Vollmundig

Schachklub kommt dann mal gar nicht in Frage für ihre Kinder. Und Fussball auch nicht. Na ja, ganz verbieten würden sie Fussball nicht, aber die Ausrüstung müsste der Nachwuchs selber bezahlen und natürlich würden die Eltern nicht ein einziges Mal zu den Spielen gehen. Damit muss man leben, wenn man sich für so eine Sportart entscheidet. Ein sportbegeistertes Kind wäre ja ohnehin eine Strafe für die Eltern. Eines, das Volksmusik mag übrigens auch. Falls sich die Knöpfe weigern, Blumenkohl zu essen, wird kurzer Prozess gemacht: Mund auf, Blumenkohl rein, Mund wieder zu. Beim Essen wird man dann ohnehin mal genau hinschauen müssen. Wählerisch dürfen sie nicht sein, die lieben Kleinen. Immer nur wie die Barbaren Pommes und Chicken Nuggets in sich reinstopfen geht gar nicht. Und dann diese Vergnügungsparks. Reine Zeit- und Geldverschwendung. 

Dies und noch viel mehr verkünden unsere Kinder vollmundig. Jawohl, genau die Kinder, die ihre alternativ angehauchten Eltern dazu gebracht haben,…

  • mit ihnen zu McDonald’s zu gehen, obschon „Meiner“ und ich in Vorkinderzeiten ähnlich vollmundig behauptet hatten, dorthin würden wir N-I-E gehen.
  • Ferien in kleinkarierten Kinderhotels zu verbringen (Immerhin war ich standhaft genug, um nicht bei dieser schrecklich peinlichen Polonaise mitzumachen, während „Meiner“ nicht den Mumm hatte, sich quer zu stellen, aber das ist ja auch kein Wunder, wo er doch als Kind schon immer zu solchen Dingen gezwungen wurde.)
  • am Schüler-Fussballturnier frierend am Spielfeldrand zu stehen und zu hoffen, dass die Mannschaft nicht noch eine Runde weiter kommt, damit endlich Schluss ist mit diesem Mist.
  • sich durch den Europa-Park zu quälen. (Also zumindest die Mama, der Papa hat sich bis anhin erfolgreich vor dieser Tortur gedrückt.)
  • Dosen-Ravioli zu kaufen, was Gott sei Dank nur einmal vorgekommen ist, da keiner das Zeug mochte.
  • viel Geld für Barbies, Minions, Transformers und anderen Kram liegen zu lassen, weil man Weihnachts- und Geburtstagswünsche halt einfach erfüllen muss. (Na ja, unsere Kinder würden natürlich behaupten, sie würden sich rundheraus weigern, solches Zeug zu verschenken, aber die haben ja keine Ahnung…)
  • Toast Hawaii zum Mittagessen zu servieren.
  • an einem regnerischen Samstag ins Shopping Center zu fahren.
  • Pullis mit „Bob der Baumeister“-Aufdruck zu kaufen.
  • bei offenem Fenster „Mir Senne heis luschtig“ vorzusingen.
  • Milchschnitten zu kaufen. (Na ja, immerhin habe ich sie nicht selber in den Einkaufswagen gelegt, sondern nur müde genickt und „Von mir aus, aber nur dieses eine Mal“ geseufzt.)
  • sich an unzähligen Orten im Schneckentempo mit diesen dämlichen Eisenbahnen herumkarren zu lassen und jedes Mal wie irr zu winken, wenn der „Zug“ bei Papa, der den Kinderwagen hüten musste, vorbeituckerte.
  • so zu tun, als würden wir bei dem Affentheater an Kinderkonzerten begeistert mitmachen, obschon man sich bis ins Innerste für den Hampelmann auf der Bühne fremdschämte.
  • nach dem Konzert eine halbe Stunde beim Hampelmann für ein Autogramm anzustehen.

und noch ganz viele andere schreckliche Dinge, die wir nie im Leben hatten tun wollen, die wir dann aber doch getan haben, weil Eltern so blöd sind, fast jeden Preis zu zahlen, um ihre Kinder glücklich zu machen. 

Sie werden dann ja sehen, wie das läuft. Und ich werde ihnen dann genüsslich diesen Text vorlesen.

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Warum überhaupt?

„Warum willst du überhaupt eine Diagnose?“, fragte neulich jemand, als wir darauf zu reden kamen, dass beim FeuerwehrRitterRömerPiraten einige Dinge anders sind als bei anderen Kindern. „Er ist halt einfach der FeuerwehrRitterRömerPirat mit all seinen liebenswerten und auch einigen schwierigen Seiten. Nehmt ihn doch einfach, wie er ist und verzichtet auf die Abklärungen“, meinte die Person und ich hätte ihr nur zu gerne beigepflichtet.

Eigentlich hat sie ja recht. Wozu soll so ein Etikett gut sein, das man dem Kind anheftet? Sind die Menschen denn nicht in der Lage, ein Kind einfach so zu nehmen, wie es nun mal ist? Mit ihm unterwegs zu sein und ihm zu helfen, die wunderbaren Dinge, die in ihm drin stecken, zu Tage zu befördern? Die Geduld aufzubringen, mit ihm manches, was bei anderen mit zunehmendem Alter ganz von selbst kommt, Schritt für Schritt zu erlernen?

 Nein, das sind sie ganz offensichtlich nicht, oder zumindest lässt das System ihnen nur sehr wenig Spielraum, diese Geduld aufzubringen. Ein Kind hat gefälligst so zu funktionieren, wie die Mehrheit der Kinder in einem bestimmten Alter funktioniert und wenn es das nicht tut, unterstellt man ihm schnell einmal Unwilligkeit. Alle seine Fähigkeiten und liebenswerten Eigenschaften spielen plötzlich keine Rolle mehr, es ist nur noch das Kind, das nicht liefert, was man glaubt, von ihm erwarten zu können.

Wie schwierig es ist, für ein solches Kind nur schon ein Minimum an Unterstützung zu bekommen, habe ich an anderer Stelle schon zur Genüge beschrieben. Erweist sich dann aber das Minimum, das man dem Kind irgendwann doch noch zugestanden hat, als zu wenig, läuft ohne präzise Diagnose überhaupt nichts mehr. Also hast du die Wahl: Entweder, du lässt die Experten an dein Kind heran, die herausfinden, wo der Grund für die Schwierigkeiten liegt, oder du lässt dein Kind untergehen. (Ja, ich weiss, einige würden jetzt für Homeschooling plädieren, aber aus Gründen, die nicht hierher gehören, geht das im Falle des FeuerwehrRitterRömerPiraten nicht.)

Mit etwas Glück gerätst du nach langer Suche endlich an eine kompetente Fachperson, die das Kind nimmt, wie es ist, mit all seinen Schwächen und Stärken. Diese Fachperson darf dann, wenn Sie herausgefunden hat, wo der Hase im Pfeffer liegt, mit der Diagnose in der Hand für die nötige Unterstützung kämpfen. Sogar dann, wenn sich – wie Gott sei Dank in unserem Fall – die Schule nach ihren Erläuterungen willig zeigt, dem Kind zu geben, was es braucht, muss das noch lange nichts heissen. Das letzte Wort hat nämlich die Bildungspolitik und die hat ja trotz verankertem Recht auf Bildung in erster Linie die Finanzen im Blick. Die Diagnose ist also noch lange keine Garantie auf echte Unterstützung – vielleicht weicht sie ja einen halben Millimeter von dem ab, was noch durchgeht -, aber immerhin öffnet sie dir die Tür einen Spalt breit, damit wieder ein Schimmer Hoffnung auf das trübe Szenario von Versagensängsten, Überforderung und Schulfrust scheint. 

Und weil der FeuerwehrRitterRömerPirat diesen Hoffnungsschimmer ganz dringend braucht, sind wir ganz froh, nach vielen unnötigen Umwegen endlich eine Diagnose zu haben (die übrigens das bestätigt, was wir beobachtet haben und jetzt hat das Kind auch einen Namen bekommen).

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Ganz schön intensiv das Ganze

„Warte nur, bis sie grösser sind“, warnten mich erfahrene Mütter, als ich selber noch ziemlich am Anfang stand. „Du wirst dich nach den Zeiten zurück sehnen, als die Frage, wann sie endlich durchschlafen, deine grösste Sorge war.“ Sie redeten so, als wäre die Baby- und Kleinkinderzeit ein Spaziergang an der Strandpromenade, das Leben mit grösseren Kindern hingegen eine Überfahrt bei rauer See. Trotz ihrer Erfahrenheit glaubte ich ihnen nicht. Wie auch? Wo doch jeder Tag mit den lieben kleinen Menschen mehr an die Substanz ging, als vorher eine ganze Arbeitswoche. 

Heute stehe ich in der Lebensphase, vor der sie mich damals gewarnt haben. Eine intensive Phase, ich gebe es offen zu. Schulnöte, gesundheitliche Probleme, pubertäre Wutanfälle, Revolte gegen die elterliche Autorität, der zunehmende Schmerz des Loslassens – das alles geht an die Substanz, erfordert meine volle Präsenz, raubt mir zuweilen auch den Schlaf. 

Hatten sie also recht, die Mütter, die es vor zehn, fünfzehn Jahren so gut verstanden, mir den Mut zu rauben? Nein, das hatten sie nicht. Kinder zu haben – das sehe ich heute, wo einige Bereichen einfacher, andere schwieriger als früher sind – ist in jeder Phase ganz schön intensiv.

Und trotz allem ganz schön. 

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Wie gut verstehst du deine Mutter, Teil II

Wieder mal eine kleine Weiterbildung für alle, die ihre Mutter gerne besser verstehen möchten. Aus aktuellem Anlass diesmal speziell auf Kinder von Home-Office-Müttern zugeschnitten.

 

 

Grossfamiliengeplänkel

Bei Karlsson ist es die Anspannung vor der grossen Prüfung Mitte März.

Bei Luise ist es der Kopf, seit mehr als sechs Monaten schon.

Beim FeuerwehrRitterRömerPiraten sind es die Ohren, manchmal auch der Kopf, dann wieder der Bauch, immer wieder, den ganzen Winter schon. Daraus resultierend die Frage, ob es Viren oder Bakterien sind, oder vielleicht doch eher das Leiden am Schulalltag.

Beim Zoowärter ist es der Bauch, zwei Wochen nach dem letzten Arztbesuch schon wieder so heftig, dass die Glucke einmal mehr mahnt, das Ganze erinnere sie irgendwie an Karlssons Blinddarmgeschichte.

Beim Prinzchen ist es die Laune. 

Bei „Meinem“ auch. 

Das alles findet natürlich keiner besonders lustig, am allerwenigsten meine Nerven, die jetzt auch allmählich zu rebellieren anfangen. 

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Drei Mütter

Heute mal wieder eine erzwungene Kaffeepause, während Luise sich einer längeren Untersuchung unterziehen muss. Nacheinander kommen drei Mütter ins Café.

Mutter 1 mit Baby, ca. 10 Monate alt

„Das kannst du schon richtig gut. Du hast ja so viel zu erzählen. Halt dich doch mal kurz hier fest, dann gehe ich bezahlen. Willst du dir das Mützchen nicht selber anziehen? Das kannst du bestimmt schon ohne meine Hilfe.“  – Liebevoll, zugewandt, aber so viel „Hilf mir, es selbst zu tun“, dass das arme kleine Menschlein schon ganz verdattert ist.

Mutter 2 mit Tochter, ca. 2.5 Jahre alt

Rein ins Café, Bestellung aufgeben, Zeitschrift schnappen, ab und zu ein Blick aufs Kind, ansonsten Stille am Tisch, nur gelegentlich unterbrochen von einem kurzen Geplauder zwischen Mutter und Tochter. Das Kind hat ausgetrunken, die Mama nicht, also bekommt es die Jacke angezogen, wird nach draussen geschickt, damit Mama in Ruhe fertig Kaffee trinken kann, natürlich immer mit Blickkontakt durchs grosse Fenster. – Nicht kaltherzig, eher so „Du sagst mir, wenn du mich brauchst, ja?“

Mutter 3 mit Sohn, ca. 3 Jahre alt

Erst wird Söhnchens Stühlchen mit einem dicken Kissen gepolstert, dann wird bestellt, dann gibt’s einen Schleckstengel und dann wird geplaudert: „Gell, Liam, du magst Kaffeekränzchen mit der Mama. Ist das nicht schön hier? Oh, jetzt hast du aber ein grosses Stück abgebissen! Sitzt du auch richtig bequem? Ja ja, Kaffeekränzchen nur für Mama und Liam, das gefällt dir. Wenn wir fertig sind, gehen wir noch ein wenig spazieren und dann nach Hause. Aber jetzt geniessen wir erst mal unseren Kaffee.“ – Liam, Liam und nochmals Liam, bis zum Abwinken.

Dennoch wird Liams Mama die einzige sein, die dereinst beim Elterngespräch in der Schule gut ankommt. 

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Interkultureller Dialogversuch, Teil V

Vorbemerkung: Wie immer, wenn ich einen Einblick in die nicht immer ganz erfolgreiche Kommunikation mit der italienischen Verwandtschaft gewähre, ist auch dieser Beitrag nicht wertend zu verstehen. Er soll einfach zeigen, wie man auch nach Jahren noch grandios aneinander vorbei reden kann.

Dialog Nr. 5

Schwiegermama und „Meiner“ unterhalten sich am Telefon über den FeuerwehrRitterRömerPiraten, der in den vergangenen Monaten eine Reihe von ärztlichen Untersuchungen über sich ergehen lassen musste. Das Gespräch verläuft ungefähr so:

„Meiner“: „Die Untersuchungen sind jetzt abgeschlossen. Die Ärztin hat herausgefunden, dass er…“

Schwiegermama (lässt „Meinen“, wie so oft, nicht ausreden): „Der Junge liest einfach zu viel.“

„Meiner“: „Nein, das ist ganz bestimmt nicht das Problem. Im Gegenteil, dass er so viel liest ist…“

Schwiegermama (unterbricht schon wieder): „Er sollte unbedingt weniger lesen. Dann ginge es ihm besser.“

„Meiner“: „Dass er so viel liest, ist sehr positiv, das zeigen die Untersuchungsergebnisse ganz klar. Die Sache ist die…“

Schwiegermama (lässt „Meinen“ natürlich noch immer nicht fertig erklären, denn sie weiss ja, wo das Problem liegt): „Die vielen Bücher verwirren ihn doch nur. Würdet ihr ihn nicht immer so viel lesen lassen, hätte es diese Untersuchungen gar nicht gebraucht. Die Geschichten bringen ihn doch nur durcheinander.“

Na ja, wenn sie meint. Dann versuche ich mal, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten das Buch zu entwinden, das er gerade liest. Vermutlich bin dann einfach ich diejenige, die ärztlichen Beistand braucht.

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Mütterliche Nerven

Natürlich sind mir solche Aktionen ganz und gar nicht fremd. Fühlte ich mich in meinen Zimmer nicht mehr wohl, wurde bis spät abends umgestellt, ganz egal, ob andere schlafen wollten. Waren mir meine Möbel verleidet, tauschte ich mit Brüdern und Schwestern, bis jeder wieder eine halbwegs annehmbare Einrichtung hatte. Passte mir die Farbe eines alten Kleiderschranks nicht mehr, durchwühlte ich das ganze Haus, bis ich irgendwo einen halbwegs hübschen Farbrest auftreiben konnte und dann wurde gestrichen. War mir die Tapete verleidet, lag ich meiner Mutter so lange in den Ohren, bis sie mich endlich ins Möbelhaus karrte, wo man damals noch billige, bunte Tapeten bekam. Ich erinnere mich lebhaft daran, wie „Meiner“ und ich bis abends um elf die Wände zukleisterten. Ob ich ihm als Gegenleistung dabei half, seine Wände mit lilafarbenen Kreisen zu verzieren, oder ob er das alleine gemacht hat, weiss ich nicht mehr. Auf alle Fälle sahen beide Zimmer danach ganz furchtbar aus.

Wenn nun also Luise, die sich bis jetzt damit zufrieden gegeben hat, alle drei Monate ihre Möbel umzustellen, in einer kopfwehfreien Stunde zum Farbroller greift, um ihre grünen Wände rosarot zu streichen und das Weiss ihrer weissen Wände aufzufrischen, erstaunt mich das keineswegs. Überrascht bin ich jedoch, wie unglaublich belastend solche Aktionen für das mütterliche Nervensystem sind.

Fragt sich nur, ob ich das früher nicht bemerkt habe, weil meine Mutter sich so gut im Griff hatte, oder weil ich mit der gleichen Blindheit für mütterliche Empfindungen geschlagen war wie Luise heute.

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Andere Zeiten

Nach der ersten erfolgreichen Suchaktion in meiner Vergangenheit liessen sie es sich natürlich nicht nehmen, noch ein wenig weiter zu wühlen. Einmal mehr wurden sie fündig: Alte Kindergartenzeichnungen, die noch heute Marineblau auf Beige belegen, wie langweilig dieses erste Jahr meiner Schullaufbahn war. Mein Graduation Cap vom Highschool-Abschluss, feuerrot und inzwischen ohne Quaste, aber immer noch für viel Gelächter gut. Ein Freundschaftsbuch, dessen Inhalt die Diskussion auslöste, ob ich wirklich schon damals Madonna nicht gemocht habe, oder ob ich das jetzt nur behaupte, weil es heutzutage – im Gegensatz zu 1987 – nicht mehr cool ist, Madonna cool zu finden.

Ja, und dann war da auch diese Kassette. Ein Oeuvre von 90 Minuten, das den Titel „Karlsson vor dem Einschlafen, Juli 03“ trägt. Da der im Titel erwähnte Karlsson äusserst nostalgisch veranlagt ist, verfügt unser Haushalt auch im Jahre 2016 noch über ein Kassettengerät, so dass wir uns das Band in voller Länge anhören konnten. Im Hintergrund hört man eine zornig schreiende Luise, knapp vier Monate alt, ansonsten ziemlich viel Rauschen, immer wieder unterbrochen von dem friedlichen Geplapper des noch nicht dreijährigen Karlsson, der seinem Eisbären David die Welt erklärt. Alles, was ihm damals wichtig war – sein grosser Cousin, der begeistert Fussball spielte, die volle Windel, diverse Körperteile, die inzwischen schlafende Luise, die Grossmama und natürlich die Tortenschaufel mit dem orangefarbenen Griff, die er stets mit sich herumschleppte – ist auf diesem Band festgehalten.

Während ich mit verklärtem Blick dem Geplauder aus vergangenen Tagen lauschte, machte sich der inzwischen halbwüchsige Protagonist meines Unterhaltungsprogramms seine Gedanken über das Medium, auf dem sein einst so zartes Stimmchen festgehalten worden war. „Hat man solche Bänder einfach im Laden kaufen können? Waren die teuer? Und was konnte man mit denen alles anstellen, ich meine, abgesehen davon, dass man damit den eigenen Sohn heimlich belauschte?“ 

Also begann ich zu erzählen. Von den Abenden während meiner Teenagerjahre, als ich immer zwischen sieben und acht Radio 24 einschaltete, eine leere Kassette im Gerät, für den Fall, dass ein Hörer eines meiner Lieblingslieder – natürlich nicht von Madonna – wünschen würde, oder vielleicht sogar einen Gruss für mich hätte, was natürlich nie vorkam. Wie schwierig es war, die Aufnahme abzuklemmen, ehe der Moderator wieder mit seinem Geschwätz anfing, wie sauer ich war, wenn nichts Anständiges gewünscht wurde. Ich erklärte, was ein Walkman ist, versuchte auch verständlich zu machen, wie das jeweils klang, wenn die Batterien allmählich den Geist aufgaben, aber ich glaube, da konnten sie mir nicht mehr folgen. Staunen mussten sie natürlich trotzdem und das Staunen wurde grösser, als ich erklärte, wie leicht es war, bei so einem Tonband den Kopierschutz zu umgehen.

Und zum ersten Mal seitdem ich Teenager im Haus habe, hörte ich einen leisen Neid heraus, als Karlsson meinte: „Wahnsinn! Ihr konntet Raubkopien machen, ohne dass euch einer auf die Schliche kommen konnte. Heute fliegt sowas ja sofort auf…“

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Vor die Füsse geknallt

Kinder können einen ja schon manchmal überrumpeln. Da sitzt du nichts Böses ahnend keuchend, schniefend und mit brummendem Schädel spätabends auf dem Sofa, als sie plötzlich angerannt kommen, völlig aufgedreht und überglücklich, weil sie zu später Stunde – sie haben noch Schulferien – in einem entlegenen Winkel des Estrichs gestöbert haben und dabei auf Relikte aus deiner Vergangenheit gestossen sind. Diese Relikte knallen sie jetzt kommentarlos vor dich hin, entschwinden kichernd in ihr kindliches Universum und lassen dich alleine …

…mit deinem Poesiealbum aus Kindertagen. Jawohl, so eines, in das man Bilder malte und sinnvolle Sprüche wie diesen hier schrieb: „Bist du heiter, trag es weiter. Drückt dich ein Stein, trag ihn allein. <3“ Das waren vielleicht noch Liebesbezeugungen damals!

…mit einem Kündigungsschreiben, das die Erinnerung an den Tag lebendig werden lässt, an dem du mit der neugeborenen Luise im Arm im Spital ans Telefon gerufen wurdest, wo man dir mitteilte, dass dein Job gestrichen wird.

…mit einem fünfseitigen, fiktiven, vor Bitterkeit triefenden Brief an die Schwiegermama, den du mal auf Geheiss einer Seelsorgerin verfasst hast, um wenigstens so zu tun, als könntest du der Frau, die deinen Mann geboren hat, all das, was dich verletzt hat, an den Kopf werfen.

…mit einem Foto einer Weiterbildungsgruppe, auf dem du genau zwei Personen erkennst: Dich selber und die komplett unbegabte Dozentin, die glaubte, sie könne andere Menschen darin unterrichten, wie man richtig unterrichtet.

…mit der Todesanzeige eines geliebten Menschen.

…mit dem Impfausweis, den du schon oft hättest vorweisen müssen, von dem du aber nicht mal gewusst hättest, wo du zu suchen anfangen müsstest, um ihn wieder zu finden. Der Impfausweis, der noch die Unterschrift des unfreundlichen Arztes trägt, zu dem du Gott sei Dank nur dann geschleppt wurdest, wenn wirklich keine Hausmittel mehr halfen und deine Mutter dein ewiges Gejammer allmählich satt hatte.

…mit einem zerknitterten Blatt Papier, auf dem du kurz nach der oben genannten Kündigung deine kurz- mittel- und langfristigen Ziele notiert hast. Ziele, für die du heute nur noch ein müdes Lächeln übrig hast.

…mit Karten von lieben Menschen, die dir überschwänglich für gute Taten danken, an die du nicht die leiseste Erinnerung hast.

… mit einem Kalligraphie-Bild, das schon längst seinen Rahmen verloren hat, aber immer noch in wunderbaren Worten eine Freundschaft besingt, die aufgrund der Distanz leider schon längst erloschen ist.

… mit einem Quartalsplan aus dem Kirchenvorstand, dem du vor Jahren, als du eigentlich keine Zeit für solche Dinge gehabt hättest, einmal angehört hast. Ein Papier, das in dir noch einmal die Frage aufkommen lässt, warum du dort mitgemacht hast, wo es doch so vieles gab, hinter dem du nicht stehen konntest.

… mit einer auf Aluminium aufgezogenen Fotografie aus Teenagertagen, die eines deiner Geschwister nur darum hatte vergrössern lassen, weil er oder sie wusste, dass du deswegen an die Decke gehen würdest.

…mit ein paar Liebesbriefen von „Deinem“, einer davon noch mit „Fräulein“ adressiert.

…mit einem Couvert voller Bea-Punkte, auf die du damals, als du noch viele Spielsachen kaufen musstest, ganz wild warst, die eine ehemalige Arbeitskollegin dir aber offenbar erst dann hat zukommen lassen, als du schon mehr als genug davon hattest. (Der Vorrat, den du dir damals angelegt hast, ist bis heute nicht aufgebraucht.)

Tja, und dann sitzt du also da, möchtest eigentlich nichts weiter tun, als deine Grippe zu hätscheln. Stattdessen drehst und wendest du die Erinnerungen, die sie dir vor die Füsse geknallt haben und fragst dich, ob die Zeit schon reif ist, sie zu glorifizieren, oder ob du sie noch eine Weile in den Estrich zurück verbannen sollst, wo sie unbeobachtet heranreifen können.

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