Fast schon reisefertig

Nach drei Tagen Dauerlesen habe ich heute mal einen Moment lang von meiner Sommerlektüre aufgeblickt und mit Erstaunen festgestellt, dass wir morgen in die Ferien fahren. Irgendwie eigenartig, eben war doch noch Februar und wir überlegten uns, ob wir dieses Jahr überhaupt Ferien machen und wenn ja, wie lange und wo. Und jetzt plötzlich sollten wir bereit sein, damit wir morgen Abend den Zug nicht verpassen. Na dann, lese ich halt in Schweden weiter und erledige, was vor den Sommerferien so alles erledigt sein will:

  • Steuererklärung ausfüllen: Ja, ihr lieben Streber, ich weiss, dass die schon Ende März fällig gewesen wäre, aber da war gerade der Drucker kaputt und als wir endlich wieder einen Drucker hatten, konnte ich mein Handy nicht mehr finden, das mir Zugang zum Online-Banking verschafft hätte, wo ich einen Kontoauszug hätte finden müssen und dann musste auch noch ein Beleg von der Krankenkasse her, den sie dir ja heute auch nicht mehr ins Haus liefern. „Vor den Ferien muss die Steuererklärung vom Tisch“, sagte ich irgendwann resolut, denn sonst werfen sie uns am Ende noch vor, Ferien würden wir uns leisten, aber Steuern zahlen würden wir nicht und weil heute der letzte Tag vor den Ferien ist, habe ich mich eben durch die Papiere gequält. 
  • Katzenfutter anschleppen: Ich hoffe wirklich, die 100 Portionen Nassfutter und die 2 Kilo Trockenfutter reichen für die gefrässige Bande. Vielleicht hätte ich doch besser auf „Meinen“ gehört, der vorgeschlagen hatte, die Kätzchen noch vor den Ferien zu ihren neuen Besitzern umziehen zu lassen. Aber die neuen Besitzer sind wohl ohnehin alle noch alle in den Ferien….
  • Spielkarten basteln: Man wird es nicht für möglich halten, aber ich habe doch tatsächlich ein Kartenspiel für die Zugreise gebastelt. Die Kinder mussten mir nur etwa drei Jahre in den Ohren liegen, bis ich mich endlich dazu durchringen konnte. Nun ja, ich war schon mehrmals drauf und dran, die Sache in Angriff zu nehmen, aber dann fehlte mir wieder die Zeit und als ich endlich Zeit hatte, war der Drucker kaputt (Wie ihr seht, liebe Steuerbehörden, seid ihr nicht die Einzigen, die warten mussten). Jetzt also sind die „Hallo Karlsson“-Karten endlich fertig und hätte „Meiner“ sie nicht so furchtbar schief ausgeschnitten, wäre ich schon fast in Versuchung, auf meine Leistung stolz zu sein.
  • Schwiegermama meinen Garten gezeigt: „Konnte das nicht bis nach den Ferien warten?“, fragt ihr. Nein, konnte es nicht, denn bis Schwiegermama das nächste Mal zu Besuch kommt, befindet sich mein Garten schon längst im Winterschlaf. 
  • Mir den Kopf zerbrochen, ob ich dem Vermieter unseres Ferienhauses unsere Ankunftszeit auf schwedisch mitteilen soll, oder ob ich mich damit vollkommen lächerlich mache. 
  • Mit Karlsson Vorabendfernsehen geschaut: Fragt mich nicht, wie der junge Mann plötzlich auf die Idee kommt, fernsehen zu wollen, aber er wollte. Unbedingt. Weil er ja nie fernsehen darf. Und weil ich fest davon ausgehe, dass dieser Spleen nach zwei Wochen Schweden wieder vorbei sein wird, habe ich eben mitgeschaut. Der Junge weiss doch gar nicht, wie man den Fernseher bedient, wo er doch nie schauen darf…
  • „Meinem“ gesagt, wen er noch alles anrufen muss bevor wir verreisen, was wir auf gar keinen Fall zu Hause lassen dürfen, wo vor noch Ordnung machen sollten, was es noch einzukaufen gibt und welches Essen für die Hinreise vorgesehen ist. Ich hoffe mal, er hat verstanden und macht sich an die Arbeit. Irgend einer muss sich ja um diesen Kleinkram kümmern. 

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Der männliche Teenager während der Schulferien

Morgens schläft er meist sehr lange aus, was durchaus angenehm ist, wenn du kein bestimmtes Tagesprogramm vorgesehen hast und ganz froh bist, wenn du den Tag in Ruhe angehen kannst. Irgendwann – meist wenn du dich gerade der Zeitungslektüre zugewendet hast oder mit „Deinem“ gemütlich frühstücken möchtest – kommt er angeschlurft, verschlafen, aber ausserordentlich gut gelaunt. Er schnappt sich ein Frühstück, setzt sich zu dir an den Tisch und fängt an, Nonsens von sich zu geben. Zugegeben, dieser Nonsens ist ganz amüsant, doch leider verträgt er sich schlecht mit der vertieften Analyse der politischen Landschaft, die du gerade lesen möchtest. Nachdem der Magen gefüllt ist, verzieht sich der Teenager wieder in sein Zimmer. Wenn du Glück hast, stellt er vorhin noch sein schmutziges Frühstücksgeschirr in die Küche. Hast du Pech, tut er es nicht und du musst ihn herbeizitieren, was meist zu einer kleinen Meinungsverschiedenheit führt.

Erst gegen ein Uhr bekommst du den Teenager wieder zu Gesicht. Er steckt noch immer im Pyjama und will wissen, was es zum Mittagessen gibt. „Na ja, ich dachte, weil du erst gerade gefrühstückt hast…“ „Aber ich hab Hunger!“, unterbricht er dich und mit seiner Hilfe bringst du irgend etwas auf den Tisch, was nicht zu viel Arbeit macht. Nach dem Mittagessen verschwindet er wieder in seinem Zimmer, das er erst am späten Nachmittag wieder verlässt, noch immer im Pyjama. Wenn er Pech hat, läuft er „Deinem“ in die Arme, der findet, a) solle sich der Teenager endlich anziehen und b) könne er sich doch ein wenig nützlich machen, wo er doch ganz offensichtlich nichts zu tun habe. Der Teenager ist entrüstet, dass da einer versucht, seine heilige Freizeit anzutasten und verschwindet wieder auf seinem Zimmer, im schlimmsten Fall unter Türeknallen.

Dort bleibt er genau so lange, bis du glaubst, du könnest jetzt die Küche für heute schliessen und allmählich an den Feierabend denken. Dann kommt der Teenager runter, frisch geduscht und sauber angezogen. Zuerst schmiert er sich ein paar Brote, vergisst die Krümel und fragt, ob man heute vielleicht auch mal was mache. Was er denn machen wolle, fragst du und gähnst. „Weiss nicht. Einen Film schauen, vielleicht“, kommt die Antwort. Die nächsten 45 Minuten verbringt der Teenager damit, den perfekten Film zu finden, dann, so gegen zehn Uhr, wirft er sich mit ein paar Katzen aufs Sofa und fragt: „Wollt ihr auch mitschauen?“ Du sagst nein, „Deiner“ sagt ja und du begreifst, dass ein Teenager im Haus die eheliche Zweisamkeit weit mehr gefährdet als die fünf sehr kleinen und kleinen Kinder, die du vor ein paar Jahren noch zu betreuen hattest.

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Eifersüchtige Zicke

Wenn „Deiner“ vom Maienzug nach Hause kommt und dir ganz arglos davon erzählt, wie viele Komplimente er von wildfremden Frauen für seine elegante Erscheinung eingeheimst hat, dann weiss die kleine, eifersüchtige Zicke, die nach sechzehn Ehejahren noch immer in dir drin steckt, was du zu tun hast: Raus aus dem Bett, fiebersenkendes Medikament einwerfen, unter die Dusche, etwas Farbe ins Gesicht klatschen und mit Mann und Kindern ab auf den Festplatz. Dann ist der Moment gekommen, um den Damen zu zeigen, dass dieser „gut aussehende junge Lehrer“  – Himmel, so jung ist der Mann nun auch wieder nicht! – eine Frau an seiner Seite hat. Eine Frau, die zwar (nur heute?) etwas mitgenommen aussieht, die aber immerhin seit sehr vielen Jahren mit ihm durch sämtliche Höhen und Tiefen des Lebens geht. Okay, natürlich haben dich diese vielen Jahre auch gelehrt, dass „Deiner“ gar nicht auf der Suche nach einer Ersatzfrau ist, aber mach das mal deiner inneren Zicke weis. Die wird keine Ruhe geben, bis du nicht mit zittrigen Knien und Brummschädel auf dem Festplatz stehst. Und wo du schon dort bist, kannst du gleich noch ein paar Dummheiten begehen. Zum Beispiel deinen schwachen Magen mit Knoblauchbrot und Falafel überfordern und danach mit deinen Söhnen zwei irre Runden auf dem Calypso-Karussell drehen. Danach bleibt dir nichts anderes mehr übrig, als dich in einem Anflug von Schwäche an „Deinen“ zu klammern und wenn du das tust, wird dir die kleine, eifersüchtige Zicke hoch zufrieden ins Ohr flüstern: „Sehr gut so! Häng dich an ihn wie eine Klette, dann sieht jede, dass er nicht mehr zu haben ist.“ Dabei weisst du doch ganz genau, dass du ein solches Theater nicht nötig hast, weil dir „Deiner“ eben erst gesagt hat, wie froh und dankbar er ist, dich an seiner Seite zu haben. 

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Manchmal ist das Leben…

Gliederschmerzen, die so heftig sind, dass ich kaum die Teetasse halten mag, Luise, die mich stets dann aufweckt, wenn ich endlich am Wegdämmern wäre, Karlsson, der zum gefühlt hundertsten Mal mit Verve Mozarts „Türkischen Marsch“  – den ich gewöhnlich wirklich mag – in die Klaviertasten haut, elende Fliegen, die mir um den Kopf surren, ein Kätzchen, das auf der Jagd nach einer dieser Fliegen eine Tasse voller Tee auf meine Matratze kippt, ein Schädel, der dermassen brummt, dass ich nicht mal lesen mag, stechende Schmerzen beim Einatmen, ein Telefon, das stets dann klingelt, wenn es wieder jemand von meinem Nachttisch entfernt hat und dieser jemand sich ebenfalls so weit entfernt hat, dass ich ans Telefon gehen muss, die Aussicht auf einen sechzehnten Hochzeitstag im Bett anstatt beim romantischen Abendessen, ein „Kranke Mama im Haus“-Chaos, das sich fast unaufhörlich ausweitet… – Kurz: Ein Tag zum Vergessen.

Wäre da nicht Karlsson, der mit besorgter Miene zu mir sagt, vielleicht hätte ich die Besprechung von heute Morgen doch besser sausen gelassen. Das Prinzchen, der sich auch nach der zweiten Kronen-Lichtnelken-Lieferung nicht davon abhalten lässt, noch einmal fröhlich singend für mich in den Garten zu rennen, um doch noch die gewünschten Salbeiblätter zu finden. Dazwischen die rührende Beschreibung, wie gross die Schwalbenschwanzraupen bereits geworden sind. Ein ganzer Becher „Swiss Chilbi“-Glace, den ich mir ohne schlechtes Gewissen ganz alleine einverleiben darf, weil ich a) Halsschmerzen habe und Medizin brauche, b) heute noch kaum etwas gegessen habe und c) niemand aus meinem Becher essen darf, weil er sich sonst ansteckt. „Meiner“, der mir voller Stolz vorführt, wie elegant er morgen am Maienzug  – der zufällig auch unser Hochzeitstag ist – aussehen wird. Luise, die wieder gesund ist und fröhlich von ihren Erlebnissen in der Mädchengruppe, der sie sich neulich angeschlossen hat, plaudert. Der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat, die es für einmal fertig bringen, einen Krankheitstag auch wirklich schlafend im Bett und nicht zankend und streitend zu verbringen. Gesunde Kinder, die für einmal widerspruchslos helfen, das Chaos zu beseitigen. Die Zugtickets für die Schwedenreise, die „Meiner“ endlich am Bahnhof abgeholt hat. – Kurz: Ein Tag, der zwar zum Vergessen ist, der mir aber dennoch vor Augen führt, was für ein glücklicher Mensch ich doch bin. 

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Wenn ich freitags ungestört arbeiten will…

Luise: „Mama, kannst du schnell…?“

Ich: „Nein, Luise, du musst zu Papa gehen. Ich arbeite doch heute. Wenn Papa in der Schule ist, kannst du auch nicht einfach zu ihm gehen. Wenn ich arbeite, ist das genau gleich, auch wenn ich hier bin. Das habe ich dir jetzt doch schon hundertmal gesagt.“

Drei Minuten später

Karlsson: „Die Lehrerin hat heute gesagt…“

Ich: „Karlsson, ich arbeite…“

Karlsson: „…wir müssten jetzt doch keinen…“

Ich: „Kaaaarlsson, ich aaarbeite…“

Karlsson: „…Kuchen mitbringen, weil…“

Ich: „Ich hab‘ gesagt, ich arbeite!“

Karlsson: „…am Schluss ja doch die Mütter in der Küche stehen würden. Ich lass dich jetzt arbeiten.“

Zwanzig Minuten ungestörtes Arbeiten, dann…

Prinzchen: „Der Zoowärter hat…“

Zoowärter: „Aber das Prinzchen hat auch…“

Ich: „Ich will überhaupt gar nichts wissen von euren Streitereien. Geht zu Papa, der ist heute für euch da.“

Beide: „Aber er hat zuerst…“

Ich: „Und ich will nichts davon wissen. Ab, zu Papa!“

Etwas später…

Wieder das Prinzchen: „Papa will mir nichts zu essen geben.“

Ich: „Das kann ich mir nicht vorstellen…“

Prinzchen: „Doch, er sagt, ich muss zuerst meine Sachen wegräumen…“

Ich: „Dann mach das doch. Danach bekommst du sicher etwas.“

Prinzchen (schluchzend): „Aber ich hab‘ doch solchen Hunger…“

Ich (wütend, weil mein armes Kindchen hungern muss): „‚Meiner‘, jetzt gib doch diesem armen Kind etwas zu essen. Er kann doch nachher aufräumen. Und überhaupt: Wenn du nie zu den Kindern schaust, kann ich nicht arbeiten!“

Kurzer, aber heftiger Krach mit „Meinem“, dann wieder eine Zeit lang ungestörtes Arbeiten

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Mama, darf ich…“

Ich: „Ich arbeite…“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Aber du hast gestern gesagt…“

Ich: „Kann sein, dass ich gesagt habe und dann darfst du auch. Aber sprich dich mit Papa ab, er ist heute zuständig.“

Zwanzig Störungen später

Ich (zu irgend einem unschuldigen Störenfried, der zufällig gerade in der Nähe steht): „Himmel, wann wollt ihr denn endlich begreifen, dass ich heute ganz und gar nicht ansprechbar bin für euch? Wozu habt ihr eigentlich einen Papa, der freitags zu Hause ist?“

Natürlich hat keiner begriffen, was los ist mit mir, aber da sie jetzt alle zum Jugendfest müssen, habe ich endlich Ruhe. Denke ich…

Prinzchens bester Freund: „Tamar, weisst du, wo das Prinzchen ist?“

Aus lauter Gewohnheit hätte ich beinahe gesagt: „Frag Papa“, doch dann erinnerte ich mich im letzten Moment daran, dass der Papa von Prinzchens bestem Freund nicht wissen kann, wo das Prinzchen ist, weil der nämlich noch weniger zuständig ist für meine Kinder als ich es heute theoretisch gewesen wäre.

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Wir können das jetzt wieder

Wenn die Kinder alle schlafen, oder zumindest so still sind, dass keine Gefahr mehr von Ihnen ausgeht und „Meiner“ und ich Lust haben, das Wochenende gemütlich ausklingen zu lassen, dann tun sich uns ein paar Möglichkeiten mehr auf, als noch vor einigen Monaten. Bisher waren unsere Optionen ja ziemlich beschränkt: Film reinziehen, heimlich Pizza holen und auf dem Balkon essen oder ein wenig im Garten sitzen und plaudern. Gut, es gab noch die Möglichkeit, einen Babysitter zu engagieren und wegzugehen, aber das war erstens nicht sehr spontan und zweitens ziemlich teuer.

Inzwischen aber sind die Grossen gross genug, dass wir – wenn die Kleinen hundemüde sind und schon schlafen, ehe der Kopf aufs Kissen gesunken ist – ruhigen Gewissens in die Stadt fahren können, wo wir uns in der Bar am Fluss eine kühle Gazosa und eine Kleinigkeit zum Essen gönnen. Wenn der Teller leer ist und noch kein panischer Anruf von zu Hause gekommen ist, liegt gar ein gemütlicher Spaziergang am Fluss drin. Fast so, wie damals, als wir noch jung und unbekümmert waren und unsere Abende ganz nach Belieben gestalten konnten. Und ebenso wie damals erwartet uns zu Hause meistens irgend jemand mit dem Vorwurf „Wo seid ihr so lang gewesen? Ich hab‘ mir Sorgen gemacht.“

Gut, ganz so wie damals ist es natürlich trotzdem nicht. Die Sache mit dem Händchenhalten haben wir ein wenig verlernt, aber vielleicht kommt das ja wieder, wenn wir uns an unsere neu gewonnenen kleinen Freiheiten gewöhnt haben.

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La Burocrazia

Alle, die gedenken, ihr Leben auf Dauer mit einem Italiener oder einer Italienerin zu teilen, sollen heute mal besonders genau lesen, denn ich habe eine wichtige Mitteilung zu machen. Egal, wie sehr dein Angebeteter oder deine Angebetete dich liebt, ihr werdet nie alleine sein in dieser Beziehung. Okay, ihr denkt jetzt an die besonders einmischungsfreudige Verwandtschaft und wollt anfangen, mir zu erzählen, welch genialen Weg ihr gefunden habt, um die neugierige Schwiegermutter  – „Wie viel Geld habt ihr für den Wocheneinkauf ausgegeben? Nur 200? Da bekommt mein Sohn aber nicht gerade viel Fleisch auf den Teller.“ – und den erpresserischen Nonno – „Ich liege wegen eines schlimmen Schnupfens im Sterben und du fährst ans Meer, anstatt mich in meinem abgelegenen Nest in Kalabrien zu besuchen.“ – in Schach zu halten. Ihr glaubt, ihr hättet es geschafft, die Italianità in so klare Schranken zu weisen, dass sie sich nur noch dann zeigt, wenn sie auch willkommen ist. Beim Pizzabacken, zum Beispiel oder beim Gartenfest in lauen Sommernächten.

Bitte, meine Lieben, lasst euch gewarnt sein, denn ihr wiegt euch in falscher Sicherheit. Ihr habt noch nicht mal erkannt, dass sich mit dem feurigen Südländer und seiner Familie noch jemand anders in euer Leben geschlichen hat, nämlich La Burocrazia Italiana. Ja, ihr glaubt, die hättet ihr auch schon getroffen, damals, als ganz dringend ein Dokument her musste und die auf dem Konsulat sich ganz fürchterlich kompliziert gebärdeten und erst nach viel Gestikulieren den gewünschten Fackel rausrückten, aber glaubt mir, das war erst ein kleiner Vorgeschmack, der euch davor hätte warnen sollen, was nachher kommt. Erst wenn ihr Jahre lang verheiratet seid und glaubt, ihr hättet das mit der binationalen Beziehung ganz gut hingekriegt, zeigt euch La  Burocrazia ihr wahres Gesicht.

Eines sonnigen Tages, wenn ihr sie am allerwenigsten erwartet, wird sie in euer Haus getanzt kommen mit einer fröhlichen Forderung, in Lichtgeschwindigkeit ein mit Blut unterzeichnetes, von einem italienischen Notar beglaubigtes Dokument herbeizuzaubern, welches noch vor dem nächsten Vollmond um Mitternacht in der Heimatgemeinde deines Angetrauten oder deiner Angetrauten auf dem Schreibpult des Sindaco zu landen hat. Trifft dieses Dokument nicht rechtzeitig im sonnigen Süden ein, wird sich der gierige und sehr klamme Vater Staat aus eueren Taschen das Geld greifen, das er so dringend braucht, um all seinen Dienern die fetten Beamtenlimousinen zu finanzieren.

La Burocrazia kommt natürlich nicht in Form eines anzugtragenden, schmierigen Beamten, um euch die Forderung zu überbringen. Käme sie in dieser Gestalt, würde man sie hochkant vor die Tür setzen, aber La Burocrazia ist raffiniert. Sie betraut eine liebe Verwandte mit der schwierigen Aufgabe, euch unter Tränen anzuflehen, sofort alles stehen und liegen zu lassen, um die böse Krake aus dem Süden zufrieden zu stellen, weil sonst die ganze Verwandtschaft bis ins dritte oder vierte Glied mit einem bösen bürokratischen Fluch bestraft wird. Gut, auch dieser Verwandtenbesuch wäre nicht ganz unangekündigt gewesen, La Burocrazia hat euch nämlich ein paar Monate zuvor einen in Geheimschrift verfassten zehnseitigen Brief zukommen lassen, aus dem ihr hättet entnehmen können, dass eure Familie als nächste dran ist mit bezahlen. Hättet ihr diesen Brief genau studiert und sogar verstanden, müsstet ihr jetzt nicht sämtliche Termine – beruflich oder privat – absagen, um euch voll und ganz den Forderungen von La Burocrazia zu widmen. Aber natürlich habt ihr den Brief nicht genau studiert. Warum auch? Der Mann oder die Frau an eurer Seite ist doch längst nur noch auf dem Papier Italiener(in), gelebt habt ihr nie im Süden und Besitz habt ihr keinen dort. Glaubt ihr. Aber da irrt ihr euch. La Burocrazia findet immer irgend einen verblichenen Verwandten, der in seiner unendlichen Grosszügigkeit seinen ins Ausland geflüchteten Nachfahren ein steiniges, unfruchtbares Stück Land vermacht hat, aus dem der Staat ein paar Euro Steuern pressen kann.

Darum, meine Lieben, die ihr gedenkt, euer Leben auf Dauer mit einem Italiener oder einer Italienerin zu teilen: Schenkt der geliebten Person an eurer Seite zur Hochzeit eine neue Identität. Die Schwiegermama wird zwar nicht erfreut sein, wenn sich ihr Sohn auf einmal Kevin Rüdisüli nennt, aber wer sich vor La Burocrazia schützen will, nimmt alles in Kauf. Auch den Zorn einer eingeschnappten italienischen Mama.  

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Früh am Morgen

Der FeuerwehrRitterRömerPirat will nicht aufstehen, vergiesst sogar ein paar Tränen. Mit gutem Grund, wie sich drei Minuten, bevor er aus dem Haus müsste, herausstellt. Die Hausaufgaben sind nämlich nicht fertig gelöst, aber daran ist Papa schuld, denn der hat gestern Abend angeblich gesagt, der FeuerwehrRitterRömerPirat dürfe mit seinen Freunden auf den Schulkirschbaum, auch wenn die Hausaufgaben noch nicht ganz fertig seien.  Ja, die Mama hat ausdrücklich gesagt, zuerst müsse alles fertig sein, aber wenn Papa das nicht eben so ausdrücklich sagt, sondern nur impliziert, kann doch der FeuerwehrRitterRömerPirat nichts dafür, dass die Hausaufgaben nicht erledigt sind. Und überhaupt, in diesem Haus findet man nie einen Bleistift, mit dem man die Hausaufgaben lösen könnte und daran ist ganz bestimmt nicht der FeuerwehrRitterRömerPirat schuld, genau so wenig wie all anderen, die in diesem Haus regelmässig Hausaufgaben lösen. Bleistifte, das muss man wissen, machen sich ganz von selbst aus dem Staub, wenn sie sich irgendwo attraktivere Arbeitsbedingungen erhoffen, zum Beispiel als Türsteher im Abflussrohr oder als Grabschaufler beim Begräbnis des Babyvogels, der den Sturz aus dem elterlichen Nest nicht überlebt hat. 

Der Zoowärter kommt nicht aus dem Bett, weil der Papa immer nur nein sagt zu allem und darum sagt der Zoowärter heute halt auch mal nein zur Schule, um den Papa für seine Sturheit zu bestrafen. Okay, ist vielleicht nicht ganz fair, dass jetzt die Mama zig Mal die Treppen hochsteigen muss, um ihn doch noch aus dem Bett zu jagen, das gibt der Zoowärter offen zu. Aber die Mama ist ja selber schuld, dass sie einen Mann geheiratet hat, der immer zu allem nein sagt, was dem Zoowärter gerade Spass machen würde. Irgendwann lässt sich der Junge doch noch dazu überreden, aus dem Bett zu kommen, aber nur, damit er dem Papa ins Gesicht sagen kann, dass heute nichts wird mit Schule. Und damit er der Mama vorhalten kann, sie liebe nur das Prinzchen, ihn aber gar kein bisschen. Das hat er ihr ja schon gestern und vorgestern gesagt, warum also steht sie nicht endlich offen dazu?  Und überhaupt: Wie will sie dem Zoowärter ausgerechnet an einen Tag wie heute, wo das Prinzchen mit einem ganzen Rucksack voller Leckereien und liebevoll mit Sonnencrème und Zeckenspray eingeschmiert aus dem Haus geschickt wird, weis machen, sie hätte alle ihre Kinder auf ihre ganz spezielle Weise gleich lieb? Und jetzt faselt sie davon, wie sie vor zwei Wochen, als der Zoowärter Schulreise hatte, genau gleich viel eingekauft hat. Das zählt doch nicht mehr, ist längst alles verdaut und vergessen. Zum Glück schenkt das Prinzchen dem störrischen grösseren Bruder ganz ohne Zwang eine ganze Schachtel Bonbons – „Ich kann doch nicht so viele Süssigkeiten essen!“ – und damit sind auch die Zweifel an Mamas Liebe wie weggeblasen. Als Entschädigung für den Zoff bekommt Mama sogar einen grasgrünen Bonbon geschenkt, was sie natürlich sofort als zoowärterschen Liebesbeweis deutet. 

Luise überkommen plötzlich die Zweifel, ob ihre neuen Shorts in der Schule überhaupt zugelassen sind, oder ob die in die Kategorie „Hot Pants“ fallen und damit verboten sind. Mama versucht ihr weis zu machen, dass diese Shorts gar keine Hot Pants sein können, weil sie diese ja ohne Luises Wissen gekauft hat und Mama würde ihrer minderjährigen Tochter ganz bestimmt nie im Leben Hot Pants erlauben oder gar kaufen. Luise ist nicht so recht überzeugt, denn die Schule tendiert dazu, die Dinge etwas enger zu sehen als Mama, doch aus Furcht, zu spät zu kommen, beschliesst sie, ihrer antiautoritär angehauchten Mutter zu glauben, auch wenn die Schule alles andere als antiautoritär angehaucht ist. 

Das Prinzchen verhält sich für einmal ganz kooperativ, was vermutlich an oben genanntem Rucksack liegt, Karlsson sagt ohnehin seit Wochen nichts anderes mehr als „Getrocknete Bananen“ und „Weli Gluscht gha han“ und erbringt damit den eindeutigen Beweis, dass er wohlbehalten in der Pubertät angekommen ist. „Meiner“ befindet sich in seinem alljährlichen „Ich bin mit meinen Nerven am Ende und weiss nicht mehr, wo mir der Kopf steht“-Schuljahresend-Tief, was sich zum Beispiel darin äussert, dass er ohne ersichtlichen Grund von mir wissen will, wo an meinem Laptop der „Print Screen“-Knopf zu finden ist und dann nicht sagen will, weshalb er diesen Knopf ganz dringend im Morgengrauen finden muss und dann erst noch ausgerechnet in dem Moment, in dem seine Frau gerade dabei ist, die Generalreinigung der Katzenkistchen vorzunehmen und ziemlich in der Sch…. steckt. 

Himmel, lass endlich diese Sommerferien beginnen!

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Kantine, meine Vrouw

Zuerst haben sie tagelang über meinen „Haarschnitt“ – der letzte Coiffeurbesuch liegt eine Weile zurück – gespottet, haben spitze Bemerkungen über meine grauen Haare gemacht und schliesslich, als ich einfach nicht reagieren wollte, frech behauptet, ich hätte einen Vokuhila. Das hat mein in Schönheitsangelegenheiten ohnehin nicht ganz stabiles Selbstbewusstsein natürlich gehörig erschüttert, aber wenn ich keine Lust auf eine neue Frisur habe, kann ich ziemlich störrisch sein. Also wies ich meine Liebsten auf unser Budget hin, das derzeit nicht gerade erfreut wäre über Coiffeurbesuche und hoffte, damit sei die Diskussion beendet.

Blöd nur, dass „Meiner“ die Zeiten, als er mir regelmässig die Haare schnitt und färbte, nicht vergessen hat; noch blöder, dass unsere Kinder die Vorstellung, wie Papa die Mama verschönert, ziemlich romantisch finden. Also fingen sie an, mich Abend für Abend zu bedrängen: „Lass dir jetzt endlich von Papa die Haare schneiden. Du weisst doch, er macht das ganz toll.“ Doch ich wollte nicht, denn offen gestanden fürchte ich mich ein wenig vor meiner Coiffeuse. Okay, sie ist die netteste Coiffeuse, die ich je hatte, aber genau darum will ich sie nicht enttäuschen, indem ich ihr in der Migros mit einer neuen Frisur, an der sie nicht gearbeitet hat, über den Weg laufe. Wie sollte sie mir da noch glauben, dass sie die Einzige ist, die ich an meine Haare lasse? Sie wäre zu Recht eingeschnappt und würde sich bei meinem nächsten Besuch – den ich für November oder Dezember vorgesehen habe – mit einem fürchterlichen Haarschnitt für meine Treulosigkeit rächen. 

Natürlich sagte ich meiner Familie nichts von meiner Angst und das war wohl ein Fehler, denn so konnten sie nicht begreifen, wie ernst es mir mit meinem Nein war und zerrten mich heute Nachmittag vor das Regal mit den Haarfärbemitteln. „Welche Farbe willst du?“, fragten „Meiner“ und Karlsson. „Gar keine“, sagte ich störrisch, doch sie taten, als hätten sie nichts gehört und hielten mir eine Packung nach der anderen vor die Nase, eine Farbe hässlicher als die andere. Was anderes hätte ich da tun sollen, als die Flucht nach vorn zu ergreifen, in der Hoffnung, sie dermassen zu erschrecken, dass sie von mir ablassen würden? „Wenn schon Haare färben, dann orange“, sagte ich und um dem Ganzen noch eins aufzusetzen, fügte ich hinzu: „Orange und dann richtig kurz schneiden, vielleicht sogar mit Stirnfransen.“ Das sagte ich natürlich nur, weil ich mich damit auf der sicheren Seite wähnte, denn erstens hatte es im Regal keine orange Haartönung und zweitens hatten meine Liebsten mich ja jetzt seit Wochen nicht mehr ernst genommen, also würden sie nicht ausgerechnet jetzt auf mich hören.

Ach, was bin ich doch für ein unendlich naives Stück Mensch. „Meiner“ und Karlsson liessen das Prinzchen und mich stehen, rannten in den nächsten Laden – angeblich, um dort aufs WC zu gehen – und kehrten mit einer Haartönung in knalligem Orange zurück. Ja, und dann kam es, wie es früher oder später kommen musste: „Meiner“ schnitt mir genau die Frisur, die ich ihm angedroht hatte, und jetzt sehe ich ziemlich genau so aus:

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Also ja, natürlich nicht blond, sondern orange und mit Brille. Und wer nicht weiss, wer diese Frau ist: Unbedingt „Asterix bei den Belgiern“ lesen. 

 

 

 

Jobsharing

Da habe ich doch heute ganz nebenbei einen neuen Job gefasst. Ohne Bewerbungsschreiben, ohne Vorstellungsgespräch, ohne banges Warten auf die Antwort des Arbeitgebers. Ein salopp dahingesagtes: „Lass mich das machen, du richtest sonst ein heilloses Durcheinander an“ reichte,  um den Job zu bekommen. Meine Aufgabe besteht darin, „Meinen“ davon abzuhalten, mehrere Kurse am gleichen Wochenende zu buchen, dafür zu sorgen, dass keine Anmeldungen vergessen gehen und die Kurskosten einzutreiben.

„Meiner“ mag nämlich ganz begabt sein darin, Jungs darüber aufzuklären, was in ihrem sich entwickelnden Körper abgeht, er versteht es auch ganz gut, den Eltern zu erklären, was er den Jungs alles erzählen wird, aber wenn es darum geht, den Überblick zu behalten, ist er… nun ja, sagen wir mal…ein wenig… herausgefordert. Ich hingegen wäre vollkommen unbegabt darin, mit Geduld und Liebe über die Vorgänge im menschlichen Körper zu referieren, dafür weiss ich, dass sich Kurse mit ein paar Tabellen und einem stets aktuell gehaltenen Kalender besser organisieren lassen als mit einer A4-Kladde.

So kommt es, dass wir einmal mehr gemeinsam an einer Aufgabe arbeiten. Er als Kursleiter, ich als…um Himmels Willen, nein! Doch nicht etwa als seine Sekretärin? Ich glaube, ich ziehe „Vorzimmerdrachen“ als Berufsbezeichnung vor.

Ach ja, und als Lohn für meine spontane Hilfeleistung hat „Meiner“ heute Abend den Kühlschrank tapeziert. Nein, fragt bitte nicht…

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