Betrugssimulator

Ich war blauäugig, das gebe ich offen zu. In einem Bereich, in dem ich gewöhnlich skeptisch bin, habe ich mich blind auf das Urteil anderer verlassen und den grossen Kindern etwas erlaubt, was ich nun wieder rückgängig machen muss. Ja, es war falsch, nicht auf die Alterslimite zu achten. Ich habe einfach darauf vertraut, dass unseren Kindern nicht schaden kann, was für andere, mir äusserst sympathische Kinder, okay ist. Ganz klar, ich habe meine Aufsichtspflicht nicht so wahrgenommen, wie ich dies von mir erwarten würde. Immerhin aber habe ich das Spiel gespielt, um zu wissen, was unsere zwei Ältesten so in Bann zieht.

Tja, und dann war ich schockiert. Da wird hemmungslos herumgezickt, dreingeschlagen, angemacht und betrogen. Die Figur im Spiel ist bereits liiert? Na und, man kann’s ja trotzdem mal versuchen. Wenn die Partnerin etwas dagegen hat, kann man sie zur Not ja demütigen und verprügeln. Je mehr du betrügst, den Arbeitgeber bestiehlst und Mülltonnen umwirfst, umso grösser ist das Wohlbefinden deines Alter Ego. Klar, du kannst auch brav und strebsam sein, kannst auf ganz seriösem Weg Karriere machen, aber dann dauert es nicht allzu lange, bis der Computer dich daran erinnert, dein Alter Ego langweile sich. Um dies zu verhindern, könnte man ja vielleicht versuchen, drei Affären gleichzeitig am Laufen zu haben. Wo man schon dabei sei, könne man noch kurz ins Nachbarhaus eindringen, den Kühlschrank plündern und die Dusche benutzen. Und wie wär’s wenn man mal versuchte, mit allen Stadtbewohnern gleichzeitig zerstritten zu sein? Falls du die Mittelalterversion des Spiels wählst, kannst du auch mal mit einer rostigen Axt einen Hühnerdieb umlegen. Einfach so, weil er es ja nicht besser verdient hat. Das alles unter dem Hinweis, Gewalt und sexuelle Inhalte seien nur „schwach ausgeprägt/angedeutet“.

Ja, ich war naiv und habe vorher nicht gut genug kontrolliert, ob es okay ist, wenn Luise das Spiel spielt, das Gleichaltrige mit dem Segen ihrer Eltern auch spielen. Darum werde ich mich jetzt unbeliebt machen müssen, ich werde zurückrudern und es nachträglich verbieten müssen. Laut Altersfreigabe sollte aber zumindest Karlsson nicht mehr um meine Erlaubnis bitten müssen. Ich werde ihm dennoch erklären müssen, warum ich es nicht goutiere, wenn er am Betrugssimulator trainiert.

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DIY Realität

Über Jugendliche, die in den Weiten der virtuellen Welt den Bezug zur Realität verlieren, wird ausgiebig diskutiert. Dass auf der anderen Seite des Altersspektrums etwas ganz ähnliches geschieht, scheint hingegen kaum jemanden zu interessieren. Woran dies liegt? Vielleicht daran, dass viele ältere Menschen sich ihre Realität aus den traditionellen Medien zusammenzimmern?

„Ich habe einen Termin in Basel“, sagte ich heute früh zu meinem Tischnachbarn. „Haben Sie denn Ihr Auto dabei?“, fragte er. „Nein, ich fahre mit dem Zug, das ist viel gemütlicher“, gab ich zur Antwort. Nachdenklich schüttelte er den Kopf und meinte: „Ja, gemütlich wäre das schon, wenn nur die Gewalt in den Zügen nicht wäre. Das muss furchtbar sein.“ „Nun ja, natürlich kommt es zu solchen Vorfällen, aber meist geht es im Zug ganz gesittet zu und her“, entgegnete ich. „Also, ich würde nie die Bahn nehmen. Wissen Sie, diese Gewalttätigkeiten, das ist einfach viel zu gefährlich. Neulich stand da in der Zeitung…“ Was hätte ich da noch entgegnen sollen? Die alltäglichen Erfahrungen einer ziemlich fleissigen Bahnfahrerin sind nun mal weniger glaubwürdig als die aufgeregte Berichterstattung über einzelne tragische Vorfälle.

Ähnliche Gespräche hatte ich schon mehrmals in den vergangenen Tagen. Egal ob von Einwanderung, Umweltschutz, Schulunterricht, Arbeitslosigkeit oder Landwirtschaft die Rede war, immer wieder wurden Beispiele herausgegriffen, über die breit in den Medien diskutiert worden war. Von eigenen Erfahrungen wussten meine Gesprächspartner nichts zu berichten, es war alles nur aus zweiter Hand, meist deutlich gefärbt durch die Meinung eines rechtsgerichteten Kommentatoren. Hielt ich dagegen, dass es abgesehen von diesen Extremen auch ganz viel Gewöhnliches gebe, das ziemlich ordentlich laufe, schüttelten meine Gesprächspartner entrüstet die Köpfe und gaben mir zu verstehen, ich hätte keine Ahnung von der Realität.

Im Grunde genommen könnte mir das alles egal sein, sie sind ja nicht meine Freunde. Nachdenklich stimmt mich die Sache trotzdem. Ist es denn besser, wenn jemand die Welt nur noch durch die dunkel gefärbte Brille der Angst sieht, als wenn ein anderer vor lauter Virtualität das Echte übersieht? Zumal die älteren Semester deutlich fleissiger zur Abstimmungsurne gehen als wir, die wir noch mitten drin im Alltagsleben stecken und die Dinge ein wenig nüchterner betrachten.

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Was geht mich das an?

Nach dem Ende der Nazi-Diktatur kam irgendwann die Frage auf, wer wie viel über die Gräuel gewusst hat. Es war eine der entscheidenden Frage, um herauszufinden, wer sich in welchem Masse schuldig gemacht hatte. Wissen und doch nichts dagegen tun, das gilt in den Augen von uns Nachgeborenen als Mitschuld – zu Recht, wie ich meine.

Die Frage ist einfach, wie es mit unserer eigenen Mitschuld steht. Die Gräuel der heutigen Zeit geschehen vor laufender Kamera, dank nahezu lückenloser Berichterstattung wissen wir Bescheid darüber, wo die Menschen unmenschlichem Leid ausgesetzt sind; dank kritischem Journalismus, der Gott sei Dank noch nicht ganz am Ende ist, können wir sogar erfahren, wo wir mitverantwortlich sind für dieses unmenschliche Leid.

Und, wie steht’s? Treibt uns dieses Wissen dazu an, (anders) zu handeln? Selten. Ja, es gibt vereinzelte Menschen, die alles stehen und liegen lassen, um dem Leiden den Kampf anzusagen. Dann gibt es solche, die sich rechtschaffen darum bemühen, so zu handeln, dass das Leiden der anderen nicht noch grösser wird. Die grosse Masse aber gibt sich im besten Fall einen Augenblick lang betroffen und macht dann weiter wie bisher. Im schlimmsten Fall werden Argumente gesucht, warum das eben einfach so sein muss und warum die vom Leid betroffenen im Grunde genommen selber Schuld sind. Wissen allein verändert noch gar nichts, auch heute nicht.

In der Bibel heisst es irgendwo sinngemäss, wer viel wisse, mache sich für vieles mitverantwortlich. Wenn ich bedenke, wo wir überall überall Mitwisser sind, sehe ich nur zwei Wege, die wir gehen können: Den technischen Fortschritt soweit zurückdrehen, dass wir nicht mehr so viel wissen, oder soweit es in unserer Macht steht verantwortungsbewusst handeln.

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Denk mal

Du hörst in der Migros, wie ein junger Vater zu seiner Frau sagt: „Kommt doch nicht drauf an, was wir kaufen, ist ja ohnehin nur zum Essen.“

Du siehst am Fernsehen Menschen, die ungeniert dazu stehen, dass sie echten Pelz tragen und kein Problem damit haben, dass ein Tier für ein Kleidungsstück hat leiden müssen.

Die Fallfehler in den Nachrichtensendungen treten so gehäuft auf, dass du dir gar nicht mehr alles notieren kannst.

Du liest, dass Schüler mit Schulstunden, Hausaufgaben und Lernen problemlos auf eine 40-Stunden-Woche kommen.

Deine Tochter erzählt dir, dass die Viertklässlerinnen regelmässig vergleichen, wer wie schwer ist.

Du stellst mit Schrecken fest, dass es inzwischen ganz normal ist, wenn in der Asylfrage immer ungenierter abfällig geredet wird. Und zwar nicht nur am Stammtisch, sondern auch in der Zeitung.

Du erntest fragende Blicke, wenn du laut darüber nachdenkst, warum es fast nur noch Baumschmuck „Made in China“ gibt.

Du fragst dich zuweilen, ob (kritisches) Denken überhaupt noch praktiziert wird.

. bäbi

Pessimistisch?

Nach einem Tag im Bett mit Sonntagspresse von vorne bis hinten und von hinten nach vorne, nach zu vielen Folgen von „Little Britain“ und nach der Lektüre eines Buches, das zu Recht so ziemlich alles in Frage stellt, was heute schief läuft, möchte ich gerne die folgende Frage beantwortet haben: Geht die Welt tatsächlich vor die Hunde oder sind es nur die Gliederschmerzen, die mich alles so pessimistisch sehen lassen?

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Und ich glotze doch…

Eigentlich ist mir Fernsehen ja so was von egal. Okay, die abendlichen Nachrichten führe ich mir zu Gemüte, wenn ich die Zeit dazu finde, aber der Rest kann mir gestohlen bleiben. Serien? Ohne mich. Casting Shows? Verschont mich bitte davor. Dokumentarfilme? Auf den ersten Blick zwar meist interessant, aber dann ist doch meistens zu wenig Fleisch am Knochen. Comedy? Zu oft eine entlockt mir das Zeug nicht mal ein müdes Lächeln. Spielfilme? Ach was, die bringen ja doch immer wieder den gleichen Mist.

Nein, das Fernsehen ist nicht mein Medium. Es sei denn, sie bringen einen jener Historienschinken über die Borgias, die Tudors oder wen auch immer. Hauptsache Intrigen, wallende Gewänder, packende Handlung und – Endlosigkeit. Mehr braucht es nicht, damit ich wider alle Vernunft bis spät in die Nacht vor der Glotze sitze, mir eine Folge nach der anderen reinziehe und am nächsten Tag grummelig auf den Abend warte, bis es endlich weitergeht.

Glücklicherweise hat die Geschichte dafür gesorgt, dass die Historienschinken nach vier oder fünf Folgen ein Ende finden. Was wäre ich bloss für ein Vorbild, wenn das Zeug nicht nur über die Feiertage, sondern wöchentlich, sagen wir mal am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag gezeigt würde?

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Feierabendglotzen

Es kommt gar nicht so sehr darauf an, was auf dem Programm steht. Ob sie nun Zeichentrickfilme schauen, eine schlaue Kindersendung oder einen alten Kinderfilm, das Resultat ist immer das gleiche, zumindest wenn der Fernsehkonsum nach dem Abendessen stattgefunden hat: Die beiden Jüngsten kommen unzählige Male aus dem Bett gekrochen, weil sie Angst haben oder weil sie unbedingt noch einmal erzählen müssen, was Laura mit dem Stern und Heidi mit Klaras Rollstuhl angestellt hat. Wenn sie dann endlich doch eingeschlafen sind, kannst  du darauf wetten, dass mindestens einer der beiden gegen drei Uhr morgens ins Elternbett gekrochen kommt. Manchmal kommen auch beide und dann muss man wieder Ängste wegbeten und sich zum hundertsten Mal anhören, wie unfair es doch ist, dass „Meiner“ und ich „Yakari“ erst ab 7 freigegeben haben.

Man könnte ja glauben, die drei  Grossen kämen besser klar mit abendlichem Fernsehkonsum und vordergründig ist das auch so. Wegen Ängsten kommt immerhin niemand von ihnen die Treppe heruntergeschlichen. Dafür aber stürmen wir Eltern alle zehn Minuten die Treppe hoch, um zu verhindern, dass Blut fliesst. Unglaublich, wie viele Aggressionen so eine halbe Stunde ganz gewöhnliches Fernsehen an die Oberfläche spült. Da kommen Schimpfwörter über die Lippen, für die sie sich gewöhnlich schon im Voraus entschuldigen, es werden Schläge ausgeteilt und anstelle des üblichen netten „Fandest du Mama heute nicht auch furchtbar unfair?“-Getuschels hört man alle paar Sekunden ein „Mama, Papa, kommt schnell, Karlsson ist soooooo gemein zu mir!“-Gebrüll. Und das alles nur wegen dieser elenden Glotze.

Wie, ihr glaubt, ich würde mal wieder massloss übertreiben? Tue ich nicht, ich beschreibe nur das übliche Szenario, wenn Vendittis in den Ferien sind und die Kinder abends ausnahmsweise KiKa schauen  lassen. Nicht, dass unser Alltag zu Hause komplett fernsehfrei wäre – schon gar nicht, wenn „Meiner“ von der Arbeit gestresst ist -, aber auf Gutenachtfernsehen verzichten wir jeweils gerne und auch sonst setzen wir lieber auf DVDs, weil die irgendwann einmal zu Ende sind, im Gegensatz zum Fernsehprogramm. Nach einigen Tagen Ferien wissen  wir  auch wieder, weshalb wir diesen Erziehungsgrundsatz noch nicht über Bord gekippt haben.

 

Eine vage Ahnung von Rechtschreibung

Ich behaupte ja nicht, dass ich Grammatik und Rechtschreibung meiner Muttersprache zu jeder Zeit und in jedem Fall fehlerfrei beherrsche. Auch wenn ich mich um Korrektheit bemühe, Fehler kommen vor, vor allem, wenn ich in der Eile schreibe. Aber man sollte meinen, eine Deutsche Bestsellerautorin – der Name sei hier nicht erwähnt, das Buch ist nicht der Rede wert – und der Auslandredaktor einer ziemlich grossen Zeitung sollten mehr als eine vage Ahnung davon haben, wie man das Wort „vage“ schreibt. Nämlich „vage“ und nicht „wage“. Ja, ich weiß, im Eifer des Schreibens tippt man so leicht daneben und die Korrektorate sind seit der Einführung des Rechtschreibeprogramms unterbesetzt, aber zumindest bei der Autorin bezweifle ich, dass das W ein Tippfehler war. Die Dame lässt ihre Hauptdarstellerin nämlich auch ungeniert Blumenkästen „hochhiefen“ und dies, obschon sogar mein iPad weiss, dass es „hieven“ und nicht „hiefen“ heisst.

Keiner ist perfekt, ich weiss, aber wer vom Schreiben lebt, sollte zumindest eine vage Ahnung von Rechtschreibung haben.

Doch kein Silberstreifen

Schon der deutliche Entscheid zum Atomausstieg vor zwei Tagen stimmte mich milde optimistisch. Als ich dann heute beim Abchecken der Mails auch noch mitbekam, dass das Schweizer Fernsehen in Zukunft auf die Ausstrahlung der Miss Schweiz Wahlen verzichtet, weil sich einfach keiner mehr für diesen Schwachsinn interessiert, da dachte ich einen kurzen Moment lang allen Ernstes, die Zukunft unseres Planeten sei vielleicht doch nicht so düster, wie man gemeinhin denkt. Ob es ihn doch gibt, den berühmten Silberstreifen am Horizont? Dann aber, als ich noch etwas weiter im Internet surfte, stach mir ein pinkfarbenes Werbebanner ins Auge. Eine Werbung für irgend einen billigen Prosecco? Oder vielleicht für einen neuen Lippenstift? Weit gefehlt. „4-jähriges Mädchen verstümmelt!“, stand da und ich fragte mich, wie besoffen wohl der Content-Manager dieser Website gewesen sein muss, als er diese schreckliche Botschaft mit einem zuckersüssen Hintergrund versehen hat. 

Und dann war da heute noch das Erlebnis, das Karlsson und ich im Shopping Center machten. Ja, ich geb’s zu, wir waren im Shopping Center, aber nur, weil wir gerade in der Region waren und ich die Gelegenheit nutzen wollte, ein Geburtstagsgeschenk für „Meinen“ zu kaufen. Da fuhren also mein Sohn und ich friedlich plaudernd auf einer nahezu leeren Rolltreppe in Richtung Bücherladen, Karlsson auf beiden Seiten auf das Geländer abgestützt. Leider bemerkten wir zu spät, dass ein gehetzter Rentner an Karlsson vorbeizukommen wünschte. „Das machst du wohl mit Absicht?“, herrschte er Karlsson an, stiess seinen Arm unsanft zur Seite und als ich es wagte, den netten Herrn darauf aufmerksam zu machen, dass mein Sohn gänzlich ohne böse Absichten die gesamte Breite der Rolltreppe in Anspruch genommen hätte, bekamen wir noch so einiges zu hören, was ich lieber nicht hören möchte. Ich möchte das nicht hören, weil ich sehr genau spüre, wann mein Kind etwas aus böser Absicht tut und wann nicht. Ich möchte es aber auch nicht hören, weil in meinen Augen die Haltung „In jedem Kind steckt ein unerträglicher Rotzbengel, der nur darauf aus ist, den Erwachsenen das Leben zu versauen“ absolut lebensfeindlich ist. 

Nach überstandenem Shopping-Trip – eine ziemlich ernüchternde Angelegenheit, denn inzwischen hat auch noch der letzte unabhängige Laden mit originellem Sortiment einer der unzähligen Ladenketten Platz gemacht – , noch einmal ein Abstecher ins Internet. Und was lese ich dort? Der Gemeindeamman eben jener Gemeinde, in der wir shoppen waren, tritt zurück. Er war bedroht worden, offenbar weil er es gewagt hatte, am Schweizer Fernsehen auszusagen, das Zusammenleben mit vielen „Ausländern“ sei eine ganz grosse Bereicherung. So eine Unverschämtheit. Da wagt doch tatsächlich einer anzudeuten, dass man auch mit Menschen fremdländischer Herkunft ganz gut klarkommen kann.

Ich weiss, all die Dinge, über die ich hier schreibe, hängen nicht wirklich zusammen, aber sie alle machen mir klar: Auch wenn es hin und wieder mal eine positive Nachricht geben mag, das mit dem Silberstreifen am Horizont war nur ein netter Traum.

Nachlese

Okay, ich geb’s ja zu, die Nachwehen von der gestrigen Demo sind nicht nur positiv. So musste ich zum Beispiel mit Bedauern feststellen, dass es der Sonne völlig egal ist, ob man sich dafür einsetzt, dass sie mehr Strom produzieren darf. Sie brennt einem dennoch gnadenlos auf den Kopf und so trage ich heute voller Stolz einen verbrannten Scheitel zur Schau. Ausserdem musste ich heute beim Zwischendurcheinkauf feststellen, dass sechs Kilometer Menschenstrom ganz schön in die Beine gehen, auch wenn man sie im Schneckentempo zurückgelegt hat. Und schliesslich musste ich auch noch erkennen, dass der Kampf um die Fahne noch längst nicht ausgestanden ist, auch wenn die Kinder sie jetzt nur noch in der Wohnung oder auf dem Balkon – wenn die Ratte mal zufällig nicht da ist – schwingen können. 

Dennoch würde ich sagen, dass der gestrige Tag in meinem Mikrokosmos als Erfolgserlebnis abzubuchen ist. Erstens mal, weil ich gestern, kaum zu Hause angekommen, Solarstrom für iPad und E-Bike bestellt habe. Man kann doch nicht weiter hemmungslos Atomstrom beziehen, wo man einen ganzen Tag lang dagegen geströmt ist. Ein weiterer Erfolg: Luise war nun doch ziemlich stolz, dass sie dabei war, als sie sah, dass das gestrige Grossereignis heute in allen Zeitung gross aufgemacht war. Seit der Prinzenhochzeit ist sie nämlich eine eifrige Zeitungsbetrachterin geworden – sie hofft auf weitere märchenhafte Bilder von Kate und William – und nun findet sie es plötzlich sehr beeindruckend, wenn sie sagen kann: „Da waren wir auch!“ Wo es doch sonst fast nur Prinzen und Prinzessinnen in die Zeitung schaffen. Der grösste Erfolg aber war, dass heute die Kindergärtnerin nicht angerufen hat. Nicht, dass sie uns jeden Tag anrufen würde, aber nachdem der FeuerwehrRitterRömerPirat heute voller Stolz die Anti-AKW-Fahne zum „Zeigitag“ in den Kindergarten brachte, rechnete ich mit einer Ermahnung wegen politischer Indoktrinierung kleiner Kinder. Und dass diese Ermahnung ausgeblieben ist, lässt mich hoffen, dass sich die Zeiten vielleicht doch allmählich ändern und dass Anti-Atom so langsam salonfähig wird.