Die können ja, wenn sie wollen

Prinzchen hat heute mit meiner Hilfe seine erste Wähe gebacken. Ein kleines Ding, gerade mal gross genug, um einen kleinen Kindermagen zwischendurch ruhig zu stellen. Natürlich gab es für alle zusammen noch eine Grosse. Wo kämen wir denn hin, wenn einer alleine den ganzen Genuss hätte? Oder jeder nur einen winzigen Bissen abbekäme? Die Grosse war im Nu weggeputzt, einzig Prinzchens Küchlein lag noch auf dem Tisch, als sich beim Zoowärter der Wunsch nach mehr Wähe regte.

Zoowärter beinahe schüchtern zum Prinzchen: „Gibst du mir einen Bissen von deiner Wähe ab?“
Prinzchen: „Nicht jetzt.“
Zoowärter, leicht eingeschnappt: „Hab ja nur gefragt…“
Prinzchen, fällt ihm ins Wort: „Nicht jetzt, habe ich gesagt. Aber wenn ich wieder hochkomme, darfst du sie haben.“
Zoowärter, verwundert: „Die ganze Wähe?“
Prinzchen: „Ja, die Ganze. Aber erst gehe ich jetzt noch ein wenig zu Grossmama. Ach was, iss sie doch jetzt…“

Eine Stunde später, das Prinzchen ist wieder da und die Wähe schon längst in Zoowärters Bauch.
Prinzchen: „Wo ist meine Wähe?“
Zoowärter schaut schuldbewusst zu Boden: „Die habe ich gegessen.“
Prinzchen: „Die Ganze?“
Zoowärter, beschämt aber auch leicht irritiert: „Du hast es doch gesagt…da habe ich eben gedacht…“
Prinzchen: „Kein Problem. Ich habe doch nur gefragt.“

Zum Glück war die Sache damit erledigt. Wenn das Prinzchen den Zoowärter auch noch gefragt hätte, ob ihm die Wähe geschmeckt hat, hätte ich es mit der Angst zu tun bekommen. Ich meine, das geht doch nicht, die Dinge so ganz ohne Tobsuchtanfälle und elterliche Intervention zu regeln.

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Einfach unersättlich, diese Majestäten

Okay, ich weiss, ich bin ein Feigling. Ich bringe es einfach nicht übers Herz, einem einzigen Familienmitglied die Krone für einen Tag zu gönnen. Jeder Aufwand ist mir recht, wenn ich mir damit den Anblick enttäuschter Kinderaugen ersparen kann. Schief geht es trotzdem jedes Jahr. Am heutigen Dreikönigstag lief das alljährliche Drama folgendermassen ab:

Sonntag, 5. Januar 2014, ca. 22:00 Uhr

Mama Venditti schiebt den fairsten Königskuchen aller Zeiten in den Ofen und legt fest, welcher Brötcheninhalt für welchen Titel steht:

  • Rosine = König Christian I. von Dänemark, Schweden und Norwegen
  • Erdnuss= Queen Elizabeth I.
  • Kaffeebohne = Lous XIV.
  • Roter Bonbon = König Carl XIV Johan von Schweden
  • Gelber Bonbon = King Arthur
  • Getrocknete Rose = Zarin Katharina die Grosse
  • Kandierte Früchte = Kaiser Karl der Grosse

Ja, ich weiss, ein echter Adelskenner würde in dieser Aufstellung schon einige Standesunterschiede ausfindig machen, aber wir wollen es mal nicht übertreiben, gekrönt ist gekrönt. Auf das Basteln von Kronen wird übrigens verzichtet, der Titel muss reichen. 

Sonntag, 5. Januar 2014, ca. 22:05 Uhr

Luise kommt verbotenerweise noch einmal aus dem Bett und lässt mich wissen, dass ein Dreikönigstag ohne  „richtigen“ Königskuchen auch kein „richtiger“ Dreikönigstag sei. Und ein „richtiger“ Königskuchen sei einer, der im Laden gekauft wird. Mama Venditti beschliesst, ihrer Tochter den Gefallen zu tun und einen zusätzlichen Kuchen zu kaufen, weil das arme Kind in der letzten Zeit doch immer wieder geklagt hat, man würde sie zu wenig ernst nehmen.

Montag, 6. Dezember, 07:05 Uhr

Queen Elizabeth I., in diesem Hause besser bekannt als Zoowärter, tauscht ihren Titel mit König Carl XIV. Johan, im Alltag Luise genannt. Nach diesem Tausch schauen beide gekrönten Häupter deutlich fröhlicher aus der Wäsche. Wenig später dankt König Christian I., manchmal auch Prinzchen genannt, freiwillig ab und bittet seinen Vater untertänigst, er möge ihm den Thron von King Arthur überlassen. Der Vater, in royalen Dingen vollkommen unbedarft, gewährt seinem Sohn diesen Wunsch und macht sich auf, um seinem ganz und gar bürgerlichen Broterwerb nachzugehen. Wie zu erwarten war, ist Louis XIV. mit seiner Rolle voll und ganz zufrieden, dafür widerstrebt es ihm, als FeuerwehrRitterRömerPirat in die Schule gehen zu müssen. Karl der Grosse ist leider krank und Katharina die Grosse zieht sich nach durchwachter Nacht noch einmal in ihr Schlafgemach zurück, nachdem sie in der Migros zwei „richtige“ Königskuchen mit Papierkronen erstanden hat. Ja, zwei, weil einer alleine nur sechs potentielle Königsbrötchen hat. Also doch Potential für Streit, weil nur zwei eine Krone haben können. 

Montag, 6. Dezember, 11:45 Uhr

King Arthur, vormals König Christian I, kommt freudenstrahlend vom Kindergarten nach Hause. Er, sein bester Freund und „so ein Mädchen“ haben einen König und damit auch eine Krone ergattert. Katharina die Grosse, von ihren Kindern noch immer als Mama angesprochen, atmet hörbar auf. Einer ist bereits gekrönt, also einer weniger, der enttäuscht werden kann. 

Montag, 6. Dezember, 12:35 Uhr

König Christian I., auch „Meiner“ genannt, darf sich eine Krone aufsetzen. Mist! Die hätte doch eines der Kinder bekommen sollen! Wer die zweite Krone bekommt, wird sich beim Zvieri zeigen.

Montag, 6. Dezember, 15:11 Uhr

Queen Elizabeth I. kommt verschwitzt und hungrig von einer freiwilligen Joggingrunde zurück – fragt mich bloss nicht, was in sie gefahren ist – und der Zufall belohnt sie für diesen Einsatz mit einer Krone. Weil sie von der sportlichen Betätigung so ausgehungert ist, verschlingt sie zu viel Königskuchen und muss deshalb in der Bäckerei Nachschub holen. Sonst reicht es nicht für alle zum Zvieri.

Montag, 6. Dezember, 15:30 Uhr

Queen Elizabeth I. kehrt mit zwei überteuerten Königskuchen aus der Bäckerei zurück. Die Augen von Louis XIV. glänzen hoffnungsfroh. Vielleicht wird er doch noch eine Krone bekommen.

Montag, 6. Dezember, 15:56 Uhr

Louis XIV. sitzt schluchzend am Tisch. Karl der Grosse und König Carl XIV. Johan haben sich die zwei letzten Kronen geschnappt. König Christian I., der ja ohnehin kein echter Royalist ist, bietet dem traurigen Sonnenkönig seine Krone an, doch dieser schlägt das Angebot aus, weil zu dieser Krone eine Königinnenfigur gehört. Katharina die Grosse, die übrigens auch auf eine Krone verzichten musste, bittet Queen Elizabeth I., sie möge doch bitte mit dem armen Sonnenkönig Erbarmen haben und ihm ihre Königsfigur überlassen. Im Gegenzug dürfe sie König Christians Königinnenfigur haben. Doch Queen Elizabeth I. zeigt sich unnachgiebig und so bleibt dem armen Sonnenkönig nichts anderes, als sich mit einem Säcklein Süssigkeiten aus der Bäckerei zu trösten, das er sich erst noch hinter Katharinas Rücken und mit dem eigenen Taschengeld kaufen musste. King Arthur findet das trotzdem vollkommen unfair und muss wegen lauten und andauernden Heulens auf sein Zimmer geschickt werden. 

Montag, 6. Dezember, 23:48 Uhr

Alle gekrönten Häupter haben sich zur Ruhe begeben. Alle? Nein, Zarin Katharina die Grosse ist noch wach und fragt sich, was sie nun wieder falsch gemacht hat, an welchem Punkt die Sache aus dem Ruder gelaufen ist, ob sie es wagen soll, den Dreikönigstag im Reiche Venditti um des lieben Frieden Willens abzuschaffen, oder ob sie damit riskiert, auf dem Schafott zu landen. 

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Und wenn wir nicht mehr mitspielten?

Irgendwo habe ich neulich sinngemäss gelesen, wir Eltern sollten uns gefälligst aus der Bildungsdiskussion raushalten, wir seien ja keine Experten. „Von wegen keine Experten“, brummte ich in meinen nicht vorhandenen Bart. Wir, die wir Tag für Tag miterleben, was Reformen, Pisa-Resultate und Sparübungen mit unseren Kindern anstellen, sollen uns aus der Angelegenheit raushalten? Ich wollte mir überlegen, ob es einen Weg gäbe, auf dem wir uns konstruktiv einbringen könnten, doch leider hatte ich keine Zeit, um mich weiter mit der Sache auseinanderzusetzen, also schob ich meine Gedanken unausgereift zur Seite. 

Einige Tage später stiess ich auf einen Zeitungsartikel zur Kritik am Lehrplan 21. Man sprach von den Bedenken der Wirtschaft, von den Änderungswünschen der Lehrerschaft, von den kritischen Fragen der Parteien, Politiker und Schulleiter. Aber kein Wort von der Elternseite, als ginge uns die Sache nichts an, als gehörten wir nicht auch zu jenen, die im Alltag ausbaden müssen, was an Schreibtischen zurechtgezimmert wird. „Was wäre, wenn wir uns so penetrant in die Diskussion einbrächten, dass man unsere Stimme nicht überhören könnte?“, fragte ich mich, doch wieder forderten andere Dinge meine Aufmerksamkeit.

Ein Essay von Hauke Goos in der aktuellen Ausgabe des „Spiegels“ brachte mich erneut ins Grübeln. Unter dem Titel „Du sollst keine Fehler machen!“ beschreibt der Autor, wie unsern Kindern die Kindheit geraubt wird, wie wenig Spielraum für Individualität noch bleibt und wie viele von uns „bildungsnahen“ Eltern unseren Teil zum Druck beitragen, indem wir uns eine Schule wünschen, die unsere Kinder optimal auf den Übertritt ans Gymnasium vorbereitet. Die Aufforderung, wir Eltern sollten uns häufiger auf die Seite unserer Kinder stellen und zwar „bei dem grossen Projekt, das darin besteht, so viel Schule wie nötig zu ermöglichen und so viel Kindheit wie möglich“ zwang mich dazu, mich dem Thema endlich zu stellen. 

Ich las, überlegte und plötzlich war er da, der Gedanke: Was, wenn wir nicht mehr mitspielten? Wenn wir nicht mehr mit lautem Wehklagen dabei zusähen, wie unsere Kinder mehr und mehr von einem Schulsystem vereinnahmt werden, das kaum mehr Luft zum Atmen lässt? Wenn wir die Diskussion um eine gute Schule nicht mehr kampflos den „Experten“ überliessen, die in erster Linie den internationalen Wettbewerb und die Wirtschaftstauglichkeit der Schüler im Blick haben? Wenn wir unsere Kinder nicht irgendwann resigniert von der Volksschule ab- und in der Privatschule anmeldeten, weil die Knöpfe unter der Last der (Haus)aufgaben beinahe zusammenbrechen? Wenn wir nicht mehr schulterzuckend zuhörten, wie die Lehrer darüber klagen, dass das Bildungssystem ihnen keinen Spielraum mehr lässt und sie halt einfach durchziehen müssen, was man ihnen vorgibt? Wenn wir uns stattdessen mit den Lehrern verbündeten und gemeinsam für eine Schule einstünden, die nahe am Kind ist? 

Wenn wir Eltern werden, sagt man uns, wir trügen jetzt die Verantwortung für diesen kleinen Menschen, doch spätestens mit dem Eintritt in die Schule treten wir einen grossen Teil dieser Verantwortung ab. Das ist nicht grundsätzlich schlecht, denn die allgemeine Schulpflicht ist ja eigentlich eine gute Sache. Was aber, wenn wir merken, dass die Schule – und ich meine jetzt nicht die lokale Schule, sondern das Schulsystem als Ganzes – zu viel von unseren Kindern erwartet? Wenn man unseren Kindern die hirnrissigsten Ziele steckt? Wenn sie therapiert werden sollen, weil sie nicht ins System passen und nicht, weil ihnen etwas fehlt? Wäre es dann nicht unsere Verantwortung, laut vernehmlich Stop zu rufen und nicht mehr mitzumachen? 

Nein, ich weiss nicht genau, wie das gehen soll, denn wir Eltern haben zwei grosse Nachteile: Wir schaffen es nicht, uns darüber zu einigen, was wir vom Bildungssystem erwarten und wir neigen dazu, unseren eigenen Nachwuchs verklärt zu sehen. Darum fehlt es uns an Schlagkraft und Sachlichkeit. Aber deswegen können wir doch nicht einfach schweigen, wenn wir sehen, wie schief die Dinge derzeit laufen. Es muss doch einen Weg geben, wie wir uns so in die Diskussion einbringen können, dass man unsere Anliegen ernst nehmen muss und man nicht mehr einfach behaupten kann, wir Eltern dürften nicht mitreden, weil wir eben keine Experten seien. 

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Ferienpläne

Karlsson will nach Paris. Vielleicht auch mal nach Spanien. Ja, Mamas Reisepläne wären auch in Ordnung, aber nur, wenn wir zuerst nach Paris fahren denn „es kann doch nicht sein, dass ich noch nie in Paris war!“. 

Luise will nach London. Oder sonst irgendwo auf die andere Seite des Ärmelkanals. Nirgendwo ist es so schön wie in England, das weiss Luise genau, obschon sie bei ihrem ersten und einzigen Besuch gerade mal sechs Monate alt war. 

Der FeuerwehrRitterRömerPirat kann sich Schweden durchaus noch einmal vorstellen, hätte aber auch gegen Malta nichts einzuwenden. Deutschland wäre auch okay, oder Frankreich. Hauptsache, er kann viele Bücher mitschleppen und findet einen ruhigen Ort zum Lesen. 

Der Zoowärter will nach Stockholm und zwar in das vierstöckige Haus im Vasaviertel, auf dessen Dach ein winziges Häuschen steht, in  dem Karlsson vom Dach lebt. Aber auf gar keinen Fall nach Dänemark, nie mehr im ganzen Leben, denn dort hat man ihm seine Karlsson-Puppe geklaut. Behauptet er. 

Das Prinzchen will ins Astrid Lindgren-Land. 

Ich will nach Stockholm. Oder nach Göteborg. Und aufs Land, irgendwo in Südschweden, nicht zu weit vom Wasser entfernt. 

„Meiner“ will mehr oder weniger das Gleiche wie ich, könnte aber auch damit leben, zu Hause zu bleiben, wenn es dem Budget besser bekommt.

Kater Leone äussert sich nicht zum Thema, aber ich weiss genau, dass er uns bei sich behalten will. Meine Gartenbeete werden seine Meinung teilen. 

Mein Kopf sagt, dass wir bald buchen müssen, wenn es nicht zu teuer werden soll, „Meiner“ und die Stimme der Vernunft pochen aber darauf, dass zuerst das Budget stehen muss. 

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Wunderbare faule Tage

Ausschlafen, bis man das Frühstück als Mittagessen durchgehen lassen kann.
So lange lesen, bis das Buch oder zumindest die spannende Passage zu Ende ist.
Sich in Zürich nicht durch die Massen stören lassen, sondern mit Karlsson in aller Ruhe die Geschenke aussuchen, die er sich nicht wünschen konnte, weil er noch gar nicht wusste, dass er grünen Kaviar und Schweizer Trüffel bekommen könnte.
Sich von Panettone, Orangen, Tonic Water und Gruyère ernähren, weil alles andere zu viel Arbeit macht.
Sich mit Mann, Kind und Katzen im Wohnzimmer fläzen und einen Familienfilm reinziehen.
Zwischendurch ein Kaffee oder einen Tee aus einer Tasse schlürfen, die noch niemand hat kaputt machen können, weil ich sie gerade erst bekommen habe.
Sich über unerwartete Geschenke freuen, zum Beispiel über edlen Tee und Maldon Salt, die wir im im Delikatessengeschäft geschenkt bekommen haben, bloss weil dort der Vater von Prinzchens bestem Freund arbeitet.
Immer wieder einen verträumten Blick auf den in diesem Jahr so wunderschön geratenen Weihnachtsbaum werfen.
Ab und zu einen Streit schlichten, aber damit muss man wohl leben.
Zeit haben für spontanen Besuch.
Kein Problem haben damit, wenn der Besuch dann doch nicht kommt. Dann fläzen wir eben weiter im Pyjama rum.

Seitdem unsere Kinder grösser sind, sind die Tage zwischen den Jahren wieder das, was sie früher mal waren: Wunderbare faule Tage.

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Tochtertag

Natürlich war es wunderschön, Luises Traum zu erfüllen.

Mal wieder mit einem staunenden, glücklichen Schulmädchen unterwegs zu sein, anstatt mit einem vorpubertären, schlecht gelaunten Ding, das im Alltag immer öfter unsere süsse, blauäugige Tochter kidnappt und sich an ihrer Stelle an unseren Tisch setzt.

Zu erleben, dass ich nicht ganz so ängstlich bin, wie es manchmal den Anschein macht, und sie nicht ganz so mutig, wie man denken könnte.

Zu sagen: „Okay, für dich mache ich das, auch wenn mir ein wenig mulmig ist dabei.“ Und zu hören: „Wenn du mitkommst, dann traue ich mich, aber ohne dich mache ich es nicht.“

Zu merken, dass wir beide die gleichen Leute lächerlich finden. Zum Beispiel die Teenie-Tussi, die aller Welt ihre Schlittschuhkünste vorführt, die beste Freundin, die ziemlich wackelig auf den Kufen steht, mit gelungenen Pirouetten in den Schatten stellt und dann mit voller Wucht auf dem Hosenboden landet. Oder die Oma, die in Samichlaus-Mantel und Samichlaus-Mütze gekleidet mit ihrer Sippe zu Mittag isst und nicht ein einziges Mal ihr Gesicht zu einem Lächeln verzieht. 

Im Looping-Restaurant noch ein zweites Dessert zu bestellen, bloss weil es so viel Spass macht, dabei zuzusehen, wie das Essen an den Tisch gesaust kommt. 

Gemeinsam über die Macken von „Meinem“ zu witzeln und dann doch wieder zu überlegen, ob es ihm auf dem Riesenrad wohl gefallen würde, oder ob er im Café besser aufgehoben wäre. 

Nach dem ganzen Lichterzauber in der Dunkelheit nach Hause zu fahren, den halben Weg darüber zu reden, warum eine Ehe, die in Las Vegas geschlossen wurde, selten ein ganzes Leben lang hält und irgendwann ein sehr zufriedenes aber sehr müdes Kind neben sich sitzen zu haben, dem es nur mit Mühe gelingt, die Augen bis zum Schluss offen zu halten, damit es zu Hause noch dem Papa erzählen kann, wie unglaublich schön es war, diesen Traum erfüllt zu bekommen. 

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Ihr Traum, der mal meiner war

Was sie denn nun machen wolle, fragten wir sie. Die Zeit dränge allmählich, ihr elfter Geburtstag stehe schon bald vor der Tür und darum solle sie sich endlich entscheiden, was sie denn Besonderes unternehmen wolle. Einen Tag mit Papa und einen mit Mama bekommen die Knöpfe geschenkt, wenn sie zehn werden und natürlich muss es etwas Grosses sein, denn die Gelegenheit kommt so bald nicht wieder. Luise überlegte lange. Monatelang. Dann wusste sie endlich, wohin sie wollte: In den Europa Park und zwar mit Mama. Erst wollte sie ja mit Papa gehen, weil der im Alltag mehr Witz versprüht, doch dann erlebte sie, wie er blass und blasser wurde, als wir ihn Kopenhagen zu einer Fahrt auf einer mittelmässigen Berg- und Talbahn überredeten. Und sie erlebte, wie Mama auf der gleichen Bahn vergnügt kreischte und dann war klar, wer mit ihr nach Rust fährt.

Ich will mich ja nicht beklagen. Immerhin war es vor dreissig Jahren mein grösster Traum, in den Europa Park zu fahren, doch daran war bei uns nicht zu denken. Nicht mal fragen musste ich, so etwas war einfach klar bei uns. Jetzt geht dieser Traum doch noch in Erfüllung, einfach mit etwas Verspätung. Gut, einmal war ich schon dort, als „Meiner“ und ich im achten Monat schwanger mit Karlsson eine Gruppe Teenager hin- und zurück karrten. Aber hochschwanger lassen die dich ja keinen Spass haben dort, also trieb ich mich den ganzen Tag lang auf diesen Kleinkinder-Attraktionen herum. Diesmal sollte dem Vergnügen nichts mehr im Wege stehen.

Nichts, ausser mein Alter, das mir keine allzu heftigen Berg- und Talfahrten mehr verzeiht. Und meine inzwischen etwas andere Sicht der Welt. Heute beeindruckt mich eher das Natürliche, die künstliche Welt eines Freizeitparks hat für mich ihren Reiz schon längst verloren.  Nein, von einem Tag im Europa Park träume ich schon längst nicht mehr, aber ich habe nicht vergessen, wie es war, aussichtslosen Träumen nachzuhängen. Luises Traum aber soll in Erfüllung gehen und ich werde mit grossem Vergnügen alles mitmachen, was ihr Freude bereitet. 

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Ein Happen für zwischendurch

Luise hat mal wieder eine Einladung zu einer Geburtstagsparty bekommen. Also, genauer gesagt ist es eine Einladung zu einer Geburtstag’s Party, zu der Luise, wenn sie „lust“ hat, verkleidet kommen darf. Die Einladung schliesst mit der höflichen Bitte „wenn nicht kommen kannst sag mir bescheid“. Nachdenklich studiere ich die Einladungskarte. Nicht ein einziges Komma hat sich in den kurzen Text verirrt, obschon es an einigen Stellen herzlich willkommen wäre, auch die Grossschreibung kommt viel zu kurz. Nur der Apostroph ist da, obschon er hier wirklich nichts zu suchen hätte. Dieser miese Gatecrasher hat es mal wieder geschafft, dabei zu sein obschon er nicht dazu gehört.

Woher kennen Kinder, die weder mit Kommata noch Gross- und Kleinschreibung vertraut sind, diesen Kerl überhaupt?

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Weihnachtsüberraschung

Versteht mich bitte in den folgenden Zeilen nicht falsch. Ich zähle mich nicht zu den Christen, die jedes Mal wutschnaubend im Kindergarten antraben, wenn von Hexen oder Feen die Rede ist. Ich beschwöre auch nicht gleich die Apokalypse herauf, wenn die Kinder ein „Zaubersprüchlein“ lernen. Schon gar nicht erwarte ich, dass der Kindergarten- und Schulunterricht konfessionell ausgerichtet sind. Wünschte ich dies, dann hätte ich unsere Kinder schon längst an einer christlichen Schule angemeldet, was mir persönlich aber zu einseitig wäre. Womit ich natürlich wiederum niemanden kritisieren möchte, der für seine eigenen Kinder anders entscheidet… Ich sehe schon, ich bewege mich auf dünnem Eis, obschon ich gar nichts Provokatives schreiben will. Vielleicht sollte ich einfach mit meiner Erklärung aufhören und erzählen, was mich heute so überrascht hat.

Da kommt das Prinzchen vom Kindergarten nach Hause – seit einigen Tagen schafft er das jetzt alleine – und präsentiert mir seine Weihnachtsbasteleien. Ein kleines Geschenkpaket, das „Meiner“ und ich natürlich erst am Heiligen Abend auspacken dürfen, einen Schutzengel mit Kerze im Heiligenschein und ein längliches Etwas, das in einer Art Schüssel liegt, die mit blauer Wolle ausgepolstert ist. Was das sei, fragte ich. „Das ist Jesus in seinem Bett“, erklärte das Prinzchen. „Jesus in seinem Bett?“, fragte ich ungläubig, aber nicht etwa, weil das Prinzchen so schlecht gebastelt hätte, dass man das längliche Etwas nicht mit ein wenig Fantasie als Baby hätte erkennen können. „Ja, das ist wirklich Jesus in seinem Bett und daneben ist ein Schutzengel“, beharrte unser Jüngster.

Ich war vollkommen baff. Zum ersten Mal in den acht Jahren, in denen wir nun kindergarten- und schulpflichtige Kinder haben, brachte eines unserer Kinder ein Kind in der Krippe nach Hause. Schutzengel haben wir schon haufenweise, Samichläuse und Sterne ebenfalls, ein paar Rentiere befinden sich auch in unserer Sammlung und wenn ich mich nicht irre, gab’s auch schon irgendwelche Wichtel. Alles mit viel Liebe gebastelt und es käme mir nicht im Traum in den Sinn, die Sujetwahl der Lehrerinnen zu kritisieren, obschon mir das rotnasige Rentier offen gestanden ziemlich auf die Nerven fällt mit seinem ewigen Geblinke. Dass heute, nach all den Jahren zum ersten Mal ein Jesuskind dabei war, stimmt mich aber doch irgendwie nachdenklich. Zu Weihnachten überhaupt nicht über die Weihnachtsgeschichte zu reden ist doch irgendwie ähnlich extrem, wie sie jedem ungefragt um die Ohren zu hauen. 

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Wie schwierig kann es denn sein…

…Gabeln, Messer, Esslöffel und Kaffeelöffel in der Besteckschublade ins richtige Fach einzuordnen? Nein, kein ausgeklügeltes System, das nur Eingeweihte verstehen können. Einfach nur Gabeln zu Gabeln, Messer zu Messer und so weiter. Und nicht etwa Messer zu Kaffeelöffel, Gabel zu Rüstmesser und quer obendrauf noch ein Esslöffel oder so.

…die Zähne zu putzen, ohne eine halbe Tube Zahnpaste im Lavabo zu verschmieren? Ich will ja nicht pingelig sein, aber mit Zahnpaste bringt man das Lavabo einfach nicht sauber, egal, wie viel man davon verschmiert. 

…die Wäsche in den Wäschekorb zu schmeissen und nicht 22,5 Millimeter daneben? 

…den Deckel zurück auf die Flasche zu schrauben, nachdem man sich eingeschenkt hat? Ja, ich weiss, gewisse Kinder können prima basteln mit Flaschendeckeln, man kann auch ganz tolle Glotzaugen machen damit, aber kann man damit nicht warten, bis alles aus der Flasche raus ist, nicht bloss die Kohlensäure?

…schmutziges Geschirr in den Geschirrspüler zu räumen und sauberes in den Schrank und nicht umgekehrt? Ich würde ja behaupten, der Unterschied zwischen Küchenschrank und Geschirrspüler sei so deutlich zu erkennen, dass selbst der verschlafenste Venditti das richtig hinkriegen sollte. Und auch der Unterschied zwischen schmutzig und sauber wäre kaum zu übersehen, würde man genau hinschauen.

…einen leeren Joghurtbecher die drei Meter vom Esstisch zum Abfalleimer zu tragen? Ja, ich weiss, so ein Becher kann ganz schön klebrig sein, wenn man nicht sauber gegessen hat, aber in jedem anständigen Schweizer Haushalt hat es über dem Abfalleimer einen Wasserhahn. Auch in unserem Haushalt, obschon der von Anstand keine allzu grosse Ahnung hat. 

…leere Milchkartons in den Abfalleimer zu schmeissen und nicht zurück in den Kühlschrank zu stellen?

…zu sagen „Ja, Mama, du hast Recht, das ist wirklich eine Sauerei. Ich bringe das sofort in Ordnung“? 

…es beim nächsten Mal besser zu machen, wo man doch gesehen hat, wie hoch man die Mama wieder auf die Palme getrieben hat mit diesem Mist?

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