Gefunden

Geige wolle er spielen, verkündete der Zoowärter, als er das Heftchen mit der Anmeldung für den Instrumentalunterricht nach Hause brachte. Ob er sich dessen ganz sicher sei, fragte ich und zwar nicht, weil ich etwas gegen die Geige einzuwenden hätte. Im Gegenteil, ich liebe den Klang dieses Instruments und die Behauptung, das würde ja so schrecklich quietschen, mag ich nicht mehr hören. Gewöhnlich quietscht es nur am Anfang und diejenigen, die mit Quietschen nicht aufhören können, hören bald einmal mit dem Geigenspiel auf.

Grundsätzlich könnte ich also mit Zoowärters Wunsch ganz gut leben. Die Sache ist nur die, dass wir mit Karlsson bereits einen ganz passablen Geiger in der Familie haben und wenn kleine Geschwister wollen, was der Grosse tut, läuten bei mir die Alarmglocken. Ich war ja selber lange genug die kleine Schwester, die glaubte, wollen zu müssen, was die Grossen machten und es dauerte ziemlich lange, bis ich erkannte, dass ich wollen sollte, was mir in die Wiege gelegt worden ist und nicht das, was die anderen gut können. Darum rang ich dem Zoowärter das Versprechen ab, dass er den anderen Instrumenten zumindest eine kleine Chance geben würde, wenn wir zum Probespielen gehen würden. Zähneknirschend willigte er ein, aber erst, nach einem trotzigen „Ich will aber Geige spielen und sonst nichts.“

Geige spielen wollte er auch noch, nachdem er heute das Instrument endlich in den Händen gehalten und ihm unter grossen Mühen ein paar Töne entlockt hatte. Er wollte es auch noch, nachdem er sich mit dem Schwyzerörgeli abgemüht hatte. Was mich offen gestanden beruhigte, denn auch wenn mir bewusst ist, dass man mit dem Ding ganz tolle Sachen anstellen kann, so bin ich mir doch nicht sicher, ob ich die Nerven für all den Ländler hätte, den ein Kind spielen muss, bis es endlich gut genug spielt, um etwas für meine Ohren Anständiges vortragen zu können. Auch die Blockflöte vermochte Zoowärters Meinung nicht zu ändern, was wohl gut ist, denn vor ihm habe ich noch keinen gekannt, dem bei den ersten zaghaften Flötentönen schwindlig wurde.

Nach dem zweiten Besuch bei der Geige begann ich mich mit dem Gedanken anzufreunden, einen zweiten Geigenspieler in der Familie zu haben, doch ganz glücklich war ich mit der Sache nicht, denn weder beim ersten noch beim zweiten Versuch hatte ich etwas von dieser Begeisterung gespürt, die ein Kind überkommt, wenn es sein Instrument gefunden hat. „Wollen wir nicht noch zum Cello gehen?“, fragte ich deshalb. „Okay, aber ich will Geige spielen“, gab der Zoowärter zur Antwort.

Bei der Cellolehrerin herrschte gerade ziemlich grosser Andrang und so mussten wir eine ganze Weile warten. Ob wir vielleicht doch lieber nach Hause gehen sollten? Das Kind hatte seine Wahl ja getroffen und vielleicht gibt es nicht bei allen diesen magischen „Das ist es!“-Moment. Wir blieben, der Zoowärter kam irgendwann doch noch an die Reihe, die Lehrerin zeigte ihm, was er zu tun hatte, er spielte die ersten Töne und dann geschah das, worauf ich den ganzen Morgen vergeblich gewartet hatte: Die bis dahin angespannten Muskeln entspannten sich, der Blick wirkte nahezu verklärt, das zuvor unruhige Kind wurde andächtig. „Bitte, lass es ihn auch spüren“, schickte ich ein Stossgebet zum Himmel.

Ob es ihm gefallen habe, fragte ich den Zoowärter, als wir wieder draussen waren. Ja, sehr, aber er wolle immer noch Geige spielen, antwortete er. „Weshalb denn?“, wollte ich wissen. Sein Brustbein hätte ihm beim Spielen etwas weh getan, erklärte er mir. Er würde ein kleineres Instrument bekommen, nicht so ein grosses, wie das, mit dem er gerade gespielt habe. Da würde dann auch nichts gegen sein Brustbein drücken. Ein Strahlen breitete sich auf Zoowärters Gesicht aus. „Dann will ich Cello spielen.“ Ob er sich ganz sicher sei, fragte ich, oder ob er das nur wolle, weil ich es schön fände. Nein, er wolle das ganz bestimmt, versicherte er mir.

Wir könnten auch noch einmal zur Geige zurückgehen, schlug ich vor, doch das wollte er nicht. Einzig zu einem zweiten Besuch beim Cello liess er sich noch überreden, dann musste er unbedingt nach Hause, um den anderen von seiner neuen grossen Liebe zu erzählen. Das Cello habe ihn gefangen genommen, erzählte er auf dem Heimweg, sein ganzer Körper habe gespielt, alles, bis in die Fingerspitzen. So stark sei das Instrument, sagte er. So zart, sagte ich. So lustig, ergänzte er. „So wie du“, sagte ich und er strahlte.

Kaum etwas in meinem Leben als Mutter berührt mich so sehr, wie wenn ein Musikinstrument eines meiner Kinder findet und sein Herz im Sturm erobert.

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Freitagabendessen

„Im Orient dürfen sie manchmal den ganzen Tag gar nichts essen. Erst wenn die Sonne untergegangen ist, dürfen sie essen und dann essen sie ganz viel. Das heisst dann Ramadan…“, erzählt das Prinzchen. „Wie der Schulkamerad von…von wem schon wieder?“, sagt Luise.

Auf der anderen Seite versucht sich derweilen der FeuerwehrRitterRömerPirat im Schutze des Tulpenstrausses verbotenerweise ein abendliches Glas Pepsi Max einzuschenken, doch der grosse Bruder ist wachsam. „Gib sofort das Glas her“, fordert er, doch der kleine Bruder fühlt sich nicht dazu verpflichtet, Karlsson Folge zu leisten. Es entbrennt ein wilder Kampf ums halb volle Glas, die Mama malt sich schon aus, wie sie die Scherben wieder aus der einen oder der anderen Hand entfernen soll. Die väterlichen Warnrufe bleiben ungehört.

„Dann ruft der Muezzin und die Leute legen sich auf den Boden, um zu beten – so.“ Das Prinzchen wirft sich in einer perfekten Muslim-Imitation auf den Fussboden, Luise schaut bewundernd zu und fragt sich, weshalb der Kleine das Wort „Muezzin“ kennt, sie hingegen nicht. 

Der Kampf ums Glas ist zu Ende, Karlsson hat gesiegt und der FeuerwehrRitterRömerPirat ist rasend vor Wut, schnappt sich die offene Pepsi-Flasche und schüttelt sie. Der Tisch wird nass, Karlssons Pulli und Zoowärters Füsse ebenso, auch das Fenster bekommt Spritzer ab, was „Meinen“ zur Bemerkung veranlasst, zum Glück hätte er heute keine Zeit gefunden, das Fenster zu putzen. Karlsson setzt derweilen seine Fäuste ein, die zwei Pepsi-Kämpfer müssen den Tisch vorübergehend verlassen. 

„Ich hab jetzt auch schon meinen Turban angefangen und wir lernen eine Aladdin-Lied. Ich hab‘ der Lehrerin gesagt, dass ich das Aladdin-Theater gesehen habe…“

Der Zoowärter stellt fest, dass seine Socken so sehr mit Pepsi getränkt sind, dass er feuchte Fussspuren hinterlassen kann, Karlsson wird dazu verknurrt, sich für die Fausthiebe zu entschuldigen, der FeuerwehrRitterRömerPirat heult, weil er die Kampfspuren aufputzen muss, wo er doch gar nichts dafür kann, dass es in diesem miesen Schuppen nach 16 Uhr für Minderjährige keine koffeinhaltigen Getränke mehr gibt. 

Mama versucht Luise zu erklären, dass es völlig okay sei, wenn das Prinzchen im Zusammenhang mit 1001 Nacht auch etwas kulturelles Wissen zum Leben in islamischen Ländern bekomme. Dann versucht sie, ihre Liebsten davon zu überzeugen, vom Apfel-French-Toast mit Ahornsirup zu probieren, auch wenn die Bäuche schon mit Corn-Dogs vollgestopft sind. Keiner hört zu, denn die einen möchten mehr über das Leben im Orient erfahren, die anderen rekonstruieren den Hergang des Pepsi-Kampfs und il Cugino versucht verzweifelt, aus dem ganzen Schweizerdeutschen Gequatsche herauszuhören, ob von ihm heute Abend noch eine Kissenschlacht erwartet wird, oder ob er auf eine geruhsamere Art und Weise verdauen darf. 

Wie? Ihr findet meinen Text heute ein wenig chaotisch und unzusammenhängend? Na ja, ihr könnt doch nicht erwarten, dass wir ein Drehbuch verfassen, ehe wir uns zu Tisch setzen. 

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Es gibt sie noch, diese Tage, an denen…

…die Schreibblockade ausgerechnet dann zu Besuch kommt, wenn zwei Kolumnen (über)fällig sind.

…der Autoschlüssel unauffindbar ist, weil er ohne mein Wissen mit il Cugino zur Schule gegangen ist, weshalb ich nicht aus dem Haus kann, um die Zutaten, welche die Kinder schon wieder als Zvieri zweckentfremdet haben, fürs Mittagessen einzukaufen.

…das Mittagessen in Folge des oben genannten Desasters äusserst dürftig ausfällt und erst noch anbrennt.

…das Bankkonto nicht hergibt, was man vermeintlich mit voller Berechtigung von ihm erwartet hätte.

…ich „Meinem“ die Ohren voll heule, weil es mir jetzt einfach reicht. 

…der vor einer Woche gekaufte Mixer seine Arbeit verweigert, weshalb ich die Meringue-Masse von Hand schlagen muss. Was mich nicht weiter stören würde, hätte ich nicht die offensichtlich vollkommen hirnrissige Erwartung, dass ein neuer Mixer seinen Dienst länger als eine Woche tut. 

…“jemand“ ganz zufälligerweise die Ofentemperatur von 100 auf 230 Grad verstellt, was bekanntlich nicht gerade die optimale Temperatur für Meringues ist. Natürlich bemerke ich dies erst, als es schon wieder angebrannt riecht.

…ich der Tatsache ins Auge sehen muss, dass wir jetzt zu den Menschen gehören, die zu viel verdienen, um noch irgendwelche Vergünstigungen zu bekommen, aber nicht genug, um diesen Umstand problemlos verkraften zu können. 

…ich mir obendrein beim Kochen Tabasco ins Auge schmiere, was erstaunlicherweise ziemlich heftig brennt, obschon Tabasco doch gar nicht so scharf ist. 

…ich so oft die Contenace verliere, dass die Kinder anfangen, lieb und zuvorkommend zu sein, um mir keinen weiteren Anlass zum Herumbrüllen zu bieten. Ich hasse es, wenn ich so bin. Der Brief des FeuerwehrRitterRömerPiraten, in dem stand, ich solle mich doch ein wenig schlafen legen, sie würden währenddessen spielen, rührte mich dennoch zutiefst. 

Zum Glück gibt es solche Tage seltener als auch schon.

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Sonntagsfragen

Wie haben sich die 24 Besucher aus Chile heute auf meine Seite verirrt und zählen die nun in der Statistik, auch wenn sie sich bestimmt nicht länger als zehn Sekunden hier aufgehalten haben?

Warum schaut die Weltöffentlichkeit an gewissen Orten sehr genau hin, an anderen aber ganz gezielt weg?

Muss ich denn immer und immer wieder sagen, dass ich mich zwar um Gerechtigkeit bemühe, aber nicht über Jahre hinaus im Gedächtnis behalten kann, wer wann ein Stückchen Schokolade mehr bekommen hat als die anderen?

Warum haben wir unseren Kindern je das Youtube-Video von „En Kafi am Pischterand“ gezeigt?

Muss ich anfangen, die Tageszeitung vor unseren Kindern zu verstecken, weil dort so viele schreckliche Dinge drinstehen?

Warum missbraucht mein sparsamer Mann die Gemüsereste, die für die Kaninchen vorgesehen wären, für seine Fotoprojekte und zwar so, dass sie nachher nicht mehr als Kaninchenfutter taugen?

Stimmt es, dass bereits die ersten Bienen unterwegs sind, oder hat die Frau, die das neulich erzählt hat, masslos übertrieben?

Warum weiss das Prinzchen stets vor dem ersten Bissen, dass ihn das Essen nicht schmeckt?

Spielen die absichtlich mit dem Feuer, oder ist denen einfach nicht bewusst, was alles schief gehen kann, wenn die Dinge aus dem Ruder laufen?

Warum bin ich nach Mitternacht immer viel wacher als am Morgen?

Wie kommt es, dass Schokolade bei uns nie länger als ein paar Stunden überlebt, wo doch il Cugino, die Kinder und ich stets so zurückhaltend sind?

Nun, zumindest auf die letzte Frage weiss ich eine Antwort. Oder auch zwei.

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Sind wir denn noch immer nicht weiter?

Keine Ahnung, wie der Prospekt seinen Weg zu uns gefunden hat, aber weil er gerade herumlag und ich nichts besseres zu tun hatte, sah ich ihn mir genauer an. „Mit Frau Sieber und Herrn Marti durchs neue Fiskaljahr“, lautete der Titel, abgebildet waren eine schwangere Frau und ein Mann mit Kissen unter dem Hemd, beide dezent geschäftlich gekleidet. Die zwei werben für eine digitale Agenda, die dem Chef dabei helfen soll, die schwangere Mitarbeiterin so durch die Schwangerschaft zu begleiten, dass sie nach dem Mutterschaftsurlaub wieder zur Arbeit zurückkehrt. 

Na ja, eigentlich ist das Thema für mich erledigt, aber man hat so seine Erfahrungen gemacht mit Chefs und Schwangerschaften. Zum Beispiel die, dass man im vierten Monat dazu gedrängt wurde, sich festzulegen, wie es nachher weitergehen soll – und auch naiv genug war, sich auf das miese Spiel einzulassen. Oder die, dass der Chef Monate brauchte, um sich endlich einmal nach dem Befinden zu erkundigen. Oder die, dass der Bürokollege weiterhin ungeniert am Nebentisch rauchen durfte. Oder die, dass der Chef drei Tage nach der Geburt ins Spital anrief, um zu verkünden, der Job werde leider gestrichen. Wahrlich, nicht jeder bringt es fertig, eine frischgebackene Mama mitten im schlimmsten Baby Blues noch mehr zum Heulen zu bringen. 

Wer solche Erfahrungen gemacht hat, sollte es also begrüssen, dass man die Arbeitgeber auf ihre Pflichten aufmerksam macht und ihnen dabei hilft, sich im Dschungel der Mutterschutz-Paragrafen zurechtzufinden. Und irgendwie begrüsse ich es ja auch. Ist doch gut, wenn endlich einmal schwarz auf weiss steht, welche Rechte die (werdende) Mama hat. 

Aber es ärgert mich auch, dass wir noch immer nicht weiter sind. Muss man Chefs denn noch immer sagen, wie sie sich gegenüber einer schwangeren Mitarbeiterin zu verhalten haben (Nämlich nach dem Vorgehen GEZI: Gratulieren, Einladen, Zuhören, Informieren)? Brauchen die wirklich noch eine Vorlage, wie man das Gratulationsschreiben nach der Geburt verfasst? Muss man denen wirklich noch ans Herz legen, während des Mutterschaftsurlaubs in Kontakt zu bleiben? Ist die Schwangerschaft einer berufstätigen Frau tatsächlich noch so eine verkorkste Sache, dass man Merkblätter mit Verhaltensregeln erarbeiten muss?

Offenbar schon, sonst hätte man keine so grosse Kampagne aufgezogen. Schade, ich hatte so gehofft, es hätten sich ein paar Dinge geändert, seitdem ich allen Mut zusammennehmen musste, um meinem Chef zu verkünden, dass ich Mutter werde (Ja, ich war sehr jung, sehr berufsunerfahren und sehr naiv und heute würde ich die Sache deutlich selbstbewusster angehen…).

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Familienwetter

Könnte man das Familienwetter voraussagen, dann hätte die Prognose für heute etwa so gelautet: 

„Der Morgen beginnt klar, doch ab halb sieben bis ca. acht Uhr ist mit vereinzelten Turbulenzen und Regenschauern zu rechnen. Diese können zum Teil sehr heftig ausfallen, ziehen jedoch rasch wieder ab. Der Rest des Vormittags verläuft ruhig und windstill, es ist ziemlich sonnig. Am Mittag kommt stürmischer Wind auf, es bleibt jedoch sonnig und angenehm warm. Ab 13 Uhr legt sich der Wind wieder, der Himmel ist nahezu wolkenlos, die Temperaturen gehen leicht zurück. Gegen Abend ziehen ziemlich plötzlich heftige Gewitter auf. Ob mit Gewitterschäden zu rechnen ist, lässt sich nicht voraussagen, ausschliessen lässt es sich aber auch nicht. Nach 19 Uhr beruhigt sich die Wetterlage wieder, am Abend zeigen sich nur noch vereinzelte Wolken, Regenschauer sind keine mehr zu erwarten. Die Nacht wird voraussichtlich wieder klar und windstill, vereinzelte Störungen sind jedoch nicht auszuschliessen.“

Das hätte der Familien-Wetterfrosch vorausgesagt, wenn es ihn gäbe. Doch es gibt ihn nicht, denn im Familienleben weiss man immer erst im Nachhinein, wie es war. Warum bei schönsten Wetter ohne jegliche Ankündigung zu heftigen Gewittern kommt, andererseits aber der strömende Regen plötzlich strahlendem Sonnenschein weichen muss, darüber zerbrechen sich Experten weiterhin vergeblich die Köpfe.

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Da kommt wahrlich keine Routine auf

Endlich, nach vier Wochen Dauerbetrieb, waren wir heute Morgen wieder einmal alleine zu Hause, meine Gedanken und ich. Und wie es so geht, wenn auf einmal himmlische Ruhe herrscht, meldeten sich meine Gedanken sogleich mit heftigen Vorwürfen zu Worte. Saublöd hätte ich mich aufgeführt in den vergangenen vier Wochen, stets dieses Gejammer über mangelnde Ruhe und Tagesstruktur, dabei sei ich selber Schuld am ganzen Schlamassel, ich hätte mich ja vollkommen gehen lassen. Das sei doch keine Art, meinen Liebsten einfach so mitten ins Gesicht zu sagen, sie würden mich nerven mit ihrem ewigen Gezänke. Und dann auch noch diese unsägliche Aussage, ich sei froh, wenn sie alle wieder eine Beschäftigung hätten. Eine egoistische, undankbare Kuh sei ich, die eine solche Familie nicht verdient hätte. Ich solle mich gefälligst gehörig schämen… 

Das tat ich dann auch schön folgsam und ich beschloss, mich zu bessern. Kein Gejammer mehr über meine geliebten Familienmitglieder, die meine sauber geplanten Tagesstrukturen ins Wanken und schliesslich zum Einstürzen bringen, das schwor ich mir. 

Tja, und dann kamen sie wieder nach Hause und brachten Zettel von der Schule mit: Am Donnerstag schulfrei ab 10 Uhr, weil die Schüler nach dem Fasnachtsauftakt am frühen Morgen nicht mehr bildungsfähig sind. Kein Englisch für Luise am 6. März, schulinterne Weiterbildung am 19. oder so, fünf Schulwochen bis zu den Frühlingsferien und danach die üblichen Feiertage… Bis zum Ende des Schuljahres wird kaum eine Woche so sein, wie es auf dem Stundenplan steht.

„Nicht jammern“, ermahnte ich mich selber, als ich einen Zettel nach dem anderen las. „Lass dir auf gar keinen Fall anmerken, dass du dich nervst, für die Kinder sind schulfreie Tage ja wirklich eine tolle Sache.“ Ich hätte es geschafft, nichts zu sagen, hätte nicht Karlsson auch noch irgendeine Verschiebung angekündigt, die nicht auf den Zetteln stand. Da brach es schliesslich doch noch aus mir heraus: „Himmel, habt ihr überhaupt irgendwann Schule, oder muss ich mich darauf einstellen, wieder rund um die Uhr im Einsatz zu sein?“

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10 Wege, uns zu sagen, dass wir zum alten Eisen gehören

1. „Hast du echt drei Franken ausgegeben? Nur damit du dir deinen eigenen Avatar gestalten und den Spielhintergrund verändern kannst?  Das bringt’s doch voll nicht, Mama.“

2. „Warum ladet ihr euch eigentlich all das Zeug legal runter? Man kann das doch auch gratis haben.“ (Kleine Anmerkung am Rande: Weil wir wissen, wie viel Arbeit jemand in ein kreatives Werk steckt und wie wenig dabei finanziell rausschaut.)

3. „Warum haben deine Eltern die Weihnachtsgeschenke nicht einfach im Internet bestellt? Ist doch voll unnötig, sich ins Gewühl zu stürzen.“

4. „Warum hast du keine Gesangskarriere gestartet? Du hättest ja bei einer Casting-Show mitmachen können.“

5. „Okay, mag ja sein, dass dieser Film total cool ist, aber der wurde 1999 gedreht. Du glaubst doch nicht, dass ich so einen uralten Streifen sehen will? Schau dir bloss diese schrecklichen Kleider an…“

6. Ich: „Toll, ihr wart im 3D-Kino. Was gefällt dir besser, 3D oder normal?“ Neffe: „Keine Ahnung. Hab bis jetzt immer nur 3D gesehen im Kino.“

7. „Mag sein, dass du erst mit 26 zum ersten Mal in Paris warst, aber früher war eben alles noch anders. Ich warte sicher nicht so lange.“

8. „Du bist peinlich.“

9. „Nicht so laut, Mama. Alle hören dich.“

10. „Warum schreibst du eine SMS? Hast du kein whatsapp?“ (Nein, habe ich nicht, darum bin ich heute auch erreichbar. :-P)

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Wollen täte ich ja schon…

Trotz viel zu kurzer Nacht raffe ich mich am letzten Ferientag unserer Kinder früh morgens auf, um eine oder zwei Stunden ungestört arbeiten zu können. Ich nehme mir sogar die Zeit, zum Tagesstart kurz inne zu halten zu einem Morgengebet. Heute werde ich mich nicht von den Ereignissen überrollen lassen, sondern schön diszipliniert meinen verschiedenen Aufgaben nachgehen. Mit dem Frühstück setze ich mich an den Computer, um gleich loszulegen, doch ich schaffe es gerade mal, zwei Mails zu beantworten, als das Telefon klingelt. Weshalb ich rangehe? Weil ich um diese Uhrzeit davon ausgehe, dass es dringend ist.

Fünfundvierzig Minuten lang hänge ich ziemlich hilflos am Draht, versuche zu helfen, wo ich helfen kann und starre mit Entsetzen auf die Uhr, deren Zeiger sich unaufhaltsam vorwärts bewegt. Gegen Ende des Telefongesprächs kommt Karlsson ins Zimmer geschlichen, Minuten später ist auch Luise da. Als ich endlich fertig bin mit Telefonieren muss ich mich zusammenreissen, um meinen Frust nicht an ihnen auszulassen. Sie können ja nichts dafür, dass ich in der einen Stunde, die mir zum ungestörten Arbeiten geblieben wäre, gestört worden bin. 

Da jetzt an Kopfarbeit nicht mehr zu denken ist, bereite ich eben das Mittagessen vor, damit ich vielleicht nachher, wenn alle gefrühstückt haben, noch einmal einen Arbeitsversuch starten kann. Zwei Anrufe später ist mir klar, dass heute Vormittag wohl nichts mehr daraus wird. Dann putze ich eben die Küche, damit ich das morgen nicht mehr machen muss. So kann ich morgen erledigen, was ich heute hätte tun wollen. Doch ehe ich putzen kann, muss aufgeräumt sein und schon steht ein neues Hindernis vor mir: Der Schlüssel des Vorratsschranks, der eben noch da war, ist unauffindbar, was bedeutet, dass Kakaodose, Vorn Flakes, leere Milchflaschen etc. nicht hinkönnen, wo sie hin müssen. Putzen geht also auch nicht.

Was bleibt mir da noch, als mich an den noch immer eingeschalteten Computer zu setzen, um darüber zu schreiben, dass alles Wollen meinerseits nichts nützt, solange der Tag läuft, wie es ihm beliebt? Mein Wollen, so muss ich leider einmal mehr einsehen, spielt im meinem Leben an gewissen Tagen eine sehr untergeordnete Rolle.

Und wer jetzt einwendet, bloggen sei doch auch Kopfarbeit, warum ich das denn könne, dem kann ich getrost antworten, im Bloggen sei ich inzwischen so geübt, dass ich es auch im Schlaf erledigen könnte. 

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Ob das wirklich nötig ist?

Heute stand ein Termin bei der Schulpsychologin auf dem Programm. Weshalb wir denn mit dem Kind zur Psychologin gehen müssten, wollte il Cugino wissen. Das Kind komme nicht so gut mit der Realität zurecht und ecke deswegen in der Schule öfters mal an, erklärte ich. Manchmal treibe es die Lehrerin regelrecht in den Wahnsinn, weil es sich weigere, mitzumachen. Il Cugino schaute mich fragend an, also erklärte ich weiter: Das Kind fühle sich oft unglücklich, weil das Leben nicht so spannend sei wie die Fantasie. Die Alltagsdinge, die eben auch ihre Wichtigkeit hätten, empfinde es als voll und ganz unbedeutend und manchmal habe es richtig schlimme Durchhänget deswegen. 

Wie alt das Kind denn sei, fragte il Cugino. Bald zehn, sagte ich. Dann müsse man sich doch keine Sorgen machen, meinte il Cugino. Wenn das Kind jetzt vierzehn oder fünfzehn wäre, dann würde er sich auch Gedanken machen, aber in diesem Alter sei es doch ganz normal, dass ein Kind sich in einer Fantasiewelt verliere. Das sähe ich eigentlich ganz ähnlich wie er, pflichtete ich ihm bei. Es sei nur dummerweise so, dass die schulischen Leistungen allmählich litten und dass die Lehrerin die Geduld verliere. Uns sei es einfach wichtig, dem Kind Unterstützung zu bieten, auf gar keinen Fall aber möchten wir, dass an ihm herumkorrigiert würde….

Je länger ich zu erklären versuchte, umso klarer wurde mir, dass ich es gar nicht erklären kann, denn was hierzulande bei einem Kind als auffällig gilt, bietet in Italien offenbar noch längst keinen Grund zur Besorgnis. Gut, in Italien werden die Kinder auch nicht im Alter von elf bis zwölf Jahren in verschiedene Leistungsstufen eingeteilt, aber irgendwie beneide ich il Cugino schon um seine gelassene Sicht der Dinge. 

 

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