilen lernen? Sie schreibt sie schliesslich aus dem Gedächtnis auf, was Karlsson in Rage versetzt, denn wenn die Texte einfach so frei herumflattern, könnte ja einer daherkommen und das Stück klauen. Einmal mehr entgeht das Projekt nur knapp seinem frühen Tod.

Donnerstag, 25. Juli
Die Rollen sind verteilt, das Datum der Aufführung wird bekannt gegeben und dann bricht Panik aus: „Wir können keine Ausflüge mehr machen. Wann sollen wir denn noch proben?“ Wir erlauben spätes Zubettgehen und abends lauschen wir voller Rührung den Liedern, die auf der Bühne gesungen werden. Obschon wir eigentlich gar nichts gehört haben dürften…

Freitag, 26. Juli
Proben, Ausflug, Proben, Schwimmen am See, Proben

Samstag, 27. Juli
Ausflug nach Kosta, Picknick am See mit anschliessendem Baden, Proben, Diskussion über das Menü anlässlich der Premiere. Es soll Flusskrebse geben und Chips, natürlich.

Sonntag, 28. Juli
Kostümprobe führt zu heftigem Streit. Karlsson und Luise drohen, sie würden alles hinschmeissen, worauf der Zoowärter und das Prinzchen beschliessen, ihr eigenes Stück zu spielen. Karlsson und Luise beruhigen sich wieder, aber jetzt will das Prinzchen nicht mehr mitmachen, denn „Meiner“ und ich weigern uns, mit ihm die 173 Kilometer nach Vimmerby zu fahren, um ihm ein echtes Michel-Kostüm zu besorgen. Das Prinzchen kriegt sich wieder ein, aber jetzt bockt der FeuerwehrRitterRömerPirat. Er werde zum Tanzen auf gar keinen Fall die Holzschuhe anziehen, denn von denen bekäme er Blasen an den Füssen. Ich überrede ihn dazu, wenigstens zur Hauptprobe und zur Aufführung die Holzschuhe zu tragen und rette damit die Produktion. Sofern nicht noch eine absolut unüberwindbare Differenz auftaucht…

Bildungsfragen

Als ich noch in streng konservativen christlichen Kreisen verkehrte, wurde ich manchmal gefragt, wozu ich überhaupt eine Matura machen wolle, als Frau würde ich mich früher oder später ohnehin um die Kinder kümmern. Später, als ich an der Uni war, bekam ich die gleichen Fragen wieder zu hören, diesmal einfach mit leicht aggressivem Unterton. Ja, ich weiss, ihr glaubt mir nicht. Ihr denkt wohl, ich könne unmöglich so alt sein, dass ich mich noch mit solchen Vorwürfen hätte herumquälen müssen. Doch die Kreise, in denen ich mich in den Neunzigern bewegte, waren ziemlich konservativ und sie blieben es auch, als ich schon längst begriffen hatte, dass ich mit solchen Ansichten nicht leben konnte.

Doch darüber möchte ich ja eigentlich gar nicht schreiben, sondern viel eher über die Frage, wie ich ohne diese vielen Ausbildungsjahre und den Mann mit der pädagogischen Ausbildung unsere Kinder je unterstützen könnte. Wie kann es sein, dass ein sprachlich absolut nicht unbegabtes Kind nach zwei Jahren Kindergarten und vier Jahren Primarschule noch nicht einmal eine Postkarte fehlerfrei schreiben kann? Was ist falsch gelaufen, wenn ich einem durchaus intelligenten Kind nach zwei Jahren Kindergarten und zwei Jahren Schule erklären muss, welche Wortarten man gross schreibt und welche klein? Wie kommt es, dass „Meiner“ und ich peinlich genau überprüfen müssen, was Töchterchen im Französisch lernt, weil sie schon zu viele falsche Satzstrukturen gelehrt bekommen hat? Wo würden unsere Kinder in der Mathematik stehen, wenn nicht „Meiner“ den ganzen Stoff zu Hause noch einmal mit ihnen durchackern würde? Wenn er nicht die Fragen beantworten würde, die nach den spärlichen Erklärungen des Lehrers noch geblieben sind? Werde ich das Gleiche tun müssen, wenn Karlsson und Luise nach den Sommerferien Englisch lernen?

Und warum in aller Welt schlagen die Lehrer immer nur dann Alarm, wenn ein Blatt ein paar Tage zu spät abgegeben wird, jedoch nie, wenn das mit der Rechtschreibung einfach nicht im Kopf bleiben will? Warum müssen wir das Material selber zusammensuchen, wenn Vertiefung nötig ist? Was hätten unsere Kinder ohne unsere Unterstützung gelernt, ohne die bestimmt nicht immer akkuraten Antworten, die wir ihnen geben, ohne die Geschichten, den Garten, die Haustiere, die Ferienaufenthalte, die Ausflüge, ohne die Bücher und Zeitschriften, die bei uns überall herumliegen und für noch mehr Unordnung sorgen? Klar müssen Schule und Elternhaus einander ergänzen, aber ich frage mich allmählich, was bliebe, wenn das, was wir beitragen, wegfiele. Und warum müssen all diese Fragen ausgerechnet in den Sommerferien über mich hereinbrechen?

Natürlich sind Matura und Uni keine Voraussetzungen, um Kinder grossziehen zu können, wie das mit unseren Kindern an unserer Schule gutgehen sollte, kann ich mir jedoch beim besten Willen nicht vorstellen.

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Improvisationstheater

Seit unserer Ankunft in Schweden steht das gleiche Theaterstück auf dem Programm. Es trägt den Titel „Wir wollen noch nicht ins Bett“, unsere Kinder spielen die Hauptrollen und da es ein modernes Stück ist, legen die Schauspieler grossen Wert auf die Mitwirkung des Publikums. Deswegen haben auch „Meiner“ und ich unseren Part zu spielen, den Part der fiesen Bösewichte, die mit allen Mitteln zu bekämpfen sind. Während man mir immerhin zugesteht, im Laufe des Stücks zur geläuterten Schlafliedchensängerin zu mutieren, muss „Meiner“ bis zum bitteren Ende den Fiesling spielen.

Kein Wunder, dass er dies allmählich satt hat und das trieb ihn wohl dazu, heute Abend die zwei Sätze auszusprechen, die ich zuerst für das Dümmste hielt, was er in seiner fast dreizehn Jahre dauernden Karriere als Vater je geäussert hat: „Ich spiele nicht mehr mit. Heute Abend geht ihr dann uns Bett, wann es euch passt.“ Die Schauspieltruppe konnte ihr Glück kaum fassen, endlich nicht mehr das gleiche öde Stück spielen zu müssen. Der Älteste der Truppe bemerkte zwar, wir würden also heute Abend einen auf antiautoritäre Erziehung machen, doch er spielte dann doch bereitwillig mit. Auch ich war nicht unglücklich über die Programmänderung, fürchtete aber, das improvisierte Stück könnte ganz gewaltig in die Hose gehen.

Anfangs sah es auch ganz danach aus. Einige beschmierten sich im Badezimmer mit einer fürchterlichen Kriegsbemalung, die anderen machten sich über die Wassermelone her, die ich heute Nachmittag gekauft hatte. Später servierten sie uns Dessert und gekühlte Getränke, veranstalteten damit zwar ein riesiges Chaos in der Küche, bescherten uns aber dennoch einen ziemlich gemütlichen Abend. Sie beseitigten sogar die ärgsten Spuren ihres kreativen Abendprogramms. Gegen halb zehn gab der Erste bekannt, er wolle jetzt ins Bett gehen und bald darauf griff einer nach dem anderen zur Zahnbürste. Nicht später als in den vergangenen Tagen üblich wurde ich um ein paar Schlaflieder und ein Abendgebet für die Katzen zu Hause gebeten und bald darauf war es still im Kinderzimmer.

Ein durchschlagender Erfolg also, dieses Improvisationstheater. Ob sich daraus wohl ein neues Stück machen lässt?

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Zweite Etappe

Gewöhnlich würden unsere Familienferien ja spätestens nach zwei Wochen enden, doch diesmal folgte auf den Auszug aus dem roten Smålandhaus nicht die Rückreise in die Schweiz. Wir sind lediglich etwas weiter in den Süden gereist, in ein altes Schulhaus, wie es wohl die Bullerbü-Kinder besuchten. Eine gemütliche Wohnung mit traumhafter Aussicht, umgeben von hohen Bäumen und ganz nahe beim See gelegen. Noch einmal ein wahr gewordener Traum, diesmal in einer Gegend, in der alle paar Meter ein Hinweis auf eine Glasbläserei oder eine kulturelle Veranstaltung hinweist. Und das alles bei schönstem Sommerwetter.

Ehe ihr jetzt vor Neid erblasst, denkt bitte daran, dass wir nicht nur sehr viel Gepäck, sondern auch alle unsere Macken mit nach Schweden genommen haben. Deshalb brülle ich mehrmals am Tag: „Wollt ihr wohl endlich aufhören zu streiten! Könnt ihr denn nicht einen einzigen Augenblick lang die ganze Schönheit hier geniessen?“ Meistens sollten sich Luise und „Meiner“ angesprochen fühlen…

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Ansichtssache

„Meiner“ und ich bemitleiden den FeuerwehrRitterRömerPiraten jeweils wegen seines Geburtstags. Mitten in den Sommerferien, meist an einem Ort, wo Kuchenbacken nur unter erschwerten Bedingungen möglich ist und die Geschenke eine gewisse Grösse nicht überschreiten dürfen, weil sie sonst nicht mehr ins Reisegepäck passen. Die Geburtstagsparty mit Freunden muss entweder Wochen vorher oder Wochen nachher stattfinden, die Geschenke von Verwandten tröpfeln so nach und nach herein.

Das ist unsere Sicht, die Geschwister des FeuerwehrRitterRömerPiraten sehen das ganz anders: Er bekommt die ausgefallensten Tortendekorationen, die grösste Vielfalt an Süssigkeiten, die Luftballons, die es in der Schweiz nicht gibt. Nie muss er an seinem Geburtstag zur Schule gehen, wir alle haben Zeit, ihn den ganzen Tag zu feiern, meistens gibt es ein ausgefallenes Spezialprogramm.

Darum war das Protestgeheul gross, als „Meiner“ und ich verkündeten, wir würden Astrid Lindgrens Värld am Geburtstag des FeuerwehrRitterRömerPiraten besuchen. „Dann wird sich wieder alles nur um ihn drehen, dabei freuen wir uns seit Monaten auf diesen Ausflug“, protestierten die anderen. „Meiner“ und ich redeten uns den Mund fusselig, um die aufgebrachten Geschwister zu beruhigen, doch nichts half. Bis mir endlich das Argument in den Sinn kam: „An seinem Geburtstag lassen sie den FeuerwehrRitterRömerPiraten gratis rein. Das heisst, mehr Geld für uns alle. Vielleicht liegt dann ja sogar ein zusätzliches Souvenir drin…“ Da konnten sie natürlich nichts mehr einwenden, auch wenn sie es noch immer furchtbar unfair finden, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat echte schwedische Zuckerstangen und „einen Ring Bratwurst von der Besten“ bekommt.

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Sieben unter einem Hut

Familienferien sind schön, ganz klar, aber Familienferien sind auch eine Herausforderung, denn wenn der Einzelgänger dazu gezwungen ist, sein Zimmer mit dem Herdentier zu teilen, dann kommt es früher oder später unweigerlich zum Krach. Vor allem, wenn die Leseratte ebenfalls im gleichen Zimmer schlafen muss und abends das Licht nur so lange brennen lassen darf, wie die anderen es dulden. Für weiteren Zündstoff sorgt, dass das Herdentier unglaublich unternehmungslustig ist, was dem Genussmenschen, der einfach nur in den Tag hinein leben möchte, vollkommen gegen den Strich geht. Während der Krachmacher hier draussen endlich mal so richtig laut sein darf, ringt der Ruhesuchende verzweifelt um Fassung. Warum muss der ausgerechnet hier so laut sein, wo endlich mal weder Motorenlärm noch Nachbars Rasenmäher stören? Der Ordnungsliebende rauft sich derweilen die Haare, weil die anderen sich einfach so gehen lassen, als wäre Ordnung im Urlaub vollkommen unwichtig. Um dem ganzen Chaos noch das Sahnehäubchen aufzusetzen, schmieden die einzelnen Charaktere im Laufe des Tages immer wieder neue Allianzen, denn es findet sich immer ein Verbündeter, der auch gerade das will, was die anderen Fünf nicht wollen.

Es könnte ziemlich schwierig werden, alle Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen, wollten wir nicht trotz Unterschiedlichkeiten alle dasselbe: Die Zeit in diesem wunderschönen Land geniessen, möglichst viel Unbekanntes kennenlernen und jeden Tag in Frieden mit einem Kapitel „Michel“ abschliessen.

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Programmänderung

Weil es in unserer Wohngemeinde seit Menschengedenken nicht vorgekommen ist, dass es am Wochenende, an dem das Schulhausfest stattfindet, geregnet hat, hat man irgendwann damit aufgehört, ein Schlechtwetterprogramm vorzubereiten. Wenn die Wetterfrösche zu Beginn der Woche auf Samstag eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für Regen voraussagen, nimmt dieser Prognose keiner so richtig ernst, denn die Erfahrung zeigt, dass es an diesem bestimmten Wochenende gar nicht regnen kann. Es wird heiss sein, wie immer. Der Wetterdienst aber hält stur an seiner Prognose fest und irgendwann, am Freitagmorgen überlegen sich die Verantwortlichen, ob sie vielleicht doch allmählich eine Schlechtwettervariante präsentieren müssen. 

Diese Schlechtwettervariante sieht dann so aus: Das Rennen um den Titel des schnellsten Läufers des Jahrgangs wird abgesagt, oder vielleicht auch auf nach den Sommerferien verschoben, das weiss man jetzt noch nicht so genau, wir werden dann sehen. Die vorbereiteten Spiele finden nicht statt, die Vorführungen, für welche die Schüler geübt haben, jedoch schon und zwar im Casinosaal, ääääh, nein, vielleicht ist das Kirchgemeindehaus doch besser geeignet, dann machen wir es doch dort. Die Verpflegung, die man für hunderte von Schülern eingekauft hat, wird im Klassenverband gestaffelt eingenommen, damit kein Gedränge entsteht. Die Kindergärtner versammeln sich um 11 Uhr bei der Kirche und werden dort um 11:45 wieder entlassen. Die Viertklässler treffen sich 45 Minuten später beim Schulhaus, die Sechstklässler um 12 Uhr beim Hauswirtschaftsschulhaus. Bei den Zweitklässlern steht dort, wo stehen sollten, wann sie wo ihr Essen bekommen sollen „Siehe 2. Brief!“ und im zweiten Brief erfährt man, dass die Kinder um 11 Uhr im Schulzimmer erwartet und irgendwann – die Zeit wird nicht angegeben – beim Hauswirtschaftsschulhaus wieder entlassen werden. Gott sei Dank habe ich erst vier schulpflichtige Kinder, sonst könnte die Sache ein wenig unüberschaubar werden.

Schülerdisco und Werkausstellung finden statt und die Zweitklässler sind gebeten, ihre ausgestellten Gegenstände am Sonntagnachmittag wieder abzuholen. Die Sechstklässler sollen dies bitte erst am Montagmorgen vor Unterrichtsbeginn tun, bei den Viertklässlern weiss keiner so recht, wann der richtige Zeitpunkt zum Abholen gekommen ist. Und wir bedauernswerten Eltern sind darum gebeten, gemeinsam mit den bedauernswerten Lehrern den Überblick nicht zu verlieren, damit die bedauernswerten Kinder doch noch so etwas wie ein Fest erleben dürfen. Glaubt mir, ich bin von Herzen froh, dass die Wetterfrösche das heutige Wetter richtig vorausgesagt haben. Man stelle sich das Chaos vor, das entstanden wäre, hätte man eine Programmänderung an der Programmänderung vornehmen müssen.

Wie, ihr glaubt, ich würde mal wieder übertreiben? Dann müsst ihr es eben mit euren eigenen Augen sehen:

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