Von Adlern und besoffenen Staubsaugern

Der Freund unserer Tochter kann zaubern. Ganz sicher. Sie hat es selber gesehen. Da sahen sie doch heute auf dem Heimweg vom Kindergarten diesen Adler. Ja, es war wirklich ein Adler  und nicht etwa eine Elster oder eine Krähe. Und dieser Adler war tot. Also ja, vielleicht war er tot, vielleicht verrichtete er auch nur sein Geschäft. Auf jeden Fall hat der Freund unserer Tochter das Tier wieder lebendig gemacht. Wie er das gemacht hat konnte unsere Tochter nicht erklären. Aber der Adler flog wieder.
Vielleicht könnte der Junge auch unserem Staubsauger wieder auf die Beine helfen. Der liegt nämlich seit heute Nachmittag stockbesoffen im Keller. Irgendwie schafften es die sechs Kinder, die heute im Keller eine abgewandelte Form von Räuber und Gendarm spielten, fünf Weinflaschen zu zerschlagen. Momente später standen sechs panische Kinder in der Küche und berichteten von einem mit Scherben bedeckten Fussboden, davon, dass sämtliche Weinflaschen zerbrochen seien. Man hätte glauben können, der ganze Keller sei mit Wein überschwemmt.
Nun, was tut die Mutter in so einem Moment? Sie schnappt sich den erstbesten Besen und Haushaltpapier, um die Sauerei zu beseitigen. Nachdem dass Gröbste erledigt ist, kommt der Staubsauger zum Einsatz. Zu dumm nur, dass etwas viel Wein in den Teppich geflossen ist. Nach zwei Minuten beginnt es zu stinken, Rauch steigt auf, dann tropft nur noch Wein aus dem Schlauch.
Tja, da liegt er nun, unser besoffener Staubsauger. Mal sehen, ob der Freund unserer Tochter wirklich zaubern kann…

Sisyphos

Sisyphos war in Wirklichkei eine Hausfrau, allenfalls auch ein Hausmann, falls es solche in der Antike schon gegeben hat. Ein typischer Tag im Leben des Sysiphus muss etwa so ausgesehen haben: Er stand am Morgen auf, räumte das schmutzige Geschirr vom Vorabend weg, holte aus dem Geschirrspüler das saubere Geschirr, um darin das Frühstück zu servieren, räumte das jetzt ebenfalls schmutzige Geschirr wieder in den Geschirrspüler, liess diesen laufen, putzte den Tisch, wischte den Boden, steckte die Kinder in Kleider, die er am Vorabend gewaschen hatte, im besten Wissen, dass dieselben Kleider spätestens in fünf Stunden wieder in der Waschmaschine landen würden, entfernte die Zahnpastaspuren aus dem Waschbecken, faltete saubere Wäsche zusammen, räumte auf, wischte den Boden, holte sauberes Geschirr aus dem Geschirrspüler, räumte es nach dem Essen wieder zurück in den Geschirrspüler, liess diesen laufen, putzte den Tisch, wischte den Boden, steckte die Kinder in frische Kleider, entfernte die Zahnpastaspuren aus dem Waschbecken, räumte auf, holte das saubere Geschirr aus dem Geschirrspüler, räumte das schmutzige Geschirr nach dem Essen wieder in den Geschirrspüler, putzte den Tisch, wischte den Boden, räumte auf, steckte die Kinder in frische Pijamas, entfernte die Zahnpastaspuren aus dem Waschbecken, steckte die schmutzigen Kleider in die Waschmaschine, hängte die nasse Wäsche auf und sank danach todmüde und im vollen Bewusstsein, den ganzen Tag nicht etwas gleistet zu haben, das Bestand haben würde, ins Bett.
Doch weil dies alles zu wenig glamourös klang, hat man aus Sisyphos einen König gemacht, der erst nach allen erdenklichen Patzern zu seinem sinnlosen Dasein verdammt wurde. Fragt sich nur, womit all die armen Hausfrauen- und männer die Götter erzürnt haben…