Kalter Entzug

Rechtzeitig zum dritten Geburtstag des Prinzchens sind Nuggi und Nuschi – oder Schnuller und Schmusetuch, wie meine Deutschen Leser wohl sagen würden – spurlos verschwunden. Einfach weg und ich schwöre, dass weder „Meiner“ noch ich etwas damit zu tun haben. Im Gegenteil, „Meiner“ hat sich gestern gar von unserem Jüngsten noch einmal weichklopfen lassen und ihm einen neuen Nuggi gekauft. Und jetzt sind sie plötzlich weg, all die Nuggis und Nuschis, inklusive des neuesten Modells. Auf einen Schlag muss der arme Kleine ganz ohne seine Tröster zurechtkommen. Kalter Entzug, einfach so, als Geschenk zum dritten Geburtstag. Schrecklich.

Ja, ich weiss, wir hätten ihm das schon längst abgewöhnen sollen. Mit drei ist Schluss mit solchem Babykram, haben wir bis anhin jeweils gesagt. Und wir zogen das auch steinhart durch, jedes Mal. Und jetzt beim Prinzchen fehlt uns plötzlich die nötige Härte, ihm die heiss geliebten Accessoires zu verbieten. Okay, das Nuschi hätte er natürlich behalten dürfen, aber Nuschi ohne Nuggi macht nur halb soviel Spass. Und jetzt sind beide weg, einfach so, wie vom Erdboden verschluckt. Als hätte eine höhere Macht entschieden, dass sie für Ordnung sorgen muss, wo doch diese Eltern beim fünften Kind auf einmal schlapp machen mit konsequent sein.

Vielleicht aber war es keine höhere Macht, sondern die grossen Geschwister, die nicht mitansehen konnten, wie man ihren kleinen Bruder gewähren lässt, nachdem man mit ihnen so streng gewesen war. Indizien, dass sie dahinter stecken, gibt es nicht, aber ganz abwegig scheint mir mein Verdacht dennoch nicht. Ich war ja auch einmal jüngstes Kind…

Absturz

Und wieder einmal endet ein an sich ganz netter Samstag in einem epochalen Familienkrach. Türenknallen, Tränen, böse Worte,  ausgelöst – wie fast immer – durch eine Kleinigkeit. Genau so, wie wir uns das nie vorgestellt hatten. Genau so, wie wir es nicht möchten. Und doch gehört es wohl einfach zum Familienleben, zumindest bei solchen Hitzköpfen, wie wir sie sind. Was soll man da bloss tun? Es gibt  nur eins: Dazu stehen, dass das mal wieder ein absoluter Taucher war, einander um Verzeihung bitten und wieder vorwärts schauen. Wir sind nicht perfekt, also müssen wir auch nicht so tun als ob. 

Kein Tannenbaum für das Prinzchen

Hör mal, mein Prinzchen. dein Geburtstag, den wir übermorgen feiern, bedeutet uns allen wirklich viel. Seit Wochen schon zerbrechen wir uns den Kopf darüber, womit wir dir wohl am meisten Freude bereiten können, im Schrank ist so einiges versteckt, was dir das Herz höher schlagen lassen wird und wir alle können es kaum erwarten, dir dabei zuzusehen, wie du die Kerzen ausbläst. In einer Sache jedoch muss ich dich leider enttäuschen. An deinem Geburtstag gibt’s zwar Geschenke, Kerzen und gutes Essen, aber das mit dem Tannenbaum kommt erst später und hat nichts mit deinem Geburtstag zu tun. Ja, ich weiß, in deinem Kopf Sind Tannenbaum und Geburtstag fest miteinander verknüpft, aber leider wirst du dich damit abfinden müssen, dass übermorgen keiner in der Wohnung stehen wird. Ja, an dem Tag mit dem Tannenbaum wird auch ein Geburtstag gefeiert, aber nicht deiner. Und natürlich bist auch sehr wichtig, aber ich bezweifle, dass du je einen gleich grossen Einfluss auf die Weltgeschichte haben wirst wie jener, dessen Geburtstag aus ziemlich obskuren Gründen mit einem Tannenbaum gefeiert wird.

War das wirklich so?

Das Leben in der Grossfamilie bringt ans Licht, wer du wirklich bist. Bei mir zum Beispiel stellte sich heraus, dass das mit dem Perfektionismus wohl reines Wunschdenken war. Damals, als mein Leben noch überschaubar war – Mann, ein Kind, vier Zimmer und ein Halbtagsjob – war es ja noch einfach, so zu tun als ob. Die Küchenkombination stets perfekt poliert, so dass sogar meine Mutter neidisch wurde, die  ganze Putzerei an einem halben Tag pro Woche erledigt, der Schreibtisch im Büro perfekt aufgeräumt, die Stifte in Reih und Glied schön rechtwinklig zum Notizblock. Natürlich auch immer sauber angezogen, das Kind nie mit voller Windel unterwegs, der Wocheneinkauf wurde en famille erledigt. „Was meinst du, wollen wir diese Woche mal wieder Kürbis essen, oder hast du eher Lust auf Blaukraut?“ Perfekter habe ich meinen Alltag nie hingekriegt als damals.

Heute, wo alles so anders ist als damals, kommt mir das alles nicht vor, wie ein längst vergangener Abschnitt meines Lebens, sondern wie eine Szene aus einem Film, den ich mal gesehen habe und dessen Titel mir entfallen ist. Hatten wir tatsächlich mal ein Zimmer, das nur zum Teetrinken und Gäste bewirten gebraucht wurde? Ist es wahr, dass wir die Teedosen damals einfach so herumstehen lassen konnten, weil keiner den gesamten Inhalt auf den Teppich verteilte? Gab es wirklich mal eine Zeit in unserem Familienleben, als ich zu jeder Zeit unangemeldeten Besuch empfangen konnte, ohne verschämt darauf hinzuweisen, dass ich zwar eben erst aufgeräumt hätte, dass man davon aber bereits nichts mehr sehe? Und habe ich damals allen Ernstes geglaubt, ich sei eine Perfektionistin?

Nein, eine Perfektionistin bin ich nicht, soviel ist inzwischen klar geworden. Gut, solange keiner da ist, der mir ständig alles durcheinander bringt, gelingt es mir ganz gut, dafür zu sorgen, dass jedes Ding seinen Platz hat und ich bringe es gar fertig, meine Zeit sinnvoll einzuteilen. Ziehen aber die anderen nicht mit, oder schlimmer noch, zerstören die anderen laufend das, was ich verzweifelt aufzubauen versuche, dann kommt ans Licht, was ich wirklich bin: Ein Grossfamilienkind, das nie gelernt hat, Ordnung zu halten und das deshalb umso verzweifelter einen Halt in einem aufgesetzten Perfektionismus sucht, der aber nicht tief genug verankert ist, um auch die heftigsten Alltagsstürme zu überstehen. Was nun? Das Ganze mit einem „ich brauche eben mein kreatives Chaos, um glücklich zu sein“ abtun, oder weiterhin versuchen, wenigstens einen Ansatz von dem, was einmal war, in unseren Alltag hinüberzuretten? Der Entscheid ist noch offen und vielleicht fällt er auch erst dann, wenn bei uns zu Hause das Chromstahl wieder poliert ist, die Stifte wieder in Reih und Glied auf dem Schreibtisch liegen und die Teedosen wieder herumstehen dürfen, wo sie wollen, weil keiner mehr etwas auskippt. Obschon ich mir nicht so sicher bin, ob ich mir diesen Zustand zurückwünschen soll.

 

Elternvorsätze

Vor zehn Jahren:
„Findest du es nicht auch schrecklich, wie all diese Eltern von grösseren Kindern von einem Anlass zum anderen hetzen? Fussballtraining, Blockflötenstunde, Maltherapie und danach noch kurz zu einer Geburtstagsparty. Also wenn unsere Kinder mal gross sind – zuerst müssen wir natürlich noch ein paar Kinder mehr haben als diesen einen süssen Karlsson – dann kommt so etwas nicht in Frage. Wir lassen uns doch nicht zum Chauffeur unserer Kinder degradieren. Klar, die eine oder andere Freizeitaktivität werden wir wohl erlauben müssen, aber erst, wenn sie alt genug sind, selber zu gehen. Und zeitintensive Dinge wie Fussball sind verboten. Wir wollen doch nicht jeden Sonntag auf dem Fussballplatz herumstehen und uns langweilen.“

Vor fünf Jahren:
„Okay, ganz so einfach wird es wohl nicht, hart zu bleiben. Der FeuerwehrRitterRömerPirat rennt jetzt schon wie ein Verrückter den Fussbällen hinterher und Luise wird wohl eines Tages reiten wollen. Aber wir haben ja noch viel Zeit, darüber nachzudenken. Wenn sie dann zehn oder elf sind, können wir dann ja sehen.“

Vor drei Jahren:
„Einfach toll, dass Karlsson jetzt Geige spielen will. Und er kann sogar selber hingehen, weil es so nahe ist. Was meinst du, sollen wir unsere Grenzen ein wenig ausweiten? Zwei Freizeitaktivitäten pro Kind, das müsste drinliegen.“

Vor zwei Jahren:
„Also gut, zwei Freizeitaktivitäten pro Kind und dann noch die Jungschar dazu. Aber das muss reichen. Und sobald sie können, sollen sie mit dem Bus in die Jungschar fahren.“

Vor einem Jahr:
„Dann lass uns mal sehen: Karlsson spielt Geige, geht in die Jungschar und möchte jetzt noch ins Orchester gehen. Luise hat mit Querflöte angefangen, will weiterhin ins Ballett gehen und natürlich auch in die Jungschar. Tja, und dann ist da noch die Therapie, aber die muss wohl sein. Der FeuerwehrRitterRömerPirat muss noch ein Jahr warten mit Jungschar und Musikinstrument, aber Fussball sollte jetzt eigentlich drin liegen. Nun ja, komm, wir versuchen, ihn davon abzubringen. Landhockey wäre doch auch ganz toll und wir haben doch gesagt, Fussball kommt nicht in Frage.“

Vor einem halben Jahr:
„Jetzt, wo Luises Ballettstunde über längere Zeit ausfällt, braucht sie wohl einen Ersatz. Sie liegt mir schon die ganze Zeit in den Ohren damit. Und wann rufst du jetzt endlich den Fussballtrainer an? Der FeuerwehrRitterRömerPirat mag nicht mehr länger warten. Nein, Karlsson soll nicht mit einem zweiten Musikinstrument anfangen, er kommt ja bald in die Fünfte, da hat er keine Zeit für noch mehr. Ja, ich weiss, er will, aber es geht nun mal nicht.“

Heute:
„Hmm, wie schaffen wir das bloss? Also am Montag, da musst du unbedingt pünktlich von der Arbeit zurückkommen, denn da muss ich um Viertel nach vier mit dem Zoowärter in den Schwimmkurs. Und dann müssen wir noch die Nachbarn fragen, ob sie Karlsson zur Orchesterprobe mitnehmen. Ach ja, hast du den Leichtathletik-Trainer angerufen? Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat sich jetzt endlich entschieden, er will nicht mehr Fussball spielen. Ach so, du hast bereits alles organisiert? Toll. Wann soll es denn losgehen? Am Freitagabend? Ja, dann müssen wir schauen, wer ihn bringt und wer ihn abholt. Du, der Mittwoch wird auch etwas streng. Luise muss gleich nach dem Mittagessen in die Querflötenstunde, dann fahre ich sie zur Therapie und du bringst die beiden Jungs zum Kürbisschnitzen. Dann holst du Luise von der Therapie ab und ich bringe sie  zur Theaterprobe. Ja, ich weiss, am Mittwoch hat sie etwas zu viel los, aber das Theaterprojekt dauert ja nur bis Februar, danach wird es wieder ruhiger. Wie? Dann will sie ins Volleyball? Mal sehen, ob das auch noch drin liegt. Nein, am Samstag ist keine Jungschar, aber nächste Woche müssen wir dann gut planen. Ach, heute sass ich neben dieser schrecklichen Mutter im Bus. Den ganzen Weg über hat sie mit ihrer Tochter geklönt, weil sie nicht alle Freizeitaktivitäten unter einen Hut bringt. Reiten, Pfadfinder, Fussballtraining und Gesangsunterricht. Und dann hat sie sich auch noch beklagt dass keine Zeit für den Kinderchor bleibt. Völlig übertrieben, wenn du mich fragst…“

 

 

Wir sind doch keine Teenager!

In letzter Zeit fühle ich mich immer mal wieder wie ein Teenager und dies nicht nur, weil meine Haut sich seit einigen Monaten gebärdet, als wäre ich eben erst vierzehn geworden. Die Kinder sind mitschuldig an der Sache, denn die schnüffeln uns hinterher, als fürchteten sie, wir würden heimlich die schlimmsten Dinge treiben. Und natürlich werden sie fündig. „Ich habe da ein Schokopapier im Abfall gefunden“, sagt Karlsson mit hochgezogenen Augenbrauen. „Wann habt ihr Schokolade gegessen?“ „Ihr habt also gestern Abend Lachs gegessen, als wir bereits im Bett waren“, rüffelt uns Luise. „“Wie? Ihr wollt schon wieder einen Film schauen? Das habt ihr doch schon vorgestern. Ich finde, ihr schaut etwas zu viele Filme“, tadelt der FeuerwehrRitterRömerPirat. Wir stehen unter ständiger Beobachtung und was immer wir tun, es löst Diskussionen aus. Was dazu führt, dass wir ganz dringend rebellieren wollen, „Meiner“ und ich. Wir Teenager sind eben einfach so.

Und so haben wir vor einigen Monaten damit angefangen, uns Dienstagmittag, wenn die vier grossen Kinder am Mittagstisch essen, heimlich zu einem Rendez-vous im Restaurant zu treffen. Nun, ganz kinderfrei läuft dieses Rendez-vous noch nicht ab, aber das Prinzchen, der noch nicht versteht, dass wir etwas Verbotenes tun, hat uns bis jetzt noch nie verpetzt. Unsere grösseren Kinder sind uns dennoch schnell auf die Schliche gekommen. Beim ersten Mal ging noch alles gut, aber beim zweiten Mal kam Karlsson über Mittag kurz nach Hause, um etwas zu holen und als er sah, dass niemand da war, kam abends das Verhör. „Wo wart ihr? Warum habt ihr mir nichts davon gesagt? Was, wenn etwas passiert wäre?“ Fragen eben, die man Teenagern stellt, wenn sie einen Mist angestellt haben. Nun schrecken „Meiner“ und ich zwar nicht davor zurück, heimlich essen zu gehen, aber anlügen wollen wir unsere Kinder nicht und so gestanden wir zerknirscht, dass wir uns ein Mittagessen im Café gegönnt hatten. „Aber das war nur ein Ausrutscher und kommt bestimmt nicht so bald wieder vor“, beteuerten wir und auch das war keine Lüge, denn „Meiner“ musste danach zweimal dienstags über Mittag arbeiten und einmal kochte ich am Mittagstisch. Also dauerte es wirklich eine ganze Weile, bis wir uns dienstags wieder davonschleichen konnten. Die Kinder merkten wieder nichts davon.

Heute aber wurden wir wieder erwischt, denn Karlsson wollte partout nicht am Mittagstisch essen und kam um zwölf nach Hause gestürmt. „Ich gehe nicht zum Mittagstisch“, zeterte er. „Was gibt es zu Hause zu Essen?“ „Ähhm, nichts“, antwortete ich und sah „Meinen“ hilfesuchend an. „Ja, wir haben wirklich nichts gekocht. Du musst also am Mittagstisch essen“, sagte „Meiner“, aber Karlsson liess sich nicht abwimmeln. Auf gar keinen Fall wollte er heute ohne uns zu Mittag essen, ausgerechnet er, der mich vor einigen Monaten noch bekniet hatte, ihn doch bitte öfters zum Mittagstisch anzumelden. „Aber Karlsson, du bist doch angemeldet. Die haben eigens für dich gekocht und warten bestimmt schon auf dich. Nun geh schon; du willst doch nicht, dass die anderen hungern müssen wegen dir“, versuchte ich an sein Pflichtbewusstsein zu appellieren. Aber Karlsson blieb stur und erinnerte mich dabei immer mehr an meine Mutter, wenn sie mir jeweils verbieten wollte, auf eine Party zu gehen. Egal, wie ich argumentierte, sie blieb bei ihrem Nein. Da half jeweils nur noch Dramatik: „Wenn du so gemein bist, dann wandere ich aus!“ Und zu genau diesem Mittel griff auch „Meiner“: „Karlsson, du willst doch nicht etwa, dass Mama und ich uns eines Tages scheiden lassen. Aber genau das könnte passieren, wenn wir nie Zeit zu zweit haben.“ Das wirkte. Karlsson ging zum Mittagstisch und wer jetzt denkt, wir seien nicht nur schreckliche Pädagogen, sondern obendrein noch ganz miese Rabeneltern, die ihr armes Kind einfach vor die Türe stellten, dem sei gesagt, dass unser Ältester wenige Stunden später äusserst zufrieden nach Hause kam und von dem grossartigen Mittagessen am Mittagstisch schwärmte. Vielleicht lässt er uns beim nächsten Mal ohne Widerstand ziehen.

 

Ferien? Welche Ferien denn?

Die Herbstferien sind vorbei und an jeder Ecke trifft man auf Leute, die wissen wollen, wie denn die Ferien gewesen seien. Ferien? Welche Ferien denn? Ach so, die Woche im Piemont! Aber das ist doch schon eine Ewigkeit her. Mindestens…lass mich mal nachdenken…drei Monate? Vier? Oder war das letztes Jahr? Wie? Das war vor zehn Tagen? Kann gar nicht sein, in zehn Tagen schafft man es nie und nimmer, das ganze Gefühl von Erholung schon wieder verpuffen zu lassen. Wir waren doch so unglaublich entspannt, das kriegt man nicht so schnell wieder weg. Und über die guten Vorsätze, die „Meiner“ und ich uns auf dem Liegestuhl an der Sonne gefasst haben, ist auch bereits Gras gewaschen. Ein solcher Rasen wächst nie und nimmer in zehn Tagen heran. Man wird doch wohl nicht behaupten wollen, wir würden uns vom Alltag einfach wieder mitreissen lassen, als hätten wir uns keiner Zeit dazu genommen, darüber nachzudenken, wie sich unser Leben entschleunigen lässt. Nein, es ist absolut unmöglich, dass wir eben erst aus Italien zurückgekehrt sind. Schau dir doch bloss mein Schlafmanko an, das ich mir schon wieder angehäuft habe. Ich glaube, ich schaue mich mal nach einem günstigen Ferienangebot um. Wir waren schon so lange nicht mehr weg und ich fühle mich reif für Wellness.

Neulich am Esstisch

Mama: „Prinzchen, nimm sofort deine Füsse vom Tisch!“

Prinzchen: „Nei, dörf Füess uf de Tisch.“

Mama: „Nein, Prinzchen. Du darfst deine Füsse nicht auf den Tisch legen. Nimm sie sofort runter, wir sind am Essen.“

Prinzchen: „Nei, dörf Füess uf de Tisch.“

Mama: „Aber wir anderen legen unsere Füsse auch nicht auf den Tisch.“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Aber der Papa und du, ihr macht das manchmal auch!“

Mama: „Aber ganz bestimmt nicht auf den Esstisch. Auf den Salontisch ja, aber dort dürft ihr auch. Also, Prinzchen, jetzt nimmst du sofort deine Füsse vom Tisch.“

Prinzchen: „Nei, dörf Füess uf de Tisch.“

Zoowärter: „Aber Prinzchen, ein Dinosaurier legt doch seine Füsse nicht auf den Tisch!“

Prinzchen, leicht verwirrt: „Hät gar kei Tisch gää bi Dinosaurier.“ (Frei übersetzt: Die Dinos hatten noch gar keine Tische, du Blödmann!)

Zoowärter: „Ja, aber wenn sie Tische gehabt hätten, dann hätten sie ihre Füsse nicht draufgelegt, weil das ganz gruuusig ist.“

Das Prinzchen denkt nach, nimmt seine Füsse vom Tisch und murmelt vor sich hin: „Hät gar kei Tisch gää bi Dinosaurier…“

Ach, lass sie doch…

Jeder in der Schweiz weiss, dass die Italiener Kinder über alles lieben und deshalb gibt es immer wieder Eltern, die ganz enttäuscht vom Italien-Urlaub zurückkehren. Die sind ja gar nicht kinderlieb, wird gejammert. Keine speziellen Kindermenüs im Restaurant, keine Farbstifte und Ausmalbilder, kaum Wickelstationen und wenn, dann total verdreckt, die Spielplätze oft vor Jahren liebevoll eingerichtet und danach dem langsamen Verfall überlassen. Auf die öffentlichen Toiletten wollen wir gar nicht näher eingehen, bloss diese eine Bemerkung sei erlaubt: Nachdem ich habe erkennen müssen, dass sich in diesem Bereich leider noch immer nichts gebessert hat, verstehe ich, weshalb es in jedem Supermarkt diese bunten Desinfektionssets für Kinder zu kaufen gibt. Würde ich in Italien leben, ich würde meine Kinder wohl auch nicht ohne aus dem Haus lassen.

Nein, wenn man Kinderfreundlichkeit an den speziell auf die Bedürfnisse kleiner Menschen zugeschnittene Einrichtungen misst, dann schneidet Italien wirklich schlecht ab. Und wenn man sich eine Stunde lang mit zwei Vorschulkindern durch einen italienischen Supermarkt gekämpft hat und tausendmal hat sagen müssen „Nein, das kaufe ich dir nicht. Ja, es ist schön bunt und ja, es gibt gratis ein Spielzeug dazu aber glaub mir, das ist pures Gift, was in dieser Verpackung steckt“, dann fragt man sich, ob es ein weiser Entscheid gewesen war, mit den Kindern in den Süden zu reisen. Gibt es sie wirklich, diese vielgerühmte Kinderliebe der Italiener? 

Ja, es gibt sie und zwar dann, wenn es wirklich darauf ankommt. Am späten Abend zum Beispiel, wenn die Erwachsenen noch immer nicht genug geschlemmt haben, die Kinder aber müde und ungeduldig werden und nicht mehr auf den unbequemen Stühlen im Restaurant sitzen mögen. In der Schweiz würden jetzt die ersten spitzen Bemerkungen fallen, so in Richtung „Die müssten schon längst im Bett sein, diese kleinen Nervensägen“. In Italien aber stört sich keiner daran, dass die Kinder sich bemerkbar machen. Im Gegenteil, die Kellnerin schiebt gar zwei Stühle zusammen, damit das müde Prinzchen sich nicht auf den Fussboden legen muss. Hier ist es auch kein Problem, wenn ein Kind im Restaurant nach der dritten Vorspeise verkündet, dass es jetzt genug gegessen hat. Okay, man sorgt sich, ob der kleine Mensch nicht am Ende verhungern wird so ganz ohne Pasta, aber wenn er lieber spielen will, dann soll er und ein Dessert gibt’s am Ende trotzdem.

In der Schweiz erlebe ich es oft, dass das Umfeld gereizt reagiert, wenn die Kinder sich wie Kinder benehmen und ich ertappe mich dabei, wie ich an meinen Knöpfen herumnörgele, bloss weil ich die gehässigen Bemerkungen der Leute fürchte. Ich weiss nicht, wie oft ich in der vergangenen Woche genau so reagiert habe und dann mit Erstaunen festgestellt habe, wie das Umfeld völlig gelassen blieb: „Lass sie doch, sie sind Kinder also mach dir keinen Stress“, sagte man und wenn man es nicht sagte, dann liess man uns spüren, dass es vollkommen in Ordnung ist, wenn Kinder Kinder sind.

Eine äusserst entspannende Erfahrung. Was nicht heissen soll, dass eine anständige Toilette und hin und wieder ein sauberer Wickeltisch nicht auch willkommen gewesen wären.

 

Milano Centrale II

Samstag, 15. Oktober, ca. 14:30 Uhr. Familie Venditti hat es endlich geschafft, im Gewirr der Strassen den Weg zum Bahnhof Milano Centrale zu finden. Das Mietauto ist abgegeben, die Eltern stehen etwas ratlos da, umgeben von fünf überdrehten Kindern und zahlreichen Gepäckstücken. Vier Stunden bis zur Abfahrt des Zuges. Wie sollen wir die bloss totschlagen? Am einfachsten wäre es, das ganze Gepäck auf einen Gepäckwagen zu laden und sich nach etwas Essbarem umzusehen. Gepäckwagen? Der Bahnangestellte schüttelt den Kopf. So etwas gibt es hier nicht mehr, leider. Aber cinque Bambini? Bravissimi! 

„Meiner“ deponiert Frau und Gepäck auf einer Bank und macht sich mit den cinque Bambini auf die Suche nach Schliessfächern. Gibt es hier auch nicht. Aber Sie können Ihr Gepäck selbstverständlich zur Aufbewahrung abgeben. Kostet nur vier Euro pro Gepäckstück. Macht für das Gepäck der Grossfamilie Venditti 48 Euro. Gestern haben wir alle zusammen für 80 Euro gegessen, Primo, Secondo, Wasser und Kaffee. Dann vielleicht besser keine Gepäckaufbewahrung, wir brauchen das Geld noch für das Abendessen.  Also gilt es, vier Stunden am Bahnhof totzuschlagen und zwar so, dass das Gepäck dabei nicht allzu hinderlich ist.

Bloss wie? Vielleicht mit Ansichtskarten schreiben? Die Kinder möchten doch so gerne und in Alba hatten sie keine, zumindest nicht dort, wo wir nachgefragt haben. Ansichtskarten finden wir, aber dann müssen die Kinder aufs WC. Macht einen Euro pro Person, was nicht viel wäre, wenn das WC sauber wäre und ich Luise nicht WC-Papier durch die Türe reichen müsste, weil es bei ihr keines hat. Nach der WC-Pause noch schnell etwas essen, ein kurzes Wiedersehen mit dem fliegenden Händler aus Bangladesh, der sich unglaublich darüber freut, diesmal die komplette Familie zu Gesicht zu bekommen und dann müsste man nur noch Briefmarken haben. Aber schnell, der Zug fährt in einer halben Stunde. Doch die zwei Worte „schnell“ und „Post“ in einem einzigen Satz, das geht nicht in Italien, da muss man schon einen halben Tag einplanen, wenn man Briefmarken braucht. Irgendwann stehen wir vor der Wahl: Briefmarken oder Zug. Wir entscheiden uns für den Zug, auch wenn Karlsson nicht gerade glücklich ist, dass die Postkarten mit uns in die Schweiz reisen. 

Als wir endlich alle auf unseren Plätzen sitzen, die Gepäckstücke, die für den ganzen Schlamassel verantwortlich waren, sicher verstaut, sind „Meiner“ und ich uns einig: Ein halber Tag Milano Centrale und die ganze Erholung ist im Eimer. 

Wie? Ob es nicht mit weniger Gepäck gegangen wäre? Aber nicht doch. Wo hätten wir denn die Röstpfanne für die Kastanien verstauen sollen? Und ich habe ja auch eigens meine ausgelatschten Schuhe weggeschmissen, um Platz zu sparen und die Prinzchen-Schuhe, die der Siebenschläfer angefressen hat, sind auch nicht mehr mit nach Hause gekommen…