Ich muss das nicht alleine schaffen

Plötzlich ist es wie im Märchen. Ich überlasse mit schlechtem Gewissen mein ganzes Familienchaos meiner Schwester, um „Meinen“ im Spital zu besuchen – und um endlich aus diesem Arzt herauszupressen, was eigentlich los ist – und bei meiner Heimkehr glaube ich, mich im Haus geirrt zu haben. Alles glänzt, Prinzchens Kleiderschrank ist aufgeräumt, die Abfalleimer sind geleert und statt einer Schwester stehen plötzlich zwei da, dazu auch noch meine Mutter, Karlsson und Luise, mit Putzlappen bewaffnet. Sie haben das nicht so geplant, sind einfach zufällig gerade zusammengekommen und anstatt gemütlich Kaffee zu trinken machen sie sich dran, meinen Dreck zu beseitigen. Und versprechen, wieder zu kommen.

Ich habe mich noch kaum von meinem freudigen Schrecken erholt, da klingelt das Telefon und Schwester Nummer drei bietet an, morgen die kleineren Kinder durch den Wald zu jagen, wenn die grösseren aus dem Haus sind. Etwas später gehe ich kurz ins Büro, um eine Kleinigkeit zu erledigen und als ich zurückkomme, ist der Einkauf, den ich diese Woche habe liefern lassen, fein säuberlich verstaut. Wieder Karlsson, Luise und meine Mutter. Eine WC-Pause später hat sich Karlsson bereits an den Herd gestellt, um das Abendessen vorzubereiten. Luise versucht derweilen, ihrem grossen Bruder beizubringen, dass er einen kleinen Mist gebaut hat: „Ich möchte jetzt wirklich nicht mit dir streiten, Karlsson, aber das war nicht besonders schlau von dir, was du vorhin gemacht hast…“ Ist dies das gleiche Mädchen, das ich jeweils wegen seiner verletzenden Worte zurechtweisen muss? Als ich glaube, dass es besser nicht kommen könnte, bekomme ich noch einen Anruf, mit dem mir eine weiterer gewaltiger Stein vom Herzen fällt.

Ich denke zurück an den vergangenen Samstag, als ich auf meiner einsamen, verregneten Heimfahrt aus dem Tessin nur noch lauter Berge vor mir sah und zwar nicht nur St. Gotthard & Co. „Warum immer wir?“, klagte ich. „Warum ausgerechnet jetzt, wo ich ohnehin am Ende meiner Kräfte bin?“ Als ich „Meinen“ am Montag zitternd und schwankend in die Ambulanz einsteigen sah, fühlte ich mich einsamer als je zuvor. Wie sollte ich das Ganze ohne ihn schaffen, wo wir doch zu zweit schon an unsere Grenzen stossen?

Heute habe ich erfahren, dass ich es nicht alleine schaffen muss. Ich bin umgeben von Menschen, die alle ihre eigenen Grenzerfahrungen gemacht haben und die darum um meine Überforderung wissen. Menschen, vor denen ich mich nicht zu schämen brauche, auch wenn ich beim Anblick unseres derzeitigem Durcheinanders vor lauter Scham im Boden versinken könnte. Ja, es war mir unendlich peinlich, dass sie mein Chaos in all seiner Pracht gesehen haben und doch habe ich heute seit einer gefühlten Ewigkeit wieder einmal richtig aufgeatmet.

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To Do

  • „Meinen“ anschnauzen,  weil er für einmal nicht den perfekten Hausmann,  sondern den „ist mir doch egal,  wenn alles im Chaos ersäuft“-Ehemann gespielt hat
  • Dafür sorgen,  dass die männlichen Familienmitglieder nicht ohne Zahnpaste und Zahnbürsten nach Italien fahren
  • Alle männlichen Familienmitglieder morgens um sieben zum Bahnhof fahren,  damit sie den Zug nach Milano rechtzeitig erwischen
  • 3 Badezimmer putzen
  • 2 Küchen saubermachen
  • 4 Ladungen Wäsche waschen und aufhängen
  • Zahlreiche Kontrollanrufe an „Meinen“,  damit ich mir auch ganz sicher keine Sorgen um meine lieben Knöpfe machen muss
  • Unzählige Rechnungen bezahlen – Habe ich wirklich keine übersehen?
  • Euro besorgen
  • GPS befragen
  • „Meinen“ befragen,  ob ich morgen wirklich mit dem Auto nach Italien fahren soll
  • Schwiegermamma ver(un)sichern,  dass das schon irgendwie klappen wird
  • Kolumne schreiben
  • 4 mal den Geschirrspüler ein- und wieder ausräumen
  • 2 Kühlschränke putzen – Nein,  glaubt mir,  ihr wollt nicht wissen,  weshalb ich das unbedingt noch vor der Abreise tun musste.
  • So tun als ob ich Zeit hätte für ein Kaffeekränzchen mit Luise und Gast
  • Luise beibringen, dass ich bei diesem Sauwetter wirklich keine Lust habe,  mit ihr aufs Riesenrad zu gehen. Ist mir vollkommen egal,  dass das Ding auch bei Regen in Betrieb ist
  • Gottesdienstmoderation vorbereiten
  • 3 Tassen zerschlagen,  für einmal ganz ohne böse Absichten
  • Scherben von drei Tassen entsorgen
  • Unzählige Versuche,  Luise „Gregs Tagebuch“ zu entwinden,  damit ich endlich weiss,  warum sie das Buch nicht mehr aus den Händen gibt
  • Nur noch ganz kurz ein paar Minuten ins Büro gehen,  weil ich vor meinen Ferien noch eine klitzekleine Sache erledigen muss
  • Vor dem Schrank stehen und darauf warten,  bis der Koffer von selber rausfällt,  damit ich keinen Stuhl holen muss
  • Luise den „Ententanz“ vorsingen und danach erfolglos versuchen,  die Melodie wieder aus dem Ohr zu kriegen
  • Wach bleiben,  damit ich meine To Do-Liste bis zum bitteren Ende abarbeiten kann

Und ich grenzenlos naiver Mensch hatte doch tatsächlich geglaubt,  ich könnte mir heute einen netten Frauensamstag mit Luise gönnen…

Die Freizeitlüge

Eigentlich müsste ich die Letzte sein, die auf den Irrglauben hereinfällt, arbeitsfreie Tage seinen freie Tage. Das mag vielleicht bei vereinzelten kinderlosen Menschen der Fall sein, wer aber Kinder hat, der sollte eigentlich wissen, dass Arbeitstage Freizeit sind und arbeitsfreie Tage Knochenarbeit.

Warum also konnte ich je auf diese vollkommen abwegige Idee kommen, ich könnte die Tage, an denen ich nicht ins Büro gehe, gemütlich mit Tee und Zeitung beginnen, um danach fröhlich einige Kleinigkeiten zu erledigen, bevor ich mich vollkommen entspannt und gut gelaunt an den Herd stellen würde, um ein vollwertiges Mittagessen zuzubereiten? Wie nur konnte ich mir einreden, nach dem Aufräumen der Küche würde genügend Zeit bleiben für eine Kaffeepause, Spiele mit den Kindern und ein wenig schreiben? Ich wusste doch, dass Familientage bei uns nie so aussehen. Warum also konnte ich mir je ausmalen, meine arbeitsfreien Tage würden so oder ähnlich ruhig ablaufen?

Ich habe doch oft genug erlebt, dass meine Tage zu Hause angefüllt sind mit aufwischen, telefonieren, aufräumen, Hausaufgabenhilfe, einkaufen, kochen, Streit schlichten, Geschirr spülen, Werbeanrufe abwimmeln, zuhören, Rechnungen bezahlen, Mails beantworten, Tiere füttern und zwei oder drei anderen Dingen. Darüber will ich mich auch gar nicht beklagen, denn auch wenn ich auf diverse Unannehmlichkeiten verzichten könnte, so sind solche Tage immerhin voller Abwechslung und Überraschungen.

Ärgerlich finde ich bloss, dass ich mir irgendwann im Laufe der Zeit angewöhnt habe, bei der Arbeit zu behaupten: „Morgen habe ich frei“, wenn ein arbeitsfreier Tag bevorsteht. Obschon ich weiss, dass das mit der Freizeit eine glatte Lüge ist, falle ich regelmässig auf meine eigene blöde Aussage herein und dann bin ich enttäuscht, wenn kaum einmal Zeit bleibt für eine ungestörte WC-Pause, geschweige denn für eine dampfende Tasse Tee und ein gutes Buch.

Das Problem ist also – wie so oft – nicht die Realität, sondern meine naive Vorstellung davon, wie die Realität sein sollte. Mir bleiben nur noch wenige Wochen, um diese Sicht der Dinge zu korrigieren, denn wenn ich bis zum – vorübergehenden – Ende meiner Berufstätigkeit meinen Irrglauben nicht abgelegt habe, erwartet mich zu Hause eine saftige Enttäuschung.

 

Garderobe

Für das Prinzchen bitte nur Kleidung, die wie angegossen passt, auf gar keinen Fall Pullis, die zu lang sind. Bitte auch nicht zu weich. Und schon gar nicht zu warm. Als Aufdruck kommen einzig Bob der Baumeister, Elefanten, Mickey Mouse und kleine Monster in Frage. Die Hose nur mit Knopf und Reissverschluss, Bändel sind streng verboten, zu lange Hosenbeine auch. Und um Gottes Willen keine Socken! Auch nicht in die Gummistiefel.

Der Zoowärter setzt auf cool, am besten Ton in Ton mit weissen Turnschuhen dazu. Wenn ein anderer im Kindergarten das Gleiche hat, ist das eine Auszeichnung, kein Grund, den Pullover im hintersten Winkel des Kleiderschranks zu verstecken. Neu ist immer gut, am liebsten jeden Tag, vom grossen Bruder nachtragen lieber nicht. Dann schon eher die vom kleinen Bruder verschmähten Stücke. Vor allem die gestreifte Kapuzenjacke, die Komplimente anzieht wie ein Magnet.

Rot, neu und einzigartig muss es für den FeuerwehrRitterRömerPiraten sein. Wenn das nicht zu haben ist, dann eben das Gegenteil: abgetragen, ausgefranst und zahnpastabefleckt. Dazu ein trauriges Gesicht, denn der ungepflegte Aufzug ist ein Statement. „Nie bekomme ich etwas Neues. Den anderen bringst du immer schöne Sachen nach Hause, nur mir nicht.“ Das Statement lässt sich mit einem kurzen Wühlen im Wäscheberg leicht widerlegen. Sind die zu Tage beförderten Kleidungsstücke sauber, strahlt einen bald schon ein wie aus dem Ei gepellter Zweitklässler an. Müssen die schönen Sachen zuerst in die Waschmaschine, bleibt das traurige Gesicht. Und wer ist Schuld daran, dass der Wäscheberg den Weg in die Waschmaschine nicht von selbst gefunden hat?

Luises Schrank ist vollgestopft mit Geblümtem, Gerüschtem und Romantischem. Wunderschöne Sachen, die sie unbedingt haben wollte. Sachen, die nicht für den Alltag gedacht sind, auch wenn Luise beim Kauf hoch und heilig versprochen hat, sie zu tragen. Dafür alle drei Tage das gleiche Drama, weil die einzige für den Schulgebrauch zugelassene Kluft in der Wäsche ist. Das Gremium, welches über die Schultauglichkeit der Kleidung befindet, nennt sich „die anderen“ und ist äusserst gnadenlos. Die Höchststrafe nennt sich „Auslachen“ und wird offenbar immer dann angewendet, wenn Luise – oder ein anderes Mädchen – das trägt, was ihr wirklich gefällt.

Für Karlsson ist alles ganz einfach: Bei Temperaturen unter dreissig Grad trägt man Hemd, Krawatte und Jackett, bei Temperaturen über dreissig Grad knielange Hose – vorzugsweise kariert – und unifarbenes T-Shirt. Daran wird nicht gerüttelt. Versucht man es trotzdem, stösst man im besten Fall auf wenig Verständnis, im schlimmsten Fall fliegt die Zimmertür ins Schloss. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen, ausser vielleicht dies, dass Karlsson auf unerklärliche Weise immer mal wieder die sauberen Kleider ausgehen. Oft tauchen sie erst wieder auf, nachdem sich „Meiner“ Zugang zu Karlssons Zimmer verschafft hat, um den Wäscheberg aus der Gewalt unseres Ältesten zu befreien.

Sämtliche dieser Kleidervorschriften sind von der Mutter unbedingt zu berücksichtigen und zwar innerhalb der ersten dreissig Minuten des Tages. Wie, hat da jemand gefragt, warum ich selber jeweils kurz vor Mittag noch immer im Pyjama anzutreffen bin?

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Zeitungslektüre

Es war ein ziemlich langer Arbeitstag. Bevor wir die Kinder ins Bett bringen, gönne ich mir deshalb fünfzehn Minuten Zeitungslektüre:

„Dr. Blocher und die…“
„Mama, ich will ein Skateboard!“ „Ja, FeuerwehrRitterRömerPitat, coole Idee.“
„Dr. Blocher und die Gips…“
„Mama, erzählst du mir mein Bibliotheksbuch?“ „Gleich, Zoowärter, gleich. Lass mich kurz die Zeitung fertig lesen.“
„Dr. Blocher und die Gipser – So redet Dr. Christoph Blo…“
„Mama, sag Karlsson, er soll meine Schablonen wieder hergeben!“ „Karlsson, gib Luises Schablonen zurück. Jetzt sofort!“
„Dr. Blocher und die Gipser – So redet Dr. Christoph Blocher auf seinem Teleblocher: ‚Ich…“
„Ich habe eine Zehnernote, zwei Zweifränkler, einen Fünfliber und heute habe ich noch fünfzig Rappen gefunden. Wie viel habe ich dann, Mama? Reicht das für ein Skateboard?“ „Moment, FeuerwehrRitterRömerPirat, ich möchte nur schnell diese Kolumne fertig lesen, dann helfe ich dir beim Ausrechnen.“
„Dr. Blocher und die Gipser – So redet Dr. Christoph Blocher auf seinem Teleblocher: ‚Ich mache die NZZ auf und sehe ein wunderschönes Bild…“
„Das sind dann siebzehn Franken fünfzig, stimmt’s, Mama?“ „Kann sein, Karlsson. Ich hab‘ dem FeuerwehrRitterRömerPiraten ja gesagt, dass ich es nachher ausrechne…“
„und sehe ein wunderschönes Bild von Philipp Müller, dem Präsidenten der FDP, das eigentlich…“
„Mama!“
„…das eigentlich…“
„Mama!!!!!“
„… das eigentlich gar nicht zu ihm…“
„Mama, ich will einen Kakao!“ „Ja, Prinzchen, lass mich doch bitte noch schnell den Satz zu Ende lesen, dann komme ich.“
„… gar nicht zu ihm passt: Er ist sehr geschmackvoll angez…“
„Mama, Karlsson hat mir die Schablonen noch immer nicht zurückgegeben! Sag‘ ihm, dass er sie zurückgeben soll, sonst macht er sie noch kaputt, dieser…“ „Luise! So redet man nicht! Karlsson, gib endlich diese Schablonen zurück!“
„…ogen – hellbraunes Jackett, dunkelbraune Krawatte und ein Hemd. Geschniegelt wie aus einem…“
„Ich will jetzt einen Kakao haben!“ „Ja, Prinzchen, nur noch dieser eine Satz…“
„…Geschniegelt wie aus einem Werbeprospekt – dieser Präsident der Freis…“
„Mama, könnten wir vielleicht heute noch das Skateboard kaufen gehen?“ „Nein, Mama, zuerst musst du mir die Geschichte erzählen!“ „Zuerst mein Kakao!“ „Nein, meine Schablonen!“ „Die gebe ich aber erst her, wenn du anständig fragst…“

Tut mir Leid, die Herren Blocher und Müller. Sie müssen warten, bis es ruhiger wird. Hier tobt gerade das reale Leben.

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Katzenwünsche

„Zum Geburtstag wünsche ich mir ein Kätzchen“, verkündete Karlsson gestern, nachdem wir einen Nachmittag mit lieben Menschen und herzigen Kätzchen verbracht hatten. “ Aber wir haben doch Henrietta und Leone“, wandte ich ein. „Ich will aber ein eigenes Büsi, ein Weibchen, damit sie Junge bekommen kann“, beharrte Karlsson. „Ich will auch eine eigene Katze zum Geburtstag, auch ein Weibchen“, meldete sich Luise zu Wort. „Ich auch. Eine, die mir ganz alleine gehört“, erklärte der Zoowärter. „Ich werde jeden Samstag das Kistchen leeren“, versprach Karlsson.

Ich seufzte tief und erinnerte mich an die seligen Zeiten, als ich solch irrwitzige Geburtstagswünsche mit einem müden Lächeln und einem „Wir werden dann sehen“, abtun konnte. Heute, wo die Kinder den Wert ihres Geburtstagsgeldes, das ihnen die Grossmütter jeweils zustecken, erkannt haben, dürfte es schwierig werden, sie davon abzuhalten, sich ihre Wünsche einfach selber zu erfüllen. Ich war es ja, die ihnen vollmundig versprochen hatte, über ihr eigenes Geld dürften sie frei verfügen, solange sie es nicht für Dummheiten ausgeben. Und da ich es nie wagen würde, eine Katze als Dummheit zu bezeichnen, werde ich wohl oder übel davon ausgehen müssen, dass es nicht bei zwei Katzen bleibt.

Nun ja, wer nach dem zweiten Kind nicht aufhört, kann wohl auch nicht davon ausgehen, dass nach Haustier Nummer zwei schon Schluss ist.

 

Kindergarten-Elternabend Nr. 8

Die Eltern, die mit mir angefangen hatten, sind schon längst nicht mehr dabei. Ihre Kinder sind inzwischen alle in der Schule, währenddem ich noch immer auf den winzigen Stühlchen sitze und mich darüber informieren lasse, dass die Kinder ein gesundes Znüni mitnehmen müssen, dass es vollkommen normal ist, wenn ein Kind in den ersten Wochen Mühe mit dem Loslassen hat, dass die Bibliotheksbücher bitte nach einer Woche wieder zurückgebracht werden sollen. Noch immer setze ich mich nach dem Informationsteil an eines der winzigen Tischchen, um eine Überraschung für mein derzeitiges Kindergartenkind zu basteln, noch immer bemühe ich mich darum, die Fragen der Neulinge ernst zu nehmen, auch wenn es mir nicht immer leicht fällt.

Natürlich, die Elternabende könnte ich mir schenken. Viel Neues erfahre ich nicht mehr, den Anschluss zu den meisten neuen Kindergarteneltern finde ich nicht mehr so einfach, weil meine Themen oft noch nicht die ihren sind, die Kindergärtnerin und ich müssen uns nicht mehr kennen lernen. Dennoch käme es mir nicht in den Sinn, den Anlass zu schwänzen. Weil es meinem Kindergartenkind wichtig ist, dass ich sehe, was es im Kindergarten macht. Weil es sich unendlich grosse Mühe gegeben hat, etwas Gutes zum Knabbern vorzubereiten und beinahe platzt vor lauter Stolz. Weil ich die Eltern der Kinder, mit denen mein Kind den halben Tag verbringt, treffen möchte. Und weil ich hin und wieder dem irrsinnigen Glauben verfalle, ich müsse beweisen, dass ich mir auch für das vierte und das fünfte Kind noch Zeit nehme.

 

Möbelhaus

Es gab eine Zeit, da liebte ich es, mit „Meinem“ durch die Möbelhäuser zu ziehen, mir alles ganz genau anzuschauen, Preise zu vergleichen und vor allem natürlich einzukaufen. Schwierig war bloss, dass die Kinder nicht mitspielten. Mal waren sie noch zu klein für das Kinderparadies, mal wollten sie sich nicht abgeben lassen, mal wollten sie, aber durften nicht mehr, weil sie schon zu gross waren, mal mussten sie mit in die Möbelausstellung, weil sie mitbestimmen wollten, in welchem Bett sie in Zukunft schlafen würden. Als dann eines Tages der Zoowärter vor lauter Anstrengung mitten im Möbelgeschäft einen Fieberkrampf bekam und mit der Ambulanz ins Spital gefahren werden musste, dämmerte uns endlich, dass unsere Kinder nicht möbelhaustauglich sind. Von daher ging nur noch entweder „Meiner“ oder ich, wenn wir überhaupt Kinder mitnahmen, dann jene, die entweder schon gross genug zum Mithelfen oder noch klein genug, um den Einkauf zu verschlafen waren.

Diese Zeiten sind nun vorbei. Inzwischen können wir problemlos am Samstag ins Möbelhaus fahren. Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat sind in der Jungschar, der Zoowärter und das Prinzchen gehen liebend gerne ins Kinderparadies, weil sie dort noch kaum je waren. Und so können „Meiner“ und ich vollkommen unbeschwert durch die Ausstellung gehen.

Zu dumm, dass wir inzwischen gar keine Lust mehr auf Möbelkauf haben. Zu viele Leute, die nur zum Spass einkaufen gehen und nicht, weil sie ganz dringend einen Tisch brauchen, an dem fünf immer grösser werdende Kinder Platz finden. Zu viel Lärm, zu viele schreiende Kinder, die keine Lust darauf haben, von ihren Eltern durch den Laden geschleppt zu werden. Zu viel Billigware, bei der man nicht dran denken darf, unter welchen Bedingungen sie wohl entstanden ist. Zu genervt, dass schon wieder etwas Neues her muss, weil man einfach keine Qualität mehr geliefert bekommt und zwar unabhängig davon, ob etwas billig oder teuer ist. Zu angewidert von der ewig gleichen Massenware.

Der Möbelkauf hat für uns seinen Reiz verloren. Ausgerechnet jetzt, wo unsere Kinder allmählich auf den Geschmack kommen. Luise zumindest war ziemlich enttäuscht, als sie erfuhr, dass sie nicht mitkommen kann.

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Endlich redet mal einer

Vor acht Jahren:
Mama: „Karlsson, wie war es denn in der Spielgruppe?“
Karlsson: „Weiss nicht.“
Mama: „War es schön?“
Karlsson: „Weiss nicht.“
Mama: „Was habt ihr denn gemacht?“
Karlsson: „Alles.“
Mama: „Was denn alles?“
Karlsson: „Weiss nicht.“

Vor vier Jahren:
Mama: „FeuerwehrRitterRömerPirat, wie war es denn in der Spielgruppe?“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Schön.“
Mama: „Was habt ihr denn gemacht?“
FRRP: „Weiss nicht.“
Mama: „Habt ihr eine Geschichte gehört?“
FRRP: „Ja“
Mama: „Welche denn?“
FRRP: „Weiss nicht.“
Mama: „Was habt ihr sonst noch gemacht?“
FRRP: „Weiss nicht.“

Vor zwei Jahren:
Mama: „Zoowärter, wie war es denn in der Spielgruppe?
Zoowärter: „Weiss nicht.“
Mama: „Hat es dir gefallen?“
Zoowärter: „Ja.“
Mama: „Was habt ihr denn gemacht?“
Zoowärter: „Alles.“
Mama: „Was hat dir denn am besten gefallen.“
Zoowärter: „Weiss nicht. Alles.“

Heute:
Mama: „Prinzchen, wie war es denn in der Spielgruppe.“
Prinzchen: „Toll. Wir haben gesungen, eine Geschichte gehört, Znüni gegessen, Wasser getrunken und gespielt.“
Mama: „Hat es dir gefallen?“
Prinzchen: „Ja, aber wir haben kein Feuer gemacht. Machen wir nächstes Mal ein Feuer?“
Mama: „Ich weiss es nicht.“

Okay, ich weiss, ein Kind fehlt. Aber ihr glaubt doch nicht etwa, ich könnte mich nach all den Jahren noch an die vielen Details aus Luises Spielgruppenberichten erinnern?

Wer braucht denn schon Hitzeferien?

Wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat abends um halb acht fragt, ob er ins Bett gehen dürfe, das Prinzchen den lieben langen Tag in Gummistiefeln und Velohelm herumrennt, der Zoowärter nicht heult, wenn es keinen Blumenkohl mehr hat, Luise ein ganzes Kapitel der „Unendlichen Geschichte“ hört, ohne ein einziges Mal aufzuspringen, „Meiner“ auf dem Sofa einschläft, bevor die Wohnung blitzblank ist, Karlsson ohne Hausaufgaben von der Schule nach Hause kommt und ich dreimal am Herd stehe und darauf warte, bis das Wasser siedet, ohne zu bemerken, dass die Herdplatte ausgeschaltet ist, dann sind dies untrügliche Anzeichen, dass Hitzeferien angesagt wären. Nur macht man sowas heutzutage natürlich nicht mehr. Wo kämen wir denn hin, wenn wir uns von der Natur vorschreiben liessen, wann wir den Fuss vom Gaspedal nehmen sollen?