Zoff mit der Glucke

„Wie geht es dir denn so?“, fragte mich neulich eine entfernte Bekannte und wie man eben sagt, wenn Menschen, die einem nicht besonders nahe stehen, antwortete ich: „Ganz gut, danke“ und obschon das sehr oberflächlich klingt, meinte ich es mehr oder weniger so, wie ich es sagte. Nach ein paar Minuten Smalltalk trennten sich unsere Wege, aber ich blieb nicht lange alleine, denn die Glucke gesellte sich zu mir.

Glucke: „Bist du von Sinnen? Du behauptest, dir gehe es gut, dabei sind doch da die Kinder…“

Ich (ungeduldig, denn ich hatte gerade absolut keine Lust auf die Glucke): „Die Bekannte hat nach meinem Befinden gefragt, nicht nach dem Befinden der Kinder.“

Glucke (verständnislos): „Und wo ist da der Unterschied? Geht es den Kindern gut, geht es dir auch gut, geht es den Kindern schlecht, geht es dir auch schlecht. Ist doch ganz einfach.“

Ich: „Na ja, oberflächlich betrachtet, hast du bestimmt recht. Die Sorge um die Kinder kann einen tatsächlich ganz schön in Beschlag nehmen. Bei genauerem Hinsehen, kann ich aber sagen, dass mein Leben momentan viel näher an dem dran ist, was ich schon immer angestrebt habe. Ich bin also ganz zufrie…“

Glucke (unterbricht mich empört, schreit beinahe): „Zufrieden? Wolltest du wirklich zufrieden sagen? Ist dir Zoowärters Bauchweh denn egal? Und Luises Kopfweh? Karlssons Prüfung? Die Sorgen des FeuerwehrRitterRömerPiraten? Prinzchens Grippe? Geht dir das alles am A… vorbei?“

Ich: „Himmel, nein, natürlich ist mir das alles nicht egal und es beschert mir auch mehr als genug schlaflose Nächte, aber die Frage lautete nicht, wie es den Kindern geht, es ging ausnahmsweise mal um mein Befinden und das ist momentan eigentlich ganz gut. Mal abgesehen davon, dass mein Schreiben unter den aktuellen Umständen leidet und ich manchmal ziemlich gestresst bin wegen der vielen Arzttermine…“

Glucke: „Mir wird gleich schlecht vor so viel Egoismus. Die jammert doch tatsächlich über Arzttermine und mangelnde Zeit, um sich selbst zu hätscheln. Und dann klagt sie auch noch, die Leute würden zu wenig nach ihr fragen.“

Ich: „Wann, bitte sehr, habe ich mich beklagt, die Leute würden zu wenig nach mir fragen?“

Glucke: „Na, gerade eben. Dieses ‚ausnahmsweise‘, das du da eingeschoben hast, hat Bände gesprochen. Du möchtest also lieber gefragt werden, wie denn das Befinden der verwöhnten Prinzessin sei, die wegen ihrer Brut vom Schreiben abgehalten wird?“

Ich: „Nun hör schon auf, mir Dinge in den Mund zu legen, die ich so nicht gesagt habe. Dieses ‚ausnahmsweise‘ sollte nur darauf hinweisen, dass ich derzeit sehr viel Zeit damit verbringe, mit anderen Leuten über die Sorgen meiner Kinder zu sprechen. Manchmal muss ich da einfach wieder etwas Abstand gewinnen, um dankbar sagen zu können, dass das Leben trotz aller Schwierigkeiten, die wir derzeit zu meistern haben, eigentlich ganz gut ist. Man wird ja wohl noch differenzieren dürfen, ohne gleich als Rabenmutter abgestempelt zu werden.“

Glucke (mit Tränen in den Augen): „Differenzieren? Wenn dein eigen Fleisch und Blut schwierige Zeiten durchmacht, wird nicht differenziert, dann wird gefälligst mitgelitten und zwar so, dass du, wenn du nach deinem Befinden gefragt wirst, nur noch in Tränen ausbrechen kannst. So macht man das, wenn man ein Herz in seiner Brust hat.“

An diesem Punkt wurde mir einmal mehr bewusst, wie unmöglich es ist, mit der Glucke ein halbwegs vernünftiges Gespräch zu führen. Ich liess sie links liegen, wandte mich dem Zoowärter zu und fragte: „Wie geht es dir denn heute?“ „Meinem Bauch überhaupt nicht gut“, antwortete er, „aber ich könnte platzen vor Freude, wenn ich daran denke, dass mich morgen mein bester Freund besuchen kommt.“

Da siehst du mal, meine liebe Glucke, wie gut das geht mit dem Differenzieren…

IMG_6590

Fast schon wie früher

Kurz nach Mittag, Mama Venditti sitzt am halb abgeräumten Esstisch und denkt halblaut nach: „Hmmm, mal überlegen…was steht heute Nachmittag alles an? Zuerst müsste ich…“

Der Zoowärter kommt angehumpelt (Sein Bauch schmerzt noch immer.): „Mama, machst du mir einen Tee?“

Mama Venditti geht in die Küche, um Teewasser aufzusetzen und murmelt: „Okay, erst mal Tee kochen und dann…“

Wenig später sitzt das Kind mit dem Tee auf dem Sofa, Mama wendet sich wieder ihren Tagesplänen zu: „Also, zuerst müsste ich schnell in den Garten, bevor der Regen…“

Weiter kommt sie nicht, denn jetzt steht Luise da: „Mama, wo ist mein Französischbuch?“

Mama: „Ich weiss nicht, aber du musst jetzt doch nicht lernen, wenn du krank geschrieben bist.“

Mama und Tochter diskutieren eine Weile, Tochter zieht sich ins Zimmer zurück, Mama versucht, ihren Gedankenfaden wieder aufzunehmen: „Zuerst also in den Garten und dann…“

Karlsson ruft: „Mama, kann ich den Laptop nehmen?“ 

Karlsson? Müsste der nicht längst in der Schule sein? Ach nein, der darf ja für seine Projektarbeit zu Hause arbeiten. Mama holt den Laptop, Sohn richtet sich ein, Mama mag jetzt nicht mehr länger überlegen und geht in den Garten, bevor der Regen kommt.

Das Fenster des Esszimmers geht auf, Karlsson schaut raus: „Mama, der Computer spinnt. Kommst du kurz hoch?“

Mama lässt die Akeleien, die eingepflanzt werden möchten, achtlos liegen und geht seufzend die Treppe hoch. Der Computer spinnt tatsächlich und fordert ziemlich viel Aufmerksamkeit, bis er sich wieder eingekriegt hat.

Mama geht zurück zu ihren Akeleien, Augenblicke später geht das Fenster wieder auf. Der Zoowärter: „Mama, mir ist sooooooo langweilig…“

Mama: „Moment, ich komme gleich hoch.“ Hastig buddelt sie die restlichen Akeleien, den Eisenhut und den Rittersporn in die Erde und geht wieder hoch, um sich des Unterhaltungswunsches ihres Sohnes anzunehmen. Bevor sie dazu kommt, muss aber noch einmal eine Computerfrage von Karlsson geklärt werden und Luise, die nun trotzdem Hausaufgaben macht, braucht ebenfalls Hilfe. Dann endlich schreibt sie eine Nachricht an die Mutter von Zoowärters Freund, um einen Besuch zu arrangieren, damit das Kind ein paar Stunden mit Brettspielen von den Bauchschmerzen abgelenkt wird.

Einen Moment lang ist alles ruhig, Mama Venditti fängt wieder an zu überlegen: „Okay, der Garten ist für heute erledigt. Dann wäre da noch der Brotteig…“

Viel weiter kommt sie nicht, denn schon wieder steht da jemand, der etwas braucht und dann schon wieder und dann schon wieder und dann schon wieder, bis irgendwann der Nachmittag um ist und Mama Venditti erkennt, dass das Stundenplanwunder bis auf Weiteres ausser Kraft gesetzt ist. 

IMG_8780

 

 

Lieber Frühling

Bitte nimm es mir nicht krumm, wenn ich heute ganz offen mit dir rede. Meine Worte sind freundschaftlich gemeint und als eine deiner grossen Verehrerinnen, die es dir nicht krumm nimmt, wenn du dich hin und wieder ganz garstig aufführst, fühle ich mich berechtigt, dir zu sagen, was ich von den Mätzchen halte, die du derzeit aufführst.

Dein Einknicken vor jenen, die schon wieder sämtliche sozialen Medien mit ihrem Gejammer vollpflastern, erscheint mir bedenklich. Ja, sie fordern von dir, dein sonniges, warmherziges Gesicht zu zeigen und möglichst schnell deine volle Pracht zu entfalten. Aber wer sagt denn, dass du das tun musst? Du bist der Frühling, du kannst es dir leisten, launenhaft und unberechenbar zu sein, mal garstig, mal sonnig, mal kühl, mal warm. Menschen, die noch wissen, wie du früher mal warst, erwarten gar nichts anderes von dir, sie sind vielleicht höchstens ein wenig erstaunt, dass du das alles bereits im März und nicht erst im April tust. 

Ich finde es geradezu peinlich von dir, wie du nun versuchst, jene zufrieden zu stellen, die ein ganz und gar unrealistisches, von der Waschmittelwerbung inspiriertes Bild von dir haben. Das mit den Narzissen, die du schon Ende Februar hast erblühen lassen, hätte ich dir noch nachsehen können. Narzissen sind ja bekanntlich ziemlich widerstandsfähig und lassen sich durch den Schnee, den du hin und wieder fallen lässt, nicht beirren. Was du jetzt aber mit unserem Aprikosenbaum abziehst, geht zu weit. Nur weil die Banausen jetzt schon blühende Bäume erwarten, brauchst du nicht gleich nachzugeben und die zarten rosaroten Blütenblättchen der Kälte aussetzen. 

Dein Verhalten spricht Bände über deine Unerfahrenheit mit sozialen Medien. Du glaubst, du müsstest tun, was sie dort lautstark von dir fordern, aber so ist das nicht. Die reden dort nur gross daher, aber anhaben können sie dir nichts. Immerhin warst du vor ihnen da, und hoffentlich wirst du auch noch da sein, wenn sie alle schon Geschichte sind. Darum möchte ich dir Mut zusprechen: Du musst das nicht tun, mein lieber Frühling, du darfst ganz dich selbst bleiben (und unserem Aprikosenbaum noch ein paar Tage oder Wochen Winterruhe gönnen).

IMG_0644

 

Sahnehäubchen

Es gab eine Zeit in meinem Leben, da war Genuss ein rares Gut. Ich war buchstäblich rund um die Uhr gefordert, sehr oft auch körperlich. Ein Bad zu nehmen, ungestört ein Tässchen Tee zu geniessen oder einen ganzen Film am Stück zu schauen, war purer Luxus. Während dieser Zeit bedeuten fünfzehn ungestörte Minuten mit einem liebevoll angerichteten Dessert, einem Latte Macchiato und einer Duftkerze die Welt. Wer mir eine wirklich grosse Freude bereiten wollte, schenkte mir nicht nur eine Badekugel von Lush, sondern gleich noch einen dicken Schmöker und eine Stunde kinderfrei dazu. Alles Liebliche zog mich magisch an, denn um mich herum herrschte fast immer das Chaos. Wann immer ich ein paar Franken übrig hatte, schleppte ich Rosarotes und Geblümtes an, um meinem Leben einen freundlicheren Anstrich zu verleihen. 

Inzwischen ist mein Leben nicht unbedingt weniger herausfordernd, doch die Dinge, die vor ein paar Jahren noch mein Herz hatten höher schlagen lassen, sind selbstverständlicher geworden. Wenn ich finde, ich hätte mal wieder etwas Entspannung nötig, lässt sich das meist einrichten und falls es doch mal nicht klappen sollte, ist das zwar ärgerlich, ein Vollbad im Selbstmitleid nehme ich deswegen aber nicht. Mein Bedürfnis nach Ruhe und Erholung hat also wieder halbwegs normale Ausmasse angenommen. Wenn es um meine eigene Zeit geht, steht nicht mehr der Wunsch nach Entspannung im Vordergrund, sondern der unbändige Drang, zumindest einen Teil der Ideen, die in meinem Kopf schlummern, zum Leben zu erwecken. 

Mit einem gewissen Befremden registriere ich jetzt den ganzen „Gönn dir was“-Kult, der sich in den letzten Jahren ausgebreitet hat. Die Regale in den Läden, die vollgestopft sind mit wunderschönen, aber eigentlich unnützen Dingen, das Tamtam das gemacht wird um die perfekte Kaffeepause im perfekten Ambiente, der Aufwand, der betrieben wird, um es sich selber gut gehen zu lassen. Klar haben wir es uns verdient, nach den anstrengenden Kleinkinderjahren ein wenig auszuspannen und die Ruhezeiten, die wir verpasst haben, nachzuholen. Natürlich tut es gut, hin und wieder die Füsse hochzulegen, über das Leben nachzudenken und die schönen Dinge zu geniessen. Es ist sogar nötig, das hin und wieder zu tun, sonst verrennt man sich so leicht. Manchmal aber scheint mir, wir Mütter zwischen vierzig und sechzig seien drauf und dran, uns das, was eigentlich das Sahnehäubchen sein sollte, zum Lebensinhalt zu machen.

IMG_8788

 

Vollmundig

Schachklub kommt dann mal gar nicht in Frage für ihre Kinder. Und Fussball auch nicht. Na ja, ganz verbieten würden sie Fussball nicht, aber die Ausrüstung müsste der Nachwuchs selber bezahlen und natürlich würden die Eltern nicht ein einziges Mal zu den Spielen gehen. Damit muss man leben, wenn man sich für so eine Sportart entscheidet. Ein sportbegeistertes Kind wäre ja ohnehin eine Strafe für die Eltern. Eines, das Volksmusik mag übrigens auch. Falls sich die Knöpfe weigern, Blumenkohl zu essen, wird kurzer Prozess gemacht: Mund auf, Blumenkohl rein, Mund wieder zu. Beim Essen wird man dann ohnehin mal genau hinschauen müssen. Wählerisch dürfen sie nicht sein, die lieben Kleinen. Immer nur wie die Barbaren Pommes und Chicken Nuggets in sich reinstopfen geht gar nicht. Und dann diese Vergnügungsparks. Reine Zeit- und Geldverschwendung. 

Dies und noch viel mehr verkünden unsere Kinder vollmundig. Jawohl, genau die Kinder, die ihre alternativ angehauchten Eltern dazu gebracht haben,…

  • mit ihnen zu McDonald’s zu gehen, obschon „Meiner“ und ich in Vorkinderzeiten ähnlich vollmundig behauptet hatten, dorthin würden wir N-I-E gehen.
  • Ferien in kleinkarierten Kinderhotels zu verbringen (Immerhin war ich standhaft genug, um nicht bei dieser schrecklich peinlichen Polonaise mitzumachen, während „Meiner“ nicht den Mumm hatte, sich quer zu stellen, aber das ist ja auch kein Wunder, wo er doch als Kind schon immer zu solchen Dingen gezwungen wurde.)
  • am Schüler-Fussballturnier frierend am Spielfeldrand zu stehen und zu hoffen, dass die Mannschaft nicht noch eine Runde weiter kommt, damit endlich Schluss ist mit diesem Mist.
  • sich durch den Europa-Park zu quälen. (Also zumindest die Mama, der Papa hat sich bis anhin erfolgreich vor dieser Tortur gedrückt.)
  • Dosen-Ravioli zu kaufen, was Gott sei Dank nur einmal vorgekommen ist, da keiner das Zeug mochte.
  • viel Geld für Barbies, Minions, Transformers und anderen Kram liegen zu lassen, weil man Weihnachts- und Geburtstagswünsche halt einfach erfüllen muss. (Na ja, unsere Kinder würden natürlich behaupten, sie würden sich rundheraus weigern, solches Zeug zu verschenken, aber die haben ja keine Ahnung…)
  • Toast Hawaii zum Mittagessen zu servieren.
  • an einem regnerischen Samstag ins Shopping Center zu fahren.
  • Pullis mit „Bob der Baumeister“-Aufdruck zu kaufen.
  • bei offenem Fenster „Mir Senne heis luschtig“ vorzusingen.
  • Milchschnitten zu kaufen. (Na ja, immerhin habe ich sie nicht selber in den Einkaufswagen gelegt, sondern nur müde genickt und „Von mir aus, aber nur dieses eine Mal“ geseufzt.)
  • sich an unzähligen Orten im Schneckentempo mit diesen dämlichen Eisenbahnen herumkarren zu lassen und jedes Mal wie irr zu winken, wenn der „Zug“ bei Papa, der den Kinderwagen hüten musste, vorbeituckerte.
  • so zu tun, als würden wir bei dem Affentheater an Kinderkonzerten begeistert mitmachen, obschon man sich bis ins Innerste für den Hampelmann auf der Bühne fremdschämte.
  • nach dem Konzert eine halbe Stunde beim Hampelmann für ein Autogramm anzustehen.

und noch ganz viele andere schreckliche Dinge, die wir nie im Leben hatten tun wollen, die wir dann aber doch getan haben, weil Eltern so blöd sind, fast jeden Preis zu zahlen, um ihre Kinder glücklich zu machen. 

Sie werden dann ja sehen, wie das läuft. Und ich werde ihnen dann genüsslich diesen Text vorlesen.

IMG_8794

Warum überhaupt?

„Warum willst du überhaupt eine Diagnose?“, fragte neulich jemand, als wir darauf zu reden kamen, dass beim FeuerwehrRitterRömerPiraten einige Dinge anders sind als bei anderen Kindern. „Er ist halt einfach der FeuerwehrRitterRömerPirat mit all seinen liebenswerten und auch einigen schwierigen Seiten. Nehmt ihn doch einfach, wie er ist und verzichtet auf die Abklärungen“, meinte die Person und ich hätte ihr nur zu gerne beigepflichtet.

Eigentlich hat sie ja recht. Wozu soll so ein Etikett gut sein, das man dem Kind anheftet? Sind die Menschen denn nicht in der Lage, ein Kind einfach so zu nehmen, wie es nun mal ist? Mit ihm unterwegs zu sein und ihm zu helfen, die wunderbaren Dinge, die in ihm drin stecken, zu Tage zu befördern? Die Geduld aufzubringen, mit ihm manches, was bei anderen mit zunehmendem Alter ganz von selbst kommt, Schritt für Schritt zu erlernen?

 Nein, das sind sie ganz offensichtlich nicht, oder zumindest lässt das System ihnen nur sehr wenig Spielraum, diese Geduld aufzubringen. Ein Kind hat gefälligst so zu funktionieren, wie die Mehrheit der Kinder in einem bestimmten Alter funktioniert und wenn es das nicht tut, unterstellt man ihm schnell einmal Unwilligkeit. Alle seine Fähigkeiten und liebenswerten Eigenschaften spielen plötzlich keine Rolle mehr, es ist nur noch das Kind, das nicht liefert, was man glaubt, von ihm erwarten zu können.

Wie schwierig es ist, für ein solches Kind nur schon ein Minimum an Unterstützung zu bekommen, habe ich an anderer Stelle schon zur Genüge beschrieben. Erweist sich dann aber das Minimum, das man dem Kind irgendwann doch noch zugestanden hat, als zu wenig, läuft ohne präzise Diagnose überhaupt nichts mehr. Also hast du die Wahl: Entweder, du lässt die Experten an dein Kind heran, die herausfinden, wo der Grund für die Schwierigkeiten liegt, oder du lässt dein Kind untergehen. (Ja, ich weiss, einige würden jetzt für Homeschooling plädieren, aber aus Gründen, die nicht hierher gehören, geht das im Falle des FeuerwehrRitterRömerPiraten nicht.)

Mit etwas Glück gerätst du nach langer Suche endlich an eine kompetente Fachperson, die das Kind nimmt, wie es ist, mit all seinen Schwächen und Stärken. Diese Fachperson darf dann, wenn Sie herausgefunden hat, wo der Hase im Pfeffer liegt, mit der Diagnose in der Hand für die nötige Unterstützung kämpfen. Sogar dann, wenn sich – wie Gott sei Dank in unserem Fall – die Schule nach ihren Erläuterungen willig zeigt, dem Kind zu geben, was es braucht, muss das noch lange nichts heissen. Das letzte Wort hat nämlich die Bildungspolitik und die hat ja trotz verankertem Recht auf Bildung in erster Linie die Finanzen im Blick. Die Diagnose ist also noch lange keine Garantie auf echte Unterstützung – vielleicht weicht sie ja einen halben Millimeter von dem ab, was noch durchgeht -, aber immerhin öffnet sie dir die Tür einen Spalt breit, damit wieder ein Schimmer Hoffnung auf das trübe Szenario von Versagensängsten, Überforderung und Schulfrust scheint. 

Und weil der FeuerwehrRitterRömerPirat diesen Hoffnungsschimmer ganz dringend braucht, sind wir ganz froh, nach vielen unnötigen Umwegen endlich eine Diagnose zu haben (die übrigens das bestätigt, was wir beobachtet haben und jetzt hat das Kind auch einen Namen bekommen).

IMG_2015.jpg

Ganz schön intensiv das Ganze

„Warte nur, bis sie grösser sind“, warnten mich erfahrene Mütter, als ich selber noch ziemlich am Anfang stand. „Du wirst dich nach den Zeiten zurück sehnen, als die Frage, wann sie endlich durchschlafen, deine grösste Sorge war.“ Sie redeten so, als wäre die Baby- und Kleinkinderzeit ein Spaziergang an der Strandpromenade, das Leben mit grösseren Kindern hingegen eine Überfahrt bei rauer See. Trotz ihrer Erfahrenheit glaubte ich ihnen nicht. Wie auch? Wo doch jeder Tag mit den lieben kleinen Menschen mehr an die Substanz ging, als vorher eine ganze Arbeitswoche. 

Heute stehe ich in der Lebensphase, vor der sie mich damals gewarnt haben. Eine intensive Phase, ich gebe es offen zu. Schulnöte, gesundheitliche Probleme, pubertäre Wutanfälle, Revolte gegen die elterliche Autorität, der zunehmende Schmerz des Loslassens – das alles geht an die Substanz, erfordert meine volle Präsenz, raubt mir zuweilen auch den Schlaf. 

Hatten sie also recht, die Mütter, die es vor zehn, fünfzehn Jahren so gut verstanden, mir den Mut zu rauben? Nein, das hatten sie nicht. Kinder zu haben – das sehe ich heute, wo einige Bereichen einfacher, andere schwieriger als früher sind – ist in jeder Phase ganz schön intensiv.

Und trotz allem ganz schön. 

IMG_2030

Politisiert

Zufrieden? Na ja, ein weiteres Loch im Gotthard hätte es meiner Meinung nach nicht gebraucht und ich gehöre auch zu der Minderheit, die findet, mit Essen dürfe man nicht spielen, aber davon abgesehen erlebe ich heute den ersten glücklichen Abstimmungssonntag seit Jahren. Nicht nur wegen dem, was man jetzt in sämtlichen Medien im In- und Ausland lesen kann – weshalb ich es an dieser Stelle nicht zu wiederholen brauche -, sondern auch, weil „Meiner“ und ich jetzt nicht mehr die einzigen sind, die am Familientisch über Politik diskutieren. Gut, Politik war schon immer ein Thema bei uns, und die ältesten unserer Kinder erinnern sich noch lebhaft an meinen Luftsprung, als der Milliardär aus Herrliberg aus dem Bundesrat abgewählt wurde, doch bis jetzt verliefen die politischen Gespräche eher so:

Kinder: „Ist das ein Guter oder ein Böser?“

„Meiner“: „Ein Böser.“

Kinder: „Warum?“

Ich: „Weil der bei der letzen Abstimmung…“

Inzwischen aber ist Karlsson gross genug, um sich seine eigenen Gedanken zu machen, kluge Beobachtungen anzustellen und herausfordernde Fragen zu stellen. Luise kann zwar noch immer nicht ganz nachvollziehen, warum wir dem Thema so viel Beachtung schenken, aber auch sie fängt an zu begreifen, dass das alles auch etwas mit ihrem Leben zu tun hat. Beim FeuerwehrRitterRömerPiraten könnte man glauben, er verstehe von der Sache noch überhaupt nichts, fangen seine Augen doch jedes Mal, wenn im politischen Zusammenhang das Wort „Kampf“ fällt, gefährlich an zu leuchten, doch kurz darauf stellt er wieder Verständnisfragen, die es in sich haben. Man darf also gespannt sein, wie sich das in den kommenden Jahren entwickelt.

Ich hoffe einfach, „Meinem“ und mir ist es gelungen, eine gute Basis zu legen, damit sie in ein paar Jahren, wenn sie abstimmen und wählen dürfen, auch das Gleiche auf ihre Zettel schreiben wie wir. 

IMG_0536

Definitionen

Wenn man Kinder hat, bekommen gewisse Wörter eine ganz neue Definition. Hier ein paar Beispiele:

Kind

Defintion Duden (Auszug):
1. Noch nicht geborenes, gerade oder vor noch nicht langer Zeit zur Welt gekommenes menschliches Lebewesen; Neugeborenes, Baby, Kleinkind
2. Mensch, der sich noch im Lebensabschnitt der Kindheit befindet (etwa bis zum Eintritt der Geschlechtsreife), noch kein Jugendlicher ist; noch nicht erwachsener Mensch

Definition Eltern:
1. Über alles geliebter, grenzenlos begabter, bildhübscher und nahezu vollkommener Mensch, ohne den man sich sein Leben nicht mehr vorstellen könnte 
2. Kleines Monster, das einen so spielend zur Weissglut treibt wie sonst niemand auf diesem Planeten

Liebe

Definition Duden (Auszug):
1. Starkes Gefühl des Hingezogenseins; starke, im Gefühl begründete Zuneigung zu einem (nahestehenden) Menschen
2. Auf starker körperlicher, geistiger, seelischer Anziehung beruhende Bindung an einen bestimmten Menschen, verbunden mit dem Wunsch nach Zusammensein, Hingabe o. Ä.
3. Sexueller Kontakt, Verkehr

Definition Eltern:
1. Kind
2. Kind
3. Kind
4. Kind
5. Kind
6. Kind
7. Kind
.
.
.
.
.
.
102. Partner, so man sich denn mal sieht vor lauter Kind

Freizeit

Definition Duden:
Zeit, in der jemand nicht zu arbeiten braucht, keine besonderen Verpflichtungen hat; für Hobbys oder Erholung frei verfügbare Zeit

Definition Eltern:
1. Zeit, in der jemand so geschafft ist, dass er nicht mehr in der Lage ist, seinen Verpflichtungen (Wäscheberge, Steuererklärung, Geschirrspüler ausräumen, Hausaufgaben beaufsichtigen, etc.) nachzugehen, weshalb er oder sie auf dem Sofa kollabiert und sich irgend eine schwachsinnige Serie reinzieht, obschon eigentlich andere Dinge zu erledigen wären
2. Zeit, die einem der Partner schenkt, damit man mal wieder ausspannen kann, was aber nur gelingt, wenn man es schafft, nicht daran zu denken, was der Partner in dieser Zeit alles alleine stemmen muss
3. Tauschhandel mit dem Babysitter (wenig Zeit gegen viel Geld), mit dem Ziel, endlich mal wieder Zeit mit dem Partner zu verbringen

Wochenende

Definition Duden:
[Freitagabend,] Samstag und Sonntag (als arbeitsfreie Tage)

Definition Eltern:
1. Freitagabend: Der Abend, an dem alle anderen schon Wochenende haben, man selber aber die Kinder wahlweise zum Schulsport, zum Instrumentalunterricht oder zur Klassenfete karrt.
2. Samstag: Zimmer aufräumen, putzen, Schuhe kaufen, Reparatur- und Gartenarbeiten, Bibliotheksbesuch, Wände streichen, ausmisten und zwar alles unter Einbezug der Kinder, damit sie lernen, dass sich die Arbeit nicht von selbst erledigt, was nicht selten zu wüsten Streitereien führt
3. Sonntag: Tag der Erholung, der inneren Einkehr, der Familienausflüge und der Gäste, nicht selten ruiniert durch vergessene Hausaufgaben und unvermeidliche Sportanlässe

Ferien

Definition Duden:
1. mehrere zusammenhängende Tage oder Wochen dauernde, der Erholung dienende, turnusmässig wiederkehrende Arbeitspause einer Institution (z. B. der Schule, der Hochschule, des Gerichts oder des Parlaments)
2. Urlaub

Definition Eltern:
1. mehrere zusammenhängende Tage oder Wochen dauernde, der Kinderbespassung dienende Verlagerung des Alltags, die einen riesigen Vorbereitungsaufwand erfordert und ein gigantisches Loch in die Familienkasse reisst
2. mehrere zusammenhängende Tage oder Wochen dauernde, der Erholung dienende Arbeitspause der Schule, welche die Eltern ratlos lässt, wie sie in dieser Zeit die Kinderbetreuung organisieren sollen
3. Verklärte Erinnerungen, sobald man es geschafft hat, den Stress auf der Hinreise, den Augenblick, als die Kreditkarte ihren Dienst versagte und den Familienkrach im Louvre zu vergessen

Schule

Definition Duden (Auszug):
1. Lehranstalt, in der Kindern und Jugendlichen durch planmässigen Unterricht Wissen und Bildung vermittelt werden
2. Schulgebäude
3. In der Schule erteilter Unterricht
4. Ausbildung, durch die jemandes Fähigkeiten auf einem bestimmten Gebiet zu voller Entfaltung kommen, gekommen sind; Schulung
5. Gesamtheit der Lehrer- und Schülerschaft einer Schule

Definition Eltern:
1. Schulgebäude, an dem man mit dem Kleinkind regelmässig vorbei spaziert und sagt: „Sieh mal, das ist die Schule. Hier wirst du ganz viel lernen, wenn du grösser bist.“
2. Lehranstalt, in der Kindern und Jugendlichen durch nicht immer stundenplanmässigen Unterricht das vermittelt wird, was die Schulreformer gerade für besonders wichtig halten
3. Der zweite Durchlauf, bei dem erwartet wird, dass man nicht nur abrufen, sondern auch weitergeben kann, was man im ersten Durchlauf hätte lernen sollen, auf dass der Nachwuchs klüger werde als man selber
4. Ausbildung, durch welche die Fähigkeiten eines Kindes auf einem bestimmten Gebiet im besten Falle gefördert werden, damit sie zur vollen Entfaltung kommen, im schlimmsten Falle nicht erkannt, nicht gefördert und vielleicht sogar negiert werden

Glück

Definition Duden:
1. etwas, was Ergebnis des Zusammentreffens besonders günstiger Umstände ist; besonders günstiger Zufall, günstige Fügung des Schicksals
2. das personifiziert gedachte Glück; Fortuna
3. a) angenehme und freudige Gemütsverfassung, in der man sich befindet, wenn man in den Besitz oder Genuss von etwas kommt, was man sich gewünscht hat; Zustand der inneren Befriedigung und Hochstimmung
3. b) einzelne glückliche Situation; glückliches Ereignis, Erlebnis

Definition Eltern:
1. Kinder gesund, Partner gesund, Dach über dem Kopf, alle mehr oder weniger zufrieden und keiner mäkelt am Essen rum
2. angenehme und freudige Gemütsverfassung, in der man sich befindet, wenn man sein friedlich schlafendes Kind betrachtet und es nicht fassen kann, dass einem ein solcher Segen geschenkt worden ist

IMG_0521

 

 

 

Wie gut verstehst du deine Mutter, Teil II

Wieder mal eine kleine Weiterbildung für alle, die ihre Mutter gerne besser verstehen möchten. Aus aktuellem Anlass diesmal speziell auf Kinder von Home-Office-Müttern zugeschnitten.