Stets zu Zoowärters Diensten

Nächste Woche wird der Zoowärter acht und das bewegt das Prinzchen, der ein ausgeprägt nächstenliebender Mensch ist, zutiefst. Ein Geburtstag, das weiss das Prinzchen aus bitterer Erfahrung, ist viel zu schnell vorbei und darum muss das Geburtstagskind möglichst lange und ausgiebig verwöhnt werden. Das ist nicht getan, indem man dem grossen Bruder einen Berg von Geschenken bastelt, da muss mehr her, viel mehr. Und darum nimmt das Prinzchen dem Zoowärter seit einigen Tagen jede unangenehme Aufgabe ab. 

Der Zoowärter verschüttet am Tisch seinen Sirup, das Prinzchen springt auf, holt Haushaltpapier und wischt die Lache auf.

Der Zoowärter fängt an, seinen Teil des Tischdeckens zu übernehmen, das Prinzchen nimmt ihm den Tellerstapel aus der Hand und sagt: „Du hast Geburtstag, lass mich das machen.“ Manchmal aber ist der Zoowärter schneller als das Prinzchen. Dann wird der Kleine wütend und zwar auf mich, weil ich nicht eingegriffen und den Grossen am Tischdecken gehindert habe. 

Der Zoowärter soll sein Zimmer aufräumen, was in diesen Tagen so läuft, dass das Prinzchen die Arbeit macht, währenddem der grosse Bruder auf dem Bett liegt und „Lustige Taschenbücher“ liest.

Der Zoowärter muss als Hausaufgabe Bilder und Wörter ausschneiden und richtig zuordnen. Das Prinzchen übernimmt das lästige Ausschneiden, übt derweilen gerade ein wenig lesen und hilft dem Zoowärter beim Zuordnen. 

„Das müsste doch der Zoowärter erledigen“, sage ich jeweils erstaunt, wenn der kleine Prinz, der nicht gerade stämmig gebaut ist, sich nach Leibeskräften darum bemüht, einen schweren Abfallsack die Treppe hinunterzutragen. „Aber er hat Geburtstag“, antwortet das Prinzchen keuchend und schleppt weiter. Anfänglich war es dem Zoowärter ein wenig peinlich, dabei zuzuschauen, wie sein kleiner Bruder sich für ihn abrackerte, doch inzwischen hat er sich daran gewöhnt. Nicht freiwillig allerdings. Das Prinzchen musste mehrmals ziemlich heftig werden, weil das zukünftige Geburtstagskind sich nicht widerstandslos bedienen lassen wollte.

So langsam scheint es dem Zoowärter allerdings nichts mehr auszumachen, sich nach Strich und Faden verwöhnen zu lassen. Warum auch? Er hat doch Geburtstag. In einer Woche. 

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tè; prettyvenditti.jetzt

Anti-aging

Zugegeben: Es war wohl mal wieder grenzenlos naiv von mir, zu glauben, meine Töpfchen und Tiegelchen – von denen ich übrigens nicht allzu viele besitze – seien jetzt, wo auch das Prinzchen halbwegs gross ist, vor überneugierigen Kinderfingern geschützt. Dass der Kampf ums Fond-de-Teint-Döschen mit Luises ersten Pickeln erst richtig entbrennen würde, ahnte ich erst, als sie mich eingehend befragte, wie man das Zeug denn anwenden müsse. Da diese Familie aber schon öfters mal eine mütterliche „Wer hat sich schon wieder an meinen Sachen vergriffen? Wisst ihr eigentlich, wie teuer das Zeug ist?“-Schimpftirade erlebt hat, glaubte ich trotzdem, die Zeit der plötzlich leeren Töpfchen sei endlich überstanden. 

Ist sie aber nicht. Als ich mir heute Morgen vor dem Einkauf ein wenig Farbe ins Gesicht klatschen wollte, griff ich mal wieder ins Leere. Nein, nicht in dieses „Mit etwas Mühe bringe ich vielleicht noch einen winzigen Rest raus“-Leere, sondern in das jeder Mutter bekannte „Die haben das doch nicht etwa ausgeleckt?“-Leere, von einfacheren Gemütern auch einfach „L-E-E-R“-Leere genannt. Eine Leere, die mich dazu zwang, vollkommen farblos aus dem Haus zu gehen.

Was nicht weiter schlimm wäre, wenn ich mir die Farbe ins Gesicht schmieren wollte, um etwas besser auszusehen, aber in meinem Fall ist die Farbe ein soziales Engagement, da mein ungeschminktes Antlitz mein Umfeld in tiefe Sorge stürzt. (Also so etwas wie: „Geht’s dir wirklich gut, oder soll ich vielleicht doch lieber einen Krankenwagen rufen?“) Ein Hauch von Farbe ist also Pflicht und darum musste beim Einkauf auch sofort ein neues Döschen her.

Bloss, wie schütze ich das Ding vor Luises Zugriff? Ich glaube, ich habe eine Lösung gefunden: Ich habe mir einfach das Ding mit der fetten „Anti-aging“-Aufschrift geschnappt. Jetzt muss ich Luise nur noch weismachen, „anti-aging“ bewirke bei Menschen unter vierzig, dass sie innert einer Woche so abgekämpft und übermüdet aussähen wie ihre eigene Mutter, und das Problem ist gelöst.  

Zumindest hoffe ich das. Luise behauptet nämlich standhaft, sie habe sich gar nicht an meinem Farbtöpfchen vergriffen und da auch die anderen vier kleinen bis mittelgrossen Vendittis glaubhaft versichern, sie hätten nichts damit zu tun, muss ich davon ausgehen, dass mal wieder „der andere“ zugeschlagen hat und dass der sich durch „anti-aging“ beeindrucken lässt, ist zu bezweifeln. 

retrospettiva colorata

retrospettiva colorata; prettyvenditti.jetzt

Womit mich die Schule auf die Palme treibt

Schönfärberei I

Ein Elternabend mit netten Power-Point-Präsentationen, die beweisen sollen, wie sorgfältig die Zuweisung in die verschiedenen Oberstufentypen doch durchgeführt wird und ich kann nur den Kopf schütteln, weil ich jeden Tag mit eigenen Augen sehe, wie wenig die Tabellen und bunten Feldchen mit der harten Realität zu tun haben. So schlimm sind meine Zweifel am hiesigen Schulsytem inzwischen, dass ich mich manchmal beim Gedanken ertappe, unsere Sachen zu packen und zurück in den Aargau zu ziehen. (Tut mir leid, liebe Leser von anderswo, aber die Tragweite dieser Aussage ist leider nur für Schweizer verständlich.)

Finken – Nein, nicht die fliegenden, die für die Füsse

Finken sind doof. Fand ich schon immer und darum trage ich keine. Als grundsätzlich zur Kooperation bereiter Mensch sehe ich aber ein, dass ich meinen Kindern Finken kaufen muss, weil die Schule dies so wünscht. Also stürme ich einmal im Jahr – im August, auf den letzten Drücker – ins Schuhgeschäft, um mit meiner Horde Finken zu kaufen. Damit habe ich meine Pflicht getan und ich will die Finken erst wieder zu Gesicht bekommen, wenn sie zerfetzt und unbrauchbar sind und deshalb ersetzt werden müssen. Von mir aus dürfte die Schule sie auch gleich entsorgen, aber da meine Kinder zuweilen mitten im Schuljahr auf die abstruse Idee kommen, sie bräuchten neue Finken, bin ich ganz froh, wenn man mir Beweismaterial nach Hause bringt, mit dem die Notwendigkeit eines Kauf zweifelsfrei belegt werden kann. 

Lange Jahre ging das gut, aber in letzter Zeit hat die Schule sich diese Saumode angewöhnt: Am letzten Tag vor den Ferien schicken sie mir die Kinder mitsamt Finken nach Hause, am ersten Tag nach den Ferien erwarten sie meine Sprösslinge wieder zurück, natürlich mit Finken. Und das fünfmal im Jahr, bei mindestens zwei, manchmal auch bei drei Kindern, je nach Bereitschaft der Lehrperson, das Schuhwerk über die Ferien irgendwo im Schulzimmer vor dem putzwütigen Abwart in Sicherheit zu bringen. Natürlich schaffen es die Kinder nicht, ihre Finken über die Ferien im Schulsack zu lassen, was unweigerlich dazu führt, dass die eine oder andere Lehrerin mir gegen Ende der ersten Schulwoche ein Brieflein zukommen lässt: „Liebe Frau Venditti, würden Sie dem FeuerwehrRitterRömerPiraten bitte dringend ein Paar Finken mitgeben.“ Aber natürlich sind die Dinger von vor den Ferien nicht mehr auffindbar, weshalb ich mich entweder zu einer ausgedehnten Suchaktion oder einem Besuch im Schuhgeschäft genötigt sehe. Eindeutig zu viel Finken-Theater für meinen Geschmack…

Schönfärberei II

Man macht jetzt keine „Beurteilungsgespräche“ mehr, weil das zu negativ klingt. Der Inhalt des inzwischen üblichen „Standortgesprächs“ ist deswegen aber nicht erbaulicher geworden. 

Turnsachen 

Eigentlich die gleiche Geschichte wie bei den Finken, mit dem Unterschied, dass die Kinder das ganz und gar nicht verschwitzte Turnzeug jedes Mal nach dem Turnunterricht nach Hause bringen und beim nächsten Mal wieder mitnehmen müssen. (Wohlverstanden, wir reden hier nicht von Teenagern, die das Zeug tüchtig verschwitzen, sondern von Siebenjährigen, denen beim Sport wohl nicht mal richtig warm wird. Zu Karlssons Zeiten durfte man den Beutel jeweils noch in der Schule lassen, bis wieder Ferien waren, was bei uns ja alle paar Wochen der Fall ist.)

Lassen Sie mal Ihr Kind abklären…

…aber erwarten Sie bloss keine Unterstützung von unserer Seite. Unsere Kapazitäten sind mit den echten Problemfällen mehr als ausgeschöpft. (Was ich als Ehefrau eines Lehrers voll und ganz verstehe, aber das Problem an unserem Bildungssystem sind ja auch nicht die praktizierenden Lehrer, sondern die gescheiterten Lehrer, die jetzt irgendwo in einem Büro der Bildungsdirektion sitzen und auf sehr sehr geduldigem Papier die Schule von morgen skizzieren.)

calorie

calorie; prettyvenditti.jetzt

Augen zu? Geht nicht!

Okay, ich geb’s offen zu: Ich möchte jetzt am liebsten die Augen verschliessen vor dieser Realität, die sich heute einmal mehr mit aller Brutalität in unser Bewusstsein gedrängt hat. Möchte so tun, als wäre nichts passiert in der Stadt, die wir im Juni mit den Kindern zu besuchen gedenken. Möchte mich nur an meinem neuen „James“-Trolley freuen und mir einreden, es sei alles bestens und rosarot. Möchte mir vormachen, uns hier ginge das alles gar nichts an, wir lebten ja auf dieser unglaublich tollen Insel der Glücksseligen. Möchte nicht wahrhaben, dass ich im ersten Moment gedacht habe: „Mist, in was für eine Welt haben wir bloss unsere Kinder gestellt?“

Und genau dieser erste Gedanke, der mir durch den Kopf gegangen ist, zeigt mir auf, wie viel mich das alles angeht. Hätte ich nur mein eigenes, bereits zur Hälfte aufgebrauchtes Leben, dann könnte ich jetzt sagen: „Sch…, diese Welt geht doch immer mehr den Bach runter. Mal sehen, wie ich mich durchwursteln kann, ohne allzu viele Dellen und Schläge abzubekommen. Vielleicht gelingt es mir, nebenbei noch da und dort ein bisschen Liebe und Frieden zu verbreiten auf diesem elenden Misthaufen.“ Aber ich habe Kinder und darum kann mir das alles nicht egal sein.

Es ist meine Aufgabe, sie zu lehren, dass die Antwort auf Paris nicht PEGIDA lauten darf. Meine Aufgabe, zu widersprechen, wenn Hassprediger – von denen es auch bei uns immer mehr gibt – ihre vergiftete Botschaft in die Welt hinaus schreien. Meine Aufgabe, ihnen die Freiheit lieb und teuer zu machen. Meine Aufgabe, sie zum Denken, zum Hinterfragen, zum gewissenhaften Handeln anzuregen. Und als Glaubende ist es auch meine Aufgabe, ihnen den schmalen Grat zwischen tiefem, erfüllendem Glauben und starrer, rechthaberischer Religiosität aufzuzeigen

Oder, um es kurz zu sagen: Es ist meine Aufgabe, mein Menschenmögliches zu tun, sie zu Menschen zu erziehen, die anders sind als jene, die heute ein Blutbad angerichtet haben. 

(Oh ja, ich weiss sehr genau, dass es in dieser Sache keine Gelinggarantie gibt.)

Zucker, himmelblau

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Sterbender Schwan & Co.

Wer hier mitliest, weiss, wie sehr ich meine Kinder vergöttere und darum nehme ich mir heute die Freiheit heraus, mal so richtig  über sie abzulästern und dies ganz ohne schlechtes Gewissen. Was ich hier schreibe, kann ich ihnen nämlich auch jederzeit direkt ins Gesicht sagen, also ist es streng genommen gar nicht gelästert. 

Was mir so unglaublich auf den Geist geht, ist zum Beispiel diese meisterhafte Inszenierung des sterbenden Schwans. Da sagst du zu deinem Kind: „Schieb mal bitte deine Legos ein wenig zur Seite, damit ich sie nicht aufsauge, wenn ich hier saubermache“ und schon füllen sich die Augen mit Tränen, ein herzzerreissendes „Immer ich“-Wehklagen in Moll erklingt und dein Kind kollabiert kunstvoll zu deinen Füssen. Armes, geschundenes Kind. Und dir kommt natürlich mal wieder die Rolle des herzlosen Kunstbanausen zu, der dieser zarten Inszenierung mit einem donnernden „Weisst du eigentlich, wie das in meiner Kindheit war? Holz spalten mussten wir. Wochenlang. Alle zusammen, sogar die Angeheirateten. Und mein Vater war dabei nicht weniger schlecht drauf als ich, wenn ich putzen muss“ ein ganz und gar unpassendes Ende setzt. 

Auch so ein Favorit: Kind vergisst irgendwo seine Winterjacke, merkt das aber erst, als es wieder zu Hause in der warmen Wohnung ist. Mama und Papa gehen mit dem Kind im Geiste noch einmal jede einzelne Station des Tages durch, um herauszufinden, wo Kind das vergessene Kleidungsstück wieder finden könnte. Kind vergisst aber natürlich, das vergessene Kleidungsstück zu holen und schiebt am nächsten Tag im Morgengrauen einen Tobsuchtsanfall: „Warum habt ihr mich nicht daran erinnert, dass ich meine Jacke holen muss? Und warum hat Papa sich nicht darum gekümmert? Er hat doch gesagt, er müsse ohnehin noch einmal zurück? Jetzt muss ich frieren und du kannst den ganzen Tag in der Wärme am Computer sitzen.“ Natürlich zieht sich Kind während dieser Schimpftirade ganz ungerührt seine Ersatzwinterjacke an. Man hat ja nicht nur eine…

Noch so einer, momentan gerade Luises Spezialität: „Mama, wir müssen noch diese Übungsprüfung lösen. Dann haben wir noch die Hausaufgaben in Deutsch. Und nachher müssen wir noch Französisch machen.“ „Wir? Wenn ich mich recht erinnere, habe ich meine obligatorische Schulzeit vor bald 25 Jahren abgeschlossen und auch der Abschluss der freiwilligen Verlängerung liegt schon fast 20 Jahre zurück.“ Aber wehe, du sagst laut, was du da gerade denkst. Dann bist du ganz alleine Schuld daran, wenn aus dem Kind nichts wird, denn du hast dich nicht um seine Hausaufgaben gekümmert.

Seit Jahren in den Top-Ten hält sich die Sache mit dem Essen. Als sie noch klein waren, konnte man es ihnen ja noch nachsehen, dass sie voller Entsetzen auf den Teller starrten und sich fragten, womit ihre Eltern sie diesmal zu vergiften suchten. Man sollte aber meinen, auch das Prinzchen und der FeuerwehrRitterRömerPirat hätten genügend Gelegenheit gehabt, Vertrauen in die Kochkünste ihrer Eltern zu fassen, so dass sie nicht bei jedem halbwegs unbekannten Gericht einen Aufstand im Ausmass der Französischen Revolution anzetteln müssten. (Ja, auch die Franzosen mussten damals ziemlich laut nach Brot schreien, bis sie gehört wurden, aber die schrieen nicht bloss, weil Mama oder Papa mal wieder nicht nach ihrem Gusto gekocht hatten.) 

Besonders lieb und teuer sind einem die Kinder, wenn sie eine dieser wunderschönen Sternstunden mutwillig zerstören. Heute früh zum Beispiel: Da sitzen sie alle um den Frühstückstisch versammelt und du willst ihnen von diesem tollen Artikel über Elefanten erzählen, den du gestern in der „NZZ am Sonntag“ gelesen hast. „Wisst ihr, da war ein Mann, der ist heute Elefantenforscher und der hatte schon als Baby einen Plüschelefanten anstelle eines Teddybären…“, fängst du an. „Ich habe sogar drei Plüschelefanten“, unterbricht der Zoowärter mit leuchtenden Augen, in denen die Hoffnung steht, dass dies die allerbesten Voraussetzungen für eine grosse Karriere als Elefantenforscher sind. „Du hast nicht drei, du hast nur zwei“, knurrt Luise hinter ihrem Frühstücksbrot hervor. „Ich hab‘ drei…“, insistiert der Zoowärter. „Aber der Grosse, Weiche gehört gar nicht dir“, beharrt Luise. „Natürlich gehört der mir. Den haben mir Mama und Papa…“ „Stimmt überhaupt gar nicht…“ So geht das weiter, bis beim Zoowärter die Tränen fliessen und Luise die Tür knallt. Und du stehst da und murmelst: „Eigentlich hätte ich euch erzählen wollen, Elefanten hätten diesen unglaublich tollen Zusammenhalt. Die weinen sogar, wenn sie einander vermissen.“ 

Ach ja, da ist noch die Sache mit der Schmutzwäsche, die nie den Weg in die Waschküche findet, obschon das eigentlich seit Jahr und Tag so vereinbart wäre. Wer darf dann dafür geradestehen, wenn keine saubere Hose, kein frisch gewaschener Lieblingspulli, kein löcherfreies Sockenpaar da sind? Du natürlich. Und dein Kind hat mal wieder eine Gelegenheit, den sterbenden Schwan zu geben…

i miei pensieri; Gianluca Venditti

i miei pensieri; prettyvenditti.jetzt

Prüfungsvorbereitung

Luise sitzt vor einer alten Übertrittsprüfung, um sich auf ihre eigene vorzubereiten, die sie Mitte Januar ablegen muss. 

„Mama, was ist eine Schaluppe?“

„Ja, also, das ist irgend so ein kleines Boot…“

„Und was ist ein Kahn?“

„Auch irgend so ein Boot…“

„Und ein Kutter?“

„Ein Kutter ist auch ein kleines Wassergef…“

„Und was ist ein Einmaster?“

„Also, ein Einmaster ist ein Segelschiff mit…“

„Dann sind das also alles so Schiffe? Danke, Mama, mehr muss ich nicht wissen.“

Eine Weile lang herrscht Stille im Zimmer, dann fängt Luise wieder zu fragen an.

„Mama, was ist das Gegenteil von ‚erstarren‘?“

„Na ja, das Gegenteil…das gibt es streng genommen eigentlich nicht…ich würde mal sagen…“

„Sich bewegen?“

„Ja, das kommt wohl hin…“

„Und das Gegenteil von ’schluchzen‘?“

„Na ja, du könntest ‚glucksen‘ schreiben, aber ob die das dann auch verstehen würden, dass du ein lachendes Glucksen meinst…“

„Ich schreib‘ lachen. Und was ist das Gegenteil von ‚kentern‘?“

„Das Gegenteil von ‚kentern‘? Sag mal, spinnen die jetzt komplett? Was, um Himmels Willen soll denn das Gegenteil von kentern sein? Rudern vielleicht? Oder ’nicht absaufen‘? Oder…“

„Rudern wird schon richtig sein. Ich schreib mal das….Mama, was ist das Synonym für…“

„Himmel, fragen die jetzt auch noch nach Synonymen? Haben die nicht begriffen, dass es gar keine Wörter gibt, die exakt das Gleiche bedeuten wie ein anderes? Weisst du was, Luise, wir üben jetzt besser noch ein wenig Wortschatz.“

Könnte ja sein, dass die an Luises Prüfung wissen wollen, was eine Kuttertakelung ist. Oder ein Gaffelsegel. (Nicht dass ich jetzt aus dem Stegreif erklären könnte, was das ist, aber auf der Dr. Doolittle-Kassette, die wir als Kinder hatten, haben sie immer davon geredet, wenn sie auch von Schaluppen und Einmastern redeten und die Begriffe sind irgendwie zusammen in meinen Gehirnwindungen kleben geblieben.) 

bagno blu; Gianluca Venditti

bagno blu; prettyvenditti.jetzt

Jahresbilanz – Was ich 2014 erreicht habe

  • Schwiegermama davon überzeugt, dass Atomenergie eine ganz ganz böse Sache ist. (Nicht, dass sie zu dem Thema eine Meinung gehabt hätte, aber nachdem sie mich gefragt hat, wozu diese Jodtabletten, die man ihr zum ersten Mal zugeschickt hat, gut sein sollen, habe ich ihr gleich erklärt, was man von dem ganzen Atomzeugs halten soll: Dagegen sein, voll und ganz, ohne Wenn und Aber.)
  • Mir durch irgend eine heldenhafte Tat Schwiegermamas Achtung gesichert und damit erreicht, dass meine Meinung inzwischen den Status der allein seligmachenden Wahrheit hat.
  • Zum ersten Mal überhaupt eine Lesung ohne Nervenflattern überstanden (was ich der Feststellung zu verdanken habe, dass mir Rotwein zwar noch immer nicht besonders gut schmeckt, aber äusserst wirksam ist, wenn es gilt, meine Nerven vom Flattern abzuhalten). 
  • Die Krücke, die mir in den vergangenen Jahren den Aufstieg aus dem Schwarzen Loch erleichtert hat, entsorgt. 
  • Die alte Kratzbürste in mir ein wenig gehätschelt, damit sie wieder mehr zum Zug kommt. 
  • Bücher gelesen, für die ich vor drei Jahren noch zu müde gewesen wäre. 
  • Kopfschüttelnd ein paar Bücher überflogen, die ich vor drei Jahren noch für durchaus annehmbar gehalten habe. (Die Frage, ob ich sie wegschmeissen, oder als Erinnerung an eine Zeit, in der mir alles Anspruchsvolle zu anspruchsvoll war, behalten soll, ist noch nicht geklärt.)
  • Mit „Meinem“ ins Kino gegangen. Spontan! Und dann auch noch Tränen gelacht, obschon der Opa neben mir das alles so gar nicht lustig fand.
  • Mehrmals wie so eine richtige Hausfrau vormittags in den Cafés der Stadt rumgehängt und dabei festgestellt, dass es diese rumhängenden Hausfrauen tatsächlich gibt. (Die kommen so gegen neun Uhr morgens aus ihren Löchern gekrochen, kippen literweise Kaffee in sich hinein und gehen erst nach Hause, wenn ich schon längst wieder am Herd stehe, weshalb ich ihnen pauschal unterstelle, der Familie Fertigprodukte vorzusetzen.)
  • Zwei oder dreimal erlebt, dass von mir verfasste Worte genau die Worte waren, die jemand anders gebraucht hatte. 
  • Im Hoteldschungel von Paris die Ferienwohnung aufgespürt, die alle sieben Vendittis umwerfend toll finden. 
  • Zum ersten Mal überhaupt mit „Meinem“ an einem lauen Herbstabend in der Stadt einen Cocktail geschlürft und mich dabei gefragt, ob wir bereits im Jahr 2007 Konkurs hätten anmelden müssen, wenn wir das regelmässig getan hätten, oder ob das Geld vielleicht bis 2009 gereicht hätte. 
  • Mich endlich bei Twitter angemeldet, damit ich auch auf diesem Weg die virtuelle Öffentlichkeit vollquatschen kann. 
Lusso per tutti; Gianluca Venditti

lusso per tutti; prettyvenditti.jetzt

Alterserscheinungen

Zum ersten Mal zum Berufsberater, ohne dass es dabei um deine berufliche Zukunft gibt. Auf dem Desktop deines Computers das Curriculum Vitae deines Sohnes. (Warum fragen die eigentlich nicht einfach mich? Ich weiss doch noch genau, wie das war, als er geschlüpft ist.)

Krähenfüsse, die nicht kunstvoll um anderer Leute Augen gezeichnet sind.

Das Wort „Gross“, das bald schon vor dem Titel „Tante“ steht.

Damit verbunden die Erkenntnis, dass die Sache mit dem Kinderkriegen bald schon nicht mehr die Sache deiner Frauen-Generation sein wird. (Na ja, zumindest wenn man diese neumodische Sache mit dem Einfrieren von Eizellen ausser Acht lässt…)

Der Kaffeeverkäufer, der alle duzt, nur dich nicht.

Die Leichtfüssigkeit, mit der andere den steilen, mit Schnee bedeckten Weg, bewältigen.

Die Ungeduld, die über dich kommt, wenn eigentlich erwachsene Menschen in kindlicher Einfalt dir die Aufgaben zuschieben wollen, die das Leben ihnen stellt.

Das neue Selbstbewusstsein, nicht immer nur nett zu sein, sondern zuweilen auch deutlich zu sagen, was du nicht mit dir machen lässt. (Okay, ich geb’s zu, der Tonfall bleibt nett. Der wird wohl erst in der nächsten oder übernächsten Lebensphase so bissig, wie man es eigentlich meint.)

Die „Weisst du noch…“-Gespräche, die immer öfter in ganz unterschiedlichen Konstellationen stattfinden.

Der Gewissenskampf beim Schmücken des Tannenbaums: „Schämst du doch nicht mit all dem Zeug aus China? Hast du sie nicht gesehen, diese Bilder mit dem Farbstaub?“ „Schon, aber wie viele Jahre bleiben uns denn noch, um mit den Kindern unser ganz eigenes Weihnachtsfest zu feiern? Sie werden ja so schnell gross.“

Die Gedanken, was man noch alles mit dem Leben anstellen könnte, jetzt, wo die zeitlichen Freiräume immer grösser werden.

Wenn in dem Satz „Ich bin so glücklich, ich habe alle meine Rechnungen bezahlt und es bleibt noch etwas für die Steuern übrig“ nicht der kleinste Funken Ironie steckt. 

Sie ist eigentlich ganz okay, diese Lebensphase, du brauchst bloss etwas Zeit, dich daran zu gewöhnen.

Kaffeepause; Tamar Venditti

Voll peinlich

Das ist jetzt natürlich voll peinlich: Da posaune ich Ende November in alle Welt hinaus, die Sache mit dem Schnee und dem Winter sei nichts weiter als ein altes Märchen, das man nicht richtig ernst nehmen könne und heute, als ich aus dem Fenster schaue, sieht es draussen so aus:

Winterbild; Tamar Venditti

Ja, und jetzt stehe ich da wie der letzte Depp, der nicht hat glauben wollen, was die Wetterpropheten seit Tagen vorausgesagt haben. Ohne Winterschuhe, ohne Winterpneus am Auto und natürlich auch ohne anständige Winterausrüstung für die Kinder. Irgendwie so, wie ich mir das im Kindergottesdienst vorstellte, wenn sie sagten: „Wenn der Heiland kommt und du sitzt gerade im Kino, dann nimmt er dich nicht mit.“ und dann sangen sie dieses höhnische Lied, in dem es hiess „Du warst nicht vorbereitet…“

Okay, ganz vom Winterglauben abgefallen bin ich nicht, darum haben wir irgendwo, im hintersten Winkel eines Schrankes noch ein paar Sachen, die man eben braucht, wenn das weisse Zeugs vom Himmel fällt. Für die schlimmsten Härtefälle gibt’s ja noch den Ausverkauf. Und wir kommen auch ohne Auto aus für ein paar Tage. Gänzlich ausgeliefert sind wir also nicht.

Ich bin aber auch nicht bereit, wieder voll und ganz zum Winterglauben zurückzukehren, denn allzu lange wird die Klimaerwärmung sich ja wohl nicht zurückhalten können. Darum habe ich mir trotz Schneematsch nichts von dem warmen, gefütterten Zeugs für die Füsse gekauft, sondern die hier (Mit Karlssons Segen übrigens. Er meinte, es wäre peinlich, wenn eine wie ich plötzlich mit schwarzen Schuhen an den Füssen daherkommen würde.):

Gummistiefel; Tamar Venditti

Das finde ich jetzt irgendwie nicht witzig

Natürlich fand ich es sonderbar, dass sich der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter das gleiche Lego-Paket zu Weihnachten wünschen. „Ist doch total langweilig“, sagte ich, „wenn jeder etwas anderes hat, könnt ihr doch viel spannendere Dinge spielen.“ Als keiner der beiden einlenken wollte, erinnerte ich den Zoowärter an seinen Geburtstag im Januar. „Falls du es bis dann immer noch unbedingt haben willst, kannst du es dir ja dann wünschen.“ Beide Jungs blieben hart und weil ich nicht hart bleiben kann, wenn zwei Jungs mich mit samtweichen Augen ansehen, bestellte ich schliesslich zweimal die gleiche Lego-Packung. Ich bezahlte sie auch sogleich artig und bekam kurz darauf die Bestätigung, meine Bestellung sei angekommen, die Bezahlung ebenfalls, das Paket mit den zwei identischen Geschenken befinde sich auf dem Weg zu mir. Ein paar Tage später war es dann tatsächlich da, der Lieferschein bestätigte mir erneut, dass meine beiden Söhne unter dem Tannenbaum vollkommen identische Geschenke vorfinden würden.

Ach, wäre ich doch misstrauisch gewesen und hätte sogleich überprüft, ob sich das, was man mir mehrmals schriftlich bestätigt hatte, auch wirklich im Paket befand. Ich war nicht misstrauisch, sondern gutgläubig, denn ich gehe immer noch davon aus, dass jemand, der vollkommen korrekte Bestätigungsmails und Lieferscheine schreibt, auch in der Lage ist, den Inhalt einer Schachtel zu überprüfen, bevor er sie zuklebt und versendet. Als mich heute Abend „Meiner“, der die Geschenke einpacken wollte, mit grossem Erstaunen fragte: „Hast du unseren Kindern Harry Potter-BluRays zu Weihnachten bestellt?“, glaubte ich deshalb erst einmal, er erlaube sich mal wieder einen seiner grenzwertigen Scherze. „Ich bin nicht in Stimmung für blöde Witze“, gab ich deshalb zurück, aber es war kein blöder Witz, da waren tatsächlich zwei Harry Potter-BluRays, aber nur eine der heiss begehrten Lego-Schachteln. Diese Schachteln, die dieses Jahr nicht nur von meinen Söhnen heiss begehrt sind, sondern von ziemlich jedem Jungen zwischen sieben und elf Jahren, was bedeutet, dass ich am 24. Dezember nicht ganz gemütlich die abendliche Feier vorbereite, sondern in überheizten Geschäften  – vermutlich erfolglos – nach der Lego-Packung suche. 

Und ich habe heute doch tatsächlich zu „Meinem“ gesagt, wir seien noch nie so gut vorbereitet gewesen…

pugno colorato

pugno colorato; prettyvenditti.jetzt