Gaaaack

Besonders leicht ist es mir noch nie gefallen, Enttäuschungen anderer Menschen wegzustecken. Nun ja, auch an eigenen Enttäuschungen kau(t)e ich natürlich auch, aber noch schlimmer waren und sind für mich die Momente, in denen für einen geliebten Menschen die Welt zusammenbricht. Am allerschlimmsten – wie könnte es anders sein – ist es, wenn es eines meiner Kinder trifft. 

Dieser traurige Blick, der klägliche Versuch, die Tränen der Enttäuschung zurückzuhalten, das leere Schlucken und schliesslich das hemmungslose Schluchzen, weil ein grosses Ziel nicht erreicht worden ist oder ein kleiner, aber wichtiger Traum nicht in Erfüllung gegangen ist. In solchen Momenten bricht mir fast das Herz, ich möchte gegen alles und jeden zu Felde ziehen, der es gewagt hat, meinem geliebten Kind Schmerzen zuzufügen. 

Oh ja, ich weiss, Enttäuschungen gehören zum Leben, die lieben Kleinen müssen eben lernen, dass nicht immer alles läuft wie erhofft und überhaupt kann nur enttäuscht werden, wer sich hat täuschen lassen, bla, bla, bla… Das alles mag objektiv gesehen zutreffen, aber subjektiv gesehen ist es mein Kind, das mit einer – vielleicht nur in seinen Augen – harten Realität konfrontiert wird. Darum muss mir in solchen Momenten keiner kommen mit „Vielleicht ist es das Beste für dein Kind…“, denn in solchen Momenten bin ich nur eines: Eine Glucke, die ihr kleines, enttäuschtes Küken vor der grossen, bösen Welt beschützen will.

Das gilt übrigens auch dann, wenn das Küken gar nicht mehr besonders klein ist.

DSC09724-small

Erwachender Idealismus

Ganz klar, ich habe mal wieder zu viel Zeitung gelesen. Zu viel über Landgrabbing, Pestizide, Spekulation mit Lebensmitteln, desolate Zustände auf Gemüseplantagen in Südeuropa und Afrika, europaweiten Fleischhandel und dergleichen. Nun gut, die Sache mit dem Fleisch könnte mir ja egal sein, weil ich keines esse und für die Familie nur solches aus der Schweiz koche, aber die undurchsichtige Geschichte widert mich eben doch an.

Früher gelang es mir noch besser, solche Meldungen mit der Bemerkung „Ich tue mein Möglichstes, verantwortungsbewusst einzukaufen“ beiseite zu schieben. Immer öfter aber bringe ich es nicht mehr fertig, mein Unbehagen zu verdrängen. Der Wunsch, von jedem Lebensmittel, das auf dem Teller landet, zu wissen, woher es kommt und wie es produziert wird, wächst mit jeder Meldung, die ich zu Gesicht bekomme. Ja, ich weiss, mein Wunsch ist extrem und er wird wohl nie in Erfüllung gehen.

Dennoch ertappe ich mich immer öfter beim Gedanken, man müsste das doch irgendwie auch selbst hinkriegen. Ich meine, so schwierig kann es doch nicht sein, Gemüse, Milch und Fleisch beim Bauern zu besorgen, ein paar eigene Sachen anzubauen und Vorräte für den Winter selber einzumachen. Erste Gehversuche habe ich bereits gemacht, aber reicht mir das? Was ist mit Kleidern, Schuhen und all den anderen Dingen, die eine Familie eben so braucht? Würde ich mich nicht umso mehr über unumgängliche Kompromisse ärgern, je mehr ich versuchte, nach meinem Gewissen zu handeln? Und hätte ich überhaupt den langen Atem, den es braucht, um das alles über Jahre durchzuziehen?

Ich weiss es nicht, aber vielleicht mache ich mir mal Gedanken darüber, wie wir aus unserem Umschwung etwas mehr Garten machen könnten.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Mama Venditti, ärgere dich nicht

Etwas habe ich also doch gelernt in den vergangenen Jahren. Nicht besonders viel, ich geb’s ja zu, aber immerhin die eine Sache, nämlich die, damit leben zu können, wenn ich nicht bekomme, worauf ich mich gefreut habe. Okay, es gelingt mir nicht immer und mit grossen Enttäuschungen werde ich ebenso schlecht fertig wie die meisten Menschen auf diesem Planeten. Aber damit, dass mir meine hart erkämpften Inseln im Alltag immer wieder von kleinen und grossen Invasoren streitig gemacht werden, komme ich inzwischen ganz gut klar. 

Im ersten Moment ärgere ich mich vielleicht darüber, wenn mir mal wieder der Schaum vom Kaffee gelöffelt wird, auf den ich mich den ganzen Vormittag wie ein Kind gefreut habe, aber dann versuche ich eben, mich daran zu freuen, dass ein kleiner Mensch auf meinem Schoss sitzen und Kaffeeschaum löffeln will. Ich bin enttäuscht, wenn wieder einmal Menschen mein Tagesprogramm bestimmen, die in meinem Leben eigentlich überhaupt nichts zu bestimmen hätten, aber dann suche ich eben nach den Rosinen, die mir der Tag vielleicht trotzdem  bieten könnte und meist werde ich fündig. Besonders schwer fällt es mir jeweils, wenn jemand die raren Momente, die ich für mich ganz alleine vorgesehen hatte, für sich in Anspruch nimmt. Gelingt es mir jedoch, den Ärger loszulassen, werden daraus doch noch ganz wertvolle Momente.

Ich verstehe nicht warum, aber oft muss ich erkennen, dass die Zeit, von der ich geglaubt hatte, sie gehörte mir, eben doch nicht mir gehört und je weniger ich mit diesem Umstand hadere, umso einfacher fällt es mir, das Gute im Unerwarteten zu erkennen. Wie gesagt, es fällt mir längst nicht immer leicht, aber noch schwerer würde es mir fallen, mich immer und immer wieder darüber zu ärgern, dass ich nur in den seltensten Fällen diejenige bin, die bestimmt, wie meine Tage ablaufen. 

IMG_5418

Grossfamilienträume

Träumen darf man ja, haben wir uns gesagt, als klar wurde, dass in diesem Jahr mehr Budget für Ferien vorhanden sein würde. Anfangs träumten wir Richtung Westen, doch je mehr wir in uns gingen, umso klarer wurde uns, dass es uns eigentlich Richtung Norden zieht. Ein alter Traum, aber einen, den wir bisher nicht zu träumen gewagt hatten, weil alle immer sagten, wie teuer das Leben dort sei. Aber mit etwas mehr Ferienbudget konnte man den Traum ja mal etwas genauer unter die Lupe nehmen.

Und siehe da: Für Grossfamilien sieht es gar nicht so schlecht aus, denn während man im Süden für jedes weitere Kind mit einem saftigen Aufpreis bestraft wird, gibt es im Norden grossfamilientaugliche Häuser wie Sand am Meer, von stinkbillig bis sündhaft teuer. Also auch etwas für unser Budget. Dazu unglaublich viele Dinge, die alle von uns so gerne mal sehen und erleben möchten. Schliesslich, als wir alle Zahlen und Fakten schwarz auf weiss hatten, erkannten wir, wie dumm wir gewesen waren, unseren Traum so lange zu ignorieren, denn so unerreichbar, wie wir immer geglaubt hatten, ist er nicht.

Also haben wir sie gebucht, unsere Schwedenreise und ich hoffe inständig, dass jetzt, wo das Budget es erlaubt, das Leben auch mitspielt bei unserem Traum.

IMG_4074

Du merkst, dass deine Kinder gross werden,…

… wenn du beim Überqueren der Strasse wieder darauf achten kannst, nur auf die gelben Streifen zu treten, weil deine Kinder es dir endlich gleichtun können.

… wenn du regelmässig vergisst, Windeln zu kaufen, weil eine Packung inzwischen für mehr als einen Monat reicht.

… wenn du die Verkäuferin verständnislos anschaust, die dich beim gelegentlichen Windelkauf auf die 3 für 2 – Aktion aufmerksam macht.

… wenn du dir vorstellen kannst, mit ihnen eines Tages vielleicht doch noch die Welt ausserhalb Europas zu erkunden.

… wenn du dich in Gegenwart deines Ältesten nur noch hochhackig gross fühlst.

… wenn du die deine Freunde – und ihre Macken – deinen Kindern gegenüber zu verteidigen anfängst.

… wenn du ahnst, dass der Code, den „Deiner“ und du für persönliche Nachrichten bei Tisch anwenden, geknackt ist.

… wenn du sagst: „Nun hab dich doch nicht so. Zu meiner Zeit war es im Gottesdienst viel langweiliger.“

… wenn du dir nicht mehr vorstellen kannst, dass diese Riesen einmal in deinem Bauch Platz hatten.

… wenn sie für ihre (ausserhäuslichen) Verpflichtungen mehr Disziplin an den Tag legen als du für deine (innerhäuslichen).

… wenn man zu dir sagt: „Weisst du, eigentlich brauche ich gar kein Schlaflied mehr, aber wenn du unbedingt eins singen willst, dann ist das okay.“

… wenn du die „NZZ am Sonntag“ mit zwei Familienmitgliedern teilen musst.

… wenn du dich fragst, ob du ihnen irgendwann den Code deiner Bankkarte anvertrauen wirst.

… wenn du beim Wäschefalten nicht mehr sicher bist, ob die Hose deinem Mann oder deinem Sohn gehört.

… wenn du neugeborene Eltern mit einer Mischung aus Nostalgie und Mitleid ansiehst.

… wenn der Schrei eines Neugeborenen bei dir ein verklärtes Lächeln und bei „Deinem“ ein aus tiefstem Herzen kommendes „Gott sei Dank haben wir das hinter uns“ auslöst.

IMG_5375

Studienfach Kinderkriegen

Die einen Ökonomen rechnen dir vor, wie verantwortungslos und egoistisch es sei, auf Kinder zu verzichten, weil ohne Kindernachschub der Generationenvertrag und im Endeffekt gar der soziale Friede gefährdet würden. Die anderen Ökonomen rechnen dir vor, dass sich Kinder überhaupt nicht rechnen, weder für dich persönlich noch für die Wirtschaft und dass sie deswegen die schlechteste Investition überhaupt seien. 

Radikale Umweltschützer weisen voller Zorn auf die Überbevölkerung hin, wenn du es wagst, nur schon laut übers Kinderhaben nachzudenken. „Unnötige Umweltbelastung!“, zetern sie, „purer Egoismus! Alleine schon die Windelberge, die jedes einzelne Kind produziert…“

Die eine Studie belegt dir, dass du eine bessere Mutter sein wirst, wenn du zuerst die Welt gesehen, Karriere gemacht, dein Haus fertig eingerichtet und mindestens vier verschiedene Partner gehabt hast. Fortpflanzung also frühestens mit 38. Die nächste Studie belegt dir, dass du am besten gleich an deinem 18. Geburtstag mit dem erstbesten ins Bett hüpfst, vier Kinder zeugst und dann irgendwann, wenn dein Jüngstes 14 ist, karrieremässig voll durchstartest. 

Mal verdonnern dich die Erziehungswissenschafter dazu, mindestens drei Kinder im Altersabstand von zehn Monaten zu haben, die du alle in deinen eigenen vier Wänden grossziehst und bis zum fünften Geburtstag voll stillst. Dann wieder darf es nicht mehr als eines sein, selbstverständlich voll und ganz in der Krippe aufgezogen, weil alles andere schädlich und verantwortungslos wäre.

Ohne die Wissenschaft als Ganzes verteufeln zu wollen, muss ich das jetzt einfach mal loswerden: Hört endlich damit auf, das Kinderkriegen als Studienfach – irgendwo, hoch oben in einem Elfenbeinturm, weitab vom Kinderzimmer – zu betreiben. Hört auf damit, nach dem einzig richtigen, garantiert schmerz- und fehlerfreien Weg zu suchen, denn diesen Weg gibt es nicht. Hört auf damit, Eltern und solche, die es (vielleicht) werden wollen, mit Thesen zu verunsichern, die dann doch nichts mit dem realen Leben zu tun haben. 

Und ihr, die ihr euch mit der Frage herumquält, ob ihr euch nun fortpflanzen sollt oder lieber doch nicht: Wenn ihr bereit seid, nicht nur den Spass und das Herzerwärmende, sondern auch Verantwortung und Konsequenzen für den Rest eures Lebens zu tragen, dann habt Kinder. Ihr werdet es ganz bestimmt nicht bereuen, auch wenn ihr euch vielleicht während der Darmgrippe-Saison zuweilen fragen werdet, warum ihr euch das antut. Wenn ihr dazu nicht bereit seid, dann lasst es lieber bleiben, denn Kinder sind nun mal keine Haustiere, die man zurückgeben kann, wenn man dann doch lieber die Weltumsegelung machen möchte, von der man immer geträumt hat.

Und um Gottes Willen, sucht nicht in irgend einem Blog nach der Antwort auf die für euer Leben absolut entscheidende Frage ob ihr eine Familie gründen sollt oder nicht. Vor allem nicht, wenn euch diese Bloggerin sagt, dass es im Leben nichts Besseres gibt, als mindestens drei Kinder zu haben. Glaubt mir, die Frau spinnt, denn sie sagt dies an einem Tag, an dem sie ihre von Darmgrippe geplagte Familie am liebsten zur Kur auf den Mond schicken würde.

DSC03429

Ausbrechen

Studentin und Berufseinsteiger brauchten keine teuren Möbel; ein Mix aus viel Ikea und einigen aufgemöbelten Stücken aus der Brockenstube war alles, was es brauchte, um die erste Wohnung in ein Bijou mit sehr persönlicher Note zu verwandeln. Weil Studentin und Berufseinsteiger zwei halbwegs vernünftige Menschen waren, gerieten sie nicht in Versuchung, den Lattenrost als Rutschbahn zu missbrauchen, das Sofa als Trampolin, den WC-Deckel als Schlagzeug. Darum hielten auch die billigen Stücke viel länger, als man es ihnen zugetraut hatte.

Das Dilemma fing mit dem ersten Kind an und verschärfte sich mit jedem weiteren Kind. Zuerst entschied man sich für das günstige, aber coole Modell, weil das teure Kinderbett mit  Bärchenmotiv und faden Pastellfarben einfach zu bieder war. Später schaute man sich die teuren Modelle gar nicht mehr an, weil fünfmal teuer das Budget bei Weitem überschritten hätte. Bei einigen Stücken – zum Beispiel bei den Matratzen – lohnte sich teuer auch nicht, weil noch lange nicht jeder, der tagsüber trocken ist, dies auch nachts ist.

Bald war man mitten drin im schönsten Teufelskreis: Billig geht schnell kaputt, also muss alle paar Jahre Ersatz her und weil billig meist zur Unzeit den Geist aufgibt, war selten genügend Geld da, um billig durch teuer zu ersetzen. Obendrein verführt bereits leicht Beschädigtes zu Vandalismus und so wurde der Zerfall des Billigen auch mal durch fünf rücksichtslose Rabauken beschleunigt. Lattenrost als Rutschbahn und dergleichen…

Manchmal – und das war besonders ärgerlich – war zwar Geld für teuer da, aber teuer heisst leider nicht immer besser, denn auch die teuren Dinge sind gewöhnlich nur für ein Kind, notfalls auch für zwei, vorgesehen, aber ganz bestimmt nicht für fünf. Gewöhnlich jedoch wurde billig durch billig ersetzt, was am Ende ganz schön teuer wurde.

Und nun? Wie entrinnt man diesem Teufelskreis in einer von billig beherrschten Welt? In einer Welt, in der ersetzen erschwinglicher ist als reparieren? In einer Welt, in der gerne auf gute Qualität verzichtet wird, weil sie dem Konsum nicht förderlich ist? In einer Welt, in der gutes Handwerk – verständlicherweise – so teuer geworden ist, dass es sich nur noch jene leisten können, die mehr haben als die meisten anderen?  

Schon-längst-nicht-mehr-Studentin und gestandener Berufsmann zerbrechen sich in diesen Tagen den Kopf darüber, wie sie aus dem Teufelskreis, den sie durch ihre Kurzsichtigkeit mitverschuldet haben, ausbrechen können. Noch zweifeln sie daran, ob es ihnen je gelingen wird, aber es gibt Lichtblicke. Die Brockenstube, zum Beispiel. Die Dinge dort sind zwar gebraucht, aber weil sie zu einer Zeit gemacht wurden, als noch nicht alles nach spätestens fünf Jahren kaputt sein musste, kommen diese Möbel viel besser mit fünf Kindern klar als der ganze neue Kram. Und weil der gestandene Berufsmann ziemlich gut mit Farbe und Pinsel umzugehen weiss, sieht man den Möbelstücken ihre Herkunft schon bald nicht mehr an.

Kann sein, dass die Wohnungseinrichtung dereinst aus ganz viel Brockenstube und einem Hauch von Ikea bestehen wird.

DSC04263-small

Ich bin die Tante

Nun ja, eigentlich bin ich sie bereits seit dreiundzwanzig Jahren.

Zuerst war ich die Tante, die ihre Neffen und Nichten so „unglaublich süüüüüüüüüüüüss“ fand, dass sie auf dem Pausenhof Bilder von ihnen herumreichte und Klassenkameraden mit Geschichten über sonntägliche Spiele mit imaginären Füchslein langweilte.

Bald darauf war ich die Tante, die jederzeit bereit war zum Babysitten. Weil sie die Kleinen so abgöttisch liebte, aber auch, weil sie sich so ihr Taschengeld ein wenig aufbessern konnte.

Etwas später war ich die Tante mit dem coolen Freund, der immer so viel Spass hatte mit den Kleinen und der mitmachte bei der Aktion „Wir schenken den Kindern nicht Spielzeug, sondern Zeit“. Der coole Freund also, der in den Zoo mitkam, in den Zirkus, zum Picknick an die Aare und ins Kino.

Danach wurde ich die Tante, die heiratet und bei der die Neffen und Nichten die Ringe überreichen durften. Später dann die Tante mit dem „unglaublich süüüüüüüüüüüüüssen“ Baby.

Schneller als erwartet wurde ich zur Tante mit den vielen Kindern, die alle irgendwie gleich aussehen, die an der Familienweihnachtsfeier immer so viel Radau machen und die alles ausplaudern, wenn man mit vierzehn heimlich ein Bier von den Erwachsenen klaut.

Gleichzeitig wurde ich die Tante, die immer mal froh ist um einen Babysitter, die auch gerne bereit ist dazu, ein paar Franken springen zu lassen dafür.

Ich war wohl auch die Tante, die einem peinlich war, weil sie auf der Strasse einfach nicht so tun konnte, als kenne sie einen nicht, wenn man gerade mit Freunden so richtig einen durchgeben wollte. Das hat mir zwar keiner je bestätigt, aber ich fürchte, dass mir das nicht erspart blieb. Vermutlich war ich auch die Tante, die immer so blöde Fragen stellt, die meint, sie müsse sich cool geben, obschon sie es schon längst nicht mehr ist, die sentimental wird, wenn sie sieht, wie gross man schon geworden ist. Ein paar Mal war ich aber auch die Tante, die ein offenes Ohr hatte, wenn einfach alles schief lief zu Hause.

Jetzt bin ich also die Tante, die man der Freundin oder dem Freund vorstellt, ja, sogar die Tante, welche die Verliebten am Sonntagnachmittag mit einem Besuch beglücken. Und zum ersten Mal im Leben wird mir so richtig mulmig, wenn ich daran denke, dass ich die Tante bin. Was, wenn ich die Tante bin?

Ihr wisst schon, die Tante, die immer zum falschen Zeitpunkt anruft. Die Tante, die peinliche Geschichten auftischt, wenn der Partner zum ersten Mal am Familienweihnachtsfest aufkreuzt. Die Tante, die erwartet, dass man sie nicht vergisst, dass man sie einlädt, wenn man etwas zu feiern hat. Die Tante, die Scheusslichkeiten verschenkt, zur Hochzeit zum Beispiel, oder zur Geburt des ersten Kindes. Die Tante, die kein Ende mehr findet, wenn sie anfängt, von früher zu erzählen. Die Tante, über die man herzieht, wenn sie endlich, endlich nach Hause gegangen ist. Die Tante, die sich einmischt, wenn sie das Gefühl hat, Neffe mit Partnerin oder Nichte mit Partner würden die Eltern nicht respektieren. Die Tante, die man halt ab und zu besuchen muss, weil sie sonst eingeschnappt ist. Die Tante, die einen am Ende gar aus dem Testament streicht, weil sie sich übergangen fühlt. (Nicht, dass die Tante, von der hier die Rede ist, etwas zu vererben hätte.) Die Tante, die allzu freigiebig ist mit Ratschlägen aller Art. Die Tante eben, die einfach nur nervt.

Nun, ich gebe mir alle Mühe der Welt, nicht zu dieser Tante zu werden, ich tue mein Bestes, um die Tante zu sein, mit der man auch als Erwachsener noch gerne Zeit verbringt. Ich fürchte nur, dass aus diesem Bemühen ein „Trying too hard“ werden könnte und dann wäre ich am Ende eben doch die Tante.

DSC01312-small

 

Dann frag‘ mich auch nicht…

Wann immer möglich halte ich mich zurück mit Ratschlägen zur Kindererziehung. Weil deine Kinder andere Macken haben als meine, weil ich anders ticke als du, weil deine Familie andere Herausforderungen zu bewältigen hat als meine, weil deine Überzeugungen anders sind als meine, weil bei dir überhaupt alles ganz anders ist als bei mir. Es gibt aber Mütter, die partout von mir wissen wollen, wie ich denn ihre Situation meistern würde und dann grabe ich eben in meinem Erfahrungsschatz und fördere die eine oder andere Weisheit zu Tage.

„Ich fand den Fliegergriff ganz hilfreich, wenn das Geschrei nachts einfach nicht aufhören wollte“, sage ich dann zum Beispiel. „Nein, komm mir nicht damit, das hilft bei meiner Kleinen überhaupt nichts“, gibt die Ratsuchende zur Antwort. „Nun, dann könntest du es vielleicht mit Bauchwehöl versuchen. Gibt’s in der Apotheke…“ „Du meinst das stinkige Zeug? Wenn ich das bloss rieche…“ „Nun ja, ich habe beste Erfahrungen gemacht damit, aber wenn das nicht dein Ding ist, könntest du es ja mit Singen versuchen. Hat meine Kinder immer ungemein beruhigt“, sage ich, um vielleicht doch noch einen hilfreichen Hinweis zu geben. „Singen? Um Gottes Willen nein! Ich singe so schrecklich falsch und dann sind auch unsere Nachbarn so fürchterlich empfindlich. Die würden sofort auf der Matte stehen, wenn ich nur schon ‚Alle meine Entchen‘ summen würde“, wehrt meine Gesprächspartnerin ab. „Vielleicht ist deinem Kind ja einfach zu warm“, sage ich vorsichtig. „Du müsstest ihm einfach die Socken ausziehen oder einen Moment lang an die frische Luft gehen mit ihm.“ Aber natürlich ist auch dies keine Lösung für dieses ganz spezielle Problem, mit dem ich offenbar in meiner bisherigen Mutter-Karriere noch nie konfrontiert war, denn irgend etwas von dem oben Genannten hat bei meinen Kindern immer funktioniert. 

Im Grunde genommen ist es mir vollkommen egal, ob jemand meine Ratschläge annimmt oder nicht, weil deine Kinder andere Macken haben als meine, weil… nun ja, das habe ich ja alles schon gesagt. Wenn die Ratsuchende aber nicht wirklich wissen will, wie ich ihre Situation meistern würde, dann soll sie mich bitte auch nicht danach fragen, denn ich habe noch zwei oder drei andere Dinge zu tun, als gegen eine Wand zu reden. 

IMG_4594

 

Ein Märchen aus alten Zeiten

„Du hast mich früher jeweils fast in den Wahnsinn getrieben“, erzähle ich einer meiner Nichten an der Familienweihnachtsfeier. „Freitags habe ich jeweils dich und deine grosse Schwester gehütet und du wolltest nie schlafen. Einmal musste ich unbedingt einen Englischvortrag für den nächsten Tag schreiben…“ Ich stelle fest, dass meine Nichte mich leicht ungläubig anschaut, also erkläre ich ihr, dass man damals samstags noch Schule hatte. „Da sass ich also mit dir auf dem Schoss und versuchte, meinen Vortrag zu Papier zu bringen.“ Die verwirrende Tatsache, dass ich meine Notizen tatsächlich von Hand mit der Füllfeder schrieb, weil noch kaum einer Zugang zu einem PC hatte, lasse ich weg, denn was ich als nächstes sagen werde, wird verwirrend genug sein für sie: „Das Dumme war nur, dass ich in der Stadtbibliothek keine Literatur zum vorgesehenen Thema gefunden hatte, also wechselte ich kurzerhand das Thema und verfasste einen Vortrag über die Jüdische Religion. Du heulend auf meinem Schoss, ich heulend am Schreibtisch, das war ein Erlebnis…“ Meine Nichte zögert einen Augenblick und meint dann „Du hattest also noch kein Internet damals… Warum konntest du dann so kurzfristig das Thema wechseln?“

Ja, warum eigentlich? Ein Genie war ich nämlich nicht. Zum Teil lag es bestimmt daran, dass ich zufällig gerade die passende Literatur zur Hand hatte. Je länger ich mich aber in die damalige Situation versetze, umso deutlicher erinnere ich mich daran, dass ich zu jener Zeit eine ganze Bibliothek an Wissen abrufbereit im Kopf hatte, so dass ich einen Vortrag einfach so aus dem Ärmel schütteln konnte. Heute ist dieses Wissen nicht mehr ganz so präsent; ich habe ja Google. Leider?

IMG_4818