Geschirrspüler-Dialog

Da soll noch einer sagen, heute würde keiner mehr für seine Rechte am Arbeitsplatz kämpfen. Als Gegenbeweis hier das Gespräch zwischen unseren zwei Geschirrspülern, das ich neulich belauscht habe:

Leitender Geschirrspüler: „Mir reicht’s! Die behandeln mich wie einen Sklaven. Kaum habe ich einen anstrengenden Spülgang überstanden, beladen die mich mit neuem Geschirr. In meinem Arbeitsvertrag steht schwarz auf weiss, dass  mir nach jedem Einsatz eine Pause zum Abkühlen zusteht, aber es kommt ihnen nicht in den Sinn, sich an den Vertrag zu halten. Die pressen mich aus wie eine Zitrone…“

Assistenzgeschirrspüler: „Deine Sorgen möchte ich haben. Es ist Monate her, seitdem ich zum letzten Mal in Einsatz kam. Als sie mich damals reparieren liessen, habe ich ganz fest damit gerechnet, dass ich wieder häufiger gebraucht würde, aber manchmal fühle ich mich, als hätten sie mich vergessen.“

L.G.: „Ich wünschte, die würden mich mal vergessen. Warum schieben die bloss alle Arbeit auf mich ab? Du bist ebenso kompetent wie ich, und ausserdem bietest du viel mehr Stauraum. Mir scheint, die glauben, ich hätte übergeschirrspülerische Kräfte, dabei bin ich doch nur ein ganz gewöhnliches Haushaltgerät.“

A.G.: „Jetzt untertreibst du aber. Dein ökologisches 30-Minuten-Programm ist einfach der Hammer. Das kann nicht jeder bieten. Für eine Familie, die so unglaublich viel schmutziges Geschirr produziert, bist du ein Top-Shot. Sag mal, wann hast du zum letzten Mal einen Bonus gekriegt?“

L.G.: „Einen Bonus? Du scherzt wohl. Die sind so geizig, dass sie manchmal sogar beim Pulver sparen. Neulich hat der Herr des Hauses dieses Billigpulver gekauft, ganz ohne Spülglanz, Regeneriersalz und so. Geht man so mit einer verdienten Arbeitskraft um?“

A.G.: „Das geht ja wirklich zu weit. Sowas darfst du dir nicht bieten lassen. Hast du schon mal daran gedacht, in Streik zu treten?“

L.G.  (mit einem verschwörerischen Blinken): „Ich hab‘ nicht nur daran gedacht, ich bin schon dabei, erste Massnahmen zu ergreifen. Die Heizstäbe habe ich schon mal ausgeschaltet. Du solltest mal die langen Gesichter sehen, wenn sie das nasse, schmutzige Geschirr sehen…“

A.G. und L.G. grinsen hämisch, dann fährt L.G. fort: „Irgendwie ist mir das aber nicht effektiv genug. Ich glaube, der Streik hätte viel mehr Wirkung, wenn du auch mitmachen würdest…“

A.G.: „Ich? Aber warum denn? Da habe ich die einmalige Chance, wiedermal in Einsatz zu kommen und du verlangst von mir, dass ich streike? Wie kommst du auf diese hirnverbrannte Idee?“

L.G.: „So hirnverbrannt ist meine Idee nicht. Erinnerst du dich noch, wie der Onkel Doktor bei seinem letzten Besuch gesagt hat, du müsstest auch hin und wieder im Einsatz sein, damit du nicht ganz aus der Übung kommst? Glaub mir, die nehmen zwar keine Rücksicht auf uns, aber wenn der Onkel Doktor kommt, dann geben sie sich danach jede erdenkliche Mühe, damit es uns gut geht. Bei dem Honorar, das der gute Mann verlangt, können sie es sich nicht anders leisten…“

A.G. (nachdenklich): „Da ist was dran. Vielleicht mache ich doch mit bei deinem Streik. Was meinst du, soll ich besser die Wasserzufuhr so sehr einschränken, dass nichts mehr sauber wird, oder soll ich das Pulverfach geschlossen halten?“

L.G.: „Ich würde sagen beides. Wenn schon Streik, dann richtig…“

Und so kam es, dass die beiden Geschirrspüler rechtzeitig zum ersten Mai ein klares Zeichen für bessere Arbeitsbedingungen setzten. Ob sie damit Erfolg haben, sei dahingestellt. Heute Abend verkündete ein ziemlich junges, weibliches Familienmitglied, dass es eigentlich ganz nett sei, das Geschirr im Familienverband abzuwaschen und abzutrocknen. Es könnte also durchaus sein, dass der Schuss nach hinten losgeht und die zwei Geschirrspüler sich mit ihrer lächerlichen Aktion gleich selbst abschaffen.

Dann eben keine Predigt

Eigentlich hätte ich heute ja diesen unglaublich inspirierenden Text über die Bedeutung meines Glaubens schreiben wollen. Den ganzen Tag über hatten sich in meinem Kopf Sätze gebildet, mit denen ich mich von meinem alten, frömmlerischen Gehabe  distanziert und zu meinem weitaus alltagstauglicheren, aber viel weniger in starre Dogmen fassbaren neuen Glauben bekannt hätte. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was ich alles in diesen Text hineingepackt hätte: Meinen Ärger über Frau Rickli, meine Sorgen darüber, dass Fremdenhass in Europa wieder salonfähig ist, meinen Frust darüber, dass so viel geredet und so wenig getan wird, meine Traurigkeit über mein eigenes Versagen und mein Fazit, dass ich das alles wohl nicht ertragen könnte, würde ich nicht glauben. 

Tja, und dann beschloss ich, zuerst einmal ein paar Büroarbeiten zu erledigen, bevor ich mich ans Niederschreiben meiner tiefschürfenden Gedanken mache. Die Lohnabrechnung der Putzfrau, zwei drei Formulare, die schon längst ausgefüllt sein müssten, den Lohn der Putzfrau vom Konto abheben. Kleinkram nur, der aber leider in den grossen Dramen des Alltags nur zu oft vergessen geht, den ich aber keinen Tag länger mit mir herumtragen will, weil er eben doch belastet. Die Formulare waren schnell erledigt, doch dann stellte ich fest, dass mir ein Dokument fehlte, das ich bei der Arbeit liegen gelassen hatte. Na gut, dann mache ich eben einen kleinen Abendspaziergang, hole das Dokument und gehe dann gleich zur Bank. Vielleicht fallen mir auf dem Weg weitere nette Sätze für meinen Text ein.

Ha, von wegen. Auf halbem Weg stelle ich fest, dass mein Büroschlüssel zu Hause geblieben ist. Umkehren will ich nicht, denn die Strassenlampen im Quartier streiken allesamt und Dunkelheit ist nicht mein Ding. „Na gut, dann hole ich eben nur das Geld. Das Dokument kann ich ja morgen nach der Arbeit mitnehmen“, brumme ich – jawohl, ich habe die schlechte Angewohnheit, mit mir selber zu reden, wenn ich alleine unterwegs bin – und mache mich auf den Weg zur Bank. Wo ich leider feststellen muss, dass auch der Geldautomat streikt und diesmal liegt es ganz bestimmt am Automaten und nicht an meinem Kontostand. Dann eben auf zur nächsten Bank, wo man mich aber nicht einlässt, weil ich die falsche Karte dabei habe. Verärgert mache ich mich auf den Heimweg, um meinen Schlüssel zu holen. Damit ich doch noch das Dokument holen gehen kann, weil ich es nicht mag, unerledigter Dinge ins Bett zu gehen, wo ich mich doch endlich dazu aufgerafft hatte, den Bürokram hinter mich zu bringen. Der Schlüssel aber ist unauffindbar, „Meiner“, den ich sogleich verdächtige, das Ding verlegt zu haben, erweist sich als unschuldig und ich muss mir eingestehen, dass ich mir alles selber eingebrockt habe. Aus Gründen, die ich schon längst nicht mehr nachvollziehen kann, habe ich nämlich heute Nachmittag den Schlüsselbund auf den Waldspaziergang mitgenommen und danach nicht mehr an seinen Platz zurückgelegt. Fragt mich bitte nicht, wie ich auf die Idee gekommen bin, dass dem Schlüsselbund ein wenig frische Waldluft guttun würde.

Da es inzwischen schon fast Mitternacht ist, beschliesse ich ziemlich verärgert, doch wieder alles auf morgen zu verschieben. Der Elan, endlich reinen Bürotisch zu machen, ist verflogen, die Lust, einen unglaublich inspirierenden Text über meinen Glauben zu schreiben ebenfalls und so bleibt mein einziger Trost, dass zumindest die Atheisten unter meinen Lesern zufrieden sind, weil sie meiner Sonntagspredigt entgangen sind. 

Nützliches aus dem Haushalt

Wie sehr habe ich mir doch immer gewünscht, dass mir mein Hausfrauenwissen eines Tages einen beruflichen Vorteil bringt. Jetzt endlich kann ich auftrumpfen mit dem, was ich bis anhin nur im stillen Kämmerlein geübt habe.

Da ruft zum Beispiel eine überaus nette Dame an und will mir Druckerpatronen „zu einem absolut sensationellen Preis aus einem Lagerverkauf“ aufschwatzen. „Wir haben ja gestern bereits miteinander telefoniert und sie waren sehr interessiert an unserem Angebot“, säuselt sie. Wäre ich nur Bürogummi, würde ich jetzt wohl höflich zuhören, bis die Dame zu Ende geredet hat, was gut und gerne eine halbe Stunde dauern könnte. Aber als Hausfrau habe ich schon so viele Telefonverkäufer abserviert, dass die nette Dame bereits nach zwei Sätzen erledigt ist. Ich muss doch bitten, wir Hausfrauen lassen uns keine Artikel zu „sensationellen Preisen“ aufschwatzen, wir wissen genau, wo was am günstigsten ist.

Ich gebe es nur ungern zu, aber heute bin ich dankbar für all die Werbeanrufe, die ich habe abwimmeln müssen. Sie waren lästig, oh ja. Sie haben mir unglaublich viel Zeit geraubt. Ein oder zweimal habe ich mich gar zu einem unsinnigen Kauf überreden lassen, weil ich vor lauter Geschwätz am Telefon und vor lauter Geheul aus dem Kinderzimmer nicht mehr wusste, wo ich ja und wo ich nein sagen wollte. Heute aber lasse ich mir keine Zeit mehr rauben und auch kein Geld, ich bleibe höflich aber abweisend. Was wirklich hilfreich ist, denn im Büro, da rufen sie fast noch häufiger an als zu Hause.

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Aufräumwunder

Da soll noch einer behaupten, es gäbe keine Wunder. Luise – „Immer müssen wir aufräumen! Ich mache nicht mehr mit!“ – weckte uns heute früh mit dem folgenden Satz: „Mama, Papa, steht endlich auf! Ich will jetzt aufräumen.“ Zuerst glaubte ich ja, einen besonders schönen Traum zu träumen, der sich in Luft auflösen würde, kaum wären meine Augen offen. Aber es war kein Traum, das Kind machte sich mit Feuereifer ans Aufräumen des Wohnzimmers. „Papa, steh endlich auf. Wir müssen jetzt wirklich Ordnung machen“, drängte sie, als „Meiner“ sich nicht sogleich aufraffen mochte. Bald aber hatte Luise ihren Putztrupp zusammen, denn wenn sie etwas wirklich will, dann kann sie sehr überzeugend sein. Sie brachte sogar mich dazu, am Ostermontag zum Lappen zu greifen.

Es blieb aber nicht dabei. „FeuerwehrRitterRömerPirat, mach doch bitte das Badezimmer sauber“, bat ich und der Junge strahlte mich an, als hätte ich ihm eben einen Ausflug in den Europa Park versprochen. Freudig griff er zu Putzmitteln und Lappen und wenig später glänzte das Bad. Karlsson polierte derweilen die Holzmöbel und verkündete, dass er es gar nicht schätzt, wenn unvorsichtige Barbaren seine Arbeit sogleich wieder zunichte machen. Hä? Seit wann klaut der Junge meine Sprüche? Allmählich wurde mir meine geliebte Familie unheimlich, vor allem, als das Prinzchen auch noch zum Staubsauger griff und Luise mich alle zehn Minuten fragen kam, was sie jetzt noch für mich tun könne.

Das Wunder währte exakt eine Stunde, dann verlor Karlsson die Nerven, weil er fand, dass sein Soll jetzt erfüllt sei. Was auch nicht weiter schlimm war, denn in diesen sechzig Minuten hatten wir es mit vereinten Kräften geschafft, die Wohnung sauber zu machen und das ganz ohne Streiten. Mehr kann man ja wohl nicht erwarten…

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Gelangweilt? Ich schon. Manchmal.

Viele glauben, als teilzeitberufstätige Mutter von fünf Kindern, Ehefrau und Ernährerin von zwei Katzen langweile man sich nie, aber glaubt mir, es gibt sie durchaus, diese Tage an denen man nichts mit sich anzufangen weiss. So ein Dienstag zu Hause mit den Kindern kann endlos sein. Zu tun gäbe es natürlich genug, das Problem ist aber, dass einen die Kinder gleichzeitig brauchen und nicht brauchen. Wie? Ihr versteht nicht, wie das gehen soll? Nun, ich versuche, mich zu erklären.

Der Vormittag stellt gewöhnlich kein Problem dar. Mit Prinzchen-Gesprächen, Küche aufräumen, Kolumne schreiben, Mittagessen vorbereiten und mit meiner Mutter quatschen vergehen die wenigen Stunden bis Mittag wie im Flug. Danach aber wird es schwieriger. Die Kinder, die nachmittags nicht zur Schule müssen, geben mir sehr deutlich zu verstehen, dass sie mich nach dem Zähneputzen nicht mehr brauchen. Gut, dann gönne ich mir doch mal eine Pause. Kaum ist die Zeitung ausgebreitet, der Kaffee gekocht, kommt der Zoowärter heulend angerannt und verlangt nach einem Pflaster. Kein Problem, da helfe ich doch gerne, doch kaum habe ich mich wieder an den Tisch gesetzt, wünscht der Zoowärter, einen Kindergartenfreund einzuladen. Nun ist ein Fünfjähriger natürlich nicht sonderlich gewandt im Vereinbaren von Terminen und so übernehme ich die Sache. In der Zwischenzeit hat der FeuerwehrRitterRömerPirat erkannt, dass die Zeitung bereit liegt und ich in Rufweite bin, um seine unzähligen Fragen zum Tagesgeschehen zu beantworten. Okay, ich habe verstanden. Die Kinder brauchen mich eben doch. Also breche ich meine Pause ab und beschliesse, die Zeit mit ihnen zu geniessen.

Doch was geschieht jetzt? Kaum widme ich den Knöpfen meine ungeteilte Aufmerksamkeit, wollen sie nichts mehr von mir wissen. Sie rauschen ab in den Garten und haben ihren Spass, ganz ohne mich. Na gut, dann räume ich jetzt eben die Küche auf. Und danach widme ich mich der Wäsche und schliesslich kümmere ich mich um die Rechnungen. Nun ja, das alles würde ich tun, wenn ich nicht plötzlich wieder von allen Seiten bestürmt würde, kaum habe ich mich dazu aufgerafft, etwas zu erledigen. Dann also doch Kinderhüten. Kein Problem, ich bin flexibel und was gibt es Schöneres, als an einem Frühlingstag mit den Kindern draussen zu sein? Ich kann ja noch ein wenig lesen, währenddem sie sich austoben. Wenn ich Glück habe, schaffe ich drei Sätze am Stück, meistens aber habe ich kein Glück und dann renne ich schon nach zwei oder drei Wörtern wieder ins Haus, um Bananen zu holen, weil plötzlich alle dem Hungertod nahe sind.

So pendle ich hin und her zwischen der fleissigen Hausfrau und der aufmerksamen Mutter, irgendwann kommen noch die Hausaufgaben dazu, bei denen ich erst zur Hilfe gerufen werde, nachdem man mir versichert hat, dass ich nicht gebraucht würde, weshalb ich mir eine WC-Pause gönnen dürfe. Kaum habe ich mich hingesetzt, der erste Schrei: „Mama! Ich komme da nicht draus. Die Lehrerin hat uns überhaupt nichts erklärt. Hilf mir, ich schaffe das nicht!“ Also doch keine WC-Pause.

Irgendwann gebe ich auf. Ich lasse die Arbeit liegen, weil ich ohnehin nirgendwo hinkomme, das Lesen lasse ich auch bleiben, weil es einfach keinen Spass macht, wenn man alle dreissig Sekunden unterbrochen wird und bei den Kindern dränge ich mich nicht weiter auf, da ich nur als Auffangnetz erwünscht bin, nicht aber als Spielkameradin. Ich positioniere mich so zentral wie möglich, damit ich für alle leicht verfügbar bin, warte auf das Ende des Nachmittags – und langweile mich.

Ach ja, manchmal schneit auch ganz unverhofft Besuch ins Haus, ich freue mich wie ein Kind auf eine Tasse Kaffee mit einer guten Freundin und kaum haben wir uns hingesetzt, bricht das Chaos aus, weil das nun wirklich nicht geht, dass ich meine Aufmerksamkeit, welche die Kinder verschmäht haben, dem Gast widme.

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Stehengeblieben

Die Frauen, denen ich schon früher immer auf dem Weg zum Einkaufen begegnet bin, sind heute ganz anders unterwegs als damals. Der Brunnen am Wegrand, die Fussgängerampel, die viel zu schnell wieder auf rot wechselt, die schwatzenden Omas, die das Trottoir blockieren, die Bankangestellte, die allzu grosszügig Schleckstengel an die Kinder verteilt – all dies braucht sie nicht mehr zu kümmern. Ganz entspannt leisten sie sich einen Schwatz mit anderen Müttern, keine Angst, dass die Kleinen plötzlich auf die Strasse rennen oder die Auslage im Geschäft leer räumen. Alles ganz entspannt, denn die Knöpfe sind aus dem Gröbsten heraus und sitzen in der Schule.

Ich hingegen bin noch immer gleich unterwegs wie seit Jahren schon. Okay, das Kind an meiner Hand ist nicht mehr das Gleiche wie damals, aber noch immer habe ich den Eindruck, mindestens drei Hände zu wenig zu haben. Die gleichen Missgeschicke – Papiertaschen, die mitten auf dem Fussgängerstreifen den Geist aufgeben und Kinder, die in fremden Gärten Blumen pflücken – wie eh und je. Immer noch die gleichen panischen „Nein, lass das!“-Rufe, immer noch „Beeil dich, wir kommen sonst nie vor dem Mittagessen nach Hause.“ Noch immer stehenbleiben bei jeder Baustelle, bei jedem Federchen auf der Strasse, bei jeder Rutschbahn.

Sieht ganz danach aus, als wäre ich auf dem Weg zum Einkaufen stehen geblieben, während alle anderen schon längst weitergegangen sind. Aber wisst ihr was, es macht mir nichts aus, denn trotz allem gibt es für mich kaum etwas Schöneres im Leben, als eine kleine Hand in meiner nicht viel grösseren zu halten und ein kleines, neugieriges Kind durch den ganz banalen Alltag zu begleiten.

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Hausfrauentest bestanden

Wie gestern bereits erwähnt,  steht „Meiner“ in Sachen Pflichtgefühl und Opferbereitschaft der durchschnittlichen Mutter und Hausfrau in nichts nach. Ich würde gar behaupten,  dass man ihn deutlich seltener bei Kaffee und Klatsch antrifft,  obschon auch die durchschnittliche Hausfrau und Mutter nicht allzu oft Zeit dafür findet. Den letzten Beweis,  dass „Meiner“ es durchaus mit uns aufnehmen kann,  hat er an diesem Wochenende erbracht. Was tut der gute Mann,  wenn er endlich einmal ein paar Tage für sich hat? Na,  was wohl? Er holt seine Magen-Darm-Grippe hervor,  die er sich eigens für diesen Moment aufgespart hat,  denn im Alltag hat man einfach zu wenig Zeit,  sie so richtig zu geniessen. Im Ländli aber,  wo sie dir am Morgen ein Buffet und zweimal am Tag ein mehrgängiges Menü servieren und wo du dich in die Wellness-Oase zurückziehen kannst,  wann immer dir der Sinn danach steht,  bietet eine kleine Grippe den perfekten Kontrast zu dieser gezwungenen „Lass es dir gut gehen“-Atmosphäre. Hier kann man zelebrieren,  was zu Hause immer zu kurz kommt. Am Montag wird er sich wieder kerngesund in den Trubel des Alltags stürzen können. Der Mann weiss eben,  was sich für Hausfrauen und -männer gehört.

 

Revanche

Er kümmert sich so viel um die Kinder wie ich, im Haushalt übernimmt er weit mehr als nur das Nötigste, jahrelang ist er nachts aufgestanden, er gibt sich grosse Mühe, bei jedem Elterngespräch in der Schule dabei zu sein und obendrein hält er mir den Rücken frei, damit ich neben Kindern und Beruf auch noch schreiben kann. Elf Jahre voller Einsatz ohne nennenswerte Unterbrüche. Klar, auch er hat hin und wieder seine kleinen Inseln im Alltag, gemeinsam haben wir uns schon öfters eine Auszeit gegönnt und die eine oder andere seiner vielen Weiterbildungen lässt sich bestimmt auch in der Rubrik „Freizeit & Erholung“ abbuchen. Aber zwei oder drei Tage ganz für sich alleine, so wie er sie mir seit einigen Jahren regelmässig ermöglicht, das hatte er noch nie. 

„Höchste Zeit also, ihn für ein paar Tage ins Ländli zu schicken“, dachte ich mir kurz vor Weihnachten und meldete ihn zu einem Männerwochenende an. „Das Wochenende findet ja erst im März statt und bis dahin werde ich bestimmt viel ausgeruhter und belastbarer sein als jetzt“, sprach ich mir Mut zu, ehe ich die Anmeldung abschickte. Ja, und jetzt ist er also dort und ich bin hier, genau gleich unausgeruht und dünnhäutig wie eh und je. Dennoch zweifle ich keinen Moment daran, dass es richtig war, „Meinem“ diese Auszeit zu schenken, auch wenn er natürlich findet, ich hätte das viel dringender nötig als er und er könne mir das doch nicht antun und es hätte doch auch gereicht, wenn ich ihm drei Minuten lang den Rücken massiert hätte und dann koste das Ganze ja auch noch Geld und das würde man doch besser für Nützliches ausgeben und nicht für ihn.

Mich dünkt, ich kenne diese Argumente von irgendwo und wenn ich mich recht erinnere, wurzeln sie in einem Gefühl von Hausfrauenfrust, oder in diesem Fall wohl eher Hausmännerfrust. Dagegen gibt’s nur eins: Ab ins Ländli und zwar schnell. Wehe, er geniesst seine freie Zeit dort nicht…

 

Tür auf!

Die ersten Augenblicke des Tages sind oft die entscheidenden. So, wie es angefangen hat, so geht es meist für den Rest des Tages weiter. Gestern Morgen, zum Beispiel, setzte „Meiner“ sich um sechs Uhr im Bett auf. Im gleichen Augenblick richtete sich Luise, die krankheitsbedingt in unserem Bett nächtigte und mich aufs Sofa vertrieben hatte, ebenfalls auf und – bitte verzeiht den Ausdruck – kotzte „Meinem“ den Rücken voll. Kann man es dem guten Mann verargen, dass er von da an zu nichts zu gebrauchen war, wegen jeder Kleinigkeit in die Luft ging und abends um neun auf dem Sofa einschlief? 

Ganz anders mein heutiger Start in den Tag: Die ganze Familie inklusive Katzen stand verzweifelt vor der verschlossenen Türe der Vorratskammer. „Der Andere“ – wer denn sonst? – hat es mal wieder geschafft, den Schlüssel drinnen zu lassen und die Tür zuzuknallen. Corn Flakes, Kakao, Katzenfutter – alles eingeschlossen und keiner schaffte es, die Türe zu öffnen. Keiner, ausser mir. Schlaftrunken ging ich auf die Tür zu, schnappte mir ein ganz gewöhnliches Messer, schob das Ding in den Türspalt und Sesam war geöffnet. Wer den Tag mit einer Heldentat beginnt, der kann wohl gar nicht anders, als voller Zuversicht weiterzugehen.

So war es dann auch: Alles lief runder als gewöhnlich und hätte ich nicht diesen dummen Fehler begangen, so wäre ich wohl für einmal ohne meine üblichen Schnitzer ausgekommen. Zu dumm nur, dass ich am späten Nachmittag aus lauter Gewohnheit die Tür der Vorratskammer zuschlug, als der Schlüssel noch immer drin war. Was ja nicht weiter schlimm gewesen wäre, wenn der Trick vom Morgen noch funktioniert hätte, aber das tat er nicht, so sehr ich mich auch abmühte. Nun gut, auch damit hätte ich leben können, wäre ich mit Gartenarbeit oder mit der Steuererklärung beschäftigt gewesen. Wie es der Zufall aber wollte, war ich gerade dabei, Luises Geburtstagstorte zu backen. Der Teig halb fertig, die Form eingefettet, der Ofen heiss und keine Chance, an Backpulver und Mehl heranzukommen. Was blieb mir da noch anderes übrig, als die heute sorgsam geschonten Nerven doch noch zu verlieren? 

Zum Glück gelang es „Meinem“ irgendwann doch noch, die Tür zu öffnen. Ich mag es ihm von Herzen gönnen, dass er der Retter der Geburtstagstorte ist. Nachdem Luise ihn gestern vor dem Frühstück mit Halbverdautem beglückt hat, hat er ein bisschen Heldenverehrung mehr als verdient.

Hört das denn gar nie auf?

Seit drei Wochen nun schon das gleiche Muster: Montag bis Freitag das übliche Karussell mit kranken Kindern, Arbeit, Haushalt und nahezu verpassten Terminen, am Samstag der aufrichtige Versuch, trotz Aufräumwut und anderen Pflichten das Familien- und Eheleben zu geniessen, am Sonntag von Käfern belagert im Bett oder auf dem Sofa. Am Montag dann wieder aufrappeln, denn Dinge liegen lassen geht nun mal nicht. Okay, ich sehe ja durchaus auch die positiven Seiten an dieser Routine. Immerhin schaffe ich es so, die Sonntagspresse von vorne bis hinten durchzuackern. Und meiner Linie bekommt es auch nicht schlecht, wenn ich kaum einen Bissen herunterkriege. Aber wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat vom Kindergottesdienst nach Hause kommt und seine schlafende Mama an die Stirn tippt um herauszufinden, ob sie noch lebt, dann ist das für mich ein Zeichen, dass es jetzt endlich reicht mit diesen elenden Seuchen. Also, meine lieben Käferchen, sucht euch endlich ein anderes Opfer, vorzugsweise eines ausserhalb meines Familienkreises, denn wenn ihr während der Woche meine lieben Kinderlein oder „Meinen“ attackiert, dann kann ich mir den Platz auf dem Sofa für nächsten Sonntag heute schon reservieren.