Da ist sie wieder

Es war, als hätte sie gespürt, dass das Ende naht. Wenige Tage vor Schwiegermamas Tod war die Katze plötzlich verschwunden. Sie, die noch nie draussen gewesen war, machte sich plötzlich auf und davon, gerade so, als müsste sie sich ein wenig zurückziehen. Alles Suchen und Rufen war vergeblich, das Tier blieb verschwunden.

Davon durfte Schwiegermama natürlich nichts erfahren, denn sie hatte schon genug Schweres zu tragen in ihren letzten Tagen und auch der italienischen Verwandtschaft mussten wir eins ums andere Mal versichern, der Katze gehe es gut, obschon wir doch keine Ahnung hatten, was aus ihr geworden war. Zwar meinte die Nachbarin, sie sei ihr eines Tages in der Waschküche begegnet, aber wer konnte denn so sicher sein, ob es sich bei dem Tier tatsächlich um Schwiegermamas Katze handelte? Wo es doch in unserem Quartier von schwarz-weissen, übergewichtigen Katzen nur so wimmelt. Es blieb uns also nichts anderes übrig, als in der Verwandtschaft so zu tun, als sei alles in bester Ordnung, während wir uns insgeheim damit abzufinden begannen, dass wir die Katze, die sich doch gerade mal so knapp bei uns eingelebt hatte, nie wieder zu Gesicht bekommen würden. Und weil die italienische Verwandtschaft sich ja auch in den Sozialen Medien rumtreibt, konnten wir nicht mal eine Vermisstmeldung auf Facebook posten… „Vielleicht kommt sie ja zurück, wenn die Beerdigung durch ist“, bemerkte ich irgendwann, ohne wirklich zu glauben, was ich da gerade sagte.

Nun, die Katze brauchte wohl noch ein paar Tage länger, um von Schwiegermama Abschied zu nehmen, denn am Donnerstag, als wir von der Abdankung zurückkamen, war sie noch nicht da. Heute aber tauchte sie plötzlich wieder auf, ein wenig schlanker als vor ihrem Verschwinden, dafür aber zutraulicher als je zuvor.

Es sieht ganz so aus, als hätte sie sich damit abgefunden, dass wir jetzt ihre Familie sind. 

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Katzenfänger

Die Katze soll zu uns kommen, hat Schwiegermama gesagt, als uns allen klar wurde, dass eine Heimkehr auch nach dem Spitalaustritt bis auf Weiteres nicht in Frage kommt. Das Tier werde sich bestimmt schnell wieder bei uns einleben, wo es doch in unserem Wandschrank das Licht der Welt erblickt habe, meinte Schwiegermama. Ich bin mir da offen gestanden nicht so sicher.

Gut, als sie noch ein Kätzchen war, fühlte sie sich tatsächlich ausgesprochen wohl bei uns. Flink kletterte sie jeweils an meinem Bein hoch, um sich auf meine Schulter zu setzen und mir beim Kochen zuzuschauen. Den ganzen Tag blieb sie mir auf den Fersen, um mich nicht aus den Augen zu verlieren. Doch nach ihrem Auszug gewöhnte sie sich schnell an das beschauliche Leben als Wohnungskatze einer älteren Frau und es dauerte nicht lange, bis sie uns mit einem zornigen Knurren empfing, wenn wir zu Besuch kamen. Irgendwann beschloss sie, sich ganz unsichtbar zu machen, wenn ihre laute Herkunftsfamilie ins Haus kam. Zum Glück erklärte uns Schwiegermama, die Katze verhalte sich immer so, wenn jemand vorbeikomme, sonst wäre ich wohl ziemlich eingeschnappt gewesen. Immerhin waren wir diejenigen, die mit reichlich Futter den Grundstein für ihre inzwischen ausgesprochen rundliche Figur gelegt hatten. 

Mir graut offen gestanden ein wenig vor dem kommenden Samstag, denn dann wollen wir das Tier davon überzeugen, sein ruhiges Zuhause zu verlassen. Schwiegermama meinte zwar, das sei ganz einfach, wir müssten bloss den Tierarzt rufen und der komme dann mit dem Kescher, um die Katze einzufangen. Mir aber widerstrebt diese Fangmethode und zwar nicht nur, weil mich das Geld für den Tierarzt reut, sondern auch, weil ich mir einbilde, mit Katzen auch ohne fremde Hilfe klarzukommen. Und wer weiss, vielleicht erinnert sie sich sogar wieder an unsere gemeinsame Zeit, wenn ich sie mit honigsüsser Stimme unter dem Sofa hervorzulocken versuche? Dann aber fällt mir wieder ein, wie sie mich bei unserer letzten Begegnung mit glühenden Augen anstarrte und mit zornigem Fauchen in die Flucht trieb. Was, wenn sie mich diesmal sogar anspringt und ich wenig später mit zerkratztem Gesicht an Schwiegermamas Krankenbett meine Niederlage eingestehen muss? Was, wenn das Tier das Weite sucht und ich mit der Nachricht ins Spital komme, die geliebte Katze sei auf Nimmerwiedersehen verschwunden? Bis in meine Träume verfolgt sie mich inzwischen, so sehr fürchte ich, diesen Auftrag zu vermasseln. 

Ich denke, ich muss mir unbedingt eine Portion Gelassenheit zulegen, bevor ich am Samstag losfahre, um die Katze einzufangen. Vielleicht nehme ich mir die zwei Mädchen zum Vorbild, die heute Nachmittag an unserem Haus vorbei spazierten:

„Schau mal, eine Katze.“

„Wo?“

„Dort drüben. Siehst du sie nicht?“

„Ach so, jetzt sehe ich sie. Ich glaube, die ist tot.“

„Nein, ist sie nicht.“

„Doch, ich glaube schon.“

„Was, wenn sie wirklich tot ist?“

„Na, dann ist sie halt tot.“

„Stimmt, dann ist sie halt tot.“

Na ja, ganz so kaltblütig möchte ich nicht werden. Aber vielleicht ein klein wenig ruhiger…

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Socken-Lieferdienst

Etwas eigenartig fand ich es schon, als ich in letzter Zeit immer wieder einzelne Socken vor unserer Wohnungstür einsammeln musste, aber da unsere Kinder nicht gerade berühmt sind für ihre Ordentlichkeit, dachte ich mir nicht viel dabei. Höchstens vielleicht, dass wohl mal wieder eine kleine Moralpredigt – „Wir sind eine Familie, also trägt gefälligst jeder dazu bei, dass hier Ordnung herrscht!“ – fällig wäre. 

Ich war noch nicht dazu gekommen, meinen Lieben ins Gewissen zu reden, als die Einzelsocken damit anfingen, in die Wohnung einzudringen, den Eingang in Beschlag zu nehmen und schliesslich auch unter dem Esstisch herumzulungern. „Nun reicht es aber wirklich“, schimpfte ich vor mich hin, während ich die verirrten Socken mit dem Besen unter dem Tisch hervor angelte. 

Die Einzelsocken häuften sich, der richtige Zeitpunkt für die Standpauke liess sich irgendwie nie finden und eines Morgens stand des Rätsels Lösung laut miauend vor der Wohnungstür: Katze Henrietta, die im Frühling immer etwas sonderbar ist, seitdem sie keine Kinder mehr bekommen kann, mit einer einzelnen Socke zwischen den Zähnen. Voller Stolz legte sie mir ihre Beute zu Füssen, als ich ihr die Tür öffnete. Da sie mich mit ihren grossen, sanften Augen so treuherzig ansah, konnte ich nicht anders, als sie für ihre aktive Mithilfe im Haushalt zu loben – obschon die Socke mit ziemlicher Sicherheit vom ungewaschenen Wäscheberg stammte.

Das Lob tat ihr offenbar gut. Seither ruft sie mich mehrmals täglich herbei, um mir neue Socken zu Füssen zu legen. Falls ich es mal nicht rechtzeitig zur Tür schaffe, verschafft sie sich selber Einlass, um ihre Beute unter dem Esstisch zu deponieren. Manchmal treffe ich sie auch im Hauseingang an, wo sie verzweifelte Kreise zieht, weil irgend ein unwissendes Familienmitglied die Kellertür zugemacht und ihr den Weg zum Sockennachschub versperrt hat.

Obschon die herumliegenden Socken ganz schön nerven, bin ich Henrietta in mehrfacher Hinsicht dankbar für ihren Dienst. Erstens weiss ich jetzt, dass unsere Kinder nicht alleine verantwortlich sind für die Unordnung im Haus. Zweitens finden auf diese Weise vielleicht ein paar seit Langem getrennte Sockenpaare wieder zusammen. Und drittens lässt sie Nachbars Gartenhandschuhe in Ruhe, solange sie mit den Socken alle Pfoten voll zu tun hat. 

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Schon schön, aber…

Klar doch, ich liebe es auch, unter dem blühenden Kirschbaum zu stehen und den wolkenlosen Himmel zu betrachten. Ich freue mich über die Bienen, die zahlreicher herumsummen als in den letzten Jahren. Mehrmals am Tag mache ich eine kurze Runde ums Haus, um die Osterglocken zu bewundern, die Aurikel, die Veilchen, den Löwenzahn… Manchmal bin ich meinen Kindern peinlich, weil ich mit allem rede, was da spriesst und gedeiht, zum Beispiel mit der Brennessel, die ich zwar in meinem Garten haben will, aber nicht dort, wo sie zu wachsen beliebt, weshalb ich sie zum Umzug auffordern muss. Und natürlich schlägt mein Herz höher, wenn ich wieder mit nackten Füssen in der kühlen Erde stehen kann.

Doch kühle Erde hat es nur dort, wo ich das Beet frisch aufgefüllt habe. Die Erde, die vom letzten Jahr noch da ist, fühlt sich staubtrocken an, egal, wie oft ich sie befeuchte. Auch wenn ich tiefer grabe, finde ich keine Feuchtigkeit, es sei denn, ich erwische einen Katzendreck. (Nebenbei gesagt: Wann begreift dieser Gottegris endlich, dass eine Katze nie in den eigenen, sondern stets in Nachbars Garten macht?) Jeden Abend mache ich die Runde mit der Giesskanne, zweimal habe ich gar den Gartenschlauch hervorgeholt, gerade so, als hätten wir Hochsommer.

Nein, ich will mich nicht über den Sonnenschein, das Vogelgezwitscher und die Blütenpracht beklagen. Zu Denken gibt mir die andauernde Trockenheit aber trotzdem.

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Was mir zu meinem Glück noch alles fehlt

Es gab eine Zeit, da war jedem klar, dass man erdverbundenen Menschen das Geld nicht so leicht aus dem Sack ziehen kann, weil sie bei jeder Anschaffung zuerst überlegen, was Mama Erde wohl dazu sagen würde. Inzwischen sieht das etwas anders aus. Ich weiss nicht, ob die erdverbundenen Menschen einen Weg gefunden haben, Mama Erde zum Schweigen zu bringen, wenn sie mal wieder den mahnenden Zeigefinger hebt, oder ob clevere Geschäftsleute entdeckt haben, wie man in einem Menschen, der eher dem Feinstofflichen zugetan ist, materielle Gelüste weckt. Auf alle Fälle gibt es inzwischen ein beeindruckendes Angebot an Produkten, die einen guten Menschen zu einem noch besseren machen sollen. Hier eine Auswahl aus einem Katalog, der mir neulich in die Finger geraten ist:

Da gibt es zum Beispiel das Waffeleisen „Blume des Lebens“, dank dessen Hilfe Waffeln nicht nur gut schmecken und sichtbare Spuren auf den Hüften hinterlassen, sondern zugleich mit ganz viel Lebensenergie aufgeladen werden. Wie das gehen soll? Nun, ganz einfach: Die Waffeln kommen nicht in der üblichen profanen Herzchenform aus dem Gerät, sondern in der Form der „Blume des Lebens“, dem Symbol, das „seit 5000 Jahren für Lebensenergie“ steht, wie es im Katalog heisst. Und das für gerade mal 90 Franken. Ja, diese Blume des Lebens muss es wirklich in sich haben. Es gibt sie nämlich auch auf Fussmatten, Matratzenbezügen und Hausschuhen, natürlich alles mit sattem Preisaufschlag, weil ein mit Lebensenergie aufgeladener Artikel eben viel mehr Wert ist. Wer jetzt denkt, ich würde dies nur wegen meiner christlichen Gesinnung schreiben, dem sei gesagt, dass ich es ebenso lächerlich finde, wenn man überteuerte Fussabtreter mit Kreuzsymbol verkauft.

Ganz toll ist auch der „Yoga-Frosch“. Ich hätte ja auf den ersten Blick gedacht, da wolle sich einer über Yoga lustig machen, denn das Ding sieht aus wie etwas, was ein Teenager im Zweifrankenshop kaufen würde, doch der Begleittext klärte mich darüber auf, dass der Yoga-Frosch Heiterkeit verbreitet und den Betrachter an die wichtigsten Übungen erinnert. Vielleicht müsste ich mit Yoga anfangen, damit ich die Botschaft des Frosches verstehen könnte. Und damit ich dazu bereit wäre, 26 Franken zu bezahlen, um ihn zu bekommen.

Die haben übrigens auch Fixleintücher in diesem Katalog. Die gleichen hässlichen Farben wie überall, das gleiche Material, die gleiche Verarbeitung, aber doppelt so teuer. Vermutlich, weil die Dinger einen Haufen Lebensenergie getankt haben, als sie im Lagerregal zwischen Waffeleisen und Yoga-Frosch lagen.

Wahrscheinlich sollte ich mir auch das Buch „Die Schnurr-Therapie – Wie Katzen heilen“ mit integrierter CD kaufen. Für nur gerade 30 Franken erfahre ich alles über die „von Katzen beim Schnurren ausgestrahlten Wellen“, die „einen positiven Einfluss auf den menschlichen Körper und Geist“ haben. So wenig Geld für einen „mächtigen Anti-Stress-Faktor“, einen „Verstärker der Abwehrkräfte“ und obendrein „eine wertvolle Unterstützung der Psychomotorik“. Und ich arme, unerleuchtete Närrin habe geglaubt, mein kleiner roter Kater hätte sein volles Potential bereits ausgeschöpft, wenn er sich mit Schnurren und Schmusen bei mir einschmeichelt, nachdem er unter unser Bett gekackt hat.

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