Zehn Dinge, die dir heutzutage keiner mehr verzeiht

1. Du kommst zu spät, weil du dich verfahren hast. „Was um Himmels Willen ist bloss passiert? Ist Ihr GPS ausgestiegen? Wie? Sie haben kein GPS?“

2. Du erziehst dein Kind einsprachig, obschon du es zweisprachig hättest erziehen können.

3. Du gibst einem Bettler einen Zweifränkler, obschon er dir nicht die nötigen Dokumente vorlegen kann, die belegen, dass er alles Menschenmögliche unternommen hat, um aus eigener Kraft wieder zu einem voll funktionstüchtigen Mitglied der Gesellschaft zu werden.

4. Du lässt dir ganze zwei Stunden Zeit, um eine Mail zu beantworten.

5. Du wagst es, offen dazu zu stehen, dass dir Grammatik etwas bedeutet.

6. Du rennst nicht zum Therapeuten, obschon dein Kind nun schon zum dritten Mal in diesem Jahr das Bett genässt hat.

7. Du erdreistest dich, über eine Idee laut nachzudenken, bevor du dazu ein zwölfseitiges Konzept, einen umfangreichen Businessplan und eine ansprechende Power Point Präsentation erarbeitet hast.

8. Du mutest deinem Haustier zu, dass es Dinge, die seine Artgenossen während Jahrtausenden ohne menschliche Hilfe getan haben, weiterhin selber tut, obschon es heutzutage doch so viele interessante Möglichkeiten gäbe, das Tier vom Menschen abhängiger zu machen.

9. Du vertrittst allen Ernstes die Meinung, dass auch Menschen, die nicht in der Schweiz geboren worden sind, das Recht haben, sich nach einem besseren Leben zu sehnen. Ja, du wagst es gar, daran zu erinnern, dass vor gar nicht allzu langer Zeit Wirtschaftsflüchtlinge aus unserem Land ausgezogen sind, um andernorts ihr Glück zu suchen.

10. Die grösste aller Sünden: Du bist nicht erreichbar, weil du das Haus ohne funktionstüchtiges Handy verlassen hast.

 

Ochsengespann

Mit mehr als einem Monat Verspätung haben „Meiner“ und ich es heute endlich geschafft, unseren vierzehnten Hochzeitstag zu feiern. Zuerst kam uns ja Zoowärters Spitalaufenthalt dazwischen, dann der Schuljahresabschluss, anschliessend die Ferienanwesenheit sämtlicher potentieller Babysitter, danach eine Phase, in der wir uns andauernd in die Haare gerieten und das Interesse an Zeit zu zweit sehr gering war und schliesslich auch noch meine Magen-Darm-Seuche.

Heute endlich fanden wir die Zeit, einen kinderfreien Nachmittag in der Sauna zu verbringen. Und wieder einmal wird mir klar, dass ich diesen Mann auch heute noch heiraten würde, dass wir zwei uns noch immer sehr viel zu sagen haben, dass wir noch immer viele gemeinsame Träume haben – und dass uns unser Alltag so oft die Energie raubt, mehr zu sein als ein Ochsengespann, das darum bemüht ist, den Karren über einen steinigen Feldweg zu ziehen.

Fragen, die ich mir heute nicht beantworten konnte

– Was ist bloss mit der Jugend von heute los? Servierst du Würste, weil du denkst, Kinder hätten sowas gern, bleibst du darauf sitzen. Servierst du Gurken, dann prügeln sie sich um den letzten Bissen. Nun gut, ich kann das ja durchaus nachvollziehen, aber in meiner Generation wurde man frühestens nach dem hundertsten Besuch bei McDonald’s so vernünftig.

– Warum haben die Menschen jemals damit aufgehört, ihre eigene Butter zu machen? Was gibt es Schöneres, als nach einem heissen Tag kühle Butter zu kneten?

– Wo liegt die Grenze zwischen Fleiss und Talent und wie schafft man es als Eltern, die Sache so einzuschätzen, dass man später nicht mit Vorwürfen überhäuft wird? Ich meine Vorwürfe wie „Hätten meine Eltern erkannt, was in mir steckt, ich hätte es viel weiter bringen können.“ Oder aber: „Dieser ewige Druck, etwas sein zu müssen, was ich nicht bin, hat mich komplett fertiggemacht.“

– Wie verdreht ist man, wenn man das Gefühl hat, Scarlett Johansson als Annie in „The Nanny Diaries“ sei der einzige Mensch auf diesem Planeten, der einen versteht?

– Wie bringe ich es fertig, den Tag mit dem Prinzchen in Frieden abzuschliessen, wenn wir beide den richtigen Moment für seine Schlafenszeit verpasst haben?

– Wann ist endlich Feierabend?

– Spinne ich, spinnen alle anderen oder spinnen wir alle zusammen?

– Kann ich es mit meinem Gewissen vereinbaren, dass unsere drei über-sechsjährigen Kinder sich einen Film ansehen, der ab sechs Jahren freigegeben ist?

– Wo sind diese elenden Schrauben hingekommen?

– Was riecht hier so abscheulich?

– Schaffen es alle meine Tomaten, reif zu werden, oder wird der Sommer in einigen Tagen bereits wieder vorbei sein?

– Soll ich, oder soll ich nicht? Egal was. Meine Unentschlossenheit erstreckt sich in diesen Tagen auf sämtliche zu treffenden Entscheidungen.

Fünfminuten-Therapie nach einem saumässig schlechten Tag

1. Ein Kurzbesuch bei den Tomatenpflanzen. Staunen, wie sehr sie schon wieder gewachsen sind, drei kugelrunde Gelbe pflücken, daran riechen, mit dem Finger über die zarte Haut streichen und die Ernte mit dem Prinzchen – der bis vorgestern noch behauptet hatte, er möge keine Tomaten – und dem Zoowärter – der alles liebt, was wächst – geniessen.

2. Ein noch kürzerer Besuch bei den Zucchini. Beim Anblick der sonnengelben Blüten für einen Moment lang das trübe Wetter vergessen, ein wunderschönes Exemplar pflücken und dem Zoowärter versichern, dass er auch dieses Gemüse lieben wird.

3. Mit den zwei Jüngsten Eier essen, die gestern noch im Legenest lagen und einen Augenblick lang davon träumen, eigene Hühner im Garten zu haben.

4. Um Mitternacht mal schnell eine Mayonnaise für „Meinen“ anrühren. Einfach so, weil der Streit, den wir heute hatten, wieder verflogen ist und weil ich schon so lange nicht mehr mit Eigelb, Öl und Essig gezaubert habe. Den unvergleichlichen Geschmack im Gaumen geniessen und für einen Moment lang glauben, dass etwas, das so himmlisch schmeckt, gar nicht dick machen kann.

Okay, nach dieser Therapie ist nicht einfach alles wieder gut, aber immerhin sieht der Tag im Rückblick nicht mehr grau in grau aus.

(Schein)schwanger

„Hach, wäre es nicht wundervoll, mal wieder schwanger zu sein“, seufzte ich neulich, als ich ziemlich trübsinnig vor mich hinstarrte und verzweifelt nach etwas suchte, auf das ich mich freuen könnte. „Wie schön wäre es doch, endlich wieder auf etwas hinfiebern zu können, etwas Grossartiges vor sich zu haben, etwas mit Händen und Füssen zustande zubringen. Aber eine Schwangerschaft wird wohl kaum drinliegen, also mache ich in der Zwischenzeit ein paar Getreideriegel“, sagte ich zu mir selbst und fing an, Haferflocken, getrocknete Feigen und Gewürze zu mischen. Wie ich so am Herd stand und gedankenverloren in der Schüssel rührte, spürte ich auf einmal dieses altbekannte Flattern im Bauch. Irrte ich mich, oder kam da etwas in Bewegung?

„Grundgütiger, soll die jetzt wirklich noch ein Kind bekommen? Wo sie doch die fünf, die sie hat, nicht richtig erziehen kann“, mögt ihr jetzt sagen. Aber ich kann euch beruhigen, es ist kein Kind, das da heranwächst. Nein, es ist nur eine Idee, die allmählich Gestalt annimmt. Noch ist sie winzig klein und es lässt sich nicht sagen, ob sie die Hektik meines Alltags übersteht, oder ob sie sich wieder verflüchtigt, bevor sie sich richtig hat entwickeln können. Ob sie je das Licht der Welt erblicken wird, steht noch in den Sternen, ob ich fähig dazu bin, ihr das Laufen beizubringen, ist fraglich.

Vielleicht handelt es sich ja auch nur um eine Scheinschwangerschaft, aber immerhin gibt die Idee mir das gute Gefühl, dass da neben den ausgetretenen Pfaden noch neues Leben möglich ist.

Perspektive

Du kannst die unbezahlten Rechnungen sehen und dich darüber aufregen, dass das Geld oft nur für die Pflichten, nicht aber für die Wünsche reicht. Du könntest dich aber auch darüber freuen, dass genügend Geld hereinkommt, damit du alles bezahlen kannst, was bezahlt werden muss.

Du kannst dich darüber ärgern, dass „Deiner“ seine Macken in all den Jahren noch immer nicht abgelegt hat. Du könntst  aber auch dankbar sein dafür, dass du mit einem Menschen unterwegs bist, der dir so sehr vertraut, dass er sogar den Mut hat, dir auf die Nerven zu fallen.

Du kannst darüber jammern, dass deine Kinder ihren Frust immer zu Hause auslassen, sich auswärts aber stets von der besten Seite präsentieren. Du könntest dich aber auch darüber freuen, dass keine „Frau Venditti, Ihr Kind hat heute in der Wut eine Fensterscheibe eingeschlagen“-Anrufe kommen.

Du kannst dich darüber aufregen, dass die Kinder den Fisch nicht aufgegessen haben. Du könntest aber auch froh sein, dass du dadurch beim Katzenfutter sparen kannst.

Du kannst dich selber bemitleiden, weil diesen Sommer keine Ferien drinliegen. Du könntest aber auch zufrieden sein, weil dir in diesem Jahr kein anderer die Heidelbeeren wegisst, die immer dann reif sind, wenn du gewöhnlich verreist.

Du kannst die Leute beneiden, die ein beschauliches, wohlgeordnetes und ausgeglichenes Leben führen. Du könntest aber auch dankbar sein dafür, dass bei dir bestimmt nie Langeweile aufkommt.

Du kannst alles noch ein wenig schwärzer sehen, als es in Wirklichkeit ist. Du könntest aber auch versuchen, die Welt hin und wieder durch die Brille deiner Kinder zu sehen und zu staunen, wie viel Schönes du dadurch entdeckst.

Pessimistisch?

Nach einem Tag im Bett mit Sonntagspresse von vorne bis hinten und von hinten nach vorne, nach zu vielen Folgen von „Little Britain“ und nach der Lektüre eines Buches, das zu Recht so ziemlich alles in Frage stellt, was heute schief läuft, möchte ich gerne die folgende Frage beantwortet haben: Geht die Welt tatsächlich vor die Hunde oder sind es nur die Gliederschmerzen, die mich alles so pessimistisch sehen lassen?

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Kostbar

In den vergangenen Jahren ist etwas passiert in meinem Inneren. Ich habe meine Religiosität Schritt für Schritt abgelegt – und als Ersatz den Glauben gefunden. Man mag sich fragen, wo der Unterschied liegt und offen gestanden fällt es mir nicht leicht, in Worte zu fassen, was dies genau bedeutet. Vielleicht lässt es sich am besten mit einem Beispiel erklären.

Früher, zum Beispiel, gab es für mich keine Mahlzeit ohne Tischgebet, so etwas ging einfach nicht. Heute geht das Tischgebet im Alltagstrubel meist unter, aber ich empfinde eine tiefe Dankbarkeit für die unendliche Vielfalt an Geschmacksrichtungen, für die Fülle an Lebensmitteln, für das Geschenk, dass ich die Mahlzeiten mit Menschen teilen darf, die mir alles bedeuten. Aus dieser Dankbarkeit erwächst aber auch die Frage, was mit all den Menschen ist, die nicht haben, was ich im Überfluss geniessen darf und wo sich in meinem Leben Möglichkeiten bieten, dies zumindest im Kleinen zu verändern. Es ist eine Entwicklung weg vom Reden und hin zum Tun.

Was im Inneren geschieht und so schwer fassbar ist, ist mir unendlich kostbar geworden und ich möchte es um keinen Preis verlieren. Meine aufgewühlte Seele kommt darin zur Ruhe, mein Versagen und meine Ängste, aber auch meine Leidenschaften und Begabungen finden darin einen sicheren Raum. Dafür aber habe ich geradezu eine Allergie entwickelt gegen alles, was nach hohlen Ritualen und leeren Floskeln riecht. Ein Hauch zu viel von „Du sollst“ und meine Tür ist zu. Eine Prise von „der Herr hat gesagt“ und ich mag nicht mehr hinhören. Zwei oder drei religiös verbrämte Verhaltensregeln und mich überkommt der unbändige Drang, mich dagegen aufzulehnen. Meine Abneigung dagegen ist so gross, dass es mit schwer fällt, Menschen zu mögen, die in darin Halt finden und für die das alles keine leeren Floskeln, sondern wichtige Stützen im Leben sind. Und doch ist es genau das, was ich lernen möchte, denn so lange ich mich noch über diese Menschen ärgere, bin ich selbst nicht ganz frei von dem, was ich vollends loslassen will.

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Buddelfreuden

Wie haben wir Kinder uns jeweils über unsere ökologisch angehauchten Eltern genervt. Gebadet wurde mit Kleiesäcklein und „Kaiser Borax“, das Brot kam nicht vom Bäcker, sondern aus dem eigenen Ofen – am besten aus selbst gemahlenem Mehl, im Holzofen gebacken -, das Gemüse stammte aus dem Garten, der Sirup im Frühling aus Holunderblüten, im Sommer aus Holunderbeeren, das Pfefferminz-Eis selbstgemacht und das Fleisch von der eigenen Weide. Wie hasste ich jenes fade illustrierte Buch – ich glaube, es trug den Titel „Leben auf dem Lande“ -, aus dem sich unsere Eltern Ratschläge für den Naturgarten und die Tierhaltung holten. Wie peinlich war es mir ab einem gewissen Alter, die Strickjacken aus handgesponnener Schafwolle zu tragen. Wie mühsam war es, wenn die ganze Familie zum Auftürmen der Holzscheite aufgeboten wurde, damit im Winter genügend Brennholz für die Holzheizung da war. Warum nur musste bei uns alles selbstgemacht sein, naturnah und anders als bei den anderen?

Oh ja, wir liebten es, wenn der frische Honig aus der Schleuder floss, wir fanden es grossartig, dass wir nach dem Mittagessen die Erdbeeren noch sonnenwarm von der Staude in den Mund stopfen konnten, wir waren begeistert, dass wir jedesmal Schokolade geschenkt bekamen, wenn wir der Nachbarin die Hühnereier, die sie bei uns bestellte, bringen mussten. Aber warum nur mussten unsere Eltern diesen Lebensstil derart konsequent durchziehen? Ein klein wenig cooler wäre eben schon cool gewesen.

Und heute? Heute macht mich kaum etwas glücklicher, als wenn ich einen Hefeteig kneten kann, bis er so glatt und weich ist wie ein Babypo. Ich streife mit den Kindern durch Wald und Wiesen, um Waldmeister, Holunder und Sauerampfer zu sammeln. Ich nerve Luise, weil ich vom Wochenmarkt nicht mehr wegzulocken bin, wenn es eine unfassbare Vielfalt an Tomatensetzlingen zu kaufen gibt. Ich sehe voller Rührung dabei zu, wie das Prinzchen in heiligem Ernst einen Setzling giesst, den er in die Erde gepflanzt hat. Mir wird es warm ums Herz, wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat beim Setzen der „goldenen Königin“, des „schwarzen Prinzen“ und der „gelben Birne“ Geschichten über die von ihm auf dem Teller verschmähten aber im Garten geliebten Tomaten spinnt.

Ganz klar, was meine Eltern damals gesät haben, geht allmählich auf. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass es ganz nett wäre, ein paar Hühner oder Enten zu halten, ich beneide meinen Schwager, der unter die Imker gegangen ist und neulich habe ich bei Ricardo nach einem Holzofen gesucht, weil es doch so nett wäre, das Brot darin zu backen, oder zumindest im Herbst Marroni über dem Herdfeuer zu rösten. Natürlich schwingt bei alldem ein Hauch von Nostalgie mit, wie das bei Menschen in meinem Alter üblich ist. Hauptsächlich aber habe ich entdeckt, wie viel Lebensfreude es bringt, in der Erde zu buddeln, zu ernten, was man gesät hat, alten Küchengeheimnissen auf die Spur zu kommen, Bäume zu pflanzen, Einmaliges zu erschaffen, anstatt Massenware im Laden zu kaufen, Geschmacksrichtungen zu kombinieren…

Nun ja, ich werde wohl damit leben müssen, dass unsere Kinder das alles demnächst nicht mehr cool finden werden. Aber was soll’s? Früher oder später werden auch sie die Freude am Buddeln entdecken.

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Aber natürlich tue ich das…

Eine liebe Freundin machte mich heute Morgen darauf aufmerksam, dass ich einmal mehr zu verschwenderisch umgehe mit meinen Kräften. Sie meinte, ich müsste vielleicht mal wieder auf die Bremse treten, es wäre an der Zeit, eine Pause einzulegen und mich den erholsameren Seiten des Lebens zu widmen. Sie hatte natürlich Recht und ich versprach ihr, genau dies zu tun. Und ging dabei in meinem Kopf die lange Liste der Dinge durch, die noch zu tun sind, bevor ich mein Versprechen auch einlösen kann.