Angekommen

Eigentlich bin ich ja viel zu müde zum Schreiben, aber das muss ich nun doch noch loswerden: Prag mag von Italienischen Touristen überschwemmt sein, das Warenhaus, in dem „Meiner“ vor vielen Jahren einen schlecht sitzenden, stinkbilligen braunen Anzug gekauft hat, mag verschwunden sein und stattdessen mögen Debenhams, Marks & Spencer und Starbucks eingezogen sein, die Preise mögen gestiegen sein, aber wenn ich auf der Karlsbrücke stehe, muss ich dennoch fast heulen vor lauter Glück. Prag mag sich verkleiden, wie es will, wenn ich hier ankomme, fühle ich mich dennoch, als wäre ich nach langer Zeit wieder bei mir selber angekommen.

Wie? Ich klinge schwärmerisch? Aber das ist doch kein Wunder, wo ich mich doch in der berauschendsten aller Städte befinde.

Reise(un)fertig

Seit Tagen schon hatten wir alle auf morgen hingefiebert. Die Kinder, weil sie es kaum erwarten können, bis sie endlich drei Tage mit (Paten)tante, Grossvater, Freunden,  Au Pair und was es sonst noch für liebe Menschen auf diesem Planeten gibt, verbringen dürfen, „Meiner“ und ich, weil wir nach bald zehn Jahren mal wieder einen Kurzausflug nach Prag machen dürfen. Prag, das ist die Stadt, die wir am meisten lieben. Die Stadt, die wir wenige Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs auf der Maturareise besuchten, die Stadt, die wir ein paar Jahre später auf unserem Interrail-Trip durch Osteuropa kaum mehr wieder erkannten, weil sie so touristisch geworden war, die Stadt, die unser erstes Reiseziel nach Karlssons Geburt war. Und morgen früh wollen wir uns ein viertes Mal auf den Weg machen, diesmal mit dem Ziel, dem Alltag mit all seinen Belastungen, die in letzter Zeit ein Übermass angenommen haben, für ein paar Tage zu entfliehen. Damit das Ganze nicht allzu sehr nach Freizeit aussieht, habe ich dem Kurztrip den Anstrich einer Vor-Ort-Recherche verpasst, denn es gibt da in der Nähe von Prag etwas, was in einer Geschichte, die vielleicht eines Tages werden soll, eine Rolle spielt.

Darauf also haben wir uns alle gefreut und Luise hat mich diese Woche immer und immer wieder gefragt: „Wann geht ihr denn endlich weg? Ich will euch jetzt los sein.“ Fas schon hätte ich mir ihre Bemerkungen zu Herzen genommen und einmal mehr an meinen mütterlichen Qualitäten gezweifelt. Aber weil ich meine Tochter nur zu gut kenne, habe ich der Sache dann doch nicht zu viel Bedeutung beigemessen. Und siehe da, heute Abend beim Gutenachtsagen kamen die Tränen. Erstaunlicherweise war der FeuerwehrRitterRömerPirat der Erste, der still und leise in seinen Riesenteddy schluchzte, aber bald stimmte auch Luise ein und Karlsson sass mit besorgtem Gesichtsausdruck still daneben. Der Zoowärter begriff zwar noch nicht so ganz, weshalb alle so traurig waren, aber wo die Stimmung schon so gedrückt war, konnte er ja auch gleich nach seinem winzigen Plastikkönig schreien, den er heute aus dem Dreikönigskuchen gefischt hatte. Einzig das Prinzchen blieb gelassen und mahnte die anderen, sie müssten doch nicht so traurig sein. Auch „Meiner“ und ich heulten nicht, aber nur, weil wir nicht wollten, dass der Abschied noch trauriger wird. Ich weiss ja nicht, wie es „Meinem“ dabei erging, aber ich für meinen Teil musste mich ganz gewaltig zusammennehmen, damit ich nicht zum Telefon griff, um die Reise abzusagen.

Ich habe es dann doch nicht getan. Weil ich weiss, dass die Kinder bestens aufgehoben sind. Weil ich weiss, dass „Meiner“ und ich mal wieder eine Auszeit brauchen. Weil ich weiss, dass Prag mich erneut in seinen Bann ziehen wird, auch wenn es bestimmt wieder ganz anders sein wird als beim letzen Mal.

Bio oder billig?

Wenn man jeweils so über unser Leben liest, könnte man auf den irrigen Gedanken kommen, dass „Meiner“ und ich die perfekte Ehe führen und dass wir uns in allem und jedem einig sind. Es ist ja tatsächlich so, dass wir ziemlich gut harmonieren, aber es gibt da so eine Sache, bei der wir uns so langsam aber sicher immer weiter voneinander entfernen. Nämlich in der Frage Bio oder billig, Reformhaus oder Aldi, umweltgerecht oder budgetverträglich.

Dass es so kommen würde war schon von Anfang an absehbar. Nämlich damals, als „Meiner“ und ich einen ganzen sonnigen Sommermorgen im Schwimmbad der Frage nachgingen, ob zwischen einem Bio-Joghurt und einem gewöhnlichen Joghurt tatsächlich ein geschmacklicher Unterschied bestehe, oder ob man sich dies bloss einbilde, weil man für den Bio-Joghurt mehr bezahlt hat. Und wie das so ist im zarten Alter von siebzehn oder achtzehn Jahren, vertrat jeder die Meinung, die am weitesten von seiner Herkunft entfernt war. „Meiner“, der aus einer Familie stammt, in der man gar keinen Joghurt ass, weil das viel zu gesund und deshalb anrüchig war, vertrat vehement die Meinung, dass ein Bio-Joghurt zehnmal besser sei als jeder herkömmliche Mist aus der Migros. Ich mit meinem grünen Hintergrund – handgestrickte Jacken aus handgesponnener Wolle von den eigenen Schafen, hausgemachtes Brot aus frisch gemahlenen Körnern und Sonnenkollektoren auf dem Dach – war hingegen der Ansicht, dass Bio bloss Geldmacherei sei.

Wie das so ist im Leben, nähert man im Laufe der Jahre, wenn man fertig rebelliert hat, wieder seiner Herkunft an und so kommt es, dass „Meiner“ und ich heute die gleiche Diskussion mit umgekehrten Vorzeichen führen. Während bei mir die Dinge immer ökologischer, sozialverträglicher und natürlicher sein müssen, zieht es „Meinen“ immer öfter zum Regal mit den Billigstprodukten. Das führt dann dazu, dass „Meiner“ mir freundlich anerbietet, den Einkauf zu übernehmen, was ich im Wissen, dass er wieder billig statt Bio anschleppen wird, zu verhindern suche. Schliesslich aber muss ich ihn hin und wieder doch ziehen lassen, weil ich einfach zu viel anderes um die Ohren habe und am Ende haben wir wieder Zoff, weil „Meiner“ Eier aus Bodenhaltung gekauft hat und sich mit der faulen Ausrede „Sei doch froh, dass ich keine ausländischen Eier genommen habe“ herausredet. Dann wieder gerät „Meiner“ in Rage, wenn gegen Ende des Geldes noch ein ganzes Stück Monat übrig ist und ich dennoch darauf bestehe, möglichst viel Bio und Fairtrade zu kaufen.

So banal die Sache ist, für unsere Beziehung birgt sie erstaunlich viel Zündstoff, streiten wir doch über kaum etwas öfter, als über dieses Thema. Weshalb wir uns dennoch immer wieder versöhnen? Weil „Meiner“ insgeheim sehr genau weiss, dass ökologisch, und fair besser wäre. Und weil ich sehr genau weiss, dass unser Budget leider nicht immer ökologisch und fair verkraften kann.

Lernen

Neues Jahr, neuer Job, neue Lektion zu lernen: Abschalten, wenn die Arbeit getan, das Pensum erfüllt ist. Den Job hinter mir lassen und voll und ganz Mama sein. Mit „Meinem“ über das ganze Leben reden, nicht nur über die Arbeit. Zeiten der Stille finden und diese nicht mit Gedankenarbeit füllen. Dem Schreiben Raum geben und es mir nicht nehmen lassen durch alles, was so dringend erledigt werden will. Das Leben geniessen, wenn sich ein Moment dazu bietet. Kurz: Ich sein, mit allem, was mich ausmacht, nicht nur mit meiner Arbeit.

Gar nicht so einfach, wie ich das in Erinnerung hatte.

Befreiend

Endlich ist es draussen. Schon lange war die Sache im Raum gestanden, aber keiner wollte der Erste sein, der es laut und deutlich ausspricht. Gut, ich hatte hin und wieder eine Bemerkung fallen lassen, aber „Meiner“ hatte stets abgewiegelt. „Nein, so schlimm ist es nicht“, hatte er gesagt. Oder: „Ach komm schon, bei mir wäre es doch auch nicht besser.“ Oder: „Wenn die Kinder dann grösser sind, wird das schon wieder.“ So redeten wir um den heissen Brei herum, aber so richtig wohl war uns beiden nicht. Mir nicht, weil mich das schlechte Gewissen plagte, ihm nicht, weil er zwar sah, dass der gute Wille da war, das Resultat aber dennoch äusserst bescheiden ausfiel.

Gestern endlich nannte er das Kind beim Namen und ich war froh, dass die Sache so offen zur Sprache kam. Ich weiss nicht genau, weshalb wir ausgerechnet gestern die nötige Offenheit aufbringen konnten, um darüber zu reden. Vielleicht lag es daran, dass „Meiner“ in den vergangenen Tagen mal wieder für Ordnung gesorgt hatte. Vielleicht ist es aber auch so, dass „Meiner“ jetzt, wo ich endlich wieder eine feste Anstellung habe und nicht mehr ausschliesslich Hausfrau bin, sich freier fühlt, Dinge anzusprechen, die mich vorher verletzt hätten. Was auch immer der Grund war, ich bin froh, dass er es gesagt hat. „Meine liebe Frau“, sagte er „du hast zwar sehr viele Talente, aber im Haushalten bist du eine Niete.“ Er sagte es nicht vorwurfsvoll, nicht herablassend und schon gar nicht im Zorn. Nein, er sprach einfach das aus, was wir beide schon lange wussten, es aber nicht offen ansprechen konnten, weil wir ohnehin keinen Weg sahen, die Dinge zu ändern.

Ich bin erstaunt, wie viel Druck von mir abgefallen ist durch diese einzige Feststellung. Denn eigentlich ist mir selber ja nicht neu, dass ich die Sache mit dem Haushalt nicht auf die Reihe kriege. Aber solange „Meiner“ noch den Schein aufrecht erhalten hatte, dass alles halb so schlimm sei, hatte ich mich unter Druck gefühlt, zumindest eine halbwegs passable Hausfrau zu sein. Denn wenn ich zwar wusste, dass ich nichts taugte, „Meiner“ aber doch in vielen Dingen auf mich zählte, musste ich mich eben abmühen, zumindest das zu schaffen, was man mir zutraute. Jetzt aber, mit dem befreienden Wissen, dass „Meiner“ in Sachen Haushalt nicht auf mein Können zählt, kann ich aufatmen. Wenn man nichts von mir erwartet, dann fällt es mir viel leichter, das Wenige, das ich auf die Reihe zu kriegen, auch richtig zu machen.

Nach diesem offenen Gespräch fühlte ich mich so erleichtert, dass ich es heute doch tatsächlich nach langer Zeit wieder mal fertig gebracht habe, die Wohnung zu putzen, ohne dabei alle anzuraunzen und wie ein wild gewordenes Wildschwein durch die Wohnung zu stürmen. Und weil ich danach noch so schön in Schwung war, zauberte ich gleich eine halbwegs gelungene Luzerner Chügelipastete, die ich unseren Gästen morgen servieren werde. (Ja, ich habe daran gedacht, dass man die Füllung erst kurz vor dem Servieren einfüllt, also keine Haushaltstipps, wenn ich bitten darf.) Vielleicht werde ich jetzt, wo ich nichts mehr beweisen muss, doch noch zu einer halbwegs passablen Hausfrau.

 

Voll erwischt

Noch keine acht Jahre alt ist sie, unsere Luise, und schon hat es sie erwischt, dieses Fieber, an dem wir Romantikerinnen früher oder später erkranken. Ich musste ganze zweiundzwanzig Jahre alt werden, bevor ich vom Jane-Austen-Virus befallen wurde, aber wenn das Virus mal in der Familie ist, dann dauert es meist nicht lange, bis auch andere Familienmitglieder ansteckt. „Meiner“ war der Erste, was mich doch sehr erstaunte, können doch Männer, Romantiker hin oder her, gewöhnlich wenig mit Emma Woodhouse, Lizzie Bennet & Co. anfangen. Nun, „Meiner“ konnte und so ist es wohl kaum verwunderlich, dass Luise schon jetzt auf den Geschmack gekommen ist.

In den Ohren lag sie uns ja schon lange mit ihrem Wunsch, sie möchte doch endlich einmal die Verfilmung von „Emma“ sehen, doch nachdem unsere Nichten damals wenig begeistert gewesen waren von dem Film, wehrten wir ab, mit der Begründung, Luise würde sich bloss langweilen. Gestern aber liess sich unsere Tochter nicht mehr länger vertrösten und suchte bei YouTube nach Filmausschnitten. Natürlich wurde sie fündig und bald darauf sass sie schmachtend da, entrückt in eine andere Welt. In eine Welt, in der die Kleider schöner, die Männer galanter und die Liebe romantischer ist. Spätestens als Luise sehnsüchtig seufzte, als Mister Knightley und Emma sich hingebungsvoll küssten, wusste ich, dass es unsere Tochter ganz gewaltig erwischt hat. Man konnte die rosa Wölkchen, auf denen sie schwebte, förmlich sehen.

Das Ende des Trailers brachte Luise wieder auf den harten Boden der Tatschen zurück: „Ich glaube, ich werde nie einen Mann finden“, seufzte sie und ich wollte schon bemerken, dass es wohl heutzutage wirklich schwierig werden könnte, einen Gentleman wie Mister Knightley zu finden, als sie fortfuhr: „Mein Mann muss nämlich so schön sein wie Papa und so einen finde ich ganz bestimmt nicht.“ Karlsson, der daneben sass und nicht so recht wusste, ob er nun bei der romantischen Schwelgerei der beiden einzigen Frauen im Haus mitmachen sollte oder nicht, ermahnte seine Schwester: „Aber Luise, du weisst doch, dass es nicht nur auf die äussere Schönheit ankommt. Die innere Schönheit ist viel wichtiger.“ Luise überlegte einen Moment lang und sagte dann: „Aber Mama hat bei Papa auch auf die äussere Schönheit geschaut, als sie ihn geheiratet hat.“

Nun, ich meine, dass Luise sich noch ein wenig Zeit lassen soll mit der Frage nach dem Mann des Lebens, aber dass ich nun endlich weibliche Gesellschaft habe, wenn ich mir mal wieder einen Kostümfilm reinziehen will, freut mich natürlich ungemein. Denn auch wenn es schön ist, dass „Meiner“ meine Liebe zu Schnulzen teilt, so richtig schwelgen lässt sich eben nur mit anderen Frauen. Auch wenn diese Frau, mit der ich in Zukunft schwelgen werde, noch keine acht Jahre alt ist.

Bettgeschichten

Ich schreibe und wähle nicht nur links, ich schlafe auch links. Genauer gesagt, schlafe ich auf dem linken Ohr und zwar auf der Seite des Bettes, die man als die Linke empfindet, wenn man auf dem Rücken im Bett liegt. Also die Seite, die rechts liegt, wenn man vor dem Bett steht. Weil ich aber lieber im Bett drin liege, als davor zu stehen, ist das für mich die linkere Seite des Bettes, auch wenn sie objektiv betrachtet eher die rechte Seite ist. Alles klar? Wenn nicht, ist das auch egal, ihr müsst ja nicht mit mir das Bett teilen.

Der Mann aber, der mit mir seit mehr als zwölf Jahren das Bett teilt, hat entschieden, dass er es satt hat, mir immer die linke Seite zu überlassen. Angeblich, weil „wir doch noch nicht so alt sind, dass wir immer alles gleich beibehalten müssen“ und dann auch noch, weil er mich so „viel besser umarmen kann“. Ha, von wegen! Ich habe ihn durchschaut. Er will bloss, dass ich wieder auf die Bettseite rücke, die näher beim Prinzchen ist. Ja, ich weiss, es ist vollkommen lächerlich, dass das Prinzchen auch im reifen Alter von zwei Jahren noch in unserem Zimmer schläft. Aber hey, er ist unser Jüngster, was erwartet ihr von uns? Dass wir ihn vor seinem achtzehnten Geburtstag aus unserem Zimmer ausziehen lassen? Wo doch sogar „Meiner“ –  der sonst täglich findet, es wäre doch grossartig, wenn das Prinzchen etwas grösser und vernünftiger wäre – völlig entsetzt war, als ich vorschlug, wir sollten das Prinzchen vielleicht zu seinen Geschwistern umziehen lassen. „Aber dann kann ich ihn ja gar nicht mehr bewundern, wenn er schläft“, meinte er. „Er ist doch so süss, wenn er da mit seinem Bären und seinem Krümel im Bettchen liegt.“

Gut, dann bleibt er eben, das Prinzchen. Ist mir ganz recht. Aber dann soll „Meiner“ die Konsequenzen dafür tragen. Was er aber nicht tun will und das, so vermute ich zumindest, ist der wahre Grund für meine Vertreibung aus dem linksseitigen Paradies. Während nämlich 99,9 Prozent aller Mütter klagen, ihre Männer würden nachts nie wach, wenn die Kleinen weinen, ist es bei uns genau umgekehrt: Ich schlafe friedlich weiter, während „Meiner“ Fläschchen wärmt, Windeln wechselt und im Dunkeln Nuggis sucht. Das war nicht immer so, früher haben wir uns diese Pflichten redlich geteilt. Aber irgendwann hat sich herausgestellt, dass „Meiner“ nach der Erledigung dieser Pflichten wieder friedlich weiterschläft, ich aber die halbe Nacht wach liege, wenn ich mal meine linke Betthälfte habe verlassen müssen. Und weil „Meiner“ ein netter Kerl ist, hat er von da ab die Nachtdienste alleine übernommen.

Wie ich jetzt feststellen muss, hat selbst die Nettigkeit von „Meinem“ ihre Grenzen. Denn seitdem er mich kurzerhand auf die reche Bettseite verbannt hat – die Bettseite, die links liegt, wenn man vor dem Bett steht, die man aber als rechts empfindet, wenn man im Bett liegt -, tut er nachts keinen Wank mehr. Seither habe ich jede Nacht Prinzchen-Dienst und weil ich danach nicht mehr einschlafen kann, entstehen dann in meinem Kopf Blogeinträge über linke und rechte Bettseiten und andere Banalitäten. Ich hoffe doch sehr, meine geschätzte Leserschaft wird sich bei „Meinem“ dafür stark machen, dass ich meine linke Bettseite zurück bekomme. Ihr wollt ja wohl nicht, dass ich euch weiterhin mit solchen Bettgeschichten langweile, nicht wahr?

Haarig

Warum lasse ich mich auch stets von „Meinem“ und dem Au-Pair derart beschwatzen? Eigentlich hatte ich ja im Stillen beschlossen, dass ich meinen grauen Haaransatz ignorieren würde, auch wenn Luise ihn ganz schrecklich findet und ich zudem  heute an der Lesung und morgen bei meiner ersten Moderation in der Kirche eigentlich ganz gerne einigermassen passabel ausgesehen hätte. Mit diesem Entscheid konnten sowohl mein Zeit- als auch das Familienbudget sehr gut leben, aber „Meiner“ und das Au-Pair wollten nichts davon wissen und klopften mich so lange weich, bis ich heute Morgen ratlos vor dem Regal mit den Haartönungen stand und mir überlegte, ob ich mir das wirklich antun sollte. Es ist Ewigkeiten her, seitdem ich mir meine Haare zum letzen Mal getönt habe und ich bin mir sicher, dass es irgend einen Grund dafür gab, dass ich damit aufgehört habe. Ich vermute, es hat etwas mit meiner Taufe im zarten Alter von siebzehn Jahren zu tun. Als ich damals aus dem Wasser stieg, rann mir die mahagonifarbene Haartönung, die ich nachmittags nicht gut ausgewaschen hatte, über das Gesicht und weiter über den sündhaft teuren Pullover, den ich mir von meiner Schwester geborgt hatte.

Das Angebot im Laden war nicht gerade überzeugend und so machte ich mich wieder aus dem Staube mit dem festen Entschluss, dass ich mir die Haare heute nur tönen würde, wenn ich irgendwo diese Tönung auf Hennabasis, die ich neulich gesehen habe, auftreiben könnte. Konnte ich aber bei uns im Dorf nicht und weil „Meiner“ sich inzwischen so sehr auf das Projekt „passabler Haaransatz auf dem Kopf meiner Frau“ versteift hatte, kehrten wir am Ende mit einer furchterregend aussehenden Packung leuchtend roter Haarfarbe nach Hause. „Meiner“ hat ja versucht, mir etwas Dezenteres aufzuschwatzen, aber ich will nicht riskieren, dass mir meine kleinen Zuhörer wieder vorhalten, auf dem Einladungszettel hätte ich aber eine andere Haarfarbe gehabt.

Und jetzt sitze ich also da, eine Stunde bevor der Bus mich zum Veranstaltungsort bringen soll, auf dem Kopf eine karottenfarbene Schmiere, noch keine Idee, was ich denn überhaupt anziehen werde, mit noch nichts im Magen und mit einer riesigen Angst vor dem Resultat, das mich erwartet, wenn ich die Schmiere vom Kopf abgewaschen habe. Und wieder einmal habe ich eine lebensverändernde Erkenntnis mitzuteilen: Coiffeurbesuche sind schlimm. Sich die Haare selber tönen ist schlimmer. Und darum werde ich beim nächsten Mal, wenn „Meiner“ und das Au-Pair mich bearbeiten, hart bleiben. Und jetzt gehe ich mal schauen, ob ich das Haus überhaupt noch verlassen darf, oder ob ich die Lesung in letzter Minute absagen muss.

Wenn nicht so, dann eben anders

Irgendwie scheint bei unseren Abenden zu zweit der Wurm drin zu sein. Da haben wir uns doch den ganzen Tag auf unseren Saunabesuch, den wir für heute Abend geplant hatten, und dann, nach dem Abendessen erfahren wir, dass Karlsson und Luise beide ihre Hausaufgaben sträflich vernachlässigt haben. Ausgerechnet heute können sie diese Hausaufgaben nicht ohne unsere Hilfe bewältigen, da sie Diktate zu üben haben. Und wer, außer „Meinem“oder mir kann ihnen den Text diktieren? Das Prinzchen vielleicht?

Nun, dann machen wir uns eben an die Arbeit, versuchen zwischen den Sätzen noch ein wenig Ordnung in die Küche zu bringen und den drei kleinen Jungs eine Gutenachtgeschichte zu erzählen. Irgendwann bemerkt das Au-Pair, dass wir es heute wohl nicht in die Sauna schaffen werden. Was ich so lange nicht wahr haben will, bis Luise zu schreien beginnt, weil das mit dem Diktat nicht so recht klappen will und „Meiner“ und ich uns in den Haaren liegen, weil jeder dem anderen die Schuld an der Misere in die Schuhe schiebt. Wahrlich ein romantischer Abend…

Was nun? Einen Streit vom Zaun reißen, damit es sich wenigstens gelohnt hat, zu Hause zu bleiben? Die Versuchung ist gross, doch dann schaffen wir es zu unserer eigenen Überraschung, uns am Riemen zu reißen und zu beschließen, dass wir die Waschküche aufräumen, um so Platz für die Sauna zu schaffen, die wir neulich geschenkt bekommen haben. Damit wir wenigstens in absehbarer Zukunft nicht mehr durch Diktate und anderen Kram von unseren entspannenden Wellness-Abenden abgehalten werden.

Nun ja, besonders romantisch war das nicht, dafür aber sehr staubig und effizient. Die Waschküche ist jetzt leer und wartet auf einen neuen Anstrich. Und dann, meine lieben Kinder, werden eure Eltern so oft und so lange in die Sauna gehen, wie ihnen beliebt.

Ach ja, man kann sich übrigens beim Aufräumen der Waschküche bestens unterhalten.


Seien wir doch ehrlich…

„Hätte ich das jetzt wirklich schreiben sollen?“, fragte ich mich, nachdem ich den Post über diesen völlig missratenen Dienstag veröffentlicht hatte. Soll ich meine Leser wirklich wissen lassen, dass ‚Meiner‘ trotz all seiner Qualitäten fähig ist, mich zu enttäuschen? Dass er nicht fehlerfrei ist, auch wenn man dies hin und wieder glauben könnte, wenn man mich von ihm schwärmen hört? Wo ich es doch nicht ausstehen kann, wenn (Ehe)partner übereinander herziehen, anstatt miteinander die Unstimmigkeiten auf den Tisch zu bringen und zu lösen.

Fast hätte ich den Text deswegen abgeändert, doch dann beschloss ich, ihn bleiben zu lassen, wie er ist. Denn welchen Wert hat es, wenn ich nur darüber berichte, wie gut „Meiner“ und ich harmonieren, es aber verschweige, dass bei uns hin und wieder die Fetzen fliegen, dass wir durchaus dazu fähig sind, einander zu enttäuschen? Nein, ich werde nicht in aller Öffentlichkeit über „Meinen“ herziehen, denn was ich an ihm auszusetzen habe, sage ich ihm lieber direkt. Aber würde ich nicht ein völlig verlogenes Bild von unserer Ehe malen, wenn ich alles, was das kitschige Gemälde der perfekten Beziehung stören könnte, ausklammern würde? Wie glaubwürdig wäre mein Geschreibsel, wenn ich alle Mängel überpinseln würde?

Wobei ich anfügen muss, dass die perfekte Beziehung in meinen Augen nicht frei ist von Konflikten, Enttäuschungen und sinnlosem Zanken über Alltägliches. Die perfekte Beziehung – so es diese denn gäbe – zeichnet sich in meinen Augen dadurch aus, dass sie mit den Konflikten, den Enttäuschungen, dem sinnlosen Gezanke und was die Ehe sonst noch mit sich bringt, umzugehen weiss. Dass sie Unangenehmes nicht unter den Teppich kehrt. Und vor allem, dass sie sich durch all dies die Liebe nicht nehmen lässt.

Nicht einfach, ich weiss. Zuweilen auch sehr mühsam und aufreibend. Aber seien wir doch ehrlich: Ich kann von „Meinem“ nicht verlangen, dass er mich trotz all meiner Mängel liebt, wenn ich ihm nicht die gleiche Grosszügigkeit entgegenbringe.