Mir ist sooooooo langweilig

Es ist die Standard-Bemerkung, wenn ich von meinem Leben mit fünf Kindern, Mann, Haus, Job, Schreiben etc. erzähle: „Dir wird bestimmt nie langweilig.“ Ohne viel zu überlegen, kommt dann meistens meine Standard-Frage zurück: „Langeweile? Was ist das?“ Und lange Zeit war es ja auch tatsächlich so, dass ich gar keine Zeit dazu hatte, mich zu langweilen. Da war immer jemand, der gewickelt werden wollte, immer einer, der Hunger hatte, der getröstet werden wollte, der ein paar Minuten bei Mama kuscheln wollte. Und wenn kein Kind etwas von mir wollte, dann rief der Haushalt mit seinen endlosen Aufgaben. Und wenn der Haushalt erledigt war, dann kam das Ehrenamt. Oder die Arbeit. Oder „Meiner“, mit dem ich ja auch noch ganz gerne Zeit verbringe.

Es ist nicht etwa so, dass mein Leben ruhiger geworden wäre, aber etwas hat sich in den vergangenen Monaten geändert. An Tagen, an denen ich mit allen Kindern alleine zu Hause bin, schleicht sich immer öfters die Langeweile bei mir ein. Ja, ich weiss, jetzt denkt ihr, ich sei vollkommen durchgedreht, aber ich versichere euch, dass ich für meine Verhältnisse geradezu erschreckend auf dem Boden der Tatsachen stehe, wenn ich sage, dass ich zuweilen kaum mehr weiss, was ich mit der Zeit anfangen soll. Seit ein paar Monaten können sich unsere Kinder – inklusive Prinzchen – ganz gut ohne mich unterhalten. Hin und wieder scheint mir gar, dass ich als Störfaktor wahrgenommen werde, aber das will ich noch nicht wahr haben.

„Umso besser“, mögt ihr jetzt denken „dann hast du jetzt also ganz viel Zeit, um dich dem Haushalt und deiner Schreiberei zu widmen, während die Kinder so schön mit sich selbst beschäftigt sind.“ Aber so einfach ist es leider nicht, denn die Kinder kommen wohl sehr gut ohne mich zurecht, solange ich in ihrer Nähe bin und irgend etwas tue, das man so nebenbei tun kann, den Geschirrspüler ausräumen, zum Beispiel, oder den Fussboden fegen. Sobald ich aber den grossen Fehler begehe, irgend eine grössere Arbeit in Angriff zu nehmen, weil die Kinder gerade so schön spielen, dann geht’s los mit dem Radau. Die fünf können sich während Stunden mustergültig verhalten, doch kaum liegen zum Beispiel alle meine Kleider auf dem Fussboden, weil ich die Gunst der Stunde nützen will, um mal wieder den Kleiderschrank aufzuräumen, legen sie los: Das Prinzchen öffnet sämtliche Joghurtbecher im Kühlschrank, der Zoowärter giesst einen Liter Apfelsaft in eine Espressotasse, der FeuerwehrRitterRömerPirat stürzt sich mit Feuereifer und einer Tube Leim auf eine Bastelarbeit, Luise verspürt den unbändigen Drang, sämtliche sich im Haus befindlichen Kosmetikartikel auszuprobieren und Karlsson fängt an, irgend einen obskuren Zaubertrank aus Ketchup, Honig und ich weiss nicht was sonst noch – das Rezept ist streng geheim – zusammenzubrauen. Spätestens nach fünf Minuten sieht es aus, als wäre eine Bombe geplatzt und ich werde plötzlich wieder von allen gleichzeitig gebraucht.

Man sieht also, das mit dem Arbeiten, währenddem die Kinder spielen, funktioniert nicht so richtig. Wie wär’s also mit lesen? Irgend ein oberflächliches Buch, das nicht allzu viel Konzentration erfordert und das man problemlos zur Seite legen kann, wenn man gebraucht wird. Nun, das ging früher, als die Kinder noch kleiner waren, ganz gut, aber heute hat „Mama mit Buch“ eine ähnlich fatale Wirkung auf die friedlich spielenden kleinen Menschen wie „Mama, die eine Arbeit in Angriff nimmt“. Spätestens nach einer halben Seite ist es vorbei mit der Ruhe und was dann abgeht, brauche ich euch nicht noch einmal zu schildern.

Nun gibt es ja noch andere Möglichkeiten, die Zeiten, in denen man nicht gebraucht wird, zu überbrücken. Man könnte zum Beispiel telefonieren. Anrufe, die getätigt werden sollten, gibt es genug. Zu dumm nur, dass die Wirkung von „Mama mit Telefon“ noch viel schlimmer ist als „Mama mit Buch“ oder „Mama, die eine Arbeit in Angriff nimmt“. Bevor du die Nummer fertig gewählt hast, heult der Erste und spätestens, nachdem du der Person am anderen Ende der Leitung deinen Namen genannt hast, musst du wieder auflegen, weil eines deiner Kinder in Lebensgefahr schwebt. Das Telefon ist also Tabu. Den allerschlimmsten Fehler, den du aber begehen kannst, ist, dass du die Zeit, in der die Kinder dich nicht brauchen, zur Entspannung nützen willst. Wehe, du machst dir einen schönen Kaffee und gönnst dir ein Stück Schokolade, vielleicht sogar noch ein Fussbad obendrein! Spätestens nach fünf Minuten müsstest du die Feuerwehr rufen, wenn du nicht wüsstest, dass alles nur noch schlimmer wird, wenn du den Hörer in der Hand hältst.

Ihr seht also: An solchen Tagen bleibt mir nichts anderes übrig, als anspruchslosen Kleinkram zu erledigen, während die Kinder sich ohne mich amüsieren. Und weil es selbst in unserem Haushalt nicht immer Kleinkram zu erledigen gibt – der Geschirrspüler braucht immerhin eine halbe Stunde, bis er fertig gespült hat und wieder ausgeräumt und neu beladen werden kann -, kommt es doch tatsächlich vor, dass ich zwischendurch mal auf dem Sofa sitze und wie ein Teenager jammere, mir sei so schrecklich langweilig. Und wie damals, in Teenagerzeiten, gibt es auch heute noch die Besserwisser, die nicht mitleiden, sondern einen pädagogisch wertvollen Ratschlag bereit haben: „Würdest du ein Musikinstrument spielen, dann müsstest du dich nicht langweilen, Mama“, tönt es aus dem Mund unseres Ältesten. Und schon ist er wieder weg. Seine Geschwister warten auf ihn.

 

Ich versteh’s ja nur zu gut…

… dass Karlsson nicht mehr so begeistert davon ist, zum Spiel- und Sporttag zu gehen, seitdem nicht mehr ein gemütlicher Ausflug mit Würstchen bräteln, sondern ein Ballspiel-Turnier auf dem Programm steht. Ich erinnere mich noch als wäre es gestern gewesen, wie nutzlos man sich auf dem Spielfeld fühlt, wenn man im gewöhnlichen Leben lieber Bücher verschlingt und Kuchen backt.

… dass Luise ausrastet, wenn sie das Blatt mit den Mathe-Aufgaben vor sich liegen hat und vor lauter Zahlen das Ende der Hausaufgaben nicht mehr sieht. Ich habe nicht vergessen, wie es sich anfühlt, wenn einen die Verzweiflung packt und man das Blatt am liebsten zusammenknüllen und in die Ecke schmeissen möchte.

…dass der FeuerwehrRitterRömerPirat allem, was er an Neuem lernt, nicht viel abgewinnen kann. Ich kenne dieses unbefriedigende Gefühl, dass alles, was eigentlich spannend und herausfordernd sein sollte, schon so abgestanden daherkommt, weil man es bei den grossen Geschwistern bereits unzählige Male gehört hat. Wenn dann auch noch die exakt gleichen Arbeitsblätter verteilt werden, die schon Bruder und Schwester lösen mussten, dann erstaunt es nicht, dass ihn das Zeug nicht aus den Socken haut.

Oh ja, ich verstehe das alles nur zu gut und dennoch ertappe ich mich zu oft dabei, wie ich sehr verständnislos und ungeduldig reagiere, wenn die Kinder voller Trotz versuchen, den Dingen auszuweichen, um die wohl kein Kind herumkommt.

Verstehe einer dieses Kind

Fast zwei Jahre lang haben wir Morgen für Morgen gekämpft mit ihm, damit er in den Kindergarten geht. Wir haben alles versucht: Belohnungen, begleiten bis vor die Tür des Kindergartens, „dann schau doch selber, wie du in den Kindergarten kommst, ich habe jetzt keine Lust mehr auf dein allmorgendliches Theater“, Türen knallen, ein Bilderbuch erzählen, herumbrüllen, ein besonders gutes Pausenbrot schmieren…. Rückblickend kommt es mir so vor, als könnte man die Tage, an denen der FeuerwehrRitterRömerPirat freiwillig und ohne Theater in den Kindergarten gegangen ist, an einer Hand abzählen. 

Heute nun durfte er endlich tun, wovon er schon so lange träumt: Er durfte Schulzimmerluft schnuppern. Zwei Stunden lang Erstklässler sein, den Schulsack zeigen, die ersten Hausaufgaben nach Hause bringen, die er dann am ersten Schultag nach den Sommerferien der Lehrerin bringen darf. Wie wohl alle zukünftigen Erstklässler machte er sich zu Hause sofort mit Feuereifer an die Arbeit, malte fleissig die Mäuschen aus und kam erst zum Abendessen, als er mit dem Arbeitsblatt fertig war. Alles wie man es erwarten würde. Alles? Aber nicht doch. Der FeuerwehrRitterRömerPirat hält sich selten an das, was man von ihm erwartet. „Weisst du Mama“, sagte er ernst, als er seine Schulsachen zusammenpackte „heute in der Schule habe ich mich nicht nur gefreut, ich war auch ein wenig traurig.“ „Traurig? Warum denn?“, fragte ich erstaunt. „Ach weisst du, ich finde es so schade, dass ich nach den Sommerferien nicht mehr in den Kindergarten gehen darf.“

Ich glaube, heute war das erste Mal, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat die Worte „Kindergarten“ und „dürfen“ in einem einzigen Satz verwendet hat.

Vergleichen? Ich doch nicht!

Die anderen Mütter die gehen ja nur zum Orchesterkonzert ihrer Kinder, um zu vergleichen, wie weit ihr Nachwuchs im Gegensatz zu den anderen steht, die gleich lange, oder etwas kürzer, oder schon erheblich länger das gleiche Instrument spielen. Ich bin da natürlich ganz anders, denn ich habe ja nicht das Ziel, meine Kinder zu grossen Stars zu machen. Deshalb nehme ich das alles ganz gelassen, geniesse den Auftritt meines Sohnes und freue mich daran, dass er am Ende des Konzerts strahlt wie ein Maikäfer. Wie? Ihr nehmt mir das nicht ab? Aber klar doch, ich sitze wirklich nur da und höre zu, wie die Kinder ihre Stücke vortragen. Ich nehme voller Freude zur Kenntnis, dass Karlsson sich im Vibrato übt und dass der Junge, der ein paar Stühle weiter entfernt sitzt, das noch nicht so gut hinkriegt. Ich freue mich darüber, dass das hübsche kleine Mädchen ihr Stück so wunderbar vortragen kann und frage mich, wie lange Karlsson wohl üben müsste, bis er das ebenso gut hinkriegen würde wie sie. Ich leide mit dem Kind mit, das vor lauter Aufregung seinen Auftritt vergeigt und bin ganz dankbar dafür, dass Karlsson heute keine dieser Patzer unterlaufen, die den Kindern, die zu Hause alles fehlerfrei gespielt haben, jeweils so schwer zu schaffen machen. Ich staune, dass es Kinder gibt, die bereits ganz wunderbare Stücke vortragen können und frage mich, ob Karlsson das auch mal probieren sollte, weil er das vielleicht auch hinkriegen würde, wenn ich ihm die Noten besorgen würde. Ich denke an die vielen Kinder, die nie diese wunderbare Gelegenheit haben, mit anderen zusammen zu musizieren und fühle mich unglaublich grosszügig, dass wir unserem Sohn trotz unseres vollen Terminkalenders erlauben, im Orchester mitzuspielen.

Wie? Was meint ihr? Ich sei geradezu besessen vom Vergleichen? Aber nicht doch, ich geniesse doch nur die Musik und ääähm…. wäge ab… öööh, nein das klingt zu doof… wollte sagen, ich stelle nur fest, ääähm, ich vergl… nein, Mist, das tue ich ja eben nicht….. ich meine, ich nehme nur mit Bewunderung zur Kenntnis, dass es einige Kinder gibt, die besser musizieren als Karlsson und dass es andere gibt, die es noch nicht so gut hinkriegen wie er. Aber das hat doch nichts mit vergleichen zu tun, oder?

Meine lieben Kinderlein…

… wisst ihr denn nicht, dass die Lizenz, Mama und Papa den Schlaf zu rauben spätestens nach dem dritten Geburtstag verfällt? Klar, irgendwann, wenn ihr zwischen fünfzehn und achtzehn seid, könnt ihr sie noch einmal erneuern lassen, aber dazwischen wäre eigentlich eine Pause vorgesehen, in der die Eltern ihr Schlafmanko auskurieren können. Auf dass sie dann wieder halbwegs erholt in die zweite Runde der schlaflosen Nächte gehen können.

Ja, ich weiss, ihr habt uns ziemlich gut schlafen lassen, als ihr Babys wart. Nun ja, du Luise hast Nacht für Nacht auf den Putz gehauen, aber ihr anderen, ihr wart meist erstaunlich gut im Durchschlafen. Das heisst aber noch lange nicht, dass ihr all die verpasste Schlaflosigkeit jetzt, wo für uns Eltern eigentlich Schonzeit wäre, nachholen müsst, indem ihr euch nachts zu uns ins Bett schleicht, wo ihr euch dermassen quer legt, dass Papa auf der einen, Mama auf der anderen Seite des Bettes herausfällt. Und wenn ihr es dann geschafft habt, entweder sie oder ihn aufs Sofa zu vertreiben, dann ist es nicht unbedingt nötig, dass ihr euch durchs Dunkel tappt, um den verloren geglaubten Elternteil aufzusuchen. Ja, wir sind noch da, auch wenn wir uns auf der Suche nach dem Schlaf etwas von euch entfernt haben. Wir sind auch ganz bestimmt am Morgen gerne wieder für euch da, aber wenn wir auf dem Sofa endlich den heiss ersehnten Schlaf gefunden haben, dann wären wir ganz froh, wenn sich kein kleiner Mensch auf unsere Beine setzen würde. Die Rechnung „Mama auf dem Sofa = Geschichten erzählen“ geht nur tagsüber auf, nachts heisst das  „Mama auf dem Sofa = Mama flüchtet vor der Kinderinvasion, die sie aus dem Bett vertrieben hat“.

Nein, meine lieben Kinderlein, ich sage das alles nicht, weil ich euch nicht lieben würde, oder weil ich die Nase voll hätte von euch. Mitnichten. Ich sage das zu eurem eigenen Wohl, denn vielleicht ist euch schon mal aufgefallen, dass ausgeschlafene Eltern erheblich angenehmer sind als unausgeschlafene. Darin unterscheiden wir Erwachsenen uns nicht von euch Kindern und darum bitte ich euch, dass ihr uns die wohlverdiente Nachtruhe gönnt. Als Gegenleistung verspreche ich euch, dass ich euch dereinst, wenn mich die senile Bettflucht ereilt, nicht morgens um halb fünf anrufen werde, bloss weil ich mir nicht sicher sein werde, ob ich euch bei eurem letzten Besuch die Pfannen, die ich im Sonderangebot für euch gekauft haben werde, auch tatsächlich mitgegeben habe.

Ich hoffe, meine lieben Kinder, dass wir uns darauf einigen können, denn sonst werde ich morgen, übermorgen und all die Tage danach genau gleich ungeniessbar sein wie heute und das wäre doch eigentlich schade, nicht wahr?

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Drohgebärden

Ja, ich weiss, diese ewigen elterlichen Erpressungsversuche sind doof und unfair. Aber wenn da ein Kind ist, das nicht will, wie Mama will, dann ist man schnell dabei. Und wenn da ein Kind ist, das Mama schon sehr bald einmal überragen wird, dann ist man noch schneller dabei. Denn man wird sich bewusst, dass der grosse Junge einem sehr bald sehr schlimm auf der Nase herumtanzen wird, wenn man ihm nicht zeigt, dass man noch immer weiss, was man will, auch wenn man in den Augen des Kindes immer kleiner wird.

Wie wir Eltern nun mal sind, kommt uns vor lauter Angst, die Autorität zu verlieren, eine jener hirnverbrannten Drohungen über die Lippen und noch ehe das letzte Wort draussen ist, fragen wir uns schon, wie wir bloss auf die Idee kommen konnten, dass die Drohung auch wirklich etwas bewirken könnte. „Wenn du jetzt nicht sofort auf dein Zimmer gehst, nehme ich dir deine Geige weg und du darfst bis Montagabend nicht mehr üben“, hörte ich mich heute sagen, als Karlsson sich weigerte, eine Auszeit zu nehmen von dem ewigen Necken der kleinen Brüder. Während ich noch sprach, überlegte ich mir schon, wo ich denn das Instrument sicher versorgen sollte, denn gehorchen würde er mir ja ohnehin nicht. 

Ich hätte so ziemlich mit jeder vorpubertären Reaktion – freches Grinsen, gleichgültiges Schulterzucken, ein zorniger Versuch, mit einem Comics-Heft nach mir zu schmeissen – auf meine unsinnige Drohung gerechnet, bloss nicht damit, dass der Junge sich vom Sofa erhebt, in seinem Zimmer verschwindet und erst wieder zum Vorschein kommt, wenn er mit seinen Geschwistern wieder anständig sein kann. Nun ja, unterwegs nach oben hat er zweimal die Tür geknallt, aber dass es bei nur zweimal blieb, ist für unsere Verhältnisse ein schon beinahe übermenschlicher Akt an Selbstbeherrschung. 

 

Wiedersehen

Wenn Luise vom frühen Morgen an alle drei Minuten fragt, wann es denn endlich Abend werde….

Wenn Karlsson den ganzen Tag still vor sich hinlächelt….

Wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat ohne grosses Theater sein Zimmer aufräumt….

Wenn der Zoowärter es ohne grosses Theater zulässt, das Papa sein Zimmer aufräumt….

Wenn das Prinzchen immer wieder fragt, wer denn am Abend zu Besuch kommen werde….

…. dann kann das nur bedeuten, dass das ehemalige Au Pair, das uns im Februar verlassen hat, das Wochenende bei uns verbringt.

Und wenn sie dann nach langem Warten endlich da ist…

…dann singt Karlsson lauthals vor lauter Freude

…. und der Zoowärter wirft sich ihr eins ums andere Mal in die Arme

…. und Luise will gar nicht mehr zu Bett gehen

…. und der FeuerwehrRitterRömerPirat strahlt tief aus seinem Innersten heraus

…. und das Prinzchen geht folgsam ins Badezimmer, um sich die Zähne zu putzen, weil sie es gesagt hat

…. und „Meiner“ und ich freuen uns, dass wir, wenn die Kinder im Bett sind, mal wieder fröhlich mit ihr über Gott und die Welt quatschen können.

Einfach wunderschön, so ein Wiedersehen.

Der Prinz und der Nuggi

Ob wir denn eine Regel hätten, wann das Prinzchen seinen Nuggi haben dürfe und wann nicht, fragte man mich neulich, als ich unseren Jüngsten in die Krippe brachte. Zuerst einmal schaute ich die Fragende etwas ratlos an, dann dämmerte mir, dass man als Mama ja gewöhnlich ziemlich genaue Vorstellungen davon hat, wann das Kind nuckeln darf und wann nicht. Also schickte ich mal eine Suchanfrage an mein Gehirn los: „Prinzchen – Nuggi – Regel“ Es dauerte eine Weile bis mein Gehirn sich wieder meldete: „Keine Übereinstimmung gefunden“. Um nicht als völlig planlos dazustehen, murmelte ich etwas von „wenn er dann drei ist, muss er den Nuggi abgeben und meistens will er ihn ja nur zum Schlafen“ und dann machte ich mich hinter meine Arbeit.

Später, als ich wieder zu Hause war, wollte ich noch einmal überprüfen, ob da tatsächlich nichts über Prinzchen-Nuggi-Regeln zu finden sei in meinem Kopf. Also noch einmal eine Suchanfrage, diesmal aber nur mit den Begriffen „Nuggi – Regel“. Und siehe da, meine grauen Zellen wurden fündig: „Wenn sie in die Spielgruppe kommt, muss Luise ihren Nuggi abgeben. Um ihr den Abschied zu erleichtern, fangen wir kurz vor dem dritten Geburtstag damit an, ihr den Nuggi nur noch im Bett und wenn sie sehr müde ist, zu geben. In den Sommerferien werden wir ihr das nuckeln dann schrittweise abgewöhnen, so dass sie am ersten Spielgruppentag ganz ohne ihren Nuggi auskommt“, las ich da in einem ziemlich verstaubten Artikel, der vermutlich weit hinten im Archiv gelegen hatte. Und wie ich da so las, erinnerte ich mich wieder daran, wie wir damals während unserer Sommerferien in Malta alles daran gesetzt hatten, unsere Tochter vom Schnuller zu lösen. Kein Tag, an dem wir uns die Laune nicht durch eine tränenreiche Auseinandersetzung mit Luise trüben liessen. Wir waren dennoch äusserst erfolgreich. Luise verzichtete auf den Nuggi und saugt seither fröhlich an ihrem Zeigefinger, wenn sie müde ist.

„Das kann doch nicht alles sein, was nach all den Familienjahren zum Thema Nuggi zu finden ist“, murmelte ich vor mich hin und schickte eine neue Suchanfrage los. Wieder wurde ich im Archiv fündig. „Karlsson verzichtet im zarten Alter von 8 Monaten freiwillig auf seinen Nuggi. Abgewöhnen nicht nötig“, hiess es da in einer kurzen Notiz. „Beim FeuerwehrRitterRömerPiraten machen wir das genau gleich wie bei Luise. Gerechtigkeit muss sein“, las ich in einem anderen Bericht, der unten mit einer handschriftlichen Notiz ergänzt war: „Entwöhnung fast problemlos. Bis auf die wenigen Gelegenheiten, bei denen der Junge versucht hat, sich den Nuggi seines kleinen Bruders zu schnappen.“ Der kleine Bruder, so denke ich beim Lesen, muss das Prinzchen gewesen sein, denn der Zoowärter hat ja auf einen Nuggi verzichtet. Er nahm von Anfang an mit einem Schmusetuch Vorlieb, das er sich seit einiger Zeit nicht nur in den Mund, sondern auch noch ins linke Nasenloch steckt. Zum Glück erlaubt er uns inzwischen wieder, das Ding von Zeit zu Zeit zu waschen.

Nachdem ich auf all diese Einträge gestossen war, unternahm ich einen letzten Versuch, um doch noch herauszukriegen, ob da irgendwo zumindest ein Ansatz von einem Plan zur prinzlichen Nuggi-Entwöhnung existiert. Aber da ist nichts. Der einzige Eintrag zum Thema „Nuggi und Prizchen“ lautet folgendermassen: „Heute vermutlich den allerletzten Nuggi meiner Karriere gekauft. Bald wird das Prinzchen zu gross sein dafür. Schluchz!“ Und siehe da, seit drei Nächten schläft das Prinzchen problemlos ohne Nuggi. Nicht, weil wir nun doch noch einen Plan entwickelt hätten, sondern einfach deshalb, weil er das Ding an den unmöglichsten Orten verliert. Und natürlich auch, weil er sich seinen Mittagsschlaf abgewöhnt hat und deswegen abends so hundemüde ist, dass er meist schon eingeschlafen ist, bevor sein schwerer Kopf auf dem weichen Bären gelandet ist.

Kinderspuren

Als erfahrene Eltern haben wir uns längst daran gewöhnt, dass es nicht immer ganz ungefährlich ist, den müden Kopf einfach so im Dunkel des Schlafzimmers auf das Kopfkissen sinken zu lassen. Allzu oft kommt es vor, dass man nicht das weiche Kissen, sondern die harten Kanten eines Legosteins zu spüren kriegt. Gefahr lauert oft auch unter der Bettdecke, sei es in Form einer Stricknadel, die trotz mütterlichen Verbots als Schwert verwendet worden ist, oder in Form eines aufgeweichten Zwiebacks, der den Weg ins Elternschlafzimmer gefunden hat, obschon Essen grundsätzlich nur in der Küche und im Esszimmer erlaubt ist. Leider haben wir erkennen müssen, dass sich immer mal wieder jemand in unserem Zimmer breit macht, auch wenn wir schon hundertmal gepredigt haben, wir würden unsere Gäste ja auch nicht im Kinderzimmer bewirten oder unsere Schmutzwäsche bei ihnen liegen lassen. Natürlich verteidigen wir unsere Privatsphäre weiterhin standhaft, aber wie die Legosteine, Stricknadeln und der aufgeweichte Zwieback beweisen, sind wir noch nicht so weit, dass diese auch tatsächlich respektiert wird. 

Als erfahrene Eltern wissen wir auch, dass Mamas Kleiderschrank den Kindern nicht so heilig ist, wie Mama dies gerne hätte und so kommt es, dass die lieben Kleinen sich hin und wieder mit Verkleidungsstücken bedienen, ohne vorher um Erlaubnis gefragt zu haben. Meist tauchen die lange vergeblich gesuchten Kleidungsstücke erst beim nächsten Grossreinmachen wieder auf und dann weiss natürlich keiner mehr, wie der Rock oder die Hose den Weg ins Kinderzimmer gefunden hat. Ganz ähnlich geht es mit Papas Akkordeon, Mamas Lippenstift, den Küchenutensilien und seit einiger Zeit auch mit der Tageszeitung. Grundsätzlich habe ich ja nichts dagegen, wenn die Kinder sich unserer Sachen bedienen,  wir leben ja alle unter einem Dach und teilen fast alles miteinander. Es wäre einfach nur nett, wenn sie a) zuerst fragen würden, b) nach Gebrauch ihre Spuren wieder beseitigen würden und c) ihre Spuren nicht überall hinterlassen würden.

Bis vor Kurzem war der Computer noch die letzte von den Kindern  unangetastete Zone. Doch seitdem Karlsson für die Schule erste kleine Vorträge schreibt, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat sich ihre Ausmalbilder selber ausdrucken können und der Zoowärter hin und wieder dabei helfen darf, seine Ausmalbilder auszuwählen, ist auch die letzte kinderfreie Festung eingenommen. Und seither erwartet uns jedes Mal eine Überraschung, wenn wir den Computer starten. Mal ist der Bildschirm mit neuen Ordnern übersät, dann wieder sind alle Programme, die so bequem auf den ersten Klick zugänglich sein sollten, im Nirgendwo verschwunden, hin und wieder kommt es auch vor, dass einem ein  Zhu Zhu Pet als Bildschirmhintergrund entgegenlächelt. Grundsätzlich habe ich ja nichts dagegen, wenn die Kinder sich so langsam aber sicher auch am Computer heimisch fühlen und meiner Meinung nach ist es auch richtig, wenn sie dazu nur ein einziges, von den Eltern überwachtes Gerät zur Verfügung haben. Es wäre einfach nett, wenn sie a) zuerst fragen würden, b) nach Gebrauch ihre neuen Ordner und Hintergrundbilder wieder löschen würden und c) auf der Tastatur keine klebrigen Spuren hinterlassen würden. Wobei c) nur funktioniert, wenn die Kinder endlich akzeptieren, dass Essen grundsätzlich nur in der Küche oder im Esszimmer erlaubt ist….

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Und plötzlich ist alles wieder ganz anders

Ganz unvermittelt sind wir seit heute wieder au-pair-los. Die Gründe spielen hier keine Rolle, wichtig für uns alle ist nur, dass weder sie noch wir an dem abrupten Ende Schuld sind. Ja, wir werden sie vermissen, denn wir haben sie wirklich gern bei uns gehabt, aber es geht nun mal nicht anders. Manchmal macht das Leben einfach was es will und dann sieht eben alles anders aus als geplant.

Wäre mir das Gleiche vor anderthalb Jahren passiert, ich wäre in Panik ausgebrochen. Wie sollte ich den Tag bloss überstehen ohne ein Au Pair, das mir unter die Arme greift? Wie den Haushalt schmeissen, wo die Kinder unterbringen, wenn Arbeit erledigt werden musste, wie die Nerven behalten bis zum Abend, wenn „Meiner“ zurückkommt? Heute ist das alles zum Glück nicht mehr ganz so schlimm, was vor allem daran liegt, dass ich dabei mitgeholfen habe, eine Familienzentrum aufzubauen. Noch vor einem halben Jahr hätte ich bei uns im Dorf keinen Betreuungsplatz gefunden, heute reicht ein Anruf und meine beiden Jüngsten sind bestens versorgt. Wie oft musste ich mir in den vergangenen Monaten die Frage gefallen lassen, weshalb ich mich denn so sehr für eine Einrichtung einsetzen würde, das könnten doch andere Menschen mit weniger Kindern tun. Heute kann ich sagen: Zum Glück bin ich drangeblieben, auch wenn ich damals nicht damit gerechnet hätte, dass ich selber jemals in diesem Ausmass von dem Angebot profitieren würde. 

Es gibt aber auch noch einen zweiten Grund, weshalb au-pair-lose Zeiten für mich keinem Weltuntergang mehr gleichkommen. Ich fürchte – und das sage ich ohne jeglichen Stolz – dass ich mich inzwischen mit einem gewissen Ausmass an Chaos abgefunden habe. Zwar muss ich immer mal wieder die Perfektionistin in mir niederringen, zwar kommt hin und wieder das nackte Grauen über mich, wenn ich all das Durcheinander sehe, aber ich fürchte, dass ich im Grossen und Ganzen resigniert habe. Ja, ich weiss, ich bin noch zu jung für sowas, aber was soll ich denn tun, wenn bei uns der Küchenfussboden sechsmal täglich gewischt wird und abends dennoch aussieht, als hätte eine Horde wilder Affen ein Picknick abgehalten? Klar, ich raffe mich immer und immer wieder zum Saubermachen auf, aber das mit der Ordnung, wie sie mir tief in meinem Innersten entsprechen würde, habe ich mir für die kommenden zehn Jahre abgeschminkt. Und deshalb macht es wohl auch keinen entscheidenden Unterschied mehr, ob ein Au Pair dabei mithilft, den ewig gleichen Mist wegzuräumen, oder ob „Meiner“, die Kinder und ich den aussichtslosen Versuch starten, dem Chaos fast ohne fremde Hilfe – die Putzfrau haben wir ja noch – Herr zu werden.

Man sieht also, wir werden das schon hinkriegen. Nur eine Sache macht mir ernsthaft Bauchweh: Was geschieht mit meinem Schreiben, jetzt, wo die Möglichkeit wegfällt, mich mitten am Tag ganz spontan ein paar Stunden ins Büro zurückzuziehen, während das Au Pair auf die Kinder aufpasst? Sieht ganz danach aus, als müssten „Meiner“ und ich den Lebensumbau etwas beschleunigen, denn eben erst habe ich beschlossen, der Schreiberei wieder mehr Raum zu geben. Und das geht nun mal nicht, wenn fünf Kinder unbeaufsichtigt die Wohnung demolieren, während Mama versucht, ihre weltbewegenden Gedanken zu Papier zu bringen.