Kinderwagen Nummer 6

Wer braucht denn heute noch einen Kinderwagen, der länger als drei Jahre hält? Dies scheinen sich die Kinderwagenhersteller zu sagen. Und sie haben ja recht: Entweder, man hört nach Kind eins auf mit dem Abenteuer Familie, weil das alles doch etwas anstrengender ist, als man sich vorgestellt hätte, oder man kauft für Kind zwei und drei wieder einen neuen Wagen, weil inzwischen wieder so tolle neue Gefährte in den wunderbarsten Farben auf den Markt gekommen sind. Und so hält der moderne Kinderwagen maximal so lange, bis Kindchen knapp auf den eigenen Füsschen stehen kann. Und deshalb wird im Hause Venditti in den nächsten Tagen Kinderwagen Nummer 6 (oder Buggy Nummer 3) geliefert.

Beim Kinderwagen Nummer 1 hatte ich ja noch gedacht, das Ding halte ewig und so verbrachten „Meiner“ und ich viele Stunden im Babycenter, um den perfekten Wagen auszusuchen. Als dann auch noch Schwiegermama anmeldete, dass sie das Ding bezahlen würde, wurden es noch ein paar Stunden mehr, denn ich musste mit aller Kraft verhindern, dass Schwiegermama bestimmte, in welchem Gefährt unser erstes Kind die Welt entdecken würde. Schliesslich entschieden wir uns für ein sündhaft teures italienisches Modell, das zugleich Babykarosse, Buggy und Kindersitz war. Schwiegermama zahlte bereitwillig die 1000 Franken und wir glaubten, das Thema Kinderwagen ein für alle mal abhaken zu können.

Do schon bald wurde der kleine Karlsson grösser und wir mussten feststellen, dass das sündhaft teure Ding leider trotz aller Versprechen nicht als Buggy taugte, worauf Kinderwagen Nummer 2 (oder Buggy Nummer 1) bei uns Einzug hielt. Das müsste jetzt aber wirklich reichen, dachten wir und es reichte auch. Bis sich der FeuerwehrRitterRömerPirat dazu entschied, sich in meinem Bauch einzunisten, kaum war Luise ausgezogen. Also musste ein Doppelkinderwagen her, sonst hätte Mama in Zukunft nicht mehr das Haus verlassen können. „Jetzt sind wir aber für den Rest unseres Lebens mit Kinderwagen versorgt“, sagten „Meiner“ und ich, als wir voller Stolz (Doppel)kinderwagen Nummer 3 abholten. Und tatsächlich: Zwei Jahre lang lief wirklich alles gut. Bis wir eines Sommers nach Malta reisten, wo die Strassen so holperig waren, dass Kinderwagen Nummer 2 oder Buggy Nummer 1 den Geist aufgab und in einer Maltesischen Abfallmulde landete (wo er Tags darauf wieder herausgeholt wurde und wohl noch heute über die Strassen von Valletta holpert).

Hätte ich zu jenem Zeitpunkt nicht den Zoowärter in meinem Bauch beherbergt, wir hätten den FeuerwehrRitterRömerPiraten wohl zum Laufen aufgefordert. So aber erhielt unser Dritter ein brandneues grasgrünes Wägelchen (Kinderwagen Nummer 4 oder Buggy Nummer 2), Made in Malta. Aber einen neuen Kinderwagen kauften wir nicht mehr. Den Zoowärter würden wir ausschliesslich im Tragtuch mit uns herumschleppen, solange er noch zu klein war für den Maltesischen Buggy. (Wie kann man bei Kind Nummer 4 noch so naiv sein?) Mein Rücken schmerzte zwar, ich verbrachte Stunden in der Physiotherapie aber ich blieb eisern dabei: Einen neuen Kinderwagen gab’s nicht. Dafür aber durfte ich den Wagen einer Nachbarin zu Boden fahren.

Damit wäre die Geschichte zu Ende. Doch kaum hatten wir uns sämtlicher Kinderwagen bis auf das grasgrüne Maltesische Wägelchen entledigt, beschloss das Prinzchen, dass es auch Teil dieser überaus coolen Familie werden möchte, worauf Mama sich auf die Suche nach Kinderwagen Nummer 5 machte. Noch einmal monatelang schleppen, bis das Kind gross genug für den Buggy war, kam nicht in Frage. Das machte mein Rücken nicht mehr mit und so wurde Kinderwagen Nummer 5 gekauft,  wieder Babykarosse und Buggy in Einem, ganz wie am Anfang, bloss viel viel preiswerter. Schwiegermama offerierte nämlich nicht mehr so grosszügig, alles zu bezahlen, da es nach ihrem Geschmack eindeutig zu viele Enkelkinder waren. Leider war Kinderwagen Nummer 5 nicht nur preiswert, sondern auch billig, weshalb er schon nach achtzehn Monaten bei der Müllabfuhr landete. Gleichzeitig mit Kinderwagen Nummer 4 oder Buggy Nummer 2, der auch nicht mehr fahren will.

Weil aber das Prinzchen noch lange nicht grosse genug ist, um bis zur Migros und zurück zu gehen, nehmen wir demnächst Kinderwagen Nummer 6 oder Buggy Nummer 3 in Empfang. Falls unser Leben nicht noch eine ganz eigenartige Wendung nimmt, wird dieser aber endgültig der Letzte sein. Ich verspreche es…

Kein Spaziergang, aber dennoch ganz nett

Das Leben ist kein Spaziergang, das weiss jeder, der mehr als zwanzig Jahre auf dieser Erde weilt. Aber hin und wieder verfällt auch einer, der mehr als zwanzig Jahre auf dieser Erde weilt, der irrigen Ansicht, dass das Leben hin und wieder, für fünf Minuten vielleicht, ein Spaziergang sein kann und zwar ein wunderbarer. Zum Beispiel dann, wenn man endlich gelernt hat, so „lieb und freundlich“ mit den Kindern zu reden, wie dies Lisa und Inga aus Bullerbü gerne tun würden. Wenn man zudem auch noch mit „Meinem“ ganz zivilisierte Gespräche ohne herumfliegende Blumenkohlköpfe führen kann. Wenn beruflich nach langem Warten endlich Vieles so läuft, wie man dies schon immer gewollt hätte. Wenn man kurz davor steht, einen Lebenstraum zu verwirklichen. Wenn auf dem Konto am Ende des Monats endlich nicht mehr gähnende Leere herrscht und die Rechnungsbeträge nicht mehr grösser als das Einkommen sind. Wenn dann auch noch die Salatköpfe auf dem Balkon so wunderbar gedeihen, ja, dann könnte man glatt meinen, man dürfe jetzt für eine Weile spazieren, anstatt zu klettern, zu hetzen, sich abzukämpfen.

Aber netterweise gönnt einem das Leben solche Momente nicht und so steckt man, kaum hat man sich darüber gefreut, dass für einmal alles bestens läuft, in einem heftigen Streit mit jemandem, der findet, man mache so ziemlich alles falsch im Leben und einem diese Meinung auch schonungslos an den Kopf wirft. Erschüttert und aufgewühlt, wie man danach ist, erschreckt man die lieben unschuldigen Kinderlein mit einem heftigen Wutanfall und am Ende ist man nur noch ein heulendes Wrack. Irgendwann rappelt man sich wieder auf und beschliesst, die Sache beiseite zu schieben, denn bald schon, wenn der Zorn verraucht ist, wird man wieder miteinander reden können. Morgen ist ein neuer Tag, denkt man, und dann wird alles wieder besser. Aber morgen wird nicht besser. Denn als man pünktlich um halb zehn in der Kinderarztpraxis aufkreuzt, erfährt man, dass das Prinzchen eigentlich gestern hätte kommen sollen und dass die Rechnung für den verpassten Termin bereits unterwegs ist. Man könnte im Boden versinken vor lauter Scham, denn man weiss ja, wie beschäftigt sie in der Kinderarztpraxis sind. Etwa ähnlich beschäftigt, wie Mütter von vielen Kindern.

Dennoch darf das Prinzchen ins Untersuchungszimmer und weil das arme Kerlchen spürt, wie erschüttert Mama ob ihres Irrtums ist, beschliesst es, zu zeigen, was es drauf hat: Die Kinderärztin möchte, dass er zwei oder drei Holzwürfel aufeinanderstapelt, das entspreche etwa seinem Alter. Das Prinzchen beginnt zu stapeln, die Kinderärztin lobt, das Prinzchen stapelt weiter, die Kinderärztin staunt, das Prinzchen stapelt weiter und am Ende hat er alle neun Würfel aufgetürmt. Und so verlässt man, innerlich zwar noch immer beschämt wegen der verpassten Termins, die Kinderarztpraxis dennoch mit mehr oder weniger intaktem Ansehen.

Das Leben ist zwar kein Spaziergang. Aber mit einem Prinzchen an der Seite, der Mama den Tag rettet, kann man das alles ein wenig lockerer sehen.

Ausgelaugt

Ich will mich ja nicht beklagen, aber diese intensive Entspannung übers Wochenende hat mich total ausgelaugt. Den ganzen Tag gähne ich und schleppe mich von Zimmer zu Zimmer, als hätte ich Schwerstarbeit verrichtet. Wie kann man bloss von all dem Nichtstun so müde werden, dass man am liebsten um acht Uhr ins Bett gehen möchte? Was ich auch getan hätte, wenn die lieben Kinderlein ebenso müde wären wie ich. Aber die haben sich ja übers Wochenende auch nicht entspannen müssen…

Beste Mama des Jahres

Mist! Schon wieder Minuspunkte eingefahren im mit harten Bandagen geführten Kampf um den heiss begehrten Titel „Beste Mama des Jahres“. Eine Mama, die morgens um Viertel vor acht noch selig schlummert, anstatt in der Küche zu stehen und den Nachwuchs, der schon längst geputzt und gestriegelt sein müsste, mit einem vollwertigen Frühstück zu verwöhnen, hat sich ja wohl endgültig disqualifiziert. Wäre nicht meine eigene Mama todesmutig nach oben gekommen, um zaghaft an meine Schlafzimmertür zu klopfen und zu fragen, ob wir nicht vielleicht aufstehen müssten, wir alle lägen noch immer selig in unseren Betten. Mit ihrer heldenhaften Tat, eine bekennende Langschläferin, deren miese Laune am Morgen legendär ist, sanft aus dem Träumen zu reissen, hätte meine Mama eigentlich den Titel „Beste Mama des Jahres“ bereits auf sicher. Aber ich weiss nicht, ob beim Wettbewerb auch Grossmamas zugelassen sind. Es sei denn, um sie für ihr Lebenswerk zu ehren.

Wie dem auch sei, ich legte mal wieder eine perfekte Performance für die „Mieseste Mama des Jahres“ an den Tag: Die Kinder mit Joghurt abgespeist – ja, ich weiss, enthält viel zu viel Zucker – , vierhundertdreizehn Mal gesagt „Jetzt beeilt euch doch!“, den FeuerwehrRitterRömerPiraten mit einem Donald Duck-Heft abgespeist, damit er, der immer trödelt, aus dem Weg ist, solange Karlsson und Luise noch nach Socken für die Füsse und Bananen für die grosse Pause suchten, mich selber mit einem Glas Cola light wachgeknüppelt, weil der sanfte Start in den Tag ohnehin versaut war, das Prinzchen in nasser Windel herumwatscheln lassen, solange die Grossen noch nicht aus dem Haus waren, den FeuerwehrRitterRömerPiraten zu spät in den Kindergarten geschickt und dann auch noch den Zoowärter mit einem Bonbon belohnt, weil er trotz allem Chaos so brav aufs WC gegangen ist. Und, wie viele pädagogische Todsünden macht das insgesamt? Sehr viele und wenn man bedenkt, dass ich mir früher jeweils vorgestellt hatte, ich würde meinen Kindern jeden Tag Pfannkuchen oder Waffeln backen zum Frühstück, dann sind es noch ein paar mehr und ich fürchte, ich bin definitiv aus dem Rennen für den Titel „Beste Mama des Jahres“.

Okay, ich habe danach wieder Boden gut gemacht, als ich die Rolle des David übernahm im Kampf gegen Zoowärter-Goliath. Weil der Zoowärter noch nicht begriffen hat, dass in dieser Geschichte der Kleine der wirklich Grosse ist, überlässt er mir stets grosszügig die Heldenrolle und so kam ich in den Genuss eines bewundernden Publikums, als ich da in der Küche mutig meine imaginäre Schleuder über dem Kopf schwang. Das Prinzchen konnte von dem Schauspiel gar nicht genug bekommen und so flogen dem armen Goliath die imaginären Kieselsteine nur so um die Ohren. Wo doch jedes Kind – mit Ausnahme des Prinzchens – weiss, dass David schon beim ersten Mal getroffen hat. Eigentlich sollte ich mit diesem Auftritt meine Minuspunkte wieder kompensiert haben, aber ich fürchte, dass solche Qualitäten nicht gefragt sind, wenn es darum geht, zur „Besten Mama des Jahres“ gewählt zu werden.

Ach ja, ich habe mich übrigens gar nicht bei einem derartigen Wettbewerb angemeldet, aber ich bin mir sicher, dass er irgendwo auf diesem Planeten ausgetragen wird. Wenn nicht hier, dann ganz bestimmt in den USA.

P.S. Habe soeben noch einen draufgegeben: Während ich auf dem Trottoir mit einer anderen Mama, die etwas bei mir abliefert, über die besten Feierabend-Filme quatsche, verrichtet der Zoowärter oben sein grosses Geschäft und weil er vergessen hat, dass das Geschäft gross und nicht klein war, landet die Sache im Lavabo und der Zoowärter brüllt. Grossartig, wie ich meine Kinder im Griff habe, nicht wahr? Und nein, ich sage nicht, was die Freundin abgeliefert hat, sonst meinen alle, die ältere Kinder haben, sie dürften ihre Keller räumen und auch bei mir abliefern. Aber solche Sachen nehme ich nur von Freunden, die verstehen, dass auch eine Grossfamilie nicht unbegrenzten Bedarf hat….

Zahlenphobie

Bis heute hat mir meine Weiterbildung eigentlich keine Probleme bereitet. Ich lebe mein turbulentes Leben wie gewohnt, balanciere zwischen Wocheneinkäufen, Kinder umarmen, Mittagessen kochen, Sitzungen, Krankenkassenbelegen einsenden, seichten Filmen, Geschichten erzählen, Konzepten verfassen, Bloggen, herumbrüllen, schreiben, Lieder singen, Sorgen anhören, Blumen giessen, mit Freundinnen quatschen, Saunabesuch mit „Meinem“, Schwimmkursen, dem Salat beim Wachsen zusehen und was mein Leben sonst noch an Schönem und Mühseligem zu bieten hat. Und zwischendurch, wenn alles mehr oder weniger ruhig ist, vertiefe ich mich in Lektüre mit so spannenden Titeln wie zum Beispiel  „Führung und Moderation“ oder „Grundlagen Prozessmanagement“ oder – mein Lieblingstitel, den ich immer wieder gerne zur Hand nehme, wenn mir nach herzerwärmender Lektüre ist – „Betriebswirtschaftliche Grundlagen“. Nicht gerade mein Ding, aber für das Projekt, das ich leiten soll, unabdingbar, wenn die Sache nicht scheitern soll. Und bisher habe ich mich eigentlich ganz tapfer geschlagen, habe gute Noten geschrieben und hin und wieder ganz nützliche Dinge gelernt.

Heute aber wagte ich mich an Buch Nummer 10 – ich lerne mithilfe eines Fernkurses – und plötzlich war da wieder diese Wand, Mathematik genannt. Ich öffnete das Buch auf einer beliebigen Seiten und was sprang mir ins Auge? Eine Wortschlange, die sich folgendermassen las: „Berechnung der statischen Amortisationszeit unter der Prämisse von Zinszahlungen in Höhe der kalkulatorischen Zinsen“. Allein das Wort „Berechnungen“ jagte mir kalte Schauer über den Rücken, in Kombination mit den restlichen Schimpfwörtern wurde mir beinahe schwarz vor den Augen. Da lernt man immer, man solle anständig reden und dann liefern die einem ein Lehrmittel voller Schimpfwörter und nennen die Sache Weiterbildung. Nun ja, dachte ich, vielleicht habe ich ja ausgerechnet die schlimmste Seite erwischt und blätterte weiter. Aber was ich da vorfand, stimmte mich nicht optimistisch: „Isoquante für X=5“, las ich da oder „Führen Sie eine Kalkulation der Stückkosten durch“, oder – schlimmer noch –  „Führen Sie ebenso eine Kapitalwertberechnung bei 10% durch“.

Spätestens jetzt war mir zum Heulen zumute. Da schlage ich mich mehr oder erfolgreich durchs Leben, jongliere Familie, Schreiben, Projekte, Haushalt und Freundschaften und habe dabei das Gefühl, das alles sei irgendwie machbar, wenn auch zuweilen ziemlich anstrengend. Und alles geht gut, solange ich nicht mit Zahlen zu tun bekomme. Doch unvermittelt, wenn alles gut läuft und ich es am wenigsten erwarte, steht sie wieder vor mir, diese für mich unbezwingbare Zahlenmauer. Früher habe ich darüber gespottet, dass der Mathelehrer mir einen Besuch beim Psychologen ans Herz legte, anstatt mir die Aufgabe zu erklären, worum ich ihn eigentlich gebeten hatte. Heute weiss ich, dass nicht mal ein Psychologe bei meiner Zahlenphobie helfen kann. Vor dieser Beschränktheit müsste selbst der beste Therapeut kapitulieren. Und so fürchte ich, dass mir das Lehrmittel mit dem grauenvollen Titel „Produktions- und Kostentheorie, Finanzierung“ noch ein paar schlaflose Nächte bereiten wird, bevor ich es erfolgreich abschliessen kann.

Ach ja, und was um Himmels Willen ist eine Isoquante? Tönt für mich nach  einem ganz übeln Geschwür.

Kampfschwimmer

Lange ist’s her, seitdem ich zum letzen Mal Gelegenheit hatte, ungestört zu schwimmen, was mich wirklich störte, denn schwimmen ist der einzige Sport, der mir so etwas wie Freude bereitet. Und übrigens auch der einzige Sport, bei dem ich in der Schule zu den Besten gehörte, trotz meines sehr unorthodoxen Stils – Kopf hochgereckt wie ein Schwan mit zum kurzen Hals, hohles Kreuz und ein rechter Fuss, der stets dem Linken in die Quere kommt -, der daher rührt, dass meine ältere Schwester mich schwimmen lehrte. Und da sie wohl ebenfalls von einem älteren Bruder oder der älteren Schwester die Kunst, sich über Wasser zu halten, erlernt hatte, hatte sie von der richtigen Technik keine Ahnung. Aber was macht das schon? Hauptsache, man ersäuft nicht und wenn man dann noch zu den Schnellsten gehört, umso besser.

Nun, inzwischen gehöre ich nicht mehr zu den Schnellsten. Im Gegenteil: Heute bin ich schon stolz, wenn ich mich überhaupt dazu aufraffen kann, im Schwimmbad kein Buch zu lesen, sondern einen Kilometer zu schwimmen. Wie oft habe ich mich darüber beklagt, ich würde ja schon schwimmen gehen, wenn ich bloss Zeit dazu hätte? Unzählige Male und deswegen bin ich jetzt, wo Karlsson und Luise den Schwimmkurs besuchen und ich das Prinzchen zu Hause lassen kann, dazu verpflichtet, meine 40 Längen zurückzulegen. Was den Kampfschwimmern, mit denen ich die schmale Bahn, die den Schwimmern noch bleibt, teilen muss – rechts die grossen Schwimmschüler, links die kleinen Schwimmschüler und die Mamas, die ihre Sprösslinge beobachten -, gar nicht behagt.

Was will sie bloss hier, die lahme Hausfrau, die nicht mal den Mut hat, den Kopf richtig unterzutauchen? Die trägt ja nicht mal eine Schwimmbrille. Und auch keine aquadynamische – gibt’s das Wort? – Badekappe. Von einem „Speedo“-Schwimmanzug ganz zu schweigen. Die wagt es doch tatsächlich, in einem ausgeleierten Umstands-Tankini aufzukreuzen und die gleiche Bahn in Anspruch zu nehmen, die in ihren Augen einzig für Menschen reserviert ist, die das Schwimmen mit heiligem Ernst betreiben. Menschen, die nicht davor zurückschrecken, mit Ellbogeneinsatz den knappen Platz zu verteidigen. Menschen, die es nicht für nötig halten, aufzupassen, ob sie einen zur Seite drängen. Menschen, die kaltblütig unter dir durchschwimmen, weil sie gerade keine Gelegenheit sehen, dich zu überholen. Und ein paar Sekunden Zeitverlust würden den Tag ruinieren.

Früher liess ich mich durch diese Kampfschwimmer hetzen, ja, ich versuchte gar, gleich schnell zu sein wie sie. Heute aber, wo es schon ein Erfolgserlebnis ist, wenn ich es schaffe, meinen inneren Schweinehund zu überwinden und ins Wasser zu steigen, kümmere ich mich einen Dreck um sie. Und wenn ich dann, nach viel längerer Zeit als früher, meinen Kilometer ohne einen einzigen Unterbruch geschafft habe, dann bin ich ganz schön stolz auf mich selber. Obschon die Kampfschwimmer hörbar aufatmen, wenn ich endlich die Bahn frei gebe, damit sie eine andere Hausfrau, die sich anmasst, schwimmen zu gehen, in die Enge treiben können.

Das hat man nun davon,…

…. wenn man abends, anstatt zu arbeiten, einen seichten Film schaut: Flausen im Kopf, die einem keine Ruhe mehr lassen. Da schaue ich mir diesen Film an, in dem es darum geht, wer mit wem zusammen ist und wer mit wem zusammen sein sollte und wer wem auf welche Weise das Leben schwer macht, damit er mit dem zusammen sein kann, mit dem er zusammen sein möchte. Alles verstanden? Nein? Macht nichts, ich habe auch nichts verstanden. Das Einzige, was mir von dem Film im Kopf geblieben ist, ist der Typ, der in Schichten schläft. Von vier Uhr nachts bis acht Uhr morgens und dann tagsüber eine zweite Schicht, zu welcher Zeit, habe ich vergessen.

Wie, ihr findet das mit den Schichten eine blöde Idee? Ich absolut nicht. Das wäre doch was: Nachts, wenn man endlich mal Ruhe hat, ungestört arbeiten und am Tag, wenn alles drunter und drüber geht, die zweite Schicht schlafen. Für mich als bekennende Nachteule ein absoluter Traum. Und deshalb zerbreche ich mir jetzt den Kopf, wie ich das in meinem Leben umsetzen könnte: Die erste Schicht Schlaf von drei Uhr morgens bis sieben Uhr morgens, dann Familienleben und Arbeit bis drei Uhr nachmittags, dann wieder schlafen bis sieben Uhr und dann wieder Familienleben und Arbeit bis drei Uhr. Sollte doch eigentlich möglich sein, oder?

Möglich schon, aber nur auf dem Papier. Denn ich bin mir sicher, dass das Prinzchen, kaum würde ich mich morgens um drei an den Computer setzen, nach Unterhaltung schreien würde. Wenn Mama Spass hat, will das Prinzchen auch Spass haben. Und ich fürchte auch, dass ich mich regelmässig um sieben Uhr verpennen würde, denn ich bin nicht nur eine Nachteule, sondern auch ein Morgenmuffel. Und schliesslich fürchte ich, dass meine lieben Kinderlein mich nie und nimmer nachmittags schlafen lassen würden. Sie brauchen doch jemanden, bei dem sie sich über „böse“ Lehrerinnen beklagen können, jemanden, der ihnen Erdnussbutterbrote streicht und jemanden, der mit ihnen Liedlein singt. Wird wohl also nichts aus meinen neuen Schlafenszeiten. Zumindest nicht in den nächsten 20 Jahren und danach wird mich ohnehin die senile Bettflucht im Morgengrauen aus dem Bett treiben.

Dass iss gefährlich! Aber schööön!

Nun ja, vielleicht sind meine Gärtnermethoden etwas unorthodox. Ein wahrer Gartenfreund würde wohl kaum mit spitzen Fingern die Steine aus dem Boden klauben und jedes Mal laut kreischen, wenn eine Schnecke zum Vorschein kommt. Er würde wohl auch keine Kornblumen in Töpfe säen. Und schon gar nicht würde er bei warmem Frühlingsregen 480 Liter Universalerde mit nackten Füssen auf dem Boden verteilen. Macht man einfach nicht. Ein echter Gärtner nimmt dazu einen Rechen oder sonst ein nützliches Gerät, das in der Gartenzeitschrift angepriesen wird. Aber wozu braucht man einen Rechen, wenn man doch beim Wühlen in der weichen frischen Erde so viel Entspannung haben kann?  Entspannung bei der Arbeit. Was will man mehr? Und danach sieht der Garten erst noch wunderbar aus. Und weil die Erde nicht für den ganzen Garten gereicht hat, gibt’s morgen gleich noch einmal Wellness für die Füsse. Ich kann’s kaum erwarten.

Es verderbe mir jetzt bloss keiner den Spass und ermahne mich, ich solle mich nicht wundern, wenn ich mir eine Lungenentzündung hole. Mit nackten Füssen in der kühlen Erde zu wühlen sei gefährlich. Bei derartigen Gefahren halte ich mich an mein grosses Vorbild Obelix: „Dass iss gefährlich! Hicks! Aber schööön!“ (Okay, auf das „Hicks“ verzichte ich lieber. Mama und Besäufnis, das passt in meinen Augen nicht zusammen. Also vielleicht doch kein so grosses Vorbild, dieser Obelix…)

Welcome back

Da seid ihr ja wieder, ihr Schuldgefühle. Eigentlich habe ich euch ja nicht jetzt schon zurück erwartet, aber wie ich euch kenne, ist euch so ziemlich egal, was ich denke. Kaum seht ihr eine Mama, die sich dazu anschickt, fünf Minuten ihrer wertvollen Zeit in eine Berufstätigkeit zu investieren, stürmt ihr die Bude, macht euch breit und beginnt, zu allem und jedem euren Senf dazu zu geben. Bei mir spielt sich das Drama im Moment so ab:

M(ama): „Ich verschwinde dann mal für ein paar Stunden im Büro. Wenn ihr ein Problem habt, geht zu Papa.“
Kaum ist die Bürotür hinter hinter Mama zugefallen, ertönt Geschrei, Papa tröstet, redet gut zu, löst die Probleme und der Alltag nimmt seinen gewohnten Lauf.  Mama stürzt sich in die Arbeit und nimmt schon bald gar nicht mehr wahr, welche Dramen sich vor der Bürotür abspielen. Irgendwann aber steht ein heulendes Kind im Büro.

M, leicht genervt: „Ach, du Arme(r)! Was ist denn mit dir passiert?“
K(ind): „Die anderen sind so gemein zu mir! Die lassen mich nicht mitspielen!“
M:  „Das ist aber unfair. Aber weisst du, ich bin am Arbeiten. Du musst zu Papa gehen.“
Das Kind verlässt schluchzend das Büro, die Mama versucht, sich wieder auf die Arbeit zu konzentrieren. Zeit für die ungebetenen Gäste, die Bühne zu betreten:

S(chuldgefühle): „Was bist du doch für eine Rabenmama. Siehst du denn nicht, dass dein Kind traurig ist?“
M: „Klar sehe ich das.  Aber ‚Meiner‘ ist heute Nachmittag für die Kinder zuständig…“
S: „Ja, klar ‚Deiner‘. Als ob der in den Schulferien auch noch Kinder hüten müsste. Und du weisst doch: Wenn es einem Kind schlecht geht, dann braucht es die Mama, nicht den Papa.“
M: „Das stimmt doch gar nicht. ‚Meiner‘ kann das ebenso gut wie ich.“
S: „Kann er nicht.“
M: „Kann er doch.“

Mama wendet sich wieder ihrer Arbeit zu, die Schuldgefühle wissen für einen Moment lang nicht, was sie noch sagen sollen. Draussen spielen die Kinder, schreien, lachen, singen. Wo denn die Mama sei, will ein Kind wissen.

S: „Hast du gehört, die suchen dich. Warum musst du auch immer arbeiten, wo deine Kinder dich doch so sehr brauchen.“
M: „Meine Kinder haben mich fast den ganzen Tag. Und wenn sie mich nicht haben, dann haben sie den Papa und der ist genauso wichtig. Und immerhin arbeite ich nicht ausser Hause. Zu den Mahlzeiten bin ich da.“
S: „Und danach verschwindest du wieder im Büro. Glaubst du wirklich, dass deine Kinder das mögen. Die werden sich später, wenn sie mal an ihre Kindheit zurückdenken, nur noch an eine verschlossene Bürotür erinnern. Und an eine Mama, die nie Zeit hat.“
M: „Aber ich habe doch Zeit. Ich bin fast immer da…“
S: „
Fast immer, ja. Aber nicht immer…“
M: „Aber ich muss doch gar nicht immer. ‚Meiner’….“
S: „Ja, ich weiss, ‚Deiner‘. Aber glaubst du nicht auch, die Kinder wären viel besser betreut, wenn ihr
beide jetzt im Garten wäret?“

So geht es weiter, hin und her, immer hitziger, immer giftiger. Und je nach dem, wer den längeren Atem hat, siegen die Schuldgefühle oder die Mama.

Ja, ihr lieben Schuldgefühle, ihr wisst, wie ihr einem das Leben versauern könnt. Aber Eines muss man euch lassen: Ihr piesackt die Mütter ohne Ansehen der Person. Denn ob eine Mama vollzeitlich berufstätig ist, ob sie von zu Hause aus arbeitet, ob sie ehrenamtlich arbeitet oder ob sie krankgeschrieben ist, ihr bringt es immer fertig, ihr einzuflüstern, dass sie es nie und nimmer schafft, die Mama zu sein, die ihre Kinder verdient hätten.

Ohne mich?

Dieses Jahr mache ich nicht mit. Ganz bestimmt nicht. Ich weiss, in meinem Alter macht man das, aber ich will jetzt einfach nicht und darum werde ich auch nicht. Ich habe keine Lust, mich stundenlang hinzukauern, keinen Bock auf schmutzige Fingernägel, kein Bedürfnis, todmüde und mit schmerzenden Gliedern ins Bett zu sinken. Lieber hocke ich in meinem unaufgeräumten Büro und tippe mir die Finger wund. Dieses Jahr lässt mich die Gartensaison kalt.

So dachte ich noch vor ein paar Tagen. Aber dann stiess ich beim Surfen auf einen Tellerpfirsich-Baum und mein Entschluss geriet ins Wanken. Nachdem aber „Meiner“ das Bäumchen gepflanzt hatte und die ersten rosaroten Blüten sich öffneten, zog ich mich wieder ins Büro zurück. Ich habe dieses Jahr wirklich keine Lust auf Gärtnern. Aber das lässt sich die Natur nicht bieten. Und so begann sie, mich zu umschmeicheln. Die ersten Traubenhyazinthen liessen mich noch kalt, doch als die Osterglocken zu blühen begannen, deren Zwiebeln wir letzten Herbst aus Chamonix mitgebracht hatten, fühlte ich mich schon ein wenig geschmeichelt. Immerhin haben wir letzten Herbst mit klammen Fingern in der Erde gewühlt, um dafür zu sorgen, dass die Natur sich in diesem Frühling von ihrer besten Seite zeigen kann.

Dennoch beschloss ich, die Gartenarbeit „Meinem“ zu überlassen. Wenn ich nicht will, dann will ich nicht. Und jemand muss sich doch auch um die armen Papiere kümmern, die so verloren auf meinem Schreibtisch liegen.  Heute Nachmittag aber ging uns die Erde aus und weil „Meiner“ am Graben war – er verschönert gerade unseren Gartensitzplatz – musste eben ich in die Migros fahren. Und dann war es um mich geschehen und jetzt wachsen auf unserem Balkon Kopfsalate, Eisbergsalate, Basilikum, Thai-Basilikum, Zitronenthymian, Mohn, Oregano, Marokkanische Minze, Butternut-Kürbisse und Petersilie. Und weil das nicht genug ist, habe ich gleich noch ein paar Kohlrabi und San Marzano-Tomaten ins Gartenbeet gepflanzt.

Tja, sieht so aus, als wäre ich nun doch dabei. Ich hätte es ja eigentlich wissen sollen, dass jeder Widerstand zwecklos ist. Wie meine geneigten Leser wissen, kann man sich der Gärtnerei in einem gewissen Alter nicht mehr erwehren.